Die weiße Lady

Der Mann in der Schlucht

Melville McNaghten schob das Hauptbuch weg. Er drückte die Knöchel in seine Augenhöhlen und fuhr sich mit den Fingern über seine Wangen, wobei er weniger als sonst darauf achtete, seinen schwachgefetteten Schnurrbart nicht in Unordnung zu bringen. Drei Jahre Arbeit, sinnierte er. Viele tüchtige Leute, eine Menge Panik und das Resultat – nichts. Was hatte Ihre Majestät gesagt? „Wir müssen die Arbeit unserer Kriminalpolizei verbessern.“ Fünf Frauen waren gestorben – oder waren es mehr? Über zweihundert Männer verhaftet, Hunderte andere verhört. Ihn schauderte bei dem Gedanken an das Fiasko mit Barnaby und Burgho, den Bluthunden, denen nicht nur der Mörder durch die Lappen gegangen war, sondern die im Nebel ihre Führer verloren hatten. Und dieser Schwachkopf Charles Warren, der die antisemitischen Parolen von der Mauer abgewischt hatte. Er war inzwischen wieder bei der Armee – dort war er am besten aufgehoben. Und wer war der Tölpel gewesen, der darauf verfallen war, die toten Augen von Catherine Eddowes zu fotografieren, in der Hoffnung, ein Abbild des Mörders werde auf der Platte erscheinen?

Zumindest, dachte er, konnte er von Glück sagen, dass er nicht in dieses Possenspiel verwickelt gewesen war. Er war der erste Polizist, der sich mit dem Fall befasste – jedenfalls der erste richtige. Abermals stachen ihm die vier Namen ins Auge – seine Verdächtigen, seine Schlussfolgerungen. Natürlich hatte er keine handfesten Beweise, überhaupt nichts Greifbares. Aber ihm genügte es. Es war so viel, dass er nur einen dieser Namen auf der Straße zu flüstern brauchte und die Vigilanten von Whitechapel würden mit Henkersseil und Feuereifer aus ihren Rattenlöchern ausschwärmen. Er glaubte geradezu hören zu können, wie Mr. Lusk, ihr Präsident, sich voller Vorfreude die Hände rieb.

Ein Klopfen an der Tür versetzte ihn wieder in die Gegenwart. Er ließ das Hauptbuch zuknallen.

„Herein.“

Im flackernden Lampenlicht erblickte er die Hosenbeine eines Constables, der den Raum betrat. „Inspector Lestrade, Sir.“

McNaghten zupfte seine Krawatte gerade. „Führen Sie ihn herein.“ Im Lichtschein verschwanden jetzt die Hosenbeine des Constables und die des Inspectors traten an ihre Stelle. Hastig ließ McNaghten das Buch in einer seitlichen Schublade seines geräumigen Schreibtisches verschwinden. Lestrade blieb an der Tür stehen und verfolgte jede Bewegung mit einem sarkastischen Lächeln. „Die Ripper-Akte, Sir?“

„Wie?“ Die Schnelligkeit und die Lautstärke, mit der McNaghten antwortete, ließen darauf schließen, dass er nur zu gut verstanden hatte.

„Das Hauptbuch, Sir.“ Lestrade trat ein wenig näher ins Licht und deutete auf die Schublade, die McNaghten gerade verschloss. „Ah… ja.“ McNaghten fühlte sich wohler, als er wieder bequem in seinem Sessel saß. Er strich mit der Hand über seinen Schnurrbart und richtete abermals seine Krawatte. Lestrade rührte sich nicht, die Hände in den Taschen seines voluminösen Donegal vergraben. McNaghten seufzte und fand sich mit der unausgesprochenen Frage ab …

„Lestrade …“ Zu formell, er brauchte Vertraulichkeit. „Sholto …“ Lestrade glaubte zu spüren, wie der Arm sich onkelhaft um seine Schultern legte. „Sie wissen, dass ich über den Inhalt kein Wort verlauten lassen darf …“

Es genügte nicht. Lestrade hatte sich nicht gerührt. McNaghten las seine Gedanken. „Ja, ich weiß, dass Sie sich damit beschäftigt haben, aber es war Abberlines Fall.“ Es war noch immer nicht genug. McNaghten erhob sich abrupt, und die beiden Männer sahen sich an, im dämmrigen Raum, die Gesichter von unten beleuchtet, wie die Wachsfiguren in Madame Tussauds Kabinett. „Verdammt noch mal, Lestrade. Die Sache ist geheim.“ McNaghten hasste es, sich mit Untergebenen auseinanderzusetzen, besonders wenn sie so scharfsinnig waren wie Lestrade. Er war ein Dorn in seinem Fleisch, ein Juckreiz, gegen den kein Kratzen half. Der Chef der Obersten Kriminalpolizeibehörde wandte sich zum Fenster. Draußen trieb der Regen träge über den Fluss und die Bogenlampen am Ufer. „Eines Tages“, sagte er zum trüben Londoner Himmel, „eines Tages werden sie darüber schreiben. Eines Tages werden sie meine Akten lesen und alles erfahren.“

„Dann werde ich hundertachtunddreißig Jahre alt sein“, sagte Lestrade.

„Zum Teufel, Lestrade.“ McNaghten fuhr herum. Das hatte er bereits gesagt, und seine Argumente wurden nicht besser, wenn er sich wiederholte.

Lestrade lächelte. Er hob die Hände und gab zu erkennen, dass er sich geschlagen gab.

„Ich verstehe, Sir“, sagte er. Er stellte seinen Kragen hoch und schickte sich an zu gehen. An der Tür blieb er stehen. „Gute Nacht, Sir.“ Das Lächeln war frostig.

Die Tür schloss sich und McNaghten knallte einen Briefbeschwerer auf seinen Tisch. Typisch Lestrade, dass er Einblick verlangte. Aber er durfte es nicht erfahren. Niemand durfte es. In hundert Jahren, wenn sie die Akte, die er dem Archiv anvertrauen wollte, offiziell einsahen, würde das keine Rolle mehr spielen. Er selbst, Lestrade und alle anderen würden tot sein.

Lestrades Hosenbeine im Lichtschein wurden durch einen stahlblauen, rauschenden Rock ersetzt. „Vater?“ McNaghtens Tochter stürmte ins Zimmer. „Oh, meine Liebe.“ McNaghtens amtlicher Gesichtsausdruck verschwand. Am Busen seiner Tochter war er wieder Familienvater. Miss McNaghten war schrecklich groß. Und sie war darüber hinaus auch schrecklich energisch. „Komm, Vater. Zeit, nach Hause zu gehen.“

McNaghten warf einen kurzen Blick auf seine Taschenuhr, ehe ihm seine Tochter seinen Donegal um die Schultern legte. Drei Minuten nach halb. „Ruf den Wagen, Vater.“ McNaghten gehorchte willenlos. Er hatte seit langem aufgehört, es sonderbar zu finden, dass er, der als Amtsperson so unbedenklich Befehle erteilte, als Familienoberhaupt so willenlos Befehle entgegennahm. Der Constable war nicht auf dem Korridor. Verflucht. Er machte sich auf, ihn im Vorzimmer aufzustöbern.

Kaum war er fort, huschte Miss McNaghten um den Schreibtisch herum, zog einen Schlüssel hervor, der mit dem ihres Vaters identisch war, und schloss die Schreibtischschublade auf. Eine weitere flinke Bewegung, das Hauptbuch war unter ihrem Mantel verschwunden und die Schublade wieder verschlossen. McNaghten kehrte zurück. „Unten“, sagte er. „Constable Dew wird uns heimfahren. Oh …“ Ihm fiel das Buch ein. Es musste in den Safe. Miss McNaghten erriet seine Gedanken und versperrte ihm den Weg. Ihr Tonfall und ihre Überzeugungskraft täuschten über die Panik in ihrem Herzen hinweg, das unter Mantel, Akte und mütterlichem Busen bis zum Hals schlug. „Der Polizeichef, Vater.“

„Gütiger Gott“, murmelte McNaghten, als habe man ihm die Pension gestrichen. „Es ist heute Abend, oder?“ „Ja, und Cook hat Bouillabaisse.“

„Ach, ich wunderte mich schon, warum sie so herumlief.“ Der sanfte Stoß seiner Tochter ließ ihn fast durch die Tür taumeln. Sie tappten durch den dunklen Gang. Lampenlicht huschte über die grüngrauen Wände des Gebäudes. Der verschnörkelte Lift quietschte und surrte hinunter ins Erdgeschoss. Sie traten in die feuchte, fröstelige Nacht. Constable Dew, der nicht mehr wiederzuerkennen war, seit er die Leiche von Mary Kelly gesehen hatte, hielt den McNaghtens die Tür auf. Die Polizeidroschke schwankte, als die Tochter des stellvertretenden Polizeipräsidenten einstieg. Der Gaul wich ein paar Schritte zurück und machte einen Buckel. Wählend der alte McNaghten die Tür schloss, warf seine Tochter das Buch aus dem gegenüberliegenden Fenster. Eine behandschuhte Hand fing es auf, und die Droschke rasselte über das Kopfsteinpflaster des Hofes hinaus auf die Uferstraße, die jetzt in grünem Flussnebel lag.

Aus den Schatten tauchte eine Gestalt auf: Inspector Lestrade, mit durchnässtem Donegal und regentriefender Melone. Er blickte lächelnd auf die Akte und den kleinen, silbernen Schlüssel. Er trat aus dem Tropfenfall unter das nächste Licht und öffnete die Akte. Rasch durchflog er die Beweisaufnahmen, Zeugenaussagen, Protokolle und Theorien Seite für Seite. Sein Blick fiel auf die Briefe – ich bin nach wie vor hinter den Huren her, und ich werde nicht aufhören, sie aufzuschlitzen, bis ich hinter Schloss und Riegel bin. Er kannte das alles. Nichts Neues, nichts Besonderes. Es war die letzte Seite, auf die er scharf war. Da war sie, die Liste mit vier Namen, klar und deutlich in McNaghtens gestochener Handschrift. Lestrade lächelte, und sein Lächeln wurde zu einem Glucksen und schließlich zu schallendem Gelächter. Er schlug die Akte zu. Also hat Abberline meinen Rat befolgt, dachte er. Und McNaghten. Alle vier waren aufgelistet. Er war zufrieden. Er wusste, dass sein Name nirgendwo in der Akte auftauchte. Er wusste, dass man sich seiner nicht erinnern würde, wenn man die Akten in hundert Jahren öffnete. Doch das spielte keine Rolle. Für Lestrade genügte es zu wissen, dass er recht gehabt hatte. Das war es, was ihm das Leben immer wieder der Mühe wert erscheinen ließ. Er hatte gern recht. „Sergeant“, Lestrade befand sich wieder im Gebäude, das Buch in den Falten seines Donegal verborgen.

Der Sergeant, der vor sich hin gedöst hatte, nahm hinter seinem Schalter Haltung an.

„Ich gehe hinauf in Sir Melvilles Büro – er möchte, dass ich ein paar Papiere durchsehe.“ Er bewegte sich zum Lift. „Oh, verschaffen Sie sich ein wenig Abwechslung und gehen Sie zu Sir Melvilles Haus. Überbringen Sie Miss Naghten eine Botschaft – Dienstboteneingang. Sagen Sie ihr … überbringen Sie ihr meinen Dank und meine Entschuldigung. Ich werde ihr heute Abend nicht wie geplant Gesellschaft leisten können. Habe zu viel zu tun.“ Lestrade spürte, wie sich hinter seinem Rücken die Augenbrauen des Sergeanten wieder senkten und ein Grinsen sich auf seinem Gesicht breitmachte.

„Oh, Sergeant, da ist noch etwas.“ Lestrade marschierte weiter und wandte dem Mann noch immer seinen Rücken zu. Er blieb stehen und drehte sich lächelnd um. „Lassen Sie sich nicht noch einmal von mir beim Schlafen erwischen.“ Der Sergeant erstarrte und nahm Haltung an. Man darf sich keine Blöße geben, dachte Lestrade.

„Zu Befehl, Sir“, murmelte der Sergeant. „Ich weiß, wie es Ihnen geht.“

Lestrade war im Aufzug und hob angesichts dieser abgedroschenen Redensart die Augen zum Himmel. „Gute Nacht, Dixon.“

Als der rechtschaffene Doktor dem Zug der Southern Railway Company entstieg, befand er sich nicht gerade in bester Stimmung. Zuerst waren seine morgendlichen Eier nicht nach seinem Geschmack gewesen, und dann war seine Post zu spät gekommen – drei Rechnungen. Während der Reise war es im Abteil zugig und feucht gewesen; der Telegraph wimmelte von Druckfehlern. Doch was ihn wirklich verdross, als er auf dem Bahnhofsvorplatz in seinen Hansom stieg, war der Anlass für seinen Besuch in der Hauptstadt – er musste seinen Verleger aufsuchen. Seine Briefe waren nicht beantwortet worden – das bedeutete nichts Gutes.

Er schenkte weder den regennassen Straßen noch dem peitschenden Wind Aufmerksamkeit. Das Holpern der Kutsche ärgerte ihn von Zeit zu Zeit, doch es dauerte nicht lange und sie waren vor dem Verlagsgebäude von Blackett angekommen.

Er war auf die Drehtür vorbereitet, nachdem er beim letzten Mal mit seiner Gladstone–Reisetasche darin hängengeblieben war. „Sind Sie sicher, dass Ihre Tasche genügend Platz in der Tür hat?“ hatte der Portier ihn gefragt. Der Doktor hatte mit zusammengebissenen Zähnen geantwortet: „Inzwischen ist die Tasche groß genug; sie muss auf sich selber aufpassen.“ Diesmal war es ein anderer Portier, was der Doktor überaus dankbar begrüßte. „Dr. Conan Doyle … das ist aber nett …“

„Mr. Blackett, Sie haben meine letzten vier Briefe nicht beantwortet.“

„Dr. Conan Doyle … es ist …“ Blackett war peinlich berührt, er trat von einem Bein aufs andere und zerknüllte sein Taschentuch zwischen seinen Händen.

„Gefällt Ihnen Die Weiße Gesellschaft nicht?“ Conan Doyle war ganz und gar entspannt.

„Ja doch, Sir, wirklich. Ein schönes Buch – überquellend von historischen Einzelheiten. Aber …“ „Aber Die Flüchtlinge gefallen Ihnen nicht?“ „Nicht, dass sie mir nicht gefielen, Doktor …“

Conan Doyle saß bewegungslos da und fixierte seinen Verleger mit kaltem Blick.

„Es ist nicht … zu Ende geschrieben“, fuhr Blackett fort. „Es wird zu Ende geschrieben werden.“

„Gewiss. Gewiss. Aber die Leser mögen neue Sachen. Verbrechen, Spannung.“

„Wie Das Zeichen der Vier?“

„Ja.“ Blackett erinnerte sich mit Freude, doch dann kamen ihm

Zweifel. „Aber … äh … Mr. Sherlock Holmes in der Baker Street?“ „Was ist mit ihm?“

„Nun …“ Mr. Blackett war auf dem Gipfel der Servilität. „… hat er etwas dagegen? Schließlich gibt es Gesetze gegen Verleumdung.“ „Oh, kommen Sie, Mr. Blackett. Meine Detektivgeschichten haben nicht die geringste Beziehung zur tatsächlichen Arbeit von Mr. Holmes. Das wäre mehr als meine Schriftstellerkarriere oder meine Arztpraxis wert sind.“

„Gut, solange Sie dessen sicher sind. Das sind die Sachen, die die Leute wollen. Verwicklungen, internationale Affären.“ „Blödsinn. Belanglose Brotarbeiten.“ Conan Doyle stand entschlossen auf.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir meine Manuskripte wieder aushändigen würden. Ich werde das Geschäft anderswo machen. Es ist sonnenklar, dass die Firma Blackett von guter Literatur keinen Schimmer hat. Sie will billigen Ramsch, über den sogar das … Strand Magazine die Nase rümpfen würde.“ Conan Doyle hatte die Tür erreicht.

„Übrigens … diese Hand da.“ Er deutete gebieterisch auf Blackett. Der Verleger starrte auf seinen Arm, als sei dieser gerade abgetrennt worden.

„Nicht der Arm, Mann … die Finger.“ „ Die Finger … was ist mit ihnen?“ Blackett war verblüfft. „Wenn ich mich nicht irre – die Grockel’sche Krankheit. In Southsea haben wir eine Menge Fälle. Armer Kerl – wahrscheinlich unheilbar. Guten Morgen.“

Durch die Meerenge Solent von Southsea getrennt, liegt das römische Vectis, die Insel Wight. Niemand winkte Lestrade von der Mole nach, als er in See stach. Bloß eine steife Brise blies aus Südwesten. Der Postdampfer trug ihn zuverlässig nach Ryde, und an der Pier nahm er den Zug nach Shanklin. Wie es sich für den Anlass geziemte, war er seemännisch ausstaffiert und trug ein Matrosenjackett und eine Schirmmütze. Indes war es kein Tag für einen Ausflug. McNaghten hatte das Ersuchen um Amtshilfe erhalten. Das Telegramm, das widerwillig um Hilfe bat. Eine Leiche, hieß es da. Vor zwei Tagen gefunden. Sie biete keinen hübschen Anblick.

Was die Polizei von Hampshire natürlich ärgerte, war die Jahreszeit. Es war jetzt Ende März; gegen Ende April würden die Touristen mit Wagen und Droschken auf die Insel kommen. Sie brachten Geld, den Lebenssaft der Insel. Es durfte keine Verluste geben, keine Panik. McNaghten hatte das klar erkannt. Er hatte gesehen, was Panik aus dem East End gemacht hatte.

Angesichts der notwendigen Geheimhaltung überraschte es Lestrade umso mehr, dass das gesamte Gebiet um die Schlucht nicht nur von Polizisten, sondern auch von Kavalleristen der Hampshire-Miliz abgesperrt war. Sobald sich die Gelegenheit ergab, sprach er seinen Kontaktmann, einen Sergeant Bush, darauf an. „Nun ja, Sir“, gab der Sergeant zur Antwort, „es ist wegen Ihrer Majestät. Sie ist über Ostern in Osborne – und wir können nicht vorsichtig genug sein, nicht wahr?“

„Ganz recht“, antwortete Lestrade, doch er konnte um alles in der Welt nicht einsehen, wie die Versammlung der Hampshire-Dragoner rings um die Schlucht, in voller Montur mit Helmen und Federbüschen, Ihre Majestät schützen konnte, die sich ein paar Meilen entfernt in Osborne befand. Nach allem, was McNaghten ihm erzählt hatte, hörte es sich nicht gerade nach einem Terroranschlag der Republikaner an. Aber schließlich hatte ihm McNaghten auch nicht viel erzählt. Wie Lestrade vermutete, wusste McNaghten nicht viel.

Er folgte Bush und den zwei Constables den gewundenen Pfad hinunter, der in die Wand der Schlucht gehauen worden war. Als sie um eine Ecke bogen, packte sie die Brise vom Meer. Der Sergeant tauchte unter einem Absperrseil durch und schien durch eine Spalte im Felsen zu verschwinden. Die Constables bezogen auf dem Pfad Posten.

„Sie werden aufpassen müssen, wo Sie hintreten“, widerhallte die Stimme des Sergeanten. Lestrade fand sich in einer Welt völliger Finsternis wieder. Der Gestank war grässlich. „Können wir Licht machen, Sergeant?“, fragte er. Er spürte, wie eine Hand seinen Arm ergriff.

„Inspector, was Sie erwartet, ist nicht gerade hübsch“, sagte der Sergeant grimmig.

„Ich habe fünfzehn Dienstjahre auf dem Buckel, Sergeant. Man gewöhnt sich an diese Anblicke.“

Aber Lestrade war nicht gewappnet. Nicht für diesen Anblick. Bushs Arm fuhr hoch, um das Streichholz anzuzünden, und noch höher, um den „Anblick“ zu erleuchten. Der Kopf war etwa einen Fuß von Lestrades Gesicht entfernt. Ein Auge war verschwunden, der Mund war weit aufgerissen, eine klaffende Wunde im bleichen Schädel. Die Haare standen aufrecht wie ein gespenstisches Gestrüpp, vom Seewind zerwühlt. Das Gesicht flackerte im unwirklichen Schein des Streichholzes. Lestrade drückte Bushs Arm herunter und es erlosch. Stille trat ein. Keiner der drei Männer in der Nische atmete. Lestrade wandte sich zum Eingang und atmete wieder frische Luft ein. Die Helme der Constables beruhigten ihn. Sehe ich so elend aus wie ich mich fühle? fragte er sich. Komm schon, Mann, reiß dich zusammen. Du bist fünfzehn Jahre dabei. Und diese Provinzler brauchen deine Hilfe.

Nachdem er sich erholt und seine Beherrschung zurückgewonnen hatte, sah er Bush wieder ins Gesicht. Jetzt war es der Sergeant, der elend aussah.

„Tut mir leid, Sir“, krächzte er. „Ich kann mich nicht dran gewöhnen. Ich hab’ schon ein paar Leichen gesehen. Ertrunkene. Selbstmörder in der Schlucht, wissen Sie. Bei Culver Point. Aber dies hier …“ Dem Sergeanten versagte die Stimme. „… macht Sie froh über den Sonnenschein“, bemerkte Lestrade. „Kommen wir hier zum Strand runter?“ Er deutete nach vorn. Bush nickte. „Seien Sie so nett und bitten Sie Ihre Männer, hierzubleiben. Wir wollen uns ein wenig die Beine vertreten.“ Am Strand, während sie im Sonnenschein des späten Morgens trockneten und für eine oder zwei Stunden vor dem Angriff der nächsten Flut sicher waren, hatten beide Männer Gelegenheit, ihre Gedanken zu ordnen. Jedem stand der grässliche Kopf vor Augen. Lestrade hatte nicht einmal Zeit gehabt, das übrige in Augenschein zu nehmen. „Erzählen Sie mir’s nochmal“, sagte Lestrade. „Nun, Sir. Arbeiter fanden … äh … ihn. Vor zwei Tagen war’s. Warten Sie, ja, am Dienstag war’s. Die Schlucht musste ausgebessert werden. Erosion, wissen Sie. Das Land rutscht weg, und im Winter kriegen wir stürmische Winde. Nun, die Touristen werden bald hier sein. Nun ja, diese Sandflächen sind knietief, seit einer Ewigkeit …“

„Verschonen Sie mich mit den Sprüchen aus den Urlaubsprospekten, Sergeant.“

„Ja, Sir. Also, diese Burschen schaufelten oben auf der Klippe in der unmittelbaren Nähe der Schlucht, als sie diesen Riss entdeckten.“ „Spalt.“

„Wie Sie meinen, Sir. Da diese Burschen von Natur aus neugierig sind, räumten sie das Geröll weg und stiegen rein. Ja, zuerst konnten sie nichts erkennen. Dann, als sie Streichhölzer anzündeten … ja, und dann sahen sie es. Sie holten auf der Stelle den alten Tom Moseley – er ist der Ortspolizist. Der alte Tom ist nicht der Hellste, jedoch hatte er genug Grips, die Stelle absperren zu lassen und mich zu informieren; und ich schickte sofort ein Telegramm nach Portsmouth. Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie London benachrichtigen würden, Sir. Ich meine, Scotland Yard selbst – das war’s!“

Lestrade saß auf einem Wellenbrecher und folgte mit den Augen der

Linie der Sandsteinklippen. Darüber kreiste eine einsame Möwe,

stieß herab und suchte die See nach einer Beute ab.

„Aus Portsmouth schickten sie den Coroner rüber, aber sie sagten

ihm, er solle … ihn … dort lassen, wo er sei.“

„Todesursache?“, fragte Lestrade und schnippte hastig den Guano

von seinem Ärmelaufschlag.

„Der Coroner wusste es nicht genau, Sir. Er sagte, der Tod sei schon vor langer Zeit eingetreten.“

Lestrade stand auf. „Besorgen Sie mir eine Laterne, Sergeant. Wir müssen nochmal hin.“

Diesmal ging Lestrade allein. Ohne Bush meinte er seine Gefühle besser unter Kontrolle zu haben. Der Gestank war noch immer ekelerregend, doch das gleichbleibende Licht der Laterne gab dem Leichnam ein weniger abstoßendes und substanzloses Aussehen. Diesmal ging Lestrade mit voller Konzentration und mit seiner ganzen Routine an die Arbeit. Der Leichnam war männlich. Alter – nicht sicher. Er schätzte den Mann auf etwa vierzig. Die Haut hatte die Färbung alten Pergaments, doch an einigen Stellen waren die Schädelknochen zu sehen, von schmutzig–blässlichem Weiß. Ein Augapfel, oder was davon übrig war, hing an ein paar Muskelfasern auf die Wange hinab. Das andere Auge, blicklos und erloschen, starrte steil nach oben. Die Kleidung, grau und verschmutzt, war möglicherweise die eines Seemannes – oder eines Landarbeiters. Der Staub des Sandsteins hatte sie grau überpudert, und über Brust und Arme, wo Regenwasser eingesickert war, zogen sich Rinnsale. Die Knochen traten vor. Abermals erregte das Haar Lestrades Aufmerksamkeit – verfilzt, lang und grau – doch, höchst sonderbar, es stand aufrecht. Er kniete nieder und leuchtete mit der Laterne den Boden ab. Gamaschen. Der Mann war Landarbeiter gewesen. Was er als nächstes sah, brachte ihn ein wenig aus der Fassung. Die Hände. Rau, zerschunden, fast ohne Fleisch, jedoch die Fingernägel waren lang – jeder war etwa drei oder vier Zoll lang, schwarz, gekrümmt und spitz zulaufend. Kein Arbeiter ließ seine Nägel so lang wachsen – er hatte weder die Muße noch die Zeit dazu. Er hatte Fotografien der Kaiserin gesehen und sogar ein paar der Chinesen in London hatten solche Nägel. Doch im nächsten Augenblick ließ er den Gedanken fallen. Worin sollte der Zusammenhang bestehen? Opium? Geheimgesellschaften? Er ermahnte sich, alle Möglichkeiten offenzuhalten und sich nicht festzulegen. Schließlich passierte es nicht jeden Tag, dass in einem wunderschönen Tal eines englischen Badeortes ein grässlicher Leichnam auftauchte. Also zurück zu den Fakten. Für Theorien war später Zeit genug. Der Leichnam war in eine stehende Position gebracht worden, die Beine waren unter dem Gewicht des Körpers eingeknickt, doch es war unübersehbar, dass Fuß- und Handgelenke und das Genick vorher gefesselt worden waren. Stranguliert? Das war möglich, doch vom Genick war nicht mehr genug übrig, um das festzustellen. Im Augenblick konnte er nicht mehr tun. In der Enge der Nische war es für weitere Untersuchungen zu dunkel und zu stickig. Älter und klüger kehrte er ins Sonnenlicht zurück. Er gab Anweisung, den Leichnam wegzuschaffen; den Transport wollte er selbst beaufsichtigen. Er musste mit dem Coroner sprechen, die Nische ausmessen und nach Spuren suchen. Er musste mit den Arbeitern sprechen, die den Toten gefunden hatten, und mit der Chine Company in Shanklin.

Doch zuerst sah er sich Mrs. Bush gegenüber, die, rundlich und freundlich, geschäftig in ihrer Küche umherwieselte. Lestrade saß in sich gekehrt in einem Winkel, vor sich das tote Gesicht. Dann wurde das Tischgebet gesprochen. „Ein bisschen Shepherd’s Pie, Inspector Lestrade?“

Die Arbeiter waren keine Hilfe. Seit siebzehn Jahren hatten sie von Jugend auf für die Chine Company gearbeitet. Wegen eines Erdrutsches war die Schlucht im vorigen Jahr früher als gewöhnlich geschlossen worden. Anfang September hatte man die Seile und Ketten hochgezogen und die Gatter geschlossen. War es möglich, sich Zutritt zu verschaffen? Ja, wenn man einen Schlüssel hatte. Aber am hellen Tag, mit einem Leichnam? Unwahrscheinlich. Dann also bei Nacht? Möglich, doch der Pfad war tückisch und abschüssig, mit scharfen Kehren und vorspringenden Simsen. Es musste eine Person gewesen sein, die den Ort kannte – und zwar sehr gut. Ein falscher Tritt, beladen mit dem Gewicht eines ausgewachsenen Mannes, und man hätte vermutlich zwei Leichen in der Schlucht gefunden.

Lestrade brauchte eine Woche, um alle Personen zu befragen, die regelmäßig in der Gegend zu tun hatten. Als er fertig war, hatte er die Gewissheit, dass niemand etwas wusste. Der Werkmeister bemerkte, alles deute darauf hin, dass in der Nische mit Meißeln gearbeitet worden sei und man Spuren frischen Mörtels gefunden habe; ihre Höhe sei vergrößert und der Tote praktisch eingemauert worden.

„Sind Sie mit den Werken des verstorbenen Mr. Allan Poe vertraut?“, fragte er Lestrade.

„Flüchtig, Sir.“ Lestrade hatte diese Ähnlichkeit bereits in Betracht gezogen, während er sich des achten Shepherd’s Pie in Folge gegenübersah, der ihm mit überschwänglichem Stolz von Mrs. Bush vorgesetzt wurde. Jedoch die Übereinstimmung half ihm nicht weiter. Oder etwa doch? Er hatte ein unbehagliches Gefühl, als er nach Portsmouth übersetzte, um den Coroner in dessen Büro aufzusuchen; und dieses Gefühl rührte nicht nur vom Rollen und Schlingern des Postdampfers her.

„Der Mann war bereits einige Monate tot, würde ich sagen.“ Der Coroner war in das Studium eines abgetrennten Gliedes vertieft, das geschmackvoll auf einem Operationstisch angeordnet war. „Ja“, wiederholte er, seinen Kneifer zurechtrückend, „einige Monate.“

„Todesursache?“

Der Coroner beendete die routinierte Untersuchung seines Objektes und richtete sich auf. „Ich bin nicht sicher.“ Er pellte seine Hände aus den Gummihandschuhen und spülte sie sorgfältig unter fließendem Wasser. „Sind Sie mit den Werken von Edgar Allan Poe vertraut?“ Sogleich erlebte Lestrade ein Déjà-vu – oder der Coroner war der Bruder des Werkmeisters. „Flüchtig.“ In der Tat hatte er diese Unterhaltung schon einmal geführt. „Erinnern Sie sich an die Kurzgeschichte Die Schwarze Katze“ „Die Katze wird zusammen mit dem Verstorbenen im Keller eingemauert?“

„Genau. In der Nische in der Schlucht war keine Katze, wie?“ Lestrade schüttelte den Kopf. „Wollen Sie mir sagen“, fragte er, „dass wir als Todesursache …“

„Ersticken annehmen müssen, ja“, lautete das Urteil des Coroners. „Es läuft darauf hinaus, dass er erstickte, bevor er verhungern oder verrückt werden konnte.“ „Und die Fingernägel? Das Haar?“

Der Coroner wischte sich die Hände an der Weste ab. Er war verlegen. „Eine grässliche Sache. Entsetzlich. Wenn Sie mich fragen, ich kann es nicht erklären. Etwas Ähnliches habe ich noch nie gesehen, nicht in zwölf Jahren. Bizarr. Das ist das richtige Wort: bizarr.“ „Welchen Beruf hatte der Mann nach Ihrer Meinung?“ „Der Kleidung nach war er ein Arbeiter, würde ich sagen. Die Brust des Kittels mit Smokarbeit. Jedenfalls nicht aus dieser Gegend stammend. Nicht das richtige Muster. Ach, aber dies hier war merkwürdig.“ Der Coroner kramte in einer vollgestopften Schublade. „Wofür halten Sie das?“ Er reichte Lestrade ein schmutziges Stück Stoff, metallisch glänzend und zerfetzt. „Litze von einer Uniform?“

„Ich bin beeindruckt, Inspector. Heer, Kavallerie vermutlich. Aber mit Sicherheit von einem Offizier. Wie viele Kavallerieoffiziere kennen Sie, die Landarbeiter werden?“

„Ich teile Ihre Ansicht, Sir.“ Lestrade runzelte die Stirn; der Fall entwickelte sich so rasant, dass ihn ein wenig schwindelte. Doch es war ein Hinweis, ein greifbares Beweisstück. „Und das hier ist noch interessanter.“

Lestrade sah, dass im Gewebe des Halstuches, Reste, die man unter den Hemdkragen des Toten gestopft hatte, von einer kindlichen, ungeschickten Hand der Name Peter eingestickt war. „Was halten Sie davon?“

„Bis jetzt, genaugenommen, noch nichts, Sir. Aber es ist noch früh am Tage.“

Der Coroner geleitete Lestrade in das Vorzimmer. „Der Bursche wird Ihnen den Weg zeigen. Spilsbury?“

Ein kurzsichtiger, pickliger Bengel schlurfte aus einem angrenzenden Zimmer herbei. „Sehen Sie ihn an“, murmelte der Coroner. „Der Sprössling meines Vetters aus Leamington. Will mal Gerichtsmediziner werden.“ Unter vorgehaltener Hand fügte er hinzu: „Aussichtslos, völlig aussichtslos. Ich halte ihn für einen Selbstmordkandidaten, wissen Sie.“

Da er Sergeant Bush nicht länger zur Last fallen wollte und sich gänzlich außerstande sah, es zum zehnten Mal mit einem Shepherd’s Pie aufzunehmen, zog Inspector Lestrade ins Daisb’s Hotel um. Jeden Tag spazierte er auf dem Pier und atmete die salzige Luft. Jeden Tag kehrte er zur Schlucht zurück, um sich immer wieder zu fragen: Wer? Warum? Was hatte er denn überhaupt? Eine Leiche. Den Leichnam eines Mannes in mittlerem Alter, eingemauert in einer improvisierten Höhle in einem beliebten Ferienort. Der Mann war ein Arbeiter, hieß Peter und hatte unter Umständen etwas mit der Armee zu tun gehabt. Das war wenig, sehr wenig. Doch es gab noch einen letzten Zeugen, den er aufsuchen musste. Einen wild dreinschauenden, schwermütigen, alten Mann mit einem dichten Bart, in dessen Stacheldraht sich Morgenei und Tabakfasern verfingen. Mit der Hilfe eines zufällig vorbeifahrenden Heuwagens gelangte Lestrade über die schlechtesten Straßen, die er je benutzt hatte, zu dem riesengroßen überwucherten Landhaus in Farringford.

Sein Eigentümer, der Poet Laureate, humpelte an seinem Stock durch den Garten und beäugte mit nachlassender Sehkraft die Narzissen auf den sanft geschwungenen Rasenflächen. „Wer ist da?“

„Inspector Lestrade, Sir, von Scotland Yard.“

„Lestraad vom Yaad?“ Für einen Reim würde Tennyson alles

tun.

„Sehr gut, Sir, sehr witzig.“

„Gewöhnlich empfange ich keine Besucher, Inspector.“ „Ganz recht, Mylord.“

„Tee?“

Lestrade verbeugte sich. Von irgendwoher brachte ein Butler die silberne Teekanne und die Tassen.

„Sahne und Zucker, Sir?“ Der Butler war herablassend – er hatte eine Abneigung gegen Polizisten.

In der Gegenwart des Genies fühlte Lestrade sich unbehaglich. Er selbst war nun mal keines, und ihm war deutlich bewusst, dass der Laureate Besucher nicht mit Freuden ertrug. Es ging sogar das Gerücht, er hüpfe lieber aus rückwärtigen Fenstern und fliehe durch die Obstgärten, als sich vom Butler zudringliche Besucher melden zu lassen. Er tat besser daran, diesen Besuch hinter sich zu bringen. Er würde vermutlich ohnehin von nur geringem Wert sein. „Verzeihen Sie die Störung, Mylord. Wie man mir sagte, sind Sie ein häufiger Besucher von Shanklin Chine – außerhalb der Saison.“ „Wenn ich in Farrington weile, streife ich dort des Öfteren umher, ja.“

„Haben Sie einen Schlüssel?“

„Nein. Mein Diener sucht den Torwächter auf, wenn ich Einlass wünsche.“

„Sind Sie in der letzten Zeit dort gewesen?“

Tennysons Aufmerksamkeit begann nachzulassen. Lestrade mühte sich ab, in der zierlichen Tasse einen Schluck Tee zu entdecken. Wie er die Marotte hasste, eine Tasse nur zur Hälfte zu füllen. Den vom Butler offerierten Hauch Sahne wies er zurück – nicht zuletzt, weil der Mann seinen Daumen im Kännchen hatte.

„Menschen kommen und Menschen vergehn, doch ich werde ewig bestehn.“

Lestrade warf einen raschen Blick auf den Butler, der unbeweglich und hochmütig blieb.

„Ähemm …“ Versuche es mal anders, dachte er. Kitzle seinen Sinn für das Exzentrische. „Haben Sie während Ihrer letzten Besuche etwas Ungewöhnliches bemerkt?“ Er verfluchte sich ob der Verschwommenheit dieser Frage. Sie öffnete der Senilität Tür und Tor.

„Brecht, brecht, brecht euch nur am kalten, grauen Fels, o Wellen! Flögen mir doch die Worte zu Für die Gedanken, die in mir quellen.“

Amen, fügte Lestrade stumm hinzu.

„Haben Sie irgendwelche Anzeichen von Grabearbeiten entdeckt, Mylord?“ Er bemerkte, dass er laut sprach, als führe er eine Unterhaltung mit einem Schwerhörigen oder einem Ausländer. „Ist in der letzten Zeit an der Wand der Schlucht gearbeitet worden? Eine frische Spalte im Sandstein?“ Es war ein hartes Stück Arbeit.

„Ach, fasste mich doch eine verschwundene Hand, Und der Klang einer Stimme, die stumm!“

Das kam der Sache schon näher. Also wusste Tennyson etwas. Ihm war bekannt, dass ein Mord dort stattgefunden hatte. Die Zeitungen hatten die Geschichte noch nicht gebracht. Der edle Poet verschwieg etwas.

„Was sagten Sie gerade, Mylord?“

Tennyson starrte ungerührt unter dem breiten Rand seines Schlapphutes hervor. „Verzeihen Sie mir, Inspector.“ Sein Tonfall war anders geworden. „Zuweilen vergesse ich mich. Ist es nicht eitel von mir, aus meinen eigenen Werken zu zitieren?“

Lestrade versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er in den letzten paar Minuten dem Gespräch nicht hatte folgen können. „Kennen Sie jemanden namens Peter?“, fragte er. Tennyson erhob sich mit Hilfe seines Stockes und des Butlers. Lestrade folgte ihm zum großen Haus. „Warum fragen Sie mich diese Dinge?“

„Wir haben Beweise, dass in der Schlucht ein Verbrechen begangen worden ist, Mylord. Wir fanden den Leichnam eines Mannes, dessen Name möglicherweise Peter war.“

Tennyson blieb stehen und blickte den Inspector an. Er machte dem Butler ein Zeichen, voranzugehen.

„Inspector, ich werde nicht mehr lange auf dieser Erde weilen. Ich habe im Laufe meiner Erdentage viel gesehen … viel Leid … viel Leid. Mein Geist ist nicht mehr klar. Ich zweifle, ob ich es bemerkte, wenn mir ein Leichnam vor die Füße fiele. Die Schatten werden dichter. Es gibt Tage, an denen ich nicht unterscheiden kann, ob ich zu Menschen oder zu Geistern spreche.“

Lestrade, gewöhnlich kein mitleidiger Mann, tätschelte den Arm des Laureaten. „Danke für den Tee, Mylord“, erschien ihm herzlich genug.

Tennyson zitierte abermals:

„Solltest du mein Antlitz nie mehr sehen,

Bete für meine Seele. Mehr Dinge werden durchs Gebet bewirkt,

Als die Welt sich träumen lässt.“

Er winkte den Butler zu sich und humpelte weiter über den Rasen. Lestrade schwenkte seinen Hut, zum Zeichen, dass er den Rückweg allein finden werde.

„Zwielicht und Abendglocke …“, hörte er den Dichter deklamieren:

„Und bald danach die Dunkelheit, die Neige! Und möge keine Traurigkeit das Lebewohl begleiten, Wenn ich das Boot besteige.“

Ein wenig später an diesem Nachmittag bestieg Lestrade das Postschiff. Er hatte seine Vorgesetzten davon in Kenntnis gesetzt, dass er weiteren Spuren nachgehen werde und der Fall alles andere als hoffnungslos sei, er indessen nicht viel vorangekommen sei. Es hatte sich nicht vermeiden lassen, dass Informationen zur Lokalzeitung durchgesickert waren. Und der Name Peter wurde ebenso erwähnt wie der Kittel des Arbeiters und die traurige Berühmtheit der Schlucht. Immerhin hatte der Redakteur so viel Zartgefühl besessen, die grauslichen Details wegzulassen – oder der Coroner war ungewöhnlich wortkarg gewesen.

Lestrade blieb keine Zeit, nach London zurückzukehren. Stattdessen nahm er den Zug und fuhr in bequemen Etappen über Swindon und auf den breiten Gleisen der Great Western nach Haverfordwest. Er war verärgert, dass er, da er seinen Dampfer verpasste, eine feuchte, kalte Nacht in der Stadt zubringen musste, die nichts anderes zu sein schien als eine einzige Straße. Falls morgen weitere Verzögerungen eintraten, sah er sich einer Gefahr ausgesetzt, die alle reinblütigen Engländer in einer walisischen Stadt fürchten – einem trockenen Sonntag. Das Wiedererstarken der Methodisten und Mr. Gladstones Ausschankgesetze sorgten im Verein dafür, aus Haverfordwest eine tote Stadt zu machen. Wie sich herausstellte, hätte Lestrade einen trockenen Sonntag jenem feuchten Sonnabend vorgezogen, der ihm beschert wurde. Das Schiff schlingerte und rollte in der unwirtlichen, Irischen See. Lestrade, alles andere als ein guter Seemann, erlebte, dass sich sein Kopf vor lauter Spekulationen und sein Magen gleichzeitig vor Übelkeit drehten. Die irische Erde gab ihm ein Gefühl der Festigkeit und Sicherheit. Die Kutsche rasselte über Sackville Street in die Vorstadt. Dublin war immer noch eine hübsche Stadt, elegant, wohlhabend, englisch. Und wenn ein Hauch von Feindseligkeit in der Luft lag und die Männer und Frauen einem nicht offen ins Gesicht blickten, brauchte man sich darüber nicht zu wundern. War es nicht dieser charakterlose Wahnsinnige, Gladstone, der mit Home Rule spielte? Arbeitete er nicht geradewegs den Fernem in die Hände? Und Salisbury konnte sich nicht lange halten – dafür würden schon die irischen Abgeordneten in Westminster sorgen. Zumindest war es so in der Times zu lesen, und Lestrade hatte vor diesem Blatt großen Respekt. Nicht dass er ein politisch interessierter Polizist gewesen wäre, doch er glaubte, dass man sich auf dem Laufenden halten müsse.

Als Lestrade an den Kasernen der 13. Husaren ausstieg, fuhr ihm, ehe er sich’s versah, deren neue Maschinengewehr–Abteilung über die Füße. Da er vor diesen prächtigen Burschen, die sich mitten in einer Gefechtsübung befanden, nicht als Memme erscheinen wollte, grub er seine Zähne in die Krempe seines Bowlers und trieb seinen Kopf ein paarmal gegen die nächstbeste Mauer. „Hatten Sie eine angenehme Fahrt, Sir?“, grinste der Kutscher auf seinem Bock.

Lestrade bedachte ihn mit einem fuchsteufelswilden Blick und keinem Trinkgeld und humpelte unter Schmerzen in die Regimentskanzlei. Der Sanitätsoffizier versorgte ihn vorschriftsmäßig, verband ihm beide Füße und ließ ihn im Krankenrevier allein. Das geschah ein paar Stunden vorher, bevor der Mann eintraf, dem der Besuch des Inspectors galt. Zwei stämmige Soldaten erschienen und schleppten Lestrade zwischen sich über den Gang, den Hof und in das Dienstzimmer des Colonels. Die Wände waren mit Regimentstrophäen und Fotografien bepflastert, und der ganze Raum roch durchdringend nach Zigarrenrauch und Lederfett. „Diese Jungens“, bellte eine scharfe Stimme hinter ihm. Lestrade sprang einen oder zwei Zoll in die Höhe und bedauerte es umgehend, denn er landete voll auf seinen verletzten Zehen. Colonel Templeton-Smyth marschierte an ihm vorbei zu seinem Schreibtisch. Er war ein Mann mittlerer Größe, energisch und von kerzengerader Haltung, mit dem unvermeidlichen militärischen Schnauzbart versehen, der ein wenig stärker gestutzt war als der von Lestrade. Er hatte das Gesicht eines Falken, klare, blaue Augen, ein ausgeprägtes Kinn und gebräunte Pergamenthaut – wahrlich ein recht sonderbarer Kauz. Er warf seine Feldmütze auf den Tisch, hakte seine pelzbesetzte kurze Jacke auf, bevor er sich in seinen Sessel fallen ließ.

„Jungens“, wiederholte er und schnippte ein Zigarrenkästchen zu Lestrade hinüber. „Was halten Sie von ihnen, Sergeant-Major?“ „Inspector, Sir, Polizei–Inspector.“

„Ach ja, natürlich. Verzeihung. Ist ein bisschen verwirrend mit diesen Rangbezeichnungen, nicht wahr?“

„Ich glaube, dass Jungen ihren Platz in der Gesellschaft haben. Sie werden wenigstens Jungen sein.“ „O ja, aber Sie sind Polizist, oder?“ Lestrade nickte.

„Sie müssten ein paar von diesen Burschen kennen. Verstehen Sie, ein paar von denen, die der alte Barnado nicht kriegt. Ich habe da eine Idee …“

„Verzeihung, Sir.“ Lestrade versuchte trotz seiner pochenden Zehen offiziell zu werden. „Ich bin in einer wichtigen polizeilichen Angelegenheit hier.“ „O ja, natürlich. Feuer?“

Mühsam beugte Lestrade sich vor und brannte dankbar seinen Stumpen an. Die Standuhr schlug vier Uhr.

„Ah, Gabelfrühstück.“ Der Oberst betätigte einen Klingelknopf neben seinem Schreibtisch.

„Aber die Verhütung von Verbrechen, Mann. Dieser Ripper-Bursche – er war mal ein Junge. Wir dürfen nicht warten, bis sie zu verklemmten und verbitterten Burschen heranwachsen. Wir müssen sie schulen, sie zu nützlichen Bürgern machen. Ich stelle mir nun vor …“

„Bei allem Respekt, Sir …“ unterbrach Lestrade. „O ja, natürlich. Schießen Sie los. Ha, ha! Guter Spruch, was? Kennen Sie wohl nicht, diesen kleinen Soldatenscherz: Schießen Sie los!“ Templeton-Smyth sah, dass Lestrade nicht amüsiert war. „Nun, dann kommen Sie zur Sache.“ Sein Gesicht straffte sich. „Ich ermittle in einem mutmaßlichen Mordfall, der sich vor kurzem in Shanklin auf der Insel Wight ereignet hat, Sir.“ „Ach ja? Wie kann ich helfen?“

Lestrade kramte in seiner Brieftasche und warf das Stückchen Stoff auf den Schreibtisch des Obersten. „Wofür halten Sie das, Sir?“ Templeton-Smyth untersuchte es eingehend. Er trat damit an das Fenster, wo es heller war. Etwas auf dem Exerzierplatz erweckte seine Aufmerksamkeit, und er schob das Fenster hoch. „So geht das nicht, Corporal“, rief er. „Es wird niemals besser, wenn Sie stocksteif dastehen!“

Hinter seinen Schreibtisch zurückgekehrt, beantwortete der Colonel die Frage des Inspectors. „Litze eines Offiziers. 13. Husaren. Schulterriemen.“ Eine Pause, dann – „Könnten natürlich auch die 14. Husaren sein.“

„13. Husaren“, sagte Lestrade mit Nachdruck. „Dieser Gegenstand wurde im Futter der Kleidung des Toten gefunden, Sir. Ich habe mir die Mühe gemacht, ihn zu säubern. Ich verschaffte mir auch ein Exemplar der Uniformdienstvorschrift für Offiziere Ihrer Majestät von Gieves & Company, Portsmouth. Ein kurzer Blick in das Werk verriet mir, dass die Litze, wie Sie sagen, zum Schulterriemen eines Offiziers der dreizehnten oder vierzehnten Husaren gehört. Wenn Sie indessen den Gegenstand noch einmal betrachten“ – der Colonel tat’s – „wird Ihnen auffallen, dass eine Ecke heller und weniger ausgebleicht ist als der übrige Stoff.“ „Ich kann Ihnen nicht folgen, Inspector.“

„Ihr Bursche würde es verstehen, Sir. Jeder Mann, der mit dem Putzen von Regimentslitzen beauftragt ist, würde wissen, dass die Litze dort sauber ist, wo sie von einer Metallverzierung bedeckt ist. Die saubere Fläche auf dem Stoff, den Sie vor sich haben, entspricht in Größe und Form einem Metallschnörkel, auf dem eine Tapferkeitsmedaille blasoniert ist. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, Sir, dass die Dreizehner das einzige Kavallerieregiment sind, das Kriegsauszeichnungen am Schulterriemen trägt.“

Templeton-Smyths Kinn klappte herunter. „Ich bewundere euch Burschen von der Polizei. Ein Musterbeispiel für eine Deduktion, Lieutenant.“ „Inspector, bitte, Sir.“

„Ach ja, natürlich.“ Templeton-Smyth gab die Litze zurück. Die Bedeutung begann ihm zu dämmern. „Also war dieser Bursche … äh … Ihr … Toter … ein Offizier der Dreizehnten?“ Seine Schnurrbartenden fingen vor Ekel zu vibrieren an. „Um das herauszufinden, bin ich hier, Sir.“

„Nun hören Sie mal zu, Lestrade. Das ist nicht denkbar, wissen Sie. Ich meine, bei Offizieren und Gentlemen und so weiter. Bisschen ungehörig, wie? Dass ein Bursche aus dem eigenen Stall endet, indem man ihn umbringt.“ Doch die Neugier besiegte die Entrüstung. „Sagen Sie mir, wie es passierte? Säbel? Karabiner? Maschinengewehr?“

Lestrade ignorierte diese phantasievollen Ausflüge ins Reich der Illusionen. Der Mann hatte offensichtlich keine Ahnung vom Handwerk des Mordens. „Haben – oder hatten – Sie unter Ihren Offizieren, Oberst, einen Mann mit Namen Peter? Mit Vornamen, würde ich annehmen.“

Templeton-Smyth durchmaß das Zimmer. „Peter, Peter“, sprach er sinnend vor sich hin, sein langes, hageres Kinn streichend. „Nun, seit meiner Zeit als Fähnrich bin ich mittlerweile fünfzehn Jahre bei den Dreizehnern. Es gibt unter den Offizieren nur einen Peter, den ich gekannt habe.“

Lestrade richtete sich auf. War er am Ziel? Hatte sich sein Hasardspiel, sein kostspieliger, unaufgeforderter Ausflug nach Dublin ausgezahlt? Würde er auf eine Verbindung zu diesem vornehmen Kavallerieregiment stoßen? Was würde Templeton-Smyth enthüllen? „Peter Endercott. Er ist da draußen.“ Er deutete zum Fenster. Lestrade hievte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Höhe. Diese verdammten Räder von der Maschinengewehr-Protze mussten ihm die Zehen gebrochen haben.

Er gelangte zum Fenster. Unten wurde eine Schwadron der 13. Husaren im Säbelfechten gedrillt, obgleich der Nachmittag sich unter einem bedrohlichen Himmel dem Ende zuneigte. Das Klirren der Säbel war durchsetzt von den scharfen Kommandos der Ausbilder. Lestrade erinnerte sich an die Zeit, da er als Constable bei der berittenen Polizei selbst solche Übungen gemacht hatte. Er konnte vier Offiziere erkennen, die lässig dabeistanden und die Männer bei ihren Manövern beobachteten. „Welcher davon ist er, Sir?“

Templeton-Smyth blickte ihn befremdet an und dann begriff er. „Oh, nein, mein lieber Junge. Dort drüben.“ Er zeigte auf eine Gruppe von Ulmen, die in einiger Entfernung vom Exerzierplatz stand. „Drittes Grab von links. Tuberkulose, der arme Kerl. Familie bestand darauf, dass er hier beerdigt wurde. Mit allen militärischen Ehren, versteht sich.“

„Wann?“ Lestrades Optimismus war bereits auf dem Tiefpunkt.

„Oh, vor drei – nein, vor vier Jahren. Es war im Juni. Ein Jammer.

Er war ein guter vierter Mann.“

„Vierter Mann?“

„Whist, Captain. Spielen Sie?“

„Äh … nein, Sir.“

„Schade. Ist nämlich ein gutes Spiel für Jungens.“ Die Tür öffnete sich und eine große, knochige Frau in einem unscheinbaren, weißen Kleid erschien.

„Mein Lieber, tut mir leid, dass es mit dem Gabelfrühstück spät geworden ist. Sollen wir es im … Oh, Verzeihung, ich wusste nicht, dass du Besuch hast.“

Lestrade erhob sich schwankend. „Oh, nein, bitte stehen Sie nicht auf. Die Gicht kann einem ganz schön zusetzen, nicht wahr?“ „Dies ist Major Lestrade von der Metropolitan Police, meine Liebe“, stellte Templeton-Smyth vor. „Major, meine Schwester.“ „Inspector, Madame“, ächzte Lestrade, als Miss Templeton-Smyth ihm herzlich die Hand schüttelte.

„Wir erörtern eine delikate Angelegenheit, meine Liebe …“, sagte der Colonel.

„Oh, Robert, mein Lieber, kann das nicht warten? Dieser arme Mann hat eine Tasse Tee verdient.“ Sie half Lestrade auf seine bandagierten Füße und stützte ihn mit sehnigem Arm. „Mädchen“, sagte sie, während sie aus dem Zimmer des Colonels humpelten. „Als Polizist haben Sie gewiss mit einigen zu tun, die vom rechten Weg abgekommen sind.“

Lestrade hatte das schon einmal gehört.

„Nun, wir müssen sie schulen, etwas aus ihnen machen, Inspector. Ich habe mit einem der Offiziere meines Bruders, Captain Baden-Powell, darüber gesprochen, bevor er nach Malta ging. Er zog das Ganze freilich ins Lächerliche.“ Der Colonel fasste hinter seiner Schwester Tritt. „Wir werden Tee trinken und ich werde Ihnen meine Vorstellungen darlegen …“

So hatte denn Lestrade, nach dem Gespräch mit Tennyson, mit den 13. Husaren eine weitere Niete gezogen. Er hatte sich die Zehen gequetscht, war auf der Rückfahrt von Dublin entsetzlich seekrank geworden und dem endlosen Geschwätz Templeton-Smyths ausgesetzt gewesen, der die Jugend Britanniens in irgendeinem scheußlichen Regiment von Tugendbolden organisieren wollte, die alten Damen über die Straße halfen und sinnlos im Gelände herummarschierten. Welch eine alberne Idee – dieser Baden-Powell-Knabe hatte das ganz richtig gesehen. Und wie lächerlich Colonel Templeton-Smyth in kurzen Hosen aussehen würde! Während der folgenden achtzehn Tage arbeitete eine Gruppe von Constables vom Kriegsministerium aus, spürte die vierundzwanzig Männer namens Peter auf, die in den Reihen der 13. Husaren dienten oder gedient hatten, und befragte sie. Solange seine Zehen heilten, war Lestrade an den Schreibtisch gefesselt, doch er war einigermaßen überrascht, dass es so viele waren – Männer, natürlich, nicht Zehen. Immerhin war Peter doch kein so häufiger Name. Er war enttäuscht, dass die Nachforschungen nichts Greifbares ergaben. Acht der Männer waren tot, drei von ihnen saßen im Gefängnis. Zwei waren im Ausland und würden wahrscheinlich dort bleiben, und von den verbliebenen elf ließ sich keinerlei Verbindung zu Shanklin, der Insel Wight oder dem Verschwinden eines mittelalten Mannes in einem Arbeiterkittel herstellen. Zumindest wusste Lestrade jetzt, dass der Kittel auf Norfolk hinwies, doch Nachfragen, die per Telegramm oder telefonisch an den Chief Constable dieser Grafschaft gerichtet wurden, ergaben nichts – teilweise deshalb, weil der Chief Constable über kein Telefon verfügte. Doch es gab keine Meldung einer vermissten Person, auf welche die Beschreibung dessen, was einmal der Mann in der Schlucht gewesen war, zutraf. Natürlich wurden ein paar Katzen vermisst und ein ziemlich bösartiger Salamander, jedoch keine Landarbeiter; um genau zu sein, überhaupt kein menschliches Wesen. Lestrade war gerade im Begriff, das Fazit zu ziehen, dass ein unidentifizierter Mann, dessen Name möglicherweise Peter gewesen war und der möglicherweise in Verbindung mit den 13. Husaren gestanden hatte, durch ein Gewaltverbrechen, verübt von einer oder mehreren Personen, zu Tode gekommen war, als mit der zweiten Post ein Brief eintraf. Es war ein Brief mit Trauerrand und die Botschaft war mit einer Schreibmaschine geschrieben. Lestrade brauchte sie nur einmal zu lesen, um ihre Wichtigkeit zu erkennen:

Seht ihn an! Wie er dort steht, Die Hände schmutzig, das Haar verdreht. Seht! Die Nägel schnitt er nie, auf Ehr, Und sie sind so schwarz wie Teer; Und der Bösewicht, fürwahr, Hat noch nie gekämmt sein Haar.

Der Poststempel war London, und der Brief war adressiert an „Inspector Lestrade, Scotland Yard“. Der Inspector warf einen zweiten Blick auf die holprigen Verse. Selbstverfasst? Ja, vermutete er. Er wünschte, er verstünde mehr von Poesie, aber der Einpauker, bei dem er gewesen war, hatte sie für überflüssig gehalten, und die meisten seiner Kollegen beim Yard – Gregson, Athelney Jones, sogar McNaghten – hielten Poesie und Poeten für ermüdend und unmännlich. Der Schreibmaschinentext war sonderbar – ziemlich ungleichmäßig mit einem deutlichen Ausschlag nach oben beim Buchstaben „n“, so dass er ein wenig unterhalb der Zeile stand. Er hatte immer geglaubt, es müsse eine Möglichkeit geben, eine fehlerhafte Schreibmaschine aufzuspüren, doch er hatte keine Ahnung, wie man das anstellen sollte.

Wieder fielen ihm die Ripper-Briefe ein. Zwei davon, die er kannte, waren echt. Etwa zweihundert stammten von Verrückten, von Spinnern, die jedes Mal, wenn Morde sich häuften, aus ihren Löchern krochen. Diese beiden Briefe jedoch enthielten Informationen, die nur der Mörder kennen konnte. Und so war es auch mit dieser Strophe: einzig das Haar war in der örtlichen Zeitung erwähnt worden, und der Fall – denn dazu war er mittlerweile geworden – drang nicht bis zu allen Tageszeitungen vor. Lediglich der Bericht des Coroners, der von Sergeant Bush von der Hampshire Polizei und Lestrades eigener enthielten sämtliche Fakten. Es gab die Möglichkeit einer undichten Stelle, überlegte Lestrade, während er schmerzerfüllt den Lift ins Erdgeschoß betrat. Vielleicht jemand im Büro des Coroners – dieser pickelige Spilsbury, zum Beispiel – vielleicht einer von Bushs Männern. Doch das glaubte er nicht. Ganz tief im Herzen wusste er, dass der Mörder es gewesen war, der diesen Brief geschrieben und die Strophe verfasst hatte.

So weit, so gut. Man schrieb das Jahr 1891, und dies war Scotland Yard – das hervorragendste Polizeipräsidium der Welt. Dies war Britannien, die Werkstatt der Welt. Die Forensische Wissenschaft stand ihm zur Verfügung. Hier, in dem düsteren Erdgeschoß, umgeben von Rohrleitungen für Gas und Wasser, hier waren die brillantesten Wissenschaftler versammelt, derer Europa sich rühmen konnte. Wenn sie in dem Brief keine Hinweise entdecken konnten, wer dann?

„Fingerabdrücke?“, wiederholte der Gelehrte, als er auf den entfalteten Brief zwischen Lestrades sorgsam gespreizten Fingerspitzen starrte. „Nie gehört?“

Ein Tod am Morgen

Lord Frederick Hurstmonceux lag auf dem Billardtisch im Spielzimmer. Sein gewöhnlich fleckenloser Jagdrock war nur noch in Fetzen vorhanden, sein Hemd zerrissen und ebenso wie Hände und Gesicht mit geronnenem Blut beschmiert. Er war bereits seit etwa sechs Stunden tot, als Lestrade auf McNaghtens persönliche Anordnung eintraf. Das Haus, eine extravagante Scheußlichkeit im Stil Palladios, einer Biegung der Hügellande angeschmiegt, war still und stumm. Nach dem Schütteln und Rattern der pferdelosen Daimler Wagonette war diese Stille ein Segen. Ein grimmiger Butler empfing ihn an der Tür und führte ihn in die geflieste Eingangshalle. Sein Polizistenblick schweifte über die Aspidistrae, den eleganten Schwung der Treppe und die Porträts der Herren von Hurstmonceux, Väter und Söhne, in ihren roten Jagdröcken. Eine Reihe schüchterner, erschreckter Dienstmädchen, steif in ihren gestärkten, weißen Schürzen, säumte den Durchgang. Sie waren unsicher, wie sie sich Lestrade gegenüber verhalten sollten. Sie wussten, dass er Polizeibeamter und warum er hier war, doch viele von ihnen hatten nie einen Beamten von Scotland Yard gesehen, einen Mann in Zivil. Einige knicksten, andere folgten ihm mit den Augen. Der Butler öffnete die doppelten Türen. Lestrade blinzelte in das helle elektrische Licht, das den Tisch überflutete. Er blickte auf die Leiche. „Hat den Tischüberzug ruiniert“, murmelte er. „Ist das alles, Sir?“

„Ja. Würden Sie Sir Henry bitten, mich hier aufzusuchen?“ Der Butler verschwand. Lestrade unterzog die Leiche einer flüchtigen Untersuchung. Als Todesursache nahm er schwere Risswunden und Schock an. Oder Blutverlust, dachte er, als er den blutverkrusteten Kopf drehte, um die zerrissene Jugularvene zu finden. Von seinen Kleidungsstücken waren bloß die schlammbedeckten Jagdstiefel unversehrt geblieben. Das war ein schmutziges, ein böses Ende, selbst für einen Landadeligen von Hurstmonceux’s Reputation.

„McNaghten?“

Die Stimme ließ ihn jäh herumfahren.

„Oh, ich erwartete den Stellvertretenden Polizeipräsidenten McNaghten“, sagte die Stimme.

„Inspector Lestrade, Sir.“ Lestrade dachte, „Zu Ihren Diensten“ hätte zu respektvoll geklungen. „Sir Henry Cattermole?“ Die Stimme streifte an Lestrade vorbei und Cattermole blickte auf die Leiche auf dem Billardtisch. „Ja, ich bin Cattermole.“ „Der Stellvertretende Polizeipräsident McNaghten war leider unabkömmlich. Er hat mich gebeten, Ihnen seine Empfehlungen zu übermitteln. Ich werde Ihnen ein paar Fragen stellen müssen, Sir.“

Cattermole hatte die Leiche nicht aus den Augen gelassen. „Kommen Sie in die Bibliothek“, sagte er. „Ich kann ihn nicht länger ansehen.“ Lestrade folgte ihm durch die Halle. Dienstmädchen und Butler waren verschwunden. Die Bibliothek war typisch für diese Landhäuser, jede Wand mit ledergebundenen Büchern bedeckt, die niemand gelesen hatte. „Cognac?“

Lestrade nahm das angebotene Glas. „Wenn es denn sein muss, Sir.“

Cattermole stürzte den Cognac hinunter und füllte nach. „Freddie Hurstmonceux war ein Bastard, Inspector. Ein Bastard von Beruf. Oh, nicht im Sinne seiner Abstammung, verstehen Sie mich recht. Es gibt kaum blaueres Blut als das seine.“

„Mir kam es ziemlich rot vor, Sir.“ Lestrade hätte sich wegen der Taktlosigkeit seiner Bemerkung einen Tritt versetzen mögen. „Nein, Freddie hat diesen Tod verdient. Oder zumindest hat mich sein Tod nicht überrascht.“ „Können Sie mir erzählen, was geschah, Sir?“ „Er war auf der Jagd. Wir alle. Freddie liebte ein offenes Haus. Er liebte es, mit seinen Hunden und Kumpanen auf die Jagd zu reiten. Sie hassten ihn alle, doch er hatte eine Art von ordinärem Charme. Wie auch immer, wir hatten etwas erspäht und die Hunde losgelassen. Das war auf den Unteren Wiesen und Freddie war wie immer in wilder Jagd auf und davon. Er peitschte sein Pferd unbarmherzig.“

„Er behandelte Pferde nicht gut?“

„Pferde, Hunde, Leute. Er behandelte sie alle gleich schlecht. Ich habe gesehen, wie er ein Pferd zu Tode peitschte.“ „Sie haben ihn nicht daran gehindert?“

„Verdammt, Lestrade. Was geht das Sie an?“ Cattermole hielt inne. Dann fuhr er, ruhiger geworden, fort. „Einem Mann wie Freddie kommt man nicht in die Quere.“ Eine lange Pause. „Er kam also vor mir linker Hand durch das Dickicht. Bertie Cairns und Rosebery waren bei ihm, doch als er die Anhöhe genommen hat, muss er sie hinter sich gelassen haben. Da oben sind natürlich gepflügte Felder, schweres Geläuf. Freddie war ein besserer Reiter als jeder von ihnen. Als ich auf der Anhöhe ankam, war die Hölle los. Die Hunde machten jenseits der Mauer einen Spektakel wie eine Herde Teufel, sodass ich dachte, sie hätten den Fuchs gestellt. Heulend und jaulend rissen sie etwas in Stücke. Doch Bertie und Rosebery galoppierten hinunter, setzten über die Mauer und hieben mit ihren Reitpeitschen auf sie ein. Es war klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Als ich hinkam, war alles vorbei. Die Hunde waren angeleint und ich konnte sehen, dass es kein Fuchs gewesen war. Es war Freddie.“ Kurze Zeit vergrub Cattermole das Gesicht in den Händen. Lestrade kam wieder auf die Leiche zu sprechen. „Das haben Fuchshunde getan?“, fragte er ungläubig. Cattermole lehnte sich in seinen Sessel zurück. „Halten Sie das für unmöglich? Ich hab’s gesehen, Lestrade. Sie gingen ihm an die Kehle. Er hatte überhaupt keine Chance.“

„Verzeihen Sie mir, Sir, es ist nicht meine Absicht, irgendwie lästig zu fallen. Aber das ist ein Tod durch Unfall. Ein Aufflammen der Naturinstinkte in bissigen Tieren.“ Er gratulierte sich selbst, dass er diesen Satz in einem Atemzug über die Lippen gebracht hatte. Und dann, vielleicht ein wenig bombastisch, setzte er hinzu: „Ich bin vom C.I.D., Sir, der Kriminalpolizei.“

Cattermole erhob sich abrupt. „Inspector …“ – sein Gesicht war finster – „ich hätte den Dorfpolizisten rufen können, aber ich wollte nicht, dass Plattfüße auf den letzten Überresten dessen herumtrampeln, was einmal eine große Familie war. Darum habe ich mich an McNaghten gewandt. Gott weiß, ich hätte für Freddie keine Zeit verschwendet. Er ist tot und verdammt in alle Ewigkeit. Aber dort …“ – er deutete dramatisch auf das wuchtige Porträt über dem leeren Kamin – „… ist der vierte Pair Hurstmonceux – und einen besseren Mann hat die Welt nie gesehen.“ Henry Cattermole war einer aus der alten Schule, ehrlich und treu. „Freundschaft, die in Eton und Quetta geschmiedet wurde, stirbt nicht, Inspector.“ Der Inspector zweifelte nicht an diesen Worten. „Um seinetwillen habe ich den Yard informiert. Keinen Wirbel, keinen Skandal, verstehen Sie?“

„Vollkommen, Sir.“

„Armer Georgie. Freddie war sein einziger Sohn. Der Bastard hat

ihn umgebracht.“

„Soll das in die Akten, Sir?“

„Oh, nicht wörtlich, Lestrade. In Wirklichkeit hat er ihm keinen Revolver an die Schläfe gesetzt. Aber durch seine … Art … hätte er ihn ebenso gut umbringen können.“ Cattermole betrachtete lange das Porträt. Dann sagte er: „Kommen Sie mit, Inspector.“ Die beiden Männer verließen das Haus durch den mit Weinlaub überwucherten Südflügel und schritten quer über den samtweichen Rasen zu den Stallungen. Hinter den Hauptgebäuden, wo die dampfenden Jagdpferde und Vollblüter bewegt wurden, kamen sie zu den Hundezwingern. Lestrade hegte keine sonderliche Vorliebe für Hunde. Einer oder zwei seiner Vorgesetzten waren versessen darauf, Bluthunde einzusetzen, doch ihn schienen die Tiere immer anzupinkeln, wann immer er mit ihnen zu tun hatte. Er fragte sich oft, ob es an ihm persönlich oder an dem Ort lag, an dem er sich befunden hatte. In einem Gehege befanden sich dreißig oder vierzig Fuchshunde, prächtige schwarze, braune und weiße Tiere, die sich leckten und schnüffelten. Lestrade war froh, dass sie nicht knurrten oder heulten. Da er nicht wollte, Sir Cattermole könne glauben, er habe Angst vor diesen Kötern, streckte er eine sichere Hand aus, wobei er betete, sie möge nicht zittern. Ein Hund mit massigen Unterkiefern, vielleicht älter, sicherlich dunkler als die übrigen, bohrte seine Nase in Lestrades hohle Hand. Er rubbelte ihm die Ohren. „Guter Junge, guter Junge.“

„Fällt Ihnen an diesen Hunden etwas auf?“, fragte ihn Cattermole. Lestrade hasste es, wenn man ihn auf diese Weise in Verlegenheit brachte. Hatte er es mit einem Einbruch in ein Wohnhaus, einer überfallenen Bank oder auch nur mit einem gefälschten Fünfer zu tun, bewegte er sich auf vertrautem Gelände. Doch Wochenenden mit Geschieße und Gejage und Landhäuser waren nicht sein Revier.

Er prüfte das Nächstliegende – seine beiden Beine. Bis jetzt hatte

noch keiner der Hunde versucht, ihn anzupinkeln.

„Sie meinen …“ Lange Jahre im Dienst hatten ihn das gemächliche

Hinauszögern gelehrt, das er bis zu dem Punkt trieb, der seinem

Fragesteller Gelegenheit gab, sich einzumischen.

„Von dem Blut abgesehen.“

Lestrade zuckte mit seiner Hand zurück und hoffte, dass die Bewegung nicht zu plötzlich gewesen war. Er hatte das Blut in der Tat nicht gesehen – bis jetzt. Aber es war da, dunkel und verkrustet um viele Mäuler. Menschliches Blut. Hurstmonceux’s Blut. „Sie sind so fügsam“, fuhr Cattermole fort, „oder würden Sie glauben, dass sie vor ungefähr sechs Stunden einen Mann in Stücke gerissen haben?“

Soweit der Anstand es ihm zu erlauben schien, bewegte Lestrade sich rückwärts.

„Dieser da, neben Ihnen“, sagte Cattermole auf den Hund deutend, den Lestrade getätschelt hatte, „das ist Tray, der Leithund. Er dürfte als erster auf Freddie losgegangen sein. Rosebery sagte, er habe ihn an der Kehle gehabt.“

Lestrade war für die frische Luft dankbar. Quer über den Hof schritt, noch immer im Jagdanzug, Archibald Philip Primrose, V. Earl von Rosebery. Er war ein ängstlich blickender Mittvierziger.

„Ah, Rosebery. Dies ist Inspector Lestrade – von Scotland Yard.“ „O Gott.“ Rosebery ergriff die ausgestreckte Hand. „Mylord.“ Lestrade verbeugte sich steif. „Können Sie ein wenig Licht in diese unglückselige Affäre bringen?“

Rosebery blickte sich um wie ein in die Enge getriebener Hirsch, seine wässrigen Augen spähten in jeden Winkel des Hofes. Er nahm Lestrades Arm und führte ihn abseits über den Rasen. Cattermole spürte die Heimlichkeit und den Argwohn seines Gebarens und ging zum Haus zurück.

„Ich werde mich um Ihr Zimmer kümmern, Lestrade“, rief er. „Ich danke Ihnen, Sir Henry.“

„Hören Sie, Balustrade, es zeichnet sich ab, dass ich den Hosenbandorden kriegen werde.“

„Mylord?“ Lestrade hätte alles geglaubt, was ihm Aristokraten erzählten, doch Rosebery hielt er nicht gerade für glaubwürdig.

„Keinen Skandal, verstehen Sie. Ich kann mir keinen Skandal leisten. Jedenfalls nicht im Augenblick, meine ich. Home Rule ist das eine. Und dann die G. G.’s, aber dies hier … Gott, armer Freddie.“

„Was war er für ein Mann, Sir?“ „Wer?“

„Lord Hurstmonceux.“

„Oh, ein Bastard. Ein absoluter Bastard. Er hatte seine Auftritte, zugegeben.“ Rosebery stieß ein kaltes, distanziertes Lachen aus. „Nein, ich glaube nicht, dass er über das verfügte, was man einen anständigen Charakter nennen könnte. Hören Sie mal … äh … Kavalkade … dies wird doch nicht an die Öffentlichkeit kommen, oder?“

Schon früher war in dieser Weise Druck auf Lestrade ausgeübt worden, doch es war verwirrend, dass es diesmal durch einen Mann wie Rosebery geschah, Gladstones rechte Hand, führender Politiker und Peer of the Realm. Er würde Lestrade selbst von seiner Meinung nicht abbringen, doch einem Inspector konnten leicht die Hände gebunden werden, und er war überhaupt nicht sicher, wie McNaghten sich verhalten würde. Gemeinsame Interessen und die Bindung an das alte College, das sie einst alle besucht hatten, trotz der Ausweitung der Bürgerrechte.

„Sie können den Tod eines Mitgliedes des Oberhauses nicht geheim halten, Mylord.“

„Tod?“ Roseberys Ton verriet, dass er Lestrade falsch eingeschätzt hatte. Dann fuhr er, ruhiger, fort: „Oh, ganz recht, ganz recht.“ Aber Lestrade war schneller gewesen. Er hatte den Wink verstanden. Rosebery verbarg etwas. „Glauben Sie, dass es mehr war, Mylord?“

„Mehr?“ Roseberys Anstrengungen, unbeteiligt zu wirken, waren kläglich.

„Mord, Mylord.“ Lestrade drehte sich um und fixierte Rosebery, sodass ihr Spaziergang jäh unterbrochen wurde. Rosebery starrte ihn

an, den Mund sperrangelweit geöffnet.

„Wie?“, war alles, was er hervorbringen konnte.

„Das genau ist es, was mir zu schaffen macht“, bekannte Lestrade.

„Ich weiß es nicht. Bis jetzt.“

Rosebery blinzelte und ging weiter und überließ sich Lestrades Führung. Der Ton ihrer Unterhaltung hatte sich verändert. Der Polizist hatte jetzt die Oberhand und führte den edlen Lord an einem unsichtbaren Ring durch dessen aristokratische Nase herum. „Ich nehme an, Lord Hurstmonceux war ein erfahrener Jäger und Reiter?“

„O ja, ist mit den Quorn, den Cattistock, den Besten geritten.“ „Verstand sich auf Pferde und Hunde?“

„Wie ein Eingeborener. Das ist es ja, was so verdammt sonderbar

ist.“ Rosebery fing an, aufzutauen. „Ich meine, er behandelte seine

Tiere schlecht, Gott weiß es. Aber Hunde sind treue Kreaturen. Sie

können eine Menge aushalten, wissen Sie.“

„Wenn Fuchshunde auf der Fährte sind, wonach jagen sie?“

„Nun, nach dem Fuchs natürlich.“

„Wegen der Witterung?“

„Ja. Daraufhin sind sie gezüchtet.“

„Und was könnte sie dazu veranlassen, auf einen Menschen loszugehen, besonders wenn sie in wilder Jagd hinter dem Fuchs her sind?“

Rosebery schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht“, sagte er. „Das ist ein verdammtes Rätsel.“

Das Abendessen verlief überraschend heiter. Zugegeben, Rosebery war immer noch nervös, doch der Wein floss und die Aristokratie empfand die Anwesenheit eines Yard-Beamten eher als ungewöhnlich denn als störend. Lestrade gab, so beredt wie möglich, ein paar Anekdoten aus dem Ripper-Fall zum Besten, doch darüber war man in den Klubs offenbar bestens informiert. Für einen Mann seiner Herkunft kam er bemerkenswert gut mit der Unmenge von Bestecken und Silbergeschirr zurecht, die Mrs. Beeton in Schwärmerei versetzt hätte. Es war ein sonderbar männlicher Abend. Als Wochenende der „alten Hirsche“ hatte Lord Hurstmonceux diese Zeremonie bezeichnet – nach der Familientradition fand nach der letzten Jagd der Saison ein „reiner Herrenabend“ statt. Als man bei Zigarren und Port angelangt war, nahm der dritte Teilnehmer der Gesellschaft, Sir Bertram Cairns, Lestrade beiseite.

„Sie werden die ganze Nacht über Home Rule diskutieren“, bemerkte er mit Blick auf Rosebery und Cattermole, die vor dem krachenden Kaminfeuer in ernstem Gespräch die Köpfe zusammensteckten. „Nehmen Sie Ihr Glas mit. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

Lestrade folgte Cairns durch das Haus, vorbei an seinem eigenen Zimmer und weiter durch endlose Gänge, bis sie zu einer verschlossenen Tür mit Messingbeschlägen gelangten. Cairns zog einen Schlüssel hervor und schloss auf. Es dauerte eine Weile, bis Lestrade das Interieur in sich aufgenommen hatte. Der Raum war offensichtlich eine Art Laboratorium. Von der Decke hingen schauerliche Vögel in Flugstellung herab, die große Schatten auf die Wände warfen. Tauben, die mit Habichten zusammenprallten und sich in ihre Bestandteile auflösten, und Würger, die Insekten auf Dornen spießten. Auf den Tischen und Bänken standen in langen Reihen Flaschen, Kolben und Röhren. In der Mitte des Raumes war der Boden unbedeckt, von Schnitten verunstaltet und mit dunkelbraunen Flecken übersät. Auf den Regalbrettern fand sich in Gläsern jegliche Art von Getier, in einer grünlichen Flüssigkeit schwimmend.

„Lord Hurstmonceux war Wissenschaftler?“, fragte Lestrade. „Nicht ganz“, lautete die Antwort. Cairns deutete auf einen länglichen Kasten in einer Zimmerecke. An seinem einen Ende war eine Reihe von schwarzen und weißen Tasten und der Kasten war in Kammern aufgeteilt, über deren Böden Klavierdraht bis zu den Tasten gespannt war. Lestrade hielt es für korrekt zuzugeben, dass er nicht wusste, was es mit dieser Vorrichtung auf sich hatte. „Das ist das Katzenklavier“, sagte Cairns grimmig. „Das … Katzen… das was?“

„Die Katzen werden in die Kammern gesetzt und eingeschlossen. Dann spielt der … ‚Wissenschaftler‘ … eine Melodie auf der Tastatur, mit dem Ergebnis, dass die Drähte hochschnellen und die Katzen von unten peitschen, während die Hämmer ihnen auf die Köpfe schlagen.

„Also ist das hier kein Laboratorium“, sagte Lestrade, dem allmählich ein Licht aufging.

„Nein, Inspector. Dies ist eine Folterkammer.“ Lestrade fiel erst jetzt auf, dass die Wände und die Tür dick gepolstert waren. Cairns bemerkte seinen Blick.

„Schalldicht“, sagte er. „Diese Tiere, die Sie dort in den Gläsern sehen – ich halte jede Wette gegen Sie, dass an ihnen Operationen durchgeführt wurden, während sie noch sehr lebendig waren.“ Cairns ging zu einer Schreibtischschublade und nahm eine dicke Kladde heraus. „Hier – eine Aufzeichnung seiner ‚Experimente‘.“

„Vivisektion“, murmelte Lestrade.

„O nein, Inspector. Vielleicht ist diese Ansicht unpopulär, aber echte Vivisektion dient wenigstens wissenschaftlichen Zwecken. Aber das hier – das ist reiner Sadismus – Folter um des Vergnügens willen. Und widernatürliche Handlungen“, setzte er vieldeutig hinzu. Lestrade durchblätterte die Kladde. Da war von gekochten Igeln die Rede, wurden Drosseln auf Nadeln gespießt, Füchsen die Vorderbeine abgehackt, Pferde mit Schneiderscheren kastriert, Ziegen mit Hutnadeln geblendet. Kaum der übliche Zeitvertreib für einen Wissenschaftler und Gentleman. Und was Lord Hurstmonceux mit den Schafen auf seinem Grund und Boden anzustellen versuchte, malte man sich am besten überhaupt nicht aus. „Inwiefern hilft uns das, Sir Bertram?“, fragte Lestrade. „Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Cairns. „Doch wir alle wissen, warum Sie hier sind, Lestrade. Hier handelt es sich nicht um einen simplen Tod am Morgen. Hier geht’s um Mord.“ „Begangen von einem Hund oder von unbekannten Hundesöhnen?“, setzte Lestrade hinzu. „Wie meinen Sie das?“

„Ich möchte Ihnen etwas über Mord erzählen, Sir Bertram. Wenn ich gerufen werde, um ein Verbrechen aufzuklären, habe ich in der Regel ein Opfer und keinen Mörder. Der durchschnittliche Mörder ist nicht so entgegenkommend, mit einem Gewehr oder einem Messer in der Hand bei der Leiche stehenzubleiben, bis ich eintreffe. Ich setze die Beweisstücke zusammen – wie die Teile eines Puzzles –, und ich gelange zu Schlussfolgerungen. In diesem Fall nun habe ich meinen Mörder – oder besser gesagt meine Mörder. Vierzig Stück an der Zahl. Aber es handelt sich um Fuchshunde, Sir, und gegen einen Fuchshund kann kein Richter Ihrer Majestät ein Verfahren eröffnen. So etwas ist noch nie dagewesen.“

„Gütiger Gott, Mann, ich bin kein Idiot. Freddie Hurstmonceux war einer der unbeliebtesten Männer im Land. Es muss Scharen von Leuten geben, die nicht traurig wären, wenn sie ihn tot sähen.“ „Sehr wahrscheinlich, Sir. Aber wenn Sie mir nicht sagen können, wie sie es angestellt haben, ihn umzubringen, kann ich nicht weitermachen.“

In dieser Nacht schlief Lestrade wenig. In seinem abgelegenen Zimmer im Westflügel schritt er auf und ab. Die Petroleumlampe warf ein gespenstisches Licht auf die schwere chinesische Tapete. Sein Bett war entsetzlich unbequem und das Zimmer kalt. Er war nicht mit der Absicht gekommen, zu übernachten, doch im Hinblick darauf, dass der Verstorbene sie nicht mehr brauchen würde, hatte Sir Henry Cattermole ihm ein Nachthemd und einen Morgenmantel aus Lord Hurstmonceux’s Garderobe zur Verfügung gestellt. Sie waren vielleicht ein wenig zu groß und nach Lestrades kleinbürgerlichen Vorstellungen zu aufwendig verziert, aber sie würden ihren Zweck erfüllen. Von Zeit zu Zeit blickte er auf den Rasen hinaus und sah, wie der Mond sich im Wasser des Sees spiegelte.

Gelegentlich rief ihm das Bellen eines Hundes den Grad seiner Erschöpfung ins Bewusstsein. Doch als die Morgendämmerung begann, sich über die niedrigen Bäume unterhalb des Hauses zu stehlen, begann eine Theorie in ihm Gestalt anzunehmen. Nach dem Frühstück wollte Lestrade feststellen, ob sie der Realität standhielt oder nicht. Cairns war ohne Einschränkung dafür. Cattermole hatte seine Zweifel, wollte jedoch das Seine zum Nutzen des Familiennamens tun. Eine Stunde nach dem Frühstück war die Koppel mit ihren Abrichtern draußen, und die Hausgäste, Lestrade eingeschlossen, saßen zu Pferde und waren aufbruchbereit. Es sei ein ganz normales polizeiliches Verfahren, versicherte er ihnen – die Rekonstruktion eines Verbrechens. Er hielt sich so weit als möglich von den Hunden fern, und jeder Mann trug, für den Fall, dass die Hunde abermals Amok liefen, einen geladenen Revolver bei sich. Lestrade war kein übler Reiter, doch an schweres Gelände und hohe Gatter war er nicht gewöhnt. Er hoffte, sie würden weder auf das eine noch auf das andere stoßen.

Es war ein nebliger Morgen, das Wetter für Anfang April ungastlich kalt und mit dem in der klaren Nacht nicht zu vergleichen. Als Cattermole die Jagd eröffnete, lagen schwere Tautropfen wie Perlen auf dem Grund, und die Meute setzte sich in Bewegung. Ein lebensmüder Kammerdiener ritt weit vorn, einen toten Fuchs über der Hinterpausche seines Sattels, um die Hunde auf den richtigen Weg zu locken. Es war ein eigentümlicher Anblick. Eine Jagd, eigentlich schon außerhalb der Saison, wenn auch nur um einen Tag, mit zu wenigen Männern und Pferden, keiner Jagdbeute und in einer sonderbar unheilvollen Stille. Es gab keine Fröhlichkeit, keine Neckereien und selbst Cattermoles Horn klang frostig und fremd. Sie überquerten die gepflügten Felder der südlichen Wiesen, und die Pferde rutschten durch den morgendlichen Schlamm. Lestrade kam sich in Lord Hurstmonceux’s Ersatz-Jagdrock ein wenig lächerlich vor, und die scheußlich unbequeme Jagdkappe hüpfte auf seinem Schädel herum. Doch verglichen mit dem Wald waren die Felder ein Vergnügen. Zweige peitschten ihn, als er sich zusammenkrümmte, um im Sattel zu bleiben. Schlammbespritzt und vom Tau der Blätter durchnässt, bog er, im Bemühen, festen Grund zu finden, vom Pfad ab. Sein Pferd warf sich nach vorn, bäumte sich auf und schnaubte verärgert angesichts der zunehmenden Inkompetenz des Mannes auf seinem Rücken. Flüchtig sah Lestrade Bertie Cairns zu seiner Rechten am Rand eines vereinzelten Feldes. Er sah ihn, wie gesagt, flüchtig, aus der Perspektive eines Mannes, der gerade einen Salto über den Kopf seines Pferdes vollführt.

Lestrade landete platt auf dem Rücken, wobei er sich böse das Rückgrat stauchte. Er besaß die Geistesgegenwart und Geschicklichkeit, sich im Fallen an die Zügel zu klammern, sodass er mit der Hilfe des Pferdes imstande war, sich wieder aufzurichten. Keine Spur von den anderen. Er hoffte, niemand habe ihn gesehen. Zwei oder drei versprengte Hunde rasten an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Mit Mühe saß er wieder auf und ritt auf das Licht am Waldrand zu. Er sah, dass die Hunde unten in der Senke den Fleck erreicht hatten, an dem nach seiner Meinung Lord Hurstmonceux getötet worden war. Jenseits einer niedrigen Trockenstein-Mauer, ungewöhnlich für diese Gegend, irrten die Hunde schnüffelnd und winselnd ziellos umher und hatten offenbar die Spur verloren. Der Kammerdiener mit dem toten Fuchs hatte seine Sache gut gemacht und seine Verfolger tatsächlich abgehängt. Cattermole, Cairns und Rosebery saßen auf ihren Pferden und hielten nach Lestrade Ausschau.

Der Inspector trieb sein Pferd durch die Ackerfurchen den Hang hinunter. Vor ihm tanzte und hüpfte der Horizont. Er trieb dem Pferd die Knie in die Weichen und klammerte sich so majestätisch fest, wie er konnte. Der Horizont vor ihm senkte sich, und er war unten. Energisch ließ er sein Pferd einen Kreis beschreiben, um zu den anderen zu gelangen.

„Bravo, Parade“, rief Rosebery. Der Name hatte jede Ähnlichkeit mit Lestrades wirklichem Namen verloren, so dass dieser eine Zeit lang annahm, Rosebery habe jemand anderen gemeint. „Ein Yard oder zwei weiter nach links und sie wären in die Egge geraten.“

Lestrade hatte gerade noch Zeit, das Ackergerät in Augenschein zu nehmen, als die Meute in Bewegung geriet. Die Hunde heulten und knurrten und sprangen an Rosebery hoch, sich mit schnappenden Kiefern in der Luft drehend. Cairns und Cattermole zogen ihre Revolver und feuerten wild nach links und rechts. Rosebery klammerte sich, als ob es ums Leben ginge, an den Sattel und versuchte, sein sich aufbäumendes Pferd aus dem Tumult herauszuwinden. Drei oder vier Diener rasten den Hang hinunter auf die Mauer zu, Befehle brüllend. Lestrade trieb sein Pferd durch das Getümmel, packte mit einer Schnelligkeit, die ihn selbst überraschte, Roseberys Zügel und führte das Pferd durch die Furchen auf die Seite. Inzwischen hatte Rosebery seine Beherrschung wiedergewonnen und sein Pferd unter Kontrolle. Lestrade kehrte mit entsichertem Revolver zurück, doch Cairns und Cattermole hatten ganze Arbeit geleistet und die Hunde wichen zurück, jetzt ruhiger und durch die Schüsse und die Kadaver an der Mauer wie betäubt.

Die Reiter begaben sich auf höhergelegenen Grund, während die Diener und die Abrichter die Hunde in ihre Obhut nahmen. Rosebery sackte, aus vielen Wunden blutend, in einem Schock im Sattel zusammen. „Eine gottverdammte Chose!“, sagte er, verständnislos nach vorn starrend.

„Du hast Glück gehabt, dass du noch lebst“, sagte Cairns und überreichte Rosebery seinen Hut.

„Zumindest der Leithund wird niemanden mehr anfallen“, sagte

Cattermole. „Ich habe ihn vorhin erschossen.“

„Es war nicht der Leithund“, sagte Lestrade mehr zu sich selbst.

„Ich hab’s gesehen“, sagte Cattermole, „genauso wie beim armen

Freddie.“

„Sagen Sie mir, Sir“, sagte Lestrade und drehte sich im Sattel um, „als Sie Tray erschossen … wer hat den Hund getötet: Sie oder die Waffe?“ „Wie bitte?“

„Ich will sagen: die Hunde haben Freddie Hurstmonceux getötet. Wer aber hat sie dazu abgerichtet?“

„Abgerichtet?“, fuhr Rosebery auf. „Sie können Hunde nicht dazu abrichten, auf einen Mann loszugehen.“

„Doch, man kann“, sagte Cairns, „aber sie müssen zugleich dazu abgerichtet worden sein, auch auf Rosebery loszugehen.“ „Nein, Sir, das glaube ich nicht. Wenn meine Annahme zutrifft, dann war der Vorfall heute Morgen bloß eine zufällige Wiederholung des Tatvorganges. Lord Hurstmonceux muss aus dem Sattel geworfen worden sein. Sie haben Glück gehabt, Mylord.“ „Wir müssen sehen, dass wir dich zum Haus zurückschaffen, Rosebery“, drängte Cattermole. „Ich weiß nicht, was Sie erreicht haben, Lestrade, außer dass fast noch jemand umgekommen ist.“ „Sir Henry, bitte, haben Sie Nachsicht mit mir. Ich glaube die Antwort zu kennen, doch zuvor muss ich noch die Pächter vernehmen. Lässt sich das einrichten?“

„Gütiger Himmel, Mann, das sind fast zweihundert Leute. Dürfen Sie denn so lange vom Yard fortbleiben?“

Lestrade brauchte ein wenig mehr als eine Woche, um alle Pächter von Hurstmonceux zu befragen. Hätte er zwei oder drei Sergeanten zur Unterstützung gehabt, wäre er vielleicht mit der Hälfte der Zeit ausgekommen, doch Cattermole bestand im Interesse der Familienehre darauf, dass nichts über den Vorfall an die Öffentlichkeit gelangte. Lestrade wusste nur zu gut, dass, was immer er hier entdecken würde, niemals etwas davon publik werden würde. Zwar war Freddie Hurstmonceux zu Lebzeiten hinreichend verrufen gewesen, doch niemand würde die Gelegenheit bekommen, die Dinge nach seinem Tod noch schlimmer zu machen. Das „Laboratorium“ würde nie ans Tageslicht kommen. Lestrade war nicht einmal sicher, ob Cattermole davon wusste.

Von den hundertdreiundachtzig Erwachsenen auf dem Hurstmonceux-Besitz hatten hundertdreiundachtzig das Motiv und die Gelegenheit, ihren früheren Herrn zu töten. Sogar einige der Kinder sahen mordlustig aus. Doch Lestrade stellte ihnen nur eine Frage – zumindest war er nur an der Antwort auf eine Frage interessiert: Wer stellte die Egge an die Mauer in den unteren Wiesen? Es ergab sich, dass keiner es getan hatte. Lestrade war stolz auf seine Fähigkeit, Menschen zu beurteilen. Es gab viele Pächter, die Lord Hurstmonceux mit einer Hacke den Schädel gespalten, ihn mit einer Schrotflinte weggeblasen oder einer Sichel geköpft hätten, doch wer unter ihnen besaß das Talent, ihn auf diese Weise umzubringen? Als erfahrener Polizist beobachtete er die Reaktionen der Pächter, wenn er sie nach der Egge fragte. Sie sagten ihm die Wahrheit. Niemand hatte sie angerührt.

Darauf nahm er mit aller Gerissenheit, die ihm zu Gebote stand, die Abrichter der Meute ins Verhör. Sie sagten ihm, diese Koppel sei in der Jagd unerfahren gewesen. Lestrade fragte sich, ob sie damit ihre Verschwiegenheit gebrochen hätten, doch der Ernst der Lage verbot diesen Gedanken. Wo sie gekauft worden seien? Auf einer Auktion selbstverständlich.

Lestrade brach sein Versprechen der Verschwiegenheit und schickte ein Telegramm an den Yard, um Nachforschungen anstellen zu lassen. Wie er erwartet hatte, konnte der frühere Besitzer nicht ermittelt werden.

Der Inspector konnte noch eine letzte Karte ausspielen. Rosebery war nach London zurückgekehrt, um seine Wunden zu pflegen und auf den Hosenbandorden zu warten. Die Leichenfeier für Lord Hurstmonceux sollte am folgenden Tag in der Familienkapelle stattfinden, die etwa eine Meile von Hurstmonceux Hall entfernt war. Lestrade würde der Zeremonie nicht beiwohnen. Seine Anwesenheit wäre nicht erwünscht gewesen. In der Nacht vor seiner Abreise schlich sich Lestrade nach Einbruch der Dunkelheit aus seinem Zimmer. Er überquerte den mondlosen Hof und huschte zu den Hundezwingern. Als er drin war, raste sein Herz. Einmal oder zweimal verließ ihn der Mut, doch jedes Mal fasste er sich wieder. Trotz seines Eintretens schliefen die Hunde mehr oder weniger fest. Doch er wusste selbst im Dunkeln, dass einer oder zwei wach waren und ihn beobachteten. Er hob den Revolver, einen schweren Smith & Wesson, und betete. Sein Herzschlag brauste in den Ohren. Vor seinen Augen aufblitzend, sah er Freddie Hurstmonceux’s zerfetzten

Leichnam wieder, das geronnene Blut an seiner Kehle und an den Kleidern, das verkrustete Rinnsal auf dem Tuch des Billardtisches. Er entsicherte den Revolver – einmal, zweimal –, und von irgendwo aus den Tiefen seiner Kehle kam das geflüsterte Wort: „Egge“. Die Zwinger erwachten zu brüllendem Leben, die Hunde knurrten und schnappten. Lestrade warf sich zurück durch die Tür, schob den Riegel vor und lehnte sich nach Luft ringend an die Mauer. Er hatte recht. Er hatte es bewiesen. Aber im Haus wurde es lebendig, in den Zimmern der Dienerschaft gingen Lichter an. Stimmen und Rufe auf dem Hof.

Lestrade sah keinen Anlass, sich zu erkennen zu geben. Er steckte den Revolver ein und kroch durch das Gebüsch zu dem Flügel, in dem sein Zimmer lag. Er war die Treppe hinauf und in sein Zimmer geschlichen, bevor das Haus wieder in einen unruhigen Schlaf gefallen war. In der Nacht vor der Beerdigung des Hausherrn schlief jedermann unruhig.

Lestrade reiste mit dem Zug nach London zurück. Die Zeitungen hatten ihre Schlagzeilen: „Schrecklicher Jagdunfall.“ Alles war tadellos, vage und normal. Lord Hurstmonceux war vielleicht einfach vom Pferd gefallen. Nur Lestrade wusste, wie. Irgendjemand hatte die Egge an die Mauer auf den Unteren Wiesen platziert. Dann hatten sie die Jagd dort entlanggeführt, vermutlich so, wie Lestrade es gemacht hatte, wobei ein Treiber eine Duftspur gelegt hatte. Hurstmonceux hatte die Mauer übersprungen, war in die Egge geraten oder hatte sie knapp verfehlt. Wie hatte er wohl darauf reagiert? „Wie kommt diese verdammte Egge dort hin?“ oder etwas Ähnliches. Wer immer das eingefädelt hatte, er hatte Freddie die Meute bereits verkauft und sie so abgerichtet, dass sie blindlings und bösartig auf jeden losging, der das Wort „Egge“ aussprach.

Nun, das war’s. Es war phantastisch. Es war erstaunlich riskant, ungewiss. Der Mörder brachte sich in Gefahr, wenn er sich an die Spitze der Jagd setzte. Er hätte leicht gesehen werden können. Wie hatte er den Verkauf eingefädelt? Wie konnte er sicher sein, dass Freddie die Mauer als erster erreichen würde? Und dass er das entscheidende Wort „Egge“ aussprechen würde? Dass Freddie zu diesem Zeitpunkt allein war, erwies sich für die anderen, die im Feld ritten, als ein Glück. Lestrade fiel ein, dass er mit ihnen hätte sprechen müssen. Doch als er angekommen war, hatten die meisten sich bereits verabschiedet und hätten den Tatsachen vermutlich nichts Neues hinzufügen können.

Trotzdem, so war es abgelaufen. Riskant, unsicher, phantastisch, fürwahr. Aber es hatte funktioniert.

Lestrade wusste also, wie der Mord ausgeführt worden war. Doch er wusste nicht, von wem. Er würde McNaghten die Beweise präsentieren, der würde seinen Schnurrbart streichen, seine Krawatte geradezupfen und die Erkenntnisse in den Eingeweiden seines unbegreiflichen Ablagesystems verschließen. Er könnte sodann eine armlange Liste all jener erstellen, die Freddie als den Mann kannten, der er war: ein Schurke und ein Lump. Es würde ihm nicht viel weiterhelfen.

Der Brief wartete auf ihn, als er zurückkam. Ein Brief mit Trauerrand, der exakt in der Mitte seines Schreibtisches lag. Lestrade erkundigte sich, warum man ihn nicht auf den Stapel der im Laufe der Woche eingegangenen Post gelegt habe, der an einer Seite des Schreibtisches aufgehäuft war. Der diensthabende Sergeant erklärte, der Brief sei heute Morgen angekommen, an Lestrade selbst adressiert gewesen und darum als persönlich angesehen worden. Der Inspector öffnete den Brief. Und dann legte er ihn neben den ersten. Kein Zweifel. Sie waren auf verschiedenen Schreibmaschinen geschrieben. Jedoch die Reimerei klang ähnlich, wenn der Verfasser diesmal auch besser informiert schien:

Der Frederick, der Frederick, Der hatte einen bösen Blick; Er fing die Fliegen in dem Haus Und riss ihnen die Flügel aus, Zerbrach die Stühl’, schlug Vögel tot, Ertränkt die Kätzchen ohne Not; Der treue Tray am Brunnen lag, Den Durst zu löschen, an heißem Tag; Und als er trank, ganz mild und zahm, Der böse Fred eine Peitsche nahm; Er schlug den Tray, bis er ganz wund Und peitscht’ und trat ihn ohne Grund: Da packt den braven Tray die Wut,

Er knurrt’ und biss ihn bis aufs Blut; Und wer dabei war, könnt’ beschwören, Wie Fred man konnte schreien hören!

Die Erkenntnis drängte sich Lestrade auf. Die Trauerbriefe, die ihm an die Adresse des Yard geschickt wurden. Keine verwertbaren Spuren, was Poststempel und Schriftbild anging. Zwei Gedichte, die eine präzise Kenntnis der jeweils untersuchten Verbrechen verrieten. Und sie stammten, nach dem Stil der Gedichte zu schließen, von demselben Schreiber. Selbst Lestrades unpoetisches Auge konnte das erkennen. Er legte McNaghten die beunruhigenden Beweisstücke vor.

Der Chef der Kriminalpolizei strich seine Krawatte und zupfte seinen Schnurrbart gerade.


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M. J. Trow stammt aus Wales, studierte Geschichte am Londoner King’s College und ist bekennender Fan des viktorianischen Zeitalters. Er verfasste spannende und humorvolle Kriminalgeschichten um Inspektor Lestrade, der in den Geschichten von Arthur Conan Doyle oft mit seinem Zeitgenossen Sherlock Holmes aneinandergerät.

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