Highland Bride – Auf der Flucht mit einem Highlander

Prolog

Im Jahr unseres Herrn 1509

 

„Ich sage, wir stürmen Firthport und bringen meinen Sohn nach Hause.“ Dugald MacAulays Augen loderten, als er das Wort an den gesamten Raum richtete.

„Ihr wisst also, wo man ihn festhält?“ Roman Forbes blieb sitzen, so still wie der Wolf, nach dem er benannt war.

„Nay, das weiß ich nicht, aber ich bin nicht so närrisch, dass ich meinen eigenen Erstgeborenen nicht finde. Und wenn die Forbes zu ängstlich sind, um mich zu begleiten, gehen ich und die meinen alleine.“

„Eure anderen Söhne.“ Leith Forbes nickte, während er sich erhob. Er war ein großer Mann, sogar noch einflussreicher als an dem Tag, an dem er Lord seines Clans geworden war. „Sie sind ein mutiges Paar.“

„Aye.“ Roderic saß Roman gegenüber, am anderen Ende des auf Böcken stehenden Tisches. Das Feuer in der großen Halle leuchtete hell und ließ sein goldenes Haar schimmern, sodass er wie der Gegenpol seines dunkelhaarigen Bruders Leith aussah. „Sie hätten keine Angst, mit Euch die Grenze zu überqueren. Aye.“ Auch er schüttelte den Kopf. „Sie hätten keine Angst davor, für ihre Sippe zu sterben. Und wer weiß? Vielleicht werden sie nicht beide getötet. Einer könnte mit nur ein paar Wunden überleben. Fiona“, sagte er und wandte sich zur rothaarigen Frau am Feuer.

„Bereite deine Kräuter vor. Mutige Männer werden sterben, weil ihr Bruder von der Liebe heimgesucht wurde.“

„Liebe!“, tobte Dugald und sein Gesicht wurde rot. „David liebt keine englische Hure. Es ist eher so, dass diese Gottlose ihn dahin führte, von wo ihn sein Kopf fernhielt. Glaubt nicht, dass ich so töricht bin, eure Absichten nicht zu verstehen. Ihr wollt mich von meinem Kurs abbringen, meine Ziele verbiegen, mich überzeugen, dass es Worten bedarf, wo Waffen gebraucht werden. Ihr Forbes, ihr schließt bedeutsame Bündnisse, aber was bringt ein Bündnis, wenn ihr zu schwach zum Kämpfen seid, wenn ein Kampf ansteht?“

„Steht ein Kampf an, Dugald?“, fragte Leith und sah den Cousin seiner Frau an. „Firthport ist weit entfernt und gut befestigt. Wollt ihr die gesamte Stadt herausfordern?“

„Nay!“, sagte MacAulay und ergriff das Heft seines Schwertes. „Ich fordere lediglich Harrington heraus, und jene, die sich mit ihm verbünden. Fürwahr, ich werde ihn an einer Wand aufspießen für die Lügen, die er über den Namen meiner Familie ausgespien hat.“

„Euer Sohn hat den Ring, den er genommen haben soll, nicht gestohlen.“ Fiona erhob sich langsam von ihrem Platz an der Feuerstelle. Sie hielt einen Säugling an ihrer Schulter, ging auf die Mutter des Kindes zu und gab es mit einem leisen Wort des Rates an sie ab. „Wir wissen, dass er nicht stiehlt“, sagte sie, als sie sich den Männern näherte. „Aber können wir uns sicher sein, dass er nicht liebt?“

„Es ist möglich, dass er sein Herz an eine Engländerin verloren hat“, stimmte Leith zu und warf seiner Frau, mit der er achtzehn Jahre verheiratet war, einen sanften Blick zu. „Solche Dinge passieren, wie wir wissen. Und wie würde Euer David sich fühlen, wenn Ihr den Vater der Frau tötet, die sein Herz erobert hat?“

„Oh Gott“, ächzte Dugald und rieb sich vor Frust energisch das Gesicht. „Gegen euch alle komme ich nicht an. Und ich schätze, ihr habt recht. So wie ich Harrington kenne, ist es ein Glücksfall, dass mein David noch heil und unversehrt ist.“

„Ihr kennt ihn gut?“ Roman sprach wieder, erfasste Informationen, dachte nach, plante. Seine Pflegeeltern hatten ihn nicht einfach aus Einsamkeit heimgerufen. Er war zum Advokaten ausgebildet worden. Diplomatie war seine Stärke. Dies war lediglich eines der vielen Highland-Probleme, die er lösen sollte. Aber Fiona und Leith waren auch ohne seinen Rat ein formidables Paar. Es gab nur wenige, die sowohl ihrer Logik als auch ihrer Weisheit widerstehen konnten.

„Es ist lange her, als Harringtons erste Frau noch lebte, da war er eine Art Freund meines alten Lairds. Ich war damals nicht mehr als ein Knabe, aber ich kenne ihn gut genug, um zu sagen, dass er ein schwarzherziger Teufel ist, der seine eigenen Kinder abschlachten würde, um seine Ziele zu erreichen. Fürwahr, einige sagen, eben das habe er getan“, schwor Dugald.

„Eine Halskette ist ein kleiner Preis für das Leben eines Kindes“, sagte Fiona und ließ ihren warmen Blick auf Roman ruhen. Sie hatte ihn Sohn genannt, lange bevor sie ihre eigenen zur Welt gebracht hatte, lange bevor er der Wolf genannt wurde.

Dugald seufzte. „Aye“, sagte er und hievte einen kleinen Lederbeutel hoch. „Es ist nichts als Tand in einem Beutel, schätze ich. Dennoch …“ Er leerte den Inhalt der mit einer Kordel verschlossenen Börse in seine Hand aus. Edelsteine leuchteten so hell wie die Hoffnung in seiner Handfläche. „Das war die Halskette, die der alte MacAulay seiner Braut gab. Sie hätte schon vor Jahren Eure sein sollen, Lady Fiona.“

„Sie gehört zu Euch in die Feste der MacAulays“, sagte Fiona. „Aber wäre sie mein Eigen gewesen, würde ich sie euch jetzt mit Freude zurückgeben.“

„Eure Großzügigkeit wurde nicht übertrieben, Lady“, sagte Dugald. „Dennoch, ich bin abgeneigt, auf Harringtons Forderungen einzugehen und sie für die Rückkehr meines Sohns herzugeben, der sich nie nach Firthport hätte begeben dürfen.“

„Es ist ein prächtiges Stück“, gab Roderic zu. „Wer bringt es nach England?“

„Es ist meine eigene Pflicht und …“, begann Dugald, doch Leith hob seine Hand, um ihn zu unterbrechen.

„Visionen von Harrington, aufgespießt an einer Wand, könnten meinen Schlaf stören.“

Dugald öffnete seinen Mund, so als wolle er sprechen, machte aber eine Pause und kicherte schließlich.

„Ihr sagt, ich solle nicht gehen?“

Leith zuckte mit den Achseln. „Ich sage, es gibt in dieser Sache Männer mit kühlerem Kopf.“

Dugald wandte seinen Blick von Laird Leith zu Roman. „Hattet Ihr dabei zufälligerweise an jemand Bestimmtes gedacht, Forbes?“

„Ich weiß, du denkst, ich mache nie Fehler, Bruder“, sagte Roderic und zog sämtliche Blicke auf sich. „Aber ich fürchte, ich bin nicht der rechte Mann für dieses …“

Leith unterbrach ihn mit einem Schnauben. „Als ob ich dich bitten würde, deine Flame zu verlassen, während sie kurz vor der Geburt eures dritten Kindes steht. Ich habe ja gerade einmal vermocht, dich einen Tag von ihrer Seite fernzuhalten.“

Roderic kicherte. „Wenn ich nicht der Mann aller Männer sein soll …“ Er blickte Roman kurz an, als sei er verwirrt. „… wer könnte es dann sein? Hawk könnte selbstverständlich gehen, aber er wird erst in ein paar Wochen aus Frankreich zurückkehren. Colin ist in den Norden gereist. Arthur, aber nay, er erholt sich noch. Graham, der ist bloß ein Knabe. Andrew …“ Er schüttelte seinen Kopf. „Es sieht so aus, als müssten wir eine der Frauen schicken. Roman, sattle ein Pferd, es scheint, als würde deine Mutter reiten …“

„Mich deucht, Eure Scharfzüngigkeit wird mit dem Alter schwächer“, sagte Roman und durchbohrte seinen Onkel mit einem finsteren Blick. Doch dieser düstere Ausdruck brachte Roderic lediglich zum Lachen.

„Du bist der Mann für diese Aufgabe, Roman, und das weißt du nur zu gut“, sagte er. „Aber du solltest lernen zu lächeln, nicht dass die Engländer denken, alle Schotten seien so mürrisch.“

„Der Wolf lächelt nicht“, sagte Dugald, „aber er ist weise, und vielleicht sieht er an der Ergreifung meines Sohnes wenig, das ihn erheitert.“

„Und vielleicht hat er noch nicht die Frau getroffen, die ihm zeigt, dass diese Welt kein so ernster Ort ist“, gab Roderic zurück und beäugte Roman genau.

„Täuschen mich meine Erinnerungen, oder ist Eure eigene sanftmütige Lady zwei Wochen vor Eurer Hochzeit mit einem Messer auf Euch losgegangen?“

Roderic kicherte und rieb seine Brust, als ob ihm eine alte Wunde zusetzte. „Wenn du in die Jahre gekommen bist, Bursche, lernst du, dass die Narben die Erinnerungen nur süßer machen.“

Leith lachte und zog Fiona in seine Umarmung. Roman betrachtete sie. Sie waren seine gewählten Eltern, auch wenn sie nicht seine richtigen waren. Er würde sie nicht enttäuschen.

„Würdet Ihr mich gern an Eurer statt gehen lassen, Laird MacAulay?“, fragte Roman mit feierlichem Tonfall.

Dugald atmete leise aus und spießte Roman mit seinem Blick auf. „Laird Leith rät dagegen, dass ich selbst gehe, und ich fürchte, er hat recht. Mein Gemüt würde nur Schwierigkeiten machen. Aber Ihr …“ Er machte eine Pause. „Wenn der Wolf der Highlands meinen Sohn nicht lebend zurückbringen kann, gibt es niemanden, der es vermag.“

 

Kapitel 1

 

„Betty, Liebes, gib mir etwas Warmes, das mich an dich erinnert.“ Der Seemann trug das typische Seefahrergewand. Er war jung. Er hielt das Handgelenk der Maid mit starker Hand, obwohl seine Worte etwas undeutlich waren.

Die Schankmaid stand regungslos da und hielt immer noch einen Krug Glühwein.

Auch Roman Forbes blieb unbeweglich und beurteilte das Drama vor sich. Er betrachtete das Gesicht der Maid und dachte, sie würde sich vielleicht zurückziehen, aber stattdessen zuckte sie die Schultern und ging näher auf den Seemann zu.

„Du willst also etwas Warmes?“, fragte sie. Ihre Stimme war rauchig und tief, ihr Ausschnitt genauso tief, und der Schwung ihrer vollen Hüften gleichermaßen anzüglich. Die Beine des Seemanns fielen auseinander, als sie mühelos dazwischen glitt, um sich auf seinen Schoß zu setzen.

„Ich würde dir liebend gern etwas geben, das dich an mich erinnert“, sagte sie. Indem sie sich leicht nach vorne lehnte, erlaubte sie dem gesamten Raum einen großzügigen Blick auf ihre Reize. Volle, blasse Brüste, die drohten, sich über den Rand ihres eng geschnürten Mieders zu ergießen. Der Seemann schluckte und vermochte nicht, seinen Blick von den sanften Hügeln vor sich abzuwenden.

„Aber ich bin eine geschäftige Frau, mein Schöner“, sagte die Maid, während sie ihr Knie näher an den Scheitelpunkt der Beine ihres Eroberers gleiten ließ.

„Ich werde …“ Die Stimme des Seemanns klang in der plötzlichen Stille grell. „Ich werde dich dafür belohnen“, sagte er und schaffte es, eine Münze aus dem Beutel zu ziehen, den er an seiner Seite trug. Sie zwinkerte verschlagen im Schein der Talgkerzen.

„Ahh“, summte die Maid, während sie die Münze betrachtete. „Du hast also einen Anreiz mitgebracht, nicht wahr, Liebchen?“, fragte sie, lehnte sich noch näher und legte ihm eine Hand auf die Brust.

„Aye“, antwortete er, „und mein Geld und meine …“ Er warf seinen aufmerksamen Kameraden einen Blick zu und schaffte es, zu grinsen, auch wenn es wackelig war. „Meine Fähigkeiten sind gut.“

„Ich bin sicher, das sind sie“, sagte die Maid und ließ ihre Hand langsam seine Brust heruntergleiten. „Und ich kriege diese glitzernde Münze nur für ein bisschen … Wärme?“ Ihre Finger streiften seine Bauchgegend, wo Schnüre seine Kniehose mit dem offenen Wams verbanden.

Der Seemann sog Luft durch die Zähne ein, wie ein Mann, der auf Verzückung oder Pein vorbereitet ist. Selbst von Romans Position aus, einige Yards entfernt, konnte er sehen, wie der Bursche bei der kühnen Berührung der Hand der Maid erblasste. „Du bekommst die Münze … und mehr“, schwor er.

„Wie kann ich da ablehnen?“ Sie lehnte sich noch weiter vor, bis ihre Brüste nur noch einige Zoll vom Gesicht des Seemanns entfernt waren. Der Kerl bekam große Augen. Sein Grinsen fror auf seinen Lippen ein. Nicht ein einziger Mann im Red Fox atmete. Dann griff die Maid die Oberseite der Kniehose des Seemanns, zog daran und schüttete den Inhalt des Krugs auf seine Weichteile.

Es gab einen Moment benommener Stille, bevor der Seemann sich mit einem Schrei in die Luft stieß. Betty jedoch war bereits hinfort getanzt, die versprochene Münze zwischen ihren Fingern.

Die gesamte Schänke explodierte vor Gelächter.

„War das warm genug für dich, Jimmy?“, rief ein Mann.

„Das ist mehr Hitze, als ich von ihr bekommen habe“, rief ein anderer.

„Würdest du für eine Münze auf meinem Schoß sitzen, Betty, Liebes?“

Der Seemann verlangsamte sein wildes Hüpfen lange genug, um sie anzustarren, sein Mund und seine Augen noch vor Erstaunen aufgerissen.

Die Schänke wurde still.

Die Maid lächelte und hielt die Münze in die Luft. „Das ist der geltende Preis für ein bisschen Wärme“, scherzte sie.

Niemand regte sich. In der Stille ließ Roman eine Hand zu dem nadelspitzen Dolch im Strumpfband nahe seinem Knie gleiten. Er konnte keinen Ärger gebrauchen. Nicht jetzt. Aber der verletzte Stolz eines Mannes war ein genauso guter Vorwand für Ärger wie jeder andere.

Nichtsdestoweniger schnitt der Seemann schließlich eine Grimasse und zuckte mit verlegenem Ausdruck mit den Achseln. „Die Aussicht war die Münze durchaus wert“, sagte er und setzte sich wieder, wenn auch etwas vorsichtig.

Von der Menge ging Anerkennung aus. Es gab Jubel, einige Klapse auf die Schulter des Burschen und mehr als nur ein paar Pfiffe der Wertschätzung für die kostenlose Unterhaltung, die gerade geboten worden war.

Roman beruhigte sich unwesentlich und ließ seine Klinge wieder an ihren Platz gleiten. Das Mädel hatte den Seemann also überlistet und war den Konsequenzen entkommen. Es war gut, schließlich empfand er nicht den Wunsch, die Maid zu verteidigen und eine Schlägerei mit diesen Engländern anzufangen.

Seine Aufgabe war leicht. Er musste nicht mehr tun, als die Halskette an Lord Harrington auszuhändigen und dafür zu sorgen, dass David MacAulay sicher nach Hause zurückkehrte. Mit Glück wäre seine Mission vollendet, lange bevor sein Freund Hawk aus Frankreich zurückgekehrt und nach England geschickt worden wäre, um ihm beizustehen.

Vielleicht blieb sogar noch Zeit, noch einmal hier vorbeizuschauen, für einen Becher Ale und einen weiteren flüchtigen Blick auf die schöne Betty. Romans Blick folgte ihr, während sie sich zur Schankraumtür wandte, nur ein paar Fuß von seinem Tisch entfernt. Ihre Hüften schwangen dramatisch, während sie sich durch die Menge bewegte. Es waren volle Hüften, unter einer eng verschnürten Taille und breiten, hervorquellenden Brüsten. Seltsam, für gewöhnlich bevorzugte er eine schlankere Figur. Aber sie zog ihn an. Vielleicht war es ihr freches Auftreten. Oder vielleicht waren es ihre …

„Titten!“, sagte der Mann auf der anderen Seite des Tisches. „Bei Gott, ich gäbe den Sold eines halben Jahres, um ihre Titten in die Hände zu kriegen.“

Dalbert Harrington – der einzige Sohn des Viscounts. Roman hatte Anweisungen erhalten, ihn hier zu treffen, und hatte ihn vom ersten Moment an, der keine Stunde her war, nicht leiden können. Es dauerte nicht lange, bis seine Gefühle zu Hass wurden. Aber eine solche Empfindung würde seiner Sache kaum dienlich sein, das wusste er, also nickte er, als würde er zustimmen, und nippte an seinem Whisky.

„Vielleicht wäre es am besten, wenn ich die Ware heute Abend Eurem Vater übergeben würde“, sagte er. Dalbert war für einen Moment still. Dann lachte er und warf seinen blonden Kopf zurück, um die vom Rauch verdunkelten Balken anzuheulen. „Christus, Mann“, sagte er und richtete sich auf. „Du hast gerade die besten Titten außerhalb von London gesehen und alles, wovon du reden kannst, sind Waren? Ich wusste nicht, dass ihr Schotten so ein steifer Haufen seid. Oder sollte ich sagen schlaffer Haufen?“ Er lachte über diese Doppeldeutigkeit, dann kippte er eine ordentliche Menge seines Getränks in sich hinein, ehe er wieder kicherte. „Du solltest mich mal in London besuchen kommen. Die Huren da würden dich auflockern.“

Roman lächelte. Er war Diplomat in einem fremden Land. Besonnen, gescheit, geachtet. Er würde den Bastard nicht schlagen. Noch nicht.

„Ich weiß Euer Angebot zu schätzen“, sagte er in weiterhin ausgeglichenem Ton. „Aber fürs Erste halte ich es für das Beste, wenn wir das bevorstehende Geschäft besprechen. Ich bin gekommen, wie erbeten. Und weil die Situation delikat ist, denke ich, dass es das Beste ist …“

„Delikat!“, krächzte Dalbert und packte die Tischkante plötzlich mit Klauenfingern. „Dein Straßenköterfreund hat meine Schwester gefickt und dann ihren Ring gestohlen!“

Roman blieb absolut regungslos, wartete und zwang sein eigenes Gemüt zur Unterwerfung. Dalbert Harrington konnte durchaus Freunde in dieser rauen Menge haben, dachte er. Freunde, die dem Edelmann zur Hilfe eilen würden, falls die Sache aus dem Ruder liefe.

Aber die anderen Gäste schienen auf ihre eigenen Gespräche konzentriert.

„Die Umstände tun mir wirklich leid“, sagte Roman sanft, und weder verleugnete, noch bestätigte er so Dalberts Anschuldigungen. „Auch dem Vater des Burschen.“

„Umstände! Wenn es nach mir ginge, würde ich mich um die … Umstände kümmern.“ Er verengte seine Augen, kicherte und trank erneut. „Aber Vater ist empfindlich, was Kastration anbelangt.“ Starke Worte, aber Roman spürte, dass Dalbert sich lediglich aufplusterte. Er wirkte ruhiger, als er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und einen weiteren Schluck Ale nahm.

Ihre Blicke trafen sich. Roman blieb milde, ballte aber unter dem Tisch die Fäuste. Nichts würde sich besser anfühlen, als dem Engländer die Zähne einzuschlagen. Aber er wagte nicht, seine Wut zur Schau zu tragen. Jetzt nicht, überhaupt nicht.

Mühsam senkte er seinen Blick und zuckte mit den Schultern, als ob die Sache nicht mehr in seiner Hand lag. Aber er fragte sich, wie viele schottische Mädels von Engländern vergewaltigt worden waren. Wie viele ungewollte Kinder waren von noblen Ärschen wie dem Sohn des Viscounts gezeugt worden? Freilich, die Barbarei der Engländer entschuldigte nicht die Taten eines Schotten, aber wenn er David auch nur etwas kannte, hatte der Bursche sich nicht gegen ihren Willen an dem Mädchen vergriffen. Nicht David MacAulay. Freilich, er war vielleicht etwas anmaßend und aufgeblasen, aber er war nicht grausam.

„Euer Vater hat mit dem Laird der MacAulays eine Vereinbarung getroffen“, sagte Roman und legte sanft einen Lederbeutel auf dem Tisch zwischen ihn ab. „Ich bin lediglich gekommen, um den erbetenen Gegenstand zu übergeben.“

„Gegenstand! Wohl eher eine verdammte Hurengebühr!“, sagte Dalbert mit einem Schnauben. Er trank seinen Drink aus und lachte. „Denk drüber nach. Christine, der Liebling meines Vaters. Nicht besser als eine Hure. Nicht besser als …“ Die Schankraumtür schwang wieder auf. Betty eilte heraus, in jeder Hand einen Krug. Dalbert wandte seinen Spott auf das Mädchen. „Nicht besser als sie“, sagte er.

Roman warf der Schankmaid einen Blick zu. Wenn die junge Betty Dalberts Geringschätzung verdient hatte, war sie vielleicht ein Mädel, für das es sich lohnte …

Das scharfe Stechen einer Vorahnung zog Romans Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch. Er streckte instinktiv die Hand aus, aber Dalbert hatte den Beutel bereits geschnappt und drehte ihn um.

Die Halskette purzelte heraus und lag auf dem rauen Tisch wie eine Göttin auf einem bescheidenen Bett aus Farnkraut. Funkelndes Licht in blau und weiß glitzerte durch den Raum.

„Heiliger Jesus!“, keuchte jemand.

„Guter Gott!“, sagte Dalbert und streckte eine Hand aus, um einen mitternachtsblauen Saphir zu berühren. Roman aber hob die Halskette hoch und ließ sie im Handumdrehen unter dem Tisch verschwinden, ehe Harringtons Finger sie berührten. Die Edelsteine lagen kalt in seiner Handfläche. Er verstärkte seinen Griff und verfluchte sich dafür, ein unvorsichtiger Narr zu sein.

„Guter Gott“, wiederholte Dalbert. Seine Stimme war belegt. „Vater sagte, es wäre ein Stück, das schön genug ist, um dem Ring seiner Mutter zu entsprechen, aber ich wusste nicht …“ Seine Stimme erstarb.

Roman spürte, wie ihn hundert Augen beobachteten. Verdammnis! Es wäre ein Wunder, wenn er die Nacht überlebte.

Er könnte sein Messer ziehen und sich zum Eingang begeben, oder er könnte die Edelsteine und die Verantwortung an Dalbert Harrington abgeben.

Es war wieder still in der Schänke.

„Es scheint, Euer Vater dachte, dieses kleine Schmuckstück könne die Mitgift Eurer Schwester versüßen“, sagte Roman leise.

Dalbert lachte. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung. „Jeder Mann wäre glücklich, es zu kriegen. Sie, meine ich“, korrigierte er und lachte wieder. „Aber ich muss schon sagen, Schotte, du bist in einem zu üblen Teil der Stadt, um solche Steine mit dir herumzutragen. Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich sie meinem Vater selbst übergeben würde.“

Roman achte sorgfältig darauf, dass seine Stimme fest und sein Körper entspannt waren. Jetzt war nicht der Augenblick, um törichte Fehler zu begehen. „Das wird nicht nötig sein. Ich habe MacAulay gesagt, dass ich Lord Harrington die Edelsteine persönlich in die Hand geben werde, ehe ich den Burschen zurück in sein Heimatland bringe.“

„Also vertraust du mir nicht?“, fragte Dalbert. Seine Stimme klang ungezwungen, aber seine Augen war zu hell.

Er war berauscht und sprunghaft. Roman zwang seine Muskeln, sich noch etwas mehr zu entspannen. Vorsichtige Handhabung war notwendig, wenn er wünschte, einmal mehr das Licht des Tages zu sehen.

„Ich habe es einem Freund geschworen, und ich bin ehrverpflichtet, den Schwur einzuhalten“, sagte Roman. „Ich bin sicher, Ihr versteht etwas von Ehre.“

Obwohl Roman sein Bestes versucht hatte, seine Stimme nicht sarkastisch klingen zu lassen, nahm Dalbert seinen Becher, hielt ihn fest umklammert und murmelte etwas Unverständliches. Roman erwog, seine versteckte Klinge zu ziehen, dann verwarf er diesen Gedanken. Er konnte nicht das Risiko eingehen, diesem Mann einen Schnitt zu verpassen. Falls Dalbert angriff, würde Roman ihn aus dem Gleichgewicht bringen und …

„Nun, Liebchens“, sagte eine rauchige Stimme. „Wir wollen keinen Ärger zwischen Freunden im Red Fox.“

Roman sah, wie Dalberts Züge sich etwas entspannten, als seine Aufmerksamkeit abgelenkt wurde.

„Nun, ich würde dir sicher keinen Ärger machen wollen“, sagte Dalbert. „Wer bin ich, den Plänen meines Vaters im Weg zu stehen? Eigentlich möchte ich gerne beweisen, dass es keinen Unmut gibt“, sagte er, stand schnell auf und streckte einen Arm aus, um ihn der Schankmaid um die Hüfte zu legen.

„Nun, Betty“, summte er, ohne seinen Blick von Roman abzuwenden. „Was hältst du davon, dabei zu helfen, Frieden zwischen unserem und seinem Land zu schaffen? Du kannst bei dem Handel sogar ein bisschen zusätzliche Münze machen. Bist du an Geld interessiert?“

„Bin ich immer, Liebchen“, sagte sie und neigte ihr schönes Gesicht dem Engländer zu. Ihre schlaffe, weiße Bundhaube bauschte sich hinter ihrem Kopf auf.

„Dann lasst uns alle Freunde sein“, sagte Dalbert und drehte sich, um an ihr herunterzublicken.

„Ich bin gesellig, Chief, aber wie ich vorhin sagte, ich bin eine geschäftige Frau.“

„Sicher nicht zu geschäftig, um zusätzliche Münzen zu verdienen“, sagte er, drückte etwas fester und zog mit einem Finger eine Spur auf ihrer halbnackten Schulter.

„Zusätzliche Münzen sind stets willkommen“, stimmte sie zu. „Dennoch, ein Mädchen muss seine Arbeit behalten. Und der alte Bart neigt dazu, sauer zu werden, wenn ich die Schänke verlasse, ehe meine Schicht vorbei ist.“

„Du hast selbst gesagt, dass du hier keinen Ärger willst“, erinnerte Dalbert sie und ließ einen Finger über ihr Schlüsselbein gleiten. Sie versteifte sich etwas, zog sich aber nicht zurück. „Ich denke, du solltest zu unserem Nachbarn hier freundlich sein.“ Er lehnte sich näher und küsste die Stelle, wo eben noch sein Finger gewesen waren. „Auch der Schotte fühlt sich gesellig. Tatsächlich hat er dir den ganzen Abend hinterhergegeifert. Hat gesagt, er könnte ein Stück süße, englische Torte vertragen. Was sagst du?“, fragte er, ohne seinen Blick von den Brüsten der Maid zu nehmen. „Bist du bereit, etwas von deinen Gaben mit unserem Gast zu teilen?“

„Ich bin sehr fürs Teilen“, sagte Betty. „Also sag ich Euch was, mein Lord, ich hole euch ein paar Drinks aufs Haus.“ Sie versuchte, zu entwischen, aber Dalbert packte sie lediglich fester.

„Der Schotte hier kann es sich offensichtlich leisten, einen guten Preis für die Arbeit einer Nacht zu zahlen“, sagte Dalbert. „Die Wahrheit ist, einer dieser Steine wäre schon eine Riesensumme wert. Zur Hölle, da müssen hundert Steine drin sein. Wer würde einen vermissen? Aber wenn er zu geizig ist, um zu zahlen, gebe ich dir das Doppelte deines üblichen Lohns, nur um ihm zu zeigen, dass es keinen Unmut gibt. Was sagst du, Schotte?“

Unter dem Tisch verstaute Roman die Halskette in dem zeremoniellen Sporran, der von seiner Hüfte hing. Es war ein albernes Ding. Mit Pferdehaar und Silber verziert, wäre es in einem Kampf hinderlich. Er sehnte sich nach seinem brauchbaren Beutel, den er zum Bergsteigen verwendete. Aber es war zu spät, um sich jetzt um seine Ausrüstung zu sorgen. Er erhob sich langsam. Dalbert Harrington war nicht einfach ein Narr. Er war ein reicher, betrunkener Narr, und deswegen war er gefährlich.

„Vielleicht traust du mir nicht, was die Halskette betrifft“, sagte Harrington mit einem anzüglichen Lächeln. „Aber hier kannst du mir vertrauen, Schotte. Du wirst kein erstklassigeres Stück Fleisch finden als unsere Betty hier. Also nimmst du mein Angebot an oder muss ich zu meinem Vater zurückkehren und ihm sagen, dass du dich für zu gut hieltest, um dich mit unseresgleichen abzugeben?“

Roman blieb still, hielt seinen Ausdruck nichtssagend und seine Augen ruhig. Er hatte Harrington bereits beleidigt. Er konnte es sich nicht leisten, die Sache noch schlimmer zu machen, nicht während es um David MacAulays Leben ging. Also hob er seine Brauen, als überdenke er die Angelegenheit. Auch er konnte dieses Spiel spielen.

„Was sagst du, Mädel?“, fragte er die Maid sanft. „Bist du an dem Angebot interessiert?“

Er sah, wie sie ihr Kinn hob, sah, wie sich ihre Augen mit Erwartung und mehr füllten. „Das hängt“, sagte sie, „ab von der Größe deiner …“ Sie zog ihren Arm aus Dalberts Griff und sprach weiter. „Steine.“

Man hätte eine fallende Stecknadel aus dreißig Yards Entfernung hören können.

Dalbert kicherte.

„Ich habe vorhin keinen guten Blick darauf werfen können“, fügte sie hinzu und trat von Harrington weg. „Magst du sie zeigen, sodass wir sie alle sehen können?“

Roman erkannte Geringschätzung, wenn er sie hörte. Und er hörte sie jetzt. Aber er nickte einmal, als Zugeständnis ihrer Scharfsinnigkeit. „Wir Schotten sind für gewöhnlich zurückhaltender mit dieser Art Zurschaustellung“, sagte er und ließ seinen Blick auf ihre Brüste gleiten, ehe er ihn langsam wieder hob und in ihr Gesicht sah. „Aber ich versichere dir, du wärest nicht enttäuscht.“

„Ich fürchte, das habe ich schon mal gehört, Chief“, sagte sie. Obwohl ihre Wangen eine leichte Spur von rosa zeigten, lehnte sie sich vor und zeigte ihr Dekolleté. „Aber wenn es um harte Fakten ging, war ich enttäuscht.“

Ihre Blicke trafen sich und hielten stand.

„Dann warst du mit den falschen Männern zusammen“, sagte er leise.

Sie hob ihre Brauen und ließ schlanke Finger von ihrem Dekolleté bis zu ihrem Hals hinauffliegen. „Und du denkst, du könntest mich befriedigen?“

„Das verspreche ich“, sagte er.

Sie kam näher. Ihre Hüften schwangen, als hätten sie ein Eigenleben. „Nun denn, Liebchen“, summte sie und lehnte sich so weit vor, dass ihre Lippen nur einige Zoll von seinen entfernt waren. „Ich bin interessiert …“

Es war lediglich ein Spiel, das er spielte, um Dalbert Harrington zufriedenzustellen, versicherte Roman sich selbst. Aber gegen seinen Willen und wider besseres Wissen, blieb ihm der Atem im Halse stecken. Unter dem Gewicht seines Leder-Sporrans spürte er, wie sein eigenes Interesse zum Leben erwachte. Er war ein Narr, rügte er sich. Aber er war auch ein Mann, mit den Schwächen eines Mannes.

Betty lehnte sich noch näher. Sie roch nicht, wie er erwartet hatte, nach Schweiß und verdorbenem Ale. Stattdessen füllte das Aroma von süßem Lavendel seine Nüstern. Er hob seine Hand, wollte ihr Gesicht berühren. Aber plötzlich schlug sie sie nieder.

„Ich bin an deinen Juwelen interessiert, Schotte. Aber nur an denen in deinem Beutel, nicht an denen in deinem Rock“, sagte sie.

Dalbert warf seinen Kopf zurück und lachte schallend. Die Spannung war dahin. Andere fielen ins Gelächter ein. Dalbert ließ sich mitten in dem Lärm in seinen Stuhl fallen.

Die Schankmaid wandte sich zum Gehen, aber Roman fing ihre Hand mit einem vorsichtigen Griff. Sie schwang zurück in seine Richtung. Ihre Blicke prallten aufeinander. Ihre Augen waren so blau wie die kostbaren Juwelen, die er gerade in seinem Sporran untergebracht hatte.

„Vielleicht ein andermal“, sagte Roman leise. Wenn er es versuchte, brachte er es fertig, ihr dankbar zu sein, dass sie ihren Teil dazu beigetragen hatte, die Spannung im Raum aufzulösen. Wenigstens war die Straffheit in seinen Lenden eine weniger gefährliche Situation. „Wenn wir kein Publikum haben.“

Er hörte sie einatmen. „Du willst Gesellschaft, Schotte?“, fragte sie. „Es heißt, Pete Langer hat eine Herde feiner Schafe. Du könntest wählerisch sein.“

Auf der anderen Seite des Raumes erhob sich eine verstohlene Gestalt. Kalte Finger der Besorgnis glitten Romans Wirbelsäule hinauf, als er sich umdrehte, um nachzusehen. Wer war er? Vielleicht jemand, der ging, um den Diebstahl der Halskette zu planen? Aber es war bereits zu spät, um den Mann zu erkennen, denn die Tür schloss sich hinter ihm. „Also die Schafe“, sagte er und drehte sich wieder zur Maid. „Aber du weißt nicht, was du verpasst.“

Betty lächelte. „Ich versichere dir, ich weiß es, Schotte“, sagte sie und ließ ihren Blick in der Mitte seines Körpers herunterfliegen, über seine Brust, seinen Bauch, den Sporran, der seine Juwelen verbarg. „Aber ich werde nicht lange darauf verzichten.“

 

Kapitel 2

 

Eine Stunde nach seinem Treffen mit Betty verließ Roman die Schänke. Dalbert hatte dafür gesorgt, dass sein Krug stets voll blieb, und obwohl Roman trank, war er nicht närrisch genug, betrunken zu werden. Die Aufgabe, die er vor sich hatte, verlangte all seine Sinne; viel zu viele zwielichtige Charaktere wussten jetzt von den Juwelen, die er bei sich trug.

Firthport war eine Grenzstadt und eine Hafenstadt, rau, unvorhersehbar, tödlich. Irgendwo in weiter Ferne lachte eine Frau. Das Geräusch hing gespenstisch in der Nachtluft und schwebte bis zu einer dunklen Gestalt, die eine entfernte Gasse entlangeilte.

Der junge Mann sah sich rasch um. Heute Nacht war er John Marrow, ein beleibter, etwas betrunkener Geschäftsmann, der sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte.

Das Queen’s Head erschien im Halbdunkel. Es war ein langes Gebäude, das aus grauem Stein und Stroh bestand. Ein schmales Band aus Rauch wand sich aus dem Schornstein in den Nachthimmel.

Marrow trat auf die Tür zu, kontrollierte einmal die Klinke und klopfte dann laut an die festen Bretter. „Aufmachen!“

Von innen begrüßte ihn Stille. Er klopfte noch einmal. „Aufmachen, sage ich.“

Noch immer keine Antwort.

„Wen glaubt Ihr, schließt Ihr hier …“

Die Tür öffnete sich. Ein Mann stand auf der anderen Seite, hielt eine einzelne Kerze und schimpfte. Er war groß, Deutscher und roch sehr deutlich nach Kümmel.

„Wer glaubt Ihr, seid Ihr?“, knurrte er.

„Oh!“ Marrow rülpste und taumelte einen Schritt zurück. „Da seid ihr ja, LaFleur! Wurde auch Zeit.“

„Wer zur Hölle seid Ihr?“

„Ich bin Marrow. John Marrow. Ein schöner Gastwirt seid Ihr, zu vergessen …“ Er rülpste wieder. „Eure eigenen Gäste zu vergessen.“

„Ihr seid betrunken“, sagte der Wirt. „Und Ihr seid keiner meiner Gäste.“

Marrow bäumte sich beleidigt auf. „Ich bin anderer Ansicht. Wie Ihr sicher wisst, LeFleur, steige ich jeden Monat im Queen’s Arms ab, wenn ich komme … “

„Ich bin nicht LeFleur. Ich bin Krahn, und dies ist nicht das Queen’s Arms. Es ist das Queen’s Head.“

Marrow fiel die Kinnlade herunter. Für einen Moment kämpfte er mit seinem Hut, als versuche er, die Krempe anzuheben, um einen besseren Blick auf das Gesicht des Gastwirts zu erhaschen. Aber der Hut gewann den Kampf und blieb fest an Ort und Stelle, tief über seinen Augen, und bedeckte seine eigenen Gesichtszüge. „Das Queen’s Head?“, fragte er und klang verwirrt, während er erneut rückwärts taumelte. „Das Queen’s Head. Oh! Head! Nun, verdammt sei ich, wenn ich nicht ständig diese verdammten königlichen Körperteile durcheinanderbringe.“ Er lachte lärmend über seinen eigenen Witz. Der Ausdruck des Wirts blieb mürrisch.

Marrow jedoch war von dessen fehlendem Humor unbeeindruckt. Er klopfte dem Gastwirt auf die Schulter. Es war, wie er feststellte, eine große Schulter, schwer von Muskeln und Knochen. „Ja, nun. Ein feines Etablissement habt Ihr hier. Und nah bei. Vermietet Ihr womöglich Zimmer, guter Mann?“

Überraschenderweise brachte der Gastwirt es fertig, noch mürrischer dreinzublicken. Das tat er eine Weile, dann sprach er schließlich. „Ich habe drei, die ich vermiete. Aber nur eins ist frei.“

„Entzückend.“

„Und Ihr zahlt im Voraus“, fügte er hinzu, ohne zu versuchen, irgendwelche Vorurteile zu verbergen, die er pflegen mochte.

Marrow nickte und kippte dabei fast vornüber. „Was immer Ihr sagt, guter Mann“, sagte er, und nachdem er seinen Beutel durchwühlt hatte, förderte er endlich eine Münze zutage.

Der Gastwirt nahm sie mit einem griesgrämigen Nicken, bedeutete Marrow, einzutreten und schloss die Tür hinter ihm.

Die Steinstufen waren unregelmäßig und schmal. Marrow schaffte es, sie nach nur ein paar Fehlversuchen zu erobern. Sie endeten auf einem schmalen Treppenabsatz, der zu drei Lattentüren führte.

Krahn schob eine von ihnen auf.

Marrow trat ein. „Ahh. Ein herrliches Zimmer.“ Es hatte ein einzelnes Fenster, schmal, aber weit genug, um sich im Notfall durchzuquetschen. „Ein hübsches Zimmer, aber es zeigt nicht nach Norden.“

Die Brauen des Wirts konnten sich überraschend tief absenken. „Wovon quatscht Ihr da?“

„Ich schlafe stets im Nordzimmer.“ Marrow rülpste wieder. „Bringt Glück.“

„Hier jedenfalls nicht. Das Nordzimmer ist belegt, und wenn ihr den Schotten aufweckt, setze ich Euch eigenhändig auf die Straße“, sagte er und lehnte sich aggressiv vor.

Marrow wich zurück und hielt eine Hand hoch. „Habe ich Norden gesagt?“, quietschte er. „Ich meinte …“ Er ließ seinen Kopf wackeln, als ob sich der Raum plötzlich zu drehen begonnen hätte. „Dieses hier wird …“ Sein Kopf wackelte heftiger. Er taumelte Richtung Bett. „Perfekt“, sagte er und krachte mit dem Gesicht nach vorne auf die Matratze.

Einen Moment lang betrachte der Wirt ihn still, dann sagte er: „Aye, wird es“, und schloss hinter sich die Tür.

 

Roman ging schnell und leise durch die Nacht. Im Schatten eines Fachwerkgebäudes blieb er stehen, hielt den Atem an und horchte, ob ihm irgendjemand folgte. Er hörte kein derartiges Geräusch, aber das musste nicht heißen, dass er allein war. Zwanzig Augen hatte die Juwelen gesehen, die er in seinem Sporran aufbewahrte.

Während er die Straße weiter hinunterstrich, verfluchte Roman sich dafür, ein Narr zu sein. Es sah ihm nicht ähnlich, abgelenkt zu sein. Aber diese Frau namens Betty hatte etwas an sich, etwas, das ihn anzog. Dennoch, er wusste es besser, als seine Konzentration von einer Maid beeinflussen zu lassen. Vielleicht war es einfach nur Müdigkeit gewesen, die ihn seine Konzentration hatte verlieren lassen, denn er war in der Tat erschöpft. Todmüde. Firthport war nicht anders als andere Städte, die er kannte. Es gab Verzweiflung hier, einen Unterton des Bösen, das ihn auslaugte. Aber er würde bald nach Hause zurückkehren. Er würde nur diese Nacht bleiben müssen, dann am Morgen die Halskette bei Harrington abliefern. Am folgenden Abend würde er zum wohltuenden Frieden der Highlands zurückkehren.

Zuerst aber musste er die Nacht überleben.

Das Queen’s Head tauchte im Nebel auf. Für einen kurzen Augenblick hielt Roman inne, um nochmals nachzudenken. Gab es etwas Unheilvolles dort oder sah er Gespenster, wo keine waren? Vielleicht sollte er zu einer anderen Gastwirtschaft gehen. Aber nein. Er traf die Entscheidung sehr schnell. Je eher er den neugierigen Augen entkam, desto besser.

Herr Krahn öffnete die Tür nach Romans zweitem Klopfen. Die schmale Treppe, die er nach oben lief, schien übermäßig steil. Roman öffnete die Tür und polterte in sein gemietetes Zimmer. Müdigkeit überschwemmte ihn, wie ein reißender Strom, aber diese Nacht würde er nicht schlafen, das war zu riskant. Nein, heute Nacht würde er wachsam bleiben und die Juwelen beschützen.

Mitternacht war lange verstrichen. Roman ging auf und ab. Der Boden unter seinen nackten Füßen war kühl. Der leuchtendrote, zeremonielle Tartan, den er getragen hatte, lag als Haufen neben dem Bett. Nicht weit davon entfernt lagen seine Tunika und sein Schuhwerk aufgestapelt. Abgesehen vom Amulett, das er um seinen Hals trug, und dem Sporran, der von seinen Schultern hing, war er nackt. Dennoch half die Luft vom geöffneten Fenster nicht besonders dabei, ihn zu erquicken.

Er ging wieder auf und ab, sang in Gälisch und versuchte nachzudenken – über David, der ihn brauchte, über MacAulay, der ihm vertraute, Lady Fiona, die an ihn glaubte.

Er würde sie nicht enttäuschen. Die Kerze ging stotternd aus. Dunkelheit schwappte herein, schwer und feucht vor stinkenden Erinnerungen.

Er würde sie nicht enttäuschen, wiederholte er. Er war ein Forbes – der Sohn von Fiona und Leith. Aber er war nicht wirklich von Fionas Blut. Seine Schritte wurden langsamer. Das Blut von Dermid floss in seinen Adern. Dermid! Das Gesicht des Mannes tauchte in seinen Gedanken auf wie eine alte Narbe. Roman zuckte, für einen Augenblick sicher, dass er mit ihm im Zimmer war. Er hörte sein eigenes kindliches, angsterfülltes Wimmern. Oder kam das Geräusch von woanders her? Er konnte es nicht sagen. Für einen Moment war er in die Zeit zurückgeworfen, in der er jung und hilflos war, abgesehen von Dermid allein in der Welt, einem Mann, der böse, unaussprechliche Geheimnisse hütete.

Er musste fliehen. Aber … Nein. Roman schüttelte den Kopf. Dermid war tot. Es gab hier keine Gefahr, und er war er ein Erwachsener, der eine heilige Aufgabe auszuführen hatte. Er durfte nicht versagen. Die Halskette musste an Harrington übergeben werden. David MacAulay musste in sein Heimatland zurückgebracht werden.

Aber wie sollte er das ohne Schlaf fertigbringen? Das Bett rief nach ihm. Er musste sich für eine Weile hinsetzen oder er würde scheitern. Aber er würde nicht schlafen. Die Strohmatratze klagte unter ihm, als er sich auf die Kante niederließ. Er würde sich für einen Moment ausruhen. Nur sitzen.

Erinnerungen drängten wieder auf ihn ein. Dunkel, hässlich. Er drängte sie zurück. Er war Roman vom großen Clan der Forbes, vertrauter Freund, respektierter Diplomat. Er war nicht böse. Noch war er schwach. Aber die Dunkelheit lachte und schloss ihn ein wie der Tod.

Roman erwachte mit einem Zucken. Er fühlte sich seltsam schwer, aber schaffte es, sich aufzusetzen. Er hatte einen schweren Kopf. Und er war nackt und …

„Er ist wach!“

„Ja, dann schlag ihn, du Depp!“

Etwas schwang auf ihn zu.

Roman duckte sich instinktiv. Die Wirklichkeit kam zurück, als der Knüppel durch die Luft zischte, aber er hatte keine Zeit, für diesen Beinahe-Zusammenstoß dankbar zu sein, denn jemand stürzte auf ihn los. Er sprang zur Seite. Ein Blitzen von Stahl rauschte durch die Nacht.

„Hol ihn dir!“

Jemand griff nach ihm. Er holte wild aus. Seine Faust verschmolz mit einem Schädel. Ein Mann grunzte und fiel um.

„Schlag ihm den Schädel ein!“, krächzte jemand.

Aber Roman hatte sich bereits auf den nächsten Mann gestürzt. Er traf ihn genau in der Mitte und trieb ihn zu Boden. Selbst in der Dunkelheit konnte er die Klinge sehen. Roman griff nach dem Handgelenk des Schurken und schleuderte es nach unten. Knöchel krachten auf Holz. Ein Schrei vor Schmerz und Wut durchschnitt die Nacht. Roman erhob sich und holte noch einmal aus. Knorpel krachte! Der Körper unter ihm wurde schlaff.

Etwas quietschte hinter ihm. Roman schwang sich herum und stütze sich mit dem Rücken auf dem Boden ab. Ein Körper flog auf ihn zu. Indem er seine Füße aufwärts stieß, verband sich Roman mit der Körpermitte seines Angreifers und schleuderte ihn über seinen Kopf.

Die Wand hallte nach vom Einschlag.

„Ich hab es! Lasst uns von hier verschwinden!“, krächzte eine Stimme aus der gegenüberliegenden Ecke. „Acre? Blacks?“, sagte er zögernd.

Niemand antwortete.

Roman erhob sich langsam. „Sieht so aus, als wärst du alleine, Bursche“, sagte er und machte einen Schritt auf die schemenhafte Gestalt zu.

„Ich äh …“ In der Stimme des Mannes lag ein Quietschen. „Ich hab es nicht böse gemeint.“

„Dann gib mir den Sporran und ich tu dir nichts Böses.“

„Ja, sicher, ich …“, sagte er und sprang.

Das Gewicht seines Angreifers warf Roman zu Boden. Eine Klinge blitzte auf und rauschte abwärts. Roman warf sich zur Seite. Das Messer zischte an seinem Kopf vorbei und stach ins Holz darunter. Mehr Aufschub brauchte Roman nicht. Er ließ seinen Arm zur Seite sausen und ließ seine Faust auf das Ohr des Schufts krachen. Nur einen Augenblick später saß Roman Rittlings auf ihm, bereit, ein weiteres Mal zuzuschlagen. Aber das musste er gar nicht, denn es schien, als wären alle drei seiner nächtlichen Besucher bewusstlos.

Keuchend glitt Roman von dem schlaffen Körper und stolperte durch den Raum. Sein Sporran lag dort, wo der Dieb ihn hatte fallen lassen. Er tauchte seine Hand hinein. Keine Halskette. Er fischte wild darin herum und fluchte. Immer noch keine Juwelen.

Mit einer raschen Bewegung riss er die Tür auf und stürzte die Treppe hinunter, in seiner Hand der Sporran.

Die Überreste eines Feuers glommen in der Feuerstelle. Er eilte durch den Raum, fachte das Feuer an und schüttete den Inhalt des Beutels aus, nachdem er den Schürhaken weggeschleudert hatte. Keine Halskette!

Er erhob sich mit einem Knurren und rannte die Treppe hinauf. Zurück in seinem gemieteten Zimmer, durchwühlte er die Kleider der Diebe. Immer noch nichts.

Nachdem er sein Plaid wiedergefunden hatte, wickelte er es sich rasch um die Hüfte. Der nächstgelegene Mann stöhnte. Roman packte ihn am Hemd und lehnte sich in sein Gesicht. „Wo ist sie?“, fragte er sanft.

Als keine Antwort kam, schleppte er den Mann die Treppe runter und warf ihn vor dem Feuer ab.

Er sackte zu Boden und ächzte beim Aufprall.

Während er sich auf seinen nackten Fersen niederließ, beobachtete Roman, wie sein Gefangener wach wurde. Er hatte strähniges, fettiges Haar und eine Narbe, die ihm durch die rechte Augenbraue die Wange hinunterlief. Er zuckte, als er zu Bewusstsein kam.

„Wo ist sie?“, fragte Roman erneut, genauso sanft, und achtete sorgfältig darauf, jedes Wort deutlich auszusprechen.

Der Dieb zuckte zusammen und duckte sich weg. „Was? Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

„Die Halskette. Wo ist sie?“

„Ich weiß nichts von irgendeiner Halskette.“

Roman streckte seine Hand aus. Der Dieb duckte sich weg, aber Roman berührte ihn nicht. „Was hältst du von Schürhaken, Bursche?“, fragte er und brachte die Metallstange langsam nach vorne. „Kennst du dich damit aus?“

„Ich habe sie nicht genommen!“, quietschte der Dieb. „Ich habe sie nicht genommen.“

„Wo ist sie dann?“

„Ich weiß nicht … Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

Mit einem Ruck stieß Roman das scharfe Ende des Schürhakens am Gesicht des Mannes vorbei und ins Feuer hinter ihm. „Denk scharf nach“, schlug er leise vor.

Der Dieb schluckte und starrte zur Seite in die glühenden Reisigbündel. „Ich habe sie nicht genommen“, flüsterte er.

Roman nickte in Richtung der aus dem Sporran ausgeschütteten Gegenstände. „Warum ist sie dann nicht da?“, fragte er und griff nach dem Schürhaken. Das Ende glühte in entzückendem Orange.

„Ist nicht da?“, flüsterte er Dieb. „Aber uns wurde gesagt, sie wäre im Beutel.“ Er versteifte sich plötzlich. „Der Schatten! Er war vor uns hier.“

Roman ließ sich einen Zoll zurückfallen. „Was?“

„Nicht schon wieder! Jesus! Ich bin so gut wie tot. Dagger wird mich umbringen.“

„Wovon redest du?“

„Der Schatten“, stöhnte er. „Verdammt sei seine Seele. Er hat es schon wieder getan.“

„Wer ist …“, begann Roman, aber ein Keuchen hinter ihm unterbrach ihn.

Immer noch in der Hocke, drehte Roman sich auf den Fersen um. Herr Krahn stand in der Türöffnung und hielt einen Knüppel, der so dick war wie sein Arm. Hinter ihm gaffte eine Frau, die erhobene Kerze tauchte ihre geweiteten Augen und ihre Leinenmütze in schlichte Erleichterung.

„Was zur Hölle geht hier vor?“, knurrte ihr Ehemann.

Roman knirschte mit den Zähnen. Fürwahr, was zur Hölle? „Wer oder was ist der Schatten?“

„Der Schatten?“ Der große Mann ließ seinen Knüppel sinken. Seine Frau schlängelte sich einen knappen Schritt seitwärts, ihre Augen immer noch so rund wie Orangen. „Was soll das alles hier?“

„Ich wurde beraubt“, sagte Roman.

„Er wird mir die Kehle durchschneiden“, stöhnte der Dieb.

„Der Schatten?“ Der große Wirt ging mit einem finsteren Blick voran. Seine Frau kam mit ihm und starrte. „Hier? In meinem Haus?“

„War hier und ist wieder verschwunden, wie ein Geist“, flüsterte der Dieb. „Verdammt sei er. Er muss sie bereits genommen haben, bevor wir kamen. Hat sich selbst in Rauch verwandelt und ist den Schornstein runter. Oder hat sich wie eine Schlange unter der Tür hindurch geschlängelt.“

„Habt Ihr von diesem ‚Schatten‘ gehört?“, fragte Roman und sah den Wirt an.

„Ich habe Geschichten gehört, wie jeder andere. Aber ob sie wahr sind …?“ Der große Mann zuckte die Achseln.

„Oh, sie sind wahr. Es gibt ihn wirklich“, flüsterte der Dieb. „Er ist aber kein Mensch.“

Roman drehte sich wieder zu dem Mann am Boden um. „Wer ist der Schatten?“

Der Dieb zuckte mit den Schultern. „Er ist niemand. Oder er ist alle. Er ist nirgendwo. Aber er ist überall. Ich muss von hier weg. Muss von hier weg.“ Er ließ seine Augen wild umherschweifen.

„Woher soll er gewusst haben, dass ich die Halskette habe?“, fragte Roman und versuchte, den Mann zurück in die Realität zu holen.

„Wie?“ Er lachte, aber der Klang war schrill. „Der Schatten weiß alles über jeden. Er weiß es einfach.“

Roman machte ein finsteres Gesicht. „Wer ist er? Wie sieht er aus?“

„Er sieht aus wie ein alter Mann. Ein Säugling. Eine Rauchwolke.“

Einen Fluch erstickend, erhob Roman sich. „Wer war in diesem Haus, während ich heute Nacht hier war?“, fragte er, als er sich zu dem Paar beim Eingang umdrehte.

Der Wirt schüttelte den Kopf. „Nur ein junges Paar, sie und ihr Kleines. Aber ich kenne sie gut. Dann war da noch dieser junge Narr, der kurz vor Euch ankam. Er war im gegenüberliegenden Zimmer. Marrow war sein Name. John Marrow. Aber er war zu betrunken, um …“

Verdammnis hallte in Romans Gedanken. Er ergriff die Kerze der Frau, dann nahm er drei Stufen auf einmal. Die Brettertür krachte auf und gab den Blick auf ein leeres Zimmer frei. Roman fluchte in stillem Ernst, dann wandte er sich zu dem Paar, das ihm die Treppe hinauf gefolgt war. „Wie sah er aus?“

„Er … Er …“ Herr Krahn blickte finster drein, während er das Zimmer musterte. Im Bett war nicht geschlafen worden. Nichts war am falschen Platz. „Er war ein korpulenter Mann. Mittelmäßig groß … Denke ich. Er hat mich geweckt. Ich …“

„Welche Farbe hatte sein Haar? Was hatte er an?“

„Er trug einen Hut. Er hat sein Gesicht bedeckt. Er war ganz dunkel gekleidet. Er hatte mich gerade aufgeweckt. Ich konnte nicht viel sehen.“

Roman holte tief Luft und beruhigte sein Gemüt. Jetzt war nicht die Zeit, die Kontrolle zu verlieren. „Erzählt mir vom Schatten“, sagte er gleichmäßig.

Krahn zog seine großen Schultern zurück und senkte seine Brauen. „Der Schatten“, murmelte er, als ob er erst jetzt den Vorfall mit dem Namen in Verbindung brachte. „Es heißt, er sei der Geist eines alten Bettlers, der in der Laurel Street lebte.“

Die Ehefrau hielt sich neben ihrem Gatten zurück. „Manche sagen, er nimmt von den Reichen und gibt denen, die in Not sind.“

„Nun, ich bin in Not“, sagte Roman mit tiefer Stimme und ballte seine Fäuste. Der Wirt hob seinen Knüppel. Seine Frau duckte sich hinter seinem Rücken, aber Roman schritt an den beiden vorbei in sein eigenes gemietetes Zimmer.

Er brauchte nur einige Augenblicke, die beiden anderen Schurken zu wecken und zu befragen. Aber trotz seiner Drohungen und ihrer offensichtlichen Furcht erzählten sie ihm nicht mehr als das, was er bereits wusste. Wenn die Halskette fort war, war der Schatten vor ihnen da gewesen.

Roman richtete sich auf und spürte, wie Wut seinen Körper durchflutete, als er Richtung Treppe ging.

„Wo … wo geht Ihr hin?“, fragte die Frau.

„Einen Schatten fangen“, sagte Roman und schritt in die Nacht hinein.

***


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Lois Greiman schreibt historische sowie zeitgenössische Romantik und humorvolle Chick-Lit. Die Autorin und passionierte Reiterin lebt auf einem kleinen Pferdehof und veröffentlichte bereits über dreißig Romane, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden.