Ein schweigsamer Gentleman

Kapitel 1

28. Oktober 1873

Lugtrout war wieder betrunken.

Clem Talleyfer betrachtete ihn mit einem Hauch lustloser Resignation. Nicht dass er etwas gegen Lugtrout hatte, abgesehen davon, wie er sich mit beiläufiger Geringschätzung über die Hausregeln hinwegsetzte, einfach weil er es konnte, oder dass er zwischen Saufgelagen zu Hasstiraden über Buße und Erlösung ansetzte. Und er hasste es, wenn Lugtrout seinem Gegenüber zu lange in die Augen sah. Er tat das, starrte, bis einem die Augen tränten und die Schulterblätter juckten, und es verspannte Clem unkontrollierbar. Er hatte es noch nie gemocht, wenn Menschen das taten. Sieh mir in die Augen, Junge!, war in der Schule ein unaufhörlicher Refrain gewesen, aber es heißt, die Augen seien die Fenster zur Seele, und Clem fühlte sich nicht wohl dabei, in anderer Leute Fenster zu spähen.

Tatsächlich hatte er eine ganze Menge gegen Lugtrout. Aber es gab kein Drumherum, der Mann lebte hier und würde nicht umziehen. Andere Mieter kamen und gingen; Lugtrout blieb auf ewig.

Mr. Green war gekommen und er würde heute Abend zurückkehren. Der Gedanke schlich sich herein, ohne dass Clem davon Notiz nahm. Es war viertel vor neun, an einem grässlichen, nieseligen Oktoberabend. Mr. Green sollte nicht so spät arbeiten. Im Gaslicht würde das seinen Augen schaden, seinen braungrünen Augen, mit der Farbe einer von Sonnenlicht durchdrungenen Waldlandschaft im Frühling, unter dem dicken Glas seiner Drahtgestell-Brille. Clem hatte ganz und gar nichts dagegen einzuwenden, in Mr. Greens Augen zu sehen.

Lugtrout hustete trocken und halb erstickt, als entferne er etwas Schreckliches aus seinem Hals. Wenn er es auf den Teppich spuckte, würde Clem … nun, er war nicht sicher, was er tun würde, aber er wäre fuchsteufelswild.

Er musste sich jetzt um Lugtrout kümmern oder der Kerl würde den Salon mit seinem Nase-Hochziehen und Schnarchen den ganzen Abend für die anderen Mieter unbewohnbar machen und womöglich das halbe Haus aufwecken, wenn er nach Mitternacht zeternd ins Bett stolperte. Talleyfer’s bot Unterkunft für geschickte Handwerker und für Lugtrout, und alle Arbeiter standen früh auf, vor allem im Winter, wenn das Tageslicht kostbar war. Niemand würde sich darüber freuen, um Mitternacht gestört zu werden.

Clem bewegte sich widerwillig zum Sessel hinüber, auf dem der Betrunkene schnarchte, und schüttelte ihn zaghaft an der Schulter. „Mr. Lugtrout? Stehen Sie auf. Kommen Sie, Sie können hier nicht schlafen.“

Lugtrout gurgelte, während sich seine feuchten Lippen tonlos bewegten. Clem zwang sich, die Schulter des Mannes erneut zu schütteln, und hasste das Gefühl fettigen Wollstoffs an seinen Fingern. „Kommen Sie, Mr. Lugtrout.“

„Verpiss dich!“, murmelte Lugtrout, ohne die Augen zu öffnen. „Tuntiges Luder.“

Er war kein besonders großer Mann, etwa eins achtundsiebzig, wie Clem auch, aber mit Ausnahme eines Bierbauchs schlaksig. Nichtsdestotrotz hatte Clem ihn schon zuvor die Treppe nach oben geschleppt und er wusste, dass das weder eine leichte noch eine angenehme Aufgabe war. Vergeblich zerrte er am Arm des Kerls, versuchte, für besseren Stand einen Schritt zurück zu machen, und bemerkte, dass der kleine Tisch hinter ihm im Weg war. „Zur Hölle damit! Aufstehen!“

„Ach herrje!“

Die Stimme, leise und verschroben, kam von hinter Clem. Er drehte sich etwas zu schnell um, stolperte fast über den kleinen Tisch hinter sich und sah Mr. Green im Eingang. „Oh, guten Morgen. Abend.“

„Guten Abend. Wie ich sehe bleibt Mr. Lugtrout sich treu.“ Mr. Green trat vor. Er war ein kleiner Mann, zehn bis zwölf Zentimeter kleiner als Clem; gedrungen, gepflegt and unglaublich präzise in seinen Bewegungen. Er erinnerte Clem an die Hausspatzen, die sich an den Dachvorsprüngen scharten und mit wachen Augen beobachteten. „Brauchen Sie Hilfe?“

„Oh ja, bitte“, sagte Clem leidenschaftlich. Es war nicht nur, dass er ihm mit Lugtrout half, so willkommen das auch war; es war die Art, wie Mr. Green seine Hilfe anbot. Er ignorierte nicht; insistierte nicht; machte lediglich ein Angebot und würde gehen, wenn man ihn nicht brauchte. Es war nicht Clems Lieblingseigenschaft an ihm, aber auch nur wegen der harten Konkurrenz.

„Nun, wenn Sie ihren Fuß gegen seinen stellen …“ Mr. Green demonstrierte, stützte seinen Fuß seitwärts gegen Lugtrouts dreckigen Schuh und wartete darauf, dass Clem die Bewegung erfolgreich nachgemacht hatte. „Warten Sie, lassen Sie mich den Tisch zur Seite stellen. Gut. Gehen Sie etwas in die Hocke – etwas mehr, Sie brauchen einen niedrigen Schwerpunkt – und nehmen Sie beide Arme. Und jetzt ziehen.“

Clem zog. Lugtrout kam ihnen überraschend leicht und schnell entgegen, schnell genug, dass Clem zurückstolperte. Mr. Green war hinter ihm, als hätte er vorausgesehen, dass das passieren würde, und hielt seine Hände gegen Clems Rücken gestemmt. Sie fühlten sich unglaublich kalt an, selbst durch Clems Jacke und Weste hindurch. Er hatte Mr. Green nie den kleinen Ofen in der Werkstatt nebenan heizen sehen, und ihm missfiel der Gedanke daran, wie sehr er diesen Winter frieren würde.

Mr. Green trat beiseite, während Clem sein Gleichgewicht wiederfand. Lugtrout war auf ihm zusammengesackt und murmelte auf verschlafen aggressive Weise. Er stank nach Gin und als Clem sein Gesicht in Ekel abwandte, begann Lugtrout hinabzurutschen.

„Verzeihung“, sagte Mr. Green. Clem war nicht sicher, was er getan hatte, aber Lugtrout heulte plötzlich vor Schmerz auf und schnellte hoch. Clem packte ihn, damit er nicht sein Gleichgewicht verlor.

„Wissen Sie, wer ich bin?“, lallte Lugtrout. „Ich bin Geistlicher. Wie können Sie es wagen, einen Mann der Kirche zu misshandeln, Sie Arschloch?“

„In Ihrem Zimmer gibt es doch sicher eine Flasche Gin, nicht wahr?“, sagte Mr. Green. „Kommen Sie, gehen wir nach oben und versorgen Sie mit einem Drink.“

Clem öffnete seinen Mund, um zu betonen, dass Mr. Lugtrout wirklich genug gehabt hatte, aber Mr. Green bemerkte es und schüttelte leicht den Kopf. „Trinken wir ein Glas, Reverend. Gehen wir rauf in Ihr Zimmer. Kommen Sie. Würden Sie ihn stützen, Mr. Talleyfer?“ Er wartete, bis Clem sich Lugtrouts Arm um die Schulter gelegt hatte, nahm den anderen mit einem aufmunternden Ziehen und gemeinsam brachten sie den Mann ohne weiteren Ärger in sein Zimmer im zweiten Stock. Nur Sekunden nachdem sie ihn aufs Bett geschoben hatten, schnarchte er schon.

Mr. Green winkte Clem auf den Flur hinaus und schloss die Tür mit einem sanften Klicken. „So. Mit etwas Glück sehen wir ihn heute Abend nicht mehr.“

„Ich hoffe es“, sagte Clem leidenschaftlich. „Danke. Es ist nicht leicht, seiner Herr zu werden, wenn er betrunken ist.“

„Nun, Trinker.“ Mr. Green schnitt eine Grimasse. „Mein Vater trank.“

„Oh.“ Das war furchtbar unangemessen, aber Clem fiel keine bessere Antwort ein. „Ähm, hätten Sie gerne eine Tasse Tee?“

Mr. Green lächelte ihn an, mit diesem ihm eigenen, raschen Lächeln. Es war immer eine zweigeteilte Bewegung: Seine Lippen zogen sich für einen Moment in die Breite und zuckten dann fest zusammen, als ob er jemandem eine Kusshand zuwerfen würde. „Ich hätte liebend gerne eine Tasse Tee.“

Sie setzten sich in Clems kleines Arbeitszimmer. Er hatte zwei angrenzende Zimmer als Teil des Arrangements, nach dem er lebte und das Haus führte; keines war groß, aber der Platz reichte ihm. Zwei bequeme Sessel standen am Feuer, und Mr. Green setzte sich auf seinen Stammplatz, während Clem damit beschäftigt war, Teewasser aufzusetzen. Cat tappte geräuschlos herüber und sprang auf Mr. Greens Schoß, so wie er es immer tat.

Mr. Green war vor acht Monaten eingezogen, zur selben Zeit, als er den Laden nebenan übernommen hatte. Clem war wegen seiner Beschäftigung natürlich ein wenig nervös gewesen, und einige der anderen Mieter hatten sich in Erwartung von Gestank oder allgemeiner Seltsamkeit beschwert, aber es hatte ihn etwa eine Woche gekostet, ein selbstverständlicher Teil des Hauses zu werden, als wäre er schon immer hier gewesen. Er hatte eine stille, höfliche Ausstrahlung, seine Einwürfe waren selten, aber immer vernünftig; er war nach Mitternacht leise; er machte nie Probleme oder Unordnung. Polly, Clems Haushälterin, die ihre feste Absicht zum Ausdruck gebracht hatte, zu kündigen, wenn sie mit irgendwelchen Zeichen von Mr. Greens Berufsstand konfrontiert würde, servierte ihm zu jeder Mahlzeit die erlesenste Portion und betrachtete ihn als den perfekten Mieter.

Und Clem sah es genauso. Mr. Green, mit seinem zweifarbigen Haar, seinen wandelbaren haselnussbraunen Augen, seinen flinken Bewegungen und seiner Ruhe. Mr. Green, der nie schrie und nie ungeduldig war. Mr. Green, der, wenn Clem da war, mittlerweile fast jede Nacht für eine Tasse Tee in Clems kleinen Salon kam, sodass ihre Treffen ein Fixpunkt geworden waren, die Belohnung, auf die er sich den ganzen Tag freute.

Clem musste aufhören, so viel über Mr. Green nachzudenken.

Er holte die Teedose hervor, dann das Geschirr, und sah sich schließlich nach der Teekanne um. Mr. Green saß still da und schaute in die Flammen.

Das war noch so eine Sache. Er machte nie Konversation, wenn Clem Wasser aufsetzte oder wenn er sonst irgendetwas tat. So viele Menschen mussten immerzu reden, und es funktionierte nie. Sie plapperten, während Clem sich auf etwas konzentrierte, und so überhörte er wichtige Dinge oder wurde von dem abgelenkt, was er tat, und vergaß, den Kessel aufs Feuer zu stellen oder Ähnliches, und dann wurden sie wütend oder, was schlimmer war, lachten. Mr. Green lachte nie über Fehler oder verlangte Aufmerksamkeit, wenn Clem beschäftigt war, er starrte nie. Er saß ganz einfach ohne zu sprechen am Kamin und streichelte abwesend Cats gestreiftes Fell, als wäre hier zu sein das Angenehmste, was er sich vorstellen konnte, und es gab keinen Grund für Gespräche, keine Eile.

Der Tee war in Windeseile fertig. Clem gab Milch hinzu, keinen Zucker, und reichte Mr. Green die Tasse. „Danke, Mr. Talleyfer. Das hier ist ein Vergnügen.“

„Sie müssen durchgefroren sein“, sagte Clem. „Von ihrer Werkstatt, meine ich.“

„Es wird kalt, das stimmt. Ich kann mir Feuer nicht leisten.“

„Oh. Laufen die Geschäfte nicht gut?“

„Gar nicht so übel, danke der Nachfrage. Ich meinte, ich mache mir Sorgen wegen Feuer im Laden. Die Tierpräparate sind sehr trocken und behandelt, also sind sie leicht entzündlich, sodass selbst ein Funke verhängnisvoll sein kann. Ich benutze einen Ofen nur dann, wenn es nicht anders geht. Aber ich habe den ganzen Tag an diesen Sessel und eine Tasse Tee mit ihnen gedacht.“

Clem konnte sich eines warmen Schauderns nicht erwehren. Mr. Green sprach lediglich vom Vergnügen des Kamins, er wusste das, und dennoch … „Sie sind immer willkommen.“

„Danke.“ Mr. Greens Augen lächelten ihn über den Drahtrahmen seiner Brille hinweg an, während er an seinem Tee nippte. „Darf ich Sie etwas fragen? Sie führen hier ein tadelloses Haus. Es ist einer der angenehmsten Orte, an denen ich je logiert habe.“ Clem spürte, wie er rot anlief, und murmelte: „Zu freundlich.“

„Nein, nicht im Geringsten. Es ist sauber, ruhig, gemütlich und ordentlich. Alles, was ich schätze. Abgesehen von Mr. Lugtrout.“ Mr. Green legte seinen Kopf schief. „Die Regeln besagen, dass Alkohol verboten ist, aber er ist ein Säufer. Keine Belästigung, aber er stellt sich mindestens alle vierzehn Tage zur Schau …“

„Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“

„Verstehen Sie es nicht als Genörgel. Wie gesagt, ich bin dran gewöhnt. Aber ich wundere mich, warum Sie es mit ihm aushalten.“

„Ich würde es nicht, wenn ich nicht müsste“, gab Clem zu. „Es ist ein, ein …“ Er hatte das Wort vergessen, verdammt, es lag ihm auf der Zunge, er wusste, er klang wie ein Dummkopf. Es war nicht mal ein schweres Wort, aber es wollte ihm einfach nicht einfallen. „Etwas, auf das die Eigentümer bestehen, dass ich ihn hier wohnen lasse.“

„Die Bedingungen des Mietvertrages?“

„Ja, genau.“

„Das erscheint mir etwas streng.“ Mr. Green zog die Stirn leicht in Falten. „Wissen die Eigentümer von seiner, ähm, Angewohnheit?“

„Ich glaube, es ist ihnen egal“, sagte Clem. „Ich soll ihm Unterkunft gewähren und es so lange mit ihm aushalten, wie er hier zu bleiben beliebt. Das ist die Vereinbarung.“

„Nun, wir können nur hoffen, dass er sich zu Tode säuft“, bemerkte Mr. Green, und die Brutalität seiner Bemerkung war wegen ihres leidenschaftslosen Tons umso erstaunlicher. Er warf Clem einen flüchtigen Blick zu lächelte kurz. „Ich bitte um Verzeihung. Ich habe wenig Toleranz für Säufer. Und ich bin nicht sentimental.“

„Ich nehme an, Ihre Arbeit wäre schwierig, wenn Sie es wären“, merkte Clem an und Mr. Green lachte. Er lachte seltsam kratzend, es klang tatsächlich beinahe gemein, und es erfüllte sein oft ausdrucksloses Gesicht mit Leben.

„Ja, ich würde meine Tage damit verbringen, zu weinen und zu klagen. Besser nicht.“

„Ist es schwierig?“, fragte Clem, unfähig seine Neugier zu verbergen. Er hatte nie wirklich nach Mr. Greens Arbeit gefragt. Alle anderen Mieter waren so wissbegierig gewesen, und da Clem es hasste, mit Fragen bombardiert zu werden, nahm er davon Abstand, sich dem anzuschließen, obwohl man gar nicht anders konnte als sich zu wundern. Genauso wie es einem nicht entgehen konnte, dass Mr. Greens Fingerspitzen immer etwas fleckig waren.

„Wegen der toten Lebewesen? Nein, daran gewöhnt man sich sehr schnell. Aber es ist schwierige Arbeit. Sie verlangt Sorgfalt und Präzision.“

„Ich wäre nicht gut darin.“ Clem lächelte beim Sprechen, aber Mr. Green runzelte kaum merklich die Stirn.

„Nun, wahrscheinlich nicht. Ich wäre wohl kein guter Pensionswirt. Mein ideales Haus wäre eines mit niemand anderem darin, und ich bin ziemlich sicher, das wäre schlecht fürs Geschäft. Wohingegen Sie uns allen ein Zuhause bereitet haben.“

„Nun, vielen Dank. Aber es ist keine qualifizierte Arbeit.“

„Ich lebe seit zehn Jahren in Pensionen“, sagte Mr. Green. „Wenn es keine Qualifikation ist, dafür zu sorgen, dass man sich heimelig fühlt, dann ist es eine seltene und kostbare Gabe.“

Clem wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er wusste nie, wie er Komplimente kommentieren sollte. Sie gaben ihm das Gefühl, als müsse er im Gegenzug etwas Freundliches sagen, aber er konnte nichts über Mr. Greens Laden sagen, weil er nie darin gewesen war. Von Anfang an wollte er, aber je mehr er sich für seinen Inhaber interessiert hatte, umso schwieriger war es erschienen, sich die Geschäftsräume wie zufällig anzuschauen. „Würden Sie sie mir zeigen? Ihre Arbeit, meine ich.“

Das war aus dem Zusammenhang gerissen, wie er zu spät feststellte, als Mr. Green blinzelte. Clems Vater und seine Schulmeister hatten ihn unzählige Male zurechtgewiesen, wenn er das Thema wechselte oder abschweifte, und er hatte versucht, darauf zu achten, dass seine Zunge nicht machte, was sie wollte; aber dann verlor er sich in Unterhaltungen mit Menschen, die er mochte, was dazu führte, dass er aufhörte, sich zu beobachten und dass er es wieder getan hatte. Verdammt.

Mr. Green sah jedoch nicht verdutzt oder verärgert aus. Tatsächlich sah er ganz und gar zufrieden aus. „Ich führe Sie gerne herum, wenn Sie mögen. Morgen?“

Sie bestätigten die Verabredung und sprachen noch etwas länger, bis die Uhr zehn schlug. Dann verabschiedete Mr. Green sich so, wie er es immer tat, mit diesem flackernden Lächeln, entfernte den sanft schnarchenden Cat von seinem Schoß und ging nach oben, und Clem machte sich daran, das Haus für die Nacht vorzubereiten. Er hatte eine Liste mit den Dingen, die zu tun waren und ihrer Reihenfolge, auswendig gelernt, nachdem er in den Anfangstagen zwei Mal vergessen hatte, die Türen abzuschließen. Polly hatte klargestellt, dass sie keine Absicht hatte ins Haus zu kommen und sie alle ermordet in ihren Betten vorzufinden.

Er war gerade fertig geworden, die Spülküche zu fegen, als die Uhr zur halben Stunde schlug. Es war Zeit abzuschließen, aber Mr. Power war noch nicht zuhause. Clem kannte die Schritte jedes Mieters in diesem knarrenden Haus, und nach so langer Zeit wusste er stets, wer zuhause war und wer nicht, ohne bewusst darauf zu achten. Es war eine Hausregel, dass die Türen um Schlag halb elf abgeschlossen und auch nicht wieder geöffnet wurden, egal wie heftig jemand klopfte, aber Mr. Power war ausgegangen und warb um Millie Blanchard aus Clerkenwell Green. Wenn er mit seiner Verabschiedung wartete, bis die Uhren zur halben Stunde schlugen, würde er ein paar Minuten brauchen, um zurück in die Wilderness Row zu laufen. Clem konnte noch etwas länger herumwerkeln, um dafür zu sorgen, dass er es sicher bis nach Hause schaffte. Es war ein Zugeständnis, das er nicht machen sollte, aber er konnte Mr. Power keinen Vorwurf machen, nicht pünktlich wieder zurück zu sein. Erstens war er selbst oft genug spät dran, um es bei anderen zu kritisieren. Und zweitens würde auch er das Zeitgefühl verlieren, wenn er ein Rendezvous hätte, wenn er und sein Liebster wie Millie und Mr. Power draußen herumspazieren könnten. Wenn …

Wenn Mr. Green.

Es war vermutlich eine dumme Idee, sich so etwas vorzustellen, aber es war sehr schwer, es nicht zu tun. Mr. Green, mit seinen strahlenden Augen versteckt hinter seiner Brille, mit seiner ruhigen Art und seiner verständnisvollen Geduld, gab Clem ein Gefühl wie Cat es auf dessen Schoß haben musste: harte Knochen, die unter wohltuendem Streicheln schmolzen. Sein Lächeln, wie das Aufblitzen eines vorbeifliegenden Vogels, da und schon wieder weg, hinterließ einen Eindruck von Schönheit. Seine bestimmten, präzisen Finger.

Sein Vorname war Rowley, und eines seiner Ohren war an der Oberseite flach, als ob der Knorpel sich entkräuselt hätte, und Clem hatte keine Ahnung, ob er Männer mochte oder Frauen oder überhaupt irgendjemanden.

Andere Menschen waren besser darin, diese Dinge zu erkennen. Im Jack and Knave ganz sicher jeder, obwohl das überhaupt erst der Sinn und Zweck des Jack and Knave war. Süßer, mit solchen Augen kannst du meinen Drink verschütten, wann du willst, hatte Gregory an Clems erstem Abend dort gesagt, als dieser ihm den Gin aus der Hand gestoßen und ihm schließlich im Hinterzimmer einen geblasen hatte, was seine Aussage deutlich unterstrich. Im Jack konnte man sich jedermanns Neigungen sicher sein, schließlich wurde man nur dorthin eingeladen, wenn man sie offenlegte, und so musste Clem sich keine Gedanken über den Versuch machen, unsichtbare Runen zu lesen. Er wünschte, er hätte Mr. Green im Jack kennengelernt.

Er würde sogar so weit gehen, einen der anderen zu bitten, vorbeizukommen. Gregory könnte Mr. Greens Interessen wahrscheinlich aus fünfzig Schritten Entfernung erkennen. Clem hatte voller Faszination gelauscht, als Gregory, der polnische Mark und der Journalist Nathaniel neulich darüber diskutiert hatten, wie man „einfach erkannte“, welche Vorlieben ein Mann hatte, welche Schuld er mit sich herumtrug oder ob er etwas zu verbergen hatte, woraus man eine gute Geschichte machen konnte. Clem schien die wie auch immer geartete Fähigkeit zu fehlen, mit der andere Menschen es „einfach erkannten“, und es fühlte sich an, als gäbe es eine ganze Welt, die in einer Frequenz kommunizierte, die er nicht hören konnte.

Nicht dass er sich beschwerte, aber es hätte ihm gefallen, wenn er Rowley Green „einfach erkannt“ hätte. Die Vordertür klapperte, öffnete sich und Mr. Power trat ein, der Clem breit und erleichtert anlächelte. „Ah, ich danke Ihnen, Mr. Talleyfer, und es tut mir leid, dass ich zu spät bin. Sie sind ein Gentleman, Sir. Es gibt nicht viele, die mich wie Sie zu dieser Uhrzeit nicht an der Türschwelle allein lassen.“

„Das darf nicht zur Gewohnheit werden“, warnte ihn Clem. Er hatte einem Mieter, der unentwegt zu spät gekommen war, kündigen müssen, und das war nicht erfreulich gewesen, aber es war Teil seiner Aufgaben im Haus, dafür zu sorgen, dass es nachts sicher war. Sie waren dem Gewirr der Golden Lane, das voll war von verpesteten, verschlagenen Dieben, viel zu nah, als dass sie sorglos hätten sein dürfen, was Sicherheit betraf; Clems Mieter bezahlten ihn gut, damit eben diese Gefahren draußen blieben. „Die Türen werden um Punkt halb verschlossen.“

„Ich verstehe, Mr. Talleyfer, und ich werde Ihre Güte ganz sicher nicht ausnutzen.“ Mr. Power zwinkerte. Clem hoffte, dass er ihm bedeuten wollte, dass er verstanden hatte.

„Wie geht es Miss Blanchard?“

„Hübsch wie ein Flachsflink und um einiges lebendiger als die nebenan.“ Mr. Power deutete mit einem Daumen in Richtung der Geschäftsräume von Mr. Green. „Nun, gute Nacht.“

Clem sagte gute Nacht und schloss schließlich das Haus ab, er begann die Liste noch mal von vorne, nur um sicherzugehen. Lieber brauchte er etwas länger und war sich sicher, als seinen Pflichten nicht nachzukommen. Die Feuer waren aus, Cat war draußen, die Türen waren verschlossen und die Rollläden gesichert, die Böden gefegt, alles weggeräumt, was Ungeziefer anlocken konnte, fertig. Das Haus war bereit für die Arbeit von Elsie und Polly am nächsten Morgen; der kleine Igel, der unter der Kommode lebte, durchschnüffelte die Küche bereits nach Käfern; und Clem hatte sich absolut nicht von der Aussicht ablenken lassen, am Morgen eine Führung durch Mr. Greens Geschäft zu bekommen.

Morgens war es immer geschäftig in der Pension. Elsie, die auf dem Dachboden schlief, stand um fünf Uhr auf, um in der Küche und im Salon Feuer zu machen; Polly, die außerhalb wohnte, kam um sechs Uhr an, um Frühstück zu machen, die einzige Mahlzeit, die im Preis inbegriffen war. Alle Mieter frühstückten früh, abgesehen von Mr. Lugtrout, der für gewöhnlich zu spät zum Essen aufstand und auch jetzt keine Anstalten machte, herunterzukommen. Er würde nach dem Trinken der vergangenen Nacht einen schweren Kopf haben; Clem hoffte, dass er nicht zu übellaunig wäre, wenn er auftauchte.

Miss Sweeting, die für einen Juwelier Feinarbeit machte, und Mr. Hirsch, der Halbedelsteine beurteilte, saßen wieder nebeneinander. Mr. Rillington meckerte an den Räucherheringen herum. Er meckerte immer an den Räucherheringen herum, außer, wie Mr. Green beobachtet hatte, wenn es keine Räucherheringe gab, dann beschwerte er sich darüber, dass es keine gab. Mr. Power war als Letzter unten, erst als Polly bereits begonnen hatte, abzudecken, und erntete einen strengen Blick. Er lächelte sie charmant an, Clem hätte ihm sagen können, dass er sich nicht zu bemühen brauchte. Polly teilte sich ein Zimmer mit ihrer Freundin Alice, die bei der Hutmacherin arbeitete, und ging an freien Abenden und arbeitsfreien Tagen fein gemacht mit ihr aus; keine von ihnen war an Männerbekanntschaften interessiert, davon abgesehen sollte Mr. Power sich sein Lächeln für Millie Blanchard aufsparen.

Mr. Green kam immer mittendrin, nie als Erster oder Letzter. Heute kam er nach den Juwelieren nach unten, aber vor Mr. Rillington, und er lächelte Clem an, als er sich setzte.

Clems Hauptaufgabe nach dem Frühstück war die Abrechnung, die er täglich machte, weil er sie zu sehr hasste, als dass er sie zu viel werden ließ. Allerdings mochte er seinen neuen Stift. Sein grober Schaft behagte seinen Fingern; besser noch war, dass es ein moderner Füller war, den er nicht in die Tinte tauchen und sie überall verspritzen müsste. Der Tintenbehälter musste mit einer Pipette befüllt werden, was ein unmögliches, kniffliges Unterfangen war, aber er beugte sich der Notwendigkeit und wies die Aufgabe Elsie und ihren kleinen und flinken Händen zu. Überhaupt befüllten Gentlemen mit Dienstpersonal nicht ihre eigenen Füller; es gab keinen bestimmten Grund, warum Clem es hätte tun sollen.

Gentlemen hatten eine bessere Handschrift. Clems war trotz seiner Schulbildung nicht gut, aber er hatte seinen neuen Füller und sein treues Holzlineal, das ihm half, auf den Linien zu bleiben, und meistens hatte er Zeit und war ungestört. Diese Dinge und verlässlicher, verbissener Einsatz bedeuteten, dass er die Bücher mit dem Gefühl schließen konnte, gute Arbeit geleistet zu haben, noch ehe die Uhr zur zehnten Stunde geschlagen hatte. Er hatte genügend Zeit, sich sein dichtes Haar zu kämmen und vergeblich sein Halstuch zu richten, ehe er in die Wilderness Row hinaustrat und ROWLEY GREEN – PRÄPARATOR gegenüberstand.

Mr. Greens Schaufenster war faszinierend und nie fehlten Schaulustige; Clem selbst war selten daran vorbeigegangen, ohne stehen zu bleiben und hineinzusehen. Auch jetzt waren ein paar Leute da, trotz der feuchten Kühle. Es würde ein nebliger Winter werden: durch den Rauch der Fabriken und Kamine hing ein dichter, stinkender Dunst in der Luft, und sobald das kalte Wetter näher rückte und Nebel vom Fluss herüberzog, würde die Welt erstarren. Er freute sich nicht darauf. Londoner waren auf perverse Weise stolz auf die „Details“ von gelbem, blendendem Nebel; Clem war in einer ländlichen Gegend aufgewachsen, wo man atmen konnte.

Er betrat das Geschäft, schloss gewissenhaft die Tür hinter sich, obwohl es drinnen kaum wärmer war als draußen, und sah sich um, nahm sich einen Moment, alles aufzunehmen. Es war unglaublich vollgestopft, obwohl es der Ordnung der Dinge wegen unfair gewesen wäre, unaufgeräumt zu sagen. Es gab einige große Schaukästen, und an jeder Wand waren Regale angebracht, die so dicht unter die Decke gingen wie möglich, und darin, daneben und auf dem Boden stehend waren, waren …

Tote Tiere. Man konnte sie nicht anders nennen. Eine Art große Katze mit sehr spitzen Ohren und einem entschlossenen Blicken in den Glasaugen stand auf dem Boden, eine Pfote erhoben, als wäre sie auf der Jagd. Otter, Wiesel, Schlangen waren auf Ständer montiert oder hinter Glas verschlossen. Und Vögel. So viele Vögel. Große einzeln, in Glasglocken oder Kästen, große Möwen oder Raubvögel. Ein großer, flacher Kaminschirm mit kleinen, roten und gelben Vögeln, die sich leuchtend vor schwarzem Blattwerk abhoben. Und – Clem ging darauf zu – ein Kasten voller winziger Vögel, die ein Strudel aus Flügeln zu sein schienen, unmöglich verwoben, wie mitten im Flug eingefroren, und so viele, dass man glaubte, sie würden sich tatsächlich bewegen, wenn man seinen Kopf neigte. Er bewegte sich fasziniert seitwärts, so vertieft in seine Betrachtung, dass ihm erst auffiel, dass Mr. Green herangetreten war, als er einen Schritt machte und ihn anrempelte.

„Es tut mir leid!“

„Mitnichten.“ Mr. Green wirkte nicht verärgert. Er sah tatsächlich entzückt aus. „Dieses Stück ist so gedacht, dass man es von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet. Es tut mir leid, dass ich Ihnen in die Quere gekommen bin. Wollen Sie sich weiter umsehen? Ich warte.“

Das war die Art Aussage, die Leute machten, und dann stellte sich heraus, dass sie es überhaupt nicht so gemeint hatten. Clem wusste, dass er nicht gut darin war, Sarkasmus zu erkennen, weil man es ihm wiederholt gesagt hatte. Dennoch war er sich fast sicher, dass Mr. Green jedes Wort so meinte, wie er es gesagt hatte.

„Ich würde es gerne noch länger betrachten, aber vielleicht später“, sagte er, nur für den Fall. „Was meinten Sie mit verschiedenen Blickwinkeln?“

„Oh, für einen Eindruck des Geflatters.“ Mr. Green sah durch das Glas auf die aufsteigenden Flachsfinken, Grünfinken, Spatzen und Blaumeisen, in eingefrorenem Flug. Clem betrachtete sein Gesicht. So war es leichter, sich auf seine Worte zu konzentrieren, und außerdem konnte er Mr. Greens Gesicht betrachten. Das bedeutete kein Ungemach. „Vögel bestehen nur aus Bewegung, und eine aufsteigende Schar Vögel ist einer der lieblichsten Anblicke, die ich kenne. Ich dachte, dass ich mit einem Stück wie diesem vielleicht so etwas erreiche.“

„Aber sie sind tot.“ Was Mr. Green wusste. Armleuchter. „Das heißt, wie schaffen Sie es, dass etwas Regloses und Totes aussieht, als wäre es lebendig und würde sich bewegen?“

„Kann ich nicht.“ Mr. Green lächelte ihn reuevoll an. „Was klar ist, wenn Sie sich umschauen. Es gibt keine Grade von Lebendigkeit. Man lebt oder nicht, und wenn das Leben einmal fort ist, kehrt es auch nicht zurück. Aber ich wollte etwas einfangen, das mir an Vögeln so gefällt, und dies ist mein Zugang.“

„Wo kommen sie her?“

„Von Vogelhändlern, Zoohandlungen und Importeuren exotischer Kreaturen. Alles Gewerbe mit einer Menge Abfall. Nicht gerade überraschend, wenn sie in Käfige gedrängt und in diese faule Luft gebracht werden. Als ich dieses Stück herstellte, ließ ich die örtlichen Zoohändler und Vogelhändler wissen, dass ich ihren frischen Ausschuss abnähme und für fünf Stück einen Penny zahlen würde. Für sie bedeutet das, dass sie einen Teil ihrer Verluste zurückkriegen anstatt die Toten einfach in den Abfall zu werfen, und für mich … nun, es hat sich noch nicht bezahlt gemacht, weil es niemand gekauft hat, aber es ist ein gutes Stück. Ich bin damit zufrieden. Ich habe viel gelernt.“

„Sie lassen sie für eine Bestellung also nicht töten?“

„Dafür gibt es keinen Grund. Es gibt mehr tote Tiere als Präparatoren, die sie ausstopfen könnten. Außerdem wäre es teuer. Nein, ich sage den Leuten, was ich will, und warte, was kommt.“ Mr. Green zeigte auf einen Schaukasten. Zwei Elstern hatten sich auf einem gewundenen Ast niedergelassen, die eine verneigte sich vor der anderen, mit einem funkelnden Ring im Schnabel. „Dieses Stück habe ich letzte Woche fertiggestellt. Ich musste vier Monate auf eine zweite Elster in gutem Zustand warten, aber schließlich bekam ich eine.“

Clem sah sich um. „Haben Sie die alle gemacht?“

„Etwa zwei Drittel. Es gibt gewisse Stile, die beliebt, aber nicht nach meinem Geschmack sind, also kaufe ich sie und verkaufe sie wieder. Und für exotische Stücke kaufe ich fertig vorbereitete leere Häute, hergestellt in Übersee. Aber etwa die Hälfte der normalen Arbeit wird mir von Kunden gebracht. Jagdtrophäen, nicht dass Sie die hier bekämen, Tiere aus den zoologischen Gärten, Haustiere.“

Clem verzog das Gesicht. Er wusste, dass Menschen ihre Haustiere manchmal ausstopfen ließen, als Erinnerung. Diese Vorstellung hatte ihn nie angesprochen. Wenn er an Cat dachte, dann daran, wie er sich geschmeidig streckte und seine Länge so scheinbar verdoppelte, oder daran, wie er sich warm auf Clems Schoß zusammenrollte und seinen Kopf nach hinten neigte, weil er am Kinn gekrault werden wollte, an das plötzliche Schlagen und Schlenzen seines Schwanzes. Er konnte sich nicht vorstellen, ein strohgefüttertes Zerrbild von Cat zu wollen.

Mr. Green betrachtete ihn. „Nicht ihr Fall? Nun, eine Menge Präparatoren ziehen es vor, keine Haustiere zu bearbeiten. Ich mache auch nur bestimmte.“

„Warum nicht?“

„Schlechte Investition“, sagte Mr. Green lapidar. „Zum einen wollen die Kunden das Tier so, wie es im Leben war, aber es ist wahrscheinlich fett geworden und ergraut, und das kann ich nicht reparieren. Zum anderen wollen sie, dass es seinen Charakter behält, und das ist eine Aufgabe, die selten genug gelingt, selbst wenn man das Tier kannte, ganz zu schweigen davon, wenn man es nicht kannte. Und es kommt auch oft genug vor, dass sie, wenn man die Haut vorbereitet, getrocknet und ausgestopft hat, einen neuen Welpen haben, und zwei Pfund für eine Erinnerung an den alten Fido scheinen es plötzlich nicht mehr wert. Also kommen sie nicht wieder und man sitzt auf einem Präparat, das keiner will. Ich stopfe Haustiere nicht ohne Anzahlung aus und ich bearbeite sie nie für Leute, die wegen ihres armen Hündchens klagend und weinend hereinkommen. Das geht immer schief.“

„Das ist etwas entmutigend.“

Mr. Green zuckte mit den Schultern. „Das Leben geht weiter. Aber es ist nicht unmöglich, einen alten Freund in Ehren zu halten. Einen Moment, lassen Sie mich Ihnen etwas zeigen.“ Er ging in ein Zimmer hinter der hölzernen Ladentheke und kam mit einem Hund in einem Korb wieder heraus. „Hier.“

Clem starrte fasziniert. „Ist er tot?“ Er sah nicht tot aus. Es war ein kleiner Spaniel mit seidig glänzenden Ohren, von der Schnauze bis zum Schwanz eingerollt, und er sah so friedlich aus, dass Clem beinahe schwören mochte, dass sich seine Seiten durch das sanfte Atmen des Schlafs bewegten. Er berührte das Fell, sehr vorsichtig. Es war kalt.

„So viele Besitzer wollen ihre Haustiere in einer lebendigen Pose haben“, sagte Mr. Green. „Das funktioniert nicht. Fast lebendig ist nicht lebendig. Aber die Dame, der dieser kleine Bursche gehörte, wollte ihn so haben, schlafend in der Zimmerecke. Ich bin damit zufrieden.“

Clem streichelte das Ohr des kleinen Hundes. Er dachte, es würde sich vielleicht irgendwie hart anfühlen, verfestigt durch welchen Prozess auch immer, den es durchlaufen hatte, aber es fühlte sich ziemlich angenehm an. „Ich verstehe.“

„Würden Sie sich gerne umsehen?“

Sie gingen langsam durchs Geschäft. Es war ziemlich klein; augenscheinlich war der meiste Platz dem Zimmer hinter der Ladentheke zugeteilt. Das war die Werkstatt, in der er mit den Rohstoffen arbeitete, erklärte Mr. Green und schlug Clem nicht vor, hineinzuschauen. Er dachte, er würde damit vielleicht warten.

Es war dunkel hier, wie meistens in Geschäften. Die kleinen Scheiben des Frontfensters ließen nicht besonders viel Licht des Wintermorgens herein, und das dunkle Holz der vollgestellten Regale sowie die gelbe Leimfarbe jeder sichtbaren Wand machten es düster. Es roch auch eigenartig, nach Farbe, Terpentin und scharfen, flüchtigen Gerüchen, die Clem nicht einordnen konnte, sowie nach Staub. Es roch kein bisschen nach verwesendem Fleisch.

Mr. Green wartete, während Clem sich umsah, sagte nur etwas, wenn er gefragt wurde, und ließ Clem mit seiner eigenen Geschwindigkeit schauen, der zu verstehen begann, während er alles in sich aufnahm. Es war ohne Zweifel ein Geschäft voller toter Dinge, aber auch voller Leben, in all seinen Formen, respektvoll erhalten, zur Bewunderung oder Betrachtung dargeboten.

Wenigstens war es das im Erdgeschoss. Der erste Stock, ein größerer Ausstellungsraum, war eine andere Sache. Clem schaute sich die Darstellung vor ihm an, die fünf Kätzchen zeigte, die um einen Tisch herum saßen und Karten spielten. Ein weißes Kätzchen zog gerade ein Ass aus dem Ärmel, während eine getigerte Katze von einer gescheckten wie Cat abgelenkt wurde, die sich unter dem Tisch ausgestreckt hatte, mit einer winzigen Flasche Gin in ihrer Pfote.

„Haben Sie das gemacht?“, fragte Clem.

„Nein. Nein, das ist nicht von mir.“

Clem schaute von den Kätzchen weg und sah sich einem Dachs gegenüber. Er stand auf seinen Pfoten, in einer laufenden Pose, und trug eine weiße Tunika und einen griechischen Helm, an dem ganz offensichtlich kleine, weiße Flügel befestigt waren. Er hielt ein zusammengerolltes Pergament in seiner krallenbewehrten Pfote.

„Jeder Mann nach seinem Geschmack“, bemerkte Mr. Green. „Aber, und ich spreche nur für mich, ich würde das eine Abscheulichkeit nennen.“

„Es ist widerlich“, sagte Clem leidenschaftlich, überflutet von Erleichterung, dass sein Freund nicht dafür verantwortlich war. „Was ist das?“

„Ein Dachs in Gestalt des Götterboten Hermes.“

Warum?

„Keine Ahnung. Ich weiß es wirklich nicht. Vermutlich hat jemand vor dem Schlafengehen ein Käsetoast gegessen.“

Das klang annähernd richtig: Es sah für Clem aus wie ein Albtraum. „Warum würde irgendjemand so ein entsetzliches Ding kaufen wollen?“

„Bislang niemand. Es setzt Staub an, seit ich eingezogen bin. Ich habe es als Teil eines Restpostens erworben, als ich das Geschäft bestückte, aber ich wäre genauso glücklich es zu verbrennen wie es zu behalten.“

„Das glaube ich Ihnen gern. Es ist so unanständig.“

„Unanständig?“

„Nun, das ist wahrscheinlich nicht das richtige Wort …“ Mr. Green sagte nichts, wartete nur, mit einem interessierten und neugierigen Ausdruck, und Clem versuchte, Bedeutung in seine Worte zu legen und alles, was sich in der letzten halben Stunde in seinem Kopf überschlug, zu vermitteln. „Was ich zu sagen versuchte, nun, ihre Arbeit unten lässt bei mir den Wunsch entstehen, die Tiere lebendig zu sehen. Sie lässt mich darüber nachdenken, auf welche Weise sie schön sind, was sie tun und wie sie aussähen, würden sie sich bewegen, und was es bedeutet, dass sie tot sind. Und es ist interessant, auf dieselbe Weise wie anatomische Abbildungen. Sie so im Detail zu sehen, wie man es nicht kann, so lange sie leben. Es geht darum … zu zeigen, wie die Dinge wirklich aussehen.“

Ja“, sagte Mr. Green, eine einzelne, intensive Silbe.

„Wohingegen dieser Dachs, oder die Karten spielenden Kätzchen, das ist ein Affront für die Tiere. Es macht sich über sie lustig und nimmt ihnen ihre, ihre Würde, indem man sie wie Menschen darstellt. Cat muss nicht wie ein Mensch sein, er ist Cat. Es soll witzig sein, aber ich finde es nicht komisch. Und ich finde nicht, dass es Gutes über Menschen aussagt, dass wir sowas komisch finden.“

„Ich wusste, Sie würden es verstehen“, sagte Mr. Green sanft, beinahe zu sich selbst. „Ich wusste es. Ich bin ganz Ihrer Meinung, Mr. Talleyfer. Und es ist so weit entfernt von dem, was ich tun will, was ich vermitteln will.“

„Was ist das?“

„Meine künstlerischen Ambitionen?“ Mr. Green machte für einen Moment eine Pause, nahm sich Zeit, um nachzudenken. Clem liebte diese Pausen. Ich sorge dafür, die richtigen Worte zu finden, und ich erwarte von Ihnen, dass Sie warten, sagten sie, ohne Entschuldigung.

„Was ich will … Sagen Sie, haben Sie die Fliegenden Stare gesehen?“

„Sie meinen, Scharen davon? Sehr oft.“

„Das habe ich nicht gemeint, um genau zu sein, obwohl ein Schwarm sich in Kreisen bewegender Stare einer der herrlichsten Anblicke auf der ganzen Welt ist.“ Mr. Green schenkte ihm ein kleines, verschwörerisches Grinsen, nur für sie beide, als ob sie die einzigen Menschen wären, die je Stare gesehen hätten. „Ich meinte die Trapezkünstler, die gerade im Grand Cirque auftreten.“

„Oh. Nein. Ich gehe nie hin.“

„Sie gehen nicht ins Varieté-Theater?“

„Es sind die Menschenmengen.“ Clem verlagerte sein Gewicht, etwas zögerlich das zuzugeben, aber Mr. Green war so verständnisvoll. „All die sich unterhaltenden Menschen und all die Dinge, die man sich anschauen kann. Ich finde das ein bisschen viel. Ich bin ein paar Mal hingegangen, aber …“ Das Blenden von Gaslicht; der Geruch nach Schweiß und Tabak und Parfüm und Orangen; das Schreien, dicht gedrängte Menschen in winzigen Räumen; das grässliche Bewusstsein dafür, wie viel Platz er einnahm und wie sehr er allen im Weg war. „Ich mag Menschenmengen nicht. Ich würde die Trapezkünstler gerne sehen, und ich habe gehört, die Fliegenden Stare sind erstaunlich, aber es ist alles sehr … viel“, schloss er unangemessen.

„Ich verstehe. Sind es Menschenmengen allgemein oder rumgeschubst und behelligt zu werden?“

„Oh, das Schubsen und Tatschen, und auch der Lärm. Ich kann nicht hören, was irgendjemand sagt, wenn alle reden. Den Comedians lässt sich auch nicht so leicht folgen. Alles voller Zweideutigkeiten, nicht wahr, und darin bin ich nicht besonders gut.“ Und es gab wenige Dinge, die so einsam waren, wie in einer lachenden Menge der einzige Mann zu sein, der den Witz nicht verstand.

„Obwohl das wahr ist, würde ich sagen, das Problem mit den Comedians sind nicht so sehr die Zweideutigkeiten, sondern die fehlende Bedeutung“, merkte Mr. Green an. „Es ist egal; es war lediglich eine Veranschaulichung.“

Die Kirchenglocke draußen läutete und beförderte Clem unsanft aus der Unterhaltung. „Gütiger Himmel, es ist elf Uhr? Wie konnte das passieren?“ Er hatte einen Zimmermann bestellt, um ein Fenster zu reparieren, verflucht, und der Mann würde jetzt warten. „Verdammt. Ich muss gehen.“

„Dann sehe ich sie später“, sagte Mr. Green. „Danke für Ihr Kommen, heute, und fürs Zuhören. Viele Menschen finden mein Metier makaber oder trivial. Es ist eine angenehme Abwechslung, wenn jemand es versteht.“

Er streckte seine Hand aus. Clem ergriff sie und spürte, wie sich Mr. Greens Finger um seine schlossen, fest und warm. „Danke, dass Sie mir alles gezeigt haben, Mr. Green.“

„Rowley“, sagte Mr. Green. „Das heißt, wenn Sie mögen.“ Hatten sich seine Finger etwas gestrafft?

„Clem. Oder Clement, aber die meisten Menschen nennen mich Clem.“

„Ich wäre stolz, einer davon zu sein.“ Rowley lächelte sein flinkes Lächeln. „Eine Tasse Tee heute Abend, Clem?“

Clem stellte fest, dass er zurückgrinste. „Das wäre wundervoll.“

Vielleicht würde er im Jack Rat einholen.

Kapitel 2

„Wie war dein Tag?“, fragte Rowley an diesem Abend, sobald Clem den Prozess der Teezubereitung ohne Zwischenfall beendet hatte. Er hatte herausgefunden, dass Clem die Sorte Mann war, die nur eine Sache zur selben Zeit machte.

Sie saßen wie gewöhnlich in ihren Sesseln vor Clems Kamin, mit der gesprenkelten Katze auf Rowleys Schoß, die schnurrte wie eine Dampflok. Rowley hatte anfangs gedacht, das Tier habe keinen Namen; er hatte eine Weile gebraucht zu verstehen, dass es einen völlig ausreichenden, anschaulichen Namen hatte, auf den es wie auf jeden anderen reagieren würde, und der Name war Cat. Das war schrecklich Clem-artig. Alles in diesem kleinen Raum war irgendwie schrecklich Clem-artig. Dass er stets mit Papieren und wegzuräumenden Dingen vollgestellt war, mit Dingen, die umgestoßen auf dem Fußboden gelandet und vergessen worden waren; das robuste Teegeschirr mit seinen breiten Griffen und die schweren Möbel, die er zu mögen schien, obwohl die Mode spindeldürr und zierlich war; vor allem aber Cat, das wohl am bösartigsten aussehende Exemplar aus der Familie der Katzen, das Rowley je gesehen hatte. Cat hatte ein eingerissenes Ohr, ein milchiges Auge und so stoppeliges Fell, dass es sich anfühlte wie schlecht erhaltene Kuhhaut. Er war ein erstaunlich hässliches Vieh, was es umso merkwürdiger machte, dass es so gut zu seinem Gastgeber passte.

Clem tippte sich an die Stirn. „Hauptsächlich sehr erfreulich, danke.“

„Gab es etwas Unerfreuliches?“

„Tja, nun. Mr. Lugtrout.“

Rowley hatte Mr. Lugtrout von der ersten Begegnung an nicht leiden können, und Bekanntschaft hatte den Mann nicht besser gemacht. Er wäre nicht freiwillig in ein Haus eingezogen, in dem ein offensichtlicher Säufer lebte, und war versucht, seine Kündigung einzureichen, als er den Kerl kennengelernt hatte, aber die Nähe zu seinem Geschäft, das er nebenan gemietet hatte, war so praktisch, und der Pensionswirt so ansprechend, mit seinem üppigen, schwarzen Haar, den dichten, dunklen Brauen, wie ein Paar Mottenraupen, und diesen Augen.

Mein Gott, diese Augen, so unfassbar prächtig braun. Es war einige Zeit her, dass Rowley sich für ein Paar schöner Augen zum Narren hatte machen wollen, aber er hatte sich seinen Vermieter noch einmal angesehen und an Ort und Stelle entschieden, dass er einen Gin-Säufer würde ertragen können.

Ertragen, aber nicht mögen. „Was hat er jetzt angestellt?“

„Oh, er hatte natürlich einen fürchterlichen Schädel. Also war er Polly gegenüber unhöflich, was sie erzürnt hat, und gegen Abend kam Mr. Power nach unten und beschwerte sich, weil Mr. Lugtrout einen furchtbaren Streit hatte. In seinem Zimmer.“

„Sie erlauben keine Gäste“, sagte Rowley. „Ist er eine Ausnahme?“

„Nein, ist er nicht.“ Clem sah gehörig aufgebracht aus. „Und natürlich fragte Mr. Power, warum Mr. Lugtrout Besuch haben dürfe und er nicht, sagte, dass er Miss Blanchard zum Tee einladen wolle, worüber Polly sehr böse war …“

Gott sei Dank gab es Polly. Rowley hatte starre Ansichten über den charmanten, übergriffigen Mr. Power, der ihm früh versichert hatte, dass ihr Pensionswirt „ein einfacher Bursche“ war, an dem Rowley „vorbeikommen“ würde. Seine Liebenswürdigkeit ausnutzen, hieß das. Glücklicherweise wäre es einfacher gewesen, in einem Beiboot das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln als an Polly vorbeizukommen, die Clems Gutmütigkeit mit einem Blick wettmachte, der so kühl war, dass er Rowleys Rohstoffe für Wochen haltbar hätte machen können.

„Es war alles ziemlich ermüdend“, schloss Clem. „Und Mr. Lugtrouts Gast ging, während ich mit Mr. Power sprach, sodass ich ihm nicht sagen konnte, dass er nicht zurückkommen solle. Mr. Lugtrout ist wirklich eine Plage.“

„Und es gibt keine Möglichkeit, das mit den Eigentümern zu besprechen?“, fragte Rowley. „Wenn sie verstünden, dass er womöglich ihr Geschäft schädigt, lassen sie dich vielleicht wenigstens eine Warnung aussprechen?“

Clem schüttelte seinen Kopf, wodurch ihm die beinahe lose Haarlocke von der Stirn in die Augen fiel, von wo Rowley sie an ihren Platz zurückstreichen wollte. „Es war die Bedingung, als ich das Haus übernahm.“

„Tut mir leid. Was für eine Belästigung für dich.“

„Ach, nun. Dafür hatte ich einen sehr interessanten Morgen.“ Clem lächelte ihn an. Er hatte ein atemberaubendes Lächeln, das das kleine Stirnrunzeln von Sorge und Konzentration hinfort spülte, das die Haut zwischen seinen Brauen in Falten legte. Rowleys einziger Einspruch gegen dieses Lächeln war, dass es seine Augen schmälerte. Mein Gott, diese Augen. Rowley hatte in seiner Werkstatt eine ganze Vitrine voller Glasaugen, sorgfältig nach allen möglichen farblichen Nuancen geordnet, aber glaubte nicht, dass er auch nur ein einziges Paar hatte, das ihrer satten, leuchtenden, mahagonifarbenen Tiefe gerecht wurde. „Ich denke ständig an den Kasten voller Vögel.“

„Was hältst du davon?“

Clem öffnete seinen Mund, warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schloss ihn wieder. Rowley wartete. Er war unglaublich gut darin, zu warten. Seine Arbeit beinhaltete viel Warten und war stets präzise und mühsam; ein Präparator ohne Geduld erschuf Monster, oft solche, die zu stinken begannen.

„Ich kann mich nicht entscheiden“, sagte Clem schließlich. „Ich meine, das ist es, was ich denke. Dass ich mich nicht entscheiden kann. Der Kasten ist wunderschön, wie eine Explosion von Vögeln, aber sie sind tot, und alles, was ich daran mag, sind die Dinge, die Vögel lebendig machen. Bewegung und Farbe.“ Er wedelte mit den Händen. „Aber deine wären auf dem Abfall gelandet, wo sie von Krähen geplündert worden wären, stattdessen sind sie anmutig und … deswegen denke ich darüber nach.“

„Aber im Kern ist das die Kunst.“ Rowley lehnte sich vor und ihm lief ein Schauer den Rücken hinunter, was ausnahmsweise einmal nichts mit Clems Nähe zu tun hatte. „Genau das ist es. Ich kann Leben weder erschaffen noch retten, aber ich will etwas davon bewahren. Etwas aus dem Wrack ergattern, den Würmern etwas vorenthalten. Und ich weiß, dass es nicht mehr ist als ein fahler Schatten dessen, was Vögel sind …“

„Es ist ein leuchtender Schatten“, sagte Clem mit leidenschaftlicher Heftigkeit und Rowleys Kehle schnürte sich zu. Wegen seiner Worte und ihrer Bedeutung, und wegen Clems offenem Blick, ohne nervöse Besorgnis oder die Spur eines Stammelns. Wegen des Vertrauens, das es ihm in Momenten wie diesem erlaubte, nicht wie sonst stets achtsam zu sein.

Himmelherrgott.

Rowley war sich … etwa zu drei Vierteln sicher, dass Clems Neigungen seinen eigenen entsprachen. Er hatte seinen Vermieter in den Monaten ihrer Bekanntschaft vorsichtig und geduldig studiert, aber Clem war kein Mann, den man wie ein Buch lesen konnte, und wenn doch, war das Buch in fremdartiger Schrift, ohne Seitenzahlen. Der Ausdruck in seinen Augen konnte Freude über das Aufeinandertreffen von Ansichten oder Erwartung des Aufeinandertreffens von Körpern sein, aber Rowley war sich nicht sicher.

Er war noch unsicherer, ob Clems Vorlieben im Bett klein, dürr, bebrillt und unscheinbar mit einschließen würden. Rowley machte sich keine Illusionen über sich selbst, er war kein charmanter Mann, der in der Lage war, seine körperlichen Unzulänglichkeiten mit müheloser Beliebtheit auszugleichen. Er gab nicht viel von sich preis und niemand gab etwas zurück, und das hatte ihm die meisten seiner fünfunddreißig Jahre gut gestanden. Alles, was er je gewollt hatte, war allein gelassen zu werden.

Und jetzt wollte er Clem, wollte sein Lächeln, seine Nähe und seine Intimität, wollte irgendetwas von Clem so sehr, dass er alles zurückgegeben hätte, was er hatte, und trotz gesundem Menschenverstand und Wahrscheinlichkeiten konnte er die Hoffnung – oder die Einbildung – nicht aufgeben, dass sein Vermieter vielleicht genauso fühlte.

Aber er musste sich sicher sein. Er mochte Clem zu sehr, als dass er ihre Freundschaft riskiert hätte, weil er auf mehr gedrängt hatte, und er war sich absolut sicher, dass ein Drängen, ein Anfassen, ein selbstsüchtiges Handeln alles zerstören würde, was sie sich hier bei abendlichem Tee und stillen Unterhaltungen aufgebaut hatten.

Clem war nicht der Typ, der sich in einer schattigen Gasse zwanglos einen runterholen ließ, Rowley musste es also richtig anstellen – wie auch immer man das machte – oder es gar nicht erst versuchen.

Also legte er Clem keine Hand aufs Knie, obwohl er wünschte, die Gewissheit und den Mut dazu zu haben, und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Cat, von der Bewegung verärgert, massierte seine Oberschenkel mit Pfoten, die Klauen zu werden drohten.

„Ein leuchtender Schatten. Reizende Art, das auszudrücken. Ich glaube, dem kann ich gerecht werden.“

Clem musste darüber lächeln. „Ich glaube, das wirst du. Du hattest keine Schmetterlinge.“

Rowley gewöhnte sich langsam an die Geschwindigkeit, mit der Clems Geist arbeitete, und die ihn von A nach C brachten, ohne umständlich bei B zu halten. Es gab ihm das Gefühl, ein Arbeitstier zu sein. „Nein, Insekten mache ich nicht. Das hat nichts Kunstvolles. Nun, sie zu arrangieren vielleicht. Aber ehrlich gesagt gefällt mir das Präparieren größerer Stücke.“

„Das … Entleeren der Häute?“

„Wir nennen es Ausarbeiten. Aber ja, das tue ich. Das ist der technische, praktische Teil der Arbeit, die richtige Pose zu finden und ein effektives Präparat herzustellen, ist der künstlerische Teil. Es ist befriedigend.“

„Könnte ich dir dabei zusehen?“

Rowley zögerte. „Bist du zimperlich?“

„Weiß ich nicht“, sagte Clem nachdenklich. „Ich bin auf dem Land aufgewachsen und mein V– Also, es wurde ständig geschossen und so. Ich glaube nicht, dass ich besonders zimperlich bin.“

Vielleicht nicht, aber er war ganz sicher mitfühlend, und Rowley wollte keinen Ausdruck von Ekel auf seinem Gesicht sehen. Sehr wenige Männer würden zugeben, zimperlich zu sein, genauso wie viele Frauen es nötig fanden, für sich zu beanspruchen, es zu sein, trotz der Indizien. „Ich habe festgestellt, dass es die überraschendsten Menschen berührt“, bot er an. „Ein Armeeoffizier bestand einst darauf, beim Ausstopfen seines Hundes dabei zu sein. Er versicherte mir, er habe blutgetränkten Boden gesehen und die Leiche eines Tieres würde ihm nichts ausmachen. Ich begann das Ausarbeiten; er wurde ohnmächtig; und als er vornüberfiel, riss er die Schale mit den Innereien nieder, sie kippte um und leerte sich über ihn aus.“

„Oh, das tat sie nicht.“

„Das war einer dieser Schicksalsschläge, die so schnell passieren, dass man nichts tun kann. Ich stand noch mit dem Messer in der Hand erstarrt da, als er einige Sekunden später wieder zu sich kam und feststellte, dass er voller Hund war. Ich habe noch nie solche Ausdrücke gehört, und ich bin in Südlondon aufgewachsen.“

Clem hielt die Hand vorm Mund. „Oh, der arme Mann. Sein Hund.“

„Seitdem lasse ich Leute nicht mehr zusehen, wenn ich ihre Haustiere bearbeite“, sagte Rowley. „Du bist also herzlich eingeladen, mir zuzusehen, aber vielleicht bei einem Vogel?“

„Und sei vorsichtig, wo du die Schüsseln hinstellst“, sagte Clem. „Wenn da eine steht, stoße ich sie um, das kannst du mir glauben.“

Das war ein Scherz, lässige Selbstironie, und es gab für Rowley keinen Grund, darauf gereizt zu reagieren.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass du das nicht würdest. Ich lasse dich gerne wissen, wenn ein Exemplar hereinkommt, dass deiner Beachtung würdig ist. Gibt es etwas, das du gerne sehen würdest?“

„Oh, egal was. Obwohl, ähm, ich schätze, du arbeitest gerade nicht an größeren Stücken wie den Vögeln, oder? Ich würde gerne sehen, wie das …“ Er fuchtelte mit den Händen herum. „Wie du die Dinge platzierst, das, das … wie es passiert.“

„Die Komposition. Wirklich?“

„Absolut. Das ist faszinierend.“

„Nun, tatsächlich denke ich darüber nach, ein weiteres solches Stück herzustellen“, sagte Rowley vollkommen unzutreffend. Das letzte hatte sich nicht verkauft und würde es wahrscheinlich auch nie, aber es brachte Leute ins Geschäft. Er konnte es vor sich selbst verantworten, ein weiteres zu machen, so lange es Clem interessierte. „Ich bin noch nicht so weit, dass ich irgendetwas zusammengesetzt oder gar mit der Planung begonnen habe, aber wenn du interessiert bist, würde ich gerne mit dir darüber reden.“

Der Ausdruck in Clems Augen wäre eine weitaus größere Lüge wert gewesen. „Das wäre fabelhaft. Ich würde es sehr gerne sehen.“

„Ich würde sehr gerne deine Anregungen hören“, beteuerte Rowley, und das war wenigstens wahr.

Am Samstag verkaufte Rowley den Dachs.

Es waren ein paar wundervolle Tage gewesen. Er und Clem hatten die Köpfe zusammengesteckt und Ideen für einen Schaukasten diskutiert. Clem war so intensiv in der Arbeit aufgegangen, dass sie bis weit nach der Zeit arbeiteten, zu der die Türen verschlossen wurden, was für Mr. Powers, der wieder zu spät heimkam, sehr von Vorteil war. Rowley war es egal. Clems Faszination für das Bild, das in seinem Kopf entstand, war überwältigend gewesen, sein Enthusiasmus hoch ansteckend. Er würde etwas erschaffen, so viel war klar, und Rowley würde sein Medium sein.

Es würde ungewöhnlich sein. Rowley hatte leuchtende Vögel aus den kleinen, federweichen Leichen ausgewählt, die ihm das letzte Mal gebracht worden waren, aber Clem dachte eher an Vögel aus London, an Saatkrähennester und Raben, und an flinke, hüpfende Spatzen. Gewöhnliche Vögel sind auch wunderschön, hatte er gesagt, und Rowley konnte lediglich nicken.

Clem hatte noch nicht in Worte gefasst, was in seinem Kopf entstand, und vielleicht wusste er es auch noch nicht, aber Rowley war vollkommen zufrieden damit, auf eine Entwicklung zu warten. Es hatte den Beigeschmack der Arbeit von Mr. Dickens, etwas das brütete und nach London roch, und Rowley glaubte nicht, dass er je ein Stück gesehen hatte, das wie dieses eines werden würde.

Er hatte Clem auch noch nie zuvor so selbstvergessen gesehen. Er war ein verblüffend einfallsreicher Denker, der den methodischen Rowley mit seinen Gedankensprüngen oft hinter sich ließ – zumindest bis Clem sich dabei ertappte und versuchte, seine Gedanken in eine üblichere Reihenfolge zu bringen. Rowley konnte sich sehr gut vorstellen, wie verzweifelte Schulmeister ihm gesagt hatten, dass er genau das tun solle: zu denken, zu sprechen und zu sein wie jeder andere. Als ob die Welt noch mehr von den Leuten brauchte, die es bereits gab.

Nun aber war Clem in der Freude seiner Vorstellungskraft und Schöpfung verloren, und Rowley wurde davon mitgerissen, genau wie vom Vergnügen, mit Clem zusammen zu sein. Und auf eine mysteriöse Weise hatte sich diese Ausgelassenheit auf sein Geschäft und seine Kunden übertragen. Es kamen eine Menge Leute, Lugtrout eingeschlossen, der ausnahmsweise einmal nüchtern war und mit seiner vom Gin adrigen Nase herumschnüffelte, und er hatte das Beste daraus gemacht. Er hatte ein halbes Dutzend kleiner Stücke verkauft, mit einem Taubenliebhaber ein Arrangement getroffen, seinen besten Vogel zu präparieren, der jederzeit von seinem Ast herunterfallen konnte. Um allem die Krone aufzusetzen, hatte der verdammte Dachs das Geschäft verlassen, mit seinem entsetzlich beflügelten Helm und der Papierrolle in seiner schäbigen Faust, und ein Plus von vier Pfund hinterlassen. Vier Pfund für etwas, das er mit Freuden verbrannt hätte. Über Geschmack ließ sich wirklich nicht streiten.

Und da er vier gänzlich unvorhergesehene Pfund in der Tasche hatte – vier Pfund Urlaubsgeld, wie man sagen könnte – schloss Rowley das Geschäft früher und machte einen meditativen Spaziergang bis High Holborn. Die Vorbereitungen, die er dort traf, waren einigermaßen befriedigend, jedenfalls hoffte er, dass sie befriedigend sein würden. Es war in jedem Fall den Versuch wert.

Clem war an diesem Abend ausgegangen, wie er es samstags immer tat, aber der Sonntag war, wenngleich kalt, seit Wochen der erste heitere Tag, und Rowley schlug einen Spaziergang durch die nahegelegenen Charterhouse Gardens vor, um sein Anliegen vorzubringen. Die Gärten waren hauptsächlich novemberbraun und durchnässt, aber der Himmel war hinter dem ständigen Schleier aus Rauch blau.

„Erinnerst du dich, dass ich dir gegenüber die Fliegenden Stare erwähnt habe?“

„Die Trapezkünstler?“

„Genau. Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht mit mir hingehen und sie anschauen willst.“ Er hielt eine Hand hoch, bevor Clem auch nur zusammenzucken konnte. „Ich weiß, was du über Menschenmengen gesagt hast, aber die Sache ist die, ich habe uns eine private Loge gesichert. Wir wären hoch oben, was bei Trapezkünstlern bessere Sicht bedeutet, und natürlich wären es nur du und ich.“ Er hatte versucht, sich in diesen Gedanken nicht hineinzusteigern. „Das heißt, kein Schubsen und kein Gedränge, also … Aber wenn du lieber nicht willst, ist das völlig in Ordnung. Ich hatte nicht vor …“

„Nein.“ Clem schüttelte den Kopf. Rowley öffnete seinen Mund und schloss ihn sofort wieder, fest. Halt die Klappe, halt die Klappe, lass ihn reden. „Es … das ist so nett von dir. Ich, ähm, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wieso?“

„Ich möchte, dass du sie siehst“, sagte Rowley. „Und ehrlich, es ist nicht der Rede wert. Nun, es gibt etwas zu feiern. Ich habe den Dachs verkauft.“

„Wirklich?“ Clems Augenbrauen verbogen sich komisch. „Glückwunsch. Welche Sorte Mensch kauft den Dachs?“

„Er sah vollkommen gewöhnlich aus. Ein Mann in einem Mantel, mit Koteletten. Ihm steckten keine Strohhalme im Haar und er gab sich auch nicht als Premierminister Gladstone aus. Du hättest ihn für ziemlich normal gehalten.“

„Abgesehen davon, dass er einen Dachs wollte, der angezogen ist wie ein griechischer Gott. Ich verstehe, dass das ein Grund zum Feiern ist.“

„Also kommst du?“

„Sehr gerne.“ Clems Lächeln zog sich in die Breite und der durchweichte, braune Garten wirkte etwas frühlingshafter.

Sie gingen am Montag. Polly, die länger bleiben musste, um aufs Haus aufzupassen, verabschiedete sie mit einem strengen Blick, in dem Rowley nichtsdestotrotz einen Hauch von Zustimmung zu erkennen glaubte. Der Grand Cirque war ein Gebäude mittlerer Größe, und es wurde bereits bedrängt, als sie ankamen. Rowley hatte eine Menge Erfahrung darin, sich durch schmale Eingänge zu kämpfen und sich in Situationen wiederzufinden, in denen wegen des Gedränges der Leiber sein Gesicht gegen anderer Leute Rücken oder Hüte gedrückt wurde, und hatte entschieden, dass sie diese leidvolle Erfahrung sinnvollerweise umgehen sollten. Ein paar extra verdiente Dachs-Schillinge bedeuteten, dass sie über eine unauffällige Tür in der Gasse auf der Rückseite des Gebäudes ins Innere des Theaters gelotst wurden. Rowley war darauf hingewiesen worden, dass es nicht im Preis inbegriffen war, sich bei den jungen Damen aufzuhalten und ihnen beim Ankleiden zuzusehen; das, hatte er dem Türhüter versichert, wäre ganz in Ordnung.

Die Loge lag hoch oben, auf der einen Seite des Varieté-Theaters. Es gab zwei Stühle, die nah beieinander in einem kleinen Raum standen, von dem aus man die Menge überblicken konnte, die bereits jetzt eine furchterregende Zusammenstellung von Menschen war. Tabakrauch hing schwer in der Luft und die Gaslichter flackerten. Es roch nach Orangen, ungewaschener Haut, Parfüm und, da wo Rowley war, nach Clem.

„Ist das in Ordnung?“, fragte er. „Wenn nicht, wenn du dich unwohl fühlst, sagst du es dann?“

Clem nickte und sah nach unten in die Menge. Er hatte ganz klar kein Problem mit großer Höhe. „Rowley?“

„Hm?“

„Wie bist du drauf gekommen, das zu machen?“

„Nun, du hast es mir gesagt“, sagte Rowley. „Du sagtest, es wäre das Gedränge und dass Leute einem ins Ohr brüllen, und das mag ich auch nicht …“

„Ja, aber du kannst, oder? Du wärest lediglich etwas verärgert, da unten zu sitzen.“

„Sehr verärgert, und wahrscheinlich mit Blick auf den besten Hut irgendeiner Dame. Ich bin ein bisschen zu klein für die Sitzplätze.“ Er betrachtete Clems Profil von der Seite und sah den leicht finsteren Blick zwischen seinen dunklen Brauen. „Aber ja, ich könnte leicht auch im Parkett sitzen. Ich bin ganz froh, dass du lieber nicht möchtest.“

„Die meisten Menschen“, sagte Clem vorsichtig, „die meisten Menschen denken, ich solle keinen Aufstand machen.“

„Die meisten Menschen denken, niemand solle einen Aufstand machen, bis die eigenen Annehmlichkeiten in Gefahr sind, und dann bringen sie mit ihrem Geschrei die Welt zum Einsturz.“ Clem lachte überrascht und aufgeregt. Rowley sprach weiter. „Jedenfalls hast du keinen Aufstand gemacht. Du hast gesagt, was du willst, das ist alles, und da es sehr leicht für mich war zu bekommen, was ich wollte, während ich dir geben konnte, was du willst …“

„Was willst du?“ Er sprach die Worte beim Einatmen, wie ein leichtes Keuchen. Clems Hände lagen auf dem Geländer, lange, braune Finger, die das Messing umschlossen. Er sah Rowley nicht an, aber ihre Schenkel waren eng aneinandergedrückt und er bewegte sich nicht weg.

Komm schon, Green. Tu es.

„Ich würde dich gern glücklich machen“, sagte Rowley sanft. „Wie auch immer das anzustellen ist.“

Clem atmete etwas tiefer ein. „Ähm, Rowley?“

„Ja?“

„Meine Freunde meinen, ich solle dir sagen, dass ich sehr schlecht darin bin, Anspielungen zu verstehen. Sie dachten, ich solle dich das wissen lassen.“ Clem versuchte zu lächeln, bekam es aber nicht ganz hin.

Rowley dachte nach. „Nun, erstens wusste ich das. Zweitens klingt es, als hättest du interessante Freunde. Und drittens …“ Nachdem er sein Leben lang Heimlichkeit, Anspielungen und Andeutungen gewohnt war, war es hier in der Öffentlichkeit außerordentlich schwer, selbst wenn niemand anders ein einziges Wort verstehen würde. All die Dinge, die er sagen wollte, waren verschlüsselt. Du bist außergewöhnlich attraktiv. Ich habe dich sehr gern.

Jedem anderen Mann war das vollkommen klar, aber Rowley war an keinem anderen Mann interessiert.

Zur Hölle damit. Er legte Clem seine Hand auf den Oberschenkel, nicht so sehr, dass es ein grober Eingriff gewesen wäre, aber entschieden zu viel, um ein freundschaftlicher Klaps aufs Knie zu sein. Er fühlte, wie er zitterte, aber nicht wegrückte. Er atmete tief ein und erstickte fast als Clems Hand zu seiner hinüberglitt und sich sanft ihre Finger verschränkten.

„Ich denke, diese Anspielung verstehe ich“, murmelte Clem und erschrak, als das chaotische Stimmen der Orchester-Instrumente zu einer Fanfare ausbrach.

„Oh, es geht los.“ Er ließ Rowleys Hand nicht los. Rowley wollte sie nicht bewegen. Er legte sie flach auf die Wolle von Clems Hosenbein ab, fühlte den darunterliegenden Muskel und die Finger zwischen seinen.

Die ersten Darsteller waren trivial. Irgendein idiotischer Comedian, gekleidet wie ein hohes Tier, sang ein Lied, und ein anderer sang eines, gekleidet wie ein Stadtstreicher, sehr zum verständlichen Missfallen des Publikums. Eine in Federn gehüllte Frau trällerte gefühlvoll von der Liebe und bekam begeisterten Applaus, dann sang ein als Mann verkleideter Darsteller „I’m a Much-Married Man“ und wirbelte seinen oder ihren Stock auf sehr stürmische Weise. Clems andere Hand kam auf Rowleys Bein zu liegen, sodass sich seine Arme überkreuzten, und so saßen sie glückselig schweigend über dem Lärm zusammen, und berührten sich nur, während Rowleys Herz auf wirklich lächerliche Weise schlug.

Die Bühne wurde geräumt. Das Orchester begann einen Trommelwirbel, der herausgeputzte Zeremonienmeister mit Zylinder erschien unten und rief, bis es einigermaßen still war.

„Ladies und Gentlemen, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit! Ihre Bewunderung! Ihren Applaus! Für das umwerfende Akrobatenduo, die unangefochtenen Herrscher des Trapezes, die einzig Wahren, die Fliegenden Stare!“

Rowley lehnte sich nach vorne. Clem machte die Bewegung nach und beide zuckten erschreckt zusammen, als jemand mit einem Trapez durch die Mitte des Saals schwang, losließ, rotierend und glänzend durch die Luft segelte und mit einem hörbaren Klatschen auf der gegenüberliegenden Seite von den Händen eines anderen Akrobaten aufgefangen wurde.

Rowley war nicht sicher, ob Clem während der nächsten Momente atmete. Er war ziemlich sicher, dass er zu atmen vergessen hatte, als er die Vorstellung das erste Mal gesehen hatte, und von ihrer Warte aus, mit der Aussicht darauf, wie tief die Stare fallen mussten, war es noch fesselnder. Die Akrobaten waren in identischen, engen, paillettenbesetzten Kostümen gekleidet, mit einem Rüschenrock an der Taille und Rüschen am Mieder, um ein Lippenbekenntnis für Anstand abzulegen. Sie bewegten sich in erstaunlicher Einigkeit und Stille, die sie nur für gelegentliche Rufe unterbrachen – keine Worte, nur ein rasches, widerhallendes Geräusch, das Rowley an Fledermäusen erinnerte, die mittels Geräuschen navigierten. Sie bewegten sich, schwangen und flogen durch den Raum, um sicher von den Händen des anderen gefangen zu werden, wobei bei jedem Aufprall kleine Wolken weißen Puders aufstiegen, in einer Zurschaustellung von Anmut, Muskeln und schierer, sturer Furchtlosigkeit, die das Publikum um ihretwillen erschreckt nach Luft schnappen ließ.

„Es gibt kein Netz“, zischte Clem. Seine Finger gruben sich in Rowleys Schenkel, seine Augen fixierten die Vorführung. „Wenn sie fallen …“

Wenn einer von ihnen fiel, würde er im Parkett landen, über dem sie flogen, und wahrscheinlich töten, auf wem auch immer sie landeten, da selbst der kleinere Star eine beträchtliche Muskelbildung aufwies. Rowley nickte zustimmend ohne wegzusehen.

Der größere Star hing, hin und her schwingend, mit den Knien über der Trapezstange. Der kleinere Star schwang vor und zurück, vor und zurück in einem größer werdenden Pendel, noch einmal, ließ los, sauste rotierend durch die Luft – unmöglich weit, sie wird fallen, Schreie von unten – und landete mit einem heftigen Knall in den Händen ihres Partners. Sie beugte sich nach oben, sodass ihre Füße das Trapez berührten, ihr Partner ließ sich fallen und dann saß der kleinere Star kokett auf der Trapezstange, streckte ein Bein aus und winkte, während ihr Partner ihre Pose kopfüber nachahmte, so beiläufig als stünde er richtig herum auf festem Boden. Jubel und Pfiffe hallten durch den Saal. Clem sah zu, sein Mund leicht geöffnet, schweigend.

Die Stare schwangen, begleitet von stürmischem Applaus, durch die Luft fort. Sie kamen nicht für eine Zugabe zurück und ließen sich auch nicht auf den Boden herab, um sich zu verbeugen; das taten sie nie.

Rowley ließ Clem einen Moment, dann lehnte er sich vor, um gegen den Lärm von unten anzukommen. „Das wollte ich dir zeigen. Wir können bleiben, wenn du willst …“

„Lass uns nach Hause gehen.“

Sie gingen schweigend die Treppe herunter, liefen hinter den Kulissen hindurch, wo sich gerade ein Chor in raschelndem Krepp bereit machte, auf die Bühne zu gehen, und steuerten auf die Straße zu. Clem trat zuerst nach draußen und blieb zögernd stehen, als ob er sich orientieren müsse, obwohl sie nicht weit von Talleyfer’s entfernt waren; Rowley blickte ihn an und ging voraus nach Hause.

Nach einigen Augenblicken atmete Clem lange aus. „Das war erstaunlich. Danke dir. Du musst mir etwas erklären. Nein, zwei Dinge. Sind das beides Frauen?“

„Der größere ist ein Mann.“ Rowley war sich auch nicht sicher gewesen, als er sie das erste Mal gesehen hatte, aber aus der Nähe waren die breiten Schultern und die Hüfte deutlich geworden.

„Kleiden sie sich immer beide als Frauen?“

„Ich habe sie dreimal gesehen. Zweimal beide als Frauen, einmal beide als Männer.“

„Oh, das ist interessant. Ich muss einem Freund von mir davon erzählen.“ Clem ging ein paar Schritte, sein Stirnrunzeln verriet, dass er über etwas nachdachte. „Was war es, das du über sie und deine Arbeit gedacht hast?“

Er machte nie schwache Witze darüber, ob Rowley plante, auszustopfen, was ihn interessierte. Diese Zurückhaltung fand Rowley sehr bewundernswert. „Nun, als ich sie das erste Mal sah, traf mich die Erkenntnis, dass man all das nicht einfangen kann. Eine Fotografie wäre unscharf. Vielleicht gibt es einen Maler, der diese Art Anmut vermitteln kann, in der Bewegung, nicht in einem Moment der Stille, aber ich habe nie einen gesehen. Es ist so flüchtig. Irgendwann wird einer von ihnen fallen oder sie werden beide zu alt und niemand wird sie je wieder auftreten sehen. Und ich glaube, das hat mich entschlossener werden lassen, dem Verfall etwas entgegenzusetzen.“

„Die Zeit kannst du nicht bekämpfen“, sagte Clem. „Nicht mal Knut der Große hat das versucht.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber wenn du so etwas siehst, so wunderschön und so vergänglich, ohne Möglichkeit, es für die Nachwelt festzuhalten oder es noch einmal zu sehen …“

„Ich pflücke die Rose“, sagte Clem. „Und ich liebe sie mehr als Worte sagen können – Dann ist der Augenblick vorüber.“

Rowley blinzelte. „Kannst du das noch mal sagen?“

Clem wiederholte es; Rowley starrte ihn an. „Hast du das geschrieben?“

„Du lieber Himmel, nein. Das ist Robert Browning, einer meiner Lieblingsdichter.“

„Ich wusste nicht, dass du Lyrik magst.“

„Ich liebe Lyrik. Im Working Men’s Institute um die Ecke gibt es Vortragsreihen. Im Moment ist es Tennyson, jeden Montag. Es ist einfacher bei Vorträgen zu lernen als beim Lesen, denke ich, und es ist etwas anderes, Poesie laut vorgelesen zu hören. Speziell Browning. Der kann ganz schön schwierig sein, aber die Rhythmen sind so interessant.“

Rowley war deutlich überfordert. „Glaube ich gern. Ähm, was meintest du mit dem Gedicht?“

„Also. Ich habe kürzlich versucht, es auswendig zu lernen, und habe es für dich nachgeschlagen. Es ist aus ‚Two in the Campagna‘, das … etwas kompliziert ist, aber es geht darum, wie sich alles verändert, wie flüchtig alles ist. Dass du eine Rose pflücken, aber sie nicht bewahren kannst, verstehst du?“

Rowley verstand und es gefiel ihm nicht. „Heißt das, du willst nicht weiter an unserem Stück arbeiten?“, fragte er mit einem ausgeprägten Gefühl von Verlust, das dem Abend das Glücksgefühl nahm.

„Nein, nein, ich will! Es macht mir so viel Freude, darüber nachzudenken, ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist eher, dass es Dinge gibt, die man nicht einfangen kann, und wenn man es könnte, bräuchte man die richtige … ach verdammt. Das recht Maß, es zu tun, die Art und Weise, in der man es tut …“

„Medium?“

Clem nickte eifrig. „Das richtige Medium. Eine Kohlezeichnung, sehr schnell gemacht. Das könnte ich mir für die Fliegenden Stare vorstellen. Oder wenn irgendwann eine bessere Laterna Magica erfunden wird, die sich bewegende Bilder zeigen kann, vielleicht.“

„Aber nicht meine Arbeit.“

„Nun, nein. Ich glaube nicht. Ich glaube, sie kann eine Menge interessanter Dinge zeigen, aber keine flüchtigen Dinge festhalten. Nicht die Freude beim Fliegen.“

Rowley dachte darüber nach, während sie schweigend nebeneinander hergingen.

„Rowley?“ Clem klang etwas zurückhaltend. „Hat dich das beleidigt? Tut mir leid.“

„Nein. Nein, hat es nicht. Ich glaube, das könnte das größte Kompliment sein, das mir je gemacht wurde.“

„Wirklich?“, sagte Clem und dann: „Nein, das war Sarkasmus, richtig? Du bist beleidigt.“

„Es war kein Sarkasmus und nein, bin ich nicht.“ Rowley wollte anhalten, seine Hand greifen und ihn herumreißen, aber sie waren auf offener Straße und es war bitterlich kalt, ihr Atem sah in der kühlen Luft wie Drachenodem aus. „Ich glaube, niemand hat meine Arbeit bisher so ernst genommen, um Poesie zu zitieren und ihre Beschränkungen zu erwägen. Um so wie du darüber nachzudenken. Ich will mit dir zuhause sein.“

„Das will ich auch“, sagte Clem. „Es ist nicht weit.“

Sie waren kurz nach halb neun im Haus. Polly steckte ihren Kopf heraus, um zu verkünden, dass Mr. Power natürlich noch aushäusig sei, dass Mr. Lugtrout im Salon wäre und dass sie vorhatte, ihn aufzuscheuchen, bevor sie gehen würde. Clem bedankte sich bei ihr und betrat mit Rowley seine Räumlichkeiten, in denen den Abend über ein gescheites Feuer gebrannt hatte. Rowley spürte die Kälte aus seinen Schulter fahren, seine Brille war augenblicklich beschlagen. Er setzte sie ab und schob sie in seine Jackentasche, statt den zwecklosen Versuch zu starten sie zu putzen. Und so standen sie sich im Gaslicht gegenüber.

„Clem.“ Rowley kam näher, nah genug, dass es kein Missverständnis über den Sinn gab, nah genug, dass er Clems Augen genau sehen konnte, lebendig und voller Hoffnung, Staunen und zweifellos Nervosität. „Darf ich dich küssen?“

Clem nickte, eine winzige Bewegung. Rowley stellt sich auf die Zehenspitzen und Clems Mund traf seinen. Lippen, die sich wegen des Gangs durch die Kälte noch kalt anfühlten, sein Bart überraschend rau an Rowleys glattrasierter Haut, sein Atem warm und schnell. Rowley ließ seine Hände sanft Clems Arme herauf gleiten, fühlte Hände auf seinem unteren Rücken, drückte sich näher heran, öffnete seinen Mund weiter und Clem küsste ihn mit drängenden, unkoordinierten Bewegungen, stieß mit den Lippen gegen seine Zähne. Seine Zunge prallte auf Rowleys, mehr ein Zusammenstoß als eine Berührung, versteift und unbeholfen, und als Rowley feststellte, dass sie es nicht richtig hinbekommen hatten, zuckte Clem mit einem Keuchen zurück.

„Clem? Was ist los?“

„Entschuldige. Entschuldige.“ Er winkte leicht mit der Hand, als wolle er nein andeuten, und holte noch einmal Luft. „Ich, ähm, entschuldige.“

„Was ist denn?“, wollte Rowley wissen und musste sich zwingen, seine Stimme sanft klingen zu lassen. „Wenn du lieber nicht …“

„Nein! Nein, es ist nichts. Es geht mir sehr gut.“

„Nein, geht es dir nicht“, sagte Rowley geradeheraus. „Was mache ich falsch?“

„Nichts!“

„Nun, du hast nichts falsch gemacht, soweit es mich betrifft. Also muss das Problem bei mir liegen, und wenn du mir sagst, was es ist, kann ich versuchen, es besser zu machen.“

„Es liegt nicht an dir“, sagte Clem. „Ich habe nur … vergessen zu atmen. Lach nicht.“

„Vergessen zu atmen?“

„Bitte nicht. Es ist schwer, alles gleichzeitig hinzukriegen. Ich bin nicht sehr gut darin. Bitte lach nicht.“

Er sah elend aus, etwas trotzig und sehr verspannt, in der Erwartung unsanfter Worte. Rowley fand nichts daran auch nur irgendwie komisch. „Willst du aufhören?“

„Nein.“

„Was würde denn helfen? Clem, ich habe mir immer wieder vorgestellt, dich zu küssen, seit ich in die Wilderness Row gezogen bin, und das letzte Wochenende mehr oder weniger pausenlos. Ich bin nicht sicher, was du von mir verlangst, aber wenn es irgendetwas anderes ist als mich auf den Kopf zu stellen …“

Clem schluckte. „Ich kann richtig herum nicht küssen, dann werde ich es auch nicht kopfüber tun.“

„Du küsst so gut wie jeder andere, den ich jemals geküsst habe, und keiner von uns muss sich dafür entschuldigen, kein Fliegender Star zu sein.“

„Ich wette, sie können kopfüber küssen. Vielleicht nicht einander, es sei denn, sie sind verheiratet.“

„Kann ich nicht sagen.“ Rowley nahm seine Hand, verschränkte ihre Finger und hob sie an die Lippen. Clems Atem stockte. Rowley bewegte seine Lippen über die mittlerweile warme Haut, liebkoste jede Fingerspitze mit Lippen und etwas Zunge, langsam und geduldig, bis er Clem lustvoll aufstöhnen hörte. „Wäre es dir lieber, gar nicht zu küssen? Ist das leichter?“

„Nein, ich möchte gerne.“ Clem schluckte. „Würdest du – könntest du mich für eine Weile das Tempo vorgeben lassen, bis ich mich dran gewöhnt habe?“

Der Gedanke ließ Rowleys Herz pochen. „Du kannst das Tempo so lange vorgeben, wie du willst.“ Er saugte an einer Fingerspitze und spürte Clem schaudern. „Und wenn irgendetwas falsch oder nicht ganz richtig ist, sag es mir bitte. Und wenn du etwas tust, das mich stört, sage ich es dir. Wie klingt das?“

„Das wäre perfekt“, sagte Clem sanft. Rowley gab seine Hand nicht frei, aber ließ seinen Arm sinken und hob wartend seinen Kopf. Clem war für einen Moment regungslos, seine herrlichen, dunklen, bernsteinbraunen Augen entschlossen, dann senkte er seinen Kopf herab und küsste Rowley vorsichtig, beinahe keusch. Ihre Lippen hielten einen Augenblick lang inne, dann begann Clem sich zu bewegen, kleine, forschende Veränderungen von Druck und Form. Er nahm sich Zeit.

Rowley war noch nie in seinem Leben so geküsst worden. Es fühlte sich an, als ob Clem seinen Mund lehrte, als ob er hartnäckige Entschlossenheit anwandte, um es richtig zu machen, und das quälend langsam. Es kam Rowley in den Sinn, dass jeder Teil des Liebesspiels mit Clem so langsam sein würde, dass jeder Zoll Haut genauestens untersucht und auswendig gelernt werden müsse. Es könnte Wochen geduldigen Wartens bedeuten, und bei dieser Erkenntnis schoss ihm das Blut so hart in die Lenden, dass seine Knie beinahe einknickten.

Er bewegte seine freie Hand sehr, sehr leicht auf Clems Hintern, sie schwebte beinahe, bis Clem nickte, wobei sich seine Lippen gegen Rowleys Mund schoben, aber nicht den Kontakt verloren, dann ließ er seine Finger und seinen Handteller ruhen, umschloss die Kurve festen Fleischs, spürte den Stoff, an dessen Stelle er lieber nackte Haut gehabt hätte, fühlte aber auch etwas anderes: Clems Konzentration; seine eigene Erregung, die sich hart gegen Rowleys presste, dort wo sich ihre Körper trafen; das zögernde Forschen von Clems Zunge. Er öffnete seinen Mund, aber blieb regungslos. Er konnte darauf warten, er konnte ewig darauf warten oder zumindest beinahe, auf dieses …

„Dieb!“ Der aufgebrachte Schrei kam von oben. „Haltet den Dieb! Ich bin ausgeraubt worden!“


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K. J. Charles ist Schriftstellerin und freiberufliche Lektorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in London, mit einer zunehmend mordlustigen Katze und einem verwilderten Garten. Sie schreibt vor allem Gay und Straight Romance, die oft vor einer historischen Kulisse spielt und mit Fantasy- und Horror Elementen angereichert ist. Sie ist auf das Lektorat von historischen und fantastischen Liebesromanen spezialisiert, außerdem arbeitet sie mit Kinderbüchern. Ihre Werke wurden mehrfach in der Washington Post besprochen.