Die Spur der Kristalle

ZEHN

Anfangs hielt ich es für Zufall.

Ich hieß Caitlyn Brown, und mein Leben war genauso gewöhnlich wie mein Nachname.

Schon, seit ich denken konnte, wohnte ich in einer kleinen Stadt in Surrey südlich von London. Mein Vater führte dort jahrzehntelang eine Arztpraxis, in die vor ein paar Jahren mein älterer Bruder eingestiegen war. Meine Mutter war Angestellte im Außenministerium gewesen und es hatte uns völlig unvorbereitet getroffen, als sie unmittelbar vor meinen A-Level-Prüfungen an einer akuten Leukämie erkrankt und innerhalb weniger Wochen gestorben war. Wir fielen damals in eine Art ohnmächtige Schockstarre. Ich brauchte dringend einen Tapetenwechsel und verkroch mich einige Monate bei Freunden von Dad in Schottland. Nach meiner Rückkehr war ich wild entschlossen, Krankheiten wie Krebs den Krieg zu erklären. Ich spielte sogar mit dem hehren Gedanken, eines Tages in die Forschung zu gehen, und weil ich quasi in einer Arztpraxis aufgewachsen war, glaubte ich, ich könnte beurteilen, was diese Arbeit bedeutete.

Ich konnte es natürlich nicht.

Nach den ersten Stunden in der Anatomie war mir klar, dass ich mir schleunigst etwas anderes überlegen musste – obwohl der Geruch der Chemikalien im Sektionssaal der Anatomie dank des ausgeklügelten Lüftungssystems auszuhalten und der Anblick der präparierten Leichen kaum schlimmer war als der von gekochtem Hühnerfleisch. Doch irgendwann würde ich keine toten Körper mehr vor mir haben und alles, was ich für die Kranken tat und auch all meine Fehler konnten tragische Folgen für ihr Leben und ihre Gesundheit haben.

Diese Verantwortung war mir eine Nummer zu groß.

Kurzerhand hängte ich das Studium an den Nagel und ging, um Zeit zum Nachdenken zu schinden, als Au-pair auf eine Farm im Nordosten Kanadas. Anschließend kehrte ich zu meinem ursprünglichen Plan zurück, Mathematik zu studieren – allein schon, um meinem Vater einen Gefallen zu tun, der meine Kapriolen klaglos hingenommen hatte. Im Nebenfach belegte ich Sport und Englisch und da ich gern mit Kindern arbeitete, machte ich anschließend eine praktische Lehrerausbildung, unterrichtete fortan an der Highschool meiner Heimatstadt und korrigierte die zwar manchmal tragischen, aber längst nicht so folgenreichen Fehler meiner Schüler.

Ich war, wie man so schön sagt, erwachsen geworden und mein Leben in jeder Hinsicht berechenbar. Nichts deutete darauf hin, dass die bunte Fassade meines Alltags längst Risse bekommen hatte – bis zu jenem Sommernachmittag, an dem ich Zeugin eines Mordes wurde, dessen Motiv ich in der Vergangenheit meiner Familie finden sollte und dessen Folgen nicht nur meine Zukunft auf den Kopf stellten.

„The Fens“, East Anglia

Er drehte das Streichholz zwischen seinen Fingern. So klein, so unscheinbar. Nicht mehr als ein Holzsplitter, an dessen einem Ende Gefahr lauerte. Harmlos, solange es niemand benutzte.

Mit einer knappen Bewegung riss er das Schwefelende über die raue Fläche. Wartete, während sich die Flamme unaufhaltsam seinen Fingerspitzen näherte.

Er schloss die Lider.

Feuer.

Solange es Nahrung hatte, brannte es, loderte, verzehrte. Zerstörte, was sich ihm in den Weg stellte.

Tötete.

Der Kuss des Feuers war schmerzhaft.

Abrupt riss er die Augen auf und legte das Streichholz in den Kamin, in dem sich Holz und zusammengeknüllte Zeitungen befanden. Zuerst schien es, als würde das Feuer erlöschen, doch dann stieg Rauch auf, eine Flamme leckte an dem Papier, zuerst winzig, schließlich immer größer, bis es hell lodernd zu verkohlen begann. Schatten tanzten an den weiß getünchten Wänden, während das Feuer neue Nahrung fand und schließlich auf das trockene Holz übergriff.

Neben ihm auf dem Boden lag ein Notizzettel, auf dem in akkurater Handschrift ein Name, eine Adresse und eine Nummer notiert waren. Er ließ seine Finger sanft über den Zettel gleiten und schob ihn beiseite. Darunter kamen zwei Fotos zum Vorschein: Ein altes, das in verblichenen Farben ein kleines Mädchen auf einer Bank unter einem Baum zeigte, und ein neues, bunt und lebendig, mit einer jungen Frau. Er sah es lange an – und warf dann alles ins Feuer.

Die Schrift löste sich als Erstes in loderndes Nichts auf, der blonde Haarschopf erglühte im Feuerschein, bevor sich ein schwarz verkohlter Schatten darüberlegte. Die dargestellte Person verschwand erst auf dem einen, dann auf dem anderen Bild, als hätte es sie niemals gegeben. Zurück blieb am Ende nur Asche.

Eine unumkehrbare Metamorphose.

So, wie der Tod.

Ohne hinzusehen, griff er nach einem Tuch, das neben den Fotos gelegen hatte. Es war schon alt, der blutrote Stoff fadenscheinig und seine Mitte zierte ein Symbol in absoluter Symmetrie, wie ein perfekt geschliffener Kristall. Er hielt es unter seine Nase und atmete mit geschlossenen Augen den nur für ihn wahrnehmbaren Rosmarinduft ein.

Es war alles, was von ihnen geblieben war. Das Tuch und die Asche, die er im Meer verstreut hatte.

Langsam zog er sein Jackett aus, krempelte den Ärmel auf und brachte seinen rechten Unterarm in die Nähe der Flammen, dichter und dichter, bis das Feuer an seiner Haut leckte. Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn. Sein Atem ging schneller.

Asche zu Asche.

Jetzt war er das Feuer.

Mit einem erstickten Laut zog er den Arm zurück und nahm das Tuch, um damit seine glühend rote Haut abzudecken.

NEUN

Es war ein heißer Tag Mitte August kurz vor meinem Geburtstag. Ich genoss den kühlen Luftzug, der mich im Schatten der Häuser streifte. Langsam schlenderte ich weiter die belebte Londoner Brompton Road entlang. An einem gewöhnlichen Mittwoch shoppen gehen zu können, war einer der Vorteile, wenn man gerade Sommerferien hatte. Allerdings würde ich nicht mehr lange Lehrerin sein, denn ich hatte mich als Versicherungsmathematikerin bei der Lloyd’s of London, der internationalen Versicherungsbörse, beworben und würde am 1. September meine neue Stelle antreten. Aufs Geratewohl bummelte ich die Straße entlang und ließ den Trubel um mich herum Trubel sein.

Vor einem Schaufenster von Harrods blieb ich stehen, um meinen Haarknoten neu zu ordnen, aus dem sich Dutzende meiner störrischen Locken gelöst hatten. In der Scheibe spiegelten sich die Passanten, von denen die meisten in typischer Großstadtmanier hektisch von einem Ort zum nächsten eilten. Lediglich ein grauhaariger Mann in Jeans und Hemd schlenderte gemächlich vorbei.

In der Fensterscheibe prüfte ich noch einmal meine Frisur, damit sie zumindest zeitweise wieder ordentlich aussah, als der Mann hinter mir stehen blieb, sein Handy hervorholte und es in meine Richtung hielt. Irritiert warf ich ihm einen Blick über die Schulter zu. Er lächelte freundlich, bevor er weiterging. Neben mir im Schaufenster sah ich ein großes Plüschpferd und einen knuffigen schwarzen Hund, die mich beide knopfäugig anstarrten. Anscheinend hatte der Mann die beiden fotografiert – vielleicht, um sie als potenzielle Geschenke für seine Kinder in Erinnerung zu behalten? Das Pferd, ein mausbrauner Falbe mit langer, zerzauster Mähne, erinnerte mich an die robusten schottischen Hochlandponys. Es war schon so lange her, dass ich zuletzt in den Highlands zu Besuch gewesen war. Vier Jahre, um genau zu sein.

„Hey, ihr zwei, was haltet ihr davon, mit mir eine Tour zum Loch na Sealga zu machen?“ Ich bildete mir ein, der Hund würde den Kopf ein wenig schief legen, und hörte im Geiste das Pferd zustimmend schnauben.

„Mama!“ Aufgeregt deutete ein kleines Mädchen neben mir auf die Stofftiere. „Guck mal, sind die nicht süß?“

„Ja, und wie“, antwortete die Mutter ohne großen Enthusiasmus, als sie gezwungenermaßen stehen blieb, weil ihre Tochter mit der Nase an der Scheibe klebte.

„Mama! Kann ich die nicht haben? Bitte!“

Die Mutter lächelte nachsichtig. „Wir müssen weiter, komm schon.“

Hartnäckig blieb das Mädchen stehen und klopfte zaghaft an das Schaufenster, als wollte sie die beiden zum Leben erwecken.

Ich hockte mich zu dem Mädchen und senkte verschwörerisch die Stimme. „Hey, weißt du was? Die beiden kann man eigentlich gar nicht kaufen. Das ist nur zur Tarnung. Das sind nämlich ein verzauberter Polizeihund und ein Polizeipferd. Die müssen hier sitzen und die Straße beobachten – du weißt schon, falls ein Verbrecher versucht … na ja, zum Beispiel deiner Mama die Handtasche zu stehlen …“ Vielsagend wiegte ich den Kopf.

Das Mädchen sah mich mit riesigen Augen an. „Meinst du das echt?“

„Großes Indianerehrenwort!“ Wie zum Schwur hob ich die Rechte und legte die Linke auf mein Herz.

Mit gerunzelter Stirn fixierte die Kleine nun die Stofftiere. Die sichtlich amüsierte Mutter kratzte sich am Kopf. „Na siehst du, Schatz. Was hältst du davon, wenn wir jetzt ein Eis essen?“

„Eis? Au ja!“ Die Kleine hüpfte auf und ab, die Stofftiere waren schon vergessen. „Mama? Mögen Polizeihunde auch Eis?“

Ich lachte still in mich hinein, während ich dem plappernden Mädchen mit seiner Mutter nachsah. Dann reihte ich mich wieder in das Gewimmel der Passanten ein, um endlich meine Einkäufe in Angriff zu nehmen. Ich brauchte unbedingt noch einen Hosenanzug und ein Kostüm, die den konservativen Kleidervorschriften der Lloyd’s entsprachen. In Leatherhead war die Auswahl an Geschäften nämlich eher überschaubar – allerdings war das im Allgemeinen auch die Anzahl der Menschen, und meinem Empfinden nach war es dort heute auch weniger heiß. Ich kramte eine kleine Wasserflasche aus meiner Tasche heraus. Bei diesem Wetter hätte ich anstatt nach London lieber einen Zug in die andere Richtung, nach Brighton, nehmen sollen, im Meer baden und mir einen Tag lang den Seewind um die Nase wehen lassen, anstatt Großstadtmief. Wenn ich demnächst erst bei der Lloyd’s arbeitete, käme ich höchstens noch an den Wochenenden raus.

Es würde mir genauso gehen wie meinem Freund Daniel, der schon seit drei Jahren dort beschäftigt war. Er hatte mir vorgeschlagen, mich ebenfalls dort zu bewerben, nachdem ich etwas zu laut darüber nachgedacht hatte, mich beruflich zu verändern. Allerdings hatte ich eher an eine andere Schule gedacht, doch eine von Daniels Kolleginnen hatte gerade verkündet, dass sie schwanger sei, und deshalb wurde eine Vertretung gesucht. Daniel hatte argumentiert, ich könne ja wieder aufhören, falls es mir nicht gefiel. Weil er damit recht hatte, stimmte ich zu, dass er seinen Chef überredete, es mit mir zu versuchen – und immerhin würden wir uns dadurch viel häufiger sehen als bisher.

Vielleicht konnte ich Daniel dazu bringen, am Freitag früher Schluss zu machen, um übers Wochenende ans Meer zu fahren. Das Wetter sollte vorläufig noch halten, außerdem hatte ich sowieso keine Lust auf eine große Geburtstagsparty.

Abrupt blieb ich stehen. Warum bis Freitag warten? Einkaufen konnte ich in den nächsten drei Wochen auch bei schlechtem Wetter, eine Fahrradtour unternehmen allerdings nicht. Ein schneller Blick auf meine Uhr – wenn ich mich beeilte, wäre ich in gut einer Stunde zu Hause, um ein paar Sachen zu packen und mit dem Fahrrad in Richtung Küste zu fahren. Ich könnte bleiben, wo ich Lust hätte, und mich ein paar Tage lang treiben lassen. Nicht mal auf Daniel musste ich Rücksicht nehmen. Ich würde ihm sagen, er solle am Freitagabend oder Samstagmorgen mit dem Auto nachkommen. Wir könnten am Samstag um Mitternacht romantisch im Mondschein am Beachy Head bei Eastbourne stehen, um auf meinen Geburtstag anzustoßen. Beschwingt von diesen Gedanken machte ich auf dem Absatz kehrt.

„Au! Verflixt!“

„Können Sie nicht aufpassen?“ Ein Mann im schwarzen Anzug war aus dem Gleichgewicht geraten. Seine vollgepackte Tragetasche war zu Boden gefallen, wobei sich ein Teil des Inhalts auf den Gehsteig ergossen hatte.

Ich war sehr unsanft auf einem Knie gelandet. Als ich mich aufrappelte, ignorierte ich das Brennen. „Verzeihung, ich habe Sie nicht gesehen“, sagte ich zerknirscht.

Mit dunklen Augen, die dicht neben einer spitzen Habichtsnase standen, musterte der Mann mich wie ein Raubvogel seine Beute. Seine halblangen Haare waren mit einer beträchtlichen Menge Gel straff nach hinten frisiert und schimmerten kastanienbraun im Sonnenlicht. Schnell machte ich mich daran, die heruntergefallenen Dinge einzusammeln.

„Lassen Sie das!“, knurrte er, während er sich nach einem Bund Rosmarin bückte.

„Tut mir wirklich leid.“ Mit einem kleinen Päckchen in der Hand richtete ich mich auf. Dem braunen Packpapier nach zu urteilen war darin wohl etwas Zerbrechliches eingeschlagen. Vorsichtig wickelte ich das Papier ab, um zu kontrollieren, ob es heil geblieben war. Zum Vorschein kam eine hübsche Reibschale aus weißem Porzellan, an deren oberem Rand ein kleines Stück fehlte.

„Was tun Sie da?“ Der Mann stand plötzlich sehr dicht neben mir.

Ich fuhr zusammen. „Nichts!“

An seinem intensiven Blick blieb ich hängen. Er verengte seine Augen ein wenig. Ich überlegte, ob ich ihn kennen müsste – der Vater eines meiner Schüler vielleicht?

Zwischen seinen Brauen erschien eine steile Falte, als er mit spitzem Finger auf die Schale tippte. „Nichts?“

„Ach du lieber Himmel!“ Ich tat, als fiele mir erst jetzt die Macke auf. „Ich ersetze sie Ihnen selbstverständlich.“

„Was Sie nicht sagen!“ Unwirsch nahm er mir die Schale ab, wickelte sie wieder ein und verstaute sie mitsamt den Kräutern. Anschließend langte er in seine Tasche, um zu meiner Überraschung eines dieser verpackten Wunddesinfektionstücher herauszuholen. Erst als er in die Hocke ging, sah ich die Blutspur an meinem Schienbein. Während er es vorsichtig sauber wischte, schien er mit seinem Blick die Wunde zu scannen. Die kleine Verletzung schmerzte etwas bei seiner Berührung, doch als er sich aufrichtete, sah mein Knie nur noch halb so schlimm aus. Ein Hauch herben Aftershaves vermischt mit Desinfektionsmittel und Rosmarin wehte zu mir herüber, als sich der Mann näher beugte. „Es ist nur oberflächlich. Ein Pflaster ist nicht notwendig. Zukünftig sollten Sie lieber nach vorn sehen, damit Sie keine Gefahr für Ihre Umwelt sind.“

„Tut mir wirklich leid. Ich sagte doch, ich ersetze Ihnen die Schale.“

Er stieß einen Laut aus, der sowohl Zustimmung als auch Ablehnung bedeuten konnte, doch bevor ich noch einmal nachhaken konnte, was ich ihm denn nun schuldete, zog er ein Handy aus seiner Brusttasche. Das Klingeln bestand nur aus einem einzelnen Ton, der so leise war, dass ich ihn völlig überhört hatte.

Der Mann musterte mich weiter, während er das Gespräch mit einem knappen „Ja!“ entgegennahm. Er lauschte. Seine Miene war schon vorher schwer zu deuten gewesen, doch nun schien es, als streifte er eine Maske über. Seine Schultern strafften sich, in seine Augen trat ein unangenehmer Glanz. Ein paar Sekunden später legte er wortlos auf.

Ebenso wortlos ließ er mich einfach stehen, um inmitten einer Traube Jugendlicher zu verschwinden. Natürlich, ohne mir zu sagen, was denn nun mit der kaputten Schale passieren sollte.

„Idiot“, brummte ich kopfschüttelnd – obwohl ich ja eigentlich diejenige war, die sich ungeschickt verhalten hatte.

Anstatt weiter zum Bahnhof zu hetzen, beschloss ich, den nächsten Zug zu nehmen und mir vorher noch in einem Café in der Hans Crescent einen Eistee zu genehmigen. Drinnen in der klimatisierten Umgebung zu sitzen war deutlich angenehmer, als die Hitze in den Straßenschluchten ertragen zu müssen.

Mein Handy gab einen leisen Summton von sich. „Hey Schatz, wir gehen heute Abend mit Matt und Sandy ins Kino. Hole dich um sieben ab. Dan.“ Es summte noch einmal. „PS: Die Karten sind schon reserviert.“

„Super“, beschwerte ich mich bei meinem Handy. „Bei diesem Wetter ausgerechnet ins Kino. In welchen Film überhaupt?“

Da ich sowieso keinen Einfluss mehr auf die Auswahl hatte, schickte ich nur eine kurze Bestätigung zurück. Heute konnte ich mich also nicht mehr auf den Weg machen. Vielleicht war es so geschickter, denn dann hatte ich heute Abend genug Zeit, um mit Daniel über meine Wochenendpläne zu sprechen. Ich bestellte einen zweiten Eistee und einen Schokoladenmuffin und betrachtete nachdenklich mein Knie, an dem die Verletzung kaum noch zu sehen war. Der Mann war merkwürdig gewesen. Ob er Arzt war? Nicht jeder hatte schließlich Desinfektionstücher in der Tasche und wischte einer völlig Fremden ohne Federlesen das Blut vom Bein. Mit spitzem Zeigefinger pikte ich Muffinkrümel auf und trank meinen Eistee aus, während ich beschloss, mich doch noch in ein paar Geschäften umzusehen. Mein Kleidungsproblem würde sich nicht in Luft auflösen, und wenn ich heute nun doch Zeit hatte, konnte ich auch einen Blick in die Londoner Boutiquen werfen.

Knapp zwei Stunden später war ich Besitzerin eines schlichten, aber schicken Hosenanzugs mitsamt verschiedenen Oberteilen zum Kombinieren sowie eines knielangen Rocks. Ich war mir noch nicht ganz sicher, ob ich die Sachen wirklich bequem fand, aber sie passten zu dem Stil, den ich künftig an meinem neuen Arbeitsplatz tragen sollte. Beim Anprobieren war mir in den stickigen Umkleidekabinen schrecklich heiß geworden, daher war ich erst einmal in den Schatten der Bäume im Hyde Park geflüchtet und schlenderte den Serpentine Lake entlang. Gerade überlegte ich, wo ich mich noch nach Schuhen umsehen sollte, als ich irgendwo schräg links hinter mir eine aufgebrachte Männerstimme hörte. Eine andere, deutlich leisere, antwortete.

Ich konnte nicht verstehen, worum es ging, doch allein dem Tonfall nach zu urteilen, war es eine aggressive Auseinandersetzung. Kritisch sah ich mich um, denn falls es aus irgendeinem Grund Ärger gab, wollte ich nicht von hinten unangenehm überrascht werden. Durch die Zweige einiger großer Sträucher ein Stück abseits vom Weg entdeckte ich die Silhouette zweier Männer.

Die Stimme des einen klang aufgebracht. „… werde ich ihn informieren – und zwar jetzt glei…“

Der andere reagierte blitzschnell.

„Nein!“ Zurückweichend riss der Erste die Arme hoch und beide verschwanden aus meinem Blickfeld.

Einen Herzschlag lang passierte gar nichts.

Dann ein lang gezogenes, schmerzerfülltes Stöhnen, das schnell leiser wurde, aber nicht abriss.

Meine Nackenhaare stellten sich auf. Eine Sekunde lang war ich versucht, meinem spontanen Fluchtreflex nachzugeben, aber dann siegte mein Verantwortungsgefühl. Ich hasste es, wenn Menschen wegsahen, anstatt zu helfen, daher wollte ich zumindest wissen, was passiert war, und falls nötig die Polizei verständigen. Tagsüber gab es im Hyde Park immer Spaziergänger, mir würde schon nichts geschehen. Vorsichtig umrundete ich in großem Bogen die Sträucher, bis ich dahintersehen konnte. Ein älterer Mann war auf dem Gras zusammengesackt, auch auf die Entfernung sah ich seine weit aufgerissenen Augen. Blass und krampfhaft nach Luft ringend hielt er mit einer Hand etwas umklammert und die andere presste er auf die Brust.

Es war der Grauhaarige, der bei Harrods die Stofftiere im Schaufenster fotografiert hatte.

Sein Kontrahent war nicht in unmittelbarer Nähe. Während ich rasch die letzten Meter zurücklegte, rief ich laut um Hilfe und versuchte, mein Handy aus der Tasche zu fummeln. Vor lauter Hektik verhedderte ich mich in dem Knäuel aus Plastiktüten und der Handtasche, daher ließ ich alles einfach auf den Boden fallen, als ich bei dem Mann ankam. Mein Handy rutschte mir durch die Finger. Ich atmete zweimal tief durch. Alles der Reihe nach – kein Blut. Keine Waffe in Blickweite. War es doch kein Angriff gewesen? Auf den ersten Blick erinnerten seine Symptome an einen Herzanfall. Schnell kniete ich mich hinter ihn und bettete mit sanftem Nachdruck seinen Kopf an meine Brust, damit sein Oberkörper gestützt war. Seine Arme bog ich leicht zurück, um ihm das angestrengte Atmen zu erleichtern. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und sein Gesicht war schmerzverzerrt. Keuchend rang er immer noch nach Luft, daher öffnete ich auch die obersten Hemdknöpfe, weil sich das Hemd eng am Hals spannte. Noch einmal rief ich um Hilfe, während ich nach meinem Handy angelte, das unglücklicherweise ein Stück außer Reichweite auf dem Boden gelandet war. Unsicher sah ich mich um, ob der Gegner des Streits vielleicht doch noch irgendwo war. Zivilcourage hin oder her – hoffentlich brachte mich mein Eingreifen nicht selbst in eine heikle Situation.

Ich tätschelte dem Mann die Wange. „Sir? Können Sie mich hören? Haben Sie Schmerzen?“ Blöde Frage, dachte ich, denn es war ihm anzusehen, wie sehr er litt. Er starrte mich an.

„Was ist passiert?“ Ein junger Mann, der offenbar meine Hilferufe gehört hatte, bog um die Büsche.

„Ich glaube, ein Herzinfarkt! Rufen Sie einen Krankenwagen!“

Während der junge Mann sein Handy zückte, kümmerte ich mich weiter um den Verletzten. Viel tun konnte ich eigentlich nicht, bis der Krankenwagen eintraf. Ich legte meine Finger auf den Puls an der Halsschlagader. Das Pochen war schnell, flach und setzte beängstigend oft aus. Immer wieder fielen seine Augenlider zu, sein Gesicht war fahl und die Hände eiskalt. Ich klopfte dem Mann sanft auf die Wange, um ihn bei Bewusstsein zu halten. „Sir! Wie heißen Sie?“ Er fixierte mich – mit trübem Blick zwar, aber eindeutig wach. „Ein Arzt ist unterwegs.“ Wieder tätschelte ich ihn. „Kommen Sie, nicht einschlafen. Reden Sie mit mir!“ Ich kontrollierte noch einmal Atmung und Puls, die beide eher schlechter als besser wurden, doch ich registrierte, dass er offenbar darum kämpfte, wach zu bleiben. Um wenigstens das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun, öffnete ich ein paar weitere Knöpfe an seinem Hemd, um die Brust frei zu machen. Eigentlich mochte ich zwar nicht daran denken, aber falls vor Eintreffen des Notarztes noch eine Herzdruckmassage nötig werden sollte, war es von Vorteil, wenn ich ihn nicht erst dann entkleiden musste.

„Sind Sie Ärztin?“, erkundigte sich eine Frau, die ebenfalls dazugekommen war.

Ich schüttelte den Kopf, während ich mich weiter bemühte, den Mann bei Bewusstsein zu halten. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass wir Kinder Erste Hilfe leisten konnten, und häufig mit uns geübt, daher wirkte ich vermutlich routinierter, als ich mich fühlte. Außerdem war ich wieder einmal froh, mich dagegen entschieden zu haben, Ärztin zu werden. In der Ferne hörte ich die Sirene eines Krankenwagens.

Da hob der Mann wieder kraftlos die Lider. „… anruf … will …“

„Was haben Sie gesagt, Sir?“ Ich ging mit meinem Ohr näher an seinen Mund. Ihm fielen die Augen wieder zu. „Sir! Brauchen Sie vielleicht irgendwelche Medikamente?“

Warum war ich nicht längst darauf gekommen? Da weder ein Rucksack noch eine Tasche in seiner Nähe lagen, tastete ich seine Kleidung, soweit ich sie erreichte, nach einer Notfallmedizin ab. Seine vorderen Hosentaschen waren leer, die Brusttasche seines Hemdes ebenfalls – außerdem würde der Krankenwagen ja gleich eintreffen, beruhigte ich mich.

Vorsichtig wollte ich das Handy aus seiner verkrampften Hand lösen, als mein Blick auf eine kleine rote Stelle mitten auf seiner Brust fiel, die wie ein frischer Insektenstich aussah. Stirnrunzelnd streckte ich meine Finger danach aus. Hatte ich mich mit dem Herzanfall geirrt und er hatte einen anaphylaktischen Schock nach einem Bienen- oder Wespenstich? Das Insekt konnte unter seine Kleidung gekrabbelt sein. Angestrengt dachte ich darüber nach, ob die Symptome zu einer allergischen Reaktion passten.

Wie eine Schlange zuckte seine freie Hand vor und schloss sich eiskalt um mein Handgelenk. Er sah mich mit einer plötzlichen Klarheit an, die mich überraschte. Offenbar sammelte er Kraft, um mir etwas zu sagen. Ich spürte den Druck seiner Hand, während ich genauso deutlich seine Angst zu fühlen glaubte.

Eine Windbö traf meine schweißfeuchte Haut und eine Gänsehaut überzog meine Arme. Plötzlich dachte ich an den Mann, mit dem er gestritten hatte. „Was ist passiert, Sir? Wurden Sie vielleicht … von jemandem angegriffen?“

In den Augen des Mannes leuchtete etwas auf, das ich als Bestätigung meines Verdachts interpretierte. Mein Mund wurde trocken. Verflixter Mist.

„… mein … Te… Telefon …“ Er schluckte.

„Soll ich jemanden für Sie anrufen?“

„Ja … mitnehmen … behalten Sie es … ist wichtig … ruf… rufen … Sie …“ Er atmete stöhnend ein.

„Wen soll ich anrufen?“

Die Schmerzen hinderten ihn an einer Antwort, aber er wollte mir das Handy geben. Bei der kraftlosen Bewegung rutschte sein Arm seitlich am Körper hinunter. Als ich mich vorbeugte, um es zu nehmen, ging jemand genau dort in die Hocke.

Der Mann im schwarzen Anzug, den ich vorhin beinahe umgerannt hatte. War er etwa der Angreifer gewesen?


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Emma Finch wurde Ende der 60er am Rande des Ruhrgebiets geboren und vermischt gerne Realität und Fiktion zu spannenden Plots mit einem Schuss Romantik. Sie lebt und arbeitet in Mittelfranken, wo sie unter ihrem richtigen Namen Sabine Fink Regionalkrimis um die Erlanger Kommissarin Maria Ammon sowie mörderische Kurzgeschichten schreibt.