Louisa Manu – Hobbydetektivin wider Willen

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Mordsmäßig kaltgemacht

Kapitel 1

Die Musik dröhnte durch die Lautsprecher und hinterließ ein penetrantes Summen in meinen Ohren. Aber das war gut so, denn dann konnte ich die Worte meines Nebenmannes wenigstens nicht verstehen.

Ich hatte in meinem Leben schon eine Menge Mist gehört, das meiste davon aus meinem eigenen Mund, doch das, was mein Date hier gerade von sich gab, schoss den Vogel wirklich ab.

Ich schielte zur Seite und sah, dass die Lippen des braunhaarigen Typens sich immer noch bewegten, deswegen nickte ich weiterhin, während ich einen Schluck von meiner Cola nahm und über die Köpfe der vor uns sitzenden Menschen hinweg auf das Eis sah.

Er hatte so vielversprechend gut ausgesehen! Süße Grübchen, noch alle Haare auf dem Kopf, hochgewachsene Statur. Und dann hatte er den Mund aufgemacht und alles zerstört. Ohne Vorwarnung. Wie sollte eine Frau bitte mit so viel Dummheit auf einmal umgehen?

„… oder?“, hörte ich ihn über die Musik hinweg schreien.

Ich stellte mir vor, dass er gerade „Ich bin langweilig, oder?“ gesagt hatte und konnte daher mit einiger Inbrunst: „Ja, total!“, zurückrufen.

Ariane schuldete mir etwas! Sie hatte mich mit diesem testosteronlosen Koch verkuppeln wollen.

Na gut, wenn ich ehrlich war, hatte ich nicht ganz zugehört, als sie ihn mir beschrieben hatte. Sie hatte damit angefangen, dass seine Lasagne himmlisch war, und ein weiteres Kaufargument hatte ich nicht gebraucht. Beim nächsten Mal würde ich es besser wissen – bevor ich noch einen meiner Freitagabende verschwendete.

„… immer wieder Basmatireis mit Jasminreis verwechselt wird, und ich finde es einfach nur frech, wie teuer der Sadrireis geworden ist! Ja, er mag der beste sein, aber …“

Oh Gott.

Konnte das Eishockeyspiel nicht endlich losgehen? Dann könnte mir jemand einen Puck zwischen die Augen schießen und ich hätte ein edles, dramatisches und innovatives Ende für diesen Abend gefunden.

Die guten Plätze, auf denen wir saßen, waren das Einzige, was mich hier noch hielt. Ich war relativ talentiert darin, nervige Stimmen auszublenden – ich hatte eine jüngere Schwester, die die faszinierend blödesten Dinge von sich gab, wenn sie einen Joint zu viel geraucht hatte – und irgendwann würde die Stimme meines Dates schon zu einem angenehmen Plätschern werden und mit den Umgebungsgeräuschen verschmelzen. Kostenlos den Kölner Haien dabei zuzusehen, wie sie die Düsseldorfer EG hoffentlich in Grund und Boden stampften, war die Begleitung wenigstens wert. Die Cola hatte ich auch ausgegeben bekommen, ich würde mich also auf die guten Seiten konzentrieren.

„… machen Sie so beruflich?“

Oh. Das war keine Ja-Nein-Frage. Auf diese würde ich tatsächlich antworten müssen. Was frau nicht alles für eine Cola und ein Eishockeyspiel tat.

„Ich bin Blumenladeninhaberin und freie Journalistin.“

Das Letzte war ein wenig gelogen, ich hatte bis jetzt nur einen einzigen Artikel für das Kölner Blatt verfasst und der war von der Redaktion eigentlich auch grundlegend verändert worden. Theoretisch hatte ich mehr Erfahrung damit, mich fälschlich als Journalistin auszugeben, als tatsächlich eine zu sein. Was sollte es. Es machte mich interessanter.

Nur, Moment: Ich wollte für Prince Cooking ja gar nicht interessant sein.

„Na ja, die journalistische Seite lasse ich gerade etwas schleifen“, fügte ich deswegen hastig hinzu. „Ich bin nämlich wirklich faul, müssen Sie wissen.“

„Blumenladeninhaberin? Das hört sich aber interessant an. Vor allem, da …“

Er fing an, einen Monolog darüber zu führen, warum ich mich glücklich schätzen konnte, den faszinierenden Beruf einer Floristin angenommen zu haben, und ich konzentrierte mich wieder auf das Geschehen vor mir.

Ich wusste, dass mein Job fantastisch war. Das brauchte mir niemand mehr zu erklären. Was mir jemand erklären sollte, war, warum das Spiel immer noch nicht losging.

Als hätte der Stadionsprecher meine Gedanken gehört, rief er in dem Moment durch die Lautsprecher: „Und nun, meine Damen und Herren, begrüßen sie Shaaarkyyy, das Maskottchen der Kölner Haie!“

Sofort setzte ich mich aufrechter in meinen Sitz hin. Sharky war der beste Teil des Abends! Der Hip‑Hop und Breakdance tanzende Haifisch war seit Kindheitstagen meine Ikone. Für kurze Zeit hatte ich sogar den Berufswunsch geäußert, ihn zu ersetzen.

Da ich in Tierkostümen jedoch fürchterlich schwitzte und meine Breakdance-Künste sich darauf beschränkten, dass ich mich exzellent auf den Boden werfen konnte, hatte ich diesen Traum schnell wieder aufgegeben.

„Albern, oder?“, rief mein Date. „Ein Haifisch, der tanzt?“

Also, wenn ich ihn nicht bereits abgeschrieben gehabt hätte, dann spätestens jetzt.

Ich verengte die Augen in seine Richtung und sagte trocken: „Das ist Kunst.“

Ich konnte nur nicht ganz benennen, welche Art von Kunst. Moderne wahrscheinlich.

Ich wandte meinen Kopf ruckartig nach vorne, während Beyoncé durch die Lautsprecher anfing, den Single-Ladies zu empfehlen, ihre Hände in die Luft zu werfen – und wer war ich, den Rat der RnB‑Queen zu missachten?

Mit den Armen schwenkend sah ich dabei zu, wie Sharky aufs Eis stürmte. Offenbar war er auch Single, denn er warf seine Arme ebenfalls in die Luft und vollführte kunstvolle Schwenker, bevor er mit der Breakdance-Einlage fortfuhr.

Mein Date konnte mir erzählen, was es wollte – der Hai war genial. Wie er die Flossen in die Luft hob, sich kurz auf dem Plüschkopf drehte, mehrfach um die eigene Achse wirbelte, auf die Knie fiel, sich den Plüschkopf vom Haupt riss … oh, Moment.

Das sah nicht mehr normal aus.
Das Maskottchen kniete nun auf allen Vieren, der Menschenkopf guckte aus dem massigen grauen Körper heraus, bevor es schließlich mit der Stirn zuerst aufs Eis fiel, zuckte und reglos liegen blieb.

Ich schlug die Hand vor den Mund und zehntausend Zuschauer taten es mir gleich.

Entweder das gehörte zur dramatischen Vorstellung oder … irgendetwas war da gehörig schiefgelaufen. Ich tendierte zu Letzerem, denn der Haifisch lag immer noch bewegungslos am Boden, während mehrere Menschen nun auf das Eis rannten und ihn auf den Rücken drehten.

Die Musik hörte auf zu spielen, der Raum wurde nur noch von lautem Stimmgewirr durchzogen, und wie gebannt starrte ich auf das Geschehen vor mir. Taktvoll wäre es gewesen, den Blick abzuwenden.

Gut, dass ich Taktgefühl nicht besonders viel abgewinnen konnte.

„Ich glaube … er ist tot“, stellte ich überrascht fest.

„Was?“ Mein Date lachte nervös auf, während die umherstehenden Leute weiter nach vorne drängten, um eine bessere Sicht zu haben.

„Er ist tot“, wiederholte ich und verrenkte meinen Hals, um neben einem zwei Meter breiten Mann hersehen zu können.

„Das können Sie doch nicht wissen“, schnaubte der Koch. „Er könnte ohnmächtig geworden sein … von der Hitze im Kostüm. Oder er könnte Epileptiker sein und er ist nur zu weit weg, als dass wir seine Zuckungen sehen …“

„Ja, könnte er …“ Doch wenn man sich mein Leben genauer ansah, dann war die Wahrscheinlichkeit, dass der Stoffhaifisch so tot wie dieses Date war, unverhältnismäßig hoch. Es passte einfach zu mir, dass ich zu einem Eishockeyspiel ging und das Maskottchen vor meinen Augen starb. Ein abgetrennter Finger im Sperrmüll, eine Leiche, die von Stricknadeln durchbohrt worden war … und ein Maskottchen, das soeben seinen letzten Tanz getanzt hatte.
Ja, reihte sich doch wunderbar ein.

Außerdem zog sich eine Gänsehaut meinen Nacken hinunter – die ich nicht der Kälte des Eisstadions zuschreiben konnte.

Ich schämte mich dafür, aber ich war kurz davor, zu lachen.

Wer hätte das gedacht? Mit einem möglichen Toten nahm dieses Date doch noch eine skandalös gute Wendung. Eins war klar: Ich musste da runter aufs Eis.

Dort tummelten sich mittlerweile so viele Leute um den höchstwahrscheinlich Toten, dass ich nichts mehr erkennen konnte, und seit ein paar Monaten war es quasi meine Aufgabe, auf mögliche Kriminalfälle zu achten …

Ich musste mir selbst auf die Schulter klopfen. Ich war ungemein talentiert darin, Dinge schönzureden. Dennoch: Es ging hier schließlich um meine Karriere und die Zukunft des Blumenladens, der, seit mein Gesicht mehrfach in der Zeitung gewesen war, solide schwarze Zahlen schrieb.

„Wir bitten alle Zuschauer, die Tribüne zu verlassen und nach draußen zu gehen“, schallte plötzlich eine emotionslose Stimme über die Ränge. „Das Spiel muss aus … Gründen verschoben werden.“

Aus Gründen! Dass ich nicht lachte. Als ob nicht allen hier klar war, warum das Spiel ausfiel.

Die Masse setzte sich in Bewegung, und immer wieder stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um noch einen Blick auf das Geschehen auf dem Eis zu erhaschen.
„Was tun Sie da?“, wollte der Koch schließlich wissen, als er mich beinahe umrannte, während ich gedankenverloren stehengeblieben war, um die aufs Eis schlitternden Sanitäter zu beobachten.

„Ich stille meine Neugierde“, sagte ich langsam und legte den Kopf schief.

„Laufen Sie weiter! Wir wollen hier alle raus“, blaffte ein bulliger Mann mit Schweinsaugen, der versuchte, sich an meiner Seite vorbeizudrängen. Ich verdrehte die Augen, setzte mich jedoch wieder in Bewegung. Sie wollten das Gebäude vielleicht verlassen, für mich galt das nicht.

Als wir gefühlte Stunden später die Tribüne endlich hinter uns gelassen hatten, stellte ich genervt fest, dass mein Date mir immer noch hinterherlief. Ich hatte gehofft, den Typen vielleicht in der Menge zu verlieren.

„Louisa!“, rief er über das stetig ansteigende Gemurmel hinweg. „Wo wollen Sie denn hin? Dort drüben ist der Ausgang!“

„Ja, ich weiß. Ich will aber nicht zum Ausgang.“

Ich kämpfte gegen den Strom der Masse an, der mich in Richtung Ausgang trieb. Auf den Zehenspitzen versuchte ich einen Überblick über das Geschehen zu behalten und nach den Türen zu suchen, die in den Servicebereich und somit in das Innere des Stadions führten. Jeder in diesem Raum schien jedoch größer zu sein als ich.
Ich schob mich seitwärts durch die Menschenkörper und versuchte nicht allzu viel von der verschwitzten Luft einzuatmen, bis ich endlich an einer der Wände ankam, an der ich mich zu einer Tür entlanghangeln konnte.

„Was haben Sie vor?“

Ich zuckte angesichts der Stimme an meinem Ohr zusammen. Der Koch war mir gefolgt. Ich dachte darüber nach, mir eine Ausrede zu überlegen, damit er mich allein ließ, war aber zu sehr in Eile, als dass ich mir die Mühe gemacht hätte. Wenn die Polizei erst eintraf und unten alles absperrte, hätte ich keine Chance mehr, mir ein Bild von der Leiche zu machen. Adrenalin pumpte durch meine Adern und da war wieder diese unbestimmte Aufregung, die ich jedes Mal verspürte, wenn ein Rätsel anfing, sich vor meinen Augen zu entfalten. Seit ich das indirekte Angebot des Kölner Blatts für kostenlose Publicity erhalten hatte, hatte ich auf eine Chance wie diese gewartet. Alles, was ich tun sollte, war, mich wieder in einen Kriminalfall einzumischen und danach über meine Erfahrungen zu berichten. Auch wenn man bei meiner Vergangenheit das Gegenteil hätte behaupten können, fielen mir Tote nicht tagtäglich vor die Füße. Meine letzte Leiche hatte ich vor Monaten entdeckt und ich konnte diese hier nicht einfach unbeachtet an mir vorbeiziehen lassen. Ich brauchte die Werbung. Ich wollte die Werbung! Sie war das letzte Körnchen, das mir zum sicheren Erfolg als florierende Floristin fehlte.

„Kommen Sie einfach mit“, seufzte ich schließlich und öffnete die Tür vor mir.

„Aber wohin?“

„Den toten Fisch sezieren.“

Als ich endlich, mein Date im Schlepptau, den Eingang zum Eis gefunden hatte, war die Fläche gerappelt voll. Spieler, Männer in Anzügen, Sanitäter und Polizeibeamte tummelten sich, sodass es niemanden interessierte, dass ich mich ebenfalls über die rutschige Fläche hinweg zu dem Haifisch drängte, dessen bewegungslose Flosse ich zwischen mehreren Paar Füßen und Schlittschuhen erkennen konnte. Ich hoffte inständig, dass kein Blut zu sehen war. Blut und mein Magen waren keine erfolgreiche Kombination, und wäre ich ein Vampir gewesen, hätte ich ein ernsthaftes Problem gehabt.

Ich rutschte über das Eis und fiel des Öfteren über meine Füße, sodass ich mich an fremden Armen und Schultern festhalten musste, aber die Menge schien zu schockiert, als dass mir jemand Beachtung schenkte. Vielmehr schien sich die allgemeine Aufmerksamkeit jetzt auf eine laute Stimme zu richten, die mir die Nackenhaare aufstellte.

„Allesamt runter vom Eis! Jeder, der keine Marke hat, verschwindet. Das hier ist kein verdammter Kindergeburtstag.“

Welch ein Glück, dass ich zwei Briefmarken in meiner Handtasche herumtrug – und als ob der Eigentümer der Stimme wüsste, wie ein Kindergeburtstag aussah.

„Marvin, machen Sie verdammt nochmal Ihren Job und bringen Sie die Leute vom Eis. Sie zertrampeln mir meinen Tatort.“

Die Gänsehaut meines Nackens zog sich nun auch über den Rest meines Körpers, und das hatte rein gar nichts mit der niedrigen Temperatur des Raumes zu tun. Es war Rispos Stimme. Die Stimme, die mir das letzte Mal, als wir miteinander gesprochen hatten, gesagt hatte, ich sei zu viel. Kompliziert. Arbeit.

Mir sprang mein Herz in den Hals, doch ich ignorierte das drückende Gefühl, das sich auf meinen Magen presste. Ich war darüber hinweg. Ja, er hatte mich verletzt, als er mich abgesägt hatte. Aber das war nun schon mehrere Monate her, und alles, was übrig geblieben war, war eine gesunde Wut.

Na ja, fast. Es schwebten möglicherweise noch ein paar andere, nichtige Gefühle durch meinen Körper, aber die beachtete ich nicht.

Mein Laden war wichtiger als meine dummen Emotionen, die sowieso nur andauernd Ärger machten. Ich reckte mein Kinn und schob mich weiter vor, auf eine schlaksige Gestalt mit blonden, wirren Haaren zu. Der Mann trug einen Anzug, der ihn zu verschlucken schien, und ich erkannte ihn als Marvin, den selbsternannten Recherchisten der Kölner Wache. Ich mochte Marvin. Er hatte mir bei den letzten zwei Fällen mehrfach, wenn auch nicht immer ganz absichtlich, geholfen. Wie es aussah, war er tatsächlich von seinem Schreibtischjob zu Rispos Partner befördert worden. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Er verehrte Rispo wie die Inder die Kuh – und deren Ego war nun wahrlich schon groß genug. Außerdem fiel es mir sehr schwer, mir vorzustellen, wie es wohl aussehen mochte, wenn der Mann, dessen Statur mich immer ein wenig an ein abgenagtes Brathähnchen erinnerte, eine Pistole zog.

Marvin drehte sich jetzt um und sah etwas hilflos in die Menge von Gaffern. Mindestens zehn davon waren Spieler der Kölner Haie, die dreimal so breit und doppelt so hoch wie er schienen.

„Ähm, ihr habt den Kommissar gehört. Ihr müsst gehen“, stellte er lahm fest.

Er tat mir so leid, dass ich tatsächlich beinahe freiwillig wieder gegangen wäre, nur um ihm die Illusion zu lassen, dass er ein gewisses Maß an Autorität ausstrahlte. Leider hatte ich einen Job zu erledigen. Ich rutschte weiter nach rechts, um einen besseren Blick zu erhalten, während einige Uniformierte sich erbarmten und Marvin dabei halfen, den Großteil der Menge vom Spielfeld zu verbannen.

Ich hielt meinen Kopf gesenkt und ignorierte die Polizisten, meine Augen immer noch aufs Ziel gerichtet.

Zwischen zwei bulligen Oberkörpern hindurch konnte ich einen Blick auf das Gesicht des Opfers erhaschen. Die Haut war schneeweiß und hätte mit dem Eis verschmelzen können, wäre sie nicht von hellrosa Flecken unterbrochen worden. Der Tote sah aus wie eine Wachsfigur. Dunkle Haare, spitze Nase. Der Junge, der da lag, konnte keine fünfundzwanzig sein, und eine leichte Übelkeit sammelte sich in meinem Magen. Wieso hatte er sterben müssen?

Mein Blick glitt tiefer und die Kälte des Eises schien durch meine Schuhsohlen in meinen Körper zu wandern, während mein Atem in weißen Kondenswölkchen vor mir in der Luft hängen blieb. Das Kostüm war in der Mitte zerschnitten worden, sodass die Arme des Opfers nun auf dem frostigen Eis lagen und das blaue schlichte T‑Shirt, das es trug, offenbarte. Ich hatte das Verlangen, seine Arme auf etwas Wärmeres zu betten, was absurd war, denn der Junge würde die Kälte ohnehin nicht mehr spüren. Das rot-schwarz-weiße Logo der Kölner Haie war direkt über einer goldenen, klobigen Uhr auf seinen rechten Unterarm tätowiert worden. Eine dünne Goldkette mit einem weißen Yang-Zeichen zierte seinen Hals und die rosa Flecken zogen sich über jedes sichtbare Stück Haut.

Ein breiter Rücken schob sich plötzlich in mein Blickfeld und ließ mich blinzeln. Die Kälte in meinen Gliedern wurde von einer Hitze vertrieben, die ich keiner bestimmten Emotion zuordnen konnte.

Gut. Es war Wut.

Und etwas anderes.

Ich erkannte Rispo sofort. Die Art, wie er über dem Opfer hockte, die sich langsam lichtende Menschenmasse um ihn herum vollkommen ausblendend, den Rücken gerade, die großen Hände auf seine Knie gestützt.

Ich schluckte.

Ich hatte ihn in den vergangenen Monaten des Öfteren durch die Fensterfront meines Ladens gesehen, wenn er einen seiner Brüder abholte, die Louisaʼs Flower Power neuerdings zu ihrem Coolentreff gemacht hatten. Aber ein Rispo zum Anfassen war so viel gefährlicher als einer, den ich verstohlen durchs Glas beobachten konnte.

„Siehst du das?“, sagte einer der vor mir stehenden Spieler. Auf seinem Rücken standen eine große 22 und der Name Brüllig. Sein Nebenmann trug die 11, war hellblond und hieß Weidemann. Ich kannte sie beide von den Durchsagen des Stadionsprechers. „Er benutzt einen Block. Hat die Polizei kein Geld für Elektronik oder glaubt der Kommissar nicht an Technik?“

„Vielleicht verbietet es ihm seine Religion“, antwortete sein Nebenmann.

Ich musste unfreiwillig lachen und augenblicklich fuhr Rispos Kopf in die Höhe.

Ich schloss hastig meinen Mund. Er konnte mich unmöglich am Lachen erkannt haben.

„Marvin. Sagen Sie mir, dass das nicht Louisa Manu ist, die ich gerade unangemessen laut habe lachen hören.“

Oh. Vielleicht ja doch.

Die beiden Eishockeyspieler vor mir drehten sich zu mir um und gaben dadurch dem nun wieder neben Rispo stehenden Marvin eine wunderbare Sicht auf meine Wenigkeit frei.

Ich hob die Hand zum Gruß und lächelte breit.

Marvin sah unsicher zwischen mir und Rispos Rücken hin und her.
„Ähm … Und wenn sie es doch ist?“
„Dann wird es hier gleich sehr ungemütlich.“
„Ungemütlicher als mit der Leiche hier vor uns, meinen Sie?“
„Sehr viel ungemütlicher.“
„Oh …“ Der Recherchist lief tomatenrot an, sein Blick starr auf meinem Gesicht. „Vielleicht solltest du besser gehen, Louisa.“

Als ob.

Schnaubend schob ich mich zwischen den Kölner Haien hindurch, die mir bereitwillig Platz machten. Der gute Herr Grumpig könnte wenigstens den Anstand haben, mich anzusehen!

„Marvin, habe ich dir nicht das letzte Mal gesagt, dass du dich nicht von Rispo herumschubsen lassen sollst? Er braucht jemanden, der ihm ab und zu sagt, dass er ein Arschloch ist. Sonst vergisst er das immer.“

„Öhm, das hast du. Doch, aber … also Arschloch ist ein sehr negativ geladenes Wort und …“ In seinem Blick spiegelte sich die blanke Überforderung.

„Marvin, Sie sind Polizist“, sagte Rispo bemüht ruhig, der nun seinen Block zurück in seine Jeanstasche steckte. „Ist eine Blumenverkäuferin eine Autoritätsperson, die dazu befugt ist, Ihnen irgendetwas vorzuschreiben?“

„Blumenladeninhaberin“, korrigierte ich automatisch.

Rispo richtete sich auf und strich seine Hosenbeine glatt, bevor er sich ganz langsam und scheinbar gelassen zu mir umdrehte. Aber alles, von seinen fast schwarzen Augen bis zu seinem verhärteten Kiefer, ließ mich wissen, dass das ein Trugbild war.

Kommissar Joshua Rispo war eine fast ein Meter neunzig große, dunkelhaarige schlechte Laune auf zwei Beinen, und dennoch war er … wie war noch gleich der Fachterminus? Ach ja. Heiß.

Egal, auf wie dickem Eis er sich befand, egal, wie sehr ich ihn hassen wollte. Dieser Umstand war einfach nicht zu leugnen, und den Versuch, das zu tun, hatte mein Körper schon vor Ewigkeiten aufgegeben. Selbst in schwarzem T‑Shirt und Jeans machte er eine bessere Figur als so manches nackte Unterwäschemodel. Er brauchte mich nur anzusehen und mein Magen fing an zu flattern, aber ich würde einen Teufel tun, ihm das zu zeigen. Deswegen lächelte ich nur, die Arme vor meinem Körper verschränkt. Ich hatte das Gefühl, dass ich demnächst in die Defensive würde gehen müssen. Unsere Beziehung, wenn man sie so nennen durfte, war nicht auf dem besten Nenner geendet.

„Louisa“, sagte er trocken. „Welch eine Überraschung, dich hier zu sehen. Man sollte dich als Leichenspürhund einsetzen.“

„Meine Bewerbung ist gestern raus.“

„Ich werde zusehen, dass du eine nette Anstellung in der Arktis bekommst. Aber so schön es auch ist, mit dir zu plaudern: Du hast hier verdammt nochmal nichts verloren. Schade, dass du jetzt also wieder gehen musst.“

„Schade, dass du immer noch denkst, ich würde mich für deine Anordnungen interessieren. Du könntest dir so viel Leid ersparen, wenn du dich nicht mehr diesem Irrglauben hingeben würdest“, sagte ich leicht abwesend, während ich den Kopf schräg hielt, um noch einen Blick auf die wieder freigelegte Leiche zu erhaschen. Die Haare klatschten dem toten Mann am Kopf. So als hätte er unnatürlich viel geschwitzt.

„Puh, ich bin ja echt froh“, murmelte ich.

Ich konnte Rispo mit seinen Zähnen knirschen hören. „Du bist froh, dass dieser Mann tot ist? Soll ich dich auf die Verdächtigenliste setzen?“

„Verschwende deine Zeit, wie du willst. Ich meinte eigentlich nur, dass ich froh bin, dass er offensichtlich vergiftet wurde. Ich kann Blut wirklich nicht ausstehen. Das hier ist viel … hygienischer.“

„Wir haben noch kein Urteil über die Todesursache gefällt“, warf Marvin ein. „Es könnte immer noch ein natürlicher Tod gewesen sein.“

Ich blickte zu Rispo und war mir sicher, dass er nicht so dachte. Ich ebenso wenig.

„Marvin, es wäre nett, wenn Sie keine vertraulichen Informationen an diese bestimmte Zivilistin geben würden“, sagte Rispo und an mich gewandt fügte er hinzu: „Aber schön, dass das Mordopfer wenigstens dir eine Freude machen konnte – soll ich das so an die Verwandten weitergeben?“

„Nein, das wäre wirklich sehr taktlos von dir“, bemerkte ich unschuldig. „Wie stündest du denn dann da?“

„Na, die Taktlosigkeit überlasse ich dann lieber dir – und jetzt raus aus meinem Tatort! Ihr alle!“

Sein zweiter Blick galt den zwei Spielern, die nun hinter mir standen, meinem Date, das ich vollkommen vergessen hatte, aber das immer noch da war, und einem rothaarigen Anzugträger mit dick umrandeter Brille, den ich bis eben nicht bemerkt hatte. Er starrte wie versteinert auf den Toten, die Faust auf seinen Mund gepresst.

Absolut niemand bewegte sich, bis eine Stimme von meiner Rechten kam: „Sie kennen den Kommissar, Louisa?“

Der Koch hatte gesprochen, und abrupt wandten sich alle ihm zu.

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nein, nicht wirklich. Er ist mir ab und zu mal in die Quere gekommen. Ich hab seinen Namen aber auch schon wieder vergessen. Wie war der noch gleich? Risotto?“

Kommissar Risotto, wenn ich bitten darf“, sagte Rispo knapp und sah sich nach zwei Uniformierten um. „Würden Sie Frau Manu hier bitte vom Eis begleiten. Ich möchte nicht, dass sie wieder falsche Ideen bekommt und diesen Fall plötzlich zur persönlichen Angelegenheit erklärt. Und könnten Sie den Schönling neben ihr gleich mitnehmen?“

„Was denn? Eifersüchtig, dass mein Partner hübscher ist als deiner, Risotto? Nichts für ungut, Marvin“, setzte ich in Richtung des Recherchisten hinzu. „Sie sind auch sehr attraktiv.“

Rispo hob eine abschätzige Augenbraue, die ich ihm gerne aus dem Gesicht geschlagen hätte. „Ich kann mich vor Eifersucht kaum halten, aber geweint wird in meiner Freizeit.“

Ich biss mir auf die Unterlippe und hasste es, dass er wirklich vollkommen unberührt aussah, als die zwei Uniformierten mich erreichten und eine ausladende Handbewegung zum Ausgang hin machten. Schnaubend trat ich einen Schritt zurück, und möglicherweise hätte ich etwas gesagt, dass als Beamtenbeleidigung hätte bezeichnet werden können, wäre mir Rispo nicht dazwischengekommen.

„Was zum Teufel denken Sie, das Sie da tun? Treten Sie von der Leiche weg!“

Abrupt wandten sich alle wieder um. Die Nummer 22, Brüllig, hatte sich neben den Toten gekniet und sich interessiert über die Leiche gebeugt.

Hastig hob er beide Hände und richte sich wieder auf. „Oh, Entschuldigung. Ich war neugierig. Ich habe noch nie einen Toten gesehen.“

„Warten Sie noch ein paar Minuten. Wenn Frau Manu hier nicht verschwunden ist, sehen sie gleich zwei.“

Frau Manu. War das sein Ernst? Nach all den Dingen, die er mit mir angestellt hatte?

Ich presste meine Lippen schmerzhaft fest aufeinander. „Kommissar Risotto wurde heute offenbar mit zu heißem Wasser gekocht, nehmen Sie ihn nicht ernst.“

Brüllig starrte mich an und legte schließlich den Kopf schief. „Habe ich richtig gehört? Sie sind Louisa Manu? Die Detektivin?“

Rispo stieß einen scheinbar schmerzerfüllten Seufzer aus. „Um Gottes willen …“

„Ja, bin ich“, stellte ich fest, Rispo ignorierend. Damit fuhr man bei ihm ohnehin am besten. „Sie haben von mir gehört?“

„Ja, natürlich!“ Der Spieler schien beeindruckt. „Das Kölner Blatt war ja voll von Ihnen. Sie sind eine sehr interessante Persönlichkeit.“

Ich warf Rispo ein zuckersüßes Lächeln zu. Der hatte derweil Daumen und Zeigefinger auf seine Augenlider gepresst, offenbar auf der Suche nach Geduld. Er sollte einfach aufgeben. Er war seit Jahren auf der Suche und würde sie ja doch nicht finden.

„Schön, wenn das Leute wertzuschätzen wissen“, sagte ich freundlich an den Spieler gewandt, der wirklich süß war. Er hatte dunkelblaue Augen, hellbraune Haare und eine Narbe zierte seine Augenbraue. „Wissen Sie, manchen Leuten ist meine interessante Persönlichkeit einfach zu viel.“

„Aber warum denn?“, fragte Brüllig perplex, bevor er mit einem Augenzwinkern hinzufügte: „Ist doch nur eine Herausforderung.“

„Ja, nicht jeder ist der Herausforderung gewachsen.“

Der Spieler nickte, so als verstünde er. „Manche sind einfach nicht Manns genug.“

„Ich bin wirklich sehr froh, dass Sie das so ausgedrückt haben.“

Er grinste und reichte mir die Hand. „Ich bin Felix – und Sie haben nicht zufällig Lust, morgen mit mir essen zu gehen?“

Überrascht blinzelte ich ihn an, während ich Rispo leise: „Das kann doch nicht wahr sein“, murmeln hören konnte.

„Ähm … okay?“

Er war süß. Und Sportler. Wie viel verdienten Eishockeyspieler eigentlich in Deutschland? Reines Interesse.

„Was ist denn jetzt los?“, wollte der Koch neben mir wissen. „Sind wir nicht gerade auf einem Date?“

Oh, richtig. Das war schon etwas unangenehm. Aber wenn ich genauer darüber nachdachte …

„Ach, kommen Sie schon“, sagte ich an den Reisliebhaber gewandt. „Es wäre ohnehin nicht zu einem zweiten gekommen. Sie finden mich zu laut und ich Sie zu langweilig. Sie hätten versucht, mir aus Höflichkeit einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, ich hätte mein Gesicht abgewandt, es wäre äußerst peinlich geworden und Sie hätten sich nie wieder gemeldet. In zwanzig Jahren hätten Sie dann auf genau diesen Abend zurückgesehen und Ihnen wäre immer noch die Schamesröte ins Gesicht gestiegen, obwohl Sie sich längst nicht mehr an meinen Namen erinnern würden. Ist es nicht einfacher, diese Schritte einfach zu überspringen?“

„Oh mein Gott, das hier ist ein Tatort und keine Louisa-Manu-Privatparty! Könntest du dein desaströses Privatleben womöglich woanders sortieren!?“

Es schien, als habe Rispo nun doch aufgegeben, seine Stimme auf eine normale Lautstärke zu reduzieren.

„Wenigstens habe ich ein Privatleben“, fauchte ich zurück. „Felix, Sie finden mich im Telefonbuch, rufen Sie mich morgen früh einfach an, um Genaueres abzusprechen.“

„Frau Manu, Sie sollten jetzt wirklich besser gehen“, sagte Marvin, der aus ungeahnten Tiefen den Mut dazu hervorgezaubert hatte, mich leicht am Arm zu packen und mich Richtung Ausgang zu dirigieren.

Aber er hatte sich genau den falschen Moment dazu ausgesucht, denn jetzt war ich ernsthaft wütend. Rispo hatte nicht das Recht, mein Privatleben als desaströs zu bezeichnen – denn bevor er auf der Bildfläche aufgetaucht war, war es mehr als in Ordnung gewesen! Überhaupt war es nicht fair, dass ich ihn nur ansehen musste und mein Herz mir in den Magen fiel, während er mich betrachtete, als wäre nie etwas zwischen uns geschehen. Und verdammt nochmal, wenn mein Privatleben schon desaströs war, dann konnte ich wenigstens meine Karriere auf Vordermann bringen. Und das würde ich tun, indem ich mich wieder Hals über Kopf in einen Mordfall stürzte, der mich absolut nichts anging, mir aber die beste Publicity einbringen würde, die es gab.

All diese Gedanken führten dazu, dass ich mich etwas zu enthusiastisch von Marvin losriss. Meine profillosen Turnschuhe verloren ihren Halt auf dem Eis, ich fuchtelte wild mit meinen Armen herum, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren – aber das hatte mich noch nie davor bewahrt, hinzufallen. Dieses Mal war keine Ausnahme.

Ich stürzte nach vorne, fiel auf die Knie und schlug mit dem Kopf auf der Schulter des Toten auf. Ich quietschte laut und richtete mich hastig auf alle Viere auf, sodass meine Nase nun direkt über dem Gesicht des Opfers hing. So nah stand ich dem Maskottchen dann auch wieder nicht.

Ich starrte in die leeren Augen des jungen Mannes und sog erschrocken Luft ein. Mir schlug ein merkwürdiger Geruch entgegen. Nach Mandeln. Bitteren Mandeln.

Mein Mund öffnete sich leicht, ich sah auf die rosa Flecke, sah auf den Mund … „Oh mein Gott, ich weiß, was ihn getötet hat!“

„Nein.“ Zwei Arme packten mich und zogen mich unsanft wieder auf die Füße. „Ganz sicher nicht.“

Ich hob meinen Blick und starrte in Rispos dunkle Schokoaugen. Seine Fußspitzen berührten meine.

„Du weißt überhaupt nichts, Louisa. Du hast nichts zu wissen.“ Sein Blick war nun beinahe flehentlich geworden, denn er wusste genau, was auf eine solche Ankündigung meinerseits folgte.

„Doch. Weiß ich. Aber ich werde es dir nicht sagen. Die Information behalte ich für meine eigenen Ermittlungen.“

Rispo schloss seine Augen und als er sie wieder öffnete, stand eine Warnung darin, die mich zurückweichen lassen wollte. Doch seine Hände hatten sich fest um meine Schultern gelegt.

„Lou.“ Rispos Stimme war eindringlich und angespannt. Wie ein Bogen, der sich spannte. Bereit zum Schuss. „Ich weiß, du wirst das hier jetzt persönlich nehmen, wegen dem, was zwischen uns passiert ist.“

„Was soll denn schon zwischen uns passiert sein?“

Rispos Mundwinkel zuckten kurz, bevor er die Augen verengte. „Ich habe da drei wunderbare Voice-Nachrichten auf meiner Mailbox, die das genauer erläutern …“

Blut schoss in meine Wangen. Oh mein Gott. Die Nachrichten hatte ich komplett verdrängt.

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, hustete ich.

„Natürlich nicht. Du warst anscheinend so betrunken, dass es mich wundern würde, wenn du dich auch nur an ein Wort erinnerst.“

„Ich war überhaupt nicht-“

„Darum geht es jetzt auch gar nicht, Lou.“

„Du warst es, der es zur Sprache gebracht hat!“

„Ja und ich bin es, der wieder zum wichtigen Teil zurückkehrt: Wir werden das letzte Mal nicht wiederholen. Du wirst nicht wieder dein Leben riskieren, nur weil du deine scheiß Neugier nicht kontrolliert bekommst. Du hast hier verdammt nochmal nichts verloren, und ich schwöre dir, Lou, wenn du nicht sofort verschwindest und die Sache fallen lässt, lass ich dich wegen Behinderung der Justiz verhaften.“

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. „Als ob du mich verhaften würdest!“

„Fordere es nicht heraus, Lou.“

„Ich bitte dich, Josh. Weißt du, wie oft du mir schon damit gedroht hast, mich festzunehmen?“

„Ich meine es ernst, Lou.“

Ich musste lachen. „Okay. Dann mach doch. Steck mich ins Gefängnis.“

***

„Jannis?“

„Schwesterherz, was kann ich für dich tun?“

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Steinwand neben mir. „Du musst mir einen Gefallen tun und mich abholen.“

„Von wo?“

„… aus dem Gefängnis.“ Ich seufzte. „Rispo hat mich verhaftet.“


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Hier geht’s zum ersten Fall und hier zum zweiten Fall für Ermittlerin wider Willen Louisa Manu.

Mordsmäßig verstrickt

Louisa Manu ist ein wirklicher Pechvogel. Sie stolpert über eine Leiche und ausgerechnet Zoohändler Kai, der Sohn ihrer Angestellten Trudi, hockt mit der Tatwaffe über dem Toten. Doch er ist unschuldig. Das hat sie im Gefühl.  Jetzt muss sie das nur noch Rispo verklickern.

Das Polizeipräsidium war mir allzu vertraut. Vertrauter als so manchem Kleinkriminellen, könnte man meinen. Es war ein grauer Betonklotz, der deprimierender war als mein Privatleben.

Ich stieg aus dem Wagen und Rispo folgte meinem Beispiel. Er lief um die Motorhaube herum und erst dann sah ich ihn zum ersten Mal an diesem Tag wirklich an. Ohne eine Leiche neben mir, ohne Panik, ohne Würgreflex.

Joshua Rispo. Verdammt.

Ich hatte ihn seit zwei Wochen nicht gesehen, und in der Zeit war er leider weder fett noch hässlich geworden. Zum Anbeißen wäre vielleicht der richtige Ausdruck.

Er hatte sich die letzten zwei Tage nicht rasiert und seine Haare waren wohl geschnitten worden. Jedenfalls hingen sie ihm nicht mehr in die Augen. Er hatte dieselben Muskeln, dieselben starken Arme und geschrumpft war er auch nicht. Oh Mann. Rispo brachte mich auf Ideen. Ideen, von denen ich wusste, dass er sie skandalös gut umsetzen konnte. Dieser Mistkerl.

„Willst du deine Gedanken mit mir teilen oder mich einfach nur noch ein bisschen anstarren?“

Ruckartig wandte ich ihm den Rücken zu und lief auf die breite Eingangstür der Hauptwache zu. Ich sollte mich auf seine Fehler, nicht auf seine körperliche Perfektion konzentrieren. Wer wollte schon Perfektion? Langweilig.

Ich stieß die Tür zum Empfangsraum der Station auf und hob überrascht die Augenbrauen, als ich meinen Bruder erkannte, den Rücken gegen die Rezeption gelehnt.

Jannis hatte meine Augen – oder ich wohl eher seine –, war aber ansonsten sieben Jahre älter, zehn Zentimeter größer und eine Hochzeit und zwei Kinder weiter als ich im Leben. Im Moment lächelte er so breit, dass er mich an eine seiner Töchter erinnerte, und nicht an meinen großen Bruder, der mir mit sechszehn Jahren verbot, Alkohol zu trinken.

„Na, Loubalou? Bist du mal wieder in einen Mord gestolpert? Mama wird begeistert sein. Durch dich findet sie noch zur Religion.“

Ich stöhnte. An meine Mutter hatte ich bis eben noch gar nicht gedacht. Jetzt war sie in ihrem Club-der-gelangweilten-Frauen nicht nur die Mutter der Frau, die einen Finger im Sperrmüll gefunden hatte, sondern auch die Mutter der Frau, die einen Mann gesehen hatte, aus dessen Hals eine Stricknadel ragte.

„Was tust du hier, Jannis?“

Er hob eine Schulter. „Kais erster Anruf ging an Trudi, Trudis erster Anruf ging an mich. Sie hat mich engagiert. Sie wollte eben den Besten haben.“

Jannis war Anwalt für Strafrecht und seinem Ego und dem, was man hörte, nach zu urteilen, gut in dem, was er tat. Nicht, dass ich die Qualifikation gehabt hätte, das vernünftig zu beurteilen. Für mich waren Anwälte nichts anderes als Männer im Anzug, die mit Paragraphen um sich warfen. Entschuldigung: Männer und Frauen im Anzug.

„Hey, Manu.“ Rispo war hinter mir durch die Tür getreten und reichte Jannis die Hand.

„Rispo.“ Mein Bruder erwiderte den Handschlag mit einem Lächeln.

Verblüfft blickte ich von einem zum anderen. Kannten sie sich? Waren sie sich beim letzten Mord begegnet? Ich meinte, mich daran erinnern zu können, dass sie sich jedes Mal verpasst hatten.

„Ihr kennt euch?“, fragte ich deshalb.

„Er hat letztens für mich ausgesagt“, erklärte Jannis.

„Oh.“ Ich wusste nicht, ob mir das gefiel.

Rispo schien meine Gefühlslage nicht zu interessieren.

„Du übernimmst also die Verteidigung für Kai Freimann?“, fragte er.

„Jap.“ Jannis nickte.

„Viel Spaß dabei. Die Beweislage ist eind…“

„Er ist unschuldig“, schnitt ich Rispo das Wort ab, jetzt mehr überzeugt davon denn je.

Natürlich, er hatte über der Leiche gehockt, aber er hatte panisch gewirkt, und das Blut an seiner Kleidung musste davon kommen, dass er versucht hatte, die Blutung des Paketboten zu stoppen. Kai war kein Mörder. Muttersöhnchen waren keine Mörder! Das wusste doch jeder!

„Jannis, er ist unschuldig“, wiederholte ich noch einmal, für den Fall, dass ich nicht deutlich genug gewesen war. „Du musst …“

Mein Bruder legte einen Arm um meine Schultern und presste dann von der anderen Seite die Hand auf meinem Mund.

„Du redest mir schon wieder zu viel, Loubalou. Dich befrage ich nachher noch, vielleicht solltest du dir also lieber ein paar Worte sparen. Außerdem, als ich das letzte Mal nachgeguckt habe, warst du keine Anwältin – hast also keine Ahnung davon, was ich muss.

Rispo grinste breit. „Ich mag deinen Bruder.“

Ich leckte Jannisʼ Hand an, wie in alten Zeiten, und er ließ sie fallen. Rispo ignorierte ich. Damit fuhr man bei ihm sowieso besser.

„Jannis, ich weiß ja, dass alle sagen, dass du gut bist“, seufzte ich, die Arme verschränkt. „Aber … bist du gut genug, um jemanden herauszuhauen, der wegen Mordes angeklagt wird?“

„Ach“, Jannis machte eine wegwerfende Handbewegung. „Kaum jemand wird wegen Mordes angeklagt. Das denken nur immer alle. Meistens wird auf Totschlag plädiert.“

„Wow“, sagte ich tonlos. „Das macht es ja viel besser.“

„Tut es“, bestätigte Jannis lächelnd. „Und jetzt reg dich ab. Das ist mein Beruf, Lou. Ich habe es drauf, und wenn Kai tatsächlich unschuldig ist, dann hat er nichts zu befürchten. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mit meinem Klienten reden – bevor Rispo dazukommt und anfängt, ihn auseinanderzunehmen.“

„Ich gebe dir fünf Minuten“, warnte Rispo ihn vor.

Jannis winkte ab und verschwand dann in einem der Gänge, von denen ich nie wusste, wo sie endeten. Einer führte sicherlich nach Narnia oder in Charlies Schokoladenfabrik. Rispo folgte ihm mit seinem Blick, und ich stieß mit der Hand gegen seine Schulter, um seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

„Er ist unschuldig, Josh“, wiederholte ich fest.

Josh schnaubte. „Das kannst du nicht wissen.

„Er hatte kein Motiv!“

„Auch das kannst du nicht wissen.“

„Na ja …“ Mist. Er hatte recht. Ich konnte nichts von alledem wissen. „… ich habe das einfach im Gefühl.“

Interessiert verschränkte Rispo die Arme und lehnte sich auf seine Fersen zurück. „Lass mich raten: Er hatte eine Affäre! Ein Verbrechen aus Leidenschaft.“

Ich verdrehte die Augen. „Nein.“

„Was? Keine neue Affären-Theorie?“

„Nein. Es ist eben nur dieses Gefühl, dass …“

„Gott im Himmel! Ich habe das Gefühl, dass du mir gerade Kopfschmerzen bereitest.“

„Du arbeitest zu viel, daher müssen deine Kopfschmerzen kommen. Außerdem runzelst du zu oft die Stirn. Das kann nicht gut für den Druck sein, der auf dein Gehirn ausgeübt wird. Also, wegen der Unschuldssache …“

Rispo legte sich eine Hand über die Augen. „Was denn, hat etwas am Tatort komisch gerochen? Hat der Geruch dich an deine Schwester erinnert?“

„Nun ja, es hat komisch gerochen … aber ich meine, es ist eine Zoohandlung, natürlich …“

„Hattest du vielleicht deinen Kater dabei, der dir sagen konnte, ob der Mörder sympathisch war?“

Ich lief leicht rosa an. Rispo spielte auf meine nicht allzu traditionelle Beweisführung vom letzten Mal an, und ich konnte ihm da leider wenig entgegensetzen. „Er ist unschuldig!“

Er schnaubte. „Jaja, komm“, dann zog er mich am Ellenbogen mit in einen der mysteriösen Gänge. „Ich bring dich erstmal zu deinem Protokollanten.“

„Aber …“

„Kein Aber. Nicht dein Job, Lou. Du hast deine Blumen, ich meine Mörder. Kriegʼ das endlich in deinen Kopf!“

Ja, nur … warum konnte ich nicht Blumen und Mörder haben?


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Saskia Louis – Mordsmäßig verstrickt – Ein Fall für Louisa Manu 2

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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Hier geht’s zum ersten Fall und hier zum dritten Fall für Ermittlerin wider Willen Louisa Manu.