Mord nach Rezept

Die Spannung Stieg höher als ein kunstvoll zubereitetes Soufflé.

Messer blitzten, Fleisch wurde zerlegt, Zutaten gehackt, Mischungen angerührt und Speisen zusammengestellt, und das alles mit einer Erfindungsgabe, die an Verzweiflung grenzte. Das Finale des Kochwettbewerbs war in vollem Gang.

Darina Lisle beobachtete eine der Teilnehmerinnen, die Petersilie hackte und dabei das schwere Messer mit raschem und sicherem Geschick führte, sodass die grünen, gekräuselten Blättchen in kürzester Zeit zerkleinert waren. Eine Knoblauchzehe wurde geschält, ebenfalls kleingehackt, und dann wurden die beiden Zutaten wie durch Zauberei mit einigen kreisenden Bewegungen der breiten Messerschneide vermischt. Sie war eine zierliche, junge Frau mit einem Schopf glatter, blonder Haare, die im Nacken kurzgeschnitten waren. Eine große, weiße Schürze bedeckte fast ihren ganzen Körper, die Bänder hatte sie sich um die schlanke Taille gewickelt und über ihrem flachen Bauch zu einer ordentlichen Schleife gebunden.

Der Wettbewerb wurde von einer namhaften Import- und Handelsfirma für Spezialspeiseöle gesponsert, die damit das Ansehen ihrer Produkte in der englischen Gastronomie fördern wollte. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, ein dreigängiges Menü zu kochen und dabei nicht weniger als vier verschiedene Sorten Speiseöl zu verwenden. Die Vorentscheidungen hatten aus der Zubereitung zweier Gerichte bestanden. Jetzt, in dem exquisiten, mit himmelblauem und cremefarbenem Porzellan dekorierten Lancaster Room des Savoy Hotels, arbeiteten die acht Kandidaten der Endrunde angestrengt an der Fertigstellung eines neuen Menüs, und ihre Kreativität wurde durch den Zeitdruck auf eine harte Probe gestellt.

Darina empfand tiefes Mitleid mit einem jungen Mann, der mit einer selbstgefertigten Pasta zu kämpfen hatte. Jedes Mal, wenn er den Teig durch die Edelstahlwalzen des Geräts passierte, klebte er zusammen oder zerfranste auf unerklärliche Art und Weise in kurze, dünne Schnüre. »Lassen Sie den Teig noch einmal ungefähr zwanzig Minuten stehen«, flüsterte sie ihm zu, aber er schien taub für ihren Rat zu sein. Krabbenravioli mit einer Soße aus Haselnussöl, die Pasta mit Olivenöl angerührt, besagte seine Menükarte, die auf einem elegant gedeckten Tisch stand. Sie ging und las die Liste seiner anderen Gänge: eine Fischmousseline mit Pistazienöl an Kartoffelrösti mit Olivenöl, als Beilage gemischter Salat mit einem Dressing aus Walnussöl, gefolgt von einem Dessert aus Profiterolen, die mit Erdnussöl statt Butter zubereitet waren. Sie sah auf ihre Armbanduhr, stellte fest, dass die Zeit für den Wettbewerb zur Hälfte abgelaufen war, ohne dass der Kandidat mit der Zubereitung des Backwerks oder der Fisch-Schaumbrote begonnen hätte, seufzte innerlich und machte eine Anmerkung unter der Rubrik »Arbeitsmethode«.

Sie ging an der Reihe der provisorischen Kochnischen entlang, die sich in dem reichverzierten Ballsaal wie kleine Turnierzelte ausnahmen und gelangte zu einem langen Tisch in der Mitte des Saales, an dem die anderen Mitglieder der Jury saßen, Mineralwasser tranken und ihre Bewertungen notierten.

»Da kann es ja wohl kaum einen Zweifel geben, wer die

Gewinnerin sein wird«, sagte der Fernsehmoderator einer morgendlichen Talkshow. Mit einer Mischung aus einschüchterndem Charme und der Fähigkeit, noch die verschlafensten Prominenten angeregt plaudern zu lassen, animierte er derzeit Millionen von Zuschauern dazu, den Tag etwas weniger mürrisch als sonst zu beginnen. Ohne Anspruch zu erheben, Experte auf dem Gebiet der Kochkunst zu sein, bestand seine Rolle bei diesem Wettbewerb darin, den Geschmack der breiten Öffentlichkeit zu repräsentieren. Er führte seinen Bleistift mit schwungvoller Geste über den Bewertungsbogen, der in die Rubriken »Menüauswahl«, »Wahl der Zutaten«, »Arbeitsmethode«, »Präsentation« und »Geschmack der Speisen« unterteilt war.

Darina folgte seinem Blick zu der Stelle, wo eine der Teilnehmerinnen Hühnerleber und Schinkenspeck für ihren Salade tiède mit Haselnussöl vorbereitete.

»Sie scheint ihre Sache sehr gut zu machen«, stimmte ein weiteres Mitglied der Jury zu, ein Meisterkoch, der ebenso für seine persönliche Erscheinung wie für sein Essen berühmt war, »aber dieser Salat ist einfach banal.«

»Ich habe während der Vorausscheidungen die Erfahrung gemacht, dass man nur allzu oft meint, der Sieger stehe bereits fest, bis man dann tatsächlich die Gerichte probiert«, sagte der elegante junge Geschäftsführer der Speiseölfirma, die den Wettbewerb ausrichtete. »Und plötzlich muss man die eigenen Bewertungen völlig revidieren.«

»Zumindest hat sie ihre Tagliatelle richtig vorbereitet«, bemerkte der Fernsehmoderator, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und seinen Blick zuerst auf dem kleinen Haufen gekräuselter Pastastreifen auf einer Seite der Arbeitsfläche und dann auf dem üppigen Busen ruhen ließ, der sich unter dem tiefausgeschnittenen Strickkleid wölbte. Dunkle Locken umrahmten ein rundes Gesicht, das recht alltäglich wirkte, aber mit großen, braunen Augen und weichen, vollen Lippen gesegnet war. Er fing ihren Blick auf, zwinkerte ihr ermutigend zu und ließ seinen Blick dann zum Ende der Reihe wandern, wo der junge Mann inzwischen den Kampf mit seiner Pasta aufgegeben hatte und dabei war, Wasser und Öl für die gebackenen Profiterolen mit Schokoladensoße zu erhitzen. In seinen Augen lag Panik, und die Haare standen ihm buchstäblich zu Berge.

Die Teilnehmer der Endrunde waren eine gemischte Gruppe. Eine Frau mittleren Alters sah aus, als verbringe sie den größten Teil ihres Lebens damit, an einem Holzkohleherd zu stehen, frisch geerntetes Gartengemüse zuzubereiten und dazu eine Soße anzurühren, für die sie eine erstaunliche Menge ausgefallener Zutaten verwendete.

Ein älterer Geistlicher, vollkommen blind für das hektische Treiben um ihn herum, schälte langsam und vorsichtig die verbrannte Haut von seinen gebackenen Paprika. Ein junges Mädchen mit wildentschlossenem Auftreten träufelte Olivenöl über ihr Ratatouille. Und eine ältere Dame, die wie eine Bilderbuch-Großmutter aussah, rührte ein Dressing an, das Sesamöl und Sesamsamen enthielt.

Darina warf noch einen Blick auf die verschiedenen Menükarten, weil sie wissen wollte, wie die Teilnehmer das Problem gelöst hatten, auch für das Dessert ein Spezialöl verwenden zu müssen. Der Geistliche hatte es umgangen, indem er als Nachspeise einen Salat mit in Olivenöl mariniertem Ziegenkäse servierte, der mit Walnussöl angemacht war. Die meisten hatten sich zu einem Mousse entschlossen, das in einer mit Mandelöl bestrichenen Form serviert wurde. Nur eine ruhige Mittdreißigerin mit einem unscheinbaren Gesicht, einer wenig schmeichelhaften, viel zu schweren Schildpattbrille und streng nach hinten gekämmten Haaren hatte sich für ein Walnuss-Honig-Baklava entschieden. Es stand nun neben ihrem Ofen, und die mit Walnuss- und Erdnussöl statt mit Butter beträufelte, goldbraun glänzende Oberfläche ließ Darina das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dann seufzte sie leise, als sie daran dachte, wie viele Kalorien sie mit dem Probieren dieser Nachspeise wohl zu sich nehmen würde. Sogar wenn sie nur einen kleinen Bissen von jeder der acht Vorspeisen, acht Hauptspeisen und acht Desserts kostete, ergab es eine erschreckende Gesamtsumme. Wenn man beruflich mit Essen zu tun hatte, bedeutete dies einen ständigen Kampf zwischen Versuchung und Übergewicht.

Die Bitte, bei diesem Wettbewerb als Schiedsrichterin zu fungieren, hatte Darina überrascht. Sie hatte nicht gewusst, dass sie in der Welt der Gastronomie bereits einen Namen hatte. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches hatte ihr die Tageszeitung, in der bereits eine Reihe ihrer Artikel veröffentlicht worden waren, eine regelmäßige Kolumne angeboten. Dann war sie in den Verband der Gourmetkritiker aufgenommen worden, und nun landete in ihrem Briefkasten eine stetig anschwellende Flut von Einladungen zu Veranstaltungen aller Art, vom Wurstfrühstück auf der Themse bis zu einem Wochenendseminar über Lachsfischen in Schottland. Ganz zu schweigen von den zahllosen Einladungen in Restaurants, die anscheinend nicht imstande waren, ohne ihre Schirmherrschaft zu existieren.

Und all das hatte sich zufällig ergeben. Man hatte sie gefragt, ob sie einen Kochbuchklassiker überarbeiten und aktualisieren wolle, den ihr Cousin vor etwa fünfundzwanzig Jahren verfasst hatte. Schon immer hatte sich das Buchrecht gut verkauft, doch nun versprachen sich seine Verleger durch das neuerwachte Interesse, das der Mord an dem Autor ausgelöst hatte, noch höhere Verkaufszahlen. Nachdem sie das Rätsel um seinen Tod gelöst hatte, schien Darina die Überarbeitung des Buches eine interessante Herausforderung zu sein, zumal ihr die Zeit günstig schien. Sie hatte einen erfolgreichen Catering-Service aufgegeben, um sich den Traum vom eigenen Hotel zu erfüllen. Doch ein weiterer Mordfall hatte ihre Pläne durchkreuzt, und schließlich war sie sich nicht mehr sicher, in welche Bahnen sie ihre Karriere nun lenken sollte. Das Buch hatte ihr in dieser Hinsicht einen nützlichen Anstoß gegeben, und sie hatte mit dem Schreiben ein neues und fesselndes Interesse entdeckt. Die Zeit zwischen dem Abschluss ihrer Arbeit und der Veröffentlichung hatte sie damit verbracht, Artikel zu schreiben, von denen eine überraschend große Anzahl angenommen wurde, und das war der erfolgreiche Start zu einer neuen Karriere gewesen.

Sie vervollständigte ihre Beurteilungen in einer weiteren Rubrik auf dem Bewertungsbogen. Jetzt gab es nichts weiter zu tun, als zu warten, bis die Kandidaten ihre Speisen servierten, und die hektischen Vorbereitungen für das Finale und das Publikum zu beobachten.

Hinter einer seidenen Kordel, die als Absperrung diente, standen einige Stative mit Fernsehkameras und Fotoapparaten, sowie eine Reihe von Journalisten und Gästen.

Die PR-Abteilung des Sponsors hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet, denn die Vertreter der Medien waren in beachtlicher Zahl erschienen, und Darina entdeckte unter ihnen einige prominente Gesichter. Aber sie war mehr an den Gästen der Wettbewerbsteilnehmer interessiert. Gespannt wartende Verwandte und Freunde saßen an den runden Tischen, die zum Mittagessen gedeckt waren, tranken den ausgezeichneten Wein des Hauses oder gingen mit kleinen Kameras in den Händen herum, beugten sich über die Absperrung und versuchten, ihren Kandidaten abzulichten.

Ihr Blick blieb auf dem Gesicht eines Mannes haften, das durch eine eigentümliche Kombination aus Intelligenz und Humor bestach. Anfang dreißig, schätzte sie. Kohlrabenschwarze Augen glitzerten im Licht der Scheinwerfer, und das dunkle, drahtige Haar auf dem runden, kräftigen Schädel war kurzgeschnitten. Er machte eine Aufnahme von der jungen Frau in der großen, weißen Schürze. Als sie ihm einen raschen Blick zuwarf, grinste er und signalisierte ihr mit aufwärtsgerecktem Daumen, dass alles prima lief.

Der Starkoch war neben Darina getreten, winkte und rief: »Simon, schön, Sie zu sehen. Ich komme später zu Ihnen.«

Der junge Mann winkte ihm zu und kehrte dann zu seinem Platz an einem der Tische für die Gäste zurück. Zwei Frauen saßen auf der anderen Seite des Tisches, und es war offensichtlich, dass sie mehr von ihm trennte als nur die Stühle, die zwischen ihnen standen. Froh, dass sie nun wenigstens die Familie einer der Teilnehmerinnen identifizieren konnte, nahm Darina ihre Mitglieder etwas näher in Augenschein.

Die ältere der beiden Frauen trug eine schlammfarbene Bluse, die gut zu ihrem wettergegerbten Gesicht passte. Sie sah aus, als seien ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Ihr besorgtes Gesicht wurde von feinem, weißem Haar umrahmt. Während Darina sie betrachtete, beugte sich die jüngere Frau zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nebeneinander der beiden Gesichter zeigte sich eine auffallende Ähnlichkeit, die sich allerdings nicht in den Gesichtszügen der jungen Köchin wiederfand. Keine der beiden Frauen beachtete den jungen Mann an ihrem Tisch.

In diesem Moment ertönte die Durchsage, dass die Kandidaten noch zehn Minuten Zeit hätten, um ihre Gerichte fertigzustellen.

Der junge Mann mit den abstehenden Haaren unterbrach seine Versuche, die Ravioli zu füllen, nahm ein kümmerlich aussehendes Backwerk aus dem Ofen, knallte wütend das Blech auf die Arbeitsfläche, riss sich die Schürze herunter und marschierte auf die großen Flügeltüren zu, sich seinen Weg durch die Kameramänner und Journalisten bahnend und einen der Organisatoren des Wettbewerbs zur Seite stoßend. Im Hintergrund des Ballsaals löste sich ein anderer Mann aus der Gruppe der Gäste und eilte dem erfolglosen Koch hinterher.

Die übrigen Teilnehmer richteten mit unglaublicher Geschwindigkeit ihre Speisen an und gaben ihnen in verzweifelter Eile den letzten Schliff – die meisten Gesichter waren bleich vor Aufregung und Erschöpfung.

Darina verfolgte das alles mit Grausen und Mitleid. So sehr sie selbst daran gewöhnt war, unter Zeitdruck zu kochen, kam ihr doch der zusätzliche Erfolgszwang des Wettbewerbs unerträglich vor. Warum taten sie sich das an? Was war es, das all die Spannung und das Risiko öffentlicher Blamage wettmachte? Aber sie kannte die Antwort. Der Sieg bedeutete in den meisten Fällen den Anfang einer steilen Karriere. Es würde Angebote geben, Kochbücher oder Artikel zu schreiben und durch die Medien bekanntzuwerden. Für einen kreativen Koch, der darum kämpfte, sich einen Platz in der heiß umkämpften Welt der Gastronomie zu verschaffen, bot der Sieg in einem so renommierten Wettbewerb wie diesem eine unbezahlbare Chance. Aber wieviel Energie und Entschlusskraft waren nötig, um endlich das Siegerpodest zu erklimmen!

Eine Glocke zeigte an, dass die Zeit für das Anrichten der Menüs abgelaufen war. Darina und die anderen Mitglieder der Jury bewaffneten sich mit ihrem Sortiment an Bestecken und näherten sich mit Spannung den Kochnischen.

Nachdem sie von allen Gerichten ausgiebig gekostet hatten, zogen sie sich schließlich in einen Nebenraum zurück. Dort sammelte einer der Organisatoren ihre Bewertungsbögen ein, und dann wurde eine Flasche Champagner entkorkt.

»Es ist wirklich erstaunlich«, sagte der Fernsehmoderator nahm einen tiefen Schluck und hielt das Glas zum Nachschenken in die Höhe, »aber das Probieren hat meine Rangordnung tatsächlich völlig durcheinandergebracht.«

»Ich wusste gleich, wer gewinnen würde«, meinte der Starkoch, der seinen Champagner mit Kennermiene genoss. »Außergewöhnliche Zusammenstellung, hervorragender Geschmack, im Stil einfach, und doch eigenwillig und in der Technik perfekt.«

»Genau, keine Nouvelle Cuisine, wie sie uns allen schon zum Halse heraushängt, und dabei sah alles genauso köstlich aus, wie es auch schmeckte. Was meinen Sie?« Der junge Geschäftsführer der Speiseölfirma wandte sich an Darina.

Sie stimmte zu und sagte, dass sie besonders die erfindungsreiche Verwendung von Speiseölen an Stelle von Milchprodukten beeindruckt habe. Sie fragte den Geschäftsführer, ob er mit dem Ergebnis zufrieden sei.

»Absolut. Der Wettbewerb hat uns all das gebracht, worauf wir gehofft hatten. Dem Himmel sei Dank! Schließlich haben wir eine hübsche Summe investiert – das Doppelte unseres üblichen Werbebudgets! Aber was die Publicity angeht, hat sich der Wettbewerb bereits bezahlt gemacht, und das war bestimmt noch nicht alles. Ich bin sicher, dass wir damit eine Lanze für den Speiseöl-Konsum gebrochen haben. Und ich bin sehr zufrieden mit den Rezepten, die wir prämiert haben. Sie sind genau richtig für unsere neue Broschüre, interessant und originell, ohne abschreckend kompliziert zu sein.« Der erste Preis beinhaltete auch die Veröffentlichung des Menüs unter dem Namen des Siegers in einer Werbebroschüre für die Produkte der Firma.

»Ich würde an Ihrer Stelle vor der Veröffentlichung überprüfen, ob es sich tatsächlich um eigene Kreationen handelt«, warnte der Starkoch. »Ich bin sicher, dass ich diese Heringsfilets in Haselnusssoße von irgendwoher kenne.«

»Aber doch nicht genau die gleichen, hoffe ich? Das wäre äußerst unangenehm, wenn es Probleme mit dem Urheberrecht gäbe.«

Der Koch verzog skeptisch den Mund. »Es ist beinahe unmöglich, nachzuweisen, dass es sich um ein Plagiat handelt, sofern die Zutaten nicht absolut identisch und das Rezept nicht völlig gleichlautend sind. Trotzdem passiert es ständig. Einige Köche verbringen Tage mit der Ausarbeitung ihrer Ideen für ein erfolgreiches Gericht, und dann wird es von irgendjemandem kopiert und ohne ein Wort der Anerkennung unter neuem Namen veröffentlicht.«

Der Firmenvertreter versprach hastig, dass man das überprüfen werde und begann dann, liebevoll die verschiedenen Speiseöle zu beschreiben, die für die prämierten Gerichte verwendet worden waren.

»Haselnuss für den Fisch, natürlich Sesam für das marinierte Fleisch, und war dieses Öl aus Zitrone und frischem Ingwer nicht phantastisch? Aber was wurde für diese kleinen Scheiben aus gebackenem Pastinak mit Pistazien verwendet?«

»Eine Mischung aus Kürbiskern und Erdnuss«, sagte Darina nach einem Blick in ihre Notizen. »Ungewöhnlich, aber sehr wirkungsvoll. Und besonders köstlich fand ich die Nachspeise.« Die Pfirsichhälften waren in Mandelöl und braunem Zucker karamellisiert und mit einem Pfirsichsorbet serviert worden, dessen kühle Frische das vollmundige Aroma der Früchte wunderbar kontrastiert hatte.

Es entstand eine kurze Stille, während die Jurymitglieder sich genießerisch an die bestplatzierten Speisen erinnerten.

Der Mann vom Organisationskomitee strahlte. »Also eine ganz eindeutige Entscheidung. Ich mag es nämlich nicht, wenn nur ein Viertelpunkt zwischen dem ersten und dem zweiten Platz liegt, aber damit haben wir hier ja kein Problem. Schade, dass Nummer Acht schon vorher aufgegeben hat.«

»Der hat sich doch hoffnungslos überschätzt«, meinte der Koch. »Dabei hat er vorher sicher noch nicht einmal das Timing geübt, und sein Menü war entsetzlich unausgewogen.«

Wenig später kehrten sie in den Ballsaal zurück, wo Profis und Amateure noch immer damit beschäftigt waren, die Gerichte abzulichten, die, obwohl durch das Probieren bereits ein wenig geplündert, immer noch ungemein appetitlich aussahen.

Darina blieb neben den anderen Jurymitgliedern stehen. Über einen Meter achtzig groß auf ihren hohen Absätzen, überragte sie alle, bis auf den Speiseölhändler. Endlich hatte sie sich mit ihrer Größe abgefunden und aufgehört, sie mit möglichst unauffälliger Kleidung kaschieren zu wollen. An diesem Tag trug sie ein hellgrünes Leinenkostüm mit einem weißen, ärmellosen Oberteil, und ihr langes, blondes Haar wurde von zwei grünen Spangen aus dem Gesicht gehalten.

Der Geschäftsführer übernahm das Mikrofon, dankte allen Teilnehmern und Organisatoren und verlas die Preise: eine Kiste mit verschiedenen Spezialspeiseölen seiner Firma für alle Teilnehmer, dritter Preis ein Abendessen für Zwei in einem der besten Restaurants der Stadt, zweiter Preis ein zweitägiger Kochkursus in einem Drei-Sterne-Restaurant, und der erste Preis war ein einwöchiger Kursus sowie eine Reise für zwei Personen zu einem der bekanntesten Ölhersteller in der Toskana, und schließlich die Präsentation der Rezepte in der nächsten Werbebroschüre.

Die hoffnungsvollen Kandidaten standen neben ihren Kochnischen, ein starres Lächeln auf den Gesichtern, die Hände spielten verräterisch mit einem Messer oder einem Löffel oder waren tief in den Taschen vergraben. Die Frau mit der Schildpattbrille zwinkerte nervös mit den Augen. Das Mädchen mit den dunklen Locken und der sensationellen Oberweite strich sich mit der Zunge rasch über die vollen Lippen, und die junge, blonde Frau in der großen, weißen Schürze hatte den Blick unverwandt auf den Fußboden geheftet und schien in einen Zustand verfallen zu sein, der an Lähmung grenzte. Nur der junge Mann, der fluchtartig die Arena verlassen hatte und nun wieder aufgetaucht war, wirkte ganz entspannt. Er lehnte lässig an seinem Herd, hatte ein Whiskyglas in der Hand und blickte gleichgültig in die Runde.

Der dritte Platz ging an die Bilderbuch-Großmutter. Ihr Gesicht zeigte völlige Überraschung und unbändige Freude, und sie erhielt herzlichen Applaus, als sie ihren Preis entgegennahm. Den zweiten Preis erhielt die junge Frau mit der Brille, die ähnlich überrascht reagierte.

Es blieben noch fünf Köche übrig. Das Mädchen, das vorher so entschlossen gewirkt hatte, schien nun in einem Zustand zwischen Besorgnis und Verzückung zu sein, ebenso wie das Mädchen mit den dunklen Locken. Die Dame mittleren Alters wirkte resigniert, der ältere Geistliche schien im Stillen zu beten, und das Gesicht der jungen Frau war nun ebenso weiß wie ihre Schürze.

Der Vertreter der Sponsorenfirma zögerte einen Moment, um die Spannung noch aufzubauen, bis Darina es selbst kaum noch aushielt.

»Und die Siegerin, die einige der phantasievollsten und köstlichsten Gerichte gekocht hat, die die Mitglieder der Jury je gekostet haben, ist …« Noch eine Pause, dann endlich: »Verity Fry.«

Einen Moment lang passierte gar nichts, dann schüttelte die junge Frau in der weißen Schürze verwirrt den Blondschopf, ihr Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln und sie verschränkte die Hände über dem Kopf wie ein triumphierender Boxer. Als sie vortrat, drängten die Kameramänner mit Ellbogenstößen auf sie zu.

Darina warf einen Blick auf die Verlierer, die unbeachtet in ihren Kochnischen zurückblieben. Das entschlossene Mädchen stand regungslos da, als könne sie nicht glauben, dass sie mit leeren Händen ausgegangen war, abgesehen von der Kiste Spezialspeiseöl. Dann verschwand sie aus Darinas Blickfeld, als sich ihre Familie tröstend um sie scharte. Der Geistliche seufzte tief und wurde von seiner Frau in eine innige Umarmung gehüllt. Die Frau mittleren Alters zuckte mit den Schultern, zog ein paar Kisten unter ihrer Arbeitsfläche hervor und begann, ihre Küchengeräte einzupacken. Das Mädchen mit den dunklen Locken kämpfte mit den Tränen und räumte ihre Sachen mit zitternden Händen zusammen. Die Anwesenheit des bekannten Fernsehmoderators, der zu ihr getreten war, um sie zu trösten, ignorierte sie vollkommen.

Der Starkoch schüttelte die Hand des dunkelhaarigen, jungen Mannes, der die Siegerin fotografiert hatte.

»Simon, mein Junge, wie schön, Sie wiederzusehen. Wie läuft’s denn so im finsteren Somerset? Lamington, nicht wahr? Ich habe begeisterte Kommentare über Ihr Restaurant gehört.«

»Es ist ein mühsamer Kampf, Meister, aber es könnte sein, dass ich ihn gewinne. Zumindest scheinen die Gourmetkritiker auf meiner Seite zu sein. Sagen Sie, war das eine schwere Entscheidung heute?«

»Überhaupt nicht, die Siegerin stand eindeutig fest. Sind Sie mit ihr befreundet?«

Der junge Mann lächelte einnehmend. »Sie hat mal für mich gearbeitet. Nicht als Köchin, sondern als Empfangsdame, aber sie hat auch hinter den Kulissen mitgeholfen. Großartiges Mädchen.« Er warf einen Blick zu Verity Fry, die inzwischen von Journalisten und Kameraleuten umringt war, die sie aufforderten, zu posieren, sich neben ihre Gerichte zu setzen, einen Bissen zu essen, ein Interview zu geben und noch ein weiteres Mal ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie schaffte das alles mit spielender Leichtigkeit und schien sogar einen Riesenspaß daran zu haben.

Der Koch wandte sich an Darina. »Darf ich Ihnen Simon Chapman vorstellen? Er hat seine Ausbildung bei mir gemacht und gehört heute zu den vielversprechendsten jungen Köchen. Simon, das ist Darina Lisle. Sie ist Mitglied der Jury und eines unserer aufstrebenden, neuen Kritikertalente.«

Darina schüttelte Simon Chapmans ausgestreckte Hand. »Ich bin oft in Somerset, und ich habe auch schon in Ihrem Restaurant gegessen. Es war phantastisch.« Sofort wollte er von ihr wissen, wann sie dort gewesen sei und was sie gegessen habe, und dann fachsimpelten die drei eine Weile.

»Habe ich recht gehört«, fragte der Meisterkoch, »dass Sie ein Buch schreiben, Simon?«

»Tja, ich fürchte, ich trage damit meine Schulden ab. Ich habe mich von einem Verleger breitschlagen lassen, nachdem ich Ende letzten Jahres den Preis für das beste Restaurant des Jahres bekommen habe. Und außerdem war ich noch verrückt genug, mir einen Vorschuss geben zu lassen, also nehme ich an, dass ich nun auch die Ware liefern muss. Ich stelle fest, dass es um ein Vielfaches schwieriger ist, Rezepte niederzuschreiben, als sie zu kreieren.«

»Was Sie brauchen, ist die Hilfe eines Experten, das habe ich beim Schreiben meines ersten Buches festgestellt. Ich hatte auch diese Probleme mit der korrekten Auflistung der Zutaten und dem Erklären der Arbeitsmethode, ganz zu schweigen von den Texten über die Rezepte selbst. Warum fragen Sie nicht Darina hier um Rat?« Der Koch ließ diese Bemerkung im Raum stehen, als er sich umdrehte und verschwand, um mit einem anderen Kollegen zu plaudern.

Simon Chapman musterte Darina nachdenklich. »Das klingt wie eine gute Empfehlung. Wie wär’s? Ich biete Ihnen freie Mahlzeiten an. Aber ich will Sie keinesfalls überrumpeln.« Sein Lächeln war schelmisch.

»Ein Essen bei Ihnen ist ein Angebot, dem man kaum widerstehen kann. Aber ich schreibe im Moment selbst an einem Buch, und ich weiß nicht, wieviel Zeit ich die nächsten Monate in Somerset verbringen werde.«

»Dann lade ich Sie aber auf jeden Fall zu einem Essen auf Kosten des Hauses ein«, drängte er. »Und vielleicht geben Sie mir dabei die Chance, Sie umzustimmen.«

Darina lachte und versprach, zu kommen, wenn sie das nächste Mal in Somerset war, und das meinte sie ganz aufrichtig.

»Simon, Liebling! Wir haben gewonnen!« Verity schlang ihre Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf zu sich herunter und gab ihm einen schmatzenden Kuss. »Oh, es ist so wunderbar, ich kann’s gar nicht glauben, und ohne dich hätte ich das nie geschafft.« Sie löste sich aus seiner Umarmung und wandte sich an Darina. »Vielen, vielen Dank, ich bin immer noch so aufgeregt und weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

Ihr schmales Gesicht strahlte vor Freude. Sie hatte ihre weiße Schürze abgelegt, und darunter kam ein geschmeidiger Körper in einem bunten T-Shirt und Caprihosen zum Vorschein. Dass ihre Nase im Vergleich zum Gesicht ein wenig zu groß war, sah man erst auf den zweiten Blick. Vielleicht war es ihre Lebhaftigkeit, das Leuchten ihrer blauen Augen, oder ihre Haare, so voll und hell, die ihr, ungemein raffiniert geschnitten, schräg in die breite Stirn fielen; jedenfalls machte sie den Eindruck einer Schönheit, den sogar die Nase, wenn man sie überhaupt bemerkte, nicht auslöschen konnte.

»Darina verbringt viel Zeit in Somerset, sie wird mir bei meinem Buch helfen.« Simon lächelte das Mädchen an.

»Das wollen Sie tun? Großartig! Kommen Sie, ich stelle Sie meiner Mutter und meiner Schwester vor.«

Verity Fry nahm Darina bei der Hand und zog sie durch das Gedränge von Leuten, die ihr gratulieren wollten, zu ihrer Kochnische, wo die beiden Frauen, die Darina bereits vorher aufgefallen waren, die Küchenutensilien zusammenpackten.

»Mutter, Pru, ich möchte euch Darina Lisle vorstellen. Ihr habt doch sicher schon ihre Kochkolumne im Recorder gelesen, sie ist fabelhaft.«

Die ältere Frau legte ein Sortiment Kochlöffel auf den Boden eines viereckigen Weidenkorbs und wischte sich automatisch die Hand am Rock ab, bevor sie sie Darina hinhielt und sich als Constance Fry vorstellte. Vor der Bekanntgabe der Siegerin hatte ihr markantes Gesicht vor mühsam unterdrückter Spannung so streng wie das einer römischen Statue ausgesehen, aber jetzt glühte es vor Stolz. Sie streckte die Hand aus und strich ihrer Tochter über den Blondschopf. »Ich gratuliere dir, mein Mädchen, du warst großartig.« Ihre Stimme hatte einen warmen, gutturalen Somerset-Klang.

»Und das ist meine Schwester Pru.« Verity wies auf die junge Frau, die schweigend einige Schalen in den Korb packte.

Prus Gesichtszüge waren so markant wie die ihrer Mutter. Mit ihrer olivbraunen Haut und den kurzen, dunklen Haaren wirkte sie ein wenig südländisch. Als sie Darina knapp und ohne Herzlichkeit begrüßte, hörte man auch ihren Vokalen an, dass sie aus Somerset kam, während der Akzent ihrer Schwester eher nach London als nach einer ländlichen Herkunft klang.

Veritys Aufmerksamkeit wurde nun von einem Journalisten in Anspruch genommen, und Darina fand sich allein mit den beiden Frauen. Sie plauderte munter über Veritys Menü, die Rezepte und die hervorragende Qualität der Zutaten. Als sie das Fleisch erwähnte, schaltete sich Pru in das Gespräch ein.

»Verity hat darauf bestanden, dass das Tier exakt einen Monat vor dem Wettbewerb geschlachtet wurde, so dass das Fleisch für heute genau richtig abgehangen war.«

»Sind Sie Viehzüchter?«

»Ja, Lamm, Schweinefleisch und auch Geflügel. Alles aus natürlicher Aufzucht. Frys Farm, etwas außerhalb von Lamington.«

»Warum habe ich denn noch nie etwas von Ihnen gehört? Lamington ist nicht weit von dem Ort entfernt, wo ich gewohnt habe. Ich hätte wissen müssen, dass es in der Nähe Fleisch vom Biobauern gibt.«

»Wir können uns keine Werbung leisten, und außerdem läuft das Geschäft auch so sehr gut. Sie sollten uns mal besuchen kommen.« Pru sah Darina zum ersten Mal direkt an. »Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen gerne die Farm. Sie müssen ja nicht gleich einen Werbeartikel über uns schreiben, aber ein wenig Publicity können wir natürlich immer gebrauchen.«

»Wir werden eine Party geben, um Veritys Erfolg zu feiern«, sagte Constance Fry. »Sie müssen auch kommen. Ich schicke Ihnen eine Einladung.«

Gerührt über so viel Herzlichkeit, reichte ihr Darina eine ihrer Visitenkarten, nachdem sie neben ihrer Somerset-Adresse die in Chelsea notiert hatte. »Schicken Sie sie mir nach London«, bat sie. »Ich bin im Moment meistens hier, aber wenn es sich einrichten lässt, komme ich sehr gerne.«

»Wie schön!« Verity hatte sich wieder zu ihnen gesellt. »Ist das alles nicht schrecklich aufregend? Warum ist Oliver denn noch nicht hier? Er hat versprochen, rechtzeitig zur Preisvergabe da zu sein.« Die vollen Lippen verzogen sich zu einem kleinen Schmollmund, und dann hellte sich ihr Gesicht plötzlich mit der Energie eines ganzen Kraftwerks auf, als ein hochgewachsener Mann auf die Gruppe zukam. »Liebling, ich habe gewonnen, gewonnen, gewonnen!«

Darina sah zu, wie der Mann sie in die Arme nahm, zärtlich küsste und dann vor ihr stehenblieb und mit dem gleichen, ruhigen Stolz wie vorher ihre Mutter ihr gerötetes Gesicht betrachtete.

»Endlich lernen wir mal den großen Oliver Knatchbull kennen. Sie nennt ihn ihren Verlobten«, meinte Pru, während sie die Kräuter und Gewürze von der Arbeitsfläche nahm und in dem prall gefüllten Korb verstaute, durch dessen knarrendes Weidengeflecht sie dann einen Lederriemen zog und über dem Deckel festzurrte. »Sie behauptet, sie wären verlobt, aber ich habe noch nichts von irgendwelchen Heiratsplänen gehört. Anscheinend gibt er sich schon damit zufrieden, dass sie in seinem Penthouse wohnt.«

»Ich bin sicher, dass sie es bald offiziell machen«, warf ihre Mutter ein. »Besonders jetzt, nach diesem Wettbewerb.«

»Naja, ich frage mich nur, wie es unserem Finanzgenie gefallen wird, eine so ehrgeizige Frau zu haben.« In Prus Stimme lag Zynismus und sogar eine Spur von Bitterkeit.

Er war um etliche Jahre älter als Verity und musste mindestens vierzig sein, schätzte Darina, während die Siegerin wie Anfang zwanzig wirkte. Er war die Verkörperung des erfolgreichen Geschäftsmannes, und seine leicht fleischige Kinnpartie sprach vom regelmäßigen Genuss guten Essens, obwohl er das Gewicht seines wohlgeformten Körpers bestens unter Kontrolle zu haben schien. Alles an ihm war von vornehmer Zurückhaltung: seine Kleidung, seine Manschettenknöpfe, sein Haarschnitt und sein Auftreten. Aber sein Lächeln war alles andere als zurückhaltend, als ihm seine Verlobte in allen Einzelheiten von dem Wettbewerb und ihrem Sieg berichtete.

»Und ich glaube, sie bringen über mich heute Abend sogar einen Bericht im Fernsehen!«

»Den ganzen Abend, oder haben wir noch Zeit für unsere Siegesfeier? Ich habe einen Tisch bei Tante Claire reserviert.«

»O Liebling, wie wunderbar. Aber du konntest doch gar nicht wissen, dass ich gewinne. Ich meine, ich war sicher, dass ich es nicht schaffe, alle anderen wirkten viel selbstsicherer und kompetenter.«

Er zerzauste ihr liebevoll das Haar. »Naja, wenn du nicht gewonnen hättest, wäre es ein Trostessen geworden. Aber ich war sicher, dass du es schaffst. Und jetzt müssen wir den nächsten Schritt für deine Karriere planen.«

Im Gegensatz zu dem, was Pru mit ihrer spitzen Bemerkung angedeutet hatte, schien er den Erfolg seiner Verlobten durchaus zu begrüßen, und Darina verspürte einen scharfen Stich vor Neid. Dann aber fragte sie sich, ob ihm wirklich klar war, was der Sieg in diesem Wettbewerb für seine Verlobte bedeuten konnte.

Simon Chapman hatte sich leicht abseits von der Gruppe gehalten. Als er nun auf Darina zukam, hatte er wieder sein breites Grinsen auf den Lippen. »Ich mache mich auf den Heimweg in die Provinz«, sagte er. »Zurück zu den Töpfen, ich habe mir nur einige Stunden freigenommen, um Verity moralische Unterstützung zu geben. Kann ich Sie zufällig nach Somerset mitnehmen?«

Darina lehnte dankend ab und erklärte, dass Somerset nicht auf ihrem derzeitigen Programm stünde. Sie betonte, dass Sie nur versprochen haben, zum Mittagessen zu bleiben. »Aber ich nehme Sie beim Wort und komme demnächst auf Ihre Einladung zum Essen zurück«, fügte sie hinzu, als sie den enttäuschten Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte.

Er zeigte ein rasches Lächeln und verließ den Ballsaal, nachdem er sich an der Tür noch einmal umgedreht hatte, um einen letzten Blick auf Verity zu werfen, die bei ihrer Familie und ihrem Verlobten stand. Oliver Knatchbulls Arm hielt sie dicht an sich gepresst, und er wirkte sehr viel jünger, während er über eine Bemerkung von ihr lachte. Das unbekümmerte Lächeln war plötzlich aus Simons Gesicht verschwunden, und es verdüsterte sich wie eine Landschaft, in der das helle Sonnenlicht von dunklen, bedrohlichen Wolken verdrängt wird. Im nächsten Moment war er gegangen.

Die Einladung zu Verity Frys Feier kam ein paar Tage später, als Darina den Wettbewerb und seine Siegerin schon fast wieder vergessen hatte. Und sie hatte auch nicht mehr an den Besuch in Chapmans Restaurant gedacht.

Sie verbrachte die meiste Zeit damit, einen neuen Innenanstrich für ihr Londoner Haus in Chelsea zu organisieren, dessen Wände von den kurzfristigen Bewohnern arg mitgenommen waren. Die Kinder der amerikanischen Familie besaßen anscheinend die Gabe, die Zerstörungskraft einer kleinen Armee mit den genialen Ausdrucksformen eines Picasso zu kombinieren. Und neben all ihren Einkäufen in Tapeten- und Textilgeschäften und Terminen mit dem Innenarchitekten musste sie noch Artikel für die Kochkolumne schreiben, ihre Korrespondenz erledigen und zahlreiche Telefongespräche führen.

Sie stand im Flur, während die Anstreicher Leitern und Abdeckplanen hereinschleppten, sah ihre Post durch und betrachtete die weiße Einladungskarte. Die Party sollte in zehn Tagen stattfinden, an einem Sonntagmittag. Mit der Karte war ein Prospekt für Frys Fleisch aus biologisch-organischer Viehzucht gekommen, der auf der Vorderseite die Zeichnung eines für Somerset typischen Bauernhauses trug, mit Rindern und Schafen, die unter Obstbäumen grasten. Darina überflog die schwärmerische Beschreibung und blickte sich um.

Das helle Licht des strahlenden Sommertages war den Anstreichern durch die offene Haustür gefolgt und lag nun als goldenes Rechteck auf dem schmutzigen Parkettboden. Staub tanzte in den Sonnenstrahlen, und von der King’s Road drang das gedämpfte Dröhnen des Verkehrs herein. Eine schier endlose Zahl von Farbeimern wurde hereingetragen und in der Halle aufgereiht Die Zimmer dahinter waren für die Renovierung bereits leergeräumt worden.

Darina traf eine rasche Entscheidung, ging in ihr Arbeitszimmer und begann, Papier, einige Nachschlagewerke und den ersten Entwurf für ihr neues Buch einzupacken. Ein paar Stunden später waren diese Utensilien, ein Computer, einige Kleidungsstücke und sie selbst im Auto verstaut, und sie lieferte ihr Haus auf Gedeih und Verderb den Anstreichern aus. Schließlich konnte es von diesen kaum mehr Schaden erleiden als von den Mietern. Sie verdrängte den Gedanken daran, dass sie – im Gegensatz zu den Mietern – die Anstreicher dafür bezahlte.

Sie hatte Stonehenge passiert, die Stelle, an der sie immer spürte, dass nun Südwestengland begann. Was sie jetzt nicht mehr verdrängen konnte, war das Bewusstsein, dass sie ihren Zielort nicht mehr ihr Zuhause nennen konnte, obwohl er es fast achtzehn Monate lang für sie gewesen war. Vor kurzem hatte sie diesen Ort, dieses Haus und diesen Liebhaber verlassen – mit der Absicht, nie wieder zurückzukehren.

Aber William Pigram hatte kurz darauf vor ihrer Tür in Chelsea gestanden und ihr den Schlüssel zugeworfen.

»Halt ihn warm für mich«, hatte er gesagt. »Es würde mir gefallen, dich im Haus zu wissen.« Und daraufhin hatte er sich, ohne die Antwort abzuwarten, auf den Weg zum Flughafen gemacht.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr weiterfahren zu können. Sie bog von der Landstraße ab und fuhr bis zum nächsten Dorf, wo sie vor einem Pub haltmachte. Sie bestellte eine Weißweinschorle und ging damit nach draußen in den kleinen Biergarten.

Die Szene hatte begonnen, nachdem William ihr erzählt hatte, dass er nach New York müsse. Der Kreditkartenfall, an dem er arbeitete, hatte sich als Teil einer weit größeren, amerikanischen Operation entpuppt. Die New Yorker Polizei hatte ihn gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Betrügerring zu zerschlagen. Die Bande war für den Verlust einer solchen Geldmenge verantwortlich, dass das Kreditkartenunternehmen die Kosten für Williams Aufenthalt übernahm. Die Polizei von Avon und Somerset, wo er als Detective Sergeant tätig war, konnte es sich zwar nicht leisten, ihn auf eigene Kosten zu schicken, aber sie stellten ihn für die Ermittlungsarbeiten frei, die von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten dauern konnten. »Komm mit mir«, hatte er gedrängt, »du kannst dein Buch doch überall schreiben. Warum hörst du nicht endlich mit diesen Spielereien auf und heiratest mich?«

»Spielereien?« Sie hatte ihn fassungslos angestarrt. Er stand in der Küche des kleinen Landhauses, spielte mit einem Stück Faden, mit dem sie ein ausgebeintes Hühnchen zusammengenäht hatte, und seine Größe wirkte plötzlich erdrückend in dem kleinen Raum. In seinen Augen lag eine Anziehungskraft, die sich nicht in seiner Stimme ausdrückte. Darina ignorierte sie.

»Spielereien?«, wiederholte sie, und dann noch einmal: »Spielereien?« Und diese unglückliche Formulierung hatte einen Krach ausgelöst, der sich bereits seit einer Weile zusammengebraut hatte.

Er schien weder fähig zu sein, das Ausmaß ihrer Frustration zu begreifen, noch die Ernsthaftigkeit ihrer Ziele anzuerkennen.

Sie hatte darauf bestanden, dass ein Leben als Ehefrau, und damit auch als seine Ehefrau, nicht Teil ihrer Pläne war. Er hatte gemeint, dass das keinen Unterschied machen müsse, und dass sie ihre Karriere doch auch nach ihrer Heirat fortsetzen könne.

»Du meinst, neben meiner Aufgabe, für dich zu sorgen, könnte ich nebenbei leicht ein paar kleine Artikelchen schreiben und mir ein paar nette Rezepte ausdenken. Aber du meinst doch sicher nicht, ich könnte auch Bücher schreiben, die all meine Energie kosten, oder mal eben nach London zu einem Treffen verschwinden, oder im Land herumreisen, um Kochvorführungen zu geben. Du bist ein Erfolgsmensch, in deiner Welt brauchen die Männer immer saubere Hemden im Schrank und ein tadellos aufgeräumtes Haus, und keine Frau, die selbst ein bisschen erfolgreich sein will, wenn man sie lässt.«

Er hatte protestiert, dass er ihr das durchaus zugestehe, aber sie wusste, dass er keine Vorstellung von der Art Gleichberechtigung hatte, die sie in einer Ehe forderte.

»Ich will nicht egoistisch sein«, hatte sie schließlich gesagt, »aber du scheinst nicht zu begreifen, wie wichtig es für mich ist, ich selbst zu bleiben. Ich brauche Raum, um meine eigenen Interessen zu entwickeln, und ich kann dir nicht bloß einfach überallhin folgen.«

Er hatte daraufhin gefragt, ob sie nicht lernen könne, ein bisschen kompromissfähiger zu sein.

»Und was ist mit dir«, war sie aufgebraust. »Wie wär’s, wenn du ein bisschen Kompromissbereitschaft zeigen würdest?«

Aber das tue er doch, hatte er matt erwidert und sich in der unaufgeräumten Küche umgeschaut.

Die unausgesprochene Kritik an ihrer Haushaltsführung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Tatsächlich mochte sie Unordnung ebenso wenig wie er. Solange sie ihren Catering-Service betrieben hatte, war es ihr zumindest gelungen, die Küche in ihrer Wohnung einwandfrei sauber zu halten, aber die derzeitige Häufung verschiedener Termine und Aufträge hatte die verheerende Wirkung, solche Kleinigkeiten wie Putzen und Abstauben an das hinterste Ende ihrer Prioritätenliste zu verweisen. Darina war klar, dass das alles über kurz oder lang in einer Katastrophe enden musste. Ebenso, wie sie wusste, dass man beim Kochen bestimmte Zutaten nie miteinander kombinieren durfte, wusste sie, dass die Art von Ehe, die sich William vorstellte, für sie niemals funktionieren würde.

Dann hatte er – mit Bitterkeit in der Stimme – gesagt, dass sie ihn wohl doch nicht liebte.

»Liebe! Für dich läuft es immer nur darauf hinaus, stimmt’s? Aber was ist mit gegenseitigem Respekt, Verständnis und der Bereitschaft, die Position des anderen zu akzeptieren?«

»Aber das ist doch genau das, was du mir verweigerst!« Er hatte sich von ihr abgewandt und aus dem Fenster in den Garten geblickt. Er sieht aus, war es ihr durch den Kopf gegangen, wie ein kleiner Junge, der versucht, die ungeheuerliche Nachricht zu begreifen, dass sein geliebter Hund gestorben ist. Beinahe wäre sie schwach geworden.

»Kannst du nicht ein wenig über meine Position nachdenken, während du weg bist?«, hatte sie nach ein paar Minuten gefragt. »Und wenn du dann wiederkommst …«

»Nein!«, hatte er heftig erwidert. Als er sich wieder zu ihr umwandte, hatte sein Gesicht plötzlich sehr harte Züge angenommen. »Lass es uns hier und jetzt beenden. Es gibt keine Zukunft mehr für uns, das hast du mir jedenfalls klargemacht. Ich ziehe es vor, ohne irgendwelche Fesseln fortzugehen, und ich denke, das wird auch für dich das Beste sein.«

Typisch, hatte sie später gedacht, wie er es schaffte, eine dermaßen egoistische Aussage mit einem Hauch von Rücksichtnahme auf sie zu dekorieren – so wie man einem trockenen Martini ein wenig Zitronenschale zugibt, die den Drink aromatischer macht, ohne jedoch seine Substanz zu verändern.

Sie war noch am gleichen Tag ausgezogen, dankbar, dass die Mieter ihr Haus in Chelsea gerade geräumt hatten.

Und dann war sein kurzer Abstecher auf dem Weg zum Flughafen und das Angebot gekommen, den Schlüssel zu behalten. Sie wusste, dass er sie damit – fast, wenn auch nicht ganz – gebeten hatte, auf ihn zu warten. Und fast hätte sie gesagt, sie würde da sein, wenn er zurückkommt. Aber nicht ganz. Das war vor einigen Wochen gewesen, und seither hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Jetzt hatte sie die Wahl, in seinem Haus zu wohnen, oder bei ihrer Mutter, die nicht weit von dort entfernt lebte. Aber nachdem sie bereits einmal Ann Lisles endlose Klagen und Vorwürfe wegen der gescheiterten Beziehung zu William über sich hatte ergehen lassen müssen, fiel ihr die Entscheidung nicht schwer.

Darina trank ihre Weinschorle aus, kehrte zum Wagen zurück und setzte die Fahrt fort.

Williams Brief kam ein paar Tage später aus London, nachgeschickt von einer Freundin, die sich bereit erklärt hatte, sich um ihre Post zu kümmern und zu sehen, wie die Anstreicher vorankamen.

Darina lehnte den ungeöffneten Briefumschlag gegen eine Vase mit Flieder, die auf dem mit Papieren bedeckten Küchentisch stand. Während sie ihr Mittagessen aus Schweinekoteletts mit Senfsoße zu sich nahm, ein Proberezept für ihr neues Buch über das Kochen für Zwei, betrachtete sie ihn nachdenklich. Ihre Geschmacksnerven waren auf Autopilot geschaltet, während ihre Gedanken mit dem dünnen Briefumschlag vor ihr beschäftigt waren. Sie hatte dem spontanen Impuls widerstanden, den Brief sofort zu öffnen. Hier war eine eher vorsichtige Herangehensweise angebracht. Warum schrieb er ihr? War es, um ihr zu sagen, dass er sie immer noch liebte, sie vermisste, eine Antwort von ihr wollte?

Und wenn ja, was sollte sie tun?

Er hatte ihr gefehlt. O Gott, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Als sie das aufgeräumte Haus betreten und bemerkt hatte, was für eine Putzorgie er veranstaltet haben musste – sie hatte ganz vergessen, dass der Küchenboden diese Farbe hatte –, hatte sie sich gewünscht, er wäre da, sogar um ihn schimpfen zu hören, er habe keine sauberen Socken mehr.

In der Nacht hatte sie allein in dem großen Doppelbett gelegen, das sie miteinander geteilt hatten, und Schmerz, körperlichen Schmerz empfunden vor Sehnsucht nach seiner Berührung. Am Morgen hatte sie sein unmelodisches Summen vermisst, während er sich rasierte und sie sich noch fünf Minuten im Bett gönnte. Am Abend ertappte sie sich dabei, dass sie auf seine Heimkehr wartete, auf den Kuss, den er ihr immer gab, bevor er beiden einen Drink einschenkte und ein paar Anekdoten von seiner Arbeit erzählte, um sich langsam zu entspannen. Sie vermisste seinen Sinn für Humor, seine intelligenten Bemerkungen über das, was in der Welt um sie herum vor sich ging, und sie vermisste ihn.

Auf der anderen Seite – tja, es gab schließlich immer eine andere Seite – hatte sie in Ruhe an ihrem Buch und dem nächsten monatlichen Artikel arbeiten können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was sie William am Abend kochen sollte. Sie konnte einfach essen, wann und was sie wollte. Es gab keine Hemden zu bügeln, und sie konnte den Staub souverän ignorieren. Aber wenn sie ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass nichts von all dem die Leere im Haus und in ihrem Leben aufwiegen konnte.

Jetzt griff sie nach dem Brief, schlitzte ihn auf und zog vorsichtig eine gefaltete Seite heraus.

Einige Minuten später faltete sie das Blatt wieder zusammen, steckte es mit der gleichen Sorgfalt in den Umschlag zurück und stand auf, um sich eine Tasse Kaffee zu kochen.

Es war wohl, dachte sie bei sich, die Tat eines Gentlemans, sie wissen zu lassen, dass er jemand anderen gefunden hatte. Oder glaubte, gefunden zu haben.

Wir fühlen uns sehr wohl miteinander, hatte er geschrieben. Sie hat einen lebhaften Verstand und zeigt mir ein New York, das anders ist als das, was ich durch das Polizeirevier entdeckt habe. Und sie hat mich ihrer Familie in Pennsylvania vorgestellt. Komischerweise hat ihr Vater geschäftlich mit meinem Onkel zu tun gehabt, und ich komme mir bei ihnen vor wie unter Freunden der Familie. Was einem gut tut, wenn man so weit weg von zu Hause ist. Elaine ist Rechtsanwältin, arbeitet sogar manchmal an Kriminalfällen, und so haben wir vieles gemeinsam. Und ich glaube, sie würde dir gefallen. Sie hat mich gefragt, ob ich in England jemanden hätte und wollte meine Bemerkung, dass ich ›ohne Bindung‹ sei, nicht akzeptieren. Wie spitzfindig manche Amerikaner sein können! Also habe ich ihr von dir erzählt, und sie hat vorgeschlagen, dass ich dir schreibe und dich wissen lasse, dass wir uns nähergekommen sind.

»Vielen Dank auch, Elaine«, rief Darina grimmig. »Und wie kommst du, mein lieber William, auf den Gedanken, dass sie mir gefallen würde? Weil du immer gesagt hast, wie sehr du meinen lebhaften Verstand bewunderst? Und auch vielen Dank für deine Hoffnung; dass ich ebenfalls mein Glück finde. Obwohl du das offensichtlich für unwahrscheinlich hältst, so wie ich nun einmal bin, unfähig, meine eigenen Bedürfnisse denen eines anderen Menschen unterzuordnen.«

Sie sprang auf und ging mit ihrer Kaffeetasse in den Garten. Vor der Küchentür lag eine kleine Terrasse, auf der ein Holztisch, eine Bank und einige Stühle standen. Geschützt vor dem beständigen Wind, war dies, solange die Sonne schien, vom Frühjahr bis in den späten Herbst ein warmer Platz.

Darina setzte sich. Und neben ihr saß das Gespenst vergangener Zeiten. Zeiten, in denen sie und William dort allein oder mit Freunden gesessen und gegessen, gelacht, über Gott und die Welt diskutiert und ihre Sorgen vertrieben hatten.

Wie konnte er all das so schnell vergessen? Wie konnte er sich in den kurzen Wochen, die er fort war, in jemand anderen verlieben?

Kurze Wochen? Waren sie ihr nicht vorgekommen wie die längsten ihres Lebens, während sie versucht hatte, die Leere zu füllen, die durch seine Abwesenheit entstanden war?

Also hatte er vielleicht das Gleiche empfunden. Vielleicht hatte er sich deshalb so beeilt, seinem Leben wieder eine neue Bedeutung zu geben.

Langsam zog Darina Williams Brief aus der Küchenschürze und las ihn noch einmal. Und plötzlich sah sie wieder vor sich, wie Oliver Knatchbull seinen Arm um Verity Fry gelegt hatte.

Dann zerknüllte Darina mit einer raschen Bewegung das dünne Luftpostpapier, stopfte es in ihre leere Kaffeetasse und ging zurück in die Küche.

Sie nahm das Telefonbuch und fand die Nummer, die sie suchte.

Simon Chapman selbst meldete sich.

»Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen«, sagte er. »Ich wollte gerade Detektiv spielen und sie aufspüren. Wenn Sie nichts anderes vorhaben, kommen Sie doch heute Abend vorbei. Es sieht nicht so aus, als hätten wir schrecklich viel zu tun, und dann können wir uns nach dem Essen ausgiebig unterhalten.«


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

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Band 1: Mord extra scharf
Band 2: Mord gut abgeschmeckt
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Mord Well done

Ihr Blick wanderte unruhig durch den Speisesaal, über runde Esstische unter langen, zartrosafarbenen Tischdecken und bequeme Stühle mit einer Polsterung aus karierter Shantungseide, farblich genau abgestimmt auf die gerafften Vorhänge mit Fransenbesatz, Quasten und einem kontrastierenden Futterstoff. Dieses mit sicherem Geschmack gewählte Dekor stand in keinem Verhältnis zum Rest des Hotels oder zu den Speisen, die ihnen serviert wurden und die zu den schlechtesten gehörten, die man Darina je vorgesetzt hatte.

Sie hatten das Tagesmenü gewählt, nachdem der erste Eindruck so vielversprechend gewesen war. Für die Feinschmecker-Szene musste es ein Ereignis sein, wenn ein kleines Hotel im Herzen des ländlichen Somerset sich die Mühe machte, sein Restaurant so stilvoll einzurichten und so einfallsreiche Speisen anzubieten.

Leider hatte der Einfallsreichtum das Können jedoch weit hinter sich gelassen. Das wurde bereits bei der Vorspeise offenkundig: Avocado und Mango auf Estragoncreme – zwei dicke Fruchtscheiben mit einem Klecks Frischkäse und ein paar getrockneten Kräutern.

Darina hatte bald ihren Versuch aufgegeben, diese Kreation zu verspeisen, und resigniert die Gabel sinken lassen. »Es gehört ein anständiges Dressing dazu«, klagte sie. »So, wie es ist, ist es ziemlich … ziemlich …« Sie zögerte und warf dem Mann, der sie zu diesem Essen eingeladen hatte, einen schrägen Blick zu.

»Widerlich?« schlug dieser mit undurchdringlicher Miene vor.

»Vielen Dank, Liebling, das ist genau das Wort, das ich gesucht habe.«

»Wenn ein miserables Essen bewirkt, dass du mich Liebling nennst, sollte ich dich öfter hierher einladen.«

»Wenn ich dich richtig verstanden habe, möchtest du doch, dass ich mich an diesem Hotel beteilige – in dem Fall wäre ich immer hier.«

Der Fisch war unschuldig. Sein festes weißes Fleisch lag frisch und appetitlich auf dem Teller. Schuld war die Sauce. »Glattbutt in Champagner, mit Zitrone und Thymian – klang irgendwie interessant und kreativ«, meinte Darina kläglich. Sie probierte einen weiteren Bissen, als könne sie nicht glauben, dass der erste so grässlich geschmeckt hatte.

Ihr Begleiter stocherte mit der Gabel in der fragwürdigen Komposition herum. »So zu tun, als hätte das hier irgendwas mit Sekt gemeinsam, ist eine Beleidigung für jede halbwegs anständige Flasche Schampus. Und warum ist die Sauce so merkwürdig zähflüssig?«

»Wahrscheinlich wurde sie mit Stärkemehl eingedickt, und davon reichlich. Genauso großzügig ist man mit dem Thymian gewesen – hier, das ist ja praktisch ein ganzer Zweig!« Darina hielt mit der Gabel einen Stängel in die Höhe, der mit winzig kleinen grünen Blättchen bedeckt war, ließ ihn wieder auf den Teller sinken und nahm eine geringelte Zitronenschale auf. »Sieh dir das mal an! Mehr Mark als Schale, dick genug, um Marmelade daraus zu machen – und außerdem noch unblanchiert, deshalb schmeckt sie so bitter. Der Champagner, falls es überhaupt welcher ist, hat gar keine Chance dagegen. Schade, denn der Fisch selbst ist hervorragend; es ist wirklich eine Schande!«

»Das hieße ja, ich bekäme jeden Tag das reinste Menü aus Koseworten!« Er grinste sie fröhlich an.

»Nicht ganz, denn wenn ich hier wäre, würdest du nicht so ein miserables Essen serviert bekommen.«

»Sind Sie fertig?«, fragte die Bedienung mit einem Blick auf ihre nicht einmal halbleeren Teller: »Ich hab‘ dem Koch gesagt, es würde nicht funktionieren. Ich meine, Avocado und Garnelen sind eine Sache, aber so ein ausgefallenes Zeug wie das da will doch hier keiner.« Sie hatte die Vorspeise abgeräumt, das Hauptgericht gebracht und war dann, lässig an eine der schönen Anrichten gelehnt, stehengeblieben, wo sie begann, sich die Fingernägel zu säubern.

Es waren noch drei weitere Tische besetzt. Zwei Geschäftsleute hatten das Tagesmenü mit Steak gewählt, das als Alternative zum Fisch angeboten wurde, wobei sie mehr mit Reden als mit Essen beschäftigt waren. Einer der Männer war groß und stämmig und hatte ein Geschwür hinter dem Ohr; sein Begleiter war kleiner, sah aus wie ein Wiesel und hatte die Angewohnheit, nervös mit den Augen zu zwinkern und wild mit der Gabel herumzufuchteln, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

An den beiden anderen Tischen saß jeweils ein einzelner Gast. Der eine, ein dünner Mann, aß sein Menü mit großer Hingabe, während seine Blicke den Raum durchmaßen und die Einrichtung sowie die anderen Gäste mit Forscherblick studierten. Der andere war klein und untersetzt, hatte eine auffällig zarte Haut und ein freundliches Gesicht. Um seinen ansonsten fast kahlen und glänzenden Schädel kringelten sich ein paar Büschel mausgrauer Haare. Darina registrierte mit Interesse, dass ihm eine Suppe und ein Hackfleischauflauf serviert worden waren, was beides nicht auf ihrer Speisekarte stand; und entweder waren diese Gerichte so viel besser als das, was sie bekommen hatten, oder seine Toleranz so viel größer – jedenfalls aß er mit offensichtlichem Genuss und nahm zum Schluss sogar noch ein Stück Brot, um damit den letzten Rest der Sauce vom Teller zu tunken.

»Hat es Ihnen nicht geschmeckt?«, fragte die Bedienung, während sie Darinas kaum angerührtes Fischgericht abräumte.

»Nein, tut mir leid, das kann ich wirklich nicht behaupten«, gab sie zu.

»Der Herr dort drüben hat auch nicht aufgegessen«, meinte die junge Frau und zeigte auf den dünnen Mann. »Der Koch wird furchtbar enttäuscht sein.« Das schien sie jedoch nicht allzu sehr zu bekümmern, denn ihr volles Gesicht unter dem gelbblonden Haarschopf strahlte fröhlich.

»Pudding oder Käseplatte? Es gibt auch noch Eiscreme oder die Spezialität des Hauses, Feigentorte mit Johannisbeer-Coo… Coo… ooh … Ich wusste, dass ich mir nie merken würde, wie das Zeug heißt.«

»Coulis?«, half Darina.

»Genau! Das ist es, Feigentorte mit Johannisbeer-Coulis.« Sie warf ihnen ein besonders strahlendes Lächeln zu und blieb wartend an ihrem Tisch stehen, die schmutzigen Teller auf einem Arm balancierend.

»William?« Darina sah ihren Begleiter fragend an.

»Ich werde auf Nummer Sicher gehen und die Käseplatte nehmen.«

»Feigling! Ich probier‘ die Torte.«

»Ja, trau‘ dich nur!«

Aus den Augenwinkeln sah Darina, wie der ältere, dickliche Mann der Serviererin hinterherschaute, die mit wiegenden Hüften durch den Raum ging, wobei sich der kurze, schwarze Rock bedenklich über ihrem ausladenden Hinterteil spannte. Als sie hinter der Tür zur Küche verschwunden war, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Teller zu, auf dem etwas lag, das aussah wie Apfelstreusel.

Die Käseplatte war mehr als annehmbar. Sie bestand aus einem ausgezeichneten Cheddar, einem Coleford und einem mild-würzigen Schimmelkäse aus Schafsmilch.

Mit der Feigentorte sah es allerdings etwas anders aus.

»Also wirklich, William«, meinte Darina nach dem ersten

Bissen. »Du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, ich sei daran interessiert, mich an einem Unternehmen zu beteiligen, das so etwas hier als »Spezialität des Hauses« anbietet.« Angewidert schob sie den Teller von sich, auf dem ein flaches, mit geschnittenen Feigen belegtes Teigstück lag, über das eine lilafarbene, klebrig-süße Masse gegossen war.

»Das sieht nicht nur aus wie Pappe, es hat auch die Konsistenz und den Geschmack von Pappe, und das Johannisbeeraroma schlägt die Feigen restlos tot.«

Ihr Begleiter war ein hochgewachsener junger Mann Anfang dreißig mit dunklen Locken, silbrig-grauen Augen, die manchmal eher grün oder blau schimmerten, und einem gewinnenden Lächeln.

»Du kannst ein Hotel nicht ausschließlich nach seinem Essen beurteilen.«

»Für mich gehört das zu den wichtigsten Kriterien überhaupt. Essen ist etwas ganz Elementares, eine Lebensnotwendigkeit sozusagen. Wenn es ungenießbar ist, werden sich die Leute auch nicht weiter für das schöne Dekor interessieren, und wenn es wirklich gut ist, nehmen sie dafür unbequeme Stühle und eine weniger stilvolle Einrichtung in Kauf. Wieso haben wir hier eigentlich einen so wunderbar ausgestatteten Speisesaal, wenn die Bedienung keine Ahnung von Gastronomie hat? Wir haben ein Mineralwasser mit Kohlensäure bestellt, und sie hat eins ohne gebracht, außerdem das falsche Besteck, und die Gäste dort drüben hat sie völlig ignoriert. Und warum sieht das Hotel – diesen Raum einmal ausgenommen – aus, als befänden wir uns immer noch in den Fünfzigern?«

»Jetzt hör aber auf, zu der Zeit hattest du ja noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt!«

»Trotzdem weiß ich, wie es damals ausgesehen hat. Gib zu, dass ich recht habe!«

»Tony Mason hat das Haus vor ungefähr einem Jahr gekauft. Da war es noch ein Seniorenheim voller alter Leute – findest du nicht auch, dass der französische Begriff troisième âge viel netter klingt? –, die dann nach Südwestengland gezogen sind. Er hat geglaubt, dass man es in ein luxuriöses Landhotel umwandeln könne – und mit dem Speisesaal und der Küche hat er eben angefangen.«

Darina sah sich noch einmal in dem geschmackvollen Raum um. »Die Einrichtung wird seinem Anspruch ja durchaus gerecht, nur – was, bitte schön, ist mit dem Essen passiert? «

»Ulla sagt …«, begann William.

»Wer ist Ulla?«

»La patronne. Während einer Unterhaltung mit ihr kam mir die Idee mit deiner Beteiligung.«

»Erklär mir doch bitte mal genau, weshalb ich daran interessiert sein könnte, mein Geld in dieses Unternehmen zu stecken.« Darinas Ton war nicht gerade ermutigend.

William warf ihr ein flüchtiges Lächeln zu. »Hast du nicht, seit wir uns kennen, ständig davon geredet, dass es dein großer Traum sei, ein Hotel auf dem Land zu besitzen? Und versuchst du nicht gerade, dein wertvolles Haus in Chelsea zu verkaufen, um das Kapital dafür zu bekommen? Und hast du nicht neulich erst gesagt, dass dir der Verkauf wahrscheinlich doch nicht genug Geld einbringen wird, um ein Hotel zu kaufen, das deinen Vorstellungen entspricht? Als ich hörte, dass man im Hotel Morgan nach einem Partner Ausschau hält, der bereit ist, etwas Kapital in das Geschäft zu investieren, habe ich jedenfalls sofort an dich gedacht.« Nach diesen Worten sah er aus wie ein kleiner Hund, der seinem Besitzer stolz einen Hausschuh vor die Füße legt, ungeachtet dessen, dass er ihn vorher schon ausgiebig zernagt hat.

»Du meinst also«, Darina betrachtete ihn nachdenklich, »dass du meinen beruflichen Ehrgeiz ernst nimmst?«

»Zweifelst du etwa daran?«

»Wenn du mich in diesem Ton fragst, ja.«

»Wieso, was stimmt nicht mit meinem Ton?«

»Er klingt so nach >wenn ich ihr ihren Willen lasse, begreift sie vielleicht, was für eine idiotische Idee das Ganze ist<.«

Ihre grauen Augen blickten direkt in die seinen, und sein Grinsen verschwand. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest umschlossen, obwohl sie gar keine Anstalten machte, sie ihm zu entziehen. »Hör zu, Liebes, ich nehme dich wirklich ernst. Schließlich habe ich dich oft genug in Aktion erlebt, um zu wissen, dass du enorm talentiert und äußerst zielstrebig bist. Du hast aus deinem Catering-Service einen Riesenerfolg gemacht, und ich bin sicher, du bist eine der Besten in deinem Fach. Aber du kannst kaum Begeisterung von mir erwarten, wenn du ein Projekt starten würdest, das dich total in Anspruch nimmt – noch dazu an einem Ort, an dem ich dich möglicherweise nicht regelmäßig sehen könnte. Also schien mir die Sache mit dem Hotel Morgan ein guter Kompromiss zu sein.«

»Ein Kompromiss?«

»Es ist ein schönes Hotel, du hättest eine Partnerin, mit der du die Verantwortung teilen könntest, und es ist in meiner Nähe, sodass wir uns nach Dienstschluss immer treffen könnten.«

»Das heißt wohl, ich müsste alles stehen und liegen lassen, wenn du gerade Zeit hast?«

Er stöhnte und ließ ihre Hand los. »Das ist doch Unsinn. Du weißt genau, dass ich es so nicht gemeint habe.«

»Es hat aber ganz so geklungen. Und jetzt hör du mir mal zu. Ich verstehe und akzeptiere, dass du als Polizeibeamter keinen geregelten Acht-Stunden-Tag hast, und dass dein Privatleben da oft in den Hintergrund treten muss. Warum kannst du dann nicht auch akzeptieren, dass ein Beruf im Hotel- oder Gastronomiegewerbe nach ganz ähnlichen Prinzipien funktioniert?«

Seine Finger schlössen sich wieder um ihre Hand. »Darina, Liebling, heirate mich und gib die Idee mit dem Hotel auf. «

Ihre Augen weiteten sich, und einen Moment lang saß sie nur ganz still da.

»Das kommt ein bisschen plötzlich.«

»Jetzt sag nur noch, damit hättest du nicht gerechnet. Du weißt doch, was ich für dich empfinde, und während der letzten Wochen habe ich den Eindruck bekommen, dass du das gleiche fühlst. Wäre eine Heirat da nicht die logische Konsequenz?«

»Und das würde bedeuten, dass ich meinen Beruf aufgebe, um mich den Rest meiner Tage als Hausfrau zu betätigen?«

»Du bräuchtest ja nicht ganz mit der Arbeit aufzuhören – du könntest doch zum Beispiel nebenbei Partys und Festessen organisieren.«

»Nebenbei Partys und Festessen!«

»Naja, ich meine, wäre es denn nicht wichtiger, meine Frau zu sein? Und außerdem hätten wir ja noch Kinder.«

»Kinder«, wiederholte sie tonlos.

»Willst du denn keine Kinder?«

Darina dachte eine Weile über diese Frage nach. Was für eine Mutter würde sie wohl abgeben? Sie sah die kleinen, süßen Babys vor sich, die Williams Augen hatten, dann die schrecklich ungezogenen Kinder, die kein Gemüse essen wollten, schließlich die schwierigen Teenager, die gegen ihre Eltern rebellierten. Danach blickte sie sich noch einmal in dem eleganten Raum um.

»Ich nehme an, ein Hotel zu führen, darin die richtige Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Gäste wohlfühlen, für ihr Essen zu sorgen und sich um all ihre Bedürfnisse zu kümmern ist so was Ähnliches, wie Hausfrau und Mutter zu sein.«

»Und ich wette, die Gäste sind mindestens ebenso schwierig wie ein Kleinkind und genauso undankbar. Aber glaubst du denn im Ernst, dass ein Hotel eine wirkliche Familie ersetzen kann?«

Sie fühlte sich unbehaglich angesichts der Intensität seiner Blicke, die in seinen Worten nicht mitschwang.

»William, ich bin noch nicht so weit, mich auf diese Art zu binden. Ich kann mir nicht vorstellen, jemand anderen als dich zu lieben, aber wenn ich nicht versuche, das Ziel zu erreichen, das ich mir gesteckt habe, auch wenn es etwas ist, das dir unbedeutend erscheinen mag, würde ich es immer bereuen.«

»Du würdest es bereuen, mich geheiratet zu haben?«

»Das habe ich eigentlich nicht gemeint, aber du hast recht, das könnte passieren. Ich habe es schon bei Freunden erlebt.«

Sie beugte sich vor und sprach eindringlich weiter: »Versteh‘ doch, ich muss jetzt meine Chance ergreifen. Uns beiden bleibt noch jede Menge Zeit füreinander. Ich bin erst achtundzwanzig, da brauchen wir uns mit dem Nachwuchs doch nicht so zu beeilen. Aber wenn ich jetzt nicht versuche, meinen Traum vom eigenen Hotel zu verwirklichen, ist es zu spät. Der Konkurrenzdruck wird immer größer, das notwendige Startkapital auch. Schau dir doch an, was die neuen Hotels jetzt schon alles bieten müssen: Fitnessräume, Swimmingpools, eine spektakuläre Umgebung. Vielleicht ist es sogar schon zu spät für Leute wie mich, aber ich muss es einfach versuchen, begreifst du das denn nicht?«

Er sagte nichts.

»Kann zwischen uns nicht alles so bleiben, wie es war?«, fragte sie bittend.

»Du meinst, du willst weiterhin eine Affäre mit mir haben, aber du willst mich nicht heiraten?«

»Ist das heutzutage nicht so üblich?« Sie versuchte, einen leichteren Ton anzuschlagen.

»Dann bin ich wohl nicht so aktuell, wie ich dachte, sondern gehöre mit meinen Vorstellungen eher zu den Ewiggestrigen.« Er schob seinen Teller von sich, rief nach der Bedienung und bestellte Kaffee.

»Wie geht es denn Inspektor Grant?« Darina wollte das Thema wechseln, aber es schien, dass ihre Wahl keine besonders gute war, denn Williams Gesicht verdüsterte sich noch mehr.

»Er ist ganz begeistert von dem neuen Kollegen in unserem Team.«

»Und der taugt nichts?«

»Er ist eine Frau.«

»Du verdammter Chauvinist!« Darina war ehrlich empört.

»Aber nein, das verstehst du völlig falsch. Ich habe nichts gegen Frauen, wirklich nicht. Es ist nur so, dass wir bis jetzt ein großartiges Team waren; wenn nun eine Frau dazukommt, heißt das, dass sich die Arbeitsatmosphäre total verändern wird.«

Darina sagte nichts, sie sah ihren Begleiter nur an. Sie wusste, dass er im Grunde seines Herzens ziemlich konservativ war, aber sie hatte nicht realisiert, dass es solche Formen annehmen könnte.

»Und wie ist sie, eure neue Kollegin?«

»Ich habe sie erst heute Morgen kennengelernt. Eher ruhig, wirkt kompetent, keine strahlende Schönheit, aber sie sieht nett aus.«

»Kopf hoch! Wenn Grant diese Frau mit so viel Begeisterung aufgenommen hat, wird sie bestimmt ein würdiges Mitglied eures Teams. Außerdem wette ich um meine letzte Flasche Haselnussöl, dass auch dein hervorragender Inspektor mal ein aktives Mitglied im Club der Frauenfeinde war.«

William grinste breit und war plötzlich wieder ganz der Mann, den sie liebte. »Wie scharfsinnig du bist. Aber jetzt lass uns nicht weiter darüber reden. Was ich dir nämlich noch über dieses Hotel erzählen wollte, ist …« In diesem Moment trat die Bedienung an ihren Tisch, um ihm zu sagen, dass er am Telefon verlangt werde.

Während Darina ihren Kaffee trank und auf ihn wartete, sann sie darüber nach, wie wohl die Ablehnung seines Heiratsantrags ihre Beziehung verändern würde. Warum konnte er die Dinge nicht so lassen, wie sie waren?

Es war erst ein paar Wochen her, dass sie endlich begriffen hatte, wie tief ihre Gefühle füreinander waren. Dann hatte William sie kurzerhand zu einem Urlaub im Lake District entführt, wo sie den Luxus und das wunderbare Essen des Miller Howe Hotels genossen hatten. Keine Flitterwochen hätten schöner sein können. Die herrliche Landschaft, in der es im November fast keine Touristen gab, hatte ihrer romantischen Stimmung genau entsprochen. Zusammen waren sie über die Hügel gewandert, die seit den Zeiten der Römer unverändert geblieben waren, hatten Dörfer besucht, deren Häuser aus dunklen, vom Regen ausgewaschenen Steinen erbaut waren, hatten die Gedichte der Lakeland-Poeten gelesen, über alle möglichen Themen diskutiert, zu viel gegessen und zu viel Wein getrunken, was ihnen aber keineswegs schlecht bekommen war. Und Darina hatte eine Sinnlichkeit entdeckt, die über die Tafelfreuden hinausging …

Am zweiten Abend ihres Aufenthalts hatten sie sich vor dem Abendessen auf ein Glas Wein in die Hotelhalle gesetzt. Am Morgen waren sie zu einer Wanderung aufgebrochen, hatten in einem Pub zu Mittag gegessen und waren am Nachmittag auf ihr Zimmer mit Blick auf den Lake Windermere zurückgekehrt, der zu Tagesbeginn noch blauschimmernd unter einem wolkenlosen Himmel gelegen hatte, sich aber mittlerweile hinter einem Schleier aus Nebel und Regen verbarg. Während sie nun an ihrem australischen Chardonnay nippte, der, wohltemperiert, sein unvergleichliches Aroma entfaltete, gab sich Darina einem ganz ungewohnt intensiven Bewusstsein ihres Körpers hin – betäubt und aufs äußerste belebt zugleich, wie ein Bündel nackter Drähte in einer Samtumhüllung. Sie spürte jeden Atemzug des Mannes neben ihr. Seine linke Hand lag auf der Sessellehne; sie betrachtete die langen, knochigen Finger mit den flachen Nägeln, deren weiße Ränder sorgfältig geschnitten waren. Mit überaus großer Deutlichkeit erinnerte sie sich daran, wie diese Finger ihren nackten Körper berührt hatten, als sie der Umrisslinie ihrer Brüste und Hüften folgten; an den verschleierten Blick seiner nunmehr tiefdunklen Augen, und ebenso deutlich spürte sie jetzt an dem veränderten Rhythmus seiner Atemzüge, dass er in diesem Moment den gleichen Gedanken hatte.

Sie nahm diese Erkenntnis mit jeder Nervenfaser ihres Körpers auf, erhob ihr Glas, sah ihn mit einer Selbstsicherheit, die sie vorher nicht gekannt hatte, direkt an und brachte einen stillen Toast aus auf alles, was sie heute genossen hatten und in den folgenden Tagen noch genießen würden. Er erwiderte den Toast, sie lachten, redeten dann von etwas Belanglosem, ihr Wissen um zukünftige Freuden für sich behaltend, nicht wie ein Geizhals, der ängstlich seine Schätze hütet, sondern mehr wie ein Musikliebhaber, der seine liebste Schallplatte eine Weile ruhen lässt und stattdessen ein anderes Stück desselben Komponisten auflegt. Es war die Wahrheit, als sie sagte, sie könne sich nicht vorstellen, jemand anderen als William zu lieben. Er war ihr Freund und Gefährte ebenso wie ihr Geliebter; ein Mann, von dem sie sich gut vorstellen konnte, mit ihm alt zu werden. Doch derlei Pläne schienen ihr augenblicklich ein wenig verfrüht. So viel war geschehen, seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren, und ihr Leben hatte sich so sehr verändert. Damals hatte sie noch ihren eigenen Catering-Service gehabt, war ständig damit beschäftigt gewesen, neue Kunden zu werben und immer in Sorge, ob das Geld reichen würde. Jetzt war sie finanziell unabhängig und hatte damit die Gelegenheit, sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen. Und da war noch etwas. Seit sie Detective Sergeant William Pigram kannte, hatte sie bereits zwei Mordfälle gelöst. Obwohl er schließlich beide Male sehr großmütig gewesen war, wusste Darina, dass es ihm eigentlich lieber gewesen wäre, wenn sie sich nicht in etwas eingemischt hätte, was er, zweifellos zurecht, als seine Angelegenheit betrachtete.

Dabei hatte sie im Grunde gar keine andere Wahl gehabt. Jedenfalls nicht beim ersten Mal, als es darum ging, dass sie einfach ihre Unschuld beweisen musste. Beim zweiten Mal vielleicht schon eher, aber für sie war es eine Frage der Loyalität gewesen, und dann hatte sie festgestellt, dass es ihr Spaß machte, analytisch und mit der notwendigen Distanz zu denken, bis sie alle Hinweise so zusammengefügt hatte, dass sie die richtige Lösung ergaben. Darina schüttelte den Gedanken ab. Schließlich war es wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass sie noch einmal in einen Mordfall verwickelt werden würde. Aber was wäre, wenn es William passieren würde? Würde sie es schaffen, ihre natürliche Neugier zu bezähmen und solche Fragen zu vermeiden, die ihm vorkommen könnten, als wolle sie sich einmischen oder gar – Gott behüte! – die Sache selbst in die Hand nehmen? William sah in ihr offensichtlich die Ehefrau und Mutter, nicht die Amateurdetektivin oder Hotelbesitzerin, wenn er jetzt auch das Gegenteil beteuerte. Und sie war noch nicht so weit, sich niederzulassen, ein Nest zu bauen und Kinder großzuziehen. Darina fühlte ihren Ehrgeiz wachsen wie Hefe in einem gut durchgekneteten Teig. Sie war wie eine Athletin, die lange und hart für ein bestimmtes Rennen trainiert hatte und jetzt, jeder einzelne Muskel vor Erwartung bebend, auf den Startschuss horchte. Sie hatte so viele Ideen und wusste genau, was sie erreichen wollte. Sie musste nur noch das richtige Objekt finden. War das Hotel Morgan das Richtige für sie? Und was genau waren Williams Motive, sie hierher zu bringen? Darina blickte sich ein letztes Mal im Speisesaal um. Wenn es auf diesem Niveau mit den Renovierungsarbeiten weitergehen sollte, konnte sie verstehen, warum sich die Besitzer nach einem neuen Geldgeber umsahen. Sie war beinahe entschlossen. Wenn nur das Essen nicht so gewollt originell und dabei so miserabel gewesen wäre. »Ich muss gehen.« Ihr Freund war an den Tisch zurückgekehrt, warf einen flüchtigen Blick auf die Rechnung, die in seiner Abwesenheit gebracht worden war, und entnahm seiner Brieftasche ein paar Geldscheine. »Man hat eine Leiche gefunden – es sieht aus wie Mord.«

William nahm hastig Abschied. »Unterhalte dich doch mal mit Ulla, und dann bitte Alex, dich nach Hause zu fahren«, rief er, während er in seinen Mantel schlüpfte und zu seinem Auto lief. »Ach ja, und entschuldige mich bitte bei ihr.« Darina winkte ihm nach, als er mit quietschenden Reifen davonbrauste und fragte sich, wann sie ihn wohl wiedersehen würde. Wenn er mit der Untersuchung eines Mordfalles beschäftigt war, könnte es einige Zeit dauern. Sie drehte sich um und betrachtete die Fassade des Hotels. Es war im viktorianischen Stil erbaut. Die hohen Erkerfenster, die zu beiden Seiten des reichverzierten Portals hervorsprangen, schienen ursprünglich zu einem älteren Gebäude gehört zu haben. Hinter der spitzgiebligen Front bot sich dem Betrachter ein Durcheinander von niedrigeren Dächern, auf denen sich zahlreiche Tudor-Kamine erhoben. Der graue Stein, der das Licht der Wintersonne schluckte, ohne es zu reflektieren, war nackt, kein Efeubewuchs milderte seine Strenge. Darina nahm die Einzelheiten des Gebäudes genauer in Augenschein. Das Dach schien in Ordnung zu sein, aber ein paar der Dachrinnen waren arg verrostet, und auch die Fugenmasse zwischen den Ziegeln musste ausgebessert werden. Und – war es Einbildung, oder neigte sich das Portal wirklich leicht nach einer Seite? Die Kiesauffahrt vor dem Haus war gepflegt, aber der Rasen mit seinen kümmerlichen Sträuchern ließ sehr zu wünschen übrig. Darina entdeckte ein paar tote Zweige, die von den Bäumen hingen, wahrscheinlich die Opfer der letzten Serie von Stürmen. Das Ganze sah aus wie die Kulisse zu einer Verfilmung von Dornröschen, aber ohne den märchenhaften Charme. Sie fröstelte, als sich ein kalter Wind erhob, und ging rasch wieder hinein. Die Eingangshalle des Hotels war ebenfalls völlig ungeeignet, den Gästen ein fröhliches Willkommen zu bereiten. Der dunkle, holzgetäfelte Raum war nur schwach beleuchtet, und das Mobiliar war ohne jeden Sinn für Stil zusammengestellt worden. Auf einem schweren Eichentisch mit gedrechselten Beinen war ein Sortiment von Prospekten für Touristen ausgelegt, und mehrere unförmige Plüschsessel mit hölzernen Armlehnen standen wenig einladend auf dem gefliesten Fußboden. In einem riesigen steinernen Kamin glomm schwach ein einsamer Holzscheit, der kaum dazu beitrug, die Raumtemperatur anzuheben, die man nur als lausig kalt bezeichnen konnte. Die Rezeption aus fleckigem Sperrholz hatte man in einer Ecke versteckt – Personal suchte man hier vergeblich. Das einzig Ansehnliche an diesem Raum war ein phantastisches Arrangement aus getrockneten Blumen in einer antiken, chinesischen Schale, die von einem runden, zentral platzierten Tisch aus ihre Schönheit verströmte. Die blauen und cremefarbenen Blüten, um deren lange Stiele sich wilder Wein rankte, waren mit viel Kunstfertigkeit und Geschmack angeordnet. Bewundernd betrachtete Darina eine Weile die Komposition. Sie fragte sich gerade, wo sie wohl die Besitzer dieses ungastlichen Etablissements finden könne, als sie Stimmen hörte – besser gesagt eine Stimme, weiblich und sehr ärgerlich.

»Und glaub‘ nicht, du könntest mich nochmal so versetzen! Nicht einmal entschuldigt hast du dich! Ich hab‘ gestern den ganzen Tag auf deinen Anruf gewartet; und heute Morgen ebenfalls.« Aus einer Tür an der Rückseite des Raumes trat eine junge Frau, die gerade in eine braune Wildlederjacke schlüpfte und ihre Bemerkungen über die Schulter zurückwarf, während sie energisch durch die Empfangshalle schritt. Das Auffälligste an ihr war eine wunderbar üppige, kupferrot schimmernde Lockenpracht, die ein recht hübsches Gesicht mit dunkelbernsteinfarbenen, leicht schrägstehenden Augen und einem Schmollmund umrahmte. Ihr kleiner, zierlicher Körper bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze, aber sie strahlte eine solche Unzufriedenheit aus, dass sie weit weniger attraktiv wirkte, als sie es eigentlich hätte sein können. In der Tür drehte sie sich noch einmal um, warf Darina einen gleichgültigen Blick zu und lächelte zu dem Mann auf, der ihr gefolgt war. In diesem Augenblick entfaltete sich plötzlich ihre zuvor nur angedeutete Anziehungskraft. »Wie wär’s mit heute Abend?« fragte sie mit süßer, unwiderstehlicher Stimme. Der Mann schien unbeeindruckt. »Ich ruf dich später an, Olivia. Ich kann dir keine Zusage machen, weil wir wahrscheinlich viel zu tun haben werden.« Der kleine Schmollmund verlor rasch wieder seinen Reiz. »Erzähl mir bloß nicht, dass ihr Gäste habt. Wenn du glaubst, dass ich wieder bloß rumsitze und auf dich warte, hast du dich getäuscht!« Mit diesen Worten verschwand sie und knallte die Tür hinter sich zu. Ohne die junge Frau auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, kam der Mann auf Darina zu. »Kann ich Ihnen helfen?« Darina blickte in Augen von der Schönheit eines in Eis gespiegelten, strahlendblauen Himmels und verstand augenblicklich den Groll des Mädchens. Der Mann war etwa in ihrem Alter, langgliedrig und schlaksig, salopp gekleidet in Jeans und Sweatshirt.

Sein flachsblondes Haar fiel ihm in die breite Stirn, und seine bemerkenswerten Augen lagen unter Brauen, die so hell waren, dass man sie kaum sah. Seine Wimpern waren von der gleichen Farblosigkeit. War dies der Grund, dass er wie jemand wirkte, der in den Anblick ferner Horizonte versunken war? Oder war es nur so, dass er an seiner näheren Umgebung einfach nicht interessiert war? »Ich suche den bzw. die Inhaber dieses Hotels: Tony und Ulla Mason.«

Er runzelte die Stirn. »Mein Vater ist tot. Wo Ulla ist, weiß ich nicht; und ich bin Alex Mason. Ich schätze, Sie können mich als den Miteigentümer betrachten. Worum geht’s denn?« Wie unaufmerksam von William, einfach zu verschwinden, bevor er sie über diese Tatsache unterrichtet oder ihr erzählt hatte, was genau er mit Ulla Mason besprochen hatte – falls er überhaupt irgendetwas mit ihr besprochen hatte. Während Darina noch überlegte, wie sie beginnen sollte, trat eine zierliche blonde Frau, nicht viel älter als sie selbst, durch die Eingangstür. »Was hast du denn mit Olivia Brownsword gemacht, Alex? Sie ist wie eine Furie an mir vorbeigerannt, ohne mich zu grüßen.«

»Sie wird schon drüber wegkommen. Anscheinend glaubt sie, sie hätte Anspruch auf meine Zeit. Hier ist übrigens jemand, der dich sprechen möchte.« Mit diesen Worten wies er mit einer lässigen Handbewegung in Darinas Richtung und verschwand in den hinteren Regionen des Hotels. »Vergiss nicht, dass du heute Abend Dienst hast«, rief die junge Frau ihm nach und seufzte tief. »Es ist mir ein Rätsel, warum dieses Mädchen so hartnäckig ist, er behandelt sie wie ein Stück Dreck. Also, was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme hatte einen leicht fremdartigen Tonfall, eine Art Singsang, der Darina, ebenso wie die ungewöhnliche Helligkeit ihrer Haare und ihrer Haut, an Skandinavien denken ließ.

»Ich bin Darina Lisle. William Pigram hat mich zum Mittagessen hierhergebracht«, begann sie.

»Oh ja natürlich, William. Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht hier war. Ich musste einkaufen, und das hat viel länger gedauert, als ich dachte. Für einen Montagmorgen war bei Yeovil ein unglaublicher Betrieb. War das Essen gut?« Die Frage klang wirklich interessiert.

Darina zögerte. »Wir haben diese Woche mit unserem neuen Menü begonnen. Der Küchenchef hat die Rezepte speziell für uns kreiert. Wir hoffen auf ein lebhaftes Weihnachtsgeschäft. Die Leute müssen den Truthahn doch langsam satthaben. Ah, Mr. Nicholls, wie schön, Sie zu sehen. Und wie nett von Ihnen, dass Sie uns so bald besucht haben. Haben Ihnen die Speisen zugesagt?«

Der Gast, der seine Mahlzeit mit solcher Konzentration verzehrt hatte, hielt auf seinem Weg zum Ausgang inne, als Ulla Mason auf ihn zuging, um ihn zu begrüßen. Er ergriff ihre Hand und sah sie an wie der Weihnachtsmann, dem gerade einfällt, dass er seinen Sack mit Geschenken vergessen hat. »Meine liebe Mrs. Mason, es tut mir leid, aber ich kann nichts für Sie tun. Ich kann unmöglich einen Artikel über Sie im Western Chronicle schreiben, denn das würde bedeuten, dass Sie überhaupt keine Gäste mehr hätten.« Er tätschelte tröstend ihre Hand. »Stellen Sie einen anderen Küchenchef ein, und lassen Sie mich wissen, wenn es soweit ist. Dann werde ich’s nochmal versuchen.« Er nahm seinen Mantel von einem altmodischen Kleiderständer und verließ das Hotel. Ulla Mason starrte ihm fassungslos nach. Dann drehte sie sich zu Darina um. »Was meint er denn damit? Das Essen kann doch wohl nicht so schlecht gewesen sein!?«

»Ich fürchte, doch.« In diesem Augenblick kamen die beiden Geschäftsleute unter lautem Gelächter aus Richtung des Speisesaals. Die Inhaberin lächelte ihnen nervös zu. »Du liebe Zeit, Ulla«, rief der größere von beiden mit dem Geschwür hinterm Ohr, »was haben Sie denn mit dem Essen angestellt? Und was spricht gegen Truthahn? Dieses vornehme Zeug hätten wir eher im Manor Park Hotel erwartet, mit dem Unterschied, dass man es dort auch hätte genießen können – warum bekommt man denn hier keine ordentlichen Pommes frites mehr und einen anständigen Pudding? Jetzt gibt’s noch nicht mal Hammelpastete, und wir haben schon Mitte Dezember!«

»Es tut mir wirklich leid, aber wir haben einen neuen Küchenchef und probieren mal ein anderes Menü. Kommen Sie doch nächste Woche wieder vorbei – ich werde sehen, was sich machen lässt. Das Mittagessen heute geht natürlich auf Kosten des Hauses.«

»Aber nein, das Steak war ganz in Ordnung.« Der große

Mann schlug sich seinen ausladenden Bauch. »Geben Sie uns einen Drink aus, wenn wir das nächste Mal kommen, und damit ist die Sache erledigt. So, und jetzt komm, Derek, wir müssen wieder an die Arbeit.« Ulla Mason blickte ihnen nach, und Darina hatte das Gefühl, sie würde gleich in Tränen ausbrechen. »Das waren zwei der einflussreichsten Männer aus dem Gemeinderat. Derek ist Vorsitzender der Baubehörde, und der Himmel weiß, ob die beiden jemals wiederkommen. Tony wusste immer, wie er mit ihnen umgehen musste. Sie haben ihm förmlich aus der Hand gefressen. Naja, es sieht ja ohnehin nicht so aus, als müssten wir in der nächsten Zukunft eine Baugenehmigung beantragen.« Sie strich sich über die Stirn. »Aber ich verstehe es trotzdem nicht. Sie müssen mir sagen, was passiert ist. William hat mir erzählt, dass Sie sich in der Gastronomie bestens auskennen.«

Ulla hakte sich bei Darina ein und führte sie durch die hintere Tür in ein kleines Büro am Ende eines dunklen Korridors. Durch das Fenster, das so schmutzig war, dass kaum das Tageslicht hindurchdrang, erkannte man einen schmuddeligen Hinterhof. Eine Lampe mit grünem Schirm bemühte sich, ein wenig Licht zu verbreiten; dennoch wirkte der mit Möbeln und Büromaterial vollgestopfte Raum nur wenig heller als die Eingangshalle. In der einen Ecke standen ein Computer und ein Kopiergerät und in der anderen ein mit Akten und Broschüren bedeckter, großer Schreibtisch. Dahinter saß Alex und studierte einen Atlas. Ulla funkelte ihn wütend an. »Hast du in der Bar alles vorbereitet für heute Abend?« Er sah nicht einmal auf. »Dafür ist noch reichlich Zeit. Wir werden kaum ins Schwitzen geraten von dem Ansturm der Gäste. Die einzige Reservierung für heute Abend ist ein Tisch für vier Personen.« Ulla wies auf einen kleinen Sessel. »Bitte setzen Sie sich.« Dann rieb sie sich die Hände. »Ist es nicht schrecklich kalt hier drin? Vielleicht sollten wir die Heizung anmachen.« Sie beugte sich vor und schaltete einen kleinen elektrischen Heizstrahler ein. »Alex, das ist Darina Lisle. Sie ist möglicherweise daran interessiert, unsere

Geschäftspartnerin zu werden.« Die durchdringenden Augen wandten den Blick vom Atlas und fixierten ihr Gegenüber. »Verkauf den alten Kasten, Ulla, und werd‘ diesen verdammten Alptraum endlich los. Du kämpfst hier eine verlorene Schlacht.« Der junge Mann stand auf und klemmte sich den Adas unter den Arm. »Man hat dir ein gutes Angebot gemacht, und ich kann dir nur raten, es anzunehmen.« Er schlenderte zur Tür.

»Du weißt, dass ich das nicht tun werde, Alex, obwohl ich manchmal in Versuchung komme; schließlich würde das bedeuten, dass ich dich nie wiedersehen müsste.« Er drehte sich noch einmal um. »Mäßige dich, sonst könnte es passieren, dass ich auf der Stelle verschwinde, was würdest du dann machen, liebes Mütterchen?« Mit den letzten Worten schloss er langsam die Tür hinter sich. Ulla machte ein Geräusch, das sich anhörte wie eine Mischung aus Knurren und Schreien und schlug sich mit der Faust an den Kopf. »Dieser verdammte Alex! Manchmal könnte ich ihn erwürgen. Wie kommt es eigentlich, dass bestimmte Leute so genau wissen, wie sie einen zur Weißglut bringen können?« Sie erwartete offensichtlich keine Antwort auf diese Frage. Während sie sich in dem Stuhl niederließ, den Alex geräumt hatte, betrachtete Darina sie interessiert. Ulla war höchstens dreißig Jahre alt. Ein paar Fältchen hatten begonnen, sich in die zarte Haut zu prägen, aber ihre Figur, deren volle Brüste und schmale Hüften unter einem Strickkleid mit passender Jacke bestens zur Geltung kamen, war jugendlich und sexy. Diese Mischung aus provokativer Sinnlichkeit und androgyner Unschuld musste umwerfend attraktiv auf Männer wirken, besonders in Verbindung mit diesem Gesicht, das so lieblich war wie das einer Märchenprinzessin, und diesem wunderbar flachsblonden Haar, das von natürlichen honig- und goldfarbenen Strähnchen durchzogen war.

»Ich nehme an, Alex ist ihr Stiefsohn?« Ulla nickte. »Er ist eigentlich kein Hotelier. Nachdem Tony starb, ist er hergekommen, um auszuhelfen. Aber lassen Sie uns nicht weiter über Alex reden, das macht mich immer so wütend. Sagen Sie mir lieber, was mit dem Mittagessen war. Ich dachte, die neuen Gerichte würden ein großer Erfolg werden.«

»Haben Sie den Küchenchef schon lange?«

»Nein, Ken Farthing hat erst vor ein paar Wochen bei uns angefangen. Ich war sehr zufrieden mit ihm, denn er schien wirklich gut zu sein. Das Angebot an Speisen, das wir vorher hatten, war sehr einfach und unkompliziert: Steak, Kotelett, Huhn – alles mit Pommes frites und anschließend ein paar traditionelle Desserts. Das hat er alles prima gemacht, aber ich hatte ihn eingestellt, damit er das Essen verändert und dem Niveau unseres Speisesaals anpasst. Als er sagte, er hätte neue Rezepte für ein paar stilvolle und erstklassige Menüs, habe ich ihm geantwortet, er solle gleich damit anfangen.«

»Sie haben die Gerichte nicht einmal vorher probiert?« Ulla sah geknickt aus. »Ich habe es nicht für nötig gehalten, weil ich dachte, er verstünde etwas von seinem Beruf. Es klang alles so köstlich. Was also ist schiefgelaufen?«

»Ich fürchte, er hat es geschafft, jedes Gericht zu ruinieren.« Darina beschrieb kurz ihr katastrophales Mittagessen. Ulla sah daraufhin noch niedergeschlagener aus. »Was soll ich denn jetzt machen? Wir können doch nicht wieder das gleiche wie vorher servieren, das passt einfach nicht mehr zum Stil des Restaurants.«

»Ich denke, Sie sollten lieber mal mit Ihrem Küchenchef reden.« Ulla erhob sich. »Würden Sie mit mir kommen? Sie sind doch eine Expertin auf dem Gebiet, und ich habe Angst, dass er mich nur wieder unsicher macht.« Widerwillig folgte Darina der Hotelbesitzerin durch den schlecht beleuchteten Flur, dessen Winkel und Ecken mit Toilettenpapierrollen und Cornflakes-Schachteln vollgestopft waren. Sie fragte sich, was genau wohl Ullas Qualifikationen für die Leitung eines Hotels waren; der Rat ihres Stiefsohns Alex kam ihr immer vernünftiger vor. Außerdem war ihr nicht ganz klar, warum sie eigentlich eingewilligt hatte, als Rückendeckung in einer Auseinandersetzung zu dienen, die zweifellos ziemlich unangenehm werden würde. Der Grund war wohl, dass Ulla eine gewisse Hilflosigkeit ausstrahlte, die direkt an ihren Beschützerinstinkt appellierte.

Das war vielleicht ein entscheidender Vorteil im Geschäftsleben. Darina seufzte. Ihr war seit langem klar, dass sie in niemandem einen Beschützerinstinkt weckte. Was sie ausstrahlte, war vielmehr Effizienz und Selbständigkeit. Sogar William, der ihre Größe von annähernd einem Meter achtzig noch um etliche Zentimeter übertraf, behandelte sie kaum wie ein »kleines Fräulein«. Aber das war schließlich auch das letzte, was sie wollte, oder?

Die Küche unterschied sich ebenso radikal vom Rest des Hotels wie das Restaurant. Sie sah aus wie ein Kraftwerk aus Edelstahl, nagelneuen Öfen und schimmernden Fliesen.

Der Fußboden wurde gerade von einem jungen Mädchen in schmuddelig-weißem Arbeitskittel gewischt. Eine große, massige Gestalt in ebenso schmuddeliger Arbeitskleidung, aber mit einer eindrucksvollen Kochmütze schrieb etwas mit einem stumpfen Bleistift auf die Rückseite eines alten Briefumschlags.

»Farthing!« Ulla bemühte sich tapfer, ihrer Stimme Autorität zu verleihen.

»Ja?« Ken Farthing hob den Kopf und präsentierte ein Gesicht, das aussah, als habe es einmal unsanfte Bekanntschaft mit dem Huf eines Pferdes gemacht. Die flache Nase und das stumpfe Kinn, die pockennarbige Haut und die kleinen Augen fügten sich zu einer Erscheinung zusammen, der man nicht unbedingt nach Einbruch der Dunkelheit begegnen wollte – ebenso wenig wie in dieser mit scharfen Messern und Hackbeilen gespickten Küche. Darina sah sich mit ungewohnter Nervosität in dem Raum um; dabei war es, wie sie feststellte, nicht so sehr der Anblick, den Ken bot, als vielmehr die Art und Weise, wie er es geschafft hatte, in dieses einzige Wort eine unbestimmte Drohung zu legen, während sich seine Schweinsäuglein zuerst auf Ulla Mason und dann auf sie selbst richteten.

Ulla blickte kurz auf das Mädchen, das immer noch den Fußboden säuberte, dann sah sie wieder den Koch an. »Ich hätte Sie gern kurz in meinem Büro gesprochen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie voran in das Zimmer, aus dem sie und Darina eben gekommen waren.

Psychologisch sehr geschickt, dachte Darina, ihn von seinem Terrain zu locken – weg von diesen furchterregenden Messern. Sie hatte schon etliche Geschichten gehört von Köchen, die in ihren Küchen Amok gelaufen waren, aber bis zu diesem Augenblick hatte sie ihren Wahrheitsgehalt eher bezweifelt.

Ulla setzte sich hinter den Schreibtisch; Darina trat ein wenig zur Seite, als die riesige Gestalt des Kochs eintrat.

»Farthing, ich möchte mit Ihnen über das Mittagessen reden.«

Erstaunlicherweise verzog sich das grobe Gesicht des Riesen zu einem breiten, strahlenden Lächeln. »Haben Sie es probiert? Es war phantastisch, nicht wahr?«

»Nun ja, eigentlich nicht. Es haben sich etliche Gäste darüber beschwert.«

Das Lächeln verblasste ein wenig, doch dann fasste er sich rasch wieder. »Pah, die meisten von denen verstehen doch nichts vom Essen. Sie wissen meine Kochkünste einfach nicht zu schätzen.«

Ulla sah hilfesuchend in Darinas Richtung. »Aber Miss Lisle hier versteht eine ganze Menge davon, und ich fürchte, ihr hat es auch nicht geschmeckt.«

Der baumlange Kerl wirbelte herum, um seine neue Gegnerin ins Auge zu fassen. »Hat Ihnen meine Art zu kochen nicht zugesagt?«

Diplomatie und Ehrlichkeit fochten einen Kampf in ihr aus. Aber bei Darina war dieser Kampf schnell entschieden. »Das Essen war grauenhaft.«

Die breiten, muskulösen Schultern strafften sich. »Grauenhaft!«, wiederholte der Mann in einer Lautstärke, dass man es wahrscheinlich noch ein paar Kilometer weit hören konnte.

Darina nahm all ihren Mut zusammen, denn offensichtlich half in dieser Situation nur schonungslose Offenheit. »Getrockneten Estragon auf den Frischkäse zu geben, ist schon an sich eine Todsünde; dann war der Frischkäse selbst unpassend für dieses Gericht; Avocado und Mango hätten ein richtiges Dressing gebraucht; die Fischsoße war bitter und hatte die Konsistenz von Tapetenkleister – und was Sie mit der Torte für den Nachtisch angestellt haben, ist mir völlig schleierhaft. Der Fisch selbst jedoch war sehr gut gekocht«, fügte sie hastig hinzu.

Die winzigen Augen starrten sie ungläubig an; dann schien es, als würde sein Körper noch mehr anschwellen. Er hob seine riesige Faust. Darina zuckte zusammen, aber sie wich nicht von der Stelle, bereit, den erwarteten Schlag zu parieren. Stattdessen hieb er jedoch auf den Schreibtisch ein.

»Sie haben doch keine Ahnung vom Kochen«, brüllte er. »Niemand hat eine Ahnung davon. Ich kreiere Gerichte,

neue Gerichte. Ich mache nicht das, was alle machen, mein Essen ist originell. Bloß weil ich keinen bekannten Namen hab‘, glaubt ihr alle, es tauge nichts. Sie verdienen es gar nicht, einen Koch wie mich zu haben«, schrie er Ulla an, die die Armlehnen ihres Stuhls umklammert hielt, aber nichts sagte.

Der Koch sah sie immer noch drohend an. Eine schreckliche Stille folgte. Wer zuerst redet, hat verloren, dachte Darina und beobachtete, wie der Zorn allmählich aus der hünenhaften Gestalt des Mannes entwich. Seine Stirn legte sich in Falten, während Ulla seinen Blick ruhig und sicher erwiderte.

»Wenn Ihnen nicht gefällt, was ich heute gekocht habe, kann ich doch vielleicht morgen was anderes probieren? Ich wüsste ein Rezept für Moorhuhn mit Granatapfel, das müsste der totale Knüller werden.« Aber sein Selbstbewusstsein war erschüttert, und er wirkte nun ziemlich unsicher.

Ulla sah rasch zu Darina, die ganz leicht den Kopf schüttelte. Unter strengster Aufsicht war dieser Möchtegernstarkoch wahrscheinlich sogar imstande, ein erstklassiges Gericht zu zaubern, aber wenn er sich selbst überlassen blieb, konnte es nur in einer Katastrophe enden.

»Es tut mir leid«, sagte die Besitzerin des Hotel Morgan, »aber was ich brauche, ist ein kompetenter und kreativer Koch – und seit heute weiß ich, dass Sie für diesen Job nicht geeignet sind.« Sie griff hinter sich und zog ein Kassenbuch aus dem Regal. »Ich gebe Ihnen den Lohn für zwei Wochen, und Sie gehen jetzt gleich.« Sie öffnete das Buch mit einem entschlossenen Schwung.

Der Koch schob seine Mütze nach hinten und kratzte sich am Kopf. Ken Farthing schien vollends verwirrt. »Sie meinen, ich kann nicht bleiben?«

Ulla sah von ihrer Buchhaltung auf. Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden hatte sich merklich verlagert. »Es ist das beste, wenn Sie sofort gehen. Sie müssen sich einen neuen Job suchen. Packen Sie Ihre Sachen, ich bringe Ihnen gleich Ihr Geld.«

Der Koch warf ihr noch einen schrägen Blick zu, aber Darina spürte, dass er sich in das Unvermeidliche gefügt hatte; kurz darauf verließ er wortlos das Büro. Sie war ein wenig überrascht, dass er so leicht aufgegeben hatte. Zuerst hatte es den Anschein gehabt, als würde er in seiner Wut die beiden Frauen niederschlagen und zu Hackfleisch für einen seiner originellen Aufläufe verarbeiten, doch im nächsten Augenblick war er wie ein Kind, das einen Erwachsenen anfleht, ihm noch eine Chance zu geben.

Ulla öffnete einen kleinen Safe, nahm eine Stahlkassette heraus, steckte das Geld für den Koch in einen Umschlag, versiegelte ihn, stellte die Kassette wieder zurück und verschloss den Safe. Dann wandte sie sich an Darina. »Kommen Sie mit in die Küche?«

Darina nickte und folgte ihr durch den langen Flur.

In der Küche fanden sie den Koch, der inzwischen seine Arbeitskleidung abgelegt hatte, in Jeans und einem dicken Pullover vor. Er wirkte nun plötzlich kleiner und nicht mehr im geringsten bedrohlich. Ohne die Kochmütze sah man sein dünnes, fettiges Haar. Er nahm den Umschlag von Ulla entgegen, drehte ihn mehrmals in seinen großen Händen, hob dann den Kopf und sah Darina direkt an. »Es hat also wirklich nichts getaugt, mein Essen, mh?«

Sie ließ sich nicht erweichen. »Nein. Bleiben Sie bei den einfachen Gerichten, die scheinen Sie gut zu können.«

»Das sagen alle.«

Ulla streckte die Hand aus. »Auf Wiedersehen, Farthing, und viel Glück.«

Er wischte sich die Hand an seinen Jeans ab, bevor er die ihre ergriff. Ulla blinzelte, während er ihren Arm auf und nieder pumpte und massierte sich die Finger, sobald er sie losgelassen hatte. Dann blieb sie stehen und sah zu, wie er den Umschlag ungeöffnet in seine Hosentasche steckte, eine Reisetasche nahm und durch die Hintertür verschwand.

»Das wäre erledigt«, sagte sie. »Ich bin froh, dass er keine Schwierigkeiten gemacht hat. Einen Moment lang habe ich geglaubt, er würde sich auf uns stürzen. Und was mache ich nun? Kein Küchenchef, und es ist bald Weihnachten. Wer soll jetzt das Essen kochen?«


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Darina Lisle_Teil 3_klein

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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

Mehr zu Darina Lisle:
Band 1: Mord extra scharf
Band 2: Mord gut abgeschmeckt

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Mord gut abgeschmeckt – Darina Lisles zweiter Fall

Stuttgart, November 2017. Das Genre Cosy Crime verzichtet auf Brutalität und großes Blutfließen – hier geht es vielmehr beschaulich zu, gerne auch humorig. Passiert ein Mord, wird er nicht im Detail beschrieben und natürlich werden Mörder gesucht. Das wichtigste bei Cosy-Crime-Romanen ist und bleibt allerdings die Ermittlerfigur – die darf gerne originell und schrullig sein. So wie Darina Lisle, Protagonistin in Mord gut abgeschmeckt: Darina Lisles zweiter Fall von Janet Laurence:

Kochvorführungen, Cocktailparties und festliche Abendessen gehören zum Service des Catering-Unternehmens, bei dem Darina ihrer Freundin Eve aushilft. Eine angenehme Beschäftigung für die gelernte Köchin – allerdings nur solange, bis eine Kollegin an einer Pilzvergiftung stirbt. War es ein tragischer Unfall oder vorsätzlicher Mord? Und wenn es Mord war, hat es möglicherweise die Falsche getroffen? Während der polizeilichen Untersuchung gerät das Personal von „Wooden Spoon“ unter starken Druck und das Geschäft geht zurück. Daher macht sich Darina selbst auf die Suche nach dem Täter – keine leichte Aufgabe, vor allem nicht, als ein zweiter Mord geschieht …

Download Pressemitteilung: PM 11-2017_dp_Digital Publishers_Mord gut abgeschmeckt

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War es ein tragischer Unfall oder vorsätzlicher Mord? Darina Lisle ermittelt auch in ihrem zweiten Fall mit klassischem britischen Humor – amüsant, ein wenig schrullig, mit Charme und jeder Menge Cleverness.

Mord gut abgeschmeckt

Die Kochvorführung geriet allmählich außer Kontrolle. Als Darina den Custard-Pudding aus der Mikrowelle nahm, sah sie, dass sich auf seiner Oberfläche eine blasige Haut gebildet hatte. Noch bevor sie den Löffel durch die Masse zog, wusste sie, dass sich das Wasserbad zu sehr erhitzt hatte und der Pudding deshalb käsig geworden war.

»Das ist ein gestockter Custard«, erklärte sie ihrem Publikum mit ernster Miene und hielt die Form so, dass man die Nachspeise in dem Spiegel, der über ihr angebracht war, sehen konnte.

Ein erschrecktes Raunen ging durch die Reihen der ungefähr dreißig Frauen, die vor der Demonstrationsfläche Platz genommen hatten.

»Ich habe diesen Mikrowellenherden noch nie getraut«, schnaubte eine dickliche ältere Frau, wobei die vergoldeten Knöpfe auf ihrem Chanel-Kostüm und die zahlreichen Goldketten um ihren Hals im hellen Licht der Scheinwerfer blitzten und funkelten.

»Ich fürchte, das war mein Fehler und nicht der des Geräts.« Darina musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Was man ihr allerdings nicht ansah, denn so, wie sie dort stand, groß, in einen blütenweißen Overall gekleidet, ihr blondes Haar mit einer weißen Schleife zu einem Zopf gebunden, wirkte sie wie die Verkörperung von Effizienz und Souveränität. Nichts an ihrem makellosen Äußeren verriet, dass ihr Magen vor Aufregung Purzelbäume schlug. Sie hob ihr Kinn noch ein klein wenig höher und sagte ganz ruhig: »Ich habe den Pudding zu heiß werden lassen, das ist alles. Wahrscheinlich ist dieser Herd leistungsstärker als meiner.«

»Und Sie haben während der letzten Backphase auch noch auf die höchste Stufe geschaltet.« In der Stimme dieser Zuschauerin lag ein leicht vorwurfsvoller Ton, und nachdem sie ihren Kommentar abgegeben hatte, wandte sie sich mit einem selbstzufriedenen Lächeln an ihre Nachbarin.

Darina bezwang den Impuls, sie zu fragen, warum sie das nicht gefälligst hätte sagen können, als sie den Herd programmierte. »Zum Glück ist nicht alles verdorben«, meinte sie stattdessen, gab den Pudding in eine Schüssel und rührte ihn kräftig durch. »Sehen Sie, ist das nicht die reinste Zauberei?«

Ein paar Frauen aus dem Publikum stießen kleine Schreie des Entzückens aus, als Darina langsam die nun wieder sämig glatte, blassgelbe Masse in eine zweite Schüssel goss.

»Und was bedeuten diese kleinen schwarzen Flocken?«

Bei der Frage dieser jungen Frau entspannte sich Darina etwas, denn alles, was diese bisher wissen wollte, hatte von ehrlichem Interesse gezeugt.

»Das ist die Vanille.« Mit diesen Worten hob sie eine dünne, fast schwarze Schicht aus der Backform. »Erinnern Sie sich daran, wie sie sich abgesetzt hat, nachdem wir die Milch eingerührt und alles anschließend passiert haben? Daraus entsteht dann im Ofen diese Hülle, die dem Ganzen ein wundervolles Aroma gibt. Man kann sie zwar nicht mehr für einen Custard verwenden, aber sie eignet sich noch gut, um den Feinkristallzucker für Kuchen oder Biskuits zu aromatisieren. Sie brauchen sie nur abzuspülen und können sie dann in einer Dose aufbewahren.« Darina kam wieder in Schwung, und die Verspannung in ihrem Nacken ließ nach.

Plötzlich rief eine Frau aus dem Publikum: »Passen Sie auf, der Savarinkuchen!« Am anderen Ende der Kochinsel floss ein Hefeteig über den Rand seines Backblechs und tropfte langsam auf die Arbeitsplatte. Er sah aus wie Urschleim aus einem Science-Fiction-Roman.

»Aha«, rief Darina, griff in die Ablage unter der Platte und holte eine neue Schüssel hervor. »Ein weiterer Beweis für die Wichtigkeit einer präzisen Zeitplanung.« Dabei ermahnte sie sich innerlich: Ruhig bleiben, nur keine Panik! »Man muss den Teig in den Ofen geben, bevor er diesen Zustand erreicht. Jetzt müssen wir die Masse erst eine Weile stehenlassen, bevor wir sie wieder aufgehen lassen können.« Sie schaufelte den Teig vom Blech in die Schüssel und rührte ihn ein paarmal durch, um den Vorgang zu beschleunigen. Dann, nachdem er wieder die richtige Konsistenz hatte, wurde der Hefeteig zurück auf das Blech gegeben, das ihre Assistentin in der Zwischenzeit kurz abgespült und mit Butter eingefettet hatte. Darina stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie sah, dass die Äpfel für das Früchtekompott in der Mitte bereits in Apfelwein gekocht und die kandierten Orangenschalen ebenfalls fertig vorbereitet waren. Es hätte ihr den Rest gegeben, wenn jetzt auch noch die Apfel zerkocht wären oder wenn sie sich beim Schneiden der Orangenschalen verletzt hätte.

Sie goss die Apfelsoße ab, ließ sie zusammen mit Zucker zu einem Sirup kochen und nahm dann aus dem kleinen Kühlschrank ein Biskuitblatt, das mit geschmolzener Schokolade und Kastanieneiscreme bestrichen war: Darina hatte es in den Kühlschrank gelegt, weil das Eis zu weich war, um es einzurollen. Jetzt sank ihr Herz vor Schreck, als sie sah, dass die Schokolade in der Kälte so hart wie Zement geworden war. Es war nicht mehr daran zu denken, daraus eine Rolle zu formen. So ein idiotischer Fehler!

Warum hatte sie sich bloß zu dieser Vorführung überreden lassen? Schließlich hatte sie Eve gewarnt, dass sie in so etwas kaum Erfahrung hatte und es wahrscheinlich nicht schaffen würde.

»Natürlich schaffst du das«, hatte ihre Freundin geantwortet und dabei absolut überzeugt geklungen. »Hör mal, es geht bloß um ein paar nette Kleinigkeiten zum Dessert, nichts Kompliziertes, und die Frauen sind alles andere als anspruchsvoll. Die Hälfte von ihnen schläft nach dem Mittagessen ein, und die übrigen wollen lediglich ein paar Anregungen für ihre nächste Dinnerparty und kein Diplom in Kochkunst. Wir können es jedenfalls nicht mehr absagen. Ich bin im Fernsehstudio, und da Claire krank ist und Jo nun auch ausfällt, bist du unsere einzige Rettung.«

Darina war ziellos durch die South Audley Street in Mayfair geschlendert, als sie mit Eve Tarrant zusammenstieß, die gerade aus der Delikatessen- und Weinhandlung Hobbs & Co. trat. Eve war mit mehreren Einkaufstüten bepackt und hatte sie zunächst ärgerlich angefahren: »Passen Sie doch auf!« Darin erkannte sie ihr Gegenüber und stieß einen Schrei des Entzückens aus. »Na sowas, Darina Lisle! Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt? Komm, lass uns zusammen zu Mittag essen.«

Sie waren in die italienische Trattoria an der nächsten Ecke gegangen, und Darina konnte nicht umhin, Eve für ihre ungezwungene Selbstsicherheit zu bewundern, mit der sie den besten Tisch auswählte und die Kellner freundlich, aber bestimmt kommandierte.

Dabei lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und betrachtete eingehend die Freundin, die sie seit fast acht Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Eve war klein und so zierlich, dass sich Darina mit ihren fast ein Meter achtzig vorkam wie eine Riesin neben einer Elfe. Das einzig Große an Eve waren ihre strahlendblauen Augen, die wie Saphire aus ihrem schmalen Gesicht leuchteten.

Ihre Züge waren fein und leicht asymmetrisch, die Nase saß nicht ganz in der Mitte, und der Mund war etwas schief, was ihrem Gesicht eine überaus aparte Note gab. Eingerahmt wurde es von einer wilden Pracht dunkelblonder Korkenzieherlocken mit goldenen Strähnchen. Ihre Kleidung sah aus, als habe sich ein avantgardistischer und sündhaft teurer Designer eine neue Variante eines Reitanzuges einfallen lassen, den nur eine Frau ohne Hüften tragen konnte.

Eve blätterte durch die Speisekarte, überflog das Angebot und gab sie dem höflich wartenden Kellner mit ihrer Bestellung für beide zurück. Dann spielte sie nervös mit dem Besteck, ordnete Messer und Gabel neu, drehte den Porzellanteller um und studierte den Stempel des Herstellers auf der Rückseite. Als sie damit fertig war, hob sie den Kopf und sah Darina in die Augen. »Ich habe dich seit unseren gemeinsamen Kochkursen nicht mehr gesehen. Du bist doch damals weggegangen, um dich aufs Land zurückzuziehen. Bist du da immer noch? «

»Nein, die letzten Jahre war ich in London. Ich habe einen Catering-Service betrieben, das Geschäft aber vor kurzem an eine Freundin verkauft.«

Darina verspürte keine große Lust, näher auf dieses Thema einzugehen, schließlich ließ sich die Geschichte von dem wertvollen Haus in Chelsea, das ihr ermordeter Cousin ihr vererbt hatte, nicht so nebenher erzählen. »Aber ich habe ein paarmal von dir in der Zeitung gelesen. Gehört dir nicht dieser todschicke Catering-Service, der für die elegantesten und teuersten Cocktailpartys und Festessen verantwortlich ist?«

Eve lachte. »Naja, du weißt doch, dass man viel verlangen muss, damit die Leute glauben, es sei ihr Geld wert. Aber wir bieten jetzt auch noch etwas Neues an, nämlich Schnellkochkurse. Und das läuft wirklich gut, die Interessenten stehen förmlich Schlange bei uns. Natürlich betreiben wir nach wie vor den Catering-Service, das bringt uns schließlich den größten Teil unseres Umsatzes. Jo Parkins kümmert sich hauptsächlich darum, während Claire Montague und ich die Kurse leiten und uns um eine stärkere Präsenz in den Medien bemühen. Allerdings ist das im Moment ziemlich schwierig.« Eve hielt einen Moment lang inne und sah ihre Freundin an. Dann fragte sie: »Hast du nicht gesagt, du hättest dein Geschäft verkauft? Und was machst du jetzt?«

»Ach, ich warte erst mal ab und sehe mich ein bisschen um.« Darina blieb absichtlich vage. »Aber wie kommt’s, dass du heute Mittag Zeit hast? Ich meine, ist da nicht auch ein Kochkurs?«

»Nein, sie finden nicht jeden Tag statt. Unser letzter hat gestern aufgehört, und der nächste beginnt erst am Montag. Ein Photograph benutzt heute unsere Vorführküche als Kulisse, und ausnahmsweise haben wir am Abend auch keine Veranstaltung. Claire bereitet alles für morgen vor, und ich bin kurz weggegangen, um noch ein paar spezielle Zutaten einzukaufen.«

Nachdem der Kellner das Essen gebracht hatte, meinte Eve beiläufig: »Und du hast also nichts Besonderes vor im Moment. Sag‘ mal, könntest du da nicht für ein paar Tage bei uns aushelfen?«

»Kochkurse leiten?« Darina erschrak. »Die einzige Kochvorführung, zu der ich mich bisher habe überreden lassen, war für eine Wohltätigkeitsveranstaltung unserer Gemeinde.« Sie verschwieg, dass sie sich dabei entsetzlich gefühlt hatte. Das Kochen war ihr Leben, sie bereitete mit Leichtigkeit ein Abendessen für zwölf, ein Büffet für fünfzig und Cocktails für hundert Personen zu, aber sie zu bitten, die Zubereitung einiger einfacher Gerichte vor einem Publikum zu demonstrieren, war, als würde man von ihr verlangen, den Sterbenden Schwan in der Oper von Covent Garden zu tanzen.

»Nein, nicht die Vorführungen«, beruhigte sie Eve, während sie mit ihrer Gabel die Spaghetti auf dem Teller hin und her schob. »Ich dachte an den Catering-Service. Jo hat heute Morgen angerufen. Ihr Vater liegt im Sterben, und sie muss deshalb zu ihrer Familie nach Leeds fahren. Morgen steht auf dem Programm ein Brunch für zweihundert, eine kleine Dinnerparty, ein Picknick, das wir für die Pilzwanderung am Samstag vorbereiten müssen, und nicht zu vergessen Lady Waldens Cocktailparty morgen Abend. Am Sonntag geben wir selbst ein Festessen für vierzig geladene Gäste, es ist der erste Geburtstag des Wooden Spoon, so nennen wir unsere Kurse, und am Montag … Aber ich brauche wohl nichtweiterzureden, du kannst dir sicher vorstellen, dass wir unbedingt eine zuverlässige Hilfskraft brauchen, bis Jo wieder zurück ist. Es handelt sich wirklich nur um ein paar Tage, und es gibt niemanden, den ich lieber bei uns hätte als dich.« Sie sah ihr Gegenüber flehend an.

Darina dachte eine Weile nach. Sie hatte das Haus in Chelsea zum Verkauf angeboten, und es hatten sich mehrere Interessenten gemeldet. Außerdem hatte sie geplant, zwei Landhäuser zu besichtigen, die ebenfalls zum Verkauf standen, um zu sehen, ob sie sich möglicherweise zu einem kleinen Hotel umbauen ließen. Aber es sprach nichts dagegen, den Interessenten ihr Haus vom Immobilienmakler vorführen zu lassen, und ihre Reise aufs Land konnte sie ebenso für ein paar Tage verschieben. Eve hatte geklungen, als ob sie wirklich Hilfe brauchte, und Darina hatte auf der Kochschule immer gern mit ihr zusammengearbeitet. Warum zögerte sie also jetzt? Ihr wurde bewusst, dass sie ein wenig mehr Zeit für sich selbst haben und ihre neugewonnene Unabhängigkeit genießen wollte. Sie hatte sich gerade den Luxus eines außergewöhnlich teuren Friseurbesuchs gegönnt. Und sie hatte sich auf einen langen Einkaufsbummel gefreut, mit der Aussicht auf einige weitere erholsame Tage, bis der Alltag sie wieder einholen würde. Aber für Egoismus war jetzt keine Zeit, denn Eve war in Schwierigkeiten – und schließlich ging es nicht darum, vor Publikum zu arbeiten.

Und nun war genau das eingetreten, was sie am meisten gefürchtet hatte: Sie stand vor einer Gruppe von dreißig überkritischen Frauen der gehobenen Mittelklasse – und alles ging schief. Es war ja nicht Claires Schuld, dass sie plötzlich an einer Magen-Darm-Grippe erkrankte, aber sie hätte sich auch kaum eine schlechtere Zeit dafür aussuchen können. Und nun dieses kulinarische Desaster. Was sollte sie bloß tun?

Darina holte tief Luft und legte den mit Schokolade und Eiscreme beschichteten Teig auf die Arbeitsfläche unter dem Spiegel. »Und jetzt habe ich eine kleine Überraschung für Sie«, teilte sie ihren Zuhörerinnen mit. »Wir werden diesen Nachtisch anders zubereiten, als es in Ihren Rezepten steht.«

Darina nahm ein großes Messer und begann, den Kuchen in gleichgroße, rechteckige Scheiben zu zerteilen, die sie anschließend übereinanderschichtete. Dann zerschnitt sie diesen Block in drei schmale Streifen und presste sie wieder aneinander, wobei sie den mittleren Streifen umdrehte.

»Sehen Sie sich bitte dieses Schachbrettmuster an«, sagte sie, indem sie das Endstück von dem Kuchen abschnitt. »Wir geben den Rest wieder zurück in den Kühlschrank, während ich diese Scheibe hier herumgehen lasse.« Sie wickelte den Kuchen in Alufolie, und ihre Assistentin stellte ihn in das Kühlfach.

Darina stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie hörte, wie eine Welle anerkennender Kommentare durch die Reihen der Zuschauerinnen ging. Durch diesen Erfolg ermutigt, zeigte sie den Frauen noch, wie man einen gefrorenen Savarinkuchen auftaute, ihn in warmem Sirup einweichte, die pochierten Apfel zusammen mit Orangenscheiben in die Mitte gab und schließlich das Ganze mit kandierten Orangenschalen dekorierte. Dann hatte sie es fast geschafft. Jetzt musste nur noch die Eisbombe zusammengestellt werden.

Die Eismaschine hinter ihr kam zum Stillstand. Darina drehte sich um, um eine Form und die Schüssel mit Schokoraspeln zu holen, deren winzige Kringel sie zuvor so sorgfältig mit einem Kartoffelschäler aus einem Block Schokolade gehobelt hatte. Sie geriet erneut in Panik, als sie bemerkte, dass sie die Schüssel zu nah am Herd hatte stehenlassen und die Schokoraspel schon fast zerschmolzen waren. Es war sicher das Beste, wenn sie diesen Fehler ehrlich zugab.

»Das ist nicht mein Tag heute«, wandte sie sich wieder an ihr Publikum, während sie die kleine Schüssel in die Mikrowelle gab und sie auf die niedrigste Stufe stellte. »Ich hätte die Schokoraspel im Kühlschrank aufbewahren sollen.« Dann bestrich sie das Innere der Form mit etwas Eiscreme, teilte den Rest in zwei Teile, gab die geschmolzene Schokolade dazwischen und zog schwungvoll eine Gabel durch die Masse. »Wenn wir die Torte jetzt aufschneiden, haben wir ein Marmormuster in der Mitte, statt der etwas spektakuläreren Variante, bei der beim Anschneiden die Schokoraspel hervorquellen.«

»Und Sie haben damit zwei Dessertideen in einem«, kommentierte Eve Tarrant, während sie auf die Demonstrationsfläche zuging.

»Ein perfektes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, nicht in Panik zu geraten«, fuhr sie fort, während sie sich dem Publikum zuwandte. »Wenn etwas schiefgeht, gibt es fast immer eine Möglichkeit, die Situation zu retten. Allerdings nur, wenn Sie nicht in Panik geraten. Denn falls es wirklich keine Alternativen gibt, hilft Ihnen Panik auch nicht weiter.« Sie lächelte aufmunternd.

»Und jetzt möchte ich Ihnen noch zeigen, was wir heute im Fernsehen präsentiert haben.« Sie setzte die große Platte, die sie getragen hatte, nieder, und als sie das Tuch abhob, kam darunter eine bunte Auswahl belegter Sandwiches zum Vorschein. Die Frauen erhoben sich von ihren Stühlen und kamen nach vorne, um die Köstlichkeiten in Augenschein zu nehmen. Da waren Garnelen auf grünen Salatblättern aufgereiht und mit zwei Ringen aus Zitronenschale garniert – eine Kreation, die man ‚Rush Hour‘ nennt, wie Eve erläuterte –, hauchdünne Scheiben aus zartrosa Roastbeef, die wellenförmig auf einer Lage Kartoffelsalat mit Schnittlauch verteilt waren und in einen Fächer aus aufgeschnittenen Gewürzgurken mündeten, Törtchen aus geräuchertem Lachs, gefüllt mit Kräuterrahmkäse und mit Dill bestreut, sowie ein kunstvolles Arrangement aus Hühnerbrust und gekochtem Ei auf Lollo Rosso, dessen bronzefarbene Blattränder den perfekten Hintergrund für das helle Fleisch abgaben.

»Sie werden nicht glauben, wie schwierig es für mich war, das hier für Sie aufzuheben. Die Fernsehleute wollten nämlich sofort alles aufessen. Morgen Vormittag werden wir lernen, wie man solche garnierten Sandwiches zubereitet, und nachmittags befassen wir uns dann mit Cocktailparties. Abschließend möchte ich Sie noch darauf hinweisen, dass sie alle Küchenmesser, Kasserollen und sonstigen Kochutensilien, die Darina während ihrer Vorführung benutzt hat, in unserem Verkaufsraum erwerben können.« Nach diesen Worten verließen die Frauen fröhlich plaudernd den Vorführraum.

Nachdem Eve sich vergewissert hatte, dass auch die letzte der Zuschauerinnen gegangen war, ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. »Gut gemacht, Darina. Ich merke schon, du hast den Bogen in Nullkommanichts heraus.« Ihr Blick fiel auf den Schachbrettkuchen. »Eine neue Erfindung, wie ich sehe.«

Darina berichtete kurz, was passiert war, und fragte dann, wie es im Fernsehen gelaufen sei.

»Gar nicht so schlecht.« Eve konnte ein wenig Selbstzufriedenheit nicht verbergen. »Es war allerdings auch nicht sehr schwierig. Gute Sandwiches sind eine Frage der Zusammenstellung, und ich habe sie mit Absicht ganz einfach belassen, damit es keine Probleme geben konnte.« Darina warf einen Blick auf die Platte mit Eves raffinierten‘ Kreationen. Wenn das einfach war, was würde Eve dann kompliziert nennen? Aber die Arbeit schien sie tatsächlich nicht im mindesten erschöpft zu haben. Sie trug eine smaragdgrüne Taftbluse mit hohem Kragen und weiten Ärmeln zu einem grün und blau karierten Rock, in dem ihre Wespentaille hervorragend zur Geltung kam und sie ungemein schick aussah.

»Der Produzent hat was von ein paar Ideen für weitere Sendungen gemurmelt, deshalb glaube ich, dass wir da jetzt sozusagen einen Fuß in der Tür haben.«

»Wie ist es dir überhaupt gelungen, die erste Sendung zu bekommen?«, fragte Darina neugierig.

»Ich wusste, dass der Produzent auf einer Party sein würde, die wir ausrichten sollten, und habe mich auf die Gästeliste setzen lassen. Dann habe ich ihn einfach angesprochen und ihm von meinen Ideen für eine Kochsendung erzählt. Er hat mich sofort zu einer Vorführung eingeladen.« Eve stand auf und streckte sich. »Jetzt muss ich noch Claire anrufen, um zu fragen, wie es ihr geht. Du hast auch nichts von ihr gehört, nehme ich an? Na ja, wahrscheinlich hat sie sich irgendwo einen Virus eingefangen; es dauert eine Weile, bis das ausgestanden ist. Ich bin gleich wieder zurück und helfe dir bei den Vorbereitungen für die Dinnerparty heute Abend. Du weißt noch, was sie bestellt haben?«

»Einzelne Souffles aus Spinat mit Sardellenwürze, Fasan an Brombeercoulis, Pistazienpüree, Vichy-Karotten, Kartoffeln mit Wellenschliff, Kiwis in glasierter Sauce Sabayon und Savarinkuchen mit Apfeldekoration.« An dieser Stelle wies Darina zu dem Backblech mit dem nun beinahe vollständig aufgegangenen Teig. »Das war auch eine der Katastrophen heute Nachmittag. Ich hoffe nur, dass es Claire bis morgen besser geht, denn diese Vorführungen sind wirklich nicht meine Stärke.«

»Du brauchst nur ein bisschen Übung, Darina. Und solche kleinen Probleme gibt es doch immer mal wieder. Was zählt, ist, dass du offensichtlich imstande bist, mit ihnen fertig zu werden. Und jetzt deck diese Platte bitte wieder zu und bring sie nach unten. Das wird wohl reichen für unser Mittagessen.« Mit diesen Worten spazierte sie aus der Vorführküche.

Darina sah sich um. Das schmutzige Kochgeschirr war bereits in der Spülmaschine gesäubert und wieder eingeräumt worden. An jedem Ende der Demonstrationsfläche befanden sich vier in die Wand eingelassene Öfen. Dazwischen erstreckte sich eine große Arbeitsfläche mit einer Herdplatte. Die Regalbretter darunter waren mit Geschirr, Pfannen und anderem Kochgerät gefüllt. Vier große und zwei kleine Spülbecken sowie vier Kühlschränke vervollständigten die Einrichtung. In der Mitte des Vorführraumes konnten zwei große Koch- und Arbeitsplatten für Kochkurse installiert werden, die mehreren Stuhlreihen weichen mussten, wenn, wie heute, Kochvorführungen auf dem Programm standen.

An den Wänden hingen Plakate mit den Abbildungen von Kräutern, Pilzen, Weinanbaugegenden in Frankreich und Italien, einige gemalte Stillleben mit Früchten sowie Sträuße aus getrockneten Kräutern und Knoblauch- und Zwiebelzöpfe. In einer Ecke stand ein Gitter aus hellrotem Metall, in dem Löffel, Scheren, Spachtel, kleine Siebe, Schöpfkellen und andere Küchenutensilien aufbewahrt wurden. Es war nicht nur eine funktionelle, sondern auch eine ausgesprochen attraktive Einrichtung, um in die Kochkunst eingeführt zu werden.

Darina nahm das Blech mit dem Savarinteig, balancierte es zusammen mit der Platte, auf der die Sandwiches lagen, die Treppe hinunter, ging an dem kleinen Verkaufsraum vorbei, wo die Frauen gerade Küchenmesser ausprobierten und Eismaschinen kauften, und betrat die Catering-Küche. Es wurde langsam Zeit, die Schrecken der Kochvorführung zu vergessen und mit den Vorbereitungen für die heutige Abendgesellschaft zu beginnen.

Eve schloss die Tür zu ihrem Büro und ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken. Sie überflog den Stoß von Rechnungen und Briefen, der auf ihrem Schreibtisch lag, und warf dann alles mit einer ungeduldigen Geste in einen bereits überquellenden Ablagekorb. Dann drehte sie sich schwungvoll auf ihrem Stuhl herum. Durch die weißen Jalousien vor dem Fenster konnte sie die Rückseiten der eleganten Stadthäuser sehen, die einen kleinen Hof begrenzten.

Ein fahles Sonnenlicht fiel in den Hof. Die Häuser auf der gegenüberliegenden Hofseite traten in den Hintergrund, als ihr Blick an der langen Reihe Mülltonnen entlangwanderte und an dem Anbau haften blieb, in dem die Catering-Küche lag. Eve dachte mit Befriedigung an die gleichermaßen professionelle und attraktive Einrichtung, an die Öfen, Herde und Spülen aus Edelstahl, an die großzügige Arbeitsfläche und die blendend weiß getünchten Wände. Gleich würde sie wieder hinübergehen und Daisy Delameres Dinnerparty vorbereiten, ein Essen, das mit Sicherheit zum bereits nicht unbeträchtlichen Ruf des Wooden Spoon beitragen würde.

Eve überlegte, wie sie diesen Abend am sinnvollsten organisierte. Sollte sie das Essen servieren und Darina bitten, den Speisen in der Küche den letzten Schliff zu geben, oder sollte sie besser selbst in der Küche bleiben, um sicherzugehen, dass jeder einzelne Menügang so präsentiert wurde, wie sie es wollte?

Sie sah auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass es Zeit war, sich umzuziehen. Aber zunächst musste sie Claire anrufen.

Das Telefon läutete mehrere Male, bevor sich eine schwache Stimme meldete: »Eve, wie nett von dir, dass du anrufst. Ja, es geht mir schon etwas besser. Aber es war wirklich furchtbar. Ich hätte nie gedacht, dass eine simple Magen-Darm-Grippe einen so fertig macht.«

Eve wickelte sich eine Locke um den Finger. »Eine Freundin von mir hatte vor einigen Wochen das gleiche. Ihr ging es genauso furchtbar wie Dir jetzt – aber sie ist jetzt wieder völlig in Ordnung.«

»Du weißt nicht zufällig, ob noch einer der anderen Gäste am Sonntag krank geworden ist?« Claires Stimme klang zögernd.

Eve runzelte die Stirn und antwortete: »Nein, Monica hat angerufen, um zu sagen, wie sehr es Ralph und ihr gefallen hat – kein Wort davon, dass einem von ihnen das Essen nicht bekommen wäre. Kenneth war heute Vormittag hier, um seine Vorbereitungen für den Fototermin am Donnerstag zu treffen, und hat völlig gesund ausgesehen. Von Elizabeth und den anderen habe ich noch nichts gehört, aber auch Joshua und ich fühlen uns pudelwohl.« Sie hielt einen Moment lang inne und fragte dann entsetzt: »Du glaubst doch nicht etwa, du hast eine Lebensmittelvergiftung, oder?«

»Ich habe mich nur gefragt, ob mit den Pilzen alles in Ordnung war.« Claire äußerte diese Vermutung so vorsichtig, dass ihre Worte kaum hörbar waren.

Eve runzelte erneut die Stirn. »Du meinst, du hättest vielleicht einen giftigen erwischt? Das glaube ich nicht.«

»Na ja, da war schließlich dieser eine, vor dem uns Ralph so besonders gewarnt hat.«

»Aber den hat er doch sofort beseitigt, und außerdem alle anderen, bei denen er auch nur den geringsten Zweifel hatte. Nein«, fuhr sie bestimmt fort, »Ralph Cox ist ein absolut zuverlässiger Pilzkenner. Ich bin ganz sicher, es ist nur eine Magengrippe. Du musst dich warmhalten, reichlich Wasser trinken und erst wieder zur Arbeit kommen, wenn es dir wirklich besser geht. Darina kommt schon zurecht.«

»Wie macht sie sich denn?«

Eve kicherte. »Erstaunlich gut. Während ihrer Kochvorführung ist zwar so ziemlich alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen kann – es war beinahe klassisch –, aber sie war absolut souverän und hat sich sozusagen mit einer neuen Nachtischkreation gerettet. Jetzt muss ich aber Schluss machen, Claire, heute Abend ist Daisys Dinnerparty.«

Sie legte das schnurlose Telefon auf die Ladestation zurück, blieb noch einen Moment lang still sitzen, sprang dann plötzlich voller Energie auf und öffnete eine Tür in der Ecke des Raumes, hinter der eine kleine Duschkabine zum Vorschein kam. Während sie die Kleider ablegte, drehten sich ihre Gedanken um die Pilzwanderung am letzten Samstag.

Es war ein fantastisch schöner, sonniger Herbsttag gewesen und so warm, dass sie ihre Leinenhose und ein Leinenoberteil in einem warmen Goldton tragen konnte, von dem sie wusste, dass er wunderbar zu ihren Haaren passte. Joshua hatte sie auf eine Art und Weise angesehen, die sie an die Zeit erinnerte, als sie frisch verliebt waren. Ein Schauer lief über ihren Rücken, und der kam keineswegs von dem eiskalten Wasser, das auf sie niederprasselte.

Ralph hatte die Gruppe tief in einen Wald in Sussex geführt und sie dabei auf ungenießbare, schwammförmige Pilze aufmerksam gemacht, die an Baumstämmen wuchsen, und auf den grässlichen Tintenpilz mit seinem spitzen Hut, den nur ein Idiot für essbar halten konnte, wie Eve gedacht hatte, der aber anscheinend ganz harmlos war, jedenfalls, solange es sich um ein junges Exemplar handelte.

Ralph liebte es, die Führung zu übernehmen, die Regeln zu bestimmen und die Leute mit seinem Wissen zu beeindrucken. Er war ein unglaublicher Macho; seine Instinkte waren jederzeit unter der dünnen Decke aus Kultiviertheit spürbar. Als sie ihre Pilzwanderung zum Mittagessen unterbrachen, hatte sie einen Blick von ihm aufgefangen, der ihr Blut in Wallung brachte. Hatte Joshua es bemerkt?

Nein, er war vollauf damit beschäftigt, Claire beim Auspacken der Picknickkörbe zu helfen und die verschiedenen Salate anzurichten, die Darina zubereitet hatte. Er hatte lautstark seine Bewunderung geäußert, und das zu Recht, denn Darina war wirklich eine außerordentlich gute Köchin geworden. Eve hatte ihr nur gesagt, wie viele Personen teilnehmen würden und welche Zutaten eingekauft worden waren, und im Handumdrehen hatte sie die Salate gezaubert. Das Arrangement war nicht so spektakulär wie eines der ihren, aber es sah sehr hübsch aus und schmeckte vorzüglich. Schade, dass sie Darina nicht früher getroffen hatte. Sie wäre die ideale Partnerin. Ausgesprochen einfallsreich – vielleicht sogar zu einfallsreich? Einer von Claires großen Vorzügen war, dass sie nie versucht hatte, die erste Geige zu spielen.

Eve rieb sich kräftig mit einem Badehandtuch ab, bis sich ihre Haut rötete. Wann hatte Ralph noch einmal diesen giftigen Pilz gefunden? War es nach dem Mittagessen? Nein, vorher. Der Pilz hatte so harmlos ausgesehen, aber Ralph hatte ein furchtbares Getue gemacht und darauf bestanden, sich gründlich die Hände zu waschen, nachdem er ihn weggeworfen hatte. Er hatte sogar eine kleine Flasche mit Seifenwasser aus einer geräumigen Tasche in seiner Lederjacke gezogen. Er hatte erklärt, dass der Verzehr sogar dieses kleinen Exemplars absolut tödlich sei, und sie bekam noch jetzt, beim Gedanken an seine Worte, eine Gänsehaut … Sich vorzustellen, dass dieses kleine Ding ein Leben auslöschen könnte!

Aber der Pilz war zerstört worden, und damit war es absolut unmöglich, dass er zusammen mit den anderen Pilzen, die bei ihrer Feier zum einjährigen Bestehen des Wooden Spoon als Vorspeise gereicht wurden, gegessen worden war.

Und was für ein erfolgreiches Festessen war das gewesen. Eve schob den Gedanken an giftige Pilze beiseite und dachte zufrieden an den Beifall, den sie dafür bekommen hatte. Dann schlüpfte sie in eine blau-weiß gestreifte Kochhose, knöpfte die kurze weiße Husarenjacke zu, kämmte sich die wilden Locken aus dem Gesicht und bedeckte sie mit einem weißen Kopftuch. Dann warf sie das feuchte Badetuch in den Wäschekorb, prüfte, ob der Schreibtisch aufgeräumt war, und ging in die Küche.

Spät am Abend brachte Darina die letzte der dreißig Servierplatten aus Lady Delameres elegantem Speisesalon in die Küche. Eve stellte eine altmodische Geschirrspülmaschine an und meinte: »Ich fürchte, den Rest müssen wir mit der Hand spülen, es dauert sonst zu lange.« Sie nahm sich einen Apfelschnitz von der Platte mit den Resten des Savarinkuchens, steckte ihn in den Mund und lächelte glückselig. »Himmlisch, meine Liebe, einfach himmlisch.«

Während Darina die schmutzigen Teller neben dem Spülbecken stapelte, sagte sie: »Die Leute waren ganz begeistert von dem Essen.«

»Oh, das ist Musik in meinen Ohren. Was haben sie gesagt? Erzähl schon!« Eve ließ heißes Wasser in das Becken laufen, gab reichlich Spülmittel dazu und begann, das Geschirr abzuwaschen.

Darina lächelte. Eve war wie ein kleines Kind, das genau wusste, dass es seine Sache sehr gut gemacht hatte und trotzdem das Lob der Erwachsenen als Bestätigung brauchte. Also wiederholte sie die Kommentare, die sie gehört hatte, während sie sorgfältig das Silberbesteck abtrocknete. »Und dann hat noch jemand gesagt, er habe Hemmungen, etwas zu essen, weil sein Teller ein wahres Kunstwerk sei«, beendete sie ihren Bericht. »Er hat recht, es ist einmalig, wie du die Speisen komponierst.«

»Es macht mir einfach Spaß«, antwortete Eve schlicht. »Wenn ich ein Essen anrichte, ist das wie eine Meditation für mich. Ich werde absolut ruhig und entspannt dabei, und es ist, als ob das Leben plötzlich perfekt wäre.«

»Und – probierst Du Deine Köstlichkeiten auch?«, fragte Darina neugierig, wobei sie an ihren ständigen Kampf mit den Pfunden dachte und Eve anschaute, die so aussah, als wisse sie gar nicht, was eine richtige Mahlzeit bedeutete.

»Naja, natürlich liebe ich gutes Essen, aber für mich ist der Geschmack eins mit der Optik. Es muss fantastisch aussehen, dann schmeckt es auch fantastisch.«

»Ich glaube, ich werde noch viel von dir lernen.«

»Aber Darina, du bist eine wunderbare Köchin.« Eve klang aufrichtig, und Darina merkte, dass sie sich geschmeichelt fühlte. »Das Essen, das du für das Picknick am Samstag zubereitet hast, war großartig.«

Und du hast kaum etwas davon gegessen, dachte Darina und erinnerte sich, wie Eve herumgestochert und jeden Bissen mit einem Schrei des Entzückens bedacht hatte, was etwas übertrieben wirkte in Anbetracht der winzigen Mengen, die sie tatsächlich zu sich genommen hatte. Aber vielleicht war das eben die Art, wie sie sich ernährte, hier ein wenig, da ein wenig.

»Ich wünschte nur, du hättest an unserem Festessen am Sonntag teilnehmen können, das war wirklich etwas Besonderes. Allein die Pilze waren absolut göttlich.«

Darina musste wieder lächeln. Die Begeisterung ihrer Freundin war einfach entwaffnend, obwohl man sich kaum vorstellen konnte, wie es diese zerbrechliche Gestalt fertigbrachte, ein viergängiges Mittagsmenü für vierzig Personen zu kochen und dabei noch die Gastgeberin zu spielen. Allerdings war Claire ja noch da gewesen, um zu helfen.

»Mit wem hattest du dieses Rendezvous, weswegen du nicht kommen konntest?«, fragte Eve jetzt mit leicht anzüglichem Unterton, und Darina spürte, wie sie errötete.

»Es war nur eine Verabredung mit einem Freund, aber ich konnte ihm unmöglich absagen, denn wir hatten dieses Treffen schon seit Urzeiten geplant.«

»Mir kannst du nichts vormachen, es war doch sicher jemand ganz Spezielles.«

Darina protestierte zwar, aber Eve lächelte nur wissend, während sie frisches Spülwasser in das Becken laufen ließ.

War William Pigram etwa jemand Spezielles, fragte sich Darina, während sie sorgfältig eine Gabel abtrocknete. Sie musste zugeben, dass er Charme hatte. Er war größer als die meisten Männer, die sie kannte, und überragte sie sogar, wenn sie Schuhe mit hohen Absätzen trug. Außerdem hatte er einen scharfen Verstand und war auf erfrischende Weise humorvoll. Aber er war Polizist, ein Kriminalbeamter, der sie einmal beinahe wegen Mordes verhaftet hätte, und wenn sich dieser schreckliche Verdacht schließlich als falsch herausgestellt hatte, dann hatte sie das nicht ihm zu verdanken.

Als er sie angerufen und zum Mittagessen eingeladen hatte, war es ihr erster Impuls gewesen, abzulehnen. Dann hatte er ihr erklärt, dass er für ein paar Urlaubstage aus Somerset nach London komme, und wenn ihr Sonntagmittag nicht passe, dann könnten sie sich doch zu einem Abendessen in der folgenden Woche verabreden. Daraufhin war ihr das Mittagessen am Sonntag als die weniger verfängliche Alternative erschienen, und sie hatte zugesagt. Als sie dann Eve getroffen hatte und zu dem Festessen eingeladen wurde, hätte sie eine perfekte Ausrede gehabt, um William anzurufen und das Treffen abzusagen. Aber sie hatte es nicht getan.

Stattdessen hatte sie ihn am Sonntag in ihrer Wohnung mit dem Gefühl erwartet, dass sie das Ganze nur schnell hinter sich bringen wollte. Und auch als sie ihm die Tür öffnete, tat sie es eher widerstrebend. Als er sie jedoch mit so offensichtlicher Wiedersehensfreude anstrahlte, hatte sie plötzlich gemerkt, wie sich ihre Stimmung hob.

Sie hatte ihn auf einen Drink hereingebeten. Er nahm ein Glas Weißwein und sah sich interessiert in ihrem Wohnzimmer um.

»Das ist also ihr Chelsea-Domizil. Sehr schön. Das hier gefällt mir besonders«, mit diesen Worten legte er eine Hand auf eine der Säulen, auf denen eine Bogenkonstruktion ruhte, die den Raum in zwei Hälften teilte. Dann ging er weiter herum, betrachtete sich die Bilder an den Wänden, nahm eine oder zwei der vielen kleinen Kostbarkeiten in die Hand, die auf den antiken Möbeln verteilt waren, und blieb dann vor den Glastüren stehen, die in den Garten mit einem steinernen Pfad, einigen Blumenbeeten und zwei antiken Statuen führten.

Ein wenig scheu beobachtete sie ihn, während er durch den Raum ging und die Einrichtung studierte, von der sie noch immer nicht ganz glauben konnte, dass sie tatsächlich ihr gehörte. Er bewegte sich absolut frei und sicher und wirkte dabei keineswegs aufdringlich, sondern so, als würde er sich problemlos in diese Umgebung einfügen. Offensichtlich hatte er die erstaunliche Gabe, die Atmosphäre des Hauses in sich aufzunehmen und gleichzeitig widerzuspiegeln.

»Es ist ein besonders schöner Raum, und er passt zu Ihnen. Ich sehe Sie vor mir, wie Sie hier sitzen und ein Buch lesen oder fernsehen.«

»Das stimmt. Ich wohne wirklich gern hier, aber ich fürchte, nicht mehr lange. Ich verkaufe das Haus.«

»Tatsächlich?« Es klang schockiert.

»Ich kann es mir einfach nicht leisten. Haben Sie eine Ahnung, wie hoch die Betriebskosten für so ein Haus sind? Und außerdem war es doch schließlich Ihr Vorschlag, dass ich mit dem Verkauf mein ‚Traumhotel‘ finanzieren sollte.«

Er lächelte verschmitzt und sah dabei aus wie ein frecher Schuljunge. »Aha, also alles meine Schuld, ja? Na gut, dann lassen Sie uns jetzt gehen. Ich habe einen Tisch im Connaught reserviert. Sie wollten mir ja nicht sagen, wo man sonntags am besten zu Mittag essen kann, deshalb habe ich meinen Onkel um Rat gebeten.«

Voller Vorfreude – Darina hatte selten die Gelegenheit, Michel Bourdins Kochkünste zu genießen – holte sie ihren Mantel und ließ ihn ein Taxi herbeiwinken.

Es war ein sonniger Tag, beinahe so warm wie der vorangegangene, und während der Fahrt erzählte sie William von der Pilzwanderung. »Ich habe nie gewusst, wie viele Sorten essbarer Pilze in Sussex wachsen. Sie hätten sehen sollen, welche Mengen die Leute gesammelt haben, und das schon vor dem Mittagessen. Ich glaube, hinterher ist es sogar noch viel mehr geworden.«

»Sie haben sich nicht an der Suche beteiligt?« Inzwischen hatten sie das Restaurant betreten, und William hatte sie an ihren Tisch geführt und ihr einen Platz angeboten, von dem aus sie den holzgetäfelten Raum bestens überblicken konnte.

»Nein, ich habe nur die Speisen für das Picknick hingefahren und später die Reste und das Geschirr wieder mitgenommen. So mussten die Gäste am Ende der Wanderung nicht zurücklaufen, und Eve und Claire haben bei ihrer Rückkehr eine saubere Küche vorgefunden.«

»Was ist aus all den Pilzen geworden?«

»Eve hat sie für die Vorspeise des Essens benutzt, das sie heute gibt.« Darina erzählte ihm kurz von dem einjährigen Jubiläum.

William sah sie amüsiert an. »Sie waren doch sicher ebenfalls eingeladen. Ich fühle mich geschmeichelt.« Sie lachte, und er fuhr etwas wehmütig fort: »Naja, ich kann mir denken, dass sie gedacht haben, wenn Sie heute absagen, würde ich Sie mit meiner Einladung zum Abendessen nerven. Nein, sagen Sie nichts, es tut mir leid, dass Sie diesen Eindruck hatten. Aber jetzt erklären Sie mir lieber, wie Sie beim Wooden Spoon gelandet sind. Ich dachte, Sie hätten Ihren eigenen Catering-Service?«

Darina erzählte, wie sie das Unternehmen an ihre Mitarbeiterin übergeben hatte, um sich den Traum von einem eigenen Hotel zu erfüllen, von ihrem zufälligen Zusammentreffen mit Eve, sprach kurz über deren Firma und beschrieb einige der Speisen, bei deren Zubereitung sie am Freitag geholfen hatte.

William zog eine Grimasse. »Das klingt wie die Art von Essen, die ich nicht ausstehen kann. Ein Maximum an Form mit einem Minimum an Substanz. Während dieses hier nicht nur toll aussieht, sondern auch noch ein richtiges Essen ist.« Damit hob er die Gabel mit einem Bissen der Spezialität des Hauses, Beef Wellington, zum Mund und kaute es genüsslich.

»Ja, ich habe Sie bereits als den Rindsbraten-Typ klassifiziert.«

»Und was soll das heißen?«

»Dass Sie etwas kultivierter sind als der Steak-Typ.«

»Aber genauso ein Macho wie der, stimmt’s? Nur keine Ausflüchte, das ist doch das, was Sie von mir denken. Aber das Spiel gefällt mir. Mal sehn, wie ich Sie klassifizieren würde.«

Darina wartete geduldig, während seine grauen Augen sie forschend betrachteten.

»Ich hab’s: Creme brûlée. Man muss sich zuerst durch die verbrannte Kruste beißen, aber dann wird man durch die köstliche Creme darunter reichlich belohnt.«

»Ich gehe mal davon aus, dass das als Kompliment gemeint war.«

»Es ist eine meiner Lieblingsnachspeisen«, sagte er und erhob sein Weinglas. »Und wie ist es mit Ihrer Freundin Eve – mit welcher Speise würden Sie sie vergleichen? Nach allem, was Sie mir über sie erzählt haben, sehe ich sie als eine von diesen komplizierten Vorspeisen mit einem langen französischen Namen, die ungemein schick aussehen und nach nichts schmecken.«

»Offensichtlich habe ich da einen falschen Eindruck von ihr vermittelt. Ihre Art der Kochkunst ist einfach nicht mein Stil, aber ich lerne eine Menge von ihr. Durch Eve wird mir bewusst, wie wenig Fantasie ich beim Kochen habe. Sie wäre niemals damit zufrieden, ein Kotelett lediglich als Kotelett zuzubereiten. Es muss mindestens gefüllt oder in Teig gewickelt oder in einer speziellen Soße gekocht sein. Daneben sieht meine Art, die Speisen auszurichten, wie das Mittagessen in einem Kindergarten aus.«

»Ich erinnere mich daran, dass Sie ganz fabelhaft kochen.«

Darina dachte an die historischen Rezepte, die sie während des traumatischen Wochenendes zubereitet hatte, an dem sie William zum ersten Mal begegnet war. William hatte offensichtlich den gleichen Gedanken, denn er fuhr fort: »Aah, das war ein Essen nach meinem Geschmack. Und ich glaube, das kommt auch wieder in Mode. Die Franzosen nennen es cuisine gran’mère, dabei schmeckt es ganz und gar nicht so wie »bei Muttern«.

Meine Mutter ist nämlich eine grauenhafte Köchin. Glücklicherweise macht sie sich meistens nicht einmal die Mühe zu kochen – sie ernährt sich und meinen Vater von Tiefkühlkost und sagt, als Politikerin sei sie viel zu beschäftigt, um ihre Zeit in der Küche zu verplempern. Wenn sie Gäste zum Essen hat, engagiert sie jemanden, der kocht. Wahrscheinlich sind es Leute wie meine Mutter, denen Sie und Ihre Freundin ihr Geschäft zu verdanken haben.«

»Auf Ihre Mutter«, sagte Darina und erhob ihr Glas mit dem ausgezeichneten Wein, den William ausgewählt hatte. Sie fühlte sich ungemein wohl. Das Essen war hervorragend, und das Ambiente in seiner Mischung aus Herrenclub und Landhaus ebenso gepflegt wie entspannend. Das Restaurant war angenehm gefüllt mit interessant aussehenden Gästen, und am interessantesten fand sie den, der ihr gegenübersaß. Alle Vorbehalte waren wie weggeblasen. Vielleicht hatte sie sich in letzter Zeit zu sehr auf ihre berufliche Karriere konzentriert und dabei vergessen, wie angenehm es sein konnte, mit einem attraktiven Mann auszugehen.

»Wir sollten das wiederholen«, meinte William, während er sich den Brot-und-Butter-Pudding, eine weitere Spezialität des Hauses, schmecken ließ. »Wie wär’s mit einem Abendessen in der nächsten Woche?«

»Wo wohnen Sie?«

»Bei meinem Onkel und meiner Tante in der Nähe vom Sloane Square – gar nicht weit von Ihnen, übrigens.«

Darina überlegte. Das war offensichtlich der Onkel, der das Connaught vorgeschlagen hatte. Obwohl William behauptete, nicht zu wissen, wohin man in London am Sonntag zum Essen ausging, hatte er keine Hemmungen gezeigt, in einem der exklusivsten Restaurants der Stadt zu speisen und auch angesichts der Preise nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Er entsprach ganz und gar nicht ihren Vorstellungen von einem Polizisten. Hatte er ihr damals nicht erzählt, er habe seine berufliche Laufbahn im Außenministerium begonnen und sei dann in der Londoner Geschäftswelt tätig gewesen, bevor er Polizist wurde? Das erklärte wohl seine unaufdringliche Weltgewandtheit.

»Also, wie sieht’s aus mit einem Abendessen?«, drängte er sanft.

Darina zögerte nicht. »Das wäre schön. Ich weiß nicht, wie lange Eve mich noch braucht, aber ich bin sicher, ich kann mir einen der nächsten Abende freihalten.«

»Wunderbar. Dann rufe ich Sie morgen an.«

»Es ist besser, wenn ich Sie anrufe, denn ich arbeite morgen den ganzen Tag und wahrscheinlich auch am Abend.«

Er gab ihr die Nummer seines Onkels und schlug dann einen kleinen Spaziergang über den Grosvenor Square zum Hide Park vor.

»Ach, das ist schön«, rief Darina aus, während sie mit den Füssen die vielen Blätter aufwirbelte, die sich unter den Bäumen angesammelt hatten. »Ich vermisse das Landleben. Was gibt’s Neues in Somerset?«

»Nicht viel«, meinte er lakonisch.

»Wie steht’s mit der Verbrechensbekämpfung? Irgendwelche Morde oder dergleichen?«

»Nein, es gab in letzter Zeit keine besonders dramatischen Vorkommnisse, nur die üblichen Fälle – Diebstahl und jugendlicher Vandalismus.«

»Und damit kommen Ihre Kollegen diese Woche auch ohne Sie zurecht?«

»Naja, gerade so.«

Sie schlenderten angeregt plaudernd von Knightsbridge in die Sloane Street und die King’s Road entlang, bis sie vor Darinas Haus ankamen. Seine Gesellschaft war so angenehm, dass sie es ein wenig bedauerte, als er ihre Einladung zum Tee dankend ablehnte.

»Ich würde schrecklich gern, aber ich habe meinem Onkel und meiner Tante versprochen, dass ich sie zu einem Wohltätigkeitskonzert begleite. Ich freue mich aber schon sehr auf unser nächstes Essen.« Er winkte ihr zum Abschied kurz zu und ging dann die Straße zurück.

»Ich wette, es war der, mit dem du auch am Mittwochabend ausgehst«, nahm Eve jetzt ihre Spekulationen wieder auf, nachdem sie den letzten Topf geschrubbt und das Spülwasser abgelassen hatte.

»Bist du auch sicher, dass du mich da nicht brauchst?«

»Das dürfte kein Problem sein, obwohl wir am Mittwoch die Dinnerparty für Monica Cox ausrichten. Sie ist die Frau von Ralph, dem Pilzexperten. Er hat einen Großhandel für Früchte und Gemüse und beliefert die besten Restaurants und Hotels in London. Monica ist äußerst anspruchsvoll, und deshalb bestellt sie das Essen immer bei uns. Aber solange du uns bei den Vorbereitungen helfen kannst, müssten wir am Abend schon klarkommen. Claire sollte dann wieder gesund sein, und vielleicht ist Jo bis dahin auch wieder zurück. Also geh ruhig aus und mach dir einen schönen Abend.«


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

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