Das Herz eines Gentleman

Kapitel 1

VERMÄCHTNIS UND VORZUG

„Jo“, rief Eleanor und brachte mit ihrer hohen Stimme die brüchigen Wände unseres kleinen Hauses zum Beben. „Jo, komm schnell!“

Meine Schwester war gekonnt darin, die kleinsten Nichtigkeiten in fulminante Dramen zu verwandeln, die sicher am West End das Publikum begeistern könnten, zu Hause jedoch für wenig mehr als Unmut sorgten. Sie tat dies bevorzugt nach der Mittagszeit, denn dann stand ihre quietschende Stimme in besonders starkem Kontrast zur idyllischen Ruhe. Man war gut beraten, eine Diskussion mit ihr zu meiden, da ihre Ausführungen sowohl einen Reichtum an Ressourcen als auch eine Armut an Logik aufwiesen. Alles was blieb, war, sich zu verstecken und das Ende des Sturmes abzuwarten.

Mein liebstes Versteck war in der Welt von Charles Dickens. Ich kannte jeden seiner Romane auswendig. Die Sätze bildeten sich in meinen Gedanken, noch bevor meine Augen über die Buchstaben wanderten. Jedoch waren auch tausend Seiten der eloquentesten Geschichten nicht Festung genug, um meine Schwester fernzuhalten.

Eleanor stürmte das kleine Schlafzimmer, als sei es die Bastille und sie selbst La Liberté, Anführerin der Französischen Revolution. Mit der Ausnahme, dass ihr Kleid, wenn auch alt und abgetragen, nicht in Fetzen gerissen war. Anstatt einer dreifarbigen Flagge waren es ihre Ärmel, die wutentbrannt durch die Lüfte schlugen. Ihr Kopf war rot bis in den Haaransatz. Näher betrachtet, erinnerte meine kleine Schwester eher an ein ausgebüxtes Huhn als an ein berühmtes Gemälde.

„Schnell!“, forderte Sie und ergriff meinen Arm. Im Galopp stürmten wir die knarrende Treppe hinunter und machten erst in der Küche halt. Dort ließ sie von mir ab und ich wurde in ein Aroma aus Speisen gehüllt. Der kleine Raum war stets zu heiß, da das winzige Fenster nicht groß genug war, um die Wärme und die Gerüche nach dem Kochen herausziehen zu lassen. Es wirkte fast so, als wären wir reich und könnten uns eine Vielzahl an Lebensmitteln leisten. Eleanor zeigte mit einem zitternden Finger auf genau dieses winzige Fenster: „Siehst du die gigantische Spinne?“

„Nein.“

„Dort über dem Rahmen ist sie.“

Vom Küchenschrank entnahm ich eine Lupe, die einst unserem Vater gehört hatte, und richtete diese gemäß Eleanors Weisung: „Ach, da!“

„Töte sie, Jo, bitte. Ich wollte grade die Katze füttern, als die blöde Spinne angriff!“

Sie warf ihre langen Wimpern auf und schaute mich mit großen, tränengefüllten Augen an. Sie war es gewohnt, durch Tränen alles zu erreichen.

Einen Moment lang erschien es mir unheimlich verlockend, meine Finger um ihren zierlichen, kleinen Hals zu legen. Allerdings wurde mir seit frühester Kindheit nahegelegt, meine Schwester und all ihre unerträglichen Launen von ganzem Herzen zu lieben. Laut Darwin war es noch nicht einmal ihre Schuld, dass sie so unausstehlich sein konnte. Es waren lediglich Züge, welche sie von unseren Eltern geerbt hatte. Auch wenn ich mich nicht erinnern konnte, dass Vater oder Mutter beim Anblick eines kleinen Insekts solche Ausbrüche an den Tag gelegt hatten. Als ich so darüber nachdachte, musste ich mir eingestehen, dass meine Erinnerung an die beiden im Allgemeinen stark beeinträchtigt war. Denn die vergangenen drei Monate waren so schmerzlich in meinem Gedächtnis verankert, dass mir die Kraft fehlte, an ihnen vorbeizukommen, um der schönen Erinnerungen zu gedenken. Alles, was früher war, schien im Nebel zu versinken. Eleanor völlig außer sich zu sehen, wirkte hingegen alltäglich und normal. Dafür war ich ihr fast schon dankbar.

Nach einem tiefen Seufzer stieg ich auf den hölzernen Tisch, dessen Beine allesamt von verschiedener Länge waren. Ich streckte meine Hand der Spinne entgegen und ließ sie auf meinen Finger krabbeln.

Eleanor kreischte und lief auf die andere Seite der Küche, anstatt mich zu halten, während der Tisch mit jeder meiner Bewegung in eine andere Richtung lehnte. Mit einem lauten Knall sprang ich auf den braungekachelten Boden, öffnete die Hintertür und ließ die Spinne über die rostige Reling entkommen.

Erst jetzt verstummte Eleanors Geschrei.

Die großen, grünen Blätter der Bäume rings um unser Haus raschelten, als wollten sie mir zu meiner Heldentat applaudieren. Eine frische Frühlingsbrise umgab mich, gefolgt von magischer Stille. Ich kletterte auf den nächstgelegenen Baum, so hoch wie nur irgend möglich, bevor Eleanor die Möglichkeit hatte, mir weitere Aufgaben aufzubürden. Sie würde niemals auf einen Baum steigen, wegen der vielen Käfer und Insekten, die man dort antraf.

Hoch über dem Dach unseres kleinen Regency Landhauses, welches die Seeluft über viele Jahre hinweg mit Rissen dekoriert hatte, nahm ich meine Reise durch Dickens London wieder auf. Doch obwohl Amy Dorrit und Authur Clennam faszinierende Weggefährten waren, gelang es mir nicht, meine Gedanken auf sie zu richten. Zu viele Sorgen taten sich plötzlich in mir auf. Ich schloss meine Augen für einen Moment, um mich zu sammeln.

„Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nicht auf Bäumen schlafen sollst?“, donnerte Elizabeths wütende Stimme. Sogar in ihrem Ärger klang meine ältere Schwester so schön wie sie aussah. „Du könntest fallen und dich arg verletzen.“

In nicht allzu ferner Vergangenheit wäre diese Beobachtung von Vater belächelt worden. Er hätte darauf bestanden, dass ich mich unmöglich verletzen könnte, da ich wie eine Katze immer auf meinen Füßen landete.

Er und Mutter fehlten mir sehr.

Ich kletterte zu meiner Schwester hinab und folgte ihr ins Haus. Elizabeth war wesentlich früher als erwartet heimgekehrt und obwohl sie sich mit der gewohnten Anmut hielt und die Kopfbedeckung und Handschuhe mit natürlicher Eleganz ablegte, übersah ich ihre rotglühenden, verärgerten Wangen nicht. Sie schritt auf und ab, während sie die Ankunft ihres Publikums in der Küche erwartete.

Ebenso wie meine jüngere Schwester war auch meine ältere geradezu abhängig von Aufmerksamkeit, die jedoch eine Seltenheit auf der Isle of Wight war. Für Letzteres war die kleine Population der südlichsten Insel Englands verantwortlich.

Da meine beiden Schwestern bereits genug Aufregung für Drei verbreiteten, hielt ich mich größtenteils im Hintergrund. Schließlich war eine gewisse Launenhaftigkeit entzückend an einer hübschen Dame, hässlich jedoch an einer unscheinbaren.

Eleanor ließ nicht lange auf sich warten und kam aufgeregt in die Küche gelaufen. Das laute Getrampel ihrer kleinen Füße ließ mich fürchten, die Wände könnten einstürzen. Sie hielt jedoch inne, als sie die Falten auf Elizabeths Stirn bemerkte.

„Es ist unfassbar“, sprach diese mit bebender Stimme.

Eleanor fühlte sich sofort angesprochen. Sie hatte stets große Angst, den Missmut unserer älteren Schwester auf sich zu ziehen, da Elizabeth eine Autorität ausstrahlte, von der ich nur träumen konnte.

„Er erteilte mir eine Absage mit der Begründung, ich sei eine Frau. Ich konnte gerade noch meine Fassung bewahren“, gestand Elizabeth und blickte von mir zu Eleanor und wieder zurück. In unseren Gesichtern suchte sie Zuspruch. Doch während ich es jederzeit mit einer Spinne aufnehmen konnte, war das Gegenteil der Fall, wenn es um die Emotionen meiner älteren Schwester ging.

Auch Eleanor fühlte sich der Situation nicht gewachsen und versteckte sich hinter mir. Mit ihrer kleinen, verschwitzten Hand griff sie nach der meinen und erinnerte mich daran, wie jung sie noch war.

Tränen glänzten in Elizabeths Augen – nicht etwa, weil sie fürchtete, ihre Familie im Stich gelassen zu haben, sondern wegen der Erniedrigung, die die Ablehnung ihrer Person in sich barg. Kraftlos sank sie in einen Stuhl und lehnte sich gegen den wackeligen Tisch.

Als Älteste von drei Schwestern hatte Elizabeth es am schwersten, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Sie war die Tochter eines Gentlemans und dazu noch wahnsinnig schön. Daher empfand sie sich selbst als Lady und erwartete, entsprechend behandelt zu werden. Tatsächlich war sie sehr talentiert – sei es ihr Klavierspiel, die Beherrschung der französischen Sprache oder der geschickte Umgang mit Nadel und Faden. Wenn ich jedoch eines hervorheben müsste, so wäre es die Tatsache, dass sie ihren Stolz abgelegt und sich um eine Anstellung als Vorleserin bei einem älteren Herren bemüht hatte. Er war erst vor Kurzem in unsere Gegend gezogen. Gerüchten zufolge war er fast völlig blind und taub, sein Alter lag zwischen 120 und 170 (hier schieden sich die Gemüter), aufgrund dessen fühlte er sich einsam und suchte verzweifelt nach Gesellschaft, lehnte aber alle Anwärter ab.

„Es gibt doch sonst niemanden in der Umgebung, der sich eine Gouvernante oder Begleiterin leisten könnte. Ich werde wohl bald weggehen müssen, um anderswo ein Einkommen zu bestreiten.“

Ihre Worte waren so verzweifelt wie ihr Gesichtsausdruck. Sie würde nicht den geringsten Gefallen daran finden, ihre Familie zu verlassen. Wütend und traurig zugleich verschränkte meine Schwester die Arme. Dabei verfing sich ihr Fingernagel an einem losen Faden. Dies verstärkte ihren Ärger, zumal sie schon oft erwähnt hatte, dass genau dieses Kleid zu tragen eine Schande wäre, da es längst aus der Mode gekommen war. Nun war es auch noch kaputt. Die Falten auf Elizabeths Stirn wurden immer tiefer.

Erst vor Kurzem wäre ein Leben in Armut für uns undenkbar gewesen. Nun war es jedoch Realität. Zuvor hatten wir auch keinen extravaganten Luxus genossen, durchaus jedoch die Mittel gehabt, uns kleine Wünsche zu erfüllen. An Kleidern, Büchern und Essen hatte es uns früher nie gemangelt. Dies hatte sich alles im letzten Winter geändert. Es war ein harter Winter gewesen.

Ich wollte etwas Tröstendes sagen, doch mir fiel nichts ein, was ich nicht schon dutzendfach geäußert hatte in den vergangenen Wochen. „Alles wird gut.“ – nichts war gut und würde es auch nicht plötzlich werden; „Wir haben uns.“ – zumindest das, was von uns geblieben war; „Wir werden es schon schaffen.“ – ganz eindeutig war dies nicht der Fall; „Es ist noch nicht alles verloren.“ – vielleicht nicht alles, aber doch so gut wie. Ich fürchtete, dass, wenn ich auch nur einen dieser Sätze zum Besten gab, mich meine Schwestern mit einem stumpfen, rostigen Messer attackieren würden. Das gesamte Silberbesteck war nämlich schon verkauft.

„Es ist undenkbar, dass eine von uns weggehen sollte, ohne vorher geheiratet zu haben“, sagte Eleanor. Ihre Vorstellung war es immer gewesen, dass ein hübscher und selbstverständlich reicher Jüngling auf seinem hohen Ross herbeigeritten kommen würde, um um ihre Hand anzuhalten. Ohne Frage würde sie die Erfüllung all seiner Träume verkörpern.

Es brachte mich fast zum Weinen und auch Elizabeth war bereits den Tränen nahe. Die Anspannung war so spürbar, dass sie kaum noch Luft zum Atmen ließ. Ich ertrug es nicht. Ohne weiter nachzudenken, schnappte ich die Schere vom Tisch und schnitt mir durch meine dunklen Haare. Die langen Strähnen segelten zu Boden. Meinen Schwestern stockte der Atem.

„Elizabeth“, forderte ich mit gezwungener Leichtigkeit, „hast du dem Herrn etwa verschwiegen, dass Du einen Bruder hast?“

 

Kapitel 2

EIGENART UND EHRGEIZ

„Kein Mann dieser Welt wird dich zur Frau nehmen, wenn das herauskommt!“, verkündete Eleanor.

„Einen Mann zu finden, ist jetzt nicht meine größte Sorge“, entgegnete ich prompt. Dies war nicht die Zeit, noch mehr Probleme aufzuzählen, sondern das größte zu lösen.

Die sonst so wortgewandte Elizabeth war völlig erschüttert. Wenn ich wartete, bis sie sich erholte, würde sie mit Sicherheit etwas sagen, was meine Überzeugung zerschmettern würde. Daher verließ ich schnellen Schrittes die Küche und stieg die Treppen hinauf, bis ich ganz oben auf dem Dachboden war.

Umgeben von Staub und Spinnweben verliefen schwere Holzbalken wie ein großes Kreuz über meinem Kopf. Der Geruch vergangener und vergessener Jahre lag in der Luft. Hier oben war kaum Platz. Bis auf einen alten Spiegel und eine große Truhe passte nichts mehr hinein. Das rostige Schloss der Truhe gab knarrend nach und knallte laut gegen die Wand, als ich die Klappe öffnete. Eine Staubwolke schoss wie dichter Nebel nach oben und brachte mich zum Husten.

Hektisch suchte ich durch den Inhalt der Truhe. Wie eigenartig, dass nach vielen Monaten Vaters Kleidung noch immer seinen Geruch trug. Ich entnahm ein beige-braunes Hemd, das einst weiß gewesen war, und ein dunkelgrünes Paar Hosen. Ich zog mein schweres, schwarzes Kleid, das Korsett und den Unterrock aus. An ihrer statt kleidete ich mich mit Vaters alter Garderobe. Die Sachen waren zu groß, doch viel leichter als die meinen – es war ein befreiendes Gefühl. Anschließend griff ich nach dem nächstbesten Jackett und Zylinder. Ich krempelte die Ärmel so hoch wie möglich, da die gepolsterten Schultern fast bis zu meinen Ellenbogen reichten.

„Das erlaube ich nicht!“

Elizabeths plötzliches Erscheinen jagte mir einen Schrecken ein. Ihr Gesicht ragte durch das viereckige Loch im Boden. Der Zorn in ihren Augen erleuchtete den dunklen Raum. Sie bestieg die Leiter und baute sich vor mir auf. Der Spiegel in der Ecke zeigte den Unterschied zwischen meiner Schwester und mir auf deutlichste Weise. Denn während ihr das Seidenkleid trotz seines Alters gut stand, und sie es allein durch ihre Haltung elegant wirken ließ, war ich noch unscheinbarer denn je – mit kurzen Haaren und gekleidet in Vaters Hosen. Das Bild, was der Spiegel von mir malte, wirkte falsch. Doch auch Kleider hatten noch nie gut an mir ausgesehen.

„Wurde ich heute denn noch nicht genug erniedrigt? Will mich nun meine eigene Schwester lächerlich machen?“, forderte sie.

„Dir zu schaden, Elizabeth, ist das Letzte, was ich möchte“, sagte ich leise. Meine Worte brachten sie zum Weinen. Sie schluchzte und schrie. Doch das hinderte mich nicht daran, das Haus zu verlassen. Sie folgte mir bis zur Tür, doch keinen Schritt weiter. Von dort rief sie mir verletzende Worte nach, als sei all unser Leid durch mein Verschulden entstanden. Ihre Stimme war wie ein Dolch in meinem Rücken, der mich anspornte, noch schneller und weiter zu laufen.

Ich rannte den gesamten Weg und staunte, wie viel agiler meine Bewegungen waren, jetzt wo ich meinen Rock für ein Paar Hosen eingetauscht hatte. Zwar rutschten die Hosenträger ständig von meinen Schultern, doch auch dieser Umstand verlangsamte mich kaum. Meine braunen Lederstiefel, die sonst vom Rock verdeckt waren, hasteten nun in Freiheit durch das kleine Waldstück, entlang einer staubigen Straße aus Kies und über die Wiese, auf der wir als Kinder gespielt hatten.

Alles war so schnell vonstatten gegangen, dass ich keine Zeit gehabt hatte, über mein Handeln nachzudenken. Doch jetzt, da einzig in der Ferne die Wellen gegen die Klippen schlugen und mich sonst nichts als Stille umgab, lauschte ich den Zweifeln, die stetig lauter wurden. Ich zog den Hut tiefer über mein Gesicht. Irgendwie würde es schon werden.

Ein Landhaus erstreckte sich über einem der Hügel. Die gelben Ziegel, von Efeuranken umgeben, ragten zu einem von weichem Moos bedeckten Dach. In den Fenstern spiegelte sich der endlose, blaue Himmel. Das Haus war lange Zeit unbewohnt gewesen, doch anders als das unsere hatte es sich dem Alterungsprozess nicht hingegeben. Stattdessen hatte es sich lediglich der Umgebung angepasst und schmückte durch seine Präsenz die Landschaft aus grünen Wiesen und vereinzelten hohen Bäumen. Trotz der malerischen Idylle, die sich vor mir erstreckte, spürte ich, wie die Anspannung langsam ihre knochigen Finger um meinen Hals legte.

Vielleicht war ich zu voreilig gewesen und der Wunsch, meiner Familie zu helfen, hatte meinen Verstand übermannt. Wie schrecklich peinlich es doch sein würde, wenn der alte Mann meine Verkleidung sofort durchschaute. Gerüchte verbreiteten sich in Windeseile auf Wight. Wir würden zum Gespött der Insel werden. Doch Vater hatte einst gesagt, es wäre besser, sein Bestes zu geben und zu versagen, als gar nicht erst den Versuch zu wagen.

Meine Füße erreichten die Tür schneller als meine Gedanken. Hitzige Panik stieg in mir auf. Ich fürchtete, dass mein Herzschlag das Klopfen übertönen könnte. Keines der beiden Geräusche schien Beachtung zu finden.

Ein starker Wind kam vom Meer und stieß still und leise die Tür auf. Ein langer Korridor erstreckte sich vor mir und lief in das grelle Licht eines gegenüberliegenden, hohen Fensters.

„Einen wunderschönen Nachmittag wünsche ich“, bibberte meine Stimme durch den Eingang.

Lediglich der Wind antwortete mir, als er mich in das Landhaus schubste.

„Ich bin gekommen, um mich auf die ausgeschriebene Stelle zu bewerben“, meine Worte verschwanden in der Ferne des breiten Flurs.

Ein Spiegel mit vergoldetem Rahmen hing horizontal in dem goldenen Blumenbeet der detailreichen Tapete. Der güldene Glanz meiner Umgebung beleuchtete mich wie eine Abstrusität auf einem Jahrmarkt. In Vaters alter Kleidung schien ich zu ertrinken, so groß wirkte diese an meiner kleinen Statur. Erschrockene Augen blickten mich an. Der krumme Haarschnitt ließ die kurzen Strähnen in alle Richtungen zeigen. Ich konnte nicht beurteilen, ob ich einem Jungen ähnelte, doch ich wirkte ganz sicher nicht wie ein Mädchen.

Der breite Korridor führte in ein riesiges Wohnzimmer. Die weiten Fenster fingen das Bild des Sonnenuntergangs in seiner vollen Pracht ein. Ein orangener Schimmer lag über der majestätischen Einrichtung, von der nicht ein Möbelstück zum anderen passte. In der überfüllten Stube wirkte alles so fremd, dass es mich nicht wundern würde, wenn keine zwei Stühle auf dem gleichen Kontinent gezimmert worden waren.

Zwischen den zahlreichen Statuen, Vasen und exotischen Kunstgegenständen, war es das gigantische Ölgemälde über dem Kaminsims, das meine Aufmerksamkeit in seinen Bann zog. Ein kleiner Junge in einem Anzug aus dem letzten Jahrhundert hatte stolzen Hauptes Model für den Künstler gestanden. Warme, braune Augen blickten sanft auf den roten Sessel im Raum. Seinem Blick folgend merkte ich mit einem Schrecken, dass ein Mann darin döste. Vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt. Sein Kopf hob sich und sank mit jedem Mal tiefer. Bald würde seine Nasenspitze die Königin berühren. Ich atmete tief ein und räusperte mich.

„Guten Abend, Sir“, sprach ich drei Mal mit zunehmender Intensität, bis das silberne Haupt sich endlich erhob.

Ein wilder Schrei ertönte tief aus seiner Lunge und er sprang mir entgegen. Erschrocken wich ich zurück und stolperte in die zahlreichen Arme einer indischen Statue. Im Eifer des Gefechts fing ich an, eine unverständliche Erklärung zu stottern. Anstatt mich zu verneigen, wollte ich einen Knicks vollführen, bemerkte meinen Fehler jedoch und änderte die Bewegung. Dabei verfing ich mich an der viel zu langen Hose. Um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, ruderte ich mit den Armen und stieß dabei eine Vase um. Bevor das wertvolle Stück in tausend Teile bersten konnte, fing ich es auf, fiel dabei jedoch selbst zu Boden und landete auf dem erhabenen Perserteppich.

Schallendes Gelächter brachte die Wände zum Erbeben. Der alte Mann lies sich zurück in den Sessel fallen. Er lachte und lachte. Sogar als ich wieder auf beiden Beinen stand und die Vase wieder sicher auf ihrem Podest war, schien seine Belustigung auf meine Kosten kein Ende zu nehmen. Meine Wangen glühten.

„Ich bin gekommen, um mich zu bewerben“, sprach ich unsicher. „Meine Schwester war zuvor bereits hier gewesen, doch sie entsprach nicht-“

„Tatsache!“, rief er. „Wie bezaubernd sie war. Sehr liebes Mädchen. Es ist eine Schande, dass ich so ein sturer alter Esel bin“, lächelte er freudig, als wäre er stolz darauf.

Ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte und entschied mich, weiterhin wie ein Trottel dreinzuschauen – zumindest das gelang mir vortrefflich.

„Was soll’s“, murmelte der Gentleman. „Komm her, mein Junge. Lass mich dich betrachten.“

Zwischen uns war kein großer Abstand, dennoch machte ich einen Schritt nach vorne.

Seine sanfte, große Hand fuhr durch den weichen Bart aus feinem Silber, dann bildete sich eine Falte auf seiner runden Stirn.

Eine große, polierte Uhr aus dunklem Holz stand hinter ihm und wurde mit jedem Tick-Tack lauter. Sein prüfender Blick machte mich mit jeder verstreichenden Sekunde nervöser.

Zu guter Letzt zuckten seine Mundwinkel zu einem Lächeln und formten die Augen zu großen Halbkreisen. Er lehnte sich zurück in den tiefen, roten Sessel, dessen reicher Seidenstoff mit ungewöhnlichen Ornamenten geschmückt war. Dann hob der alte Mann seine Hand.

„Nimm Platz, mein Junge“, er zeigte auf den gegenüberliegenden Sessel. Mit steifen Bewegungen setzte ich mich an den Rand der samtigen Kissen. Ich fürchtete, von ihnen verschlungen zu werden wie ein kleines Insekt von einer exotischen Blume.

„Wie alt bist Du, Kind?“

„Siebzehn, Sir.“

„Unmöglich, das kann nicht sein. Du bist nicht älter als zwölf, dreizehn vielleicht?“

„Jetzt, wo ich darüber nachdenke, bin ich tatsächlich grade erst dreizehn geworden.“

Er lachte herzlich und ich war kurz davor, dasselbe zu tun, hielt es aber für weiser, mich zu beherrschen.

„Magst Du Schach?“

„Ja, sehr“, antwortete ich, schwieg für einen Moment und fügte dann hinzu: „Wenn ich auch noch nie gespielt habe.“

„Dann werde ich es dir beibringen“, verkündete er mit so viel Elan, dass ich zu hoffen wagte, ihn ausgetrickst zu haben. Ich entspannte mich ein bisschen und fokussierte mich vollends auf die Erklärung der Regeln. Eine Eigenart störte mich dabei. Obwohl die Königin die mächtigste Figur war, drehte sich das gesamte Spiel um den schwachen König. Die Falten auf meiner Stirn ließ ich wie tiefste Konzentration wirken.

Am Ende der einstündigen Partie verkündete der alte Mann, dass er müde war. Das wunderte mich nicht, denn er hatte das gesamte Spiel mit sich selbst gespielt. Keiner meiner Züge schien seinen hohen Anforderungen zu entsprechen und er verbesserte jeden einzelnen, was ihm viel Spaß gemacht zu haben schien.

„Es war mir eine Freude“, sagte er mit reger Höflichkeit.

Ich stand auf, um zu gehen, rührte mich aber nicht vom Fleck. Ich wollte unbedingt fragen, ob er es in Erwägung ziehen würde, mich für ihn arbeiten zu lassen, doch ich bekam kein Wort heraus. Stattdessen drehte ich Vaters Zylinder in meinen Händen.

„Ach“, der alte Mann hob einen Finger. Schwerfällig erhob er sich von seinem Thron und ging langsam zu einem weißen Schrank, der wie für Versailles bestimmt wirkte. Papier raschelte in seinen Händen. Als er sich wieder zu mir drehte, reichte er mir zwanzig Pfund Sterling. Ich starrte ihn ungläubig an.

„Hätten Sie gerne, dass ich eine Besorgung tätige?“, fragte ich, überrascht darüber, mit so einer großen Summe anvertraut zu werden, wo wir uns doch grade erst begegnet waren.

„Deine Schwester erwähnte dieses und jenes, daher denke ich, Du könntest es gebrauchen.“

„Nicht doch, ich-“, winkte ich ab.

„Keine Widerworte“, sagte er streng.

„Aber …“

„Nimm es, andernfalls brauchst du dich hier nicht mehr blicken zu lassen“, die Freundlichkeit hatte seine Stimme gänzlich verlassen. Es lief mir kalt den Rücken runter.

Ich nahm das Geld und stopfte es in meine Tasche. Das wertvolle Stück Papier brannte ein Loch aus Schuldgefühlen in meine Hose.

„Bis morgen. Ich erwarte dich pünktlich um zehn“, sagte er.

Ein heller, sommerlicher Abendhimmel erstreckte sich über mir, als ich mich nach Hause aufmachte.

 

Kapitel 3

WUNSCH UND WILLE

Daheim fand ich meine Schwestern im Wohnzimmer auf. Es wirkte noch kleiner und heruntergekommener nach der exzentrischen Extravaganz, die ich beim Alten erlebt hatte. Doch keine noch so exotische Kunst kam an Elizabeths Glanz heran, besonders wenn sie wütend war, denn dann war sie am allerschönsten. Ihre Augenbrauen waren hoch emporgehoben, die Lippen schmollten leicht und sie saß gerade wie eine Kerze. Ihre gesamte Aufmerksamkeit war auf ihre Näharbeit gerichtet.

„Ich bin wieder da“, sagte ich und wagte mich nicht über den Eingang hinaus. Den Zylinder drehte ich in meinen Händen. Dies schien eine Gewohnheit zu werden.

Eleanor sah mich scharf an und imitierte die Pose unserer älteren Schwester. Jedoch übertrieb sie es und wirkte, als würde sie von Schmerzen geplagt werden.

„Möchte jemand Tee?“, fragte ich.

Mein Mund war trocken und ich wollte sehr gerne eine Tasse. Niemand schenkte mir Beachtung. Elizabeth war wie eine elegante, kalte Statue aus der Sammlung des alten Mannes. Und so ging ich allein in die Küche.

„Es lief gut“, berichtete ich der leeren Küche.

„Freut mich zu hören“, hörte ich Vaters Antwort, wenn ich ihn auch nicht sehen konnte.

„War sie sehr wütend, nachdem ich rüber gegangen bin?“, fragte ich ihn.

„Du liebe Güte, sie tobte und tobte bis kurz vor deiner Ankunft. Und was für Worte sie benutzt hat! Es brachte mich selbst in meinem Grab noch zum Zucken“, scherzte er und brachte mich so zum Lachen.

„Bist du völlig verrückt geworden?“, donnerte Elizabeth mit heiserer Stimme – ihre Heiserkeit belegte Vaters Beobachtungen.

Ich wollte ihre Frage nicht bejahen, doch auch Lügen lag mir fern, daher wiederholte ich nur, dass alles gutgegangen war.

„Wir haben Schach gespielt“, erzählte ich, „und dann“, die Kehle schnürte sich mir zu, „gab er mir zwanzig Pfund.“

„Zwanzig Pfund?“, stieß Elizabeth mit so hoher Stimme hervor, dass der Riss in meiner Tasse tiefer wurde.

„Du hast das Geld abgelehnt, nicht wahr?“

Ich blickte zu Elizabeth und dann zur Seite.

„Jo“, sagte sie mit Nachdruck und stützte sich mit der offenen Handfläche gegen den Tisch. Dieser neigte sich und katapultierte dabei fast meine Tasse gegen die Wand. „Jo, Du hast es nicht angenommen, richtig?“

„Ich habe es versucht, aber …“, ich fing die Teetasse mit beiden Händen auf, als Elizabeth nun auch ihre zweite Hand gegen den Tisch stützte und mir so noch dichter kam.

„Wie kannst Du nur?“, zitterte sie.

Ich starrte wortlos auf meine Hände. Die Tatsache, dass mein Wohltäter ihr größter Feind zu sein schien, machte die Situation nur noch unangenehmer.

„Wir sind eine respektierte Familie. Wir benötigen keine Spenden, wir sind keine Bettler, Jo.“

„Noch nicht,“ murmelte ich.

Eine Feuersbrunst loderte in ihren Augen.

„Ich habe dich nicht großgezogen, damit du … Almosen entgegennimmst“, dieses Wort auszusprechen, stellte ihre Beherrschung auf eine harte Probe. „Wenn du Geld annimmst, muss es für ehrliche und harte Arbeit sein.“

Beim Versuch, ihrem wütenden Blick zu entkommen, sah ich an mir herunter. Das große Hemd, das mir von den Schultern rutschte, die Träger, die nicht hielten, die Hosen, die mir genauso wenig passten, wie ein Sattel einer Kuh passen würde. Wenn auch nicht ehrlich, so war es auf jeden Fall harte Arbeit.

„Du wirst es morgen zurückgeben, hast du mich verstanden?“

„Ich behalte es und es gibt nichts, was Du dagegen tun kannst“, widersprach ich eisern und rannte die Treppen hinauf. Die Tür schlug ich hinter mir zu. Auf meinem Bett lag noch immer „Little Dorrit“. Es war das letzte Buch, das Vater mir geschenkt hatte. Sogar Little Dorrit hätte gewollt, dass ich das Geld zurückgab. Doch niemand könnte mich davon überzeugen. Die Summe bedeutete dem alten Mann nichts, für uns war sie jedoch die Welt. Sicherlich würde sogar Little Dorrit das verstehen. Ich legte das Buch auf meinen Schoß, als die Tür aufsprang. Ich war geladen wie eine Pistole. Wütende Worte waren meine Munition. Doch es war lediglich Eleanor, die eintrat.

„Du bist wahrlich sehr stur, Joanna Ryde“, sagte sie und setzte sich neben mich auf das Bett.

„Das ist eine Familieneigenschaft.“

„Das ist es wirklich“, sie hielt inne und ich versuchte, zu beurteilen, in welche Richtung das Gespräch sich entfalten würde. Es überraschte mich, dass sie noch nicht begonnen hatte, mich mit Anschuldigungen zu überhäufen, die sie bei Elizabeth aufgeschnappt hatte.

„Kann ich es sehen, Jo?“

Ich sah sie verwundert an.

„Das … Geld“, flüsterte sie verschwörerisch.

Ich zog es aus meiner Tasche. Es war nicht mehr so glatt wie einst. Sie nahm die zwanzig Pfund in die Hand. Ihre Wangen gewannen an Farbe. Die Augen funkelten.

„Wie schön es doch ist! Ist es nicht wunderschön, Jo?“, sie schien verzaubert vom Anblick des zerknitterten Papiers. „Haben Zahlen je so entzückend ausgeschaut?“

„Nicht, dass ich wüsste“, gestand ich fasziniert von der Faszination meiner Schwester.

„Was meinst du, wie viele Kleider können wir uns davon kaufen? Und wie viele Orangen?“

„Wir werden es nicht für unnützes Zeug ausgeben“, ich schnappte ihr das Geld aus der Hand.

„Lass es mich noch länger anschauen“, gab sie weinerlich von sich.

Ich hielt es hoch, ließ sie es aber nicht nehmen, aus Angst sie könnte es ausgeben, wenn ich nur blinzelte.

„Ich bin nicht stolz, dass du es genommen hast“, verkündete Eleanor, „aber ich bin doch froh, dass wir es nun haben.“

„Wirklich?“, fragte ich skeptisch und bereit, anzugreifen, sollte sie mich kritisieren.

Sie lächelte und ihre Gesichtszüge erstrahlten in einer Schönheit, die Elizabeths glich.

„Nichtsdestotrotz bin ich von der ganzen Sache nicht begeistert. Das alles wirkt irgendwie wahnsinnig gefährlich. Und Elizabeth ist ganz klar dagegen“, gestand sie und erinnerte mich daran, wie clever sie doch war, wenn sie sich die Mühe machte. „Ich hoffe, du musst das nicht allzu lange tun.“

„Es macht mir gar nicht so viel aus.“

Sie fuhr mir durch das kurze Haar, strahlte mich an und sagte, dass sie mich liebte. Meine Schultern entspannten sich zum ersten Mal am heutigen Tag und plötzlich überkam mich die Müdigkeit. Ich legte meinen Kopf auf ihren Schoß. Während sie diesen streichelte und leise eine Melodie summte, die unsere Mutter uns einst vorgesungen hatte, schlief ich langsam ein.

Elizabeth und ich waren uns ähnlicher, als wir bereit waren, zuzugeben. Auch wenn ich niemals so beherrscht oder elegant und hübsch wie sie sein könnte. Die Intensität meiner Bewunderung glich ihrer Abneigung gegenüber meinen Methoden, Probleme zu lösen.

Beim Frühstück ignorierte sie mich daher gänzlich. Sie hob ihre Brauen, schmollte und saß kerzengerade. Es hielt mich nicht davon ab, meiner neuen Arbeit nachzugehen. Der alte Mann begrüßte mich, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Er verfügte ansonsten aber über keine Bediensteten. Seine Speisen brachte ihm der Sohn des einzigen Gaststättenbesitzers in der Gegend. Ich kannte den Jungen und versteckte mich immer, wenn er kam. Alle zwei Wochen kam eine Magd, um die Wäsche zu waschen. Eine weitere Person war damit beauftragt, in regelmäßigen Abständen das Haus zu putzen.

Darüber hinaus war der Alte durchaus eigenständig und bestand darauf, alles, was er konnte, auch selbst zu machen.

Mir gegenüber begegnete er vom ersten Tage an mit der größten Fürsorge und Hingabe. So erlaubte er nicht, dass meine Tasse lange leer blieb, denn in seinem Vorrat befand sich eine Vielzahl der vortrefflichsten Teesorten aus Japan und China, die alle probiert werden mussten. Als wir zu Mittag aßen, erforderte es einer fundierten Rechtfertigung meinerseits, um einen Nachschlag zu verweigern. Darüber hinaus waren immer Früchte für mich auf dem Wohnzimmertisch hinterlegt. Der alte Mann war der Auffassung, sie könnten mir helfen, über meine mickrige Größe hinauszuwachsen.

Noch viel wichtiger war jedoch die Tatsache, dass er unbeschreiblich viele Interessensbereiche hatte und gewillt war, mich in jedem einzelnen von ihnen zu unterrichten. Er selbst war ein Gelehrter, der sein gesamtes Leben und Einkommen der Akquise von Wissen gewidmet hatte, anstatt diese für Nichtigkeiten zu verschwenden. Wenn auch das Haus von den eigenartigsten Dingen okkupiert war. Als ich ihm dies mitteilte, lachte er und bestand darauf, dass er in dem kleinen Haus die Schönheit der Welt eingefangen hatte. Da er überall in der Welt gewesen war, konnte das nur stimmen. Wie sehr ich ihn um seine Freiheit und das grenzenlose Wissen beneidete.

Vater, und später Elizabeth, hatten mir die Grundlagen der Mathematik, Französisch und Latein beigebracht. Ich selbst hatte jedes Buch, das ich finden konnte, verschlungen. Das alles wurde jedoch bei Weitem übertroffen durch die neuen Einsichten, die ich an meinem Arbeitsplatz erlangte. Die Bildung, die mir zuteil wurde, übertraf all meine Vorstellungen. Ich lernte philosophische Theorien kennen, erfuhr tiefere Einblicke in historische und politische Kontexte, erweiterte meinen wissenschaftlichen Horizont, besonders in Bezug auf Darwins Erkenntnisse, erlangte ein vortreffliches Verständnis über das britische Recht, erlernte die nötigen Fertigkeiten, um ein Schiff zu navigieren (theoretisch zumindest), und las großartige Romane aus der Bibliothek des alten Mannes, die sich über den gesamten ersten Stock erstreckte. Es gab mir das Gefühl, mit der Kraft meiner Gedanken alles erreichen zu können. Dies ging sogar so weit, dass ich daran dachte, Anwalt zu werden. Auch dem alten Mann sprach diese Vorstellung sehr zu.

Er war genauso dankbar für einen engagierten Lehrling, wie ich für einen leidenschaftlichen Lehrmeister. Er wurde zu dem besten Freund, den ich jemals gehabt hatte, und wuchs mir sehr ans Herz. Ich war sicher, er fühlte genauso. Bald schon wurde das Heim des Alten mein zweites Zuhause.

Meine Schwestern hingegen verstanden meinen Enthusiasmus nicht, doch auch sie gewöhnten sich nach einem Jahr an mein Doppelleben.

Nach und nach wurde der Drang, mich mit Vater und Mutter zu unterhalten, geringer, doch es verging nicht ein Tag, an dem ich nicht an sie dachte.

„Elizabeth, wusstest Du schon? Jo möchte Anwalt werden“, machte sich Eleanor lauthals über mich lustig, als wir unser Sonntagsdinner genossen – eines, dass nur der Großzügigkeit meines Lehrmeisters geschuldet war. Das Gehalt, welches er mir zahlte, war enorm. Elizabeth war sogar drauf und dran eine Bedienstete zu engagieren, wogegen ich mich sehr stark sträubte. Meine Auffassung war, dass wir so viel wie möglich sparen mussten, solange wir das konnten.

„Ich behaupte ja nicht, dass meine Entscheidung feststeht. Ich könnte mir auch gut eine Karriere als Ingenieur vorstellen, oder aber als medizinischer Wissenschaftler. Ich möchte mich nicht zu vorschnell festlegen“, vertraute ich mich meinen Schwestern an, unter der Illusion, es könnte sie interessieren.

„Du kannst gar kein Anwalt oder medizinischer Ingenieur werden, oder was es auch immer ist“, wandte Eleanor ein. „Nur weil du einen alten, blinden und tauben Herrn hinters Licht führst, heißt das nicht, dass dir das auch mit dem Rest der Welt gelingt. Wie stellst du dir das überhaupt vor? Willst du für immer ein Mann sein?“, kicherte sie.

Wie sehr ich sie doch an ihren Haaren ziehen wollte, die zusammengebunden waren mit einer neuen Schleife, derer das verwöhnte Gör sich erst neulich bereichert hatte. Meine Ausführungen hatte sie sofort abgewiesen, ohne auch nur darüber nachzudenken.

„Zuerst einmal ist der Alte nicht blind und taub – zumindest noch nicht. Und zweitens scheinst Du die Vorzüge, die meine Verkleidung in sich birgt, doch sehr zu mögen.“

Elizabeth erlaubte ihr, zu viel Geld für unnötiges Zeug auszugeben. Eleanors Blick auf die Welt war eingeschränkt, denn außer französischer Mode schien sie nichts weiter zu interessieren.

„Solltest Du es bevorzugen, wieder so arm wie eine Kirchenmaus zu sein, trage ich morgen ein Kleid zur Arbeit.“

Eleanor schmollte daraufhin. Sie würde genauso wenig arm sein wollen, wie ich meine Beziehung zum alten Mann nicht auf die Probe stellen wollte. Für alle Fälle trug ich nun Hosen zu jeder Tageszeit. Auch wenn der alte Mann nie sein Haus verließ und ich auch nur zu ihm oder wieder nach Hause ging, so wollte ich doch sicher sein. Außerdem wollte ich mich selbst nicht verwirren. Elizabeth hatte allerdings die Auffassung, dass es dafür bereits zu spät war. Es war ihr Wunsch gewesen, dass ich meine Ausgänge auf die nötigsten beschränkte, um die Familie nicht zu blamieren. Mir war es recht. Wozu sollte ich irgendwo anders, als zum alten Mann gehen wollen? Mit ihm konnte ich über alles reden. Sogar alltägliche Dinge machte er zu tiefgründigen Konversationen. Er unterbrach mich nie, wenn ich sprach, und nahm sich Zeit, seine Antwort zu überdenken, um meinem Anliegen den größtmöglichen Respekt entgegenzubringen. Zu Hause hingegen musste ich schreien und toben, um überhaupt wahrgenommen zu werden – dies tat ich allerdings noch seltener als früher, da meine Schwestern von meinem Standpunkt zu überzeugen, lange keine Priorität mehr für mich hatte. Mir war aber bewusst, dass meine Familie mich mehr liebte, als mich irgendjemand jemals lieben könnte. Auch das wusste ich zu schätzen.

***

Eines Tages unterhielten Methusalem und ich uns über ein ganz anderes Thema als sonst. Es begann damit, dass ich ihn fragte, ob er nicht mit meinen Schwestern und mir zu Abend essen würde. Elizabeth hatte mich gezwungen, diese Einladung zu überbringen. Ihre Meinung vom Alten war proportional zu unseren Finanzen gestiegen. Plötzlich hatte sie sich sehr unhöflich gefühlt, ihn nie eingeladen zu haben. Sie bereitete ein vortreffliches Mahl zu – eines das viel zu teuer war – und putzte das Haus, und tat eine Menge unnötiger Dinge, denn ich war mir sicher, er würde ablehnen.

Der alte Mann verließ sein Haus nur, wenn es keine andere Möglichkeit gab. Dies lag daran, dass er die Geborgenheit seines Heims allem anderen vorzog. Zumal es draußen nichts gab, was ihn reizte. Auf unserer kleinen Insel konnte man keine überragenden Gesprächspartner finden und keine überraschenden Sehenswürdigkeiten entdecken, wenn man bereits die gesamte Welt bereist hatte.

Es war die Ruhe, die er schätzte. Er mochte es, von der Gesellschaft unbeachtet zu bleiben. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass er an genug Bällen und Veranstaltungen teilgenommen hatte im Laufe seines langen und ereignisreichen Lebens. In seinem Alter gab es kaum Vorzüge, die man aus solchen Aktivitäten ziehen konnte. Seinen Selbstgenügsam bewunderte ich. Zur gleichen Zeit war ich aber auch dankbar, dass er für mich eine Ausnahme machte.

Als ich ihn endlich bezüglich des Dinners fragte, lehnte er umgehend ab.

„Diese Dinge sind nichts für mich, Junge. All die aufgesetzten, höflichen Unterhaltungen, die man aufrechterhalten muss, obwohl allen Parteien klar ist, dass niemand diese genießt. Darüber hinaus könnte ich einen Raum voller Frauen nicht ertragen. Ich bin bei Weitem zu alt, um Gefallen an ihnen zu finden.“

Genau diese Antwort hatte ich erwartet und doch sprach er etwas an, wonach ich schon lange hatte fragen wollen. „Wie kommt es, dass du Frauen so feindlich gegenüber stehst? Angenommen, ich sei eine Frau, würdest du es bevorzugen, nie meine Bekanntschaft gemacht zu haben?“

„Du könntest weder das Eine noch das Andere sein und würdest dennoch genauso entzückend lästig bleiben“, lachte er. „Ich würde es allerdings bevorzugen, wenn du es mir nicht verrietest, solltest du doch ein Mädchen sein. Es wäre schrecklich, wenn meine Meinung, dass Männer die bessere Gesellschaft sind, widerlegt werden würde.“

Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob er schon längst alles über mich wusste. Es würde zu ihm passen, die ganze Zeit einfach mitzuspielen. So exzentrisch wie er war, würde es mich nicht wundern, wenn er sich jeden Abend in den Schlaf lachte. Doch auch das könnte ich ihm nicht übel nehmen. Im Gegenteil. Ich war erleichtert, dass es für ihn keine Rolle spielte.

„Aber warum ist die Gesellschaft von Frauen so unerträglich  für dich?“, erfragte ich weiter, obwohl ich merkte, dass ich mich auf dünnem Eis befand.

Er seufzte. Einen Seufzer gab er nur selten von sich. Es hieß meistens, dass sein Körper sich nicht so bewegte, wie er es wollte und dabei wehtat oder – und das war schlimmer – er erinnerte sich an etwas Schmerzhaftes.

„Du musst wissen, mein Junge, ich bin nicht alt geboren. Das ist ein Status, den ich im Laufe der Jahre erlangt habe. Davor aber war ich ein junger Mann. Einige sahen sogar eine gewisse Schönheit in mir – wobei ich sicher bin, dass Schönheit eine Eigenschaft ist, die jedem zugesprochen wird, der sich angemessen kleidet und ein gewisses Einkommen vorzuweisen hat. Wo auch immer ich hinging, folgte mir ein Schwarm Damen. Jede von ihnen bezaubernder als die nächste. Auch ich war zu der Zeit nichts weiter als ein Mann und genoss die Aufmerksamkeit und die neidischen Blicke. Doch verfügte ich über genug Verständnis diesen Dingen gegenüber, um zu begreifen, dass sie in mir das Geld sahen, nicht das Wissen der Bücher, die ich gelesen hatte. Ich nahm vorlieb damit, sie mit meinen Gesprächen zu langweilen. Ich sah zu, wie sie vor Leid zergingen, doch den Kampf um meine Gunst nicht aufgaben. Die Jahre strichen ins Land. Jahre wurden zu Jahrzehnten. Die Damen, die mich umgaben, sanken in ihrer Zahl. Ich musste das Feld räumen für jüngere Herren, die deutlich entschiedener vorgingen. Sie wählten die hübscheste oder diejenige mit der angesehensten Familie.

Noch bevor ich fünfzig war, ließen sie mich alle in Frieden. Ich lernte Bälle und dergleichen als das anzusehen, was diese wirklich waren. Präsentationen von Dummheit und Reichtum.

Erst als ich nach Indien reiste, fand ich die wahre Liebe – oder wie du es auch immer nennen möchtest. Sie war das außergewöhnlichste Geschöpf, das ich je erblickt hatte. Ihre dunkle Haut leuchtete im Glanz der östlichen Sonne wie die Juwelen in Königin Viktorias Krone. Ihre strahlenden Gewänder fingen meinen Blick, noch bevor mein Schiff am Dock angelegt hatte. Ihr Englisch war gebrochen, doch es klang wie Poesie für die Ohren eines dummen Mannes wie mir. Ich verstand nie, wie es dazu kam, doch auch sie lernte mich genauso sehr zu lieben wie ich sie.

Wir mussten uns im Geheimen treffen, denn sie war bereits einem anderen versprochen. Ein solches Versprechen zu brechen, konnte schreckliche Konsequenzen für sie haben. Es war mein fester Entschluss, sie mit mir nach London zu nehmen. Wir planten unsere Flucht und ich zählte die Sekunden bis sie endlich mein sein würde. Zur verabredeten Zeit setzten wir Segel und kurz vor Abfahrt sollte sie auf das Schiff kommen.

Ich erwartete sie sehnsüchtig. Doch sie kam nicht. Ich bat den Kapitän zu warten. Er war mein Freund. Er ließ mich gewähren. Es verging eine Stunde, dann zwei. Als unser Zeitfenster sich schloss, stieg ich an Bord des Schiffes. Ich stellte mir vor, welches Leid ihr womöglich widerfahren war, als sie versucht hatte, sich zu mir zu begeben. Als das Schiff den Hafen verließ, war ich drauf und dran gewesen, in das Wasser zu springen. In mir tobte einzig der Gedanke, sie beschützen zu müssen. Doch dann sah ich sie am Dock. Sie trug alte Fetzen als Verkleidung. Wir waren weit weg, doch ich konnte die Tränen auf ihren Wangen im Licht der untergehenden Sonne glitzern sehen. Sie schüttelte ihren Kopf leicht und ich wusste, sie hatte sich gegen mich und für ihre Familie entschieden. Und wer könnte es ihr verübeln, nicht mit einem Mann, den sie nur wenige Wochen kannte, mit in ein kaltes, fremdes Land zu fliehen, das so anders war als die Welt, die sie kannte?

Ich konnte nur mir selbst die Schuld an der Miesere geben und sie noch mehr lieben, dafür dass sie so ein weises, perfektes Wesen war. Ich hatte sie nicht verdient. Das ist der Grund, warum ich eine Abneigung gegen Frauen hege. Der Schmerz, sie zu verlieren, wenn man sie erst einmal in sein Herz geschlossen hat, ist viel schlimmer, als die Freude, sie zu halten, je gut sein kann.“

Als der alte Mann seine Erzählung beendete, blieben wir beide eine lange Zeit still. Mich hatte das Gewicht seiner Worte nahezu erdrückt. Die Art und Weise, in der er von seiner Geliebten gesprochen hatte, ließ mich für einen kurzen Moment einen Bruchteil des jungen Mannes erkennen, der er einst gewesen war. Mutig und unerschrocken, arrogant und verwöhnt. Er hatte alles gehabt, bis auf diese eine Person, die er für den Rest seines Lebens nicht vergessen konnte. Diese Erfahrung definierte ihn wohl mehr, als ich begreifen konnte.

„Du hast doch sonst so viel zu sagen. Sind dir die Worte im Hals steckengeblieben?“, zog er mich auf. Es schien ihm schon besser zu gehen.

„Ja, Sir“, gab ich zu. Ich konnte nicht leugnen, was für einen starken Eindruck seine Geschichte auf mich gemacht hatte. „Ich hoffe, ich werde mich niemals verlieben.“

Er lachte herzlich: „Wenn die Zeit kommt, wirst du genau das tun, mein Junge. Und die andere Person wird genauso dümmlich und gewöhnlich sein wie du.“

„Na, zumindest hoffe ich doch sehr, dass die Person nicht so lahm und langweilig sein wird, wie du“, konterte ich.

„Die Person wird noch viel langweiliger sein als ich und hässlich dazu. Aber du wirst sie lieben, weil du so trottelig und ehrlich bist, wie nur irgend möglich.“

Ich sagte nichts weiter, weil ich nicht gewinnen konnte und weil eine Beleidigung vom Alten wie eine Lobeshymne klang. Bald schon bat er mich, zu gehen. Er wirkte erschöpfter als sonst.

Zu Hause wurden mir die Leviten gelesen dafür, dass ich alleine heimgekehrt war. Doch ich war bei Weitem zu melancholisch, um mich provozieren zu lassen.

Meine Schwestern hatten alle Zimmer blank poliert. Ich erkannte das Haus kaum wieder. Es war nirgends auch nur ein Staubkorn aufzufinden, überall aber waren frische Blumen. Der Braten, die Stampfkartoffeln, das verschiedene gekochte Gemüse, die Zwiebelsuppe und die Soße rochen unfassbar köstlich. So ein Abendessen hatten wir lange nicht mehr gehabt, das letzte Mal war wohl zu Weihnachten gewesen. Ich wollte nicht wissen, was das alles gekostet hatte und ich konnte es kaum erwarten, alles zu verschlingen.

Die Enttäuschung war vergessen, sobald wir uns zu Tisch setzten. Elizabeth erzählte eine lustige Geschichte vom Markt und Eleanor lachte so sehr darüber, dass sie nahezu an den gestampften Kartoffeln erstickte. Solche Momente waren es, die mich die Leere von Vaters und Mutters Stühlen besonders spüren ließen. Sogar nach all der Zeit, fühlte es sich so an, als würden sie bald durch die Tür kommen und für jede von uns liebevolle Worte finden.

Die Vergangenheit war ein nachtragendes Biest. Sie schlich sich an wie ein Schatten. Doch ich war stärker und gestand es mir jeden Tag aufs Neue ein, wenn ich hinausging, um einem neuen Morgen zu begegnen. Es gab viel zu viel, wofür ich dankbar sein musste. Da konnte ich gar nicht traurig sein. Ich liebte meine nervtötenden, wundervollen Schwestern, und meinen Freund, den alten, grimmigen Mann. Ich liebte das Wissen, das er mir schenkte und ich liebte es, Hosen zu tragen. Ich liebte es, mich von Eleanor ärgern zu lassen und Elizabeths Geschimpfe darüber, dass ich mich nicht wie eine Dame benahm. Es erfühlte mich mit Freude, wenn die beiden trotz allem darüber lachten, wenn ich ein weiteres von Vaters Kleidungsstücken änderte, damit es mir passte.

Wie schön es doch wäre, wenn alles für immer so bliebe.

Der Sommer ging langsam zu Ende und der Herbst wurde immer präsenter in der farblichen Veränderung der Vegetation unserer Insel. Ich lief durch einen Teppich gelber und brauner Blätter, was die Straße zu einem knisternden Orchester machte. Mit jedem Schritt trat ich die Blätter hoch und sah zu, wie sie zu Boden sanken.

Meine Laune war heute besonders gut, da Methusalem mir eine Revanche versprochen hatte. Ich hatte drei Partien Schach hintereinander verloren, was mich langsam aber sicher wütend machte. Denn es schien so, als ob mein Lehrer sich nun endlich nicht mehr zurückhielt im Spiel. Das hieß, dass meine vorigen Siege bedeutungslos waren. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn man mich gewinnen ließ. Wenn ich gewann, dann weil ich besser war, nicht weil jemand Mitleid mit meinen mangelhaften Fähigkeiten hatte.

Heute jedoch würde der Alte mir unterliegen, denn ich hatte die gesamte letzte Nacht über einer neuen Strategie meditiert. Das Haus betrat ich wie immer mit einem lauten und fröhlichen „Guten Tag, Sir!“. Auf diese Weise ließ ich ihn wissen, dass ich da war. Auf eine Antwort wartete ich nicht und rannte ins Wohnzimmer, um die Schachfiguren aufzustellen. Als ich fertig war, setzte ich mich in den großen Sessel ohne Angst, von diesem verschlungen zu werden, da ich kein armseliges Insekt mehr war. Die hölzerne Standuhr tickte meine Geduld herunter, während ich wartete und wartete.

Er lag in seinem enormen Bett unter einer farbenfrohen, indischen Seidendecke. Dickes, schwarzes Holz mit Schnitzereien exotischer Vögel mit gesenkten Schnäbeln trugen die Matratze. Eine gigantische verfärbte Karte bedeckte nahezu die gesamte Wand über seinem Kopf. Jade-Elefanten standen mit trauernden Köpfen auf dem Nachttisch. Eine große, blaue Vase mit Malereien goldener Schiffe, dessen Flaggen auf halbmast wehten, war daneben.

Seine Haut war blasser als sonst und der Oberkörper bewegungslos, da die Lunge keine Luft mehr brauchte. Ich berührte seine Hand. Sie war steif und kalt.

„Ich habe eine neue Strategie, um dich beim Schach zu besiegen“, sagte ich leise. Die Tatsache, dass der alte Mann nicht antwortete, machte mich wütend. Was für ein unhöflicher alter Mann.

„Gegen wen soll ich denn nun Schach spielen? Mit wem soll ich über Dinge reden, die sonst niemanden interessieren?“, schrie ich, bis meine Stimme heiser wurde, und selbst dann konnte ich nicht aufhören. „Wer soll mir Platos Schriften näherbringen und wem soll ich Shakespeare vorlesen? Ich bin nicht so wohlhabend wie du, Methusalem. Wie kannst du nur? Komm gefälligst zurück und beende zumindest unsere Schachpartie!“

Tränen konnten meine Trauer nicht ausdrücken, daher weigerte ich mich, sie fließen zu lassen. Trockenes Schluchzen ließ mir den Atem stocken. Die letzten Worte, die der Alte an mich gerichtet hatte, hallten in meinen Gedanken wider: „Der Schmerz, sie zu verlieren, wenn man sie erst einmal in sein Herz geschlossen hat, ist viel schlimmer, als die Freude, sie zu halten, je gut sein kann.“ Es brach mir das Herz. Mir war aufgefallen, dass seine Gesundheit sich verschlechtert hatte, doch hatte ich nicht erwartet, dass er so schnell von mir gehen würde. Er hatte nie etwas erwähnt.

Den gesamten restlichen Tag verbrachte ich am Strand, bis meine Hände und Füße taub vor Kälte waren. Als ich nach Hause kam, ging ich umgehend zu Bett. Am nächsten Tag spazierte ich um die Wiesen und Felder, bis die Sonne wieder hinter dem Horizont verschwand. Erst am dritten Tag erzählte ich meinen Schwestern, was sich ereignet hatte. Ihre Reaktionen waren erschreckend reserviert.

„Mein herzliches Beileid“, sagte Elizabeth und streichelte meine Hand.

„Er war einhundertundsiebzig Jahre alt, was hast du erwartet?“, merkte Eleanor an, ohne sich die Mühe zu machen, Mitgefühl auch nur vorzutäuschen.

Daraufhin führten die beiden eine hitzige Diskussion darüber, wer von uns eine Anstellung als Gouvernante suchen müsste. Da Eleanor zu jung war und Elizabeth sehr hübsch, weswegen es wahrscheinlicher war, dass sie vorteilhaft heiratete, entschieden sie, mich fortzuschicken. Ich ging nach oben mit der Intention, eine Woche lang mein Bett nicht zu verlassen. Der Verlust des alten Mannes hatte eine Kluft in mein Leben gerissen. Meine Schwestern konnten mich auch auf den Mond schicken – es war mir gleich. Doch bevor die Woche endete, kam ein Mr Davenport zu Besuch. Sein Schnurrbart hatte eine faszinierende Frisur – die Enden waren zu perfekten runden Kringeln gedreht. Ich hatte kaum Zeit, ihn richtig zu begutachten, da er mir einen Brief reichte und breit grinste, als ich diesen öffnete.

 

Verehrter Mr. Ryde,

 Dass du diesen Brief in Händen hältst, kann nur bedeuten, dass mein rechtlicher Berater, Mr Davenport, dich aufgesucht hat – es bedeutet ebenso, dass Nun, lass uns nicht über Dinge grübeln, die nicht mehr zu ändern sind, sondern viel lieber nach vorn schauen. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich dir so viel ich nur konnte beigebracht. Doch für einen jungen Mann mit deinem Elan und Talent gibt es noch so viel mehr zu lernen. Da ich nun nicht mehr in der Lage bin, dieser Aufgabe gerecht zu werden, habe ich mit Mr Davenports Hilfe Vorkehrungen getroffen, um deine Annahme am Oliver Kenwood Internat für Jungen gewährleisten zu können. Du wirst möglicherweise ein oder zwei Wochen nach Beginn des zweiten Jahres anfangen, doch ich bin sicher, dass dich das nicht behindern wird und du dort Großes erreichen wirst.

In der Zeit, in der du deine akademische Karriere verfolgst, bekommst du 150 Pfund im Jahr. Auch diesbezüglich habe ich Vorkehrungen getroffen.

Solltest du nach wie vor Anwalt, Arzt oder Ingenieur werden wollen, so wird die Schule, die ich gewählt habe, dir Wege und Möglichkeiten eröffnen. Und nun wisch dir deine Rotznase ab und packe deinen Koffer.

 Hab keine Furcht vor Größe,

 Anthony Sears


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Anna Jane Greenville faszinierte das Erzählen von Geschichten schon immer. Sie liebt romantische, abenteuerliche, moderne und klassische Romane und kann ganze Tage in Buchläden verbringen. Ihre literarischen Einflüsse sind unter anderem ihre Lieblingsautoren Charles Dickens, Jane Austen, Johnston McCulley, Rainbow Rowell und Nick Hornby.