Lehrstunden des Herzens

Schicksalsnacht

Oakham House, Surrey 1811

Clara schreckte aus dem Schlaf. Es musste noch mitten in der Nacht sein, denn bis auf einen Schimmer Mondlicht, der durch den schmalen Spalt in den Vorhängen fiel, war es stockfinster. Hektische Schritte und gedämpfte Stimmen drangen durch die Tür. Jemand lief im Flur an ihrem Zimmer vorbei. Irgendetwas ging in Oakham House vor, und die nächtliche Aktivität hatte gewiss nichts Gutes zu bedeuten.

Widerwillig schlüpfte sie aus dem warmen Bett und warf ihren Morgenrock über, um nachzusehen, was dort vor sich ging. Als sie den Kopf durch die Tür steckte und in den Korridor spähte, sah sie ihre Mutter aus dem Zimmer ihres Bruders treten, das blasse Gesicht im Schein einer Kerze fast wächsern. Ihre sorgenvolle Miene genügte, um Clara in Aufregung zu versetzen.

»Mutter! Sag, steht es ernst um Philip?«

Mrs Dallaway presste die Lippen zusammen und nickte. Es fiel ihr sichtlich schwer, zu sprechen.

»Ich habe Thomas geschickt, den Arzt zu holen. Das Fieber ist zurück und heftiger als zuvor. Er fantasiert.«

Clara fröstelte. Sie zog den Morgenmantel enger um ihre schmale Gestalt.

»Kann ich etwas tun?«

»Nicht viel, fürchte ich, Liebes«, entgegnete Mrs Dallaway. Ihre Stimme klang rau und gepresst und Clara ahnte, dass sie ihretwegen versuchte, die Tränen zurückzuhalten. »Wir müssen auf Gott vertrauen und für deinen Bruder beten.«

Clara lief zu ihrer Mutter und wollte Philips Zimmer betreten. Doch Mrs Dallaway hielt sie zurück.

»Er hat mich eben nicht einmal erkannt.« Nun verlor Claras Mutter endgültig den Kampf mit den Tränen.

»O Mutter, wie schrecklich!« Clara nahm ihre Hände. Sie waren eiskalt.

»Geh und weck Betty. Sie soll Wasser und Essig bringen für kalte Umschläge. Ich bleibe bei Philip.«

Erleichtert, eine Aufgabe zu haben, um ihre Gedanken zu beschäftigen, lief Clara sofort los, und als sie kurz darauf mit dem Hausmädchen das Krankenzimmer betrat, saß ihre Mutter an Philips Bett. Im Kamin flackerte das Feuer. Es war warm und stickig, dennoch konnte Clara hören, wie Philip fröstelte. Die schweren dunklen Vorhänge und die holzvertäfelten Wände, die den Raum sonst heimelig und gemütlich wirken ließen, erschienen Clara jetzt beinahe erdrückend. Als sie näherkam, erschrak sie beim Anblick ihrer Mutter. Die sonst energische Frau wirkte plötzlich kraftlos.

Sie eilte an ihre Seite und warf durch die halb zugezogenen Bettvorhänge einen sorgenvollen Blick auf Philip, ihren jüngeren Bruder, dessen blasses Gesicht sich kaum vom Weiß des Kissens abhob. Die dunklen Haare klebten auf der schweißnassen Stirn und seine Lippen formten unablässig geräuschlose Worte. Sachte strich Clara über seine glühende Stirn und ließ sich von Betty einen in kaltem Essigwasser getränkten Lappen geben, mit dem sie sein Gesicht betupfte.

Es erschien ihr, als seien Stunden vergangen, als sie draußen endlich die Droschke hörte und kurz darauf der Diener mit Mr Hammond die Treppe heraufkam. Mr Hammond war Apotheker, fungierte allerdings hier draußen auf dem Land auch als Arzt und führte kleinere Eingriffe durch. Er legte die Stirn in tiefe Falten, als er Philips Puls fühlte.

»Das Fieber ist zu hoch. Sein Herz rast. Wenn wir die Temperatur nicht herunterbringen, fürchte ich, dass es sich erschöpfen wird.« Mr Hammond öffnete seine Tasche und entnahm ihr einige Fläschchen und Instrumente und reihte sie auf dem kleinen quadratischen Nussbaumtischchen auf.

»Betty, bring Wasser und Seife und eine Schüssel. Ich werde einen Aderlass vornehmen.«

Clara hielt die freie Hand ihres Bruders, während Mr Hammond Philips Arm reinigte und die Aderpresse anlegte. Als er die Vene öffnete und der Kranke aufstöhnte, musste Clara den Blick abwenden. Sie drückte seine Hand und biss sich auf die Lippe. Auch wenn er inzwischen beinahe zum Mann herangewachsen war, in ihrem Herzen würde er immer ihr kleiner Bruder bleiben, um den sie sich sorgte, den sie vor Unheil und seinem eigenen Übermut zu bewahren versuchte. Ein Leben ohne Philip, ihren Vertrauten, mit dem sie ihre Sorgen und Geheimnisse teilte, konnte und wollte sie sich nicht vorstellen.

Mr Hammond sammelte seine Utensilien zusammen und packte seine Tasche.

»Geben Sie ihm nach Möglichkeit ausreichend Flüssigkeit und wechseln Sie regelmäßig die Umschläge.« Er warf einen Blick über die Schulter und senkte die Stimme. »Ich fürchte, sonst können wir wenig tun, außer zu beten. Es steht nicht gut um den Jungen. Sie sollten auf das Schlimmste gefasst sein.«

Mrs Dallaway schlug die Hand vor den Mund und nickte. »Danke, Mr Hammond«, würgte sie hervor.

Clara fühlte ein Zittern durch ihren Körper laufen und ihr war, als müssten ihre Beine jeden Moment unter ihr nachgeben. Mit diesem Urteil wollte sie sich nicht abfinden. Sie hielt sich beschäftigt, wechselte die Umschläge, sobald sie sich zu warm anfühlten, und verabreichte Philip das Tonikum aus Mädesüß und Weidenrinde, das Mr. Hammond verordnet hatte. Doch all ihr Mühen brachte keine Linderung. Ihr Bruder war unruhig und zitterte, Kopf und Nacken lagen steif und verkrampft auf dem Kissen und seine fieberglänzenden Augen erkannten sie nicht. Sein Blick war stumpf, als ob der Lebensfunke dahinter bereits zu flackern begonnen hatte und bald erlöschen werde. Clara wollte ihren aussichtslosen Kampf nicht aufgeben. Als die Mutter, die ihre Hände im Schoß zum Gebet gefaltet hatte, sie ermahnte, es ihr gleich zu tun, sandte sie mit trotzigem Zorn eine stumme Klage zum Himmel. Hatte sie sich nicht stets bemüht, Gott zu gefallen und auf seine Güte vertraut? Sollte dies der Gott der Liebe sein, wenn er doch nicht wusste, wie ihr eigenes Leben an dem des Bruders hing? Er durfte ihr doch nicht den wichtigsten Menschen in ihrem Leben entreißen! Selbst Philips Zwillingsschwester Evelyn stand dem Bruder nicht näher als Clara, die oft für beide jüngeren Geschwister gesorgt hatte und sich für sie verantwortlich fühlte.

»Ich hatte so gehofft, wir hätten beiden Kummer und Aufregung ersparen können, aber ich denke, du solltest Evelyn und deinen Vater wecken«, sagte Mrs Dallaway schließlich, als der Morgen graute. Die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme und Philips immer flacher werdender Atem trieben Clara die Tränen in die Augen. In diesem Moment erkannte sie, dass Mr. Hammond recht behalten würde.

Seit Monaten schon bangten sie um den Vater, um sein schwaches Herz, das den Anstrengungen des Lebens nicht mehr gewachsen schien. Es war stets in Claras Bewusstsein gewesen, dass sie bei ihm jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen mussten. Dass es eines Tages einfach aufhören würde, zu schlagen. Sie hatte sich innerlich gewappnet. Doch Philip? Ihr Bruder war doch jung und kräftig, sein Herz stark und gesund. Nie hätte sie sich vorstellen können, dass er es sein würde, den das Schicksal zuerst aus dem Kreis seiner Lieben riss. Stumm nickte sie und lief hinaus.

Seit Philips Begräbnis waren bereits acht Wochen vergangen, und der Frühling hatte Einzug gehalten. Und obschon das herrliche Aprilwetter im Kontrast zu dem dumpfen Gefühl der Trauer stand, hatte Clara ihre Schwester zu einem Spaziergang von Oakham House zu den nahegelegenen Banstead Woods überredet. Es war noch recht früh, doch mit etwas Glück würden sie Bluebells in voller Blüte zu sehen bekommen. Schweigend schritten die Schwestern den von Büschen und Hecken gesäumten Sandweg zwischen den Feldern entlang, der aus dem Dörfchen Banstead in der englischen Grafschaft Surrey hinausführte. Clara hatte sich bei Evelyn untergehakt, dankbar für die tröstliche Gesellschaft. Um sie herum schien die Natur förmlich zu explodieren. Alles grünte und erblühte und die Vögel in den Zweigen verkündeten fröhlich den Frühling. Clara blieb einen Augenblick stehen, um die Bänder ihrer Haube festzuziehen, und blickte kurz in das fast wolkenlose Blau über ihr. Tief sog sie die frühlingsfrische Luft in ihre Lungen.

»Erscheint es dir nicht auch beinahe anstößig, wie lebendig und hell es um uns ist? Und doch bin ich gern hier draußen mit dir. Hier muss ich mich nicht verstellen und eine gefasste Miene aufsetzen.«

Evelyn drückte ihren Arm.

»Dann geht es dir wie mir. Ist es nicht widersinnig, dass der Anstand verlangt, dass man seine Gefühle verbirgt? Es mag doch jeder sehen, wie es in meinem Herzen aussieht.«

»Daran kann ich nichts Verwerfliches finden«, stimmte Clara zu. »Ich vermisse Philip so schrecklich.«

»Wir alle.« Evelyn steckte eine widerspenstige dunkle Locke zurück unter ihre Haube.

Sie erreichten den Waldrand und tauchten in den Schatten der Bäume. Die Sonne schimmerte durch das sattgrüne Blätterdach und zauberte ein fast überweltliches Licht. Still und friedlich. Der Boden unter den Bäumen war ein Meer aus leuchtendem Blau, in dem die zwei Mädchen in ihren dunklen Kleidern und Hauben deplatziert wirkten wie zwei Krähen in einer Voliere voller bunter Ziervögel.

»Es ist wunderschön hier, findest du nicht?«, fragte Evelyn.

»Wie in einer Kathedrale«, stimmte Clara zu. »Ich finde es tröstlich. Wir sollten Mama ein Sträußchen pflücken. Vielleicht können die Blumen sie ein wenig aufheitern.«

Evelyn hatte sich gebückt und eine der blauen Blumen gepflückt. »Sie duften so herrlich. Sicher wird es Mama fröhlicher stimmen.«

Die Sträuße in den Händen, liefen die Mädchen einige Zeit später den Weg über den Hügel hinab, der an dem kleinen Fachwerkhäuschen des Verwalters vorbei in Richtung Oakham führte. Schon schimmerte das Rot der Ziegel durch die Bäume, und hinter der nächsten Biegung sahen sie das Anwesen vor sich. Sie erreichten den von hohen Hecken umgebenen Garten, traten durch das seitliche Tor und folgten dem Kiesweg zum Wohnhaus mit seinen hübschen Erkern und den weißen Fensterrahmen, die in der Sonne leuchteten.

Als Betty den Mädchen an der Tür die Garderobe abnahm, ließ sie die Schwestern wissen, Mrs Dallaway erwarte sie im privaten Salon.

Mit kerzengeradem Rücken saß die Mutter in ihrem Sessel und blickte den Mädchen entgegen. Kummervoll und still sah sie aus, um Jahre gealtert. In dem schwarzen Seidenkleid und der schwarzen Haube, nur ein schlichtes dunkles Emaillekreuz an einem Samtband um den Hals und das Taschentuch in ihrer Hand als einziger heller Tupfen, erschien sie Clara beinahe wie eine Nonne. Ihre ernste Erscheinung wirkte fehl am Platze zwischen den hellen, verspielten Möbeln, hübschen Spitzendeckchen, dem Zierrat und dem floralen Muster der Tapete und bestickten Kissen. Auch Mrs Dallaways Miene verhieß nichts Gutes.

»Euer Vater und ich sind beunruhigt, was euer beider Zukunft angeht«, begann sie ohne Umschweife. »Vielleicht wisst ihr, dass Oakham an ein Erblehen gebunden ist. Gibt es keine männlichen Nachkommen, geht der Besitz mit Vaters Tod an den nächsten männlichen Verwandten über.«

Evelyn runzelte die Stirn und sah zu Clara hinüber. Sie schien nicht zu verstehen, was die Mutter damit sagen wollte. Clara wusste, was das für die drei Damen des Hauses zu bedeuten hatte. Als ob Philip ihr nicht täglich in allem, was sie tat, fehlte. Aber nun wurde ihr bewusst, dass er auch der Sicherheitsanker für ihre Zukunft in Oakham gewesen war.

»Wenn Vater stirbt, wird Oakham House und alles, was dazugehört, Onkel Ambrose zufallen«, erklärte Clara.

Evelyns Augen weiteten sich. »Mutter, ist das wahr?«

Mrs Dallaway nickte.

»Onkel Ambrose? Aber, was hat er mit Oakham zu schaffen?«, rief Evelyn zornig.

»Onkel Ambrose ist nun einmal Vaters Bruder und sein nächster männlicher Verwandter. Das macht ihn nach Philips Tod zu seinem rechtmäßigen Erben.« Mrs Dallaway lehnte sich vor und ergriff die Hände ihrer Töchter.

»Über Oakham hinaus hat Vater so gut wie kein Vermögen. Ich selbst habe nicht viel mit in die Ehe gebracht und mein Versorgungsteil ist gering. Sollte Vater etwas zustoßen, wären wir einzig auf das Wohlwollen eures Onkels angewiesen, und ihr wisst beide so gut wie ich, dass wir darauf nicht bauen sollten. Euer Vater hat ihm geschrieben, aber ich habe wenig Hoffnung, dass die Antwort meine Sorge zerstreuen wird.«

Clara musste ihrer Mutter zustimmen. Onkel Ambrose war beinahe der genaue Gegensatz zu ihrem gewissenhaften und besonnenen Vater. Er hatte eine reiche Frau geheiratet und gab das Vermögen, das sie in die Ehe gebracht hatte, gedankenlos aus. Ambrose war häufiger Gast in den Clubs der St. James Street in London und weder dem Kartenspiel noch dem Alkohol abgeneigt. Ob er im Erbfalle seine Schwägerin und die Misses Dallaway mit den nötigen Mitteln für einen angemessenen Unterhalt ausstatten würde, durfte als zweifelhaft gelten.

»Wir könnten wesentlich ruhiger in die Zukunft sehen, wenn wir euch gut versorgt wüssten«, fuhr Mrs Dallaway fort. »Solange Vater noch lebt, kann er über seinen Besitz verfügen und könnte euch wenigstens noch mit einer bescheidenen Mitgift ausstatten. Es ist also zwingend geboten, euch schnell zu verheiraten.«

»Wie sollte ich jetzt ans Heiraten denken?«, fuhr Clara auf. Sie hatte sich vorgenommen, ihrer Mutter zuliebe besonnen zu sein, doch jetzt gelang es ihr nicht, ihre Gefühle zu verbergen.

»Glaubst du, mir ist nicht schwer ums Herz, Clara?« Im Blick ihrer Mutter lag Verständnis. »Doch Empfindungen dürfen nicht Lenker unseres Geschickes sein. Kaum etwas hatte Philip mehr am Herzen gelegen als seine Schwestern. Er hätte alles getan, um euch und auch mir, eine würdige Existenz zu sichern. So erschüttert wir über diesen Schicksalsschlag sind, wäre es dennoch leichtsinnig, sich nicht gegen weitere zu wappnen. Mr Dallaway und ich sehen uns in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass ihr auch in der Zukunft ein angemessenes Leben führen könnt. Es widerspräche der Vernunft, die Suche nach passenden Verbindungen aufzuschieben.«

Auch wenn ihr die Notwendigkeiten durchaus einleuchteten, zweifelte Clara, dass sie schon bereit sein könne, sie klaglos zu akzeptieren. Doch sollte sie ihrer jüngeren Schwester nicht ein Vorbild sein? Sie würde sich nie verzeihen, wenn Evelyn ihretwegen eine unkluge Entscheidung träfe, die sie in die Mittellosigkeit stürzen könnte.

»Ihr erinnert euch sicher an meine Cousine Lady Beresford?«, wollte Mrs Dallaway wissen.

»Dotty?« Evelyns Gesichtszüge erhellten sich. »Wie könnten wir sie vergessen haben.«

»Ihr solltet sie nicht mehr mit diesem kindlichen Namen belegen«, ermahnte die Mutter und setzte sich aufrechter. »Immerhin ist sie eine Marchioness, und wir sollten ihr mit dem gebührenden Respekt begegnen. Ich habe ihr euretwegen geschrieben und sie hat versprochen, euch zu helfen. Denn wer wäre besser geeignet, euch mit Junggesellen guter Herkunft bekanntzumachen?«

Die Dallaway-Kinder hatten die Cousine ihrer Mutter stets besonders gerngehabt. Obwohl oder gerade weil ihre Manieren – wie die weitere Verwandtschaft gerne anmerkte – viel zu wünschen übrig ließen. Weiblicher Tugenden wie Bescheidenheit und Zurückhaltung hatte sich Dotty schon vor ihrer Heirat mit dem Marquess nicht rühmen können. Auch danach war Lady Beresford stets so frei und offen geblieben, wie sie es immer gewesen war, und gerade das machte sie Clara besonders angenehm.

»Wird Dotty … ich meine, wird Lady Beresford herkommen?«, wollte Clara wissen. Mrs Dallaway nickte.

»Wir werden bis Mai warten, um eine angemessene Trauerzeit zu wahren. Danach werden wir euch möglichst schnell in die Gesellschaft einführen. Eine kleine Feier muss uns genügen und ihr werdet mich dann bei meinen morgendlichen Besuchen begleiten. Es wäre in dieser Zeit unbotmäßig, einen Ball auszurichten, ebenso wie ein großes Debüt, für das uns auch die Zeit fehlt. Dotty hat angeboten, euch als Anstandsdame zu einer Reihe gesellschaftlicher Anlässe zu begleiten. Ihre guten Kontakte dürfen wir in unserer Lage nicht ungenutzt lassen.«

»Aber Mutter!«, rief Evelyn und entzog Mrs Dallaway ihre Hand. »Haben wir in all dem auch noch ein Wort mitzureden? Ich bin doch erst sechzehn und habe noch Zeit, einen Mann zu finden. Einen, den ich auch liebe und der mir gefällt. Noch gehört Oakham uns und nicht Onkel Ambrose.«

»Aber Kind, versteh doch. Vater ist schwer krank und wir … wir dürfen leider nicht darauf hoffen, dass ihm noch ein langes Leben beschieden ist. Mr. Hammond ist nicht besonders zuversichtlich, was seinen Zustand angeht.«

Evelyn sprang auf und begann, im Zimmer auf und ab zu laufen.

»Ich werde mich sicher nicht jedem reichen Junggesellen im Umkreis zu Füßen werfen. Das könnt ihr nicht von mir verlangen!«

Am liebsten hätte Clara es ihrer Schwester gleichgetan. Der Gedanke, zu lächeln, Unbeschwertheit zu heucheln, sich einem Mann angenehm zu machen, während Philip ihr in jedem noch so alltäglichen Handgriff fehlte und ihre Gedanken ständig um ihn kreisten, erschien ihr unmöglich. Doch sie war die Älteste und ihr fiel es zu, die Stimme der Räson zu sein.

»Aber Evelyn«, versuchte sie, ihre Schwester zu beruhigen, »ich verstehe, dass du es ablehnst zu heiraten, nur um finanziell abgesichert zu sein. Ich hatte mir meine Zukunft auch anders vorgestellt. Auch ich würde lieber warten, bis ich den Einen finde. Doch ich fürchte, den Luxus, wählerisch zu sein, können wir uns in unserer Situation nicht erlauben.«

»Wie kannst du so kaltblütig sein, Clara? Macht es dir gar nichts aus, wie eine Kuh mit dem Strick um den Hals zum Marktplatz geführt zu werden?«

Evelyns Vorwurf traf Clara. Sie hatte ja recht. Es war kaltblütig. Und doch das einzig Vernünftige.

»Schluss jetzt, Evelyn!«, fuhr Mrs Dallaway dazwischen. »Ich verbitte mir diesen Ton. Geh auf dein Zimmer.«

»Bitte, wie du meinst …«

Evelyn warf ihrer Mutter und Clara noch einen empörten Blick zu, wandte sich um und stürmte aus dem Zimmer.

»Evelyn! Es gehört sich nicht, dass du …«

Mrs Dallaway war aufgesprungen, um ihr nachzulaufen, doch Clara hielt die Mutter am Arm zurück.

»Sieh es ihr nach, Mama. Sie ist noch so jung. Ich werde mit ihr sprechen.«

Clara fand ihre Schwester auf dem Bett liegend. Sie hatte den Kopf auf die Unterarme gebettet und weinte in die Kissen. Schweigend setzte sich Clara zu ihr.

»Ich werde mich nicht entschuldigen!«, schluchzte Evelyn.

»Ich verstehe doch, warum du so aufgebracht bist. Mir geht es nicht anders. Es ist einfach nicht gerecht. Weder dass Philip so früh von uns gehen musste, noch dass Oakham gerade Ambrose zufallen wird.« Clara strich Evelyn sachte über das Haar. »Doch was hilft es? Unser Schicksal werden wir nicht ändern.«

»Das weiß ich doch«, schniefte Evelyn und setzte sich auf. »Ich kann nur nicht anders. Ich verstehe nicht, wie du so gelassen bleiben kannst.«

»Gelassen bin ich nicht, Evelyn. Doch ich möchte es Mutter nicht schwerer machen, als es ohnehin ist. Du weißt, dass sie nur unser Bestes im Sinn hat. Wir Frauen haben unsere Geschicke nicht selbst in der Hand. Daran werden wir nichts ändern. Was nützt uns der Wunsch, aus Liebe zu heiraten, wenn er uns am Ende in die Armut führt? Wir beide können uns kaum ausmalen, wie es ist, mittellos zu sein. Wir haben es immer gut gehabt.«

Evelyn wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Dennoch, bei dem Gedanken, mit irgendeinem abscheulichen alten Mann Tisch und … und Bett teilen zu müssen, nur um ein Auskommen zu haben, graust es mich, Clara. Ich habe schreckliche Angst!«

Clara nahm die Hand ihrer Schwester.

»Versuche bitte, die Welt in nicht gar so düsteren Farben zu malen. Niemand wird dich zwingen, einen Mann zu heiraten, der dir zuwider ist. Doch vielleicht einen, der annehmbar ist, mit dem du gut leben könntest.«

»Annehmbar!«, spottete Evelyn. »Du würdest nicht einmal eine Haube kaufen, wenn du sie nur annehmbar fändest.«

Clara seufzte. Wie gern hätte sie Evelyn recht gegeben. Doch sie konnte nicht riskieren, ihre kleine Schwester zu ermutigen, die Pläne ihrer Mutter abzulehnen. Das wäre unvernünftig.

»Denk nur an Papa und Mama. Großvater hat die Verbindung geknüpft, weil es vernünftig erschien. Und doch lieben sie sich von ganzem Herzen. Ist es so unmöglich, dass auch wir so jemanden finden?«

»Glaubst du das wirklich?« Evelyn sah sie mit geröteten Augen an.

»Wenn Dotty die Dinge in die Hand nimmt, dürfen wir uns Hoffnung machen, möchte ich meinen.« Clara lächelte. Schließlich hatte Dotty es selbst nicht schlecht getroffen. Aus einer wenig betuchten Familie des niederen ländlichen Adels stammend, hatte sie es immerhin zur Marchioness gebracht. Ihr Gatte war kein besonders schöner Mann, aber freundlich und lebenserfahren und überaus vernarrt in seine Dorothy. Er war ihrem temperamentvollen Wesen ebenso erlegen wie ihren äußeren Reizen, mit denen die Natur sie reichlich gesegnet hatte. Der Marquess konnte seiner Ehefrau keinen Wunsch abschlagen, was Lady Beresford mehr gesellschaftlichen Einfluss verlieh, als ihren Kritikern lieb war.

Evelyns Gesicht spiegelte aufkeimende Hoffnung. Auch ihr schien der Gedanke tröstlich, dass es die gutherzige Dorothy in der Hand hatte, für sie mögliche Kandidaten auszuwählen.

»Nun, ich denke, es kann vielleicht nicht schaden, wenn wir uns die Herren einmal ansehen. Wer weiß, am Ende finden wir doch noch die große Liebe. Oder es gelingt Vater, Onkel Ambrose das Versprechen abzuringen, dass er für uns sorgen wird, wenn ihm etwas zustößt und wir müssen uns keine Gedanken mehr darum machen.«

»Es wird gewiss alles gut werden, Evelyn. Du wirst sehen.« Clara klang überzeugter, als sie es im Innern war.

In dieser Nacht lag sie noch lange wach und dachte darüber nach, ob sie selbst ernsthaft bereit war, sich in die Notwendigkeit einer Ehe zu fügen.

Cousine Dotty

»Komm schnell, Mutter! Das musst du sehen! Dottys Kutsche ist gerade vorgefahren. Vierspännig!« Mit geröteten Wangen kam Evelyn in den Salon gestürzt und erntete einen missbilligenden Blick von Mrs Dallaway, der offenbar nicht allein ihrer undamenhaften Eile galt.

»Ich habe euch bereits gesagt, ihr sollt sie nicht mehr so nennen. Es ist weder deinem Alter noch ihrer Position angemessen. Wir sollten uns daran gewöhnen, dass Sie für uns nun Lady Beresford ist.«

Die mütterliche Ermahnung stellte sich sehr bald als unnötig heraus, denn als Annesley Lady Beresford ankündigte, rauschte diese auch bereits an der verdatterten Hausdame vorbei in den Salon.

Sie machte eine elegante Figur in ihrem Kleid aus champagnerfarbener Wildseide mit Spitzenbesatz am Ausschnitt, der ihre weiblichen Vorzüge gerade so weit enthüllte, dass es nicht obszön aussah. Auf ihrem kunstvoll aufgetürmten blonden Haar thronte ein enormer Hut mit zwei weißen Straußenfedern. Ihr besticktes hauchzartes Schultertuch glitt zu Boden, als sie die Arme ausbreitete und sich auf Mrs Dallaway stürzte. Es wurde rasch von Annesley aufgehoben.

»Maria! Liebe Cousine!«

Die Angesprochene hielt verdattert in ihrem Knicks inne, denn sie wurde bei den Schultern gefasst und auf beide Wangen geküsst. Ebenso erging es Evelyn und Clara.

»Wagt es nicht, mir mit diesem Lady Beresford-Unsinn zu kommen, Mädchen. Ich bestehe darauf, dass ihr mich mit Dotty anredet.«

Evelyn schoss ihrer Mutter einen triumphierenden Blick zu. Mrs Dallaway schüttelte kaum merklich den Kopf. Ihrem Gesicht war deutlich anzusehen, wie wenig ihr der formlose Umgang ihrer Cousine zusagte.

Diese betrachtete die Schwestern mit einem Lächeln.

»Gut seht ihr aus, Mädchen. Richtige Schönheiten seid ihr geworden. Diese wundervollen dunklen Locken. Die habt ihr von eurer Mama geerbt und die zarte Figur. Ich wünschte, ich wäre noch einmal so jung und zart. Wunderhübsch! Und doch jede mit ihrem ganz eigenen Charme. Sieht unsere Clara nicht aus wie ein Engel, mit ihrer Alabasterhaut und den leuchtend blauen Augen? Und du, Evelyn – mit deinen dunklen Augen und der gebräunten Haut, siehst aus wie eine feurige Spanierin. Da wird es uns nicht schwerfallen, einen passenden Ehemann für jede von euch zu finden, nicht wahr, Maria?«

Plötzlich wurde ihr Gesicht ernst und sie ergriff die Hände ihrer Cousine.

»Aber da plappere ich fröhlich daher wie ein Gänschen, und ihr trauert doch noch so sehr um euren lieben Philip. Bitte verzeiht. Es tut mir so sehr leid. Seit mich die Nachricht erreicht hat, wart ihr immer in meinen Gedanken.«

»Danke, Dotty.« Mrs Dallaway lächelte. Der tadelnde Ausdruck in ihrem Gesicht war gewichen. Dottys direkte und offene Art war zwar etwas, das ihr oft Missbilligung und Spott eintrug, doch Clara fand gerade diesen Zug an ihr liebenswert.

»Umso dankbarer war ich, deinen Brief zu erhalten, Maria. Wenn ich auf diese Weise ein wenig helfen kann, will ich mir die größte Mühe geben.«

»Das ist sehr lieb von dir, Dotty. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise. Annesley wird uns Tee bringen, aber vielleicht möchtest du dich zunächst umziehen und von den Strapazen der Fahrt erholen. Ich habe dir das Zimmer richten lassen, das zum Garten rausgeht.«

»Ach, keine Umstände, Maria, ich bin robust, das weißt du doch.« Dotty lachte laut und die blonden Locken, die sich aus ihrer lose aufgetürmten Frisur gelöst hatten, tanzten dabei munter um ihr Gesicht. »Aber wenn du erlaubst, werde ich mich setzen.«

Dotty war humorvoll und kannte keine Zurückhaltung. Nicht selten bekam sie regelrechte Lachanfälle, wenn sie eine Bemerkung oder eine Situation komisch fand. Mr Dallaway hatte ihr Lachen einmal mit dem Husten eines Esels verglichen, was in Claras Augen einer maßlosen Übertreibung gleichkam.

Lady Beresford brauchte nicht lange, um Oakham mit der ihr eigenen Vitalität zu erfüllen, was Clara freute. Die Trauer hatte über dem Haus und seinen Bewohnern gelegen wie die Linnen, welche man in lange ungenutzten Räumen zum Schutz der Möbel ausbreitete. Nun hatte jemand die Läden aufgestoßen, ließ Licht und Luft hinein, zog mit energischer Fröhlichkeit die Tücher herunter. Dotty war ein angenehmer Gast, der die Dallaways großzügig mit Klatsch und Tratsch aus der besseren Gesellschaft versorgte, wobei sie allerdings nie boshaft oder missgünstig über ihre Mitmenschen urteilte, auch wenn sie dazu Grund gehabt hätte. Schließlich hatte ihr gesellschaftlicher Aufstieg Dotty nicht nur Glück gebracht. Er bescherte ihr auch den Neid derer, die sie auf der sozialen Leiter einige Sprossen unter sich gelassen hatte, sowie den Argwohn derjenigen, in deren distinguierte Kreise sie sich einzufügen bemühte.

So kurzweilig es auch mit Dotty im Haus wurde, war der Zweck ihres Besuchs den Schwestern doch stets im Bewusstsein und sie blickten ihrer Einführung in die Gesellschaft mit Unbehagen entgegen.

Die Gelegenheit für Lady Beresford, ihr Geschick als Eheanbahnerin unter Beweis zu stellen, kam schneller, als den Mädchen lieb war. Die Familie saß gerade beim Lunch, als Annesley die Post brachte, je einen Brief für Mr Dallaway und Lady Beresford.

Mr Dallaway brach das Siegel und überflog den Text des Schreibens mit zusammengezogenen Augenbrauen. Sein Ausdruck verfinsterte sich während des Lesens stetig mehr.

»Der Brief ist von Ambrose«, verkündete er schließlich. Clara und Evelyn warfen einander bange Blicke zu.

»Lieber Francis! In dieser Stunde des Verlusts seid ihr selbstverständlich in meinen Gedanken. Es steht außer Frage, dass ich für meine geliebte Schwägerin und meine Nichten großzügig sorgen werde. Um dir und deinen Lieben etwas Zuversicht zu schenken, habe ich meinen Notar gebeten, ein Schreiben aufzusetzen. Zwar wünschte ich wohl, dir möge noch ein langes Leben in Gesundheit beschieden sein. Doch sollte eintreten, was ihr fürchtet, so verpflichtet mich jenes Dokument, auf die Einnahmen aus dem zukünftigen Besitz an Oakham anfallende Zinsen deiner lieben Frau und meinen Nichten in Gänze zur Verfügung zu stellen. Ich denke, das sollte ausreichen, um ihnen ein Leben zu ermöglichen, das …«

Mrs Dallaway ließ klirrend ihr Besteck fallen.

»Er demütigt uns und erwartet noch, dass wir ihm dankbar sind. Oakham wirft kaum genug ab, um einer von uns eine würdige Existenz zu sichern, geschweige denn uns allen dreien.«

»So eine Impertinenz! Es ist wirklich schwer zu ertragen, dass ihr auf diesen Menschen angewiesen seid.« Dotty schüttelte den Kopf. »Womöglich ist es euch ein Trost zu hören, dass ich gute Neuigkeiten habe. Dieser Brief ist von Lady Harding. Sie hat von meinem Aufenthalt hier in Surrey gehört und teilt mir mit, dass ihr Sohn, Sir Nicholas Harding, hier in der Nähe ein Anwesen  — Woodcote Park — erworben hat. Und wie der Zufall es so will, gibt er aus diesem Anlass eine Gesellschaft, zu der er mich und die Misses Dallaway herzlich einlädt.«

Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und blickte erwartungsfroh in die Runde.

»Und Sir Nicholas ist noch alleinstehend?«, wollte Mrs Dallaway gleich wissen.

»Du hast es erfasst, Maria. Er ist es wieder. Sir Nicholas ist ein ganz reizender Gentleman. Höflich, zurückhaltend und warmherzig und die Familie ist äußerst vermögend. Bedauernswert, dass ihm das Schicksal seine Frau so früh entrissen hat.  Eine liebevolle Ehefrau und Stiefmutter für seine entzückenden Kinder wäre ihm sehr zu wünschen. Was unsere Lage angeht allerdings eine glückliche Fügung, denn die Mutter des Baronets hat erst kürzlich in London mir gegenüber die Ansicht geäußert, nach nunmehr fünfzehn Monaten sei es für Nicholas an der Zeit, sich wieder zu vermählen. Und wie Lady Harding mir mitteilt, wird auch ihr jüngerer Sohn, Captain Laurence Harding, eine Weile auf dem Landgut Woodcote Park zu Gast sein. Sein Regiment ist ganz in der Nähe stationiert.«

Evelyns Gesicht war ihre Skepsis deutlich anzusehen. Ein Witwer mit Kindern war gewiss nicht das, was sich eine Sechzehnjährige erhoffte. Der Nachsatz über Captain Harding schien jedoch ihr Interesse geweckt zu haben, denn nun hörte sie doch aufmerksam zu. Clara hätte Dotty selbst gern mit Fragen gelöchert, doch in Gegenwart ihrer Mutter hielt sie sich zurück. Sie hätte sich für zu viel undamenhafte Neugier nur einen Rüffel eingefangen. Sir Nicholas und sein Bruder waren vermögend, angesehen, von gutem Charakter und alleinstehend. Für ihre Mutter war das alles Wichtige, was es über die Herren zu sagen gab. Belanglosigkeiten, wie die äußere Erscheinung, ob sie sich etwa für Kunst oder Literatur begeisterten, oder ob man mit ihnen eine angeregte und intelligente Konversation führen konnte, waren für ein erhofftes Arrangement nicht von vorrangigem Interesse. Doch Clara konnte sich schwerlich vorstellen, einen Mann zu heiraten, von dem sie kaum mehr wusste, als wie groß sein Landbesitz war und wie viele Bedienstete er sich leisten konnte. Ungeduldig warteten die Mädchen darauf, dass die Tafel endlich aufgehoben würde, und sie Dotty bei einem Spaziergang mit all ihren Fragen würden bestürmen können.


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Dorothea Stiller arbeitet als Lehrerin für Deutsch und Englisch und schreibt, wann immer sie dazu Zeit findet. Die verheiratete Mutter von zwei kleinen Kindern lebt mit ihrer Familie und Katze Schnappi am Rande des Ruhrgebiets, fühlt sich aber auch in Großbritannien zuhause, wo sie ein Jahr als Assistant Teacher verbrachte. Die Autorin liebt Finnland, Desert Rock und ist ein Serien-Junkie.