All die kleinen Dinge

Kapitel 1

»Sieh’s mal so – alles, was wir zu verlieren hatten, ist schon weg.«

Thelma & Louise

Ab einem gewissen Alter sollte man darauf verzichten, seinen Geburtstag zu feiern. Ganz im Ernst. Ansonsten ist man nur frustriert. Ich jedenfalls war es, als ich keuchend eine Umzugskiste hoch in den dritten Stock eines Weddinger Altbaus schleppte und darüber nachdachte, mit gerade mal dreißig Jahren nicht besonders weit auf der Karriereleiter und überhaupt in meinem Leben gekommen zu sein.

Schweißgebadet stellte ich den Karton in dem winzigen Flur ab, der zu der ebenfalls recht kleinen Zweiraumwohnung meiner besten Freundin Bine gehörte. Sie ließ mich und meine Tochter Mia dankenswerterweise bei sich einziehen. Wir waren gerade obdachlos geworden. Ein solventer Investor hatte sich unser bescheidenes Zuhause und die dazugehörige Gründerzeitmietskaserne für einen Spottpreis unter den Nagel gerissen. Kurz darauf war er auf die grandiose Idee gekommen, aus den kleinen, schäbigen Altbauwohnungen mit Ofenheizung schicke Eigentumslofts zu machen, um damit noch mehr Millionen zu scheffeln. Von Mieterschutz hielt er ähnlich viel wie ein afrikanischer Warlord von der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Horde bulgarischer Entmieter, die er engagierte, sorgte dann auch sehr wirkungsvoll dafür, besagte Pläne zügig in die Tat umzusetzen.

Nachdem uns die muskelbepackten Herren mit dem Charme einer Abrissbirne sechs Monate lang das Leben zur Hölle gemacht hatten, gaben wir auf. Mein dreißigster Geburtstag war also alles andere als ein Tag der grenzenlosen Freude.

Erschöpft ließ ich mich auf eine der Kisten nieder, die bereits in dem kleinen Flur standen und dafür sorgten, dass man sich kaum noch bewegen konnte. Was, wie gesagt, weniger an den paar Kisten, als vielmehr an dem wirklich kleinen Flur lag. In der Küche hörte ich Bine mit Mia herumalbern.

»Nina? Bist du das?«

»Ja-a. War die letzte Kiste.«

»Wir sind auch gleich fertig. Und komm’ bloß nicht in die Küche.«

»Kein Problem«, die ist sowieso zu klein, fügte ich in Gedanken hinzu. Sie bereiteten eine streng geheime Geburtstagsüberraschung für mich vor und durften nicht gestört werden. Unsere Freunde Carlos und Tomas waren unten damit beschäftigt, eine der begehrten Parklücken für den kleinen Lieferwagen zu finden, den ich für den Umzug gemietet hatte. Was erfahrungsgemäß Stunden dauern konnte. Parkplätze waren in der Gegend ähnlich selten zu finden, wie eine Wasserstelle in der Wüste Gobi. Ich hatte also genügend Zeit, in aller Ruhe ein Fazit meiner bisherigen dreißig Lebensjahre zu ziehen.

Besonders viel gab es da nicht auf meiner Haben-Seite, wenn ich mir unseren bescheidenen Besitz so ansah. Die großen Möbel aus unserer Wohnung hatten wir in einer Halle eingelagert, die zur Autowerkstatt von Tomas bestem Kumpel Janos gehörte. Es würde vermutlich Monate dauern, bis ich auf dem heißumkämpften Wohnungsmarkt in Berlin eine passende Bleibe für uns finden würde, da machte ich mir keine Illusionen. Das alberne Kichern meiner Tochter drang gedämpft aus der Küche zu mir und erinnerte mich daran, dass nicht alles deprimierend war. Mia war nämlich das dicke Plus in meinem Leben.

Sie war alles andere als ein Wunschkind gewesen, muss ich gestehen. Mit 18 Jahren hatte ich eine Menge Wünsche auf meiner Liste; ein dicker Bauch, Schwangerschaftsstreifen und Wasser in den Beinen gehörten allerdings nicht dazu.

Ich hatte gerade mein zweites Ausbildungsjahr als Hotelfachfrau im Mirage, der luxuriösesten Luxusherberge Berlins, als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Meine Lehrer und Kollegen schlossen bereits Wetten darauf ab, welches unserer um den ganzen Erdball verteilten Nobel-Hotels ich in zehn Jahren leiten würde. Schließlich war ich nicht nur dafür bekannt ziemlich gut, sondern auch wahnsinnig ehrgeizig zu sein. Während ich mich in meinen Träumen schon als neuer Shootingstar am internationalen Hotelhimmel sah, lief mir Patrick Reimann über den Weg. Er war wie ich in seinem letzten Ausbildungsjahr und kam aus unserem Hamburger Hotel nach Berlin. Gerüchten zufolge war dies nicht ganz freiwillig geschehen und hatte wohl mit der Tochter des Küchenchefs zu tun, mit der Patrick ein etwas zu enges Verhältnis pflegte. Jedenfalls aus Sicht des Küchenchefs. Patrick sah aus wie ein jüngerer Zwillingsbruder von Keanu Reeves, war ähnlich charmant und sexy, hatte Humor und das schönste Paar samtbrauner Augen, das ich jemals gesehen hatte. Was den Gerüchten über den unglücklichen Küchenchef durchaus Substanz verlieh. Wessen Tochter würde sich nicht in solch ein Prachtexemplar von Mann verlieben?! Was das Fachwissen anbelangte, war Patrick die totale Niete.

Ich half ihm den Unterrichtsstoff aufzuholen, gab ihm Tipps und Tricks für seine Prüfungen und er schaffte es im Laufe des Jahres tatsächlich bis ins oberste Leistungsdrittel unseres Jahrgangs. Ganz nebenbei wurden wir ein Paar. Heimlich. Liebeleien unter den Angestellten sah man im Mirage nicht gerne und einen weiteren Ausrutscher konnte Patrick sich nun wirklich nicht leisten. Am Ende des Jahres war ich im fünften Monat schwanger, während mein Freund mit meiner Hilfe seine Prüfungen mit Auszeichnung bestand.

Am Abend seiner Abschlussfeier machte er mit mir Schluss. Den Hinweis, dass wir ein Kind erwarteten, kommentierte er reichlich abgeklärt.

»Du erwartest ein Kind. Nicht ich. Also ist es dein Problem.« Seine männliche Logik war herzerfrischend.

Am nächsten Tag verschwand er in Richtung London und ließ mich sitzen. Wegen der Schwangerschaft musste ich meine Ausbildung unterbrechen und stand nun völlig mittellos da. Ich zog wieder bei meiner Mutter ein – eine wirklich deprimierende Erfahrung – und das lag nicht nur am Plattenbau, den ich noch aus den trüben Jahren meiner Kindheit in Marzahn kannte und den ich doch unbedingt hinter mir lassen wollte.

Statt eines spektakulären Ausblicks auf das Brandenburger Tor, die Skyline New Yorks oder eines karibischen Traumstrandes, starrte ich wieder auf das öde Umland des Berliner Ostens und fragte mich, wie ich das alles hinbekommen sollte. Ohne Ausbildung. Ohne Job. Ohne Freund.

Meine Mutter war in dieser Situation keine große Hilfe. Mal abgesehen davon, dass ich umsonst in meinem alten Kinderzimmer wohnen durfte. Dummerweise hatte sie dies zu einer Art Außenstelle der Berliner Wertstoffsammlung verwandelt. Nachdem ich damals ausgezogen war, ertränkte sie ihre Einsamkeit nämlich gern in ein, zwei Flaschen Rotwein der Marke »Pennerglück« und nahm es mit der Altglasentsorgung nicht so genau.

Bei Fragen und Ängsten, die einer knapp 19 Jahre alten Schwangeren sonst so durch den Kopf gingen, war sie eine Katastrophe. Meist jammerte sie mir mit Blick auf meinen immer dicker werdenden Bauch vor, dass ich a) eine große Enttäuschung für sie sei, dass sie sich b) so viel mehr von mir versprochen hatte und dass ich c) nun die gleichen, idiotischen Fehler machen musste, wie sie. Ihr Mann – mein Vater – hatte sich nämlich ähnlich mies verhalten wie Patrick. Den Hang, sich mit den falschen Männern abzugeben, hatte ich demnach von ihr. Ansonsten gab es kaum Gemeinsamkeiten.

»Heutzutage kriegt man doch kein Baby mehr. In deinem Alter, also wirklich. Da treibt man ab!«

Ich schob ihre wenig mitfühlende Sicht der Dinge auf den Genuss von zu viel Rotwein und der Verbitterung, es niemals raus aus Marzahn geschafft zu haben.

»Ist jetzt eh zu spät«, fügte sie mit Blick auf meinen dicken Bauch hinzu und nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas. »Zur Not gibt’s die Babyklappe.« Wenigstens war sie pragmatisch und ließ in den Monaten danach der Natur ihren Lauf.

Als mir nach einer endlos scheinenden Schwangerschaft und einer vierzehnstündigen Wehenzeit im Krankenhaus das winzige zerknautschte Bündel auf den Bauch gelegt wurde, wusste ich, dass ich mit Mia die richtige Entscheidung getroffen hatte. Nur das Timing war echt blöd.

Etwas mehr als elf Jahre waren seit diesem Tag vergangen und vom ersten Augenblick an besaß Mia die seltene Gabe, jeden, der ihr begegnete, zu verzaubern. Selbst meine Mutter liebte sie von der ersten Sekunde an abgöttisch, schwor von einem Tag zum anderen dem Rotwein ab und kümmerte sich liebevoll um Mia, als ich endlich wieder anfangen konnte zu arbeiten. Sie gab sogar das Rauchen in der Wohnung auf und gönnte sich ihre Selbstgestopften nur noch auf dem winzigen Balkon unserer Wohnung hoch oben im elften Stock. Ich durfte meine Ausbildung fortsetzen, musste allerdings das ganze letzte Jahr wiederholen. Meine Mutter und ich erlebten ein wunderbares erstes Jahr mit Mia und kurz bevor die Abschlussprüfungen anstanden, ging meine Mutter morgens in den Supermarkt und kam nicht mehr wieder.

Ich sah sie zum letzten Mal in der Notaufnahme des Krankenhauses, in das sie eingeliefert worden war, als sie vor dem Spirituosenregal zusammenbrach und man sie mehr als eine halbe Stunde dort liegenließ, bevor eine Angestellte auf die glorreiche Idee kam, vielleicht doch mal den Notarzt zu rufen. Meine Mutter hatte keine Chance.

Die Abschlussprüfungen konnte ich erneut vergessen und nahm stattdessen einen Job als Zimmermädchen und Reinigungskraft in einem der vielen Businesshotels an, die in Berlin wie Pilze aus dem Boden schossen. Schließlich musste ich fortan allein für mich und Mia sorgen. Ich zog in eine kleine Altbauwohnung mit Ofenheizung, deren Miete ich mir gerade eben leisten konnte, und ergatterte sogar einen Kita-Platz für Mia. Wenn man ihr erstmal in ihre braunen Augen sah, die hatte Patrick ihr vererbt, konnte man einfach nicht nein sagen. Zum Glück war es das Einzige, was sie aus dem Genpool der Hölle mit auf den Weg bekam. Die kupferroten Locken, die ihren Rehblick zuckersüß unterstrichen, stammten eindeutig von mir.

So richtig weit konnte ich es auf der Karriereleiter nicht bringen. Mal bekam Mia die Masern und ich musste in der Hauptsaison Urlaub nehmen. Drei Monate später hatte ich statt eines besseren Jobs an der Rezeption die Kündigung. Wieder fing ich beim nächsten Hotel ganz unten an. An ihrem sechsten Geburtstag brach Mia sich beim Spielen das Bein und mein Arbeitgeber legte mir nahe, mir doch einen neuen Job zu suchen, der besser zu meiner Lebenssituation als alleinerziehende Mutter passte. Unnötig zu erwähnen, dass es ein Familienvater war, der mir diesen Rat und die anschließende Kündigung gab. Seine Frau kümmerte sich derweil daheim um den Nachwuchs.

Vor drei Jahren begann ich bei Hostel One zu arbeiten, eine der großen internationalen Hotelketten, die auf Städtetouristen und Geschäftsreisende spezialisiert war. Und da blieb ich. Die Arbeit als Zimmermädchen und Reinigungskraft war zwar immer gleich und ziemlich zermürbend, und an Beförderung war auch nicht zu denken, doch ich fand unter meinen Kollegen etwas, was ich viele Jahre lang vermisst hatte. Eine Familie. Nun ja, Wahlfamilie, um genau zu sein.

Bine, die mit mir als Zimmermädchen arbeitete, kam mit berlintypischer Schnodderschnauze daher und war der liebenswerteste Mensch, den ich kannte. Sie war etwas älter als ich, hatte ebenfalls keine richtige Ausbildung und ihre Eltern waren früh an Krebs gestorben. Sie war aus ihrem uckermärkischen Dorf in die Großstadt gezogen, um einen Mann fürs Leben zu finden. Bislang war die Suche nicht sehr erfolgreich. Ihr größtes Talent bestand darin, ein Problem einfach so lange zu ignorieren, bis es sich in Luft auflöste. Ich hatte keine Ahnung, wie sie es schaffte, aber sie hatte damit tatsächlich Erfolg. Meistens jedenfalls.

»Na, haste dich schon eingelebt?«

Bine kam aus der Küche und wischte sich ihre Hände, die mit lindgrün eingefärbter Sahne bekleckert waren, an einem Geschirrtuch ab. Offensichtlich bastelte sie mit Mia an meiner Geburtstagstorte. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

»Das wird super mit uns Dreien – ’ne richtige Mädels-WG.«

Hatte ich erwähnt, dass Bine in wirklich jeder Situation nur das Beste sah?

»Hier gibt’s Zentralheizung, Mama! Ist das nicht cool – ich muss keine Kohlen mehr schleppen.«

Meine Tochter, die den Sahnespuren in ihrem Gesicht nach zu urteilen reichlich von der Torte genascht hatte, ließ sich ebenfalls nicht von dem Umstand die gute Laune verderben, dass wir mehr oder weniger obdachlos waren.

»Bine, wenn wir dir auf die Nerven gehen, dann musst du mir das sofort sagen. Und ich gebe was zur Miete dazu.« Ich sah mich in der kleinen Wohnung um, die in den nächsten Wochen unser neues Zuhause werden würde. Es war gemütlich, hell und freundlich und entsprach somit hundertprozentig Bines Wesen. Aber es war auch verdammt eng. Für drei Personen viel zu eng.

»Ich glaub, ich spinne! Du sparst die Kohle für ’ne neue Wohnung. Ich nehm doch kein Geld von dir. So weit kommt’s noch!«

Wie gesagt, Bines Herz war mindestens genauso groß wie ihre Berliner Schnauze.

»So, das war die letzte Kiste.« Mit einem Stöhnen setzte Tomas den Bücherkarton ab, in den Mia ihre Lieblingscomics gepackt hatte. »Können wir jetzt mal anfangen zu feiern?«

Er wischte sich die verschwitzen, blonden Strähnen aus der Stirn und sah uns unbekümmert aus seinen wasserblauen Babyaugen an. Tomas war technischer Mitarbeiter unseres Hotels und so etwas wie der polnische McGyver unter den Angestellten. Mit den irrwitzigsten Hilfsmitteln schaffte er es, jeder Maschine, die den Geist aufgegeben hatte, wieder Leben einzuhauchen. Niemals war mir jemand begegnet, der auch nur annähernd so großes handwerkliches Geschick besaß wie er. Auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Begegnungen war er weniger begabt. Gleich zu Beginn verknallte er sich hoffnungslos in Bine. Nachdem sie sich ein paarmal gedatet hatten und schließlich im Bett landeten, war klar, dass es besser für sie sein würde, nur gute Freunde zu bleiben. Dies war zumindest Bines Sicht der Dinge, die dazu führte, dass Tomas sich ein paar Wochen lang mit heftigem Liebeskummer quälen musste. Sie schafften es dann doch noch Freunde zu bleiben und seitdem fühlte Bine sich berufen, die passende Traumfrau für Tomas zu finden. Bei mir hatte sie es auch schon versucht. Obwohl ich Tomas wirklich sehr mochte, lehnte ich dankend ab.

Carlos kam wie üblich als Letzter hinzu und zwängte seine untersetzte Gestalt zu uns in den viel zu kleinen Flur.

»Warum müsst ihr eigentlich immer ganz oben wohnen? Könnt ihr euch nicht mal eine Parterrewohnung besorgen?« Keuchend balancierte er ein Tablett mit selbstgemachten Tapas in einer Hand. Unter dem anderen Arm klemmte ein großer Karton mit spanischem Sekt. Bine nahm ihm kurzerhand die Tapas ab.

»Genau darauf hab’ ich gewartet. Mach schon mal den Sekt auf, ich hol’ die Gläser.«

Mit einem Stöhnen stellte Carlos den Karton ab und fischte eine Flasche hervor. Er war eigentlich Koch und kam aus Spanien. Sein Alter konnte man schwer schätzen und seine dunklen Augen besaßen den traurigen Ausdruck eines Hundewelpen, den man einsam und allein an einer Raststätte ausgesetzt hatte. An der Costa Brava hatte er eine kleine Tapasbar besessen, bevor die Finanzkrise zuschlug. Im Zuge dessen verlor Carlos erst sein Restaurant und dann seine Frau. Sie war mit einem Hotelgast aus Schweden durchgebrannt. Auf der Suche nach seiner großen Liebe, die ihn so schnöde verlassen hatte, war Carlos in Berlin gestrandet. Jetzt schmiss er mit zwei Aushilfen die Küche und war verantwortlich für das Frühstück und die kleinen Snacks, die in unserem Hostel One angeboten wurden. Wer jemals Carlos eigenwillige Tapaskreationen probiert hatte, ahnte jedoch, dass er sich mit dem Aufwärmen von Mikrowellenessen weit unter Wert verkaufte.

Mit einem lauten Knall flog der Korken aus der Flasche, während Bine mit den Gläsern zurückkam.

»Auf das Geburtstagskind!«

»Auf ein neues Jahr. Möge es dir Gesundheit, Glück und Freude bringen.« Tomas wurde bei Feierlichkeiten immer schrecklich förmlich. Zumindest, bis der Wodka auf den Tisch kam.

»Auf ein geiles Jahr, Süße.« Bine stieß mit mir an, dass die Gläser klirrten, und gab mir einen dicken Schmatz auf die Wange.

»Auf dich, meine Schöne.« Carlos umarmte und küsste mich dreimal auf die Wange, wie es in Spanien üblich war. Ich drehte mich um und suchte Mia. Die kam nun mit dem Kuchen aus der Küche. Dreißig Kerzen brannten auf der Torte und Mia war sichtlich stolz, dass man ihr die Ehre überlassen hatte, mir meinen Geburtstagskuchen zu überreichen.

»Grün? Ist nicht euer Ernst.«

Es war meine Lieblingsfarbe und Mia und Bine hatten sich wirklich große Mühe mit der Verzierung gegeben. Geholfen hatte es nicht. Sie sah recht gewöhnungsbedürftig aus, doch das tat meiner Freude darüber keinen Abbruch.

»Du musst die Kerzen auspusten und dir was wünschen.«

Mia stellte die Torte vorsichtig ab.

»Dann mal los.« Ich holte tief Luft und pustete, was meine Lungen hergaben. Mit zwanzig war das wesentlich einfacher gewesen. Schließlich erlosch auch die letzte Kerze und meine Freunde klatschten vor Begeisterung.

»Den Vierzigsten feiern wir ohne Kerzen, damit das klar ist!«

Atemlos nahm ich einen Schluck von meinem Sekt.

»Und? Hast du dir was gewünscht?« Mia sah mich mit großen Augen an.

»Klar hab ich mir was gewünscht.«

»Und was?«

»Stop! Stop! Stop!« Bine unterbrach resolut. »Wünsche werden nicht verraten. Die gehen sonst nicht in Erfüllung.«

Kurzerhand schob sie Mia und mich in Richtung Küche. »Jetzt wird gefeiert und gegessen und gelacht und getrunken. Viel getrunken.«

Damit leitete Bine zum unterhaltsamen Teil des Abends über. Vielleicht war mein 30. Geburtstag doch nicht ganz so deprimierend, wie ich befürchtet hatte.

Mia fiel plötzlich etwas Wichtiges ein.

»Dein Geschenk. Du kriegst doch noch dein Geschenk.«

Ich sah sie abwehrend an.

»Mia. Wir waren uns doch einig, dass du mir dieses Jahr nichts schenkst.«

»Das hab ich nur gesagt, damit du endlich Ruhe gibst«, verteidigte sich meine Tochter, während sie in den Umzugskartons kramte.

»Wer Geburtstag hat, bekommt auch Geschenke.«

Der Logik meiner elfjährigen Tochter hatte ich nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Mit einem Aufschrei entdeckte sie schließlich in einer Kiste, wonach sie gesucht hatte.

»Alles Liebe zum Geburtstag, Mama.« Feierlich übergab sie mir ihr Geschenk und ich musste erneut schlucken.

»Ich hab’ dich lieb, Schnecke.« Ich küsste und umarmte sie so lange und so doll, dass sie nach einigen Momenten an meiner Schulter zu protestieren begann.

»Ich krieg’ keine Luft und du musst das Geschenk aufmachen.«

»Wo sie Recht hat, hat sie Recht«, nuschelte Bine mit vollem Mund. Sie hatte sich bereits mit Carlos und Tomas über die Tapas hergemacht. »Jetzt mach schon auf, bevor ich vor Neugier kollabier’.«

Lachend riss ich das Geschenkpapier auf und blickte auf eine wunderschöne, alte Messingschatulle. Das Metall war blankpoliert, hatte einige Dellen und Schrammen, aber man konnte die feinen Linien zweier kleiner Drachen erkennen, die auf dem Deckel eingraviert waren und die den Inhalt zu bewachen schienen.

»Wow …« Ich war sprachlos.

»Ich hab’ sie im Sperrmüll gefunden und Tomas hat mir geholfen, sie zu restaurieren. Da können wir prima unseren Schmuck aufbewahren, hab ich gedacht.«

»Sie ist wunderschön.«

»Du musst sie aufmachen. Da ist noch was drin, von uns allen.«

Bine zwinkerte mir zu und deutete auf den kleinen Schlüssel, der auf der Schatztruhe mit einem Klebestreifen festgemacht war. Ich öffnete das Schloss und hob den Deckel. In dem mit feinem, grünem Samt ausgelegten Innern lag – ein Lottoschein.

»War meine Idee. Der ist für den Mega-Jackpot am Wochenende.« Carlos war ganz aufgeregt. »Ein Cousin dritten Grades hat nämlich mal mit seinem Dorf die spanische Winterlotterie geknackt. Die sind super durch die Finanzkrise gekommen, das kann ich dir sagen.«

»Ich hätte dir ja lieber ’nen Gutschein von Primark geschenkt. Sie haben mich überstimmt.«

Bine schüttelte den Kopf und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Neunzig Millionen! Was will man denn mit so viel Kohle anfangen?«

Nun, wenn ich damals gewusst hätte, was in den kommenden Wochen noch so alles auf mich zukommen würde, ich hätte an diesem wundervollen Abend schon mal angefangen, über eine Antwort nachzudenken.

Kapitel 2

»Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen.«

Manche mögen’s heiß

»Oh, bitte! Mach das Ding aus!« Stöhnend lehnte sich Bine im schmalen Hotelflur gegen die Wand, verzog das Gesicht und hielt sich den schmerzenden Kopf. Halb amüsiert, halb besorgt schaltete ich den altersbedingt unmenschlich röhrenden Staubsauger aus, mit dem ich den Teppichboden des Flurs bearbeitete.

»Hast du was gesagt?«

»Sehr witzig, Nina, wirklich sehr, sehr witzig.«

Bine hatte einen mordsmäßigen Kater und der Umstand, dass wir bereits seit sechs Uhr früh in unserem Hostel One dafür sorgten, die freigewordenen Zimmer wieder bewohnbar zu machen, trug nicht dazu bei, ihren Zustand zu verbessern. Eher im Gegenteil. Es war ein langer Abend geworden. Lustig und fröhlich und mit reichlich Sekt.

»Ich trink’ nie wieder was. Ich schwöre es. Nie, nie wieder.«

»Das hast du beim letzten Mal auch gesagt, als wir Tomas’ Geburtstag gefeiert haben.«

»Das war Wodka. Selbstgebrannt. Den habe ich seitdem nicht mehr angerührt.«

Ich verkniff mir ein Grinsen und blickte Bine bedauernd an. Das Wochenende stand kurz vor der Tür und viele der Businessgäste hatten in der Früh ausgescheckt, um die ersten Flieger zu nehmen. Sie hinterließen das übliche Chaos. Warum die Mehrzahl sich die Woche über im Hotel wie die Schweine benahmen, war uns ein Rätsel. Aber die Berge von leeren Flaschen, Dosen, Fastfoodverpackungen und anderen weniger appetitlichen Überresten waren jedes Mal beeindruckend.

»Ich glaub, ich muss …« Bine stöhnte und eilte bleich in eines der leeren Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte ich sie die Badezimmertür zuschlagen.

In diesem Tempo würden wir nie rechtzeitig fertig werden. Um zehn sollte eine außerplanmäßige Belegschaftsversammlung beginnen, zu der uns das neue Hotel-Management verdonnert hatte. Ich klopfte an die Badezimmertür.

»Alles gut bei dir?«

»Ja, prima, alles bestens …«

Ich hörte die Klospülung und im nächsten Moment öffnete Bine kreidebleich die Tür. »Mir geht’s super.«

Das sah nicht ganz danach aus.

»Pass auf, leg dich kurz hin. Den Rest mache ich alleine fertig.«

»Ich kann dich doch nicht …«, protestierte sie schwach.

»Doch. Du kannst. In deinem Zustand bist du keine große Hilfe, glaub mir. Also mach schon. Danach geht’s dir besser.«

Bine nickte und ließ sich mit einem Stöhnen bäuchlings aufs Bett fallen.

Ich schloss die Tür hinter ihr und nahm mir das nächste Zimmer vor. Laut meiner Belegungsliste hatte der Gast bereits um sieben ausgecheckt. Trotzdem klopfte ich.

»Guten Morgen, Zimmerservice. Darf ich kurz stören? Good morning, Roomservice. May I?!«

Es kam keine Antwort und ich betrat den Raum. Das Bett war zerwühlt, die Vorhänge noch geschlossen und es roch etwas herbe nach männlichem Schlaf. Ich ging zum Fenster, um Licht und frische Luft in das stickige Zimmer zu lassen. Als ich mich wieder umdrehte, um das Bett abzuziehen, fiel mir auf, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Auf dem Sessel lagen karierte Boxershorts und ein weißes T-Shirt; auf dem kleinen Schreibtisch stapelten sich Laptop, Mobiltelefon und diverse Ladekabel; auf einem Bügel am Kleiderschrank hing ein graublauer, teuer aussehender Anzug mit dazu passendem Hemd. Das sah nicht danach aus, als wäre hier jemand um sieben abgereist. Aus dem Badezimmer war nun das gedämpfte Rauschen der Dusche zu hören. Mist. Der Gast war noch da und ich sollte machen, dass ich hier rauskam. Ich hatte fast den Flur erreicht, als sich die Badezimmertür schwungvoll öffnete und der Gast frischgeduscht, mit einem Handtuch über dem Kopf sich die Haare trockenrubbelnd, hinaustrat. Bis auf das Handtuch auf dem Kopf trug er nichts. Und so nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, prallten wir zusammen.

»Autsch … Scheiße …«

Es war nicht die charmanteste Begrüßung, die man sich vorstellen konnte, aber mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein.

»Scheiße, aua …« Der unbekannte Nackte hatte zum Glück auch nichts Intelligenteres zu bieten. Er war sehr auf seinen Fuß konzentriert, auf den ich bei unserem Zusammenprall getreten war.

»Sorry, tut mir leid. Tut mir leid. I’m sorry, so sorry. Roomservice«, stammelte ich näselnd und hielt mir die schmerzende Nase, an der mich der Ellenbogen des Mannes mit voller Wucht getroffen hatte. Mein Gott, das tat höllisch weh.

Der Mann hüpfte auf einem Bein zur Wand, stützte sich dort ab, um mich dann schockiert anzublicken. Das Handtuch hatte er bei unserem Zusammenprall fallenlassen. So, wie es aussah, hatte er auch vergessen, dass er sonst nichts weiter trug. Jedenfalls machte er keine Anstalten seinen immerhin gutgebauten und muskulösen Körper zu bedecken.

»Wer, zum Teufel … was machen Sie hier?«

»Zimmerservice«, stammelte ich und deutete auf die geöffnete Tür, »Ich hab geklopft … und …«

Der Mann sah mich mit großen, blaugrünen Augen an, die von der leichten Bräune seiner Haut und dem hellen, strohfarbenen Haar noch betont wurden. Auf seinem Gesicht erschien ein besorgter Ausdruck.

»Oh, nein – Sie bluten. Hab ich Sie verletzt?« Er kam einen Schritt auf mich zu und legte mir sanft die Hand auf die Schulter.

»Warten Sie, auf keinen Fall den Kopf in den Nacken legen, das macht alles noch schlimmer.«

Mit einem Griff hatte er aus dem Bad eines der Gästehandtücher gegriffen, ließ kurz kaltes Wasser darüber laufen und hielt es mir dann vorsichtig unter meine lädierte Nase.

»Einfach fest drunterhalten und warten, bis es aufhört zu bluten. Ich hoffe, es ist nichts gebrochen?!«

»Nein, geht schon … und danke, sehr nett von Ihnen«, nuschelte ich, »Und … hm … vielleicht sollten Sie auch … ein Handtuch …?!«

Er sah mich fragend an und meine Augen glitten von seinem Gesicht eine Etage tiefer. Sein Blick folgte meinem und die Erkenntnis traf ihn, wie einen Schlag.

»Oh, shit …«

Er lief tatsächlich unter seiner gepflegten Sonnenbräune rot an, bückte sich und schnappte das Handtuch, das zu Boden gefallen war.

»Das, das tut mir leid … ich wollte Sie nicht …«

»Schon gut, kann passieren.«

Mit schiefem Lächeln blickten wir uns an. Einen Augenblick. Dann noch einen. Und noch einen. Ich konnte mich einfach nicht von diesen seltsam grünen Augen losreißen. Ihm schien es ähnlich zu gehen, auch wenn meine Augen nicht grün waren. Bine behauptete immer, sie hätten die Farbe von Kornblumen im Sommer, was ich ganz schmeichelhaft fand.

Ich habe niemals daran geglaubt, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt. Dass man vor einem Menschen steht und von einer Sekunde zur anderen weiß, dass man sein Leben lang genau auf diesen Menschen gewartet hat.

Dreißig Jahre mussten vergehen und nun traf mich diese Erkenntnis im denkbar ungünstigsten Moment: mit einem blutbefleckten Handtuch unter der Nase, in einem unaufgeräumten Hotelzimmer, mit einem nackten Mann vor Augen. Hatte ich erwähnt, dass mein Timing bei den wichtigen Dingen des Lebens zu wünschen übrigließ?!

Doch hier stand ich nun und die Schmetterlinge machten unbekümmert die La-Ola-Welle in meinen Bauch. Das Sonderbarste, das absolut Verblüffendste war jedoch – ihm schien es genauso zu gehen. Auch er konnte den Blick nicht lösen und in seinem Gesicht las ich die gleiche Irritation, die in meinem Kopf wie wild herumhüpfte.

»Meyer! Was machen Sie hier? Und wo steckt die Baschke?«

Die schrille Stimme Frau Schneiders, der Service-Chefin unseres Hauses, zerschnitt unvermittelt den magischen Moment und ließ mich gefühlt tausend Stockwerke in den Abgrund stürzen. Der Aufprall war böse.

»Äh, ich hab nur … das war … äh…«, näselte ich mit dem Handtuch unter der Nase und war bemüht, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

»Bitte entschuldigen Sie. Es war alles meine Schuld.«

Mein neuer unbekannter Schwarm sprang mir bei, wie es sich für einen strahlenden Ritter in nicht vorhandener glänzender Rüstung gehörte.

»Ich habe verschlafen und stand unter der Dusche, als Ihre Mitarbeiterin so freundlich war, mein Zimmer aufräumen zu wollen.«

Frau Schneider musterte den Mann skeptisch von oben bis unten. Ich war froh, dass er zumindest das Handtuch um die Hüften geschlungen hatte.

»Wir sind zusammengestoßen, als ich aus dem Bad kam und unglücklicherweise hat sie sich verletzt.«

»Alles halb so schlimm«, näselte ich erneut und wedelte mit dem blutbefleckten Handtuch. »Sehen Sie, es hat schon aufgehört zu bluten. Und es tut auch nicht mehr weh.« Das war zwar gelogen, aber ich lächelte ihn tapfer an. Er lächelte zurück und in seine Augen trat wieder dieser leicht irritierte Ausdruck. Nach zwei Sekunden und einem ungeduldigen Räuspern von Frau Schneider riss er sich zusammen.

»Ich brauch’ nur fünf Minuten, um mich anzuziehen und zu packen. Dann kann ich auschecken.«

»Lassen Sie sich ruhig Zeit. Haben ja dafür bezahlt. Bis um zehn ist das kein Problem. Wollen Sie Frühstück? Gibt es unten an der Snackbar«, leierte meine Chefin im Kommandoton einer Bundeswehrkaserne herunter.

»Kaffee wäre nicht schlecht, vielen Dank.«

Frau Schneider nickte zackig und sah mich prüfend an.

»Können Sie weitermachen, Meyer?«

»Sicher, kein Problem.«

Ich trat wieder hinaus auf den Flur und warf das Handtuch in den Wäschekorb. Noch einmal blickte ich zur Tür, in der mein unbekannter Schwarm stand. Ein Lächeln, dann schloss Schneider die Tür. Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen streng an.

»So, und jetzt verraten Sie mir mal, wo die Kollegin Baschke steckt?«

»Ja … warten Sie … auf Toilette … sie ist gleich wieder da.«

Was eine ziemlich gute Ausrede gewesen wäre, wenn Bine nicht in diesem Moment beschlossen hätte, zerknautscht aus dem Zimmer zu stolpern, in dem sie sich ausgeruht hatte.

»Puh … Powernapping ist geil. Ich fühl mich schon viel besser …«

Als wir zwei Stunden später in dem kleinen Aufenthaltsraum standen, in dem die außerplanmäßige Belegschaftsversammlung stattfinden sollte, war Bines Kater verschwunden und hatte Platz für jede Menge Wut gemacht.

»Eines Tages bring ich die Schneider um, ich schwör’s dir. Langsam und qualvoll.« Unsere Service-Chefin hatte Bine die Arbeitsstunden vom Vormittag kurzerhand gestrichen und sie mündlich ermahnt. Bei drei Abmahnungen musste man gehen und auf Bines Zettel waren jetzt schon zwei. Es wurde langsam eng. Ich hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mich von dem Unbekannten zu verabschieden, dafür hatte Schneider mit ihren Argusaugen gesorgt. Nach dem kleinen Zwischenfall ließ sie uns keine Sekunde mehr unbeobachtet.

Während wir also auf die Ankunft unseres neuen CEOs warteten, der uns von der Londoner Firmenzentrale geschickt worden war und der die insgesamt drei Berliner Hostel Ones auf Vordermann bringen sollte, starrte ich ungeduldig auf die Uhr. Ich wollte unbedingt an der Rezeption einen Blick auf die Zimmerbelegung werfen, um wenigstens den Namen des Mannes in Erfahrung zu bringen, der mir heute Morgen fast die Nase gebrochen hatte. Vielleicht kam er ja regelmäßig nach Berlin und wir würden uns nächste Woche wiedersehen? Ich stöhnte innerlich auf. Was sollten diese Überlegungen?! Der war bestimmt verheiratet. Oder hatte zumindest eine Freundin. Vielleicht warteten auf ihn daheim eine ganze Schar blonder, süßer Kinder mit sagenhaften, grünen Augen. Besser ich vergaß ihn schnellstmöglich. Was auch nicht so besonders schwer war. Tomas erinnerte nämlich just in dem Moment daran, warum wir hier wie auf heißen Kohlen saßen und unsere verdiente Frühstückspause dafür opferten, um auf die Chefetage zu warten.

»Der Neue ist ein Riesenarschloch. Hat mir Edgar erzählt, ihr wisst schon, der der als Rezeptionist in London arbeitet.« Tomas sah missmutig in die Runde.

»Gibt es eigentlich irgendein Hotel auf der Welt, in dem du keine Verwandtschaft hast?«

Carlos war genervt. Tomas’ riesiger Familienclan war allerdings tatsächlich über halb Europa verteilt, um außerhalb ihrer polnischen Heimat Arbeit und ihr Glück zu suchen.

»Der wird ordentlich bei uns aufräumen, darauf könnt ihr wetten«, orakelte Tomas weiter, »ich schau mich jedenfalls schon mal nach was Neuem um.«

Sein Hang zum Pessimismus war hinlänglich bekannt, so ganz falsch lag Tomas jedoch nicht mit seiner düsteren Prognose. Unsere Konzernleitung war alles andere als zufrieden mit den Berliner Umsatzzahlen, die in den vergangenen Jahren zwar kontinuierlich gestiegen waren, aber immer noch hinter den Erwartungen zurückblieben. Was die berechtigte Frage aufwarf, ob so ein Konzern überhaupt jemals den Hals vollbekommen konnte. Nun sollte eine junge, dynamische Führungskraft das Ruder übernehmen. Mit anderen Worten: Uns stand unbezahlte Mehrarbeit, Kürzungen der Pausenzeiten und Reduzierung der Sondervergütung bevor.

»Jetzt wartet doch mal ab. Ist vielleicht alles gar nicht so schlimm. Euer ewiges Gemaule nervt.«

Carlos hatte in seinem Leben schon einige Tiefschläge hinter sich gebracht und konnte nicht wirklich noch ein paar Neue gebrauchen.

»Ich finde, Carlos hat recht. Wir arbeiten uns doch eh schon ins Koma.« Bine sah das ganz pragmatisch. Irgendwann war eben Schluss mit der Optimierung, ob es unseren Chefs nun in den Kram passte oder nicht.

»Wie heißt der eigentlich?« Mir war aufgefallen, dass immer noch kein Name gefallen war.

Bine zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Aber er soll die Tochter irgendeines Oberchefs in London bumsen.«

»Wenn Sie mich schon belauschen, Baschke, dann bitte korrekt.«

Wir drehten uns erschrocken um. Hinter uns stand die Service-Chefin und bekam jedes Wort unserer Unterhaltung mit.

»Er ist mit der Tochter von Sofia Leland verlobt, der Eigentümerin der Hostel One Kette.«

Wir nickten ehrfürchtig und Schneider war sichtlich stolz über ihr Insiderwissen.

»Selina Leland wird ebenfalls eine führende Position bei der Leitung unserer Berliner Hotels übernehmen.«

Zwei Besen kehren besser als einer, dachte ich frustriert. Bevor ich den Gedanken weiter ausführen konnte, öffnete sich die Tür und Selina Leland betrat den Raum.

Warum Frauen, die mit reichlich Geld, Einfluss und Macht ausgestattet waren, ebenfalls das Aussehen eines Supermodels besitzen mussten, war mir ein Rätsel. Selina Leland war vom Schicksal jedenfalls mit allem reich beschenkt worden. Sie war garantiert noch keine dreißig Jahre alt, trug ihr teures Businesskostüm jedoch mit einer Lässigkeit, die jede gestandene Vorstandsvorsitzende neidisch machen konnte. Ihre blonde Mähne sah aus, als hätte ein Londoner Starfriseur ein Vermögen damit gemacht und ihre stahlblauen Augen blickten mit einer Herablassung auf ihre Angestellten, die davon zeugte, dass es in ihrer Familie eines mit Sicherheit seit Generationen gab – viel, viel Geld.

Egal wie optimistisch Bine die Lage beurteilte – uns standen miese Zeiten bevor. Diese Lady war eiskalt. Und knallhart. Und zu allem Überfluss musste sie ihrer Übermutter beweisen, dass sie den Job besser machen konnte, als jede andere vor ihr.

Ich war so auf diese junge, dynamische Frau mit der Ausstrahlung einer Eiswürfelmaschine konzentriert, dass mir ihre Begleitung nicht weiter auffiel. Erst als diese sich nun neben Selina Leland stellte und das Wort ergriff, glaubte ich für einen Moment zu träumen. Ziemlich schlecht zu träumen.

»Guten Tag. Es ist mir eine Freude Sie alle in meiner Funktion als neuer Verantwortlicher für die Umstrukturierung der Hostel One Dependancen in Berlin begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Patrick Reimann.«

Richtig. Es war der Patrick Reimann.

Der, der mich vor elf Jahren schwanger sitzen ließ, um eine Karriere zu starten, die eigentlich mir vorbestimmt war.

Der Patrick Reimann, der niemals auch nur den Hauch eines Interesses an seinem Kind gezeigt hatte.

Der Patrick Reimann, dessen arrogante Visage ich niemals wiedersehen wollte. Was nun unmöglich war.

Er war mein neuer Chef.

In den folgenden Minuten musste ich mich sehr darauf konzentrieren, genügend Sauerstoff in mein Hirn zu pumpen, um keinen Blackout zu riskieren. Von der Ansprache bekam ich nicht viel mit. Es war ohnehin nur das übliche Blabla der Management-Ebene, wenn es darum ging, den Profit zu maximieren und die Mitarbeiter auszubeuten. Die Details der Umstrukturierungsmaßnahmen würden uns von unseren jeweiligen Vorgesetzten mitgeteilt werden. Er freute sich auf eine gute Zusammenarbeit und sah zuversichtlich dem Ziel entgegen, die Hostel One Häuser zu den Umsatzstärksten der ganzen Stadt zu machen. Verhaltenes Klatschen setzte ein. Genauso eilig, wie er und seine Verlobte, die kein Wort gesprochen hatte, gekommen waren, verschwanden sie auch wieder.

»Ich muss dir Recht geben, Tomas: was für ein Arschloch.« Carlos schüttelte den Kopf und sein letzter Rest Optimismus löste sich in Nichts auf.

»Allerdings.« Angesichts der herzerwärmenden Worte unserer neuen Geschäftsführung ließ auch Bines Zuversicht merklich nach. Sie musterte mich und legte die Stirn in Falten. Ich war kreidebleich geworden.

»Alles klar bei dir? Du schaust, als hättest du ’nen Zombie gesehen.«

Ich konnte ihr schlecht erklären, dass dies durchaus der Fall war.

»Ich brauch nur mal kurz frische Luft.«

Bevor ich mich hinaus in den Hinterhof retten konnte, um dort meine wirren Gedanken zu sortieren, kreuzte Frau Schneider meinen Weg.

»Der Chef will Sie sprechen.«

»Welcher Chef?«

»Der Chef. Davon haben wir nicht besonders viele. Herr Reimann erwartet Sie im Büro der Hotelleitung. Sofort.«

Einen Augenblick hatte ich gehofft, Patrick wäre nicht aufgefallen, dass ich zu den Untergebenen seines neuen Wirkungskreises gehörte. Was natürlich pure Illusion war. Er hatte sicherlich schon in London die Mitarbeiterlisten genau studiert. Und der Name Nina Meyer hatte ähnlich unschöne Erinnerungen bei ihm ausgelöst, wie sein Auftritt gerade bei mir.

»Gut schaust du aus, Nina.«

Ich stand in dem Büro der Geschäftsleitung und sah meinem Ex-Freund und dem Vater meiner Tochter dabei zu, wie er ohne die geringste Gemütsregung eine Flasche unseres teuersten Mineralwassers öffnete und sich ein Glas einschenkte.

»Deine Haare sind anders. Kürzer, nicht wahr?!«

»Fürs Styling fehlt ein wenig die Zeit.« Meine kupferfarbenen Locken waren schon vor Jahren der Schere zum Opfer gefallen. »So als berufstätige Mutter

»Magst du auch?«

»Nein, danke. Du wolltest mich sprechen?«

Er lächelte und mir fiel wieder ein, wie ich vor vielen Jahren auf seine unschuldige Fassade hereingefallen war, die darüber hinwegtäuschte, dass sich dahinter ein blutrünstiger Wolf verbarg, der nur darauf wartete, das nichtsahnende Lämmchen mit Haut und Haaren zu verschlingen.

»Du kannst dir ja denken, wie überrascht ich war, dich auf der Mitarbeiterliste zu finden.«

»Nein, wirklich? Überrascht? Na, das ist ja ein Ding. Ging mir übrigens genauso«, konterte ich bissig.

Patricks Lächeln wurde breiter und zeigte eine Reihe strahlend weißer Zähne. »Du hast dich wirklich nicht verändert. Noch immer so witzig wie früher.«

»Du hast dich auch nicht verändert. Deine kleine Motivationsansprache war, wie soll ich sagen – sehr motivierend. Die halbe Belegschaft zittert schon vor Angst.«

»Sehr gut.«

Es schien ihn mächtig zu amüsieren, dass er binnen von Minuten zum meist gehassten Mann des Unternehmens geworden war. Seinen breiten Schultern und dem flachen Bauch nach zu urteilen verbrachte er einen nicht unerheblichen Teil seiner Freizeit im Fitness-Studio. Der teure Designer-Anzug saß perfekt und unterstrich die sportliche Ausstrahlung seines Körpers. Nur die Augen waren härter und sein Gesicht markanter geworden. Er passte perfekt zu seiner Verlobten, die ebenfalls aussah, als wäre sie einem Hochglanz-Magazin entsprungen.

»Patrick, jetzt sag, was du von mir willst. Ich nehme mal nicht an, dass du mir nur mal einen schönen Tag wünschen und in alten Erinnerungen schwelgen wolltest. Ich für meinen Teil versuche, das Meiste davon zu vergessen.«

Sein Lächeln blieb arrogant und zeugte davon, dass er sich nicht von mir beeindrucken ließ.

»Gut, dass du das Thema ansprichst. Die Situation ist mehr als unangenehm für mich.«

»Unangenehm? Für dich?« Ich wollte ein Geht’s eigentlich noch, du Arschloch?! hinterherschicken, behielt es dann doch lieber für mich. Nur die Zornesfalte auf meiner Stirn vertiefte sich.

Im gleichen herablassenden Tonfall, mit dem er gerade seine neuen Mitarbeiter abgekanzelt hatte, fuhr er fort.

»Sieh’s mal so, Nina: Für uns beide wäre es angenehmer, wenn wir uns nicht mehr über den Weg laufen würden.«

Ich hob die Hände. »Okay. Super. Kein Problem. Ich werde in Zukunft einen großen Bogen ums Chefbüro machen. Und ich nehme mal nicht an, dass es dich aus welchen Gründen auch immer in die Niederungen der Putzräume verschlagen wird. Wir können sofort damit anfangen.«

Ich drehte mich auf dem Absatz um und die Türklinke war schon in meiner Hand.

»Ich fürchte, das wird nicht reichen.«

Ich begriff immer noch nicht, was er eigentlich von mir wollte und hielt inne. Er stand selbstsicher mit dem Glas Mineralwasser in der Hand da, nippte bedächtig und ich hätte schwören können, in seinen Augen einen Anflug von Heiterkeit zu erkennen. Meine Begriffsstutzigkeit schien ihm mächtig Spaß zu machen.

»Was soll ich deiner Meinung nach tun? Mich in Luft auflösen oder einen neuen Job suchen?«

»Genau. Einen neuen Job suchen und somit quasi in Luft auflösen. Ich wusste, dass du das einsiehst.«

Ich blickte ihn entgeistert an.

»Ich sehe überhaupt nichts ein! Ich kann es mir nicht leisten, arbeitslos zu werden. Ich brauche den Job.«

In seinem Blick war kein Bedauern, was mich so unbeschreiblich wütend machte, dass ich Mühe hatte, mich nicht auf ihn zu stürzen und seiner Hochglanz-Visage ein paar Schrammen zu verpassen. Langsam trat ich zu ihm und blieb weniger als zwanzig Zentimeter vor seinem Gesicht stehen. Er wich keinen Zentimeter zurück.

»Es ist mir egal, ob es dir unangenehm ist, an unsere Beziehung erinnert zu werden. Und es ist mir auch egal, ob deine versnobte Verlobte von uns weiß oder nicht. Was mir nicht egal ist, ist Mia. Meine Tochter, für die ich sorgen muss.«

Einen Moment bröckelte seine selbstsichere Fassade und ich sah Verunsicherung in seinem Blick. Ich drückte ihm den Zeigefinger auf die Brust und fuhr zornig fort.

»Und weißt du auch, warum das so ist? Es ist so, weil ihr Riesen-Arschloch von Vater – also du – sich einfach so aus dem Staub gemacht hat, uns hängen ließ und sich seit elf Jahren einen Scheiß um seine Tochter kümmert. Also sag du mir nicht, was ich tun soll, kapiert?«

Er war kurz meinem Blick ausgewichen, als ich Mia zur Sprache brachte. Nach einem Moment hatte er sich wieder im Griff.

»Wer sagt, dass dein Kind von mir ist?«

»Was?!«

»Sehen wir das ganz realistisch. Deine Tochter könnte von jedem sein. Nur nicht von mir. Wir haben immer Kondome benutzt.«

Zum zweiten Mal an diesem Tag blieb mir die Luft weg. Patrick wusste ganz genau, dass er der erste Mann war, mit dem ich geschlafen hatte und dass es sonst niemanden gegeben hatte, der mich interessierte.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst.« Getroffen wich ich einen Schritt zurück. Er stellte sein Glas so heftig ab, dass ich Angst bekam, es würde zerspringen. Offenbar wühlte ihn die Begegnung mit mir doch auf und ich sah Zorn in seinen Augen aufblitzen.

»Ich meine es todernst, Nina. Du wirst kündigen. Noch heute. Oder ich schwöre dir, dass dich die Security morgen früh mit einer geklauten Brieftasche erwischen wird, die einer unserer Gäste bereits schmerzlich vermisst. Was das bedeutet, müsstest du eigentlich aus eigener Erfahrung wissen, oder?! Willst du das riskieren?«

Ich schluckte. Und ich wusste, dass Patrick keine leeren Drohungen machte. Er kannte alle Tricks, die man anwenden konnte, um unliebsame Mitarbeiter auf die schäbige Tour loszuwerden. Und er sprach ein unangenehmes Kapitel meiner Vergangenheit an, das ich liebend gern vergessen wollte. Scheinbar hatte er sich meine Mitarbeiterakte sehr genau angesehen.

»Hast du das verstanden, Nina?«

Ich nickte und hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. »Ich verstehe.«

Damit drehte ich mich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.


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Elli C. Carlson lebt und arbeitet in Berlin und hat unzählige Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Seit sie ihren ersten Roman All die kleinen Dinge 2016 veröffentlicht hat, kann sie nicht mehr damit aufhören. Humorvolle, emotionale und spannende Liebesgeschichten haben es ihr angetan. Happy End garantiert.