Erleuchtung inklusive

Kapitel 1

Liz

Auch eine Reise von tausend Kilometern beginnt mit einem ersten Schritt.

Ich habe keine Ahnung, warum mir diese Erkenntnis ausgerechnet jetzt in den Sinn kommt und woher ich sie habe. Vermutlich aus einem Glückskeks. Aber da ist was dran. Ich bin mehr als zweitausend Kilometer von meinem Zuhause entfernt, und wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich nicht nur mit einem hastig zusammengestopften und viel zu schweren Rucksack aus meiner Haustür gestolpert, sondern habe es tatsächlich geschafft, rund achthundert dieser Kilometer zu Fuß zu gehen. Eine beachtliche Leistung für jemanden, der es in dreizehn Schuljahren geschafft hat, wirklich alle Bundesjugendspiele zu schwänzen. Von sportlicher Betätigung halte ich ungefähr so viel, wie Dieter Bohlen von Anstand und Mitgefühl – herzlich wenig. 

 Der Anblick des Atlantiks, vor dem ich nun stehe, entschädigt jedoch für einiges. Hier oben von der Klippe aus ist er so überwältigend schön, wie im Reiseführer angepriesen. Den habe ich in Berlin zwar nur knapp überflogen, aber an das Bild erinnere ich mich genau.

Hinter den weißen Schaumkronen der Dünung, die die Wellen mit großem Getöse an den schmalen Strand schieben, liegt das dunkelgraue, aufgewühlte Meer. Darüber ein weiter Himmel, der wolkenverhangen in der Ferne ins Stahlgrau des Wassers überzugehen scheint. Es ist kein Schiff am Horizont zu erkennen, keine Möwe, die elegant durch die Luft segelt. Menschen sind ebenfalls Mangelware; was komisch ist, denn normalerweise bevölkern sie doch in Massen die Strände auf der sinnfreien Suche nach Steinen oder Muscheln. Ich bin allein. Mutterseelenallein. Und das am Ende der Welt. Wie passend.

Spirituell bin ich in der gleichen Liga unterwegs, wie beim Sport. Also eher unmotiviert. Dennoch reihe ich mich nun in die Schar derer ein, die seit Ewigkeiten als Pilger nach Santiago de Compostela unterwegs sind, um sich dort ihrer Sünden zu entledigen. Jedenfalls die Gläubigen unter den Pilgern. Es gibt etliche, die tatsächlich den sportlichen Aspekt einer wochenlangen Wanderschaft zu schätzen wissen. Mal ganz abgesehen von den Zivilisationsmüden, die bei der Aussicht, in überfüllten, mäßig sauberen Herbergen zu nächtigen, in Ekstase geraten. 

Bei mir ist weder das eine noch das andere der Fall. Wenn ich ehrlich bin, dann wollte ich noch nicht einmal nach Spanien. Vom Pilgern ganz zu schweigen. Und wenn man’s noch genauer nimmt, dann fängt meine Reise mit einem Erdbeerjoghurt an. Fettarm. Und einem Wort. So, wie jede Geschichte mit einem einzigen Wort anfängt.

»ScheißenochmaldublödeKuhuhduaaaaahhh…«

Kapitel 2

4 WOCHEN ZUVOR …

Wenn man seinen Gefühlen freien Lauf lässt, dann gibt es eine Sache, die wirklich wunderbar ist: Für einen kurzen Moment erlebt man die Welt genau so, wie man sie gerne hätte.

Und der Anblick Yvonne Bergers, die verzweifelt versuchte, die Joghurtreste loszuwerden, die ihr vom Haaransatz über das Gesicht liefen und ihr das groteske Aussehen eines Horrorclowns verliehen, war einfach himmlisch. Es erzeugte in mir das Gefühl grenzenloser Zufriedenheit.

Für ungefähr zehn Sekunden.

Dann schlug das echte Leben wieder zu. Und zwar erbarmungslos.

»Was ist hier los? Was soll der Scheiß?«

Simon Bach erschien aufgebracht in der Tür, die die winzige Teeküche vom Rest des Großraumbüros trennte, in dem die Redaktion des Berliner Blitz untergebracht war.

»Ist das etwa … Joghurt?«

Die Frage war ziemlich überflüssig. Aber irgendetwas musste er sagen. Simon war schließlich Chefredakteur des auflagenstärksten Boulevardblattes, das die Hauptstadt zu bieten hatte. Nervenstärke war jedoch nicht seine herausragende Eigenschaft. Und die Tatsache, dass ich gerade der gefürchtetsten Klatschreporterin Berlins eine etwas ungewöhnliche Haarkur verpasst hatte, trug nicht zu seiner Entspannung bei.

Ungläubig blickte er von Yvonne zu mir: Felicitas Speckmann, 31 Jahre alt und die wohl dienstälteste Redaktionspraktikantin, die diese Zeitung jemals hervorgebracht hatte.

»Spinnst du jetzt völlig?«

Simons ohnehin bleiches Gesicht, das selten das Sonnenlicht erblickte, war noch eine Spur bleicher geworden. Für einen Moment hoffte ich inständig, dass er heute Morgen auf seinen Espresso und sonstige, nicht ganz legale Substanzen verzichtet hatte, damit sein Kreislauf in Schwung kam. Für den plötzlichen Herztod eines erst fünfunddreißigjährigen, überarbeiteten Chefredakteurs mit ungesunden Lebensgewohnheiten wollte ich lieber nicht verantwortlich sein.

»Sie kann froh sein, dass es nur Joghurt ist.«

Trotzig verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und hob kämpferisch das Kinn.

»Für das, was sie getan hat, hätte sie Teer und Federn verdient.«

Yvonne fixierte mich wütend. Es war die Art von Blick, die jedes Kaninchen nicht nur in Schockstarre versetzen konnte, sondern ebenfalls einen plötzlichen Herztod zur Folge hatte.

»Das wirst du bereuen, das verspreche ich dir!«

Ihre Stimme besaß einen Tonfall, den man durchaus als eiskalt bezeichnen konnte. Zudem machte sie niemals leere Drohungen. Ich hörte Simon unangenehm schlucken, während meine Synapsen noch immer auf Krawall gebürstet waren.

»Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich dir jemals dabei geholfen habe, deine dümmlichen Texte zu schreiben.«

Was durchaus den Tatsachen entsprach. Ich bereute nichts mehr, als den Augenblick, in dem ich auf Yvonnes freundliche Fassade hereingefallen war, als sie vor vier Jahren engelsgleich als Praktikantin in unsere Redaktion geschwebt kam. Der Anblick einer zweiundzwanzigjährigen Blondine mit Wahnsinnsmähne, der Figur eines Viktoria Secret Models und dem Gesicht einer Madonna hatte zudem die männliche Belegschaft schwer in Atemnot gebracht und besonders Simon war ihr vom ersten Tag an verfallen. Was wiederum dazu führte, dass beide mich freundlich überredeten, Yvonnes Textbeiträge in den darauffolgenden Wochen auf ein lesbares Niveau zu heben. Preisverdächtige Artikel kamen nicht dabei heraus, aber gepaart mit dem Aussehen eines Engels und dem Wesen einer Königskobra reichte es, um Yvonne Berger in nur drei Monaten den begehrten Job als Jung-Redakteurin zu verschaffen.

Ein Job, der eigentlich mir versprochen war.

Damals hatte ich mir noch die absurde Hoffnung gemacht, dass dieser bedauerliche Irrtum schnell zu meinen Gunsten aufgeklärt werden würde. Schließlich war Yvonne eine komplett talentfreie Zone.

Diese Befürchtung musste wohl auch Simon gehabt haben, der trotz freischwingender Hormone ein ziemlich gutes Gespür für die Begabungen seiner Untergebenen besaß. Kurzerhand machte er mich zu Yvonnes Assistentin und verdonnerte mich so dazu, in den kommenden Jahren die größeren Katastrophen zu verhindern, die sein blondgelockter Schützling in der Redaktion mit ihrer Unfähigkeit anrichten konnte.

Man konnte Yvonne zahlreiche Dinge vorwerfen, eines war sie allerdings nicht – und zwar blöd. Nachdem sie einmal meinen Rat ignorierte und in einem Anflug gigantischer Selbstüberschätzung ihren selbstverfassten Artikel stolz in der Redaktionskonferenz präsentierte, war sie wochenlang das Gespött der Kollegen. Danach hatte mich Yvonne zwar nicht mit Respekt behandelt, aber diese kleine Episode führte ihr zwei Dinge kristallklar vor Augen. Erstens – es war klüger auf mich zu hören. Zweitens – sie durfte keine Gelegenheit auslassen, um mich vor den Kollegen und Chefs als Vollidiotin hinzustellen. Denn wenn man mich befördern würde und sie ihre Assistentin los wäre, wäre sie wiederum schneller ihren gutbezahlten Redaktionsjob los, als man Hair Conditioner sagen konnte.

Der Aktion mit dem Erdbeerjoghurt gingen also eine ganze Reihe von Demütigungen, falschen Behauptungen und unbezahlten Überstunden voraus, was wiederum erklärte, warum ich zu solch drastischen Maßnahmen griff.

Was Simon allerdings herzlich wenig interessierte.

»Du kommst sofort in mein Büro, Liz. So was können wir uns hier so was von nicht leisten! Das ist kein Kindergarten!«

Mein Chef hatte zwei dumme Angewohnheiten. Er musste sich ständig wiederholen und er verschloss gerne die Augen vor der Realität. Die Redaktion des Berliner Blitz war ein Kindergarten. Falls große weiße Haie so etwas wie einen Kindergarten besaßen.

»Yvonne, Schätzchen, geh heim und zieh dir was Anderes an. Ich kläre das schon mit Lizzy.«

Er lächelte entschuldigend und zog mich (etwas grob, wie ich fand) am Arm hinter sich her. Aus den Augenwinkeln fiel mir gerade noch das zufriedene Grinsen meines persönlichen Albtraums auf. Mal sehen, ob sie immer noch so grinsen würde, wenn ihrem Erbsenhirn klar wurde, dass nun die Schonzeit vorbei war.

Heute war der Tag der Abrechnung.

»Sie hat mich eine fette, untalentierte Mutti genannt, die es nicht verdient, an der Fortbildung mit Marc Schneider teilzunehmen! Du weißt, wie sehr ich ihn bewundere! Ich warte seit Jahren darauf, das Seminar mitzumachen!«

Ich stand vor Simon und versuchte, mich zu verteidigen. Was ziemlich kläglich war, denn ich hörte mich an, wie eine Siebtklässlerin im Rektorenbüro. Simon war wohl der gleichen Ansicht. Er schüttelte den Kopf, spielte geistesabwesend mit dem albernen Pokémon auf seinem Schreibtisch und seufzte schwer. »Lizzy, Lizzy, Lizzy …«

»Was?«

Ich wartete. Doch Simon sah mich nur vorwurfsvoll aus seinen vom Schlafmangel geröteten Augen an. Der Job als Chefredakteur war hart. Mit Mitarbeitern wie Yvonne noch härter.

»Simon! Hat der Satz auch einen Sinn oder findest du meinen Namen so toll, dass du ihn ständig wiederholen musst?«

»Wegen ein paar unschöner Worte eine solche Nummer abzuziehen ist kindisch, Liz. Kindisch und albern.«

»Ach, findest du es auch albern, dass Yvonne hinter meinem Rücken die Akkreditierung löscht? Mit der Begründung, ich leide an einer höchst ansteckenden Geschlechtskrankheit und dürfe keine Gemeinschaftstoilette benutzen?!«

Erstaunt lüpfte Simon die Augenbrauen.

»Du bist kra…?«

»Nein«, unterbrach ich ihn, »ich bin nicht krank! Herrgottnochmal, Simon!« Meine Stimme überschlug sich vor Empörung.

»Aber …«

»Nichts aber! Yvonne hat sich meinen Platz auf dem Seminar unter den Nagel gerissen. Und mich vollkommen lächerlich gemacht!«

Simon wich meinem verletzten Blick aus. Nach vier langen Jahren hatte auch er mitbekommen, dass man Yvonne besser nicht reizte. Die meisten Redaktionsmitglieder, einschließlich Simon, gingen daher einer Konfrontation mit ihr aus dem Weg, obwohl jeder wusste, dass sie die größte journalistische Flachpfeife seit der Erfindung des Buchdrucks war. Insgeheim waren wohl alle froh, dass sie in mir ein Ventil hatte, um ihre Bosheiten loszuwerden.

»Mir reicht es Simon! Seit vier Jahren lasse ich mir von diesem Anna-Wintour-Klon mein Leben versauen. Irgendwann ist Schluss! Entweder geht sie oder ich!«

Ich atmete tief durch, erstaunt über die Klarheit meiner Forderungen.

Simon ebenfalls. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Zufrieden erkannte ich einen Hauch von Panik in seinem Blick. Diese Panik kam nicht von ungefähr. Vor zwei Tagen hatte ich zufällig sein Telefonat mit unserem Herausgeber mitbekommen.

Also, die Speckmann, die hat eine Nase für die richtigen Storys. Und Quellen hat die, das sag ich Ihnen, Quellen, da können andere nur von Träumen!

Natürlich würde Simon niemals auf mich verzichten. Vermutlich würde er mir endlich den Job als Redakteurin anbieten. Gleich, nachdem er Yvonne gefeuert hatte. Ich lächelte. Stolz, endlich diesen Schritt gewagt zu haben. Warum hatte ich das nicht schon viel früher getan?

Kapitel 3

»Du bist fristlos entlassen? Weil du eine Kollegin angegriffen hast?«

Mein Vater blickte mich besorgt an.

Nicht erst in diesem Moment wurde mir klar, warum ich vier lange Jahre Yvonnes Schreckensherrschaft ertragen hatte. Die Gute saß einfach am längeren Hebel.

»Angegriffen würde ich es nicht nennen, Papa.«

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen, aber egal.

»Und es war die Kollegin

Papas Augenbrauen wanderten in Richtung seines Haaransatzes. Er kannte Yvonne ziemlich gut. Schließlich heulte ich ihm seit einer gefühlten Ewigkeit die Ohren über ihre Gemeinheiten voll.

»Ich habe ihr nur einen Joghurtbecher über den Kopf geschüttet. Einen kleinen Becher. Fettarm.«

Vor Verblüffung blieb meinem Vater der Mund offenstehen. Bernd Speckmann fehlten die Worte. Das kam höchst selten vor. Ich konnte noch nicht sagen, ob es geschah, weil ich mich zum ersten Mal gegen Yvonnes Bösartigkeiten aufgelehnt hatte. Oder, weil er sich Sorgen über die plötzlich einsetzende Gewaltbereitschaft seiner sonst friedliebenden Tochter machte.

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, hatte Simon mich rausgeschmissen. Dabei war ich doch unersetzbar für die Redaktion.

»Tut mir leid, Lizzy, aber wir können Yvonne nicht kündigen. Ihr Vertrag sieht eine üppige Abfindung vor. Das kann sich die Zeitung nicht leisten.«

Eine durchaus nachvollziehbare Begründung. Der Berliner Blitz litt, wie viele andere Boulevard-Blätter auch, unter sinkenden Verkaufszahlen. Facebook und Twitter boten genügend Klatsch und Tratsch. Und die mussten sich noch nicht einmal die Mühe machen, ihre Fake News halbwegs wasserdicht zu recherchieren.

»Soll das heißen, ich bin …?«

Gefeuert war wirklich ein unschönes Wort. Daher vermied ich, es auszusprechen.

»Wenn ich dich kündige, dann kriegst du wenigstens Arbeitslosengeld und die Krankenkasse wird auch übernommen. Was sagst du dazu?«

Was sollte man dazu schon sagen? Das Leben ist kein Ponyhof? Geld regiert die Welt? Oder lieber Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

»Simon, seit sechs Jahren arbeite ich für dich. Als Praktikantin. Was meinst du, wie hoch mein Arbeitslosengeld wohl ausfällt?!«

»Schon klar, mir tut das alles ja auch wahnsinnig leid. Aber unter den Umständen kannst du nicht länger in der Redaktion arbeiten. Und du willst es ja auch gar nicht mehr, oder hab ich dich da falsch verstanden?«

Natürlich wollte ich weiter beim Blitz arbeiten. Nur eben nicht mehr für Yvonne. Für einen kurzen Moment kam auch in mir Panik auf. Vielleicht, dachte ich, wenn ich mich richtig gut entschuldige … 

Andererseits verbot mir der letzte klägliche Rest meines Selbstbewusstseins, genau dies zu tun.

»Ich kann keinen Tag länger mehr den Fußabtreter spielen. Jeder weiß hier doch, dass Yvonne eine totale Null ist und ich die ganze Arbeit mache.«

Simon nickte. Er hatte wohl nichts anderes erwartet.

»Ich lasse dich ungern gehen, Liz, ungern. Das weißt du.«

Ich sah ihm an, dass er noch etwas loswerden wollte.

»Aber, Simon?«

»Aber, vielleicht ist das ja auch die Chance für dich. Die Chance, was ganz anderes zu machen.«

Ich sah ihn entgeistert an. Hielt er mich für eine schlechte Journalistin? Das hatte bei seinem Gespräch mit unserem Ober-Chef doch noch ganz anders geklungen.

»Du bist ein Ass in der Recherche. Ein Ass. Deine Texte sind auch ganz okay.«

»Vielen Dank für deine Offenheit.« Ob er wusste, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht hören wollte? Simon fuhr unbeeindruckt fort.

»Was dir fehlt, das ist der Biss. Der Biss, verstehst du? Du bist einfach zu nett für diesen Job. Und ich fürchte, das wird sich auch nie ändern.«

Er sah mich mitleidig an und erwartete wohl einen Wutausbruch. Oder, dass ich mich in Tränen auflöste. Es war schwer zu sagen, was ihm unangenehmer gewesen wäre. Aber da kam nichts. Ich war viel zu enttäuscht, um noch irgendetwas zu sagen.

»Genau, das meine ich, Liz. Genau das.«

Er kam um den Schreibtisch herum und setzte sich vor mir auf die Schreibtischkante.

»Jede von den Hyänen da draußen hätte spätestens jetzt angefangen, mein Büro zu zerlegen. Du stehst nur da und siehst mich an, wie ein weidwundes Reh.«

Ich hatte nun doch Mühe die Tränen zu unterdrücken, die sich in meinen Augen sammelten. Diesen letzten Triumph wollte ich ihm nicht gönnen.

»Wenn ich mich gegen bösartige Kollegen wehre, werde ich gefeuert. Und wenn ich es nicht tue, bin ich nicht die Richtige für den Job. Diese Logik soll einer verstehen.«

»Irgendwann wirst du mir nochmal dankbar dafür sein.«

Was für ein unrühmliches Ende meine Karriere beim Berliner Blitz doch genommen hatte.

»Ich weiß nicht, aber irgendwie hat dein Chef recht.« Mein Vater ließ eine Bratwurst durch den Wurstschneider rattern und fing die zerstückelten Reste geschickt mit der Pappschale auf.

»Du bist wirklich viel zu nett für diese Aasgeier.«

Er ertränkte die Wurstscheiben in reichlich Tomatensoße und streute Curry-Pulver oben drauf.

»Hier. Probier mal. Eine neue Spezialsoße. Mit Ingwer und Kardamom.«

Er hielt mir das Schälchen entgegen. Ich probierte und die Soße war himmlisch. »Hmmm … ungewöhnlich, aber gut.«

Mein Vater strahlte beseelt. Bernd Speckmann war nicht umsonst der stolze Besitzer der wohl besten Currywurst-Bude Berlins. Und das wollte was heißen. Immerhin war Berlin nicht gerade arm an Currywurst-Buden. DochSpeckmanns Imbiss war sozusagen das Borchardts unter den Berliner Fastfood-Tempeln. Vor zwanzig Jahren hatte er sich mitten in Pankow auf einem Baumarkt-Parkplatz mit unserem alten, zur Frittenschmiede umgebauten Wohnmobil niedergelassen. Seitdem hatte er es zur Berliner Wurst-Legende gebracht.

Der Laden brummte, auch wenn die üblichen Berlin-Touristen nicht zu seiner Kundschaft gehörten. Seine Currykreationen zogen stattdessen Heerscharen von Taxifahrern, Handwerkern, Putzfrauen und Paketboten an, die ihre Pause gern bei Curry-Pommes-Schranke verbrachten.

Was sich für meine Arbeit beim Berliner Blitz als echter Segen erwies. Schließlich gab es kaum jemanden, der so gut informiert war, wie die fleißigen Helferlein der Gutbetuchten. Sie waren mein unversiegbarer Quell all der exklusiven, skurrilen, geheimen und manchmal sogar sensationellen Nachrichten, die eine Millionenmetropole wie Berlin zu bieten hatte. Ich brauchte mich nur in den Stoßzeiten für ein paar Stunden zu meinem Vater in den Imbiss zu gesellen, schon hatte ich alle relevanten Informationen beisammen, um bei der nächsten Redaktionskonferenz mit grandiosen Neuigkeiten Eindruck zu schinden. Das zu meinen herausragenden Recherchekünsten. Die waren jetzt sowieso Geschichte.

Während ich die unfassbar leckere Wurst in mich hineinstopfte, regte sich leiser Widerstand in mir. So schnell wollte ich nicht aufgeben.

»Ich liebe diesen Job, Papa.«

Nun ja, es war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber das wollte ich hier und jetzt nicht ausdiskutieren.

»Irgendwie kriege ich den schon wieder. Wer weiß – spätestens in zwei Wochen wird Yvonne so viel Chaos in der Redaktion angerichtet haben, dass Simon mich auf Knien anfleht, wieder zurückzukommen.«

Manchmal musste man sich die Dinge einfach schönreden. Meinem Vater war anzusehen, dass er diesen Optimismus nicht ganz teilte. Doch da er über die gleichen netten Qualitäten verfügte wie ich, behielt er seine Zweifel für sich. Er lächelte mich lieber aufmunternd an und schlug mir vor, ihm im Imbiss zu helfen, während ich auf Yvonnes Rausschmiss wartete. Natürlich gegen einen angemessenen Stundenlohn, um das karge Arbeitslosengeld aufzubessern.

»Weißt du noch, wie viel Spaß wir hatten, wenn du mir geholfen hast? Das hat mir die letzten Jahre echt gefehlt.«

So konnte man das natürlich auch sehen. Tatsache war allerdings, dass ich damals ständig die Wurst hatte anbrennen lassen, dafür dann aber die Pommes halb roh servierte.

»Klar helf ich mit, Papa.«

Er strahlte über das ganze Gesicht.

»Wir können an neuen Spezialsoßen arbeiten. Es gibt niemanden, der so gut den Geschmack unserer Kunden trifft, wie du.«

Er meinte es als Kompliment. Wenn ich mir die Kunden so ansah, die an den Stehtischen vor dem Foodtruck ihre Pommes in sich hineinschlangen und mit einem Bier nachspülten, überkam mich allerdings ein gewisser Frust.

»Du hilfst Papa im Imbiss? Respekt!«

Meine Schwester Lena sah mich spöttisch an, während sie dem einohrigen, etwas mitgenommen aussehenden Wildkaninchen eine Möhre ins Gehege legte.

»Ich helfe Papa gern! Ich bin mir nämlich nicht zu schade für Pommesschwenken, falls du das denkst!«, gab ich empört zurück.

Lena lachte laut und dreckig.

»Respekt für Papa, du Blödi. Nicht für dich. Ich hoffe, du fackelst diesmal nicht wieder alles ab.«

Ich stöhnte laut auf und wollte nicht weiter an den unangenehmen Vorfall erinnert werden, der während meiner Schulzeit dazu geführt hatte, dass Papas geliebter Imbiss ein Raub der Flammen geworden war. Zum Glück zahlte die Versicherung den Schaden und Papa hatte das alte ausgebrannte Wohnmobil gegen den jetzigen, wesentlich komfortableren Foodtruck ausgetauscht. So wie ich die Dinge sah, hätten wir es auch schlimmer treffen können.

»Ich hab das ja nicht absichtlich gemacht. Das war ein ganz blödes Missgeschick.«

»Ist schon klar.«

Ich hasste diesen spöttischen Blick. Was auch kein Wunder war, wenn ein ironiebegabtes Schicksal einen mit so einer Schwester bestrafte.

Lena war zwei Jahre jünger als ich, Tierärztin mit eigener Praxis und in so ziemlich jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von mir.

Während ich mit Pauken und Trompeten durchs Abi rasselte und viel zu entnervt war, es ein Jahr später erneut zu versuchen, hatte sie zwei Klassen übersprungen und an einem Berliner Elite-Gymnasium ein Einser-Abi absolviert. Es folgte ein Studium der Tiermedizin, das – natürlich – in Rekordzeit abgeschlossen wurde. Da hatte ich gerade meine kaufmännische Ausbildung im Verlagswesen beendet und verzweifelt versucht, beim Berliner Blitz eine Redaktions-Praktikantenstelle zu ergattern, die so mies bezahlt wurde, dass ich weiter bei meinem Vater wohnen musste. Was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hatte. Lena hingegen brachte es mit 24 Jahren zur Teilhaberin einer gut florierenden Kleintierpraxis am Kollwitzplatz. Die Praxis erwies sich als wahre Goldgrube und sie verdiente ein Vermögen mit der Behandlung übergewichtiger Rassekatzen und völlig überzüchteter Modehunde, die alle unter einer Art tierischer Version von ADHS zu leiden schienen.

Praktischerweise hatte sie sich sofort in ihre Kollegin und Teilhaberin Merry verliebt. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde aus den beiden nur ein Jahr später das glücklichste, erfolgreichste und liebenswerteste Ehepaar, das ich sowohl in meinem Hetero- als auch im Homo-Bekanntenkreis kannte. Da konnte man schon mal schlechte Laune bekommen, wie ich fand.

Gleich neben ihrer Praxis bewohnte das Traumpaar ein schickes Penthouse, in dem es (trotz dekadenter 130 Quadratmeter und Dachterrasse) scheinbar nicht genug Platz für all die herrenlosen Kleintiere gab, die sie in ihrer Praxis aufnahmen. So kamen dann Papa und ich ins Spiel.

Unser bescheidenes Elternhaus, das bereits seit drei Generationen in Familienbesitz war und diverse Wirtschaftskrisen, Weltkriege und völlig irre sozialistische Stadtplaner unbeschadet überstanden hatte, besaß nämlich einen riesigen Garten nebst großen Schuppen, der sich hervorragend als Auffangstation eignete.

Zudem waren Lena und Merry der Überzeugung, dass man sich damit doch so nervige Dinge wie Verabredungen sparen konnte. Die beiden waren nicht gerade Organisationsgenies und richteten in ihrer Praxis regelmäßig in heilloses Terminchaos an.

Fast jeden Abend schauten sie daher vorbei, um ihre Patienten zu betreuen. Anschließend aßen sie unseren Kühlschrank leer und plünderten Papas Weinvorräte. Ich fragte mich ernsthaft, ob die beiden Überfliegerinnen jemals in ihrem Leben einen Supermarkt von innen gesehen hatten.

Aktuell waren drei Kaninchen, zwei herrenlose Meerschweinchen, irgendwelche exotischen Springmäuse, deren Namen ich mir nicht merken konnte, und Hugo, ein dreibeiniges Zwergschwein, im Schuppen untergebracht. Wir beendeten gerade die Raubtierfütterung.

»Papa freut sich jedenfalls, wenn ich ihm helfe.«

Ich sah meine Schwester vorwurfsvoll an. »Und Hugo auch. Denn dann ist endlich jemand da, der mit dem armen Schwein spazieren geht.«

Es konnte nicht schaden, meiner großartigen Schwester ein schlechtes Gewissen zu verpassen, denn tatsächlich kümmerten mein Vater und ich uns die meiste Zeit um die Tiere.

Ich sah, wie sich auf Lenas Stirn eine Sorgenfalte bildete. Das passierte ganz automatisch, wenn sie ihrem Gegenüber eine wichtige Mitteilung zu machen hatte. Ich beschloss umgehend, auf ihre Weisheiten zu verzichten.

»Wenn du jetzt auch noch sagst, dass der Job sowieso nicht der Richtige für mich ist, dann suche ich mir eine andere Schwester. Die netter ist.«

Das beeindruckte Lena nicht wirklich, aber immerhin war sie mitfühlend genug, sich mit breitem Grinsen abzuwenden und Hugo ausgiebig die borstigen Ohren zu kraulen.

»Warum fängst du nicht bei uns in der Praxis an, Liz?«

»Lass mich mal überlegen – weil ich keine Tierärztin bin?«

Einen Augenblick schenkte sie mir diesen mitleidigen Blick, den sie immer draufhatte, wenn sie mir etwas wirklich Unangenehmes beichten musste. Wie etwa, dass unser geliebter Goldfisch Nemo mit dem Bauch nach oben im Aquarium schwamm. Oder, dass mein Hollandrad gestohlen worden war, nachdem sie es sich ungefragt ausgeliehen und vor der Uni abgestellt hatte. Nicht abgeschlossen versteht sich. Das zum Rad gehörende ultrasichere Fahrradschloss hatte sie nämlich beim Ausleihen vergessen.

»Ernsthaft, Lizzy. Uns wächst die Arbeit über den Kopf und wir suchen dringend jemanden, der uns den Papierkram abnehmen kann.«

»Ich bin Verlagskauffrau. Keine Tierarzthelferin.«

»Kann schon sein. Aber ich kenne niemanden, der so einen guten Draht zu Tieren hat, wie du.«

Es wurde Zeit den organisierten Rückzug anzutreten.

»Oh, bitte, nicht wieder die alte Leier.«

Ich wartete erst gar nicht ihre Reaktion ab und hatte die Tür des kleinen Schuppens schon geöffnet, um in den Garten zu fliehen. Doch so schnell gab Lena nicht auf.

»Ich mein’s ernst«, sagte sie und folgte mir.

»Da bin ich total neidisch drauf, wirklich. Und super organisieren kannst du auch.«

Ich warf ihr einen genervten Blick zu. Mein persönlicher Plan vom Glück sah vor, eine der besten Journalistinnen zu werden, die diese Welt je gesehen hatte. Was vielleicht etwas größenwahnsinnig war, aber egal. Hunde, Katzen und Meerschweinchen kamen jedenfalls nicht darin vor.

»Ich mag keine Hunde«, murmelte ich abwehrend.

»Blödsinn. Erinnerst du dich an den Fuchs, der mit dem Kopf im Starbucks-Becher feststeckte?«

Natürlich erinnerte ich mich an den Pechvogel, der völlig verängstigt unter einem Müllkorb am Kollwitzplatz gehockt hatte und den weder die Polizei noch Lena aus seiner misslichen Lage befreien konnten. Mit Fauchen und Krallen hatte er sich erbittert gewehrt, und bevor die Beamten den finalen Rettungsschuss in Erwägung zogen, war ich zu Hilfe geeilt.

Wir mussten beide grinsen, als wir an den Vorfall dachten.

»In dem Augenblick, in dem du aufgetaucht bist, beruhigte sich das kleine Mistvieh und wir konnten ihn befreien.«

Das stimmte zwar, aber ich schenkte dem keine große Bedeutung. Wenigstens hatten der Fuchs und ich es zu einer kleinen Meldung im Lokalteil unserer Zeitung gebracht.

»Der war süß. Und kein Mistvieh. Wie redest du eigentlich über deine Patienten? Also ehrlich. Und außerdem: Der hatte sich einfach nur müde gestrampelt.«

»Das war es nicht. Und das weißt du auch.«

Lena sah mich ratlos an, als würde sie vor einem der sieben Weltwunder stehen.

»Du hast ein riesiges Talent und statt es zu nutzen, vergeudest du deine Zeit mit diesem lächerlichen Schmierenblatt.«

»Es ist aber das, was ich machen will. Das, was mich glücklich macht!« Langsam wurde ich ernsthaft sauer. »Und außerdem habe ich keine Lust, mir von meiner ach so erfolgreichen kleinen Schwester vorschreiben zu lassen, was ich tun soll und was nicht. Denkst du ernsthaft, ich lass mich in deiner Praxis von dir herumkommandieren? Eher entkalke ich bis an mein Lebensende die Espressomaschine beim Blitz

Ich stürmte ins Haus und knallte die Tür etwas zu heftig vor Lenas Nase zu, um jeder weiteren Diskussion zu entkommen. Ich war wütend. Und das Dumme an der ganzen Sache war: Ich war nicht wütend auf Lena. Ich war wütend auf mich. Denn tief in meinem Innern begann etwas zu ahnen, dass sie womöglich recht haben könnte.

»Der Barolo ist fantastisch.«

Meine Schwägerin Merry schnalzte genießerisch mit der Zunge und nahm gleich noch einen Schluck aus ihrem Weinglas. Es war bereits ihr zweites Glas an diesem Abend. Wenn sie so weitermachte, wäre Papas Vorrat an diesem edlen Tropfen bald Geschichte. Das kümmerte Merry allerdings herzlich wenig. Wenn sie etwas über alles liebte, (außer ihrer Arbeit und meiner Schwester natürlich) dann war es ein gut temperierter Rotwein, vorzugsweise aus Italien. Mit Franzosen oder Spaniern konnte sie nicht viel anfangen.

Mein Vater nippte ebenfalls genießerisch an seinem Glas, schloss ehrfurchtsvoll die Augen und nickte.

»Kann man trinken.«

Wir saßen im Wohnzimmer unseres kleinen Hauses am großen, runden Esstisch, der noch meinen Großeltern gehört hatte, und aßen gemeinsam zu Abend. Mein Papa hatte pünktlich um sechs seinen Imbiss geschlossen, war zum Großmarkt gefahren, um die Einkäufe für den nächsten Tag zu erledigen und anschließend seine Töchter nebst Anhang mit einem improvisierten Abendessen aus Käse, frischem italienischem Brot, eingelegtem Gemüse und besagtem Barolo zu verwöhnen. Merry war vor knapp einer Stunde bei uns aufgetaucht, um Lena abzuholen und hatte mit der üblichen Begeisterung die Einladung zum gemeinsamen Essen angenommen. Lena und ich schwiegen uns nach dem Vorfall im Garten missmutig an.

»Ist der von diesem genialen Weingut, das wir letzten Herbst besucht haben?« Merry stopfte sich ein Stück italienischen Parmesan in den Mund und spülte zufrieden mit dem teuren Barolo nach.

»Ja. Die Kiste kam gestern mit der Post. Sie lassen euch schön grüßen und ich soll euch sagen, dass es Pepito prima geht.«

Pepito war ein junges Eselsfohlen, das Merry und Lena in ihrem Italienurlaub mal ganz nebenbei auf die Welt gebracht hatten. Aus lauter Dankbarkeit schickten Pepitos Besitzer nun meinem Vater regelmäßig eine Kiste ihres besten Rotweins, den sie auf dem Gut anbauten.

»Ach … Italien.« Merry seufzte und legte ihre Hand auf Lenas, die mit dem Weinglas spielte. »Wir müssen mal wieder Urlaub machen, Süße. Ein Kurztrip nach Sizilien vielleicht. Da ist es schon richtig warm.«

Sie sah mich begeistert an. »Komm doch auch mit, Liz. Jetzt hast du endlich mal Zeit.«

Ich zuckte nur lustlos mit den Schultern. Lena ebenfalls.

»Bevor wir zum Nachtisch kommen, verratet ihr uns, was bei euch los ist?«

Mein Vater hatte langsam die Nase voll von der Spannung, die unausgesprochen in der Luft lag. Er hatte es nie ertragen können, wenn zwischen seinen Kindern Streit war. Was vermutlich daran lag, dass wir uns so gut wie niemals stritten.

»Nichts, was soll bei uns los sein?«

Lena blickte betont unschuldig und schwieg.

Merry kam meinem Vater zu Hilfe.

»Ihr habt euch gestritten.« Sie sah Lena mahnend an. »Und versuch gar nicht erst, mich abzuwimmeln, Schnucki, ich rieche es zehn Meilen gegen den Wind, wenn du mir was verheimlichst.«

»Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nichts Wichtiges.« Ich versuchte, das Gespräch wieder auf ein anderes Thema zu bringen. »Soll ich noch eine Flasche aus der Küche holen? Die hier ist fast alle.«

Ich wollte aufstehen und die Flucht ergreifen.

»Genau das ist das Problem, Liz. Was so offensichtlich ist, wie ein rosa Elefant im Schlafzimmer, ist für dich nicht wichtig.«

Ich lehnte mich wieder zurück in meinen Stuhl. Lena wollte Krieg. Den konnte sie haben.

»Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass mir andere Dinge wichtig sind. Menschen sind nun mal verschieden, falls es dir bislang entgangen sein sollte.«

»Mir ist jedenfalls nicht entgangen, dass du dir seit Jahren etwas vormachst.«

Gebannt verfolgten Papa und Merry unseren Schlagabtausch. Und hielten sich wohlweißlich zurück. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für irgendwelche Kommentare.

»Schön, dass du dich in meinem Leben so super auskennst.«

Ich funkelte Lena sauer an. »Ich habe jedenfalls keine Ahnung, was du meinst. Und ganz ehrlich, es interessiert mich auch nicht.«

»Es sollte dich aber interessieren.« Lena beugte sich kampflustig vor. »Sieh dich doch mal an: Du bist über dreißig, wohnst noch bei deinen Eltern und lässt dich seit sechs Jahren als Praktikantin ausbeuten. Dabei arbeitest du so viel, dass du noch nicht einmal Zeit hast, dir auch nur Gedanken über dein nicht existentes Liebesleben zu machen.«

Merry legte beruhigend die Hand auf den Arm ihrer Liebsten und ihr Blick sagte deutlich, jetzt besser nicht zu übertreiben. Das sah ich genauso. Lena war in Begriff, ein paar Grenzen zu überschreiten.

Was sie nicht davon abhielt, es auch weiterhin zu tun.

»Hast du dir mal überlegt, wo du in zehn Jahren stehst, wenn du so weitermachst?«

Ich schwieg. Tatsächlich versuchte ich, möglichst wenig an meine Zukunft zu denken.

»Du wirst als frustrierte, einsame, ausgebrannte Hilfskraft enden, die ihre besten Jahre damit verplempert hat, die heißen Kohlen für schwachsinnige Kolleginnen aus dem Feuer zu holen! Willst du das wirklich, Liz? Ist das deine Vorstellung von einem glücklichen Leben?«

»Es reicht, Lena.« Mein Vater griff nun doch streitschlichtend ein. »Liz hat recht. Es ist ihr Leben und sie kann es leben, wie sie will. Nicht wie du, oder ich, oder sonst wer es für richtig hält.«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, Papa, dass du ihr damit hilfst!« Lena sah unseren Vater aufgebracht an. »Du packst sie in Watte! Das hast du schon immer gemacht! Seit damals. Seit Mama …«

Lena unterbrach sich, als sie Papas erschrockenen Gesichtsausdruck sah. Dann senkte sie den Blick und stocherte auf ihrem Teller rum. »Ist ja auch egal.«

Einen Moment herrschte bedrücktes Schweigen. Alle starrten auf ihre Teller oder musterten interessiert ihre Gläser. Und vermieden dabei den Blickkontakt zu mir.

Dieser Tag war wirklich mies gelaufen und dieses Schweigen, dieses mitleidige Schweigen, gab mir den Rest.

»Gut zu wissen, dass ihr mich alle für eine totale Versagerin haltet, echt prima! Vielen Dank auch! Vielleicht sollte ich mir auf Streetview schon mal ’ne Brücke suchen, von der ich springen kann.«

Damit stand ich auf und eilte hoch auf mein Zimmer. Ich hörte noch Merrys Ratschlag, mich jetzt besser in Ruhe zu lassen. Wenigstens eine, die mich verstand.

Stunden später lag ich auf meinem Bett und starrte auf den Bildschirm meines Fernsehers, den Papa schräg gegenüber an der Wand angebracht hatte. Es lief eine dieser nervigen Castingshows, in der es darum ging, möglichst viele Mitbewerber bei was auch immer aus dem Rennen zu schlagen. Worin der Erfolg für die Teilnehmer bestehen sollte, blieb ein Rätsel. Denn bis auf ein paar Augenblicke Ruhm erwartete die Gewinner nicht besonders viel. Dafür, dass sie sich zur besten Sendezeit zum Deppen gemacht und dem Fernsehsender Bombenquoten und üppige Werbeeinnahmen beschert hatten. Ich konnte eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Leben feststellen.

Mit dem Job als Praktikantin machte ich mich auch zum Deppen. Den Gewinn strich Yvonne ein. Und selbst wenn ich in ein paar Wochen zurück in die Redaktion käme, weil Simon mich darum bat, würde sich an dieser deprimierenden Perspektive nichts ändern.

Zu allem Überfluss hatte Lena nicht nur in Bezug auf meine berufliche Karriere recht. Mein Liebesleben war, wie sie richtig festgestellt hatte, nicht existent.

Mein letztes Date war Jahre her, hatte aber immerhin zu einer rekordverdächtigen sechsmonatigen Beziehung mit einem wirklich netten Koch geführt, der bei uns in der Kantine seiner Leidenschaft für Schmorbraten nachging.

Lukas war, wie gesagt, ein wirklich netter Kerl und konnte so unbekümmert flirten, dass Widerstand zwecklos war. Und weil Lukas das Herz und Gemüt eines unschuldigen Labradorwelpen besaß, konnte ich ihm schlecht sagen, dass ich seine Liebe nicht aufrichtig erwiderte. Es hätte ihm das Herz gebrochen. Und wer tut das schon gerne bei einem Labradorwelpen? Nach sechs Monaten war der Welpenschutz vorbei und ich beendete unsere kleine Liaison.

Dass ich ihn nicht liebte, war nicht Lukas’ Schuld gewesen. Er hatte mich zum Lachen gebracht, ständig mit irgendeiner Kleinigkeit überrascht und der Sex mit ihm war erstaunlich gut. Doch wenn ich ehrlich war, dann schien es auf dieser großen weiten Welt einfach niemanden zu geben, in den ich mich aufrichtig verlieben konnte.

Mit einer Ausnahme.

Den Einen hatte es gegeben. Vor langer, langer Zeit und mein Herz wollte jedes Mal vor Glück zerspringen, wenn er mich nur ansah.

Es zersprang tatsächlich.

Nämlich in dem Moment, indem er mich fassungslos stehenließ, als ich versuchte, ihn zu küssen und er alles andere als begeistert darüber war.

Shit Happens.

Ich starrte erneut auf den Bildschirm und all die gutgelaunten Menschen.

Was stimmte nicht mit mir?

Alle um mich herum schienen ihr Glück zu finden, selbst in so einer blöden Show, und ich tapste blind wie ein Maulwurf durch den Garten des Lebens und holte mir eine Beule nach der anderen.

Kurz darauf war zu hören, wie Lena und Merry sich vor dem Haus von Papa verabschiedeten und in ihr schickes Elektroauto stiegen, um zurück in ihr ebenfalls schickes Penthouse zu fahren. Ich wartete noch eine Weile, bevor ich runter in die Küche ging. Ich wollte sichergehen, dass mein Vater im Bett war und ich keinem meiner Familienmitglieder mehr begegnen würde.

Der Tisch im Wohnzimmer war abgeräumt und die Küche blitzblank geputzt. Lena hatte sich für ihren verbalen Ausrutscher anscheinend damit entschuldigt, dass sie und Merry das Chaos mal ausnahmsweise beseitigten, das sie normalerweise bei ihren Besuchen hinterließen. Nur das schwache Licht über der Dunstabzugshaube brannte noch. Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und schüttete mir den restlichen Barolo ein.

»Sie hat es nicht so gemeint, Liz. Sie macht sich nur Sorgen um dich.«

Vor Schreck verschluckte ich mich an dem Rotwein. Papa lehnte mit seiner Zahnbürste in der Hand am Durchgang zum Flur. Weiße Reste der Zahnpasta klebten noch an seinem Kinn. Er musste mich im Bad gehört haben, obwohl ich wirklich leise die Treppe heruntergeschlichen war.

»Es ist spät, Papa. Lass uns ein anderes Mal darüber reden.«

Er nickte. »Dann schlaf gut. Bis morgen.«

Papa drehte sich um und wollte wieder ins Bad. Der traurige Ausdruck in seinen Augen erzeugte einen dumpfen Schmerz in meiner Brust.

»Papa?!«

Er drehte sich noch einmal um.

»Ich weiß, dass Lena es nicht böse meint. Aber ihr gegenüber komme ich mir vor, wie die größte Versagerin der Welt. Wenn ich jetzt noch bei ihr in der Praxis anfange, dann …«

Papa kam zu mir und nahm mich in den Arm, weil ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte.

»Hey … du bist keine Versagerin. Niemand denkt das von dir. Schon gar nicht Lena.«

Es tat gut, von Papa gehalten zu werden.

»Du wirst deinen Weg schon finden. Da bin ich mir ganz sicher.«

»Auch wenn ich schon steinalt bin?« Ich sah ihn an. »Glaubst du das wirklich?«

»Ja. Und zwar immer einen Schritt nach dem anderen.«


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Elli C. Carlson lebt und arbeitet in Berlin und hat unzählige Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Seit sie ihren ersten Roman All die kleinen Dinge 2016 veröffentlicht hat, kann sie nicht mehr damit aufhören. Humorvolle, emotionale und spannende Liebesgeschichten haben es ihr angetan. Happy End garantiert.