Eva Geßner über ihr neues E-Book

Worum geht es in deinem Buch Niemand wird dich hören?

Es geht um Vergangenheitsbewältigung und darum, dass Verbrechen und Traumata nicht nur ein Leben, sondern gleich das mehrerer Generationen in einer Familie zerstören und beeinflussen können. Und nicht nur innerhalb der Familie. Im Roman beeinflussen die Verbrechen der Elterngeneration ja auch Außenstehende, wie den Kommissar oder die Sekretärin.

Mir war es aber wichtig, trotz allem einen Ausweg anzubieten und aufzuzeigen, dass es gelingen kann Geheimnisse und Lügenkonstrukte aufzudecken, egal wie lange sie schon schwelen. Das hilft dann zwar den Opfern von damals nicht mehr unbedingt, aber für das eigene Leben hat es eine enorme Bedeutung, endlich die Wahrheit zu kennen.

 

Auf dem Cover sehen wir einen blauen Schmetterling. Hat er für die Geschichte eine besondere Bedeutung?

Ja klar, aber das wird nicht verraten!

 

Wahrheit und Lüge sind tragende Themen in deinem Buch. Kann man diese überhaupt klar voneinander trennen?

Nein, kann man nicht. Bei Nachrichten zum Beispiel ist es immer wieder schwierig, die Fakten von den Fakes zu trennen, zumal letztere ja auch zu einem bestimmten Zweck in die Welt gesetzt werden. Das gleiche erlebe ich auch im Privaten, wenn Wahrheiten vertuscht oder gebeugt werden, um selber in einem besseren Licht dazustehen. Im schlimmsten Fall werden absichtlich Lügen verbreitet, um jemandem zu schaden. Da den Überblick zu behalten ist oft schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Nicht einmal auf sein eigenes Gedächtnis kann man sich verlassen, das ist ein sehr unpräziser Begleiter.

Dabei lehrt die Erfahrung, dass es keinen Sinn macht, Dinge zu verschleiern oder zu manipulieren. Meistens kommt die Wahrheit ja doch ans Licht, wenn auch vielleicht mit erheblicher Verspätung. Es spielt auch keine Rolle ob wir von politischen Machenschaften, Wirtschaftskriminalität oder Missbrauch sprechen. Irgendwann kommt der Moment, an dem jemand sein Schweigen bricht oder sich plötzlich wieder erinnert und dann fliegt einem der ganze Mist um die Ohren. Die #metoo Debatte veranschaulicht das gerade sehr deutlich.

 

Ist es für dich wichtig, aus verschiedenen Perspektiven zu schreiben? Und welche Vorteile bringt das in einem Thriller mit sich?

Die unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich automatisch aus zwei verschiedenen Handlungssträngen. Da wird abwechselnd mal aus der einen, mal aus der anderen Handlung erzählt und die Cliffhanger, die entstehen, wenn man den Strang wechselt, erzeugen den Spannungsbogen. Ich fand es interessant so zu arbeiten und Kapitel hin und her zu schieben, damit noch mehr Spannung entsteht.

 

In deiner Geschichte mischen sich Elemente aus Krimi und Psychothriller. Wie gelingt da die perfekte Mischung?

In Niemand wird dich hören hat sich eine Mischung mehr oder weniger von selbst ergeben, weil die beiden Handlungsstränge so unterschiedlich sind. Auf der einen Seite habe wir die Thrillerebene von Anna und ihrem Familiendrama, das psychologisch hinterfragt und aufgearbeitet werden muss. Und auf der anderen Seite eine Kriminalgeschichte mit Kommissaren, einem Wirtschaftsverbrecher, einer Leiche. Also eher das klassische „Who done it.“

Aber ob das gelungen ist, können eigentlich nur die Leser beantworten.

 

Ihre Träume geben Anna, der Protagonistin in Niemand wird dich hören, den Anstoß, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Hast du Recherchen zum Thema Träume betrieben?

Ich habe ein paar Bücher und Artikel zum Thema Träume, Symbole und Traumdeutung gelesen. Allerdings ist Annas Traum völlig frei erfunden und assoziiert. Ich glaube, das nennt man dann künstlerische Freiheit :).

 

Es sind keine leichten Themen, über die du schreibst. Legst du beim Schreiben manchmal bewusst eine Pause ein, wenn das Romangeschehen zu düster wird?

Ja, das kommt vor. Vor allem die Recherchen zum Thema Kindesmissbrauch waren erdrückend. Manchmal hatte ich tagelang schlechte Laune und war unglaublich wütend. In solchen Phasen habe ich eher lustigere Szenen, wie die mit den beiden Drohnen-Typen geschrieben, um mich selber wieder aufzuheitern.

 

Gibt es noch etwas, dass du deinen Lesern ans Herz legen möchtest?

Wenn ihr nach Köln kommt, geht ins Durst. Vorausgesetzt ihr mögt dunkle Kneipen mit guter Musik und gutem Whisky.

 

Hast du schon neue Schreibprojekte geplant?

Ja, definitiv. In Planung ist ein Krimi, der 1918 in Köln spielen soll. Ich habe Geschichte studiert und seit einiger Zeit große Lust, endlich wieder mit historischen Themen zu arbeiten.

Außerdem trage ich mich mit dem Gedanken die Protagonisten aus Niemand wird dich hören in ein neues Abenteuer zu schicken.

 

Und welches Buch liest du gerade?

Ich lese gerade den Roman 2666 von Roberto Bolano. Das Schauspielhaus Köln hatte dazu eine zwölfstündige Inszenierung, an der ich leider nicht teilnehmen konnte. Aber der Plot hat mich so fasziniert, dass ich mir das Buch kurzerhand gekauft habe.

Außerdem ist mir vor ein paar Tagen wieder mal Pu der Bär in die Hände gefallen. Immer wieder ein großer Spaß.

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Eva Geßner wurde 1968 im Rheinland geboren und wohnt in Köln. Ihre erste Kurzgeschichte schrieb sie bereits als 10-Jährige. Der Plot und die Bilder von Jeff Waynes „War of the worlds“ hatten sie so verängstigt, dass ihr Vater kurzerhand eine Gegengeschichte mit freundlichen Außerirdischen erfand, die die beiden zusammen weitergesponnen und aufgeschrieben haben.