Lizzy sucht die Liebe

Da sitze ich also. Lizzy Rosenmüller. In einem hermetisch abgeriegelten Sicherheitsraum des Münchner Flughafens, eingezwängt in ein viel zu enges T-Shirt mit der Aufschrift „Malle-Diven on tour“ und bereit, auf Ballermanns Partymeile zwar nicht die Sau, aber vielleicht ein kleines Schweinchen rauszulassen. Die anderen Malle-Diven durften dagegen schon das Flugzeug besteigen, wo sie nun entspannt ihren Prosecco schlürfen und mich wahrscheinlich schon längst vergessen haben.

Zwei schwerbewaffnete Männer taxieren mich mit strengem Blick, als wäre ich gerade aus der Justizvollzugsanstalt in der Stadelheimer Straße ausgebrochen, keine halbe Stunde von hier entfernt, und nicht auf dem Weg in das Urlaubs- und Flirtparadies Mallorca. Ein Beamter steht links, einer rechts neben mir, während ein Dritter angestrengt meinen Koffer durchwühlt, der allein schon wegen seines ramponierten Äußeren Argwohn erweckt. Der Koffer, nicht der Beamte.

Ein skurriler Anblick bietet sich mir, als ein Polizist, eingepackt in eine dick gepolsterte Sicherheitsweste, meine Großpackung Tampons durchwühlt und immer wieder mit spitzen Fingern prüft, ob es sich auch wirklich um solche und nicht doch um Granaten handelt. ‚Super plus‘ für die extra starken Tage – der Verdacht liegt nahe! Und dass sie mich bewachen müssen, ist auch verständlich. Welche Frau würde da nicht durchdrehen, wenn jemand derart ungeniert ihren Intimbereich untersucht? Na ja, noch nicht ganz Intimbereich, aber fast.

Der Aufkleber auf meinem Koffer in kyrillischer Schrift entspannt die Situation auch nicht sonderlich. Keine Ahnung, was draufsteht. Ich spreche kein Russisch. Ich war auch noch nie in Russland. Mein Exmann schon.

Wie gern würde ich jetzt erzählen, ich war einst die reiche Ehefrau eines russischen Ölmagnaten und nun aufgrund eines nicht vorhandenen Ehevertrages die noch reichere Exfrau jenes russischen Ölmagnaten, aber das wäre gelogen. Nein, mein Exmann war rein beruflich in Russland unterwegs. Als Handelsvertreter für Schuhe. Allerdings, und diese Tatsache würde ich liebend gern für mich behalten, nix Jimmy Choo oder Valentino – nein, stattdessen war er Vertreter für Gesundheitsschuhe.

Der alte Koffer ist einer der wenigen mickrigen Hinterlassenschaften meines Exmannes. Und genau deswegen – um vor seinen wenigen mickrigen Hinterlassenschaften zu fliehen (wobei ich meine beiden Kinder natürlich nicht dazuzähle, aber manchmal braucht auch eine Mutter eine Auszeit) – befinde ich mich heute in diesem kleinen Überwachungsraum des großen Münchner Flughafens, den ich sicher auch bald wieder verlassen werde. In Handschellen Richtung Stadelheim, anstatt frei und unbeschwert nach Malle.

Wir Mädels waren viel zu früh am Franz-Josef-Strauß-Flughafen eingetroffen. Die Mädels, das sind meine drei besten und allerliebsten Freundinnen: die „Therapie-Schwestern“, wie ich sie gern nenne, da sie mich mit Rat und Tat und mit viel Verständnis und Herz durch das Auf und Ab meiner Trennung und der anschließenden Scheidung begleitet haben.

„Bald gehts wieder aufwärts, Lizzy“, lautet ihr Leitspruch, wenn ich mich gerade mal wieder am Rande eines Nervenzusammenbruchs befinde. Und um besagtem Aufwärtstrend einen kleinen Schubs zu geben, beschlossen sie, gemeinsam auf Mallorca die Sau rauszulassen – Party bis zum Morgengrauen. Ich solle trinken, tanzen und flirten und mich so von meinem Exmann ablenken, der nicht trinken, tanzen und flirten muss, da Yvonne für genügend Ablenkung sorgt. Schließlich ist Yvonne fünfzehn Jahre jünger als ich und fünfzehn Kilo leichter, obendrein sexy und blond anstatt langweilig und ansatzgrau und – Jackpot! – kinderlos und somit allzeit bereit für hemmungslosen Sex. Allerdings besitzt Yvonne keinen Doktortitel. Okay, den habe ich auch nicht, aber Yvonne ist davon noch weiter entfernt als ich und das wollte ich an dieser Stelle kundtun, ohne zu sagen, sie sei dumm wie Brot, denn das könnte man womöglich nur meiner verletzten Eitelkeit zuschreiben.

Als wir heute früh am Flughafen ankamen, hatten wir bis zur Boarding Time noch über eine Stunde Zeit. Helene ist eine super Organisatorin und plant stets genügend Puffer für jede Panne ein, die ihr auch nur im Entferntesten in den Sinn kommt. Was sich im Nachhinein in diesem speziellen Fall als weitsichtig erwies. Auch wenn Helene sicherlich mit allen möglichen Pannen gerechnet hat, nur nicht mit dieser.

Wir machen es uns also in der Flughafen-Lounge gemütlich und bestellen eine Flasche Sekt. Alkohol ist heute auch meine einzige Rettung! Ich bin über vierzig Jahre alt, trage ein pinkes T-Shirt auf dem Weg zu Mallorcas Saufmeile und strahle die pure Verzweiflung einer Frischgeschiedenen aus, anstatt die verführerische Erotik einer erfahrenen Frau!

Wir trinken, wir lachen und wir lernen zwei Männer kennen, die auch gut drauf sind. Sie sind in unserem Alter. Einer von ihnen hat einen leichten Bauchansatz, der andere eine beginnende Glatze. Sie tragen ebenfalls bedruckte T-Shirts. „Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr“ meets die „Malle-Diven on tour“. Wenn das nicht Schicksal ist!

Helene gibt mir einen kleinen Schubs, ich solle schon mal mit dem Flirten anfangen, auch wenn wir noch meilenweit von Mallorca entfernt sind. Ich reagiere nicht. Es folgt ein zweiter Schubs als verschärfte Aufforderung. Ich zögere, denn nach fünfzehn Jahren Ehe beschränkt sich meine Konversation mit einem Mann auf Sätze wie „Die dreckigen Socken bitte nicht unter das Bett schieben“ oder „Klopapier ist alle, kannst du welches besorgen?“. Mit anderen Worten: Ich bin ganz schön aus der Übung und die Erwartungshaltung meiner Freundin hat somit nur zur Folge, dass ich schrecklich nervös werde und keinen halbwegs intelligenten Satz von mir geben kann. Stattdessen nuschele ich irgendetwas vor mich hin, das nicht mal ich verstehe, geschweige denn, der mit dem Bauchansatz. Der Ärmste ist absolut überfordert. Helene versucht, der Sache etwas mehr Schwung zu verleihen: „Das ist Lizzy.“ Aufmunternd lächelt sie ihm zu und preist mich mit einer ausladenden Handbewegung an wie eine HSE24-Home-shopping-Queen das Model des Vorjahres, das auf dem regulären Markt keinerlei Chancen hätte.

Regungslos warte ich darauf, an den Mann gebracht zu werden, sprich an den Bierbäuchigen. Aber der zeigt keinerlei Interesse und schon verabschieden sich die beiden Männer wieder, um ihre eigenen Wege zu gehen. Bis wir ihnen eine Dreiviertelstunde später an der Passagierkontrolle erneut begegnen. Die Jungs sind nicht mehr ganz nüchtern. Macht nichts, wir ja auch nicht. Es wird gegiggelt und rumgealbert, die mahnenden Blicke des Sicherheitspersonals prallen ungerührt von uns ab.

Dann bin ich an der Reihe. Fröhlich und nichtsahnend marschiere ich durch den Metalldetektor. Der piepst urplötzlich. Und genau in dem Augenblick meldet sich der Bierbäuchige mit dem wahnsinnig originellen Gag, das sei doch nur ein kleines Bömbchen, und die nette Dame mit dem Schlagstock solle mich doch bitte ganz schnell durchwinken.

Tja – was soll ich sagen: Seiner Bitte ist sie nicht gefolgt, stattdessen befinde ich mich jetzt ohne meine Freundinnen in diesem hermetisch abgeriegelten Raum mit Einwegspiegel und Überwachungskamera. Dass alles „sauber“ sei, wie der kofferdurchwühlende Beamte mitteilt, und die Beamtin, die den Bodycheck an mir durchführt, ebenfalls befindet, ich sei „sauber“ (wofür ich mich auch höflich bedanke), ist zumindest eine gute Nachricht. Allerdings muss nun die Airline entscheiden, ob sie das Risiko eingehen will, eine pinke, leicht angetrunkene, an manchen Tagen aufgrund ihres Singledaseins ganz schön verzweifelte Ü40-Terroristin an Bord zu lassen.

Zehn Minuten später geleitet mich die Security zum Flieger, dessen Passagiere mich nicht ganz so herzlich empfangen wie meine Freundinnen. Schließlich hat der Flieger dank mir eine halbe Stunde Verspätung.

Kaum sind wir gestartet, wird uns ein Snack gereicht: eine klitzekleine Tüte Chips und ein dampfender, wabbelig weicher Plastikbecher, dessen Inhalt nur dank der braunen Farbe eine Ähnlichkeit mit Kaffee aufweist, ganz sicher aber nicht wegen des Geschmacks oder des Geruchs.

Unsere ausgelassene Stimmung ist erst mal im Eimer. Wir giggeln nicht mehr wie Teenies, sondern unterhalten uns wie erwachsene Frauen, vollkommen ruhig und gesittet, über aktuelle Aldi-Sonderangebote, anstrengende Kollegen, Wimpernverdichtung, Kochrezepte, Kinder und Ehemänner (wahlweise Ex-Ehemänner). Wirklich unterhaltsame Themen werden tunlichst gemieden. Zu viel Spaß ist nicht immer gut, das haben wir gerade auf unangenehme Art erfahren müssen.

Dann endlich – Mallorca!

Als wir bei der Gepäckausgabe zufällig Bierbauch und Glatzkopf über den Weg laufen, vermeiden wir jeglichen Blickkontakt, um schnellstmöglich davonhuschen zu können. Manche Männer und manche Scherze zünden eben nicht.

Zum Glück verläuft alles reibungslos und ein weiteres Drama wie am Münchner Flughafen bleibt uns erspart. Sogar mein russischer Koffer darf einreisen.

Erleichtert verlassen wir den Flughafen und nehmen uns ein Taxi.

Ich genieße die Fahrt und öffne das Fenster. Die im Nachmittagslicht sanft leuchtende Landschaft, der Duft des Meeres und die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut entschädigen mich für all die Unannehmlichkeiten der letzten Stunden, ja, sogar für die Sorgen und Nöte der letzten Monate.

Ich sehne mich danach, in das türkisblaue Meer einzutauchen, mich von den Sorgen der Vergangenheit reinzuwaschen und von den Wellen sanft zu neuen Ufern treiben zu lassen. Ich fühle mich der Welt entrückt und lasse meinen romantischen Träumen freien Lauf.

Ich bin verliebt! In Mallorca!

In diesem verzauberten Moment, fern aller Sorgen, kann ich mir tatsächlich vorstellen, den Rest meines Lebens auf dieser Insel zu verbringen.

Die Augen geschlossen, gebe ich mich einem gülden leuchtenden Tagtraum hin …

Ich bewirtschafte eine Finca. Ich hege und pflege einen Olivenhain und am Ende des Sommers ernte ich die Früchte meines Schaffens. Viele Oliven!

Halt!

Es sind ja gar keine Oliven! Ich habe stattdessen Wein angebaut. Wein schmeckt viel besser und wirkt viel besser als es Oliven je könnten und ist obendrein das bevorzugte Mittel der Wahl gegen Kummer und Einsamkeit. Allerdings habe ich es auch noch nie mit Oliven probiert. Käme wohl auf einen Versuch an.

Natürlich habe ich auch einen Vorarbeiter, der mich tatkräftig unterstützt. Ich habs ja nicht so mit der Landwirtschaft. Sexy ist er, der Vorarbeiter. Pedro heißt er. Mit feurigem Blick steht er vor mir. Sein schweißbedeckter Oberkörper glitzert im Sonnenlicht. Er kommt auf mich zu. Lüstern leckt er seine vollen Lippen. Ich bin bereit. Sowas von bereit! Für diesen Mann und für seinen Kuss.

Da kommt mir Yvonne zuvor. Kurzerhand schiebt sie sich ins Bild und presst ihre jungen, wollüstigen Lippen auf seine.

HÄ?!! Wie bitte?!! Yvonne?

Ja, Yvonne! Yvonne, die Geliebte meines Exmannes. Hab‘ ich erwähnt, dass Yvonne jung und blond und allzeit bereit ist? Und jetzt hat sich die blöde Kuh auch noch meinen Pedro geschnappt!

Ohne Pedro wird mich eine defekte Wasserleitung, ein undichtes Dach oder die gemeingefährliche Rebenpockenmilbe bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben! Ich mags nun mal gern ordentlich, ohne dass ich mich dafür handwerklich betätigen muss. Also wird das nichts werden mit der Finca. Aber träumen wird man ja noch dürfen. Warum ich allerdings von Yvonne träume, sollte ich mal in aller Ruhe ergründen.

Jetzt ist allerdings nicht die Zeit für irgendwelche Grübeleien, jetzt ist Zeit für Urlaub. Also stoppe ich das Gedankenkarussell, bevor es richtig Fahrt aufnehmen kann.

Obwohl ich in den letzten Tagen so gar nicht auf Urlaub eingestimmt war, bin ich es jetzt voll und ganz. Die Lebensfreude hat mich wieder. Je länger wir durch die Landschaft kurven, desto weiter weg rückt die Erinnerung an die Scheidung.

Wie sehr ich mich auf unseren ersten Urlaubstag freue! Einchecken, Zimmer beziehen, Badezeug aus dem Koffer kramen und ab an den Pool. Faulenzen bis zum Gehtnichtmehr. Am Abend lecker essen im Hotel (vier Sterne und Blick aufs Meer), anschließend Abtanzen auf Ballermanns Partymeile, bevorzugtes Ziel – der Bierkönig.

Bierkönig.

Okay …

Den Bierkönig kenne ich aus solch journalistisch fundierten Reportagen, wie sie gern auf RTL gezeigt werden. Im Bierkönig treten Größen wie Melanie Müller oder Peter Wackel auf. „Johanna, du geile Sau“, brüllt Peter Wackel in die Menge und junge Frauen belohnen ihn für dieses musikalische Meisterwerk mit dem Anblick ihrer entblößten Brüste. Dabei ist Peter Wackel keineswegs ein Schnittchen, wie man es dank solch weiblicher Reaktionen erwarten würde. Nein, Peter Wackel trägt Karohemd und Seitenscheitel und sieht aus wie ein braver Versicherungsvertreter.

Meine Vorfreude auf den Bierkönig hält sich also in Grenzen, aber die Mädels meinen, auf der Ballermannmeile finde ich alles, was meinem nach Spaß und Flirt lechzenden Herz guttun würde. Dabei lechzt mein Herz in Wirklichkeit gar nicht nach Spaß und Flirts, sondern nach der wahren Liebe. Das behalte ich allerdings für mich. Will ja keine Spaßbremse sein.

Das Taxi hält an und vier pinke Ladies krabbeln mit roten Wangen und verschwitzten Gesichtern aus dem Auto heraus. Das Taxi hat keine Klimaanlange und die Mittagssonne hat die Karosserie bis zum Glühen erhitzt.

An der Rezeption empfängt man uns mit einem freundlichen „Hola“. Die Eingangshalle erstrahlt in kühlem Marmor und saugt die Hitze auf.

Ich atme tief ein. Lasse meinen Blick schweifen. Durch das Foyer, aus dem Fenster hinaus.

Ich sehe das Meer. Spüre die Freiheit.

Ich bin angekommen …


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.


Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

Das E-Book kaufen.

Anne Gard glaubt an die Liebe. Da man aber auch die Liebe oft mit Humor nehmen sollte, schreibt sie freche Frauenromane mit einer Prise Komik und einem Augenzwinkern. Sie ist Mitglied der Romance Alliance – Bücher mit Herz. Mit der neuen Reihe Love Shots bieten dp DIGITAL PUBLISHERS und die Romance Alliance eine vielfältige Auswahl an Liebesgeschichten im Kurzroman-Format, die sich speziell für unterwegs eigenen.