Auf den Wogen der Liebe

 

»Denk dir, Marie, heute lerne ich den Mann kennen, an dessen Seite ich mein Leben verbringen werde! Ein Weinhändler ist er, ist das nicht aufregend?«

»Ist es das, Mademoiselle?« Die Magd zwinkerte ihr im Spiegel zu. »Ich selbst finde nichts Besonderes daran. Ich habe als junges Mädchen für einen gearbeitet. Er war ein Händler wie jeder andere.«

»Aber mein zukünftiger Gatte ist gewiss nicht wie jeder andere!« Adelais lachte auf. »Er muss doch etwas Besonderes sein, sonst hätte ihn mein Herr Papa nicht für seine einzige Tochter ausgesucht.«

Maries Blick im Spiegel zeigte Adelais deutlich, dass die Magd Zweifel hegte. Auch sie selbst war sich längst nicht sicher, dass ihr Vater das Wohl seines Kindes über die geschäftlichen Interessen stellte. Die Verbindung mit den Cléments aus Bordeaux würde ihm viel Geld ersparen, da man den Transport ihrer Fässer und seiner Tuchballen kostengünstig gemeinsam durchführen konnte. Dennoch hoffte sie, dass der Mann, den er für sie erwählt hatte, ihm in anderer Hinsicht ebenfalls zusagte. Wie auch immer – sie würde sich ohnehin mit dem Ehemann zufriedengeben müssen, der für sie bestimmt war. Es fiel ihr zwar zuweilen schwer, ihre Zunge im Zaum zu halten und ihre Gefühle zu verbergen. Im Grunde aber verhielt sie sich, wie es sich für eine wohlerzogene junge Dame geziemte. Die Rolle des Rebellen in der Familie hatte ihr Bruder Luc inne. Sie war die brave Tochter, die selten widersprach, die glücklich war, wenn sie singen durfte und etwas Leckeres zum Essen bekam. Solange ein Mann gut zu ihr war, war ihr alles andere gleich.

Obwohl sie nichts dagegen hätte, wenn er hübsch wäre – ganz gewiss nicht!

Als ihre Frisur vollendet war, die Locken aufgetürmt und mit Bändern geschmückt, hielt ihr Marie das Korsett hin. »Seid Ihr bereit?«

Adelais seufzte. »Um ehrlich zu sein – nein. Aber Frau Mutter wird mich ohne das fürchterliche Ding nicht aus dem Haus lassen.«

Ergeben hob sie die Hände, ließ sich aus dem Kleid helfen und das Korsett anlegen. Sie zog den Bauch ein, und Marie tat ihr Bestes, die üppigen Rundungen in Form zu pressen. Als es geschafft war, waren sie beide atemlos und rot im Gesicht.

»Wenn ich erst einmal verheiratet bin und in meinem eigenen Haushalt lebe, werde ich nie wieder so etwas tragen, das schwöre ich!«, rief Adelais und schnappte nach Luft.

»Dann werde ich all Eure Kleider ändern müssen, Mademoiselle.« Marie lächelte und hielt ihr das Festgewand hin. »Aber das mache ich gern für Euch.«

»Danke, Marie.« Adelais schlüpfte vorsichtig mit dem frisierten Kopf unter die dunkelroten Stoffmassen und wartete, bis die Magd alles zurechtgerückt und verschnürt hatte. Dann betrachtete sie sich im Spiegel, nickte zufrieden und sagte: »Ich bin froh, dass du mit in mein neues Zuhause kommst. Bordeaux soll eine aufregende Stadt sein! Ach, es ist anfangs gewiss furchtbar ungewohnt, als Ehefrau zu leben. Aber ich freue mich so! Ich möchte viele Kinder haben, und ich werde sie wie verrückt lieben und schrecklich verwöhnen. Den ganzen Tag werde ich Kleider für sie nähen, ihre Haare kämmen und Lieder mit ihnen singen …«

»Da bin ich sicher«, erklang die strenge Stimme ihrer Mutter und störte Adelais’ wunderbare Zukunftsvorstellungen. »Doch über diese Dinge kannst du ein anderes Mal nachdenken. Heute darfst du nicht zu spät kommen, sonst wird es nichts mit den schönen Träumen. Kein Mann schätzt eine unpünktliche Frau.«

Wenn mein Gatte mich schätzt, wird es ihm gleich sein, ob ich einmal zu spät gekommen bin, dachte Adelais. Sie schwieg jedoch und folgte ihrer Mutter die Treppe hinunter. Dort warteten bereits ihr Vater und ihr Bruder Luc, Ersterer in seiner feinsten Ausgehkleidung, Letzterer hatte immerhin ein helles Hemd und saubere Schuhe übergezogen.

Luc lächelte sie an und bot ihr seinen Arm. »Du siehst wunderschön aus, Schwesterchen. Ich hoffe, der Kerl ist es wert.«

»Lucien! Sei froh, dass sich endlich eine angesehene Familie für deine Schwester interessiert. Alt genug ist sie ja.« Die Mutter zupfte ein letztes Mal an ihrem Kleid. »Und pass auf, dass sie sich nicht so vollstopft.«


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Jessie Weber wurde 1971 in Kiel geboren, wo sie auch heute lebt. Die gelernte Schifffahrtskauffrau arbeitet in zwei Firmen als Sekretärin sowie freiberuflich als Verlagslektorin. In ihrer Freizeit fertigt sie Motivtorten an, ist in der Mittelalterdarstellung aktiv und geht mit Auto und Familie auf Reisen, gern auch zu Recherchezwecken. Sie ist Mitglied in zwei Autorenvereinigungen und im Verband der Schriftsteller in Schleswig-Holstein e. V.