Ich bin Hermann

Stuttgart, November 2017. Ja, auch Männer werden alt. Sie fühlen sich einsam, sie wollen nicht allein sein. Deshalb hat die Autorin Monika Detering für ihren neuen witzig-liebevollen Roman das „Haus am Auenwald“ erfunden – eine Rentner-WG in OWL, Ostwestfalen-Lippe, in der nur Männer wohnen. Und da Altwerden nichts für Feiglinge ist, lässt sie die dort beheimateten Männer werkeln, Musik machen, lässt sie sich zanken, krank sein und gemeinsam lachen – langweilig wird es nicht, im Gegenteil.

Die geballte Lebensfreude dieses Hauses holt auch den 79-jährigen Hermann, den Protagonisten des Romans, wieder aus seiner Trauer und Zurückgezogenheit heraus. Als er vor der Wohngemeinschaft diesen roten Trecker sieht, der einem Mitbewohner gehört, ist er sofort hingerissen. Noch mehr, als er entdeckt, dass dieses Fahrzeug ein 1962er Porsche ist. Das alte Schätzchen ist noch gut in Schuss. Als er es eines Tages erbt, ist er so glücklich wie der Junge, der er einmal war, und tuckert beseelt mit ‚Lilofee’ durch die Gegend. Hermann beauftragt seinen Freund Amsel als seinen Teilzeitbiographen, hat Humor, schräge Einfälle, ist manches Mal voller Wehmut und findet noch einmal sein Liebesglück – in Lila, der Märchenerzählerin.

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Alte Menschen können mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen eine Menge – aber sie müssen auch eine Menge nicht mehr tun. Das ist Freiheit! Sie haben noch immer Träume und sind keinesfalls zu alt für die Liebe. Für Hermann, Protagonist in Monika Deterings Roman Ich bin Hermann, kommt sie um die Ecke, als er sie am wenigsten erwartet.

Monika Detering über ihren humorvollen Roman

Worum geht es in deinem Buch Ich bin Hermann?

Auch Männer werden alt. Sie fühlen sich einsam, sie wollen nicht allein sein. Deshalb habe ich das „Haus am Auenwald“ erfunden, in dem nur Männer wohnen. Und da Altwerden nix für Feiglinge ist, lasse ich ‚meine‘ Männer werkeln, Musik machen, lasse sie zanken, krank sein und gemeinsam lachen – da geht noch viel. Diese Lebensfreude holt Hermann wieder aus Trauer und Zurückgezogenheit heraus. Hermann ist kein Feigling, er beauftragt Amsel als Teilzeitbiograph, hat Humor, schräge Einfälle, ist manches Mal voller Wehmut und findet noch einmal sein Glück – Lila, die Märchenerzählerin.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

 Hermanns Geschichte war so präsent in mir, dass ich in knapp drei Monaten das Manuskript fertig hatte

 

Wie kamst du auf die Idee für dein Buch?

Manchmal ist es nur ein Wort, ein Bild, das als Auslöser fungiert. Ich sah Bilder von alten, fröhlichen, tanzenden Paaren, von betagten Menschen, die sich an den Händen hielten, ich sah die alten Männer in meiner nahen Umgebung, kenne einige ihrer Geschichten, und da tauchte „Hermann“ auf , drängte mich sehr und wollte geschrieben werden. Außerdem fiel mir eine Reportage, die ich vor Jahren gemacht hatte, wieder in die Hände. Die zauberhafte Geschichte einer sehr späten Liebe. Zufall? Fügung?

 

Haben deine Figuren reale Vorbilder?

In weitestem Sinne ja.

 

Was reizte dich daran, die Geschichte von Hermann zu erzählen?

Mich fuchst es, wenn Menschen in Hermanns Alter auf ein negatives Alt-Bild reduziert werden. Ja, sie sind alt, na und? Sie haben so viel Erfahrung und Wissen, sie haben Träume wie Jüngere auch. Sie können eine Menge, aber sie müssen eine Menge nicht mehr tun. Das ist Freiheit! Außerdem ist kein Mensch zu alt für die Liebe. Sie kommt um die Ecke, wenn man sie am wenigsten erwartet.

 

Wie würdest du Hermann in drei Worten beschreiben?

Fantasievoll. Skeptisch. Begeisterungsfähig = eben Hermann.

 

Was hat es mit Hermanns rotem Trecker ‚Lilofee’ auf sich?

Kleine Jungs träumten vor weit über siebzig Jahren von Lokomotiven, Feuerwehren, Autos und manchmal von Treckern. Als Hermann vor seinem zukünftigen Zuhause diesen roten Trecker sieht, der einem Mitbewohner gehört, ist er hingerissen. Noch mehr, als er entdeckt, dass dieses Fahrzeug ein Porsche von 1962 ist. Das alte Schätzchen ist noch gut im Schuss. Als er es eines Tages erbt, ist er glücklich wie ein Junge, der er einmal war und tuckert damit durch die Gegend.

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Wir kennen dich vor allem durch deine Ostsee- und Nordsee-Krimis. Inwieweit unterscheidet sich die Arbeit an einem Krimi von einem humorvollen Roman?

Beim Krimi brauche ich Verwicklungen, falsche Fährten, eine gelungene raffinierte Lösung  – bei Romanen wie Hermann geht es nicht um die Lösung eines Verbrechens, sondern um die Entwicklung von Personen und was bei ihnen möglich sein könnte. Diese Geschichte zu schreiben, hat mir sehr viel Freude gemacht.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Momentan denke ich an Hörspiele. Auch Hermann hätte dafür Potenzial. Außerdem drängt Hermanns letzte Liebe, die Lila, und möchte, dass ich auch von ihr erzähle. Ja, sie drängelt heftig. Und manche Projekte schweben wie Sterne am Himmel. Noch. Ich muss sie nur herunterholen.

 

Hast du eine Buchempfehlung für uns?

Genau, die habe ich. Auch wenn der Roman in einem anderen Verlag erschienen ist. Ich bin mir sehr sicher, dass Der Sommer des Raben viele Leser packt und berühren wird.

 

Gibt es etwas, was man über dich wissen sollte?

Och. Ich weiß selbst so vieles nicht über mich und bin erstaunt, was da immer noch kommt.

Übrigens, die alten Herren aus der Männer-WG machen auch Treckermusik. Wie das klingt, hört ihr hier.

 

 

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Monika Detering arbeitete als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben. Sie veröffentlicht Romane, Krimis und Kurzgeschichten, schreibt solo, aber auch im Team mit dem Autor Horst-Dieter Radke. Sie ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und den „42erAutoren“.

Ich bin Hermann

1.

Hermann Haberstroh, seit kurzem Witwer, dachte über sein Leben nach. Ist das jetzt alles gewesen oder kommt da noch was? Diese Fragen stellte er sich zum wiederholten Mal, auch drei Tage nach seinem neunundsiebzigsten Geburtstag. Neunundsiebzig! Witwer! Bis auf diese eine Sache hatte er während seiner Ehe mit Paula keine Affäre gehabt. Hatte es an Paula gelegen oder an Gelegenheiten, sein Treuepotential auszutesten? Hermann beschloss, dass es an Paula gelegen haben musste. Die Jahre mit ihr waren gute Jahre gewesen.

Er fragte sich auch, ob er nicht einfach zu alt war. Ob er trotz seiner Trauer nicht mehr an die Zuneigung einer Frau denken durfte. „Ja ja, in unserem Alter!“, skandierten die Nachbarn und meinten damit, dass ihm nichts Schönes mehr zustehen würde. Er sah ihnen ihre Meinungen an. Schaute er die Nachbarn genau an, setzten sie einen klebrig mitleidigen Blick auf.

Er hatte Paula umsorgt, zuletzt auch gepflegt, so weit er es konnte, hatte getischlert, Freunde eingeladen, damit sie nicht nur allein miteinander waren. Aber jetzt, fand er, musste noch etwas passieren bis zum Achtzigsten. Die Zeit raste und wurde knapper, er hatte das Gefühl, dass sie ihn drängte, bald zu sterben. „Kommt nicht in die Tüte!“, sagte er sich.

Er ging durch das Wohnzimmer, blieb vor dem deckenhohen Regal stehen, besah die vielen Bücher. Lesen war Paulas Bereich gewesen. Hermann mochte Holz und sein Werkzeug. Genau in diesem Moment elektrisierte ihn ein Gedanke, der nicht zu den vorherigen passte. Eigentlich. Er nahm die Hände aus den Hosentaschen und lief, so schnell er konnte, zu Amsel. Friedrich Amsel wohnte auf der anderen Straßenseite. Ungewöhnlich förmlich bat Hermann mit träumerischem Blick schon an der Tür, ihm seine neueste Idee erläutern zu dürfen.

„Aha. Dürfen? Wieder eine Idee? Heute die spannende Variante? Komm rein. Ein Bierchen?“

„Nicht am Vormittag. Das geht gegen meine Prinzipien. Müsstest du doch wissen.“

„Dann Kaffee?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte Amsel die Kaffeemaschine an. „Eine Idee.“ Er seufzte leise. Fragte dann lauter: „Hermann, was hast du dir ausgedacht? Fang nicht schon wieder mit neuen Regalen an! Oder willst du Vogelhäuschen mit Balkon basteln?“ Er blickte amüsiert auf seinen Gast herab. Hermann war stämmig und muskulös, nur nicht so hochgewachsen wie sein Freund. Hermann nuschelte etwas.

„Bitte?“, fragte Amsel.

„Ich habe mir eine Holzdrechselbank gekauft.“

„Aber du drechselst doch gar nicht“, sagte Amsel.

„Wer weiß das schon? Die ganz großen Sachen stehen ja nicht mehr an. Wie so manches. Was brauche ich denn noch? Freunde, Holz, den Himmel, das Meer und mein Werkzeug.“

„Drechseln … Ist es das, was du mir verklickern willst?“, fragte Amsel. „Dafür mache ich eine volle Kanne Kaffee? Also, wirklich, Hermann! Ich glaube, das Alleinsein bekommt dir nicht.“ Er goss das Getränk in zwei Becher. „Drechseln … Setz dich.“

 „Wie meinst du das jetzt, Hermann? Mach‘s nicht so dramatisch. Was willst du?“

„Du weißt, dass ich im nächsten September achtzig werde. Und diesen Geburtstag möchte ich auch erleben. Trotz Herzattacken. Da bitte ich dich, alles aufzuschreiben, was dieses Jahr bis zum Achtzigsten noch so passiert.“

„Wie bitte? Meintest du das mit Drechseln?“

„Ja, sicher. Ich mache jeden Abend Stichpunkte, was ich gedacht und erlebt habe. Und du schmückst das aus oder wie man das nennt. Ich kann dir auch in dein Diktiergerät sprechen.“

„Meine Autorenschaft als Drechseln zu bezeichnen! Ganz schön frech. Und bitteschön, was soll das Ganze werden?“ Amsel fragte das, obwohl er wusste, was Hermann wollte.

„Was wohl? Ein Buch! Bitte, schon allein wegen Sonja. Meine Tochter weiß alles besser und bevormundet mich. Die nervt bis zum Hirnplatzen, wenn sie denn mal anruft. Na ja, das ist inzwischen eher selten. Ich meine, sie kennt mich heute nicht mehr richtig. Ich bin nicht mehr der Papa von vor über vierzig Jahren. Und Sonja soll wissen, wie ich heute bin.“ Ob das eine Drohung oder augenzwinkernd gemeint war, konnte Amsel nicht unbedingt heraushören. „Außerdem hätte ich dann Interessantes zum Lesen. Eine Geschichte über mich selbst wäre amüsant.“

„Du stellst dir ein Buch für zwei vor. Für Sonja und für dich. Richtig? Das ist also Sinn der Sache?“

„Von mir aus können es alle lesen. Dann wissen die Leute, wie es einem als Mann geht, wenn man alt wird.“

Amsel ging zum Küchenfenster. Er war nicht sicher, ob er das machen sollte. Hermann hatte viele Ideen und aus den meisten, eigentlich fast allen, war nie etwas Richtiges geworden. Nur aus seinen Möbelstücken. Außerdem reagierte er so manches Mal recht eigen. Amsel befürchtete, dass er später meckern würde und dann wäre die Arbeit umsonst gewesen. Denn Arbeit würde das werden. Natürlich würde er das Aufschreiben – wenn überhaupt – kostenlos machen. Freundschaftsdienst. Er fand aber, dass Hermann bestimmt noch zehn Jahre leben würde. Und so lange sollte ihre Männerfreundschaft auch halten. „Achtzig! Heute werden gestandene Männer neunzig und drüber.“

„Ich will nicht neunzig werden, ich will nur ein richtiges Buch. Nicht so ein flaches Ding, auf dem die Leute mit den Fingern wischen und drücken. Hab so was bei Stekelbroich, dem Rudi, gesehen.“

„Aber du kannst auf so einem Teil die Schrift vergrößern. Ich finde das sehr bequem“, erklärte Amsel.

„So‘n modernen Kram. Ich weiß nicht. – Also, machst du es? Ich muss wieder rüber. Ich hab die Haustür nur angelehnt.“

„Nun warte mal. Da kommt schon keiner rein. Hier doch nicht.“

Hermann seufzte ungnädig. „Dass du dich jedes Mal mit dem Entscheiden so schwer tust. Dann hätte ich auch zu Hause bleiben können.“

„Ich lasse mir deinen Vorschlag durch den Kopf gehen. Wenn du Gedanken und Erlebnisse haben solltest, die andere interessieren könnten … Könnten, habe ich gesagt“, setzte Amsel sofort hinterher, als er das Aufleuchten in Hermanns Augen sah. „Außerdem, wenn überhaupt … Ach, vergiss es.“ Er dachte daran, ob dafür ein Verlag zu begeistern war.

„Warte nicht zu lange, nachher bin ich tot, eh du überhaupt in die Pötte gekommen bist.“

Amsel hatte Bücher geschrieben. Ratgeber. Für Handwerker. Für Bastler. Es gab auch ein Buch mit Handwerkerwitzen von ihm. Aber Teilzeitbiograph? Das war nun wirklich etwas ganz Neues.

„Vielleicht überlebe ich das Jahr auch nicht. Ein langes Leben liegt nicht in meiner Familie. Mein Vater starb mit vierundvierzig. War ein depressiver Mann. Meine Mutter ein paar Jahre später. Konnte nicht ohne ihren Konstantin. Das Leben ist komisch, kompliziert, hinterhältig und herrlich. Weißt du, ich möchte mich in Frieden verabschieden und wissen, dass es danach noch Geschichten von mir gibt. Nur falls ich einundachtzig werden sollte – dann muss ich umdisponieren. Achtzig reicht mir. Ist lange genug.“

„Über achtzig müsstest du schon werden. Sonst kannst du dein Buch nicht mehr lesen.“

„Heißt das, du machst es?“ – Hermann stand auf. „Bitte!“

Hermann bat selten.

„Ich gebe dir Bescheid.“ Amsels kurzes Lächeln ließ Hermann hoffnungsfroh grienen. Beide sahen sich an.

Mitten in diese Übereinstimmung hinein knallte es ziemlich laut. Genau zwei Mal. Als wenn jemand geschossen hätte. Amsel und Hermann rannten nach draußen und sahen, wie aus dem Miethaus drei Häuser weiter zwei Männer aus einem Fenster im ersten Stock sprangen und in das nahe Waldgebiet rannten. Hermann hatte die Hände wieder in den Hosentaschen und guckte. Amsels schmales Gesicht zuckte vor Aufregung. „Polizei rufen?“

„Besser ist es. Obwohl die ja schon weg sind. Die 110 oder 112? Ich hab so was noch nie gemacht.“

„Stell dich nicht zu doof an. Die 110!“

„Hol dein Handy“, forderte Hermann den Freund auf.

Schon hörten sie die Sirenen der Streifenwagen.

„Siehste, sind schon unterwegs.“

Es wurden immer mehr. Hermann zählte acht Streifenwagen, zwei Krankenwagen und zwei Notärzte.

„Das in unserer Straße“, wunderte sich Hermann. „Bestimmt eine Familiensache. Ich dachte, da wohnen ordentliche Leute.“

„Sieht nicht gut aus“, sinnierte Amsel.

„Himmeldieberge, ich hab meine Tür offen stehen!“

Schon eilte Hermann über die Straße.

***

Niemand hatte sein Haus betreten. „Wär’ ja wohl auch …“ empörte sich Hermann gegenüber der Jacke und dem dicken breiten Schal, die an der Garderobe hingen und hier hängen bleiben sollten. Die Sachen waren noch von Paula. „Oder was meinst du?“

Ihm genügte es, mit ihr zu sprechen. Natürlich erwartete er keine Antwort, er war ja durch Paulas Tod nicht verrückt geworden. Wieder ging er vor die Haustür. Nachbarn standen herum. Er mochte nicht dazu gehen. „So ein Gegaffe ist nichts für mich. Macht man nicht.“ Deshalb ging er wieder rein.

Am nächsten Tag kam Amsel. Der wusste einiges, er hatte gefragt. „War eine Beziehungstat“, erklärte er Hermann. „Da drehte einer durch wegen Eifersucht, weil seine Freundin in der Wohnung mit einem anderen zugange war. Mit einer Schreckschusspistole hat der rumgemacht.“

„Da ist man nirgends mehr sicher“, überlegte Hermann. „Und morgen sind hier so ausgehungerte Gestalten mit Drogen. Amsel, in unserer Straße, in der bisher noch nie was passiert ist. – Übrigens, machst du das nun? Mit dem Buch?“

„Nicht drängeln. Tschüss!“

***

Amsel überlegte eine Woche und drei Tage. Solange ging er dem Freund aus dem Weg. Dann aber spazierte er mit einer Flasche Rotwein zu Hermann rüber. Rudi Stekelbroich war auch da.

Hermann war verunsichert. Denn Amsel sagte nicht, warum er mit Wein auftauchte. Vielleicht sagte er auch nichts wegen Rudi. Das konnte sein. Rudi erzählte gerade ausführlich und begeistert von diesem Haus im Auenwald, über das vor kurzem die Zeitung berichtet hatte. Ein Haus, in dem sieben alte Männer wohnen und keine Frauen einziehen dürfen. „Eine Wohnung wird dort gerade frei, das wär’ doch was für dich, Hermann.“

„Wieso denn? Ich wohne doch gut. Schließlich habe ich mit meiner Paula vierzig Jahre in unserem Häuschen gelebt. Was meinst du, was die sagen würde. Wo doch noch alles von ihr da ist. Das hätte doch woanders keinen Platz. Auch mein Werkzeug nicht. Ich und ausziehen. Und nur Männer? Warum wollen die keine Frauen? Sind die, na du weißt schon …?“

Amsel grinste, Rudi auch.

Ärgerlich verkniff sich Hermann einen weiteren Kommentar. Er würde schon noch genauer nachhaken. Beim Rudi. Mit dem konnte er so etwas besprechen.

„Damit du es besser verstehst“, begann Rudi erneut. „Diese Männer wollen ihr Leben allein gestalten und zurechtkommen. Dass heißt ja nicht, dass sie keine weiblichen Kontakte haben. Sie können auch Besuch von Freundinnen oder Töchtern bekommen, nur möchten sie nicht, dass eine Frau im Haus wohnt und dadurch ihre Gemeinschaft durcheinanderbringt.“

„Aha“, brummte Hermann. „Ist eine ganz schöne Ecke, kenn ich. Hier ballern sie inzwischen mit Pistolen rum.“

Abwechselnd erklärten Hermann und Amsel dem Rudi, was es mit dem „Ballern“ auf sich hatte.

Rudi drängte Hermann, sich die Wohnung einfach nur mal anzusehen. Die Männer diskutierten über ein Für und Wider. Amsel legte sein Aufnahmegerät auf den Tisch und schaltete es ein. Damit hatte er sich offiziell für den Job als Kurzzeitbiograph entschieden.

Während Rudi fragte: „Was ist das?“, erhob Amsel sich, mitsamt Glas und einem letzten Schluck, und verkündete: „Ab jetzt nehme ich Hermanns Leben auf. Alles, was bis zu seinem Achtzigsten passiert.“ Er wandte sich an Hermann, der ihn mit offenem Mund anstarrte. „Sieh zu, dass du umziehst und das Haus verkaufst.“

„Ich verkaufe nicht“, moserte Hermann. „Wie stellst du dir das vor?“ Er guckte grimmig erst Amsel, und dann Rudi an. „Ich! Will! Das! Nicht!“

„Mann, in dieser Gegend! So eine Immobilie reißen sie dir aus der Hand. Dann biste flüssig, kannst in Ruhe umziehen und entrümpelst dabei Einiges.“ Amsel nickte aufmunternd. Immerzu. Das sah nach zwei Minuten etwas dämlich aus.

Hermann zog seine weißen buschigen Augenbrauen zusammen. „Es wird nicht entrümpelt. Aber in unserer Straße ist es nicht mehr richtig sicher. Nachdem gestern …“

„Guck, schon haben wir was aus deinem Leben. Mach Notizen, wie besprochen, und gib sie mir jede Woche. Schreib alles in den Computer. Das geht schneller, ist einfacher und du schickst mir das Doc in einer Mail.“

„Du meinst, mein restliches Leben hat längst begonnen? Sozusagen der Countdown?“

„So ist es.“

„Gott, oh Gott. Wenn Paula das wüsste.“

Nach einer langen Pause fragte Hermann: „Nicht, dass ich es nicht kann. Aber es wäre ganz schön, wenn du mir das noch mal genauer zeigst. Mit dem Computer. Ich hab so ein altes Ding. Geht das mit dem überhaupt? Ich habe den schon länger nicht mehr benutzt.“

Hermann überlegte. „Kommen in das Buch auch peinliche Sachen?“

„Wenn es sie gibt, warum nicht? So peinlich kann doch nichts mehr bei dir werden“, beruhigte Amsel.

„Ich weiß nicht …“ In diesem Moment hätte Hermann das Ganze gerne als Schnapsidee abgetan. Er hatte so ein Bild vor Augen: Jede Menge Leute, die vor seinem Haus mit dem Buch in der Hand standen und seine Unterschrift haben wollten. Über ihn lachten. Ihn Tag für Tag belagerten. Da kann ich ja noch nicht einmal anständig pinkeln gehen!

Nur war Hermann ein Mann des Wortes – er brach keins, das er einmal gegeben hatte. Und neben Amsel war auch noch Rudi da. Zwei Zeugen sozusagen, zwei Zeugen seiner hirnverbrannten Buchidee. Und Paula war eigentlich die dritte Zeugin.

„Was meinst du dazu?“, fragte er inwendig.

Er lauschte, er hielt den Kopf schräg.

Aber Hermann hörte keine Antwort von Paula.

 

2.

Hermann ärgerte sich, dass Rudis Vorschlag sich wie ein Parasit in seinem Hirn eingenistet hatte, und der Gedanke an jene Wohnung im Auenwald machte ihn unruhig. Lange genug hatte er sich Rudis Versuch, ihn zu begeistern, angehört. Werden die Auenwald-Bewohner ihre Wohnung nicht los? Hat die Macken? Bestimmt. Und ich soll dafür herhalten? Auch die Aussicht aufs Packen und einen Umzug war für ihn eine mittlere Katastrophe. Nicht, dass Rudi in meinem Namen eigenmächtig agiert! „Ich hab‘ doch hier eine Menge Platz“, sagte er zu der Jacke und dem dicken Schal an der Garderobe. „Warum sollte ich das alles hier verkaufen? Nun sag doch auch mal was, Paula!“ Er bewegte die Jacke hin und her. „Nur, weil in unserer Straße einer durchgedreht ist und geschossen hat? Meinst du, so etwas passiert jetzt öfter? Und kannst du dir vorstellen, dass hier einer einbrechen könnte? Du hast immer Angst davor gehabt, aber sei ehrlich, nie ist was passiert. Dann ist es doch unwahrscheinlich, dass ab nun Durchgeknallte unser Viertel terrorisieren.“

Damit war das Thema für ihn erledigt. Eigentlich. Denn ihm war, als würde Paula nicht richtig zuhören. „Stell dich nicht an. Bei Veränderungen kneifst du wie immer. Guck dir die Wohnung an“, glaubte Hermann zu hören. „Dich stört doch der Autoverkehr. Immer wolltest du ruhiger wohnen, wenn du in Rente bist. Biste nun lange genug. Also mach schon.“

Hermann horchte in sich hinein. Aber da kam nichts mehr. Aber er hätte gern Paulas Meinung zu dem Thema ausführlicher wahrgenommen. Und nicht so kritisch ihm gegenüber. Seufzend ging er durch den Flur, ins Bad, klopfte gegen die hellgrauen Fliesen, einst Sonderpartie aus dem Baumarkt, (so sahen sie auch aus) schloss das Fenster, dass auf Kipp war, und ging weiter ins Wohnzimmer. Nach oben, wo sich Schlafzimmer, einstiges Kinderzimmer und auch ein weiteres Bad befanden, mochte er nicht gehen. Da oben hing diese lähmende Stille, klebrig wie Fliegenfänger. Hermann begann zu pfeifen, um die schwer lastende Lautlosigkeit zu beenden. Die Töne klangen wie ein Schluchzen. Nach dem kleinen Rundgang stand er vor der Tür, die in den Keller führte. Dort hatte er seine Werkstatt eingerichtet. Er blieb, wo er war, er mochte nicht hinuntergehen, er hatte alles geschraubt, gehobelt, erneuert, all das, was zu tun war, wenn ein Tischler im Ruhestand seiner Frau imponieren wollte.

Ich könnte der Küche eine neue Arbeitsplatte verpassen. Über die alte hat Paula ewig geschimpft. Sie sei fürchterlich verhunzt. Ein Schwall Freude darüber, etwas tun zu können, wallte auf. Er dachte an Ahorn, das helle Holz hatte Paula gemocht. Er blickte in den kleinen, etwas dunklen Raum, der schrecklich aufgeräumt war. Der Glanz der Herdplatten, des Schnellkochers, der Küchenmaschine, der Schrankfronten war ein trauriger, ein nutzloser. Mit seinen kräftigen Fingern strich Hermann über die Arbeitsplatte, überlegte und dann fiel die Vorfreude auf einen Moment Arbeit wie ein Sommersoufflé in sich zusammen. „Was brauche ich eine neue Platte, Paula sieht sie ja doch nie mehr.“ Seit Tagen schon hatte er sich morgens Brötchen aus der nahen Bäckerei geholt, Wurst und Käse im Supermarkt und über den Tag verteilt gegessen. Draußen, hinten auf der winzigen Terrasse, neben dem morschen Brett. Er wollte im Haus nicht krümeln. „Pass doch mal auf, jetzt muss ich schon wieder saugen.“ In ihren gesunden Zeiten hatte Paula ihn manches Mal gescheucht. Er hatte ein paar Flusen auf dem Fußboden nicht schlimm gefunden und meist erwidert: „Die paar Krümel? Ist doch albern, komm zu mir und erzähl was Nettes.“ Ihre Geschichten hatten ihn immer zum Lachen gebracht.

Die Küche, ja. Bis auf das Kaffeekochen hatte er sie seit der Beerdigung nicht genutzt. Hermann hatte die Phantasie verlassen. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, etwas Leckeres zu kochen und sich zu verwöhnen.

„Lad Amsel und Rudi ein und mach mal was!“

Zum zweiten Mal an diesem Tag durchzog Hermann eine kleine Vorfreude. Er nahm seine Jacke und ging zu Amsel. Der war aber nicht da, und sein Auto auch nicht. Er wollte nicht umsonst gegangen sein, deshalb machte er sich auf den Weg zu Rudi, der erstaunt fragte: „Ist was, Hermann?“

„Was soll sein? Ich will kochen, nicht alleine essen, ich möchte Gesellschaft und du sollst mitkommen.“

„So auf die Schnelle? Hermann! Das wird nix. Was ist in dich gefahren?“

„Um sieben bei mir!“

Und ehe Rudi etwas erwidern konnte, eilte Hermann zum Supermarkt.

***

Etwas braten oder im Backofen grillen, das war Hermann fürs erste zu viel. Allein der Gedanke daran überforderte ihn. Während des Einkaufs war es, als würde ihn Paula in die Obst- und Gemüseabteilung führen. Bis zuletzt war das ihre bevorzugte Abteilung gewesen. Hermann griff mit sicherer Hand zu, wo er sonst sehr lange vor jedem Artikel zögerte und überlegte.

Zufrieden kam er nach Hause. Vor seiner Tür stand eine Frau, die er vom Sehen kannte. Die war auch auf Paulas Beerdigung gewesen.

„Ja?“, fragte er.

„Ich wollt‘ Sie mal fragen, ob Sie vermieten tun.“

„Warum das denn?“

„Ich will nicht zu meiner Tochter nach Berlin ziehen. Ich will in Ostwestfalen bleiben, lebe doch schon so lange hier.“ Sie atmete tief durch. „Also, ich will mich kleiner setzen. Und da Sie doch inzwischen allein sind und man als Frau ja wissen tut, dass Männer alleine nur rumölen, also, da könnte ich Ihnen doch den Haushalt machen. Und dafür bräuchte ich keine Miete zahlen tun. Na?“

Erst wollte Hermann nach ihrem Namen fragen. Aber er war so sprachlos über diese Offerte, dass er die Frau nur anstarrte.

Das Anstarren schien sie anders aufzufassen. Sie begann mit einem Augenaufschlag von unten nach oben. „Ich bin doch auch sehr allein!“, hauchte sie und legte bedeutsam die Hand auf ihr üppiges Herzfleisch.

Hermann staunte und wandte verlegen den Blick ab. „Ich vermiete nicht und ich komme ausnehmend gut alleine zurecht“, versuchte er, höflich zu reagieren. Ihm war auch, als wäre Paula dazugekommen, die warnend den Kopf schüttelte.

„Ich muss jetzt kochen, ich bekomme Gäste“, sagte er mit wichtiger Miene, schloss die Tür auf und verschwand blitzschnell dahinter.

In der Küche packte er alles aus, sah durch das Fenster, wie die Frau immer noch in seinem Eingang stand. „Nein, nein, nein“, beschwor er seine aufflammende Gutmütigkeit.

Sein Vor-sich-hin-Pfeifen beim Säubern des Rucolas hörte sich fröhlicher an als noch vor ein paar Stunden. Erleichtert hörte er, wie die Frau nach einigen Minuten ging.

Schwungvoll mixte er Rucola, Cocktailtomaten, Mango, Gurken und grünen Salat mit Walnusskernen, und machte dazu ein Dressing aus Balsamico-Essig und Honig. Es ging ihm so leicht von der Hand, es war, als ob er jeden Tag so etwas machen würde. Hermann probierte und konnte kaum fassen, dass es schmeckte. „Danke!“, flüsterte er. Der Dank galt Paula. Jetzt überlegte er, wie sie das mit dem Weißbrot immer gemacht hatte.

Rudi kam pünktlich. Verblüfft blickte er auf den Salat, staunte auch über das geröstete Weißbrot, den Bergkäse, den Ziegenkäse mit Thymian und den Schweizer Hartkäse. Rudi war auf Fleisch programmiert, eine Bratwurst hätte ihm auch gereicht, aber er verkniff sich jede Bemerkung, die in diese Richtung ging. Er sagte auch nichts über verschüttetes Olivenöl auf dem Fußboden, über Rucola-Blätter auf Hermanns ausgebeulter Jeans, und nichts zum Pullover, den Hermann auf links trug. Er sagte nichts zu verstreutem Pfeffer und dass der Käse zu schwitzen begann, weil Hermann ihn nicht kühl gestellt hatte. Dass es in der Stadt einen Kochkurs für Senioren gab, verschwieg er auch. Die meisten Männer über Sechzig können nicht kochen. Insofern war Hermanns Werk eine Meisterleistung. Rudi machte den Freund nur darauf aufmerksam, dass sich ein fetter schillernder Brummer auf dem Salat niedergelassen hatte, und fragte: „Wirst du Vegetarier?“

„Wie? Willste die Fliege? Dann pack sie dir“, ranzte Hermann. Im Geheimen hätte er jetzt gern einen Sauerbraten gehabt. Aber er schaffte es, sich zusammenzunehmen. „Du solltest auch mal was Gesundes essen!“, sagte er und blickte demonstrativ auf Rudis Fettdepot unterhalb des Bauchnabels. Dabei übersah er sein eigenes. „Käse und Wein haben Paula und ich oft in der Toskana gegessen“, fügte er hinzu und setzte sein Besserwisser-Gesicht auf.

„Gesund ist selten lecker“, murmelte Rudi und unterdrückte ein breites Grinsen, was ihm nicht gelang.

„Kannst ja mal überlegen, wie viele Tiere du in deinem Leben schon gegessen hast!“, moserte Hermann.

„Werd nicht komisch. Bisher hast du äußerst gerne Fleisch gegessen. Ich sage nur Rouladen! Bratwurst! Sauerbraten! Na? Erinnerst du dich oder ist Herr Alzheimer schon zu Besuch?“

Die Stichelei überhörte Hermann, aber sein Esszentrum schaltete sofort auf „Fleisch“. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er blies die Wangen auf und kollerte: „Du bist so einen fiesen Möpp! Weißt genau, dass ich so was nicht kann. Höchstens, allerhöchstens ein Kotelett, und das wird bei mir eher eine Schuhsohle. Setz dich, iss und sei friedlich!“

Die Männer sahen sich empört an, wollten lospoltern, aber entschieden sich, zu lachen und konnten lange nicht damit aufhören.

Sie blieben in der Küche, krümelten, tranken einen schlichten italienischen Roten und endlich war Hermann zufrieden. Für heute. Sie trauerten um ihre weniger werdenden Haare, lästerten über ihre Pfunde, die sich angesammelt hatten. Sie dachten wehmütig an vergangene Lieben, an das, was ihnen geblieben war und tranken ihr Alleinsein für einige Stunden weg. Jetzt war Hermann auch bereit, dem Freund wegen der Wohnung am Auenwald noch einmal zuzuhören.

Rudi legte erneut die Zündschnur. „Falls du es noch nicht wissen solltest, ich werde auch in dem Haus wohnen. Schon in zwei Wochen ziehe ich ein. Ich bekomme Heiners Wohnung, der geht in das Pflegeheim da ganz in der Nähe. Geht leider nicht mehr anders mit ihm. Er will es auch so.“

„Pflegeheim? Wenn es nicht mehr geht, schieben die ihre Leute dahin ab?“, empörte sich Hermann.

„Hör auf, der Heiner hat es so gewollt. Also, hast du gehört, dass ich da hinziehen werde?“

„Dann bist du ja bald weg … Konntest du mir das nicht eher verklickern?“

„Mach ich ja jetzt“, erklärte Rudi in aller Gemütlichkeit.

„Wie groß ist die Wohnung denn?“

„So um die sechzig Quadrat. Das reicht mir auch.“

„Aha. Und die, die du mir so ans Herz legst?“

„Gut vierzig. Mit Terrasse, also Erdgeschoss. Jürgen, der bisher drin war, hat sich verliebt und zieht zu seiner Freundin. Die Wohnung ist noch nicht wieder vermietet. Da ich schon lange die Bewohner kenne, hab ich gesagt, ich glaube, ich hab da einen, der zu uns passen würde. Und das bist du.“

„In eine so kleine Wohnung soll ich? Da kann ich mich ja mal so gerade drin umdrehen. Das klingt nach Wohnklo. Da würde nur mein Werkzeug reinpassen. Sag mal, kriegst du Provision dafür, weil du die Klitsche so bewirbst?“

„Rede nicht. Sieh sie dir an. Irgendwann wird dir der Platz im Haus zu viel werden und dann vergammelt alles. Willst du das?“

„Wieso? Ist es hier dreckig? Und wenn, wäre es meine Angelegenheit, Rudi.“

„Hey! Pamp nicht! Ist nur ein Vorschlag.“

„Vierzig Quadratmeter!“, jammerte Hermann. Nach einer Pause ließ sich er dazu herab zu sagen: „Ich werd mal in den nächsten Tagen gucken. Die anderen, wie sind die? Kenn ich da welche von?“

„Mach einen Besuch …“

„Sag schon. Warum wollen die keine Frauen? Sind die in einer Sekte? Dann kannst du dir dein Werben gleich abschminken. Damit habe ich‘s nicht. Oder sind die andersherum?“ Hermann brachte es nicht fertig, normal über diese Möglichkeit zu sprechen.

„Keine Sekte. Beruhige dich. Ob von den Jungs einer schwul ist, keine Ahnung, aber was soll‘s? Hermann, du bist ein bisschen von gestern. Und hör mir richtig zu. Die haben ganz normale Freund- oder Liebschaften mit Frauen, nur soll keine im Haus wohnen. Hab ich doch schon einmal erklärt.“

„Ich will doch nur in Ruhe achtzig werden“, seufzte Hermann.

„Du kannst auch in Ruhe fünfundachtzig werden oder in aller Ruhe auf ewig tot sein.“

Hermann schüttelte den Kopf. „Nee. Das weißt du auch nicht, ob ewig gleich ewig ist.“

Rudi lächelte nachsichtig, wie ein Mann das tat, wenn er sich anderen überlegen fühlte. „Jammer nicht, reiß dich zusammen. Noch geht das Leben weiter. Soll ich dir nun ein bisschen über die Bewohner erzählen oder nicht?“

Hermann nickte ergeben. „Mach schon!“ Mit bockiger Miene, so wie er es gern schon früher getan hatte, goss er sich den letzten Schluck Wein ein.

„Ich fang mal mit Adam an. Adam Zwarg, trägt nur rote Hosenträger. Daran kannst du ihn prima erkennen. Zwerg nennen ihn die anderen. Warum das so ist, erkennst du auch sofort.“

„Wie jetzt?“

„Adam ist gut eins neunzig.“

„Sehr witzig.“

Rudi berichte weiter, ohne auf Hermanns Einwände zu achten. „Witwer, zweiundachtzig, trinkt gern einen, und Besitzer eines Uralt-Traktors. Den musst du dir ansehen. Ein Porsche, Baujahr ’62. Mit dem war er letztes Jahr in Südfrankreich. Und davor in Kopenhagen.“

„So ein Trecker fährt doch höchstens fünfundzwanzig Km/h“, stellte Hermann fest. „Das glaub ich nie. Der ist vielleicht bis nach Münster gekommen. Maximal.“

„Nee, der ist mit Tempo achtzehn dahin getuckert. In Westernklamotten. Weil er sich immer auf den Sitz drauf schwingt wie auf einen Pferdesattel. Außerdem, du hast doch keine Ahnung von einem Traktor. Aber der Adam ist damit aufgewachsen.“

Hermann schwieg, dachte nach und schob mit den Schuhspitzen die Krümel hin- und her.

„Der Trecker heißt Lilofee und ist Adams ganzer Stolz.“

„Lächerlich. Und Adam ist der wilde Wassermann?“

„Du bist neidisch, Hermann“, stellte Rudi fest.

Was der kann, kann ich auch. Hermann vergaß, dass er keine Lilofee besaß. Dass er überhaupt mit dem Selbstfahren aufhören sollte. Bei seinen schlechten Augen. Ihm wurde auch klar, dass er sich allein mit seinem Interesse ganz schön auf das Projekt „Auenwald“ eingelassen hatte. Dass Rudi sich nur nicht zu früh freute! Deshalb setzte Hermann ein griesgrämiges Gesicht auf, um seine Neugier zu verbergen. „Ist ja alles interessant. Und wer wohnt da noch?“

„Hannes Overbeck, Mann der ersten Stunde. Ende Sechzig, war mal selbständig. Hängt meist vorm Computer. Aber die anderen holen ihn da oft weg, auch, wenn er mault. Den Hannes findest du auch an den öffentlichen Bücherschränken. Was er da alles anschleppt! Dann gibt’s den Olaf Drewitz, sofort an der dicken altmodischen Hornbrille und dem schmuddeligen Leinenbeutel zu erkennen. Passt so gar nicht zu einem aus Baden-Württemberg. Wie der hierhergekommen ist, keine Ahnung. Mitte Fünfzig, Frührentner. Weshalb, weiß ich nicht. Ist seine Sache. Olaf isst schrecklich gern. Da kannste nix liegenlassen. Nur mal so zur Warnung!“ Rudi lachte. „Und er liest wie besessen. Der muss abends Kopfsalat haben. Dann wohnt seit drei Jahren Achim Katzfuß im Haus. Komisch, das fällt mir jetzt erst auf, der kommt auch aus Süddeutschland. Stuttgart oder so. Achim hält gerne Vorträge, ich glaube, dem ist jedes Thema recht, egal, ob er was darüber weiß oder nicht. Manchmal steht er im Garten und deklamiert vor den Büschen. Momentan glaubt er, eine neue Freundin zu haben. Aber die anderen haben da so ihre Zweifel. Achim ist Ende Sechzig sein, etwas eingebildet, aber, wenn er will, kann er sehr unterhaltsam sein.“

„Das klingt, als hätten die alle irgendwie einen Schuss …“

„Wenn du das so siehst. Mensch, Hermann, die sind wie du und ich. Eben mit Macken. Wer will denn schon den perfekten Menschen? Männer mit Macken sind wunderbar. Du hast doch auch genügend. Ich möchte ja nur, dass du vorab einen kleinen Überblick bekommst. Du würdest gut ins Haus passen.“

„Ach ja? Weil ich einen an der Waffel habe?“ Endlich entspannte sich Hermann und übte ein Lächeln.

„Als letzter zog Manfred Lämmerhirt ein, der sich gerne als ‚Freddy aus Hamburg’ vorstellt, damit niemand glaubt, er sei Westfale. Die findet er grausig. Freddy singt gerne und spielt ganz ordentlich Gitarre. Ein bisschen erinnert er an Freddy Quinn. Kennt von den Jungen ja kein Aas mehr.“

„Wie, lebt der noch?“

„Keine Ahnung“, sagte Rudi.

„Außerdem vertut euer Freddy sich. Der Richtige hieß anders und ist auch kein Hamburger, der wurde in Wien geboren. Wer weiß, was bei eurem Freddy nun wirklich stimmt.“

„Hermann, das alles kannst du höchstpersönlich mit ihm klären. Mach nicht den Schlaumeier.“

„Ich kenne den doch nicht“, maulte Hermann. Eigentlich war er nörgelig, weil er Veränderungen hasste.

„Du vereinsamst, wenn du so weitermachst. Meinst du, dass hätte deine Paula gut gefunden, wenn du nur meckerst und dich zurückziehst? Was macht eigentlich deine Tochter, die Sonja? Ruft die dich wenigstens jetzt öfter als sonst an?“

Hermann trat wieder auf die Krümel. Verbissen guckte er zu Boden.

Rudi fischte den restlichen Salat aus der Schüssel. Ihn quälte Bratwursthunger. „Hast du noch Wein?“

„Komm mit in den Keller, da finden wir bestimmt eine Flasche.“

So wollte Hermann seine Sauerbratengier überlisten.

Als Rudi beim Runtergehen bemerkte, ob das jetzt neue Mode sei, Pullover andersrum anzuziehen, verstand Hermann was von „andersherum“, wollte darauf antworten, entdeckte zwei Flaschen und beschloss, Rudi die Frechheit ein andermal heimzuzahlen.

Es wurde ein langer Abend.


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Monika Detering arbeitete als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben. Sie veröffentlicht Romane, Krimis und Kurzgeschichten, schreibt solo, aber auch im Team mit dem Autor Horst-Dieter Radke. Sie ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und den „42erAutoren“.

Macht, Gier und Haie

Prolog

8. März 1991

Es war ein Sonntagnachmittag im März. Die Luft schmeckte ein bisschen nach Frühling, obwohl der Wind gegen die Beine der jungen Frau peitschte. Ihr wadenlanger Mantel flatterte. Für das Wetter war er zu dünn, aber sie hatte gedacht, es sei wärmer. Heute hatte sie das Kind mitgenommen. Es hüpfte über die Steine, rannte im Zickzack, breitete die Arme aus und rief: „Schiffe, sieh mal, Mama, warum sind hier so viele Schiffe?“ Die hellen Haare wehten.

„Komm her und setz deine Mütze auf!“, rief die Frau. „Es ist kalt. Und Schiffe kannst du nun jeden Tag sehen. In einem Hafen liegen immer welche“, erklärte sie. Das Kind hörte nicht zu, rannte weiter über den riesigen Platz. An diesem Tag ging kaum jemand am Seehafen spazieren, wo ungestüme Böen das Wasser aufpeitschten und Pfützen in gesprungenen Betonplatten glitzerten.

Die Frau blieb stehen. Wie die Stadt sich veränderte! In den Höfen und Ecken der hafennahen Wohnhäuser rissen Kräne Mauern ein, und Dreck türmte sich. Es wurde, ein Jahr nach der Wende, gebaut und saniert. Das Grau sollte weg, die verfallenen Fassaden aufgehübscht werden und die Schlaglöcher in den Straßen verschwinden.

Stralsund sollte ihr neues Zuhause werden; die Stadt saß in ihr, seitdem sie als Kind darüber gelesen hatte, die Stadt war schon ihre, als sie diese noch gar nicht kannte.

Die Frau rannte dem Kind durch die Wasserlachen hinterher, ihre Bewegungen waren beschwingt, ihre Augen strahlten. Sie hatte endlich Glück: Wie es aussah, konnte sie das Haus in der Külpstraße kaufen und einen winzigen Laden mit Geschenkartikeln am Küpertor aufmachen. Die Touristen würden kommen, ganz sicher. Sie hatte wieder eine Zukunft und eine Chance.

Die Vergangenheit war vergessen und Berlin lag am Ende der Welt.

Neun Jahre später fand man in der Külpstraße eine Leiche. Sie sah furchtbar aus – und sehr traurig. Wütend drückte der Wind gegen die Fensterscheiben. Ein Unwetter zog auf.

***

Sehr viel später wunderte sich der Hafenmeister Henner Kirsow in dem kleinen Fischerort Breege auf Rügen über die Carola 1, die seit Tagen hier ankerte. Er kannte den Besitzer der Motoryacht, der des Öfteren hier festmachte und um diese Zeit auf dem Deck frühstückte. Nur sah er heute niemanden darauf.

Er beschloss, nach dem Rechten zu sehen, bekam auf seine Rufe keine Antwort. Er fand dies eigenartig, wusste er doch, dass der Eigner ein offener, gastfreundlicher Mann war. Weder auf der Flybridge noch dem Achterdeck war etwas Ungewöhnliches zu entdecken. Als er unten in den Kajüten nachsehen wollte, roch er in der Kombüse, bevor er ihn sah, den Toten. Er erkannte ihn sofort.

Es war der Baulöwe von Stralsund.

 

 

Kapitel 1

 

Roland Stübbe lachte schallend und es klang hässlich. Was diese Leutchen immer wollten und forderten! War doch die Steegdorn, seine Mieterin, ohne Anmeldung in sein Büro gekommen. Das muss man sich einmal vorstellen! Meckerte und meckerte. Na, wie sollen wir denn sonst sanieren, bisschen Staub und etwas Lärm gibt es dann eben. So ist das. Soll sie doch ausziehen oder solange in ein Hotel gehen. Davon hat die Stadt genug. Mit: „Meine verehrte Frau Steegdorn, wir sollten uns ein anderes Mal darüber unterhalten. Leider muss ich jetzt zu einem Termin, der für mich wichtig ist“, hatte er die Frau ruhiggestellt. Er hatte sie dabei angelächelt; als seine Mieterin ihn skeptisch angesehen hatte, da lächelte er ein zweites Mal, obwohl er ihr am liebsten seine Meinung zu ihrer Kritik gesagt hätte. Sie verließ wortlos das Büro.

Er sah, dass die Zeit drängte. Aber ehe er sich zu dem Empfang aufmachte, las er sich noch eine Kleinanzeige in der Ostsee-Zeitung durch.

Eine gute Stunde später setzte Roland Stübbe ein bescheidenes Lächeln auf, und zeigte neben Zurückhaltung mit straffer Haltung seine Fitness. Die war ihm wichtig. Gesunde sportliche Menschen leisteten mehr, fand er. Stübbe trug den Ausdruck des erfolgreichen, anständigen Geschäftsmannes im Gesicht. Auf keinen Fall wollte er auf die Anwesenden zu herausfordernd oder protzig wirken. Zurückhaltend kannte ihn auch der Oberbürgermeister von Stralsund, der ihn als verdienten Bürger der Stadt im Rathaus hervorhob. Die Anerkennung saugte er wie ein Fisch ein, der nach Plankton gierte. Stübbe hatte eine Menge erreicht und strahlte innerlich vor Stolz, weil er sich im Rathaus befand, das er so schön fand. Er hatte ein Faible für die norddeutsche Backsteingotik, was auch mit seiner Tätigkeit zusammenhing. Er wähnte sich in dieser Stunde wie ein ehrbarer Kaufmann aus längst vergangenen Tagen, dessen Wort und Handschlag galt. Er handelte nicht mit Tuchen, wie es einst im Rathaus üblich gewesen war, er handelte mit Immobilien. Häuser und Wohnungen, Kauf, Abriss und Sanierung quer durchs Land – das war sein Leben. Das war sein Erfolg.

Er hatte sich einen Bart samt Schnäuzer wachsen lassen, dadurch wirkte er kernig, so, wie er sich die Norddeutschen vorstellte. So sah auch niemand sein fliehendes Kinn, in das manche womöglich mit Küchenpsychologie etwas hineinphantasierten. Die eher karge Art der Menschen hier oben entsprach seinem ostwestfälischen Naturell. Er fühlte sich wohl in Stralsund.

Er erinnerte sich nur zu gut daran, dass er vor zwei Jahren die Stadtväter nicht hatte überzeugen können, als er sie zu den Gleisen geführt hatte. Dort wo eine alte Fabrik sich vor und nach der Wende gegen den Verfall wehrte, Bäumchen wie Haare aus dem löchrigen Dach wuchsen, Scheiben eingeschlagen und Fensterhöhlen mit Pappe zugenagelt waren. Jetzt strahlte das Backsteingebäude im neuen Glanz und in die großen hellen Eigentumswohnungen mit Loftcharakter waren die ersten Bewohner eingezogen.

Inzwischen hatte er weitere Gebäude aufgekauft und ließ sanieren. Aktuell auch ein Haus vor der Anlage des Heilgeistklosters. In dessen Wohnungen wohnten die Mieter schon jahrelang und glaubten, für weitere Jahrzehnte ein Anrecht darauf zu haben. Zu einem Quadratmeterpreis, der unglaublich niedrig war.

Vier Wohnungen, vier Parteien. Frauen, die gut miteinander auskamen; vielleicht durch ihre unterschiedlichen Biografien. Die Schauspielerin Christel Zucker war mit einundachtzig die älteste und Autorin Jutta Tausendschön mit sechsundvierzig die jüngste.

Roland Stübbe hatte trotz der Feier im Rathaus seine Mieterinnen im Kopf, weil er empört war über das, was ihm sein Kompagnon berichtet hatte. Bis gestern war er in Bielefeld gewesen und hatte so die neuesten Entwicklungen verpasst. In der Stadt des Puddings hatte er nach dem Rechten geschaut; dort befand sich sein erstes großes Projekt. Und damit hatte er sich nicht verkalkuliert. Die Mieten waren hoch und er würde sie noch höher setzen. Wohlhabende Bürger gab es genug.

Nicht träumen, ermahnte er sich, weiter lächeln, auch wenn jetzt der Stadtkämmerer spricht. Was für ein Unsinn sondert der nun wieder ab! Er, Stübbe, hatte als Investor bei dem Stralsunder Loftprojekt jegliche Verantwortung getragen, da musste der Mann nicht salbadern, als hätte er seiner Privatschatulle Geld entnommen und gezahlt. Der lobte sogar das gelb gestrichene alte Fahrrad, das inzwischen als sogenannte Skulptur oder ‚Kunst am Bau‘ seitlich am Haus stand, wie unbeabsichtigt hingestellt aussah und doch fest gegen Diebstahl in einem Betonsockel verankert war. So hatte niemand für eine kleine Außergewöhnlichkeit zahlen müssen. Nur tat der Kämmerer so, als sei dies seine Idee gewesen, dabei stammte der Einfall von Rosa Pritzkoleit, seiner Empfangsdame und Sekretärin, einer Frau, die wusste, was sie wollte. Dass die Verwaltung auf ein Uraltfahrrad abfuhr …

Lächeln. Stübbe hatte das Gefühl, als würden selbst die Ohren lächeln. Dafür bekamen seine Augen einen harten Glanz.

Er fühlte das Vibrieren des Handys in seiner Hosentasche. Nicht jetzt! Schnell blickte er aufs Display. Pritzkoleit. Aha. Chef, Sie sollten so schnell wie möglich ins Büro kommen.

Roland Stübbe aber wartete, bis andere ihm die Hand geschüttelt, er mit Anwesenden getrunken und geredet hatte. Dann schickte er Karsten Heinrich, seinem wichtigsten Mann in der Firma, eine Nachricht.

***

Kurz vor zehn beobachtete Catrin Sommerblom mehrere Frauen, die in das Geschäftshaus am Alten Markt gingen. Die kommen bestimmt auch wegen der Stellenausschreibung. Ein paar Minuten lang wartete sie, blickte über den Platz, ob noch eine mögliche Bewerberin nachkam. Aber die Leute sahen durch ihre Freizeitkleidung eher nach Touristen aus. Ich will den Job haben!, beschwor sie sich. Ich muss wieder arbeiten. Im Treppenhaus holte sie tief Luft und versuchte so, ihre Nervosität zu unterdrücken. Im ersten Stock las sie an einer alten Tür mit geschwungenen Flügeln ‚Stübbe & Heinrich‘ auf dem Firmenschild, und öffnete sie. Hinter einem modernen halbrunden Tresen saß eine rothaarige, sommersprossige Frau und telefonierte anscheinend mit einem Handwerker.

An den Wänden hingen Bilder von alten Seglern. Bis auf einen Katalog auf einem Glastisch wies nichts darauf hin, welche Tätigkeiten die Firma ‚Stübbe & Heinrich‘ ausübte.

Von draußen waren Männerstimmen zu hören.

Das Gespräch dauerte. Catrin blickte sich um und entdeckte hinter einer Glastür die Frauen, ging zu ihnen und setzte sich dazu. Keine sprach. Deshalb schaute sie aus dem Fenster am Ende des Zimmers und beobachtete, wie feiner Regen den Marktplatz in ein verschwommenes Grau tauchte. Sie fand, dass er mit den historischen Giebelhäusern und dem imposanten Rathaus wie ein Gemälde aus vergangenen Zeiten aussah, wenn sie von der zeitgemäßen Bestuhlung der Cafés und Restaurants absah. Heute wirkten die filigranen Schildgiebel an der attraktiven Schaufassade in dem grauen Licht beinahe drohend.

Sie war nach Stralsund in eine Pension gezogen, obwohl die schon jetzt zu teuer für sie war. Alles hatte sie aufgegeben – aufgeben müssen, doch Catrin wollte jetzt nicht über die Gründe nachdenken. Das letzte Jahr war traurig und anstrengend gewesen. Diese Monate hatten sie innerlich von ihren Bekannten und Freunden entfernt. Sie wusste jetzt: Wenn die Seele krank war, wurde man aussortiert. Zum Beginn ihres neuen Lebens brauchte sie eine Aufgabe, und sie brauchte Geld. Dringend.

Die Zeitungsberichte über die Investoren und Bauherren in der Stadt machten sie neugierig und Fotos, auf denen die Macher abgebildet waren, hatte sie ausgeschnitten. Das augenblickliche Ziel hieß, diesen mickrigen Job zu bekommen, der sie vielleicht so forderte, dass sie abends einschlafen konnte. Einschlafen und erst morgens aufwachen. Nicht in den Nachtstunden herumlaufen und sich von der Vergangenheit packen und überwältigen lassen.

Hatte sie Angst? Ja.

In diesen ersten Herbsttagen hatte sie sich in der Stadt umgesehen und mit jedem Tag wurde sie ihr vertrauter. Komisch, dass sie nie hierhergefahren war, obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt gearbeitet hatte. Tief in ihr saß das Wissen, dass sie die Stadt bewusst gemieden hatte.

***

„Was gibt’s so Dringendes?“, fragte Stübbe seine rechte Hand, die Sekretärin Rosa Pritzkoleit, als er das Vorzimmer zu seinen Büros betrat.

„Sie hatten doch die Anzeige wegen der Hausmeisterin geschaltet! Nebenan möchten sich einige Damen vorstellen. Drei habe ich wieder weggeschickt, das war nix.“ Sie blickte ihren Chef mit großer Entschiedenheit an. „Außerdem haben sich Mieterinnen beschwert. Und wenn Sie Herrn Heinrich suchen, der ist auf der Baustelle.“

„Beschwert? Das war sicher Frau Steegdorn. Die hat wohl reichlich Zeit zum Meckern. Darüber sprechen wir später. Zunächst die Vorstellungen. Schicken Sie mir in zehn Minuten die erste Bewerberin.“

Er prüfte. Endlich saß die letzte Bewerberin vor ihm und reichte ihm ihre Unterlagen. „Sie scheinen sich nicht im Sekretariat angemeldet zu haben?“

„Nein. Dort war man beschäftigt.“

„Sie sind Catrin Sommerblom?“

Die Angesprochene nickte.

Ihre Unterlagen schob er beiseite. Die interessierten ihn nicht. Ihn interessierten die Entschlossenheit, die diese Frau ausstrahlte und gleichzeitig ihre Unsicherheit, die sie zu verdecken suchte. Was verbarg sich hinter deren hoher Stirn in dem schmalen, feingeschnittenen Gesicht? Was ist an diesem Hilfsjob so großartig, dass sich selbst solch aparte Frauen darum bewerben?, fragte er sich. „Was haben Sie zuletzt gemacht?“

„Ich bin Biologin und augenblicklich ohne Job.“

„Und mit der Ausbildung können Sie Hausmeisterin?“

„Ich kann.“

„Aha. Ich verstehe dennoch nicht ganz, warum Sie sich gerade bei uns für einen Vier-Monats-Job bewerben.“

„Wegen der Wohnung und wegen des Geldes. Warum sonst? Glauben Sie mir, ich bin die Richtige dafür. Als Reinigungskraft habe ich in den Semesterferien gearbeitet – denn ich gehe davon aus, dass ich als Hausmeisterin auch saubermachen soll? Es handelt sich doch um jenes Objekt, das derzeit saniert wird? Da fällt ja reichlich Dreck an.“

Stübbe stutzte. „Woher wollen Sie das wissen, Frau Sommerblom?“

„Stand doch in der Anzeige. Außerdem habe ich mir die Häuser in der angegebenen Straße angeschaut.“ Sie lächelte ihr Gegenüber gewinnend und selbstbewusst an.

Stübbe überlegte. Es wurde Zeit, dass täglich eine Person anwesend war, im Haus schien alles drunter und drüber zu gehen. Hier musste behutsam vorgegangen werden. Aber er fand, dass er durchaus Glück hatte, denn dieses Gebäude unterlag nicht dem Denkmalschutz, so hatte er freie Hand. Die anderen Häuser mussten unter ganz anderen Aspekten saniert werden. Protestierende Mieter wollte er nicht und die konnte die Firma auch nicht gebrauchen.

„Was wäre noch zu tun?“, fragte Catrin und blitzte ihn charmant an.

„Reinigung, das Haus in Ordnung halten, Bedienung der Heizung, Treppen- und Straßenreinigung, sich in diesem besonderen Fall um die Mieterinnen kümmern, Ärger dämpfen – ja, dort es ist jetzt ein bisschen laut, das ist nicht zu vermeiden. Können Sie kleinere Reparaturen? Auch ein- und ausschrauben? Sagen wir mal, in unserem Sinne handeln, wenn Sie verstehen, was ich meine?“

„Kann ich. Und ich verstehe.“

„Das möblierte Apartment für Sie befindet sich im Erdgeschoss. Zweiundzwanzig Quadratmeter und vorübergehend als Hausmeisterwohnung gedacht. Nach Beendigung Ihrer Tätigkeit geht die Wohnung an uns zurück. Sie werden sie nicht darüber hinaus mieten können, falls Sie daran denken. Sie leben alleine?“

Sie nickte.

„Gut so. Das ist keine Wohnung für eine Familie!“ Stübbe blickte auf. „Greifen Sie auch mal durch, wenn es nötig ist.“

„Das heißt, ich ziehe kostenfrei ein und bekomme vierhundertachtzig Euro monatlich?“

Noch zögerte er. Er konnte nicht verstehen, warum ausgerechnet eine Biologin diesen dreckigen Job für so wenig Geld machen wollte. Wegen der Wohnung? Wieder blickte er die Bewerberin an. Eigentlich zu lange. Das sieht nach Interesse aus, mein Gott, ermahnte er sich. Roland, wo kommen wir denn hin, eine kleine Arbeiterin attraktiv zu finden! Und dennoch bohrte ein Gedanke: Als wenn ich sie schon mal gesehen hätte … Ist ja möglich. Auf Rügen war ich ja nun oft genug.

Er schob ihr einen vorbereiteten Werkvertrag zu.

***

Allmächtiger! Der sagt wirklich zu! Das gab ihr Mut.

Bevor sie sich verabschiedete, blickte sie Stübbe prüfend an und packte ihr Erstaunen darüber, tatsächlich dem Firmeninhaber gegenüberzustehen, tief in sich hinein.

Auf dem Platz fühlte sie sich endlich einmal wieder beschwingt und leicht. Sie holte die kleine Kamera, eine Pentax, hervor, um die Stimmung auf dem Alten Markt einzufangen. Dieses Grau, das sie vorhin durch die Scheiben gesehen hatte, begann sich schon aufzulösen. Sie zoomte das Rathaus heran, ging weiter zur Nikolaikirche und fotografierte Fenster um Fenster. Die Aufnahmen wollte sie später bearbeiten, wenn sie wieder einen Internetanschluss besaß. Wohl hoffentlich in der neuen Hausmeisterwohnung, obwohl sie vergessen hatte, danach zu fragen.

Auch er war zufrieden. Das war vom Tisch. Er wollte durch die Hausmeisterin in regelmäßigen Abständen wissen, wie die Mieterinnen reagierten, was sie sagten, ob sie sich beleidigend über ihn und die Firma äußerten. Denn die Frauen mussten raus. So hatten er und Karsten Heinrich es geplant. Das Saubermachen war nicht so wichtig, aber das Hören, damit er sofort reagieren konnte. Das alles musste Zug um Zug gehen, ein aufwändig sanierter Altbau rechnete sich. So etwas mochten die Leute aus den großen Städten. Seine Firma machte ihr Geld weniger mit der Vermietung von Wohnungen, das Zauberwort hieß: Sanierung. Aus abgewohnten Räumen und Häusern Großartiges zu machen – bisherige Mieter rauszukriegen. Hauptsache, die Gebäude befanden sich in einer sehr guten oder interessanten Lage, die das gewisse Etwas aufwies – um dann wieder zu verkaufen. Momentan hatten sie die Gegend um die Heilgeiststraße herum im Visier. Stübbe hatte sich die alten Gebäude aus beinahe nostalgischen Gründen ausgesucht. Interessenten gab es reichlich. Auch in der kleinen Stadt Barth war er tätig. Eine Stadt, in der man Geschichten erzählen und die Kraniche sehen konnte. Aber eben dort wie hier: Eigentümer zogen weg, starben, oder lebten ihre letzten Jahre im Altenheim. „Gewinnmaximierung“ gehörte zum Credo der Firma. Die Vorverhandlungen zu weiteren Objekten liefen gut.

Das aktuelle Gebäude hatte Stübbe ersteigert. Die Vorbesitzerin war gestorben, besaß keine Erben und die Bank hatte es zum Verkauf ausgeschrieben. Stübbe hatte zugelangt. Die sanierten Wohnungen sollten Mietobjekte und Zweitwohnsitz für gutsituierte Käufer werden. Stübbes Renditeerwartungen waren hoch. Und falls es Ärger gab, er hatte in Berlin mehrere Top-Anwälte. Berlin war für einige Jahre nach seinem Wegzug aus Ostwestfalen sein Revier gewesen. So lange, bis er sich in die Ostsee und deren Städte regelrecht verliebt hatte. In Berlin wollte er nicht unbedingt tätig sein, die Stadt wuchs und wuchs, fraß, spuckte aus und veränderte sich ständig. Er war, je älter er wurde, mehr der Typ für Beschauliches.

Ihm ging ein Telefongespräch nicht aus dem Kopf. Wieder einmal hatte er mit seinem Sohn gestritten. Dabei lag ihm nichts an Auseinandersetzungen. Er liebte den Jungen. Das war das eine. Sie kamen nicht miteinander zurecht. Das war das andere. Stübbe fand Bennos Wertvorstellungen etwas abseitig und fragte sich, wie man heutzutage ein Idealist sein konnte. Benno kann sich das nur leisten, solange er meine monatliche Überweisung bekommt, damit er sorglos studieren kann. Ohne Zuwendung wäre er kein Idealist. Er müsste arbeiten. Dazu kommt, der Bengel glaubt auch noch an Gott. Ich glaube an die Macht des Geldes. Geld ist meine Gleichung zu Gott.

Er goss Ingwertee in eine weiße Teetasse aus feinem Porzellan und einem eingebrannten blauen Segel auf der Vorderseite. Ein Gedeck davon stand immer auf dem Schreibtisch. Diese Zeremonie war eine der wenigen Dinge, die er aus seiner Ehe mitgenommen hatte. Da ließ er auch Frau Pritzkoleit nicht dran. Seit Wochen trank er Tee, um den Druck auf den Magen zu lindern.

Stübbe betrachtete die Architektenentwürfe: Sanierungsvorhaben Heilgeiststraße. „Gut. Sehr gut. Das geht. Die Wohnung von Frau Wanner wird geteilt. Dann haben wir ein Apartment mehr. Alle Wände raus, das schafft Platz, auf jeden Fall optisch. Pro forma werde ich der Wanner den Kauf anbieten. Denn ihre Wohnung wird Eigentum. Alles andere wird vermietet. Natürlich zu einem neuen Quadratmeterpreis. Biete ich den alten Damen auch an, dann kann keine meckern.“

Während er sich die Unterlagen äußerst zufrieden ansah, dachte er an die schon verwirklichten Projekte in Stralsund. Und auch an eins der ersten in dieser Stadt. Ist das lange her! Das Haus in der Külpstraße. Schon damals hatte er gewusst, dass sich Gebäude in einer historischen Altstadt rechnen würden. Die damals anberaumte Zwangsversteigerung war ein Glücksfall für ihn gewesen, er hatte günstig ersteigert, Kündigungen durchgesetzt, saniert und freute sich immer noch über die besonders schön gestaltete Kassettentür am Eingang. Den Einstieg als Immobilienmakler hatte er dringend gebraucht, damit man ihn ernst nahm. Gerade, weil er nicht aus der Stadt stammte. Einiger Ärger war zwar mit diesem Haus verbunden gewesen. Schwamm drüber, lange her. Und doch …


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Monika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Die letzteren Wünsche waren den Eltern zu unseriös (vom ersten ahnte niemand etwas). Sie arbeitete viele Jahre als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland wie Washington, Philadelphia und New York. Durch lange Aufenthalte an der Nordsee wurde das Meer ihr Sehnsuchtsort. Sie war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben.

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