Thriller Autor Thomas Lang über sein neues E-Book

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Worum geht es in deinem Buch Bulle & Bär – Der Weg des Schwerts?

Genau genommen sind es zwei Handlungsstränge. Einmal ein klassischer Betrugsfall aus der Praxis der Ermittler für Wirtschaftskriminalität. Und dann die übergeordnete Handlung um das Ende 1945 in Tokio verschwundene „Schwert Japans“. Beide Geschichten basieren auf einem realen Hintergrund.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Das ist bei einem Autor, der seine Romane (noch) neben seiner Tätigkeit als professioneller Texter und Fachjournalist verfasst, eine schwierige Frage. Insgesamt würde ich sagen: so um ein Jahr. Wenn ich mich komplett auf das Manuskript konzentrieren könnte, würden wir in zwei, drei Monaten eine ganze Menge sehen.

 

Wie ist die Idee zu deinem Buch entstanden? Gab es eine Art Initialerlebnis?

Der Weg des Schwerts ist ja nicht die erste Geschichte meiner Thriller-Reihe Bulle & Bär. Schon während der Vorbereitungen zur Veröffentlichung des ersten Bands, habe ich natürlich intensiv über das zweite „Abenteuer“ nachgedacht. Mein Agent Tim Rohrer hat mich da auch unterstützt, weil seine Argumentation überzeugt hat, eine Thriller oder Krimi hat nur dann langfristig Erfolg, wenn sich daraus eine ganze Reihe entwickeln lässt. Wenn den Lesern das Sujet und die Figuren gefallen, wollen sie auch Nachschub lesen. Als sich die Unterschlagung in meinem direkten beruflichen Umfeld ereignet hatte, war für mich klar, dass ich das irgendwie literarisch verwerten musste.

 

Wie sah die Recherchearbeit für dein Buch aus?

Als „gelernter“ Journalist ist es mir in 40 Berufsjahren in Fleisch und Blut übergegangen, wo immer es geht Fakten zu verwenden. Und im Internetzeitalter ist es ja in Vergnügen, präzise Details zu ermitteln. Da ich das Glück und Privileg hatte, von der Welt eine ganze Menge Länder und Städte kennen zu lernen, lasse ich meine Geschichten nur an Orten spielen, die ich aus eigener Anschauung kenne. Ich kenne auch alle erwähnten Hotels und den größten Teil der Restaurants, in denen es sich meine Protagonisten wie Antagonisten gut gehen lassen. Und im internetzeitalter kann ich meine Zecher von authentischen Speise- und Getränkekarten bestellen lassen. Auch Abläufe müssen stimmen. Wie beispielsweise das Kapitel über die Sektion zweier Attentäter. Selbst da fließt das eigene Erleben ein.

 

Sind die vielen Fakten wirklich wichtig?

Davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Auch wenn ich einen Ort nicht kenne oder mir Details zu einem Gegenstand oder einer Tätigkeit unbekannt sind, merke ich als Leser instinktiv, ob etwas eine Tatsache ist oder ein Fake. Kenne ich mich dagegen persönlich in einem Bereich aus und kann beurteilen, ob etwas stimmt oder ein Fake ist, enttäuscht mich der Phantast und ich verliere den Glauben an die Authentizität der ganzen Geschichte. Ein Beispiel: Kürzlich fand ich im Thriller eines weltweit erfolgreichen Besteller-Autoren den Satz: … ließ den Zehnzylinder seines AMG-Mercedes zornig aufheulen…“ Als Motorjournalist weiß ich, dass AMG nie einen Zehnzylinder gebaut hat. Wenn das schon getürkt ist, wie sieht es dann mit dem Rest der Geschichte aus? – Für solche Infos reichen heute zwei Klicks im Internet. Dann brauche ich meine Leser nicht zu beschummeln.

 

Was reizte dich daran, die Geschichte in Japan spielen zu lassen?

Wie gesagt, ich möchte meine Geschichten an authentischen Orten spielen lassen. Im Laufe der Jahre hat es sich ergeben, dass ich Japan bis heute mindestens 15mal bereist habe. Das Land, seine Geschichte Kultur und die Menschen haben mich vom ersten Augenblick wegen ihrer Ambivalenz fasziniert. Ich erachte Japan einerseits als eines der exotischsten Länder der Welt. Andererseits ist es eines der am höchsten zivilisierten. Alleine diese beiden Umstände erzeugen in unglaubliches Spannungsfeld. Für meine Fachbücher und Artikel habe im Laufe der Jahre Ursachenforschung für so viele aus westlicher Sicht so unverständliche Phänomene Japans angestellt. Nicht zuletzt bin ich nicht nur Schwabe, sondern auch ein fauler Mensch. Der Weg des Schwerts bot die Gelegenheit, viele Erlebnisse und alte Reportagen zu reanimieren. So habe ich selbst einen Autotransport von Japan nach Amsterdam begleitet, der im Roman eine wichtige Rolle spielt und für das Kapitel, das meine Helden auf den Fischmarkt von Tokio führt, habe ich mindestens ein Dutzend Mal vor Ort recherchiert.

 

Hattest du eine Inspirationsquelle für deine Figuren?

Für die Figuren weniger. Das ist für mich der Kick als Autor, Menschen quasi zu „erschaffen“. Natürlich tragen sie dann im Detail Züge, die mir von mir selbst oder aus meinem Umfeld vertraut sind. Sonst könnten sie sich nicht glaubhaft entwickeln. Die teilweise eloquenten, teils flapsigen Dialoge sind meiner eigenen Historie geschuldet. Ich bin nun einmal mit Fernsehserien wie „Die Zwei“ aufgewachsen. Außerdem ist es die wesentliche Aufgabe eines Schmökers, gut zu unterhalten. Und da dürfen Polizisten sich eben etwas flotter austauschen, als die kaffekochenden Schnarchzapfen aus den öffentlich-rechtlichen Vorabendprogrammen.

 

Was war das spannendste Erlebnis auf deinen vielen Reisen nach (und in) Japan?

Ich bin wahrscheinlich bis heute immer noch der einzige Europäer, der nicht nur mit dem Schiff Japan bereist hat, sondern auch mit dem Auto. 1991 ergab sich die Möglichkeit, als die UdSSR sich zwar geöffnet hatte, aber noch nicht zerfallen war, für einen Deutschen Autohersteller ein neues Modell, das auf dem japanischen Markt eingeführt werden sollte, auf dem Landweg von Deutschland nach Tokio zu überführen. Aber das würde ein eigenes Buch füllen. Die wirklich spannenden Erlebnisse entstanden aus den zahllosen kleinen Episoden am Rand. Wie ich beispielsweise innerhalb eines Nachmittags im Herzen der 30-Millionen-Megapole die „International Touristklinik“ für umfassende Schutzimpfungen finden musste. Oder wie ich meine prall gefüllte Brieftasche (Pass, Flugtickets, Bargeld, Reiseschecks, Kreditkarten, Impfpass, Internationaler Führerschein) verloren hatte (eine Geschichte mit dem schönsten Happy End seit „High Society“). Oder wie ich in einer der rund 35.000 Bars von Tokio drauf bestand, einen Whiskey pur trinken zu wollen. Und wie die „Langnase“ im eigenen Auto, ohne Kenntnisse von Sprache und Schrift jeden Punkt in Japan auf Anhieb finden kann, grenzt an das Wunderbare.

 

Du hast als Redakteur bereits zahlreiche Artikel veröffentlicht – wie kamst du dazu, Bücher zu schreiben?

Vor der Lektüre dieser Antwort müssen Kinder und Jugendliche dringend gewarnt werden, damit sich in ihren unschuldigen und reinen Gehirnen keine gefährliche Flausen entwickeln können: Ich dachte tatsächlich einmal, das wäre mittel- bis langfristig eine gute Geschäftsidee für einen freischaffenden Schreiber. Nach über 30 Jahren Lokalchef, Leitender Redakteur bei einer Fachzeitschrift, Pressesprecher bei einem japanischen Autoimporteur (noch eine Inspirationsquelle!) und erfolgreicher Arbeit als Fachjournalist, entwickelte sich die Idee, endlich einmal etwas komplexeres als einen Artikel zu schreiben, der in maximal zwei oder drei Tagen fertig gestellt ist. Etwas, was ich selbst gerne lesen würde. So entstand das Geschäftsmodell am Tage Fachbücher zu schreiben und nächstens Belletristik. Dabei sollte der Tag die Nacht finanziell mit tragen. Sagen wir es einmal so. Unter kommerziellen Aspekten war das die dämlichste Idee, die ich bislang hatte.

 

Wer dein Buch gelesen hat, merkt schnell, dass dein Herz sowohl für Autos, als auch für Japan schlägt. Wann war für dich klar, dass du deine beiden „Leidenschaften“ in einem Buch verflechten möchtest?

Über die Jahre hat sich der Herzschlag für Autos eher zum professionellen Umgang gewandelt. Nach drei Jahrzehnten in der Branche, macht es keinen Sinn, für den Broterwerb in einen anderen Fachbereich zu wechseln. Wobei ich auch über Technik, IT oder Finanzwirtschaft geschrieben habe. Heute bin ich der Ansicht mit Autos sollte man es wie mit dem Geld halten. Nicht darüber sprechen und ein ordentliches fahren. Die Begegnung mit Japan war zumindest ein besonders positiver Aspekt, der mit der Automobilwirtschaft verbunden war. Nachdem die Entscheidung gefallen war, mich belletristisch auf Thriller mit dem bislang vernachlässigten Sujet der Wirtschaftskriminalität zu fokussieren, war es beinahe eine zwangsläufige Entwicklung, Japan und Autos in eine gemeinsame Geschichte einfließen zu lassen.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft? 

Das Exposé für den dritten Band der Bulle & Bär-Reihe steht bereits. Allerdings habe ich Angst, die Ausarbeitung könnte für einen Band zu komplex werden. Dann gebe ich den Lockungen meiner schwarzen Schwabenseele nach und arbeite die Geschichte als Mehrteiler aus. Die Geschichte wird auf jeden Fall eine düstere Grundstimmung erhalten. Der Fall bekommt für Kowalski einen persönlichen Aspekt.

 

Was liest du selbst gerne?

Eine schwere Frage. Ich bin von Kindesbeinen an ein manischer Vielleser, der bis zu zehn Bücher auf einmal oder nach Themenschüben liest. Da gibt es Phasen mit SciFi, Fachbüchern, Klassikern, Fantasy oder amerikanischer Postmoderne. Krimis und Thriller lese ich eigentlich weniger. Dieses Genre ist in der aktuellen Ausrichtung für mich zu spekulativ, zu phantastisch und auch blutrünstig. Gewaltkriminalität kennt in ihrer Wirklichkeit nicht den Hauch von Erbaulichkeit.

 

Welche anderen Autoren magst du?

Auch keine einfache Frage. Ich schätze Douglas Adams, Terry Pratchett oder Tom Sharp wegen ihres unvergleichlichen schrägen/ unkonventionellen/ britischen Humors. Leider sind alle Tod und versorgen mich nicht mehr mit Nachschub. Ich schätze über Alles Stephen King. Als Leser und als Kollege. Einmal wegen seiner unglaublichen Phantasie bei der Entwicklung neuer Stoffe und bei seiner handwerklich perfekten Ausarbeitung. Wenn ich beispielsweise wieder einmal The Green Mile in die Hand nehme, lese ich mich atemlos durch diese über alle Maßen geniale Geschichte und fühle mich dabei angemessen demütig und bescheiden. Wenn schon Thriller, dann James Ellroy. Auf diesem Gebiet ist er für mich der Größte. David Foster Wallace liebe ich für seine Genialität, sein tragisches persönliches Schicksal und sein Opus Magnum Unendlicher Spaß. Enger umschlugen können Genie und Wahnsinn in der Literatur nicht über mehr als 1.500 Seiten reiten.

 

Hast du als erklärter Japanfan keinen japanischen Lieblingsautoren?

Selbstverständlich, denn gerade die zeitgenössische japanische Literatur weist einige bemerkenswerte Vertreter auf, die unbedingt lesenswert sind. Da wäre zum Beispiel Abe Kobo und sein bekanntestes Werk Die Frau in den Dünen. Oder Yasinuri Kawabata, der als erster Japaner 1968 der Nobelpreis für Literatur erhielt. Seine Geschichten helfen besonders beim Verständnis der „japanischen Seele“. Kenzaburo Oe, ebenfalls mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet (1994), ist ebenfalls ein bemerkenswerter Autor, auch für westliche Leser. Und nicht zu vergessen Haruki Murakami, den populärsten zeitgenössischen Autor aus Japan. Er hat auch lange im Westen gelebt und verbindet die beiden verschiedenen Blickwinkel kongenial. Kafka am Strand, 1Q84 oder Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki bieten ganz großes Lesevergnügen. Ein Skandal, dass dieses international mega-erfolgreiche Werk noch nicht mit dem Nobelpreis belohnt wurde. Leider ist das Angebot an gut übersetzter japanischer Literatur in Deutschland eher übersichtlich.

 

Hast du ein Lieblingsbuch?

 Die Buddenbrooks von Thomas Mann.

 

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Wie gesagt, Lesen. Und dann ohne feste Reihenfolge: Zu viel zu gut essen, zu viele schlechte Filme sehen und mir zu wenig Bewegung verschaffen. Durch die Welt gondeln und davon träumen, ein Bestsellerautor zu werden.

Der Weg des Schwerts

Thomas Lang, geboren 1956 in Stuttgart, begann ab seinem sechsten Lebensjahr als Autodidakt mit dem Lesen und Schreiben. Nach seinem schulischen Werdegang fasste er den Entschluss die Laufbahn als professioneller Schreiber einzuschlagen. Das funktioniert seitdem in mehreren Schritten: Vom Volontär einer lokalen Tageszeitung zum Lokalchef, zum leitenden Redakteur einer Automobilfachzeitschrift, zum Pressesprecher eines japanischen Autoherstellers bis 1995 zum selbstständigen Autor und freischaffenden Redakteur.

Hier geht’s zum E-Book und hier zur Leseprobe von Der Weg des Schwerts.

Bulle & Bär – Der Weg des Schwerts

Freitag, 28. November, 9:00 Uhr

Hidetōra Minami legte den Pinsel beiseite und betrachtete das Shodō-Kunstwerk, das er gerade vollendet hatte. Die Gegenstände auf dem flachen Tisch, vor dem er kniete, waren penibel ausgerichtet: Pinsel, Papier, Tusche und Reibstein. Die traditionellen „vier Schätze des Gelehrten“, wie die Chinesen die Arbeitsmittel für die Kalligrafie bezeichnet hatten. Lange bevor diese Kunstform vor mehr als 1300 Jahren aus dem Reich der Mitte nach Japan gelangt war.

Selbst ein Kenner hätte das Shodō als Meisterwerk bezeichnet. Die drei Kanchi-Zeichen für den Begriff „Bushidō“ waren kraftvoll und expressiv ausgeführt. Sie belegten dem Fachmann einen unverwechselbaren Stil und eine starke Persönlichkeit ihres Schöpfers. Getragen von unnachgiebiger Willenskraft. Hidetōra Minami verzog jedoch angewidert sein Gesicht. Die Arbeit genügte nicht einmal im Ansatz seinem persönlichen Standard von Perfektion. Wütend packte er das Papier mit der kaum getrockneten Tinte mit der Rechten, zerknüllte und warf es achtlos beiseite.

Er war nicht richtig bei der Sache gewesen. Shodō war viel mehr als ein künstlerischer Schaffensakt. Eine komplexe Übung in Meditation mit der Fokussierung auf das Innerste und die Befreiung des Geistes. Sein Geist war jedoch alles andere als frei gewesen. Hidetōra Minami richtete sich aus seiner traditionellen knienden Seiza-Position mit einer federnden Leichtigkeit auf, die seine achtundsiebzig Lebensjahre Lügen strafte. Der Herr über eines der größten Industrieimperien seiner Heimat, ja der ganzen Welt, verfügte über einen durchtrainierten Körper, der einem dreißig Jahre jüngeren Mann zur Zierde gereicht hätte. Noch immer unterzog er sich täglich einem ausdauernden Training. Hidetōra Minami galt als einer der besten Kendō-Kämpfer des Landes. Er war Träger des zehnten Dans in dieser Kampfkunst und führte nicht zuletzt den Ehrentitel eines Hanshi. Die zweithöchste Auszeichnung für einen Meister der Kampfkünste, neben seiner Graduierung durch einen hohen Dan.

Seine wirtschaftlichen Erfolge bedeuteten Minami wenig. In seinem weltumspannenden Industrieimperium sah er nur das hilfreiche Werkzeug, einem höheren Zweck zu dienen. Seit frühsten Tagen war er darauf fixiert, die für ihn unerträglichen politischen Verhältnisse zu korrigieren, die die Niederlage im Zweiten Weltkrieg seiner Heimat aufoktroyiert hatte. Hidetōra Minami beließ es jedoch nicht nur dabei, von der Restauration eines Shōgunats zu träumen. Er betrieb die Umsetzung dieses Ziels mit allem Ehrgeiz und dem Einsatz beträchtlicher Mittel, indem er eine weit verbreitete Bewegung ultra-konservativer Kräfte förderte. Mit dem Ziel, im Land der aufgehenden Sonne die über mehr als zwei Jahrtausende bewährte und erfolgreiche Herrschaft des Kaisers wieder herzustellen. Mit einem starken, mutigen und unbeugsamen Mann als Shogun an der Spitze und nur dem Tenno darüber, der dann endlich wieder den ihm gebührenden Status seiner Göttlichkeit einnehmen durfte. Als brillanter Stratege wusste Minami die konservativen Kräfte in seinem Land zu manipulieren und zu lenken. Er war davon überzeugt, auch innerhalb der Bevölkerung eine breite, wenn auch stumme Mehrheit zu finden, wenn es darum ging, das Kaiserreich zurück zu alter Größe zu führen. Zu einer Großmacht, die den pazifischen Raum beherrschte und der nicht noch einmal jene Fehler unterlaufen würden, die zu der schändlichen Niederlage am Ende des Zweiten Weltkriegs geführt hatten.

Der Tycoon trat an die weitläufige Fensterfront seines Büros. Zwei Jahre zuvor hatte die Minami Inc. das höchste Geschäftsgebäude im Tokioter Stadtteil Chiyōda fertiggestellt. Hidetōra Minami residierte seitdem in den beiden obersten der achtundneunzig Stockwerke des 388 Meter hohen Bauwerks. Sein Blick schweifte über die Gleisanlagen der Japan Railways, quasi zu seinen Füßen, die zum Hauptbahnhof führten, über den Tower des Imperial Hotels auf der gegenüberliegenden Gleisseite, der trotz seiner einunddreißig Stockwerke winzig wirkte und es kaum schaffte, innerhalb der umgebenden Hochhäuser ein architektonisches Zeichen zu setzen. Dahinter erstreckte sich in der Frühsonne voll klarer herbstlicher Morgenluft der rund dreieinhalb Quadratkilometer große Bereich des Kaiserpalastes und seiner umgebenden Parkanlagen und Gärten.

Von seiner Position aus fühlte sich Hidetōra Minami wie ein Adler, der aus großer Höhe herab persönlich über das Wohl des Kaisers wachen durfte. Es war zudem einer der wenigen Tage im Jahr, die so klar waren, dass sogar der Fuji-San in knapp 100 Kilometer Entfernung auf der linken Fensterseite perfekt zu erkennen war. Immer wenn es ihm vergönnt war, den heiligen Berg Japans von dieser Position aus zu betrachten, erfüllte der Anblick des unglaublich symmetrischen Vulkans mit seiner Haube aus Schnee, die wie von einem Künstler in strahlendem Weiß mit einem feinen Pinsel aufgetragen war, mit Stolz und Freude.

Ein Zeichen der Götter dafür, dass ich für etwas Großes bestimmt bin.

Das Klopfen an seiner Bürotür riss den alten Mann aus seinen Tagträumen. Er wandte sich um, als sein Sekretär das Büro betrat und sich verbeugte.

„Ist mein Gast eingetroffen?“, fragte Hidetōra Minami mit unverhohlener Ungeduld in seiner Stimme.

Der Sekretär nickte stumm.

„Dann führe ihn herein.“

Wieder nickte der Sekretär ohne ein Wort zu verlieren oder eine Miene zu verziehen und verließ nach einer weiteren Verbeugung das Büro. Minami ließ sich für einen Moment dazu hinreißen, einen Hauch von Nervosität zu zeigen. Er war in einen traditionellen Kimono gekleidet und nestelte am Revers der schwarzen Haori-Jacke, die er wie die traditionellen Hakama-Beinkleider grundsätzlich trug. Moderne Anzüge waren ihm verhasst. Er legte sie nur zu Begegnungen mit wichtigen ausländischen Geschäftspartnern oder für Treffen mit Politikern und Regierungsmitgliedern an. Für einen Moment glitt Hidetōra Minami gedanklich in die Vergangenheit zurück. Genauer gesagt in seinen persönlichen Traum von einer guten Vergangenheit.

Zu Zeiten des Shōgunats waren Stand und Beruf eines Menschen für jedermann an seiner Kleidung sichtbar zu erkennen gewesen. Heute verdeckt ein Anzug alle Unterschiede. Wenn ich einen Anzug trage, sehe ich darin nicht anders aus, wie der Mitarbeiter, der meinen Aufzug bedient.

Minamis Nervosität bezog sich weniger auf die Bedeutung seines Gastes, als auf die seiner Botschaft. Auf eine sehnsüchtig herbeigesehnte Erfolgsmeldung, auf die er schon so lange gewartet und die ihn bislang eine enorme Summe gekostet hatte.

Der Gast betrat das Büro, dessen Boden komplett mit Tatami-Matten ausgelegt war. Er trug ebenfalls traditionelle Kleidung, die er nicht nur aus Respekt vor seinem Gastgeber angelegt hatte. Er fühlte sich gleichermaßen in den überlieferten Gewändern am wohlsten. Dazu gehörten nicht zuletzt blütenweiße Tabi, die japanischen Strümpfe mit dem abgeteilten großen Zeh. Er verbeugte sich tief vor seinem Gastgeber. Hidetōra Minami erwiderte die Verbeugung mit einem deutlich geringeren Winkel, in dem er seinen Oberkörper nur ganz leicht nach vorne neigte.

Die beiden Männer tauschten die obligatorischen Begrüßungsformeln aus und bedienten sich dabei der Sōnkeigō, der „höflichen Sprache“ für den förmlichen Umgang im gesellschaftlichen Leben.

Dann wies Minami seinen Gast mit einer knappen Bewegung in Richtung eines Bereichs, der durch zwei Fusumas vom zentralen Büroraum separiert war. Die beiden Schiebetüren waren geöffnet.

An der gegenüberliegenden Stirnseite des Raumes war eine herrschaftliche Rüstung aufgestellt. Eine Tōseigusoku aus der Sengeku-Epoche, während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der Gast trat ehrfurchtsvoll vor die Rüstung und verneigte sich.

„Ein bemerkenswertes Stück Minami-Sama.“

Der Gastgeber fühlte sich durch das Lob und die angemessene Ehrbezeugung vor dem Exponat geschmeichelt. Er begann zu dozieren: „Fürst Takeda Shingen ist einst mit dieser Rüstung in die Schlacht geritten. Für mich war er der größte Kriegsherr in der entscheidenden Phase der Zeit der streitenden Reiche. Ich betrachte den Fürsten als mein persönliches Vorbild. Der Besitz einer Rüstung, die er selbst getragen hat, erfüllt mich mit großem Stolz.“

Der Gast senkte demütig den Blick.

„Ich bin ein Wertloser dieser Gesellschaft. Ein Mann von niederer Herkunft und geringer Bildung, Minami-Sama, wie Sie wissen. Mir ist bedauerlicherweise nichts über das Leben des glorreichen Fürsten bekannt.“ – Das war natürlich gelogen.

In Minamis Stimme schwang eine herablassende Milde, als er fortfuhr: „Der Stammbaum meiner Familie geht bis auf jene Epoche zurück. Fürst Takeda Shingen erblickte 1521 das Licht der Welt. Er kontrollierte die Provinzen Shinanō und Kai als regionaler Daimyō während der Zeit der streitenden Reiche. Fürst Takeda war der erbittertste Feind der drei Reichseiniger Nōbunaga Oda, Hidetōra Tōyotomi und Tokugawa Ieyasu. Der Name Shingen, unter dem Fürst Takeda berühmt wurde, erwarb er durch den Beitritt in ein buddhistisches Kloster. Seine Losung lautete: Meine Männer sind meine Festung. Wenn ich mich in einer Burg verstecken muss, werden mich die Leute hassen. Deshalb verzichtete er Zeit seines Lebens, im Gegensatz zu seinen Feinden darauf, eine eigene Festung zu errichten.“

Hidetōra Minami ließ sich von seiner Begeisterung tragen und dozierte unbeirrt weiter. Während die Miene seines Gastes nicht verriet, ob sein Interesse echt oder nur der Höflichkeit gegenüber seinem Gastgeber und der Wahrung seines Gesichts geschuldet war.

„Takeda Shingens Lebensmotto hatte fest wie ein Berg gelautet. Er ließ sich nicht einmal durch einen Sturm feindlicher Kräfte auf sein Lager aus der Ruhe bringen. Fürst Shingen war einmal während eines erfolgreichen Vorstoßes seines Nachbarn und Gegners Kenshin Uesugi ins Zentrum seines Lagers einfach sitzen geblieben und hatte den Schwertstreich eines Angreifers nur mit einem Hieb seines eisernen Fächers abgewehrt. So erzählte es zumindest die Legende. 1573 verstarb Shingen Takeda. Er war ein überragendes strategisches und militärisches Genie, dessen Politik sogar den späteren Gründer des Tokugawa-Shōgunats, Tokugawa Ieyasu, trotz ihrer erbitterten Feindschaft inspiriert hatte. Bedauerlicherweise lastete auf seinem Erbe ein düsteres Schicksal. Er war, wie viele große Männer, mit einem unfähigen und vor allem ungehorsamen Sohn gestraft.“

Nach dieser Bemerkung, deren Worte er extra gedehnt hatte, legte Minami eine Pause ein, bevor er fortfuhr.

„Der junge Herr Takeda Katsuyori kannte weder seine persönlichen Grenzen noch die Fähigkeiten seiner Gegner. Und er empfand keine Verantwortung gegenüber der Verpflichtung, die ihm der Geist seines Vaters mit seinem Erbe auferlegt hatte. Statt wie sein großer Vater auf den Feind zu warten, wie ein Berg, der sich niemals bewegt, wollte er von Ungeduld und Ehrgeiz erfüllt, die Initiative an sich reißen. Er griff mit seiner Kavallerie am 28. Juni 1575 bei der Schlacht von Nagashinō eine Übermacht seiner Feinde an. Nōbunaga Ōda hatte seine Infanterie jedoch mit den Feuerwaffen ausgestattet, die die weißen Teufel aus Portugal in das Land gebracht hatten. 3000 Mann mit Arkebusen reichten aus, um die 4000 Reiter von Takedas Kavallerie vollkommen aufzureiben. Damit war das Schicksal des Hauses Takeda besiegelt. Es ging bis auf das Geschlecht der Minamotō der Heian-Zeit ab dem neunten Jahrhundert zurück. Und damit direkt auf das Blut der kaiserlichen Familie.“ – In Gedanken fügte er hinzu: Ich werde unter keinen Umständen gestatten, dass sich in meinem Fall die Geschichte eines wertlosen Sohns als Erben wiederholt.

Minami schloss mit einer leichten Verbeugung vor der Rüstung. Sein Gast drückte seinen Dank für die Unterweisung aus, indem er den Oberkörper in geziemender Gemessenheit um 90 Grad nach vorne neigte.

Rechts und links an den Wänden des Raums standen jeweils zwei Bonsai in rechteckigen Keramikschalen auf flachen steinernen Tischen. Perfekte Wacholderbäume, kaum 30 Zentimeter hoch gewachsen. Aber dennoch mindestens so alt wie die Rüstung. Exakt in der Mitte des Raums befand sich ein schwarzer Tatamitisch mit glänzender makelloser Lackoberfläche.

Hidetōra Minami nahm auf der Seite mit der Rüstung im Rücken die Seiza-Position ein. Sein Gast, obwohl ebenfalls jenseits der Siebzig, ging nicht minder behände in die Knie und ließ sich aufrecht auf seinen Fersen nieder.

Ein junger Mann erschien, ebenfalls in einen Kimono gewandet, mit einem Tablett. Er kniete auf der Stirnseite zur Rechten Minamis, verneigte sich erst vor seinem obersten Vorgesetzten, dann vor dessen Gast und stellte vor jeden der beiden Männer eine längliche Lackschale. Darin lag ein aufgerolltes weißes Tuch, von dem hauchzarter Dampf aufstieg. Er wartete, bis sich die beiden Älteren mit ihren heißen Tüchern Gesicht und Hände erfrischt hatten und nahm sie mit seinem Tablett wieder entgegen. Der junge Mann erhob und entfernte sich. Die Männer saßen regungslos mit versteinerten Mienen und schwiegen bis der Bedienstete mit einem weiteren Tablett zurückgekehrt war. Wieder kniete er nieder, stellte vor jeden der beiden Alten eine kleine Teeschale aus Keramik und füllte sie aus einer metallenen Kanne. Nach einer weiteren Verbeugung stand der junge Mann wieder auf und zog sich zurück.

Hidetōra Minami und sein Gast nippten formell an ihren Tassen bevor der Gastgeber das Gespräch eröffnete.

„Ich bin auf Ihren Bericht gespannt, Kobayakawa-San. Haben Ihre Leute in Amerika endlich den Gegenstand gefunden, um dessen Beschaffung ich Sie so dringlich ersucht hatte?“

Kobayakawa Katsuō, amtierender Ōyabun der Sumiyoshi-kai, senkte zerknirscht den Blick. Wie ein Kind, das beim Zerschlagen einer Fensterscheibe ertappt worden war.

„Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung. Ich fürchte, ich kann Ihnen keinen Erfolg melden, Minami-Sama. Bislang ist es uns noch nicht gelungen, den Gegenstand zu finden, den Sie so dringend in Ihren Besitz bringen wollen.“

Minami bereitete es Mühe, seine Mischung aus Wut und Frustration zu unterdrücken. Nur ein kurzes Zucken seines linken Augenlids verriet den Zorn, der in seinem Inneren tobte. Wäre sein Besucher wirklich ein Mann von Ehre, wie er stets von sich behauptete, hätte er die Schande seines Versagens in einer Angelegenheit von solcher Wichtigkeit mit einem ehrenvollen Freitod gesühnt. Statt mit der Meldung eines Misserfolgs vor ihn zu treten.

Ohne sein Haupt zu heben, stieß der Ōyabun Floskeln der Zerknirschung hervor. Dann griff er neben sich, öffnete den Aktenkoffer, den er bei sich getragen hatte und holte einen flachen, rechteckigen Kasten mit einer Länge von rund fünfunddreißig Zentimeter hervor, der von einer glänzenden schwarzen Lackschicht bedeckt war und stellte ihn vor sich ab. Kobayakawa entfernte den Deckel. In dem Kasten, dessen Innenflächen in einem dunklen Rot lackiert waren, lag auf blütenweißen Tüchern ein Tantō. Minami ließ sich sein gewecktes Interesse nicht anmerken. Das Tantō identifizierte er als eine exquisite Antiquität. Ein knapp dreißig Zentimeter langes Aikuchi in  einer Scheide aus Magnolienholz. Mit Kennerblick taxierte Minami die Herkunft auf die frühe Edo-Zeit, Anfang des 17. Jahrhunderts. Ein Aikuchi war die Waffe, die ein Samurai trug, wenn er seinen Ruhestand erreicht und Katana und Wakizashi im Alltag abgelegt hatte.

Der Ōyabun bettete das Messer vor sich auf den Tisch. Dann breitete er das vielfach gefaltete Tuch aus. Mit schnellen aber konzentrierten Bewegungen zog er die Klinge aus der Scheide, breitete die Linke flach auf dem Tuch aus, setzte die Klinge am untersten Gelenk des kleinen Fingers an und trennte ihn mit einem raschen Ruck komplett von der Hand. Der Ōyabun biss kurz die Zähne zusammen, verzog aber praktisch keine Miene. Er wickelte eines der Tücher aus dem Kasten um den blutenden Stumpf. Den abgeschnittenen Finger schlug er in ein weiteres Tuch ein und reichte das Päckchen mit gesenktem Haupt an Minami. Der nahm die Gabe entgegen und bekundete mit einem Nicken, dass er die Geste als Entschuldigung akzeptierte.

„Ich bin erfreut, Sie trotz Ihres Versagens als Mann von Ehre zu sehen, Kobayakawa-San. Ich gewähre Ihnen eine weitere Chance. Versetzen Sie jeden, der meinen Plänen im Weg steht, in Angst und Schrecken. Oder töten Sie diese Menschen, wenn Abschreckung nicht fruchtet. Egal, was es kostet, egal wie viel Blut fließen muss und wo unsere Gegner sich auf der Welt aufhalten. Und besorgen Sie mir endlich, worum ich Sie gebeten habe. Vielleicht vermag Sie ein Wort des großen Tokugawa Ieyasu zu ermuntern, mit dem er seine Männer für den bevorstehenden Kampf zu motivieren pflegte: Es gibt nur zwei Wege vom Schlachtfeld zurückzukehren. Mit dem Kopf eines Feindes. Oder ohne den eigenen.


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Der Weg des Schwerts

Thomas Lang, geboren 1956 in Stuttgart, begann ab seinem sechsten Lebensjahr als Autodidakt mit dem Lesen und Schreiben. Nach seinem schulischen Werdegang fasste er den Entschluss die Laufbahn als professioneller Schreiber einzuschlagen. Das funktioniert seitdem in mehreren Schritten: Vom Volontär einer lokalen Tageszeitung zum Lokalchef, zum leitenden Redakteur einer Automobilfachzeitschrift, zum Pressesprecher eines japanischen Autoherstellers bis 1995 zum selbstständigen Autor und freischaffenden Redakteur.

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