Vier Pfoten für ein Wunder

Stuttgart, November 2017. Es sind die gemütlichen Lesestunden, die in der kalten, dunklen Jahreszeit für Glück auf dem Sofa sorgen: In der Liebesgeschichte Vier Pfoten für ein Wunder sorgt Autorin Jennifer Wellen mit einer Mischung aus packenden Rettungsaktionen, Wunschträumen, die sich verwirklichen, und einer ordentlichen Portion Romantik für einen unterhaltsamen Spannungsbogen, der nicht nur Hundeliebhaber fesseln wird.

Rechtzeitig zu Weihnachten in das perfekte Glück? Die Protagonisten Catlin und Nick leben zusammen auf einem Bauernhof in Arizona und scheinen ihr Liebesglück gefunden zu haben. Doch das Weihnachtsfest steht vor der Tür und die Sorgen beginnen: Denn Catlin hält nicht viel von Weihnachten, für sie ist es ein Tag wie jeder andere. Als sie eine versteckte Botschaft am Halsband ihres Hundes findet, scheint sich das Blatt plötzlich zu wenden. Kurzerhand begibt sich Catlin auf die Suche nach dem anonymen Schreiber und macht dabei eine überraschende Entdeckung. Gibt es doch noch Weihnachtswunder?

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Ein geliebter Hund, der zum Überbringer einer mysteriösen Botschaft wird, Wünsche, die in Erfüllung gehen, dramatische Wendungen und natürlich ein Happy End machen diesen Liebesroman zu einer herzerwärmenden Lektüre in der Vorweihnachtszeit.

Jennifer Wellen über ihren spannenden Liebesroman

Wellen, JenniferWorum geht es in deinem Buch Lost in Pain – Zurück zu dir?

Um Catlin, eine Betrügerin und Beischlafdiebin. Sie erhält einen Brief mit dem Hinweis auf ihre möglichen Wurzeln. Natürlich will sie unbedingt ihre Vergangenheit klären, muss dazu jedoch von Phoenix nach Connecticut fahren. Allerdings hat sie weder Auto, noch Führerschein und leidet zudem an Klaustrophobie. Somit kommt sie auf die Idee ihren Freund aus dem Waisenhaus zu fragen, den sie aber seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Und da sie kurz zuvor noch einen Ring geklaut hat, wird sie vom Besitzer verfolgt. Also handelt es sich um eine Art Verfolgungs-Roadtrip.

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Gar nicht so lange, vielleicht ein Dreiviertel Jahr. Mit Überarbeitung und Lektorat dann vielleicht ein Jahr. Allerdings alles neben dem normalen Brotjob, der bei mir derzeit noch Full-time annimmt, weil ich vom Schreiben noch nicht leben kann.

Wie kamst du auf die Idee für dein Buch? Gab es eine Art Initialerlebnis?

Ach nicht wirklich. Aber manchmal habe ich so zündende Gedanken beim Autofahren, die sich dann zu einem Strohfeuer weiterentwicklen. Ursprünglich hatte ich eine Geschichte von einer Protagonistin schreiben wollen, die keinen Führerschein hat und gerne einen machen möchte. Sie ist aber total chaotisch, der Fahrlehrer dagegen total durchstrukturiert und leicht pedantisch. Dann habe ich die Geschichte irgendwie weiterentwickelt und am Ende ist die Geschichte von Catlin herausgekommen. Aber wie weiß ich nun nicht wirklich!

Was reizte dich daran, die Geschichte von Catlin zu erzählen?

Ehrlich gesagt mache ich mir da nie Gedanken drüber. Ich schreibe einfach drauf los. Was raus muss, muss raus. Vor allem, wenn es keine Miete zahlt. Hauptsache die Geschichte ist schön und ich könnte mir vorstellen, sie selbst lesen zu wollen.

Du hast schon einige Bücher veröffentlicht, vor allem Liebesromane. Wie kam es dazu, dass du einen Romantic-Suspense-Roman geschrieben hast?

Ich wollte mal eine ernstere Geschichte in einer anderen Perspektive schreiben. Bislang hatte ich immer nur Chick-Lit geschrieben. Catlins Geschichte hat sich da eben angeboten. Vor allem weil sie durch ihre Erfahrungen im Waisenhaus eben so geworden ist, wie sie ist. Eine unstete, klaustrophobische Betrügerin. Da passte es auch ganz gut mit dem Diebstahl und dem Verfolgungsaspekt, was eben einen Romantic-Suspense-Roman ausmacht. Lost in Pain ist daher ein sogenannter Hide&Seek-Roman.

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Erst mal schreibe ich gerade an vier Projekten parallel, wobei zwei auf Eis liegen. Ansonsten habe ich immer viele Ideen, aber eine hat sich schon wieder in meinem Kopf manifestiert, die ich so schön finde, dass ich am liebsten gleich ein Exposé schreiben möchte. Aber ich zügele mich. Erst müssen die zwei anderen Projekte fertig gestellt werden, da sie im Oktober mit nach Frankfurt zur Buchmesse sollen, und dann kann ich endlich etwas neues plotten, während ich die zwei anderen noch fertig stelle.

Was liest du selbst gerne?

Alles Hauptsache Genre Liebe. Was nicht heißt, dass ich nicht auch mal einen guten Thriller lese. Allerdings nur, wenn er wirklich spannend klingt, oder ich den Autor gut kenne.

Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?

Ich wollte schon immer mal ein Buch schreiben. Meinen ersten Versuch habe ich mit Dreizehn unternommen. Aber ich hatte am Ende meine eigene Schrift nicht mehr entziffern können und deshalb schnell die Lust daran verloren. Damals hatte ich nämlich noch keinen Computer. Hätte mich vielleicht jemand in der Hinsicht gefördert, hätte ich vielleicht schon viel eher angefangen zu Schreiben.

Zwischendurch lebte der Wunsch dann immer mal wieder auf, aber ich habe ihn über Abitur, Studium und Arbeit ständig verdrängt. Allerdings ertappte ich mich dabei, dass ich, je älter ich wurde, richtige Plots entwickelte. Als dann meine Tochter auf die Welt kam, hatte ich diesen blöden Gedanken, von zu Hause aus arbeiten zu wollen. Als Autor. Und da habe ich mich zum ersten Mal richtig schlau gemacht, recherchiert und meine allererste Kurzgeschichte geschrieben. Seit dem Tag bin ich keinen Tag mehr ohne das Schreiben.

Wie versetzt du dich in Schreib-Stimmung?

Gar nicht. Denn ich bin immer in Schreibstimmung! Fragt mich lieber mal, wie ich meine Schreibstimmung unterdrücke, das ist viel spannender.

Gibt es eine Art Soundtrack zu Lost in Pain – Zurück zu dir?

Leider nicht. Ich höre beim Schreiben nämlich keine Musik. Ich brauche Ruhe. Manche Lieder motivieren mich zwar, aber nur ganz selten habe ich wirklich eine passende Melodie zu der Geschichte. Bei einem meiner neuen Projekte habe ich tatsächlich mal ein Lied im Kopf. Shut up and Dance with me. Es handelt sich hier um einen Chick-Lit Roman, der von einer Eiskunstläuferin handelt. Da passt das Lied wie Faust aufs Auge und ist sogar Teil der Geschichte!

Was tust du, wenn du nicht schreibst?

Na das, was alle anderen alleinerziehenden Mütter auch tun müssen. Kind betüdeln, kochen, waschen, bügeln, die Viecher versorgen und ach ja – nebenbei noch Geld verdienen mit meinem Brotjob als Dozentin.

Hast du eine Buchempfehlung für uns?

Mein absoluter Lieblingsautor ist Gulliaume Musso. Sein Buch Wirst du da sein ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Spannend bis zum letzte Satz, da bis dahin völlig unklar ist, wie die Geschichte ausgeht. Also klare Leseempfehlung.

Was ist das Wichtigste, was man über dich wissen sollte?

Dass es in Zukunft noch ganz viel Liebe von mir zu lesen geben wird!

 

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Jennifer Wellen ist promovierte Biologin und arbeitet seit einigen Jahren als Dozentin in der Erwachsenenbildung. Wenn sie nicht gerade angehende Physio- und Ergotherapeuten unterrichtet, schreibt sie mit Wonne Kurzgeschichten oder Frauenromane. Zusammen mit ihrer Familie und den obligatorischen Schriftstellerkatzen lebt sie derzeit im Ruhrgebiet. Mehr Infos zur Autorin findet ihr auf ihrer Homepage.

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Lost in Pain – Zurück zu dir

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Sedona Arizona, Juni 2015

Catlin saß auf einem Drehhocker an der Bar. Sie trug ein rotes Kleid mit tiefem Dekolleté, das ihre prallen Brüste perfekt in Szene setzte. Lasziv sog sie am Strohhalm ihres Tequila Sunrise und warf immer wieder einen Blick an den Nebentisch.

Schon länger beobachtete sie den attraktiven Kerl, der nur zwei Meter weiter entfernt saß und seit gut einer halben Stunde intensiv am Laptop arbeitete. Seine Breitling am rechten Handgelenk sowie der dunkelgraue Armani-Anzug, den er trug, waren Anzeichen dafür, dass er nicht nur ein Faible für extrem geschmackvolle, sondern auch für teure Sachen hatte. Demnach würde der Inhalt seiner Geldbörse vermutlich nicht weniger als zweihundert Dollar betragen — perfekt. Außerdem war er wirklich sexy mit seinem dunkelbraunen, kurz geschnittenen Haar, der schlanken, durchtrainierten Figur und den markanten Gesichtszügen.

Catlin drehte sich um, winkte den Kellner heran und bezahlte ihren Drink. Dann glitt sie elegant von ihrem Barhocker. Sie griff unauffällig in ihre schwarze Clutch und holte das Cartierarmband heraus, das sie für diese Zwecke immer in der Tasche bei sich trug. Anschließend lief sie in Richtung Ausgang. Ihr Weg führte dabei wie zufällig an Mister Armanis Tisch vorbei.

Mit ihrem hellblonden Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und dem Kleid, das ihre schlanke Figur umschmeichelte, war sie ein echter Blickfang. Das wusste sie. Deswegen erstaunte sie es auch nicht, dass der Typ den Blick hob, als sie elegant auf ihren High Heels an seinem Tisch vorbei stolzierte. Beiläufig ließ sie im Vorbeilaufen ihr Armband los. Es fiel rasselnd vor seinen Füßen zu Boden.

„Warten Sie“, rief er prompt. „Sie haben etwas verloren.“

Ein Schmunzeln stahl sich auf ihr Gesicht. Na, das lief doch wie am Schnürchen. Abrupt blieb sie stehen und blickte über ihre Schulter zurück. Sie bemühte sich, einen fragenden Ausdruck in ihr Gesicht zu legen.

Der Armani-Anzug kam geradewegs auf sie zu und hielt ihr das goldene Schmuckstück hin. Es baumelte demonstrativ vor ihrer Nase. „Ihr Armband. Das wäre wirklich ärgerlich. Ich schätze, es hat circa einen Wert von fünfhundert Dollar?“ Sein umwerfendes Lächeln ließ ihr Herz kurz hüpfen.

Gespielt erstaunt riss Catlin die Augen auf. „Oh mein Gott, Sie haben recht, das ist tatsächlich meins.“ Hastig griff sie danach und schüttelte den Kopf. „Es ist ein Geschenk meines Verlobten, müssen Sie wissen. Wenn ich das verloren hätte … oh je.“

Sie lachte verlegen auf und strich sich aufreizend das Haar auf den Rücken. „Da wäre der Ärger vorprogrammiert, verstehen Sie?“

Ihr Gegenüber nickte. „Das kenne ich nur zu gut.“

Catlin senkte nun den Kopf und betrachtete eingehend den Verschluss des Armbandes. „Ich glaube, da ist was nicht in Ordnung. Gestern habe ich es auch schon mal verloren, aber zum Glück hing es dann noch mit dem Haken an meiner Handtasche dran.“

„Zeigen Sie mal her.“ Mister Armani hielt die Hand auf. „Ich bin Juwelier. Wenn daran etwas nicht in Ordnung ist, werde ich es sicherlich erkennen.“

Nur mit Mühe konnte sie einen kleinen Jauchzer unterdrücken.

Juweliere waren der absolute Jackpot. Die hatten meist mehr als zweihundert Dollar dabei. Sie hatte gehofft, dass heute ein guter Tag werden würde, denn sie brauchte dringend Geld.

Er nahm das Armband erneut an sich und prüfte mit flinken Fingern den Verschluss. Seine Hände waren schlank. Feingliedrig. Die Fingernägel kurz geschnitten, sauber und sogar gefeilt. Catlin mochte Männer mit gepflegten Händen. ER hatte immer abgefressene, dreckige Nägel gehabt. Männer, deren Hände sie an IHN erinnerten, konnte sie nicht an sich heranlassen.

Mister Armani hob den Blick. „Es sieht so aus, als sei da mal was abgebrochen. Das könnte ich in einer meiner Filialen löten lassen, wenn Sie möchten.“

Es hatte Catlin drei Stunden Fummelarbeit gekostet, den Verschluss so zu manipulieren, dass er nicht mehr hielt. Deshalb würde sie es nicht zulassen, dass er es reparierte. „Oh nein nein nein, das kann ich nicht annehmen. Ich werde es einfach hier bei uns im Ort zur Reparatur bringen.“

Er hob die Augenbrauen. „Sind Sie sich sicher? Es ist kein Problem für mich. Ich werde einen meiner Mitarbeiter anweisen, es fertigzumachen. Kostenlos versteht sich.“

Catlin lächelte. „Das ist wirklich sehr nett Mister …?“

„Cunningham, Will Cunningham“, stellte der Kerl sich vor und hielt ihr die Hand hin.

Sie schüttelte sie. „Danke für das Angebot, Mister Cunningham. Aber machen Sie sich keine Umstände. Ich werde es einfach selbst reparieren lassen.“

Er nickte. „Gut, wie Sie möchten. Einer schönen Frau wie Ihnen kann ich einfach nichts abschlagen.“ Er schmunzelte und gab ihr das Kettchen zurück.

Lachend steckte Catlin es zurück in ihre Tasche, wo das Schmuckstück für solche Fälle stets auf seinen Einsatz wartete. „Trotzdem nochmals vielen Dank, Mr. Cunningham, wenn Sie nicht gewesen wären …“

Die restlichen Worte ließ sie ungesagt im Raum schweben. Dabei beugte sie sich nach vorne, damit er in ihr Dekolleté sehen konnte. Wie gehofft warf Mister Armani auch gleich einen schnellen Blick hinein. Er lockerte räuspernd seinen Krawattenknoten.

Männer waren doch so etwas von berechenbar. Ein bisschen nackte Haut, der Ansatz zweier Brüste und schon hatte man sie an der Angel. Vermutlich stellte Cunningham sich gerade vor, wie sie unter dem roten Kleid aussehen würde. So wie Gott sie geschaffen hatte. Somit zappelte der Fisch doch längst am Haken. Aber um ihn ordentlich ausweiden zu können, musste sie ihn erst noch aus dem Wasser holen.

Catlin lächelte verführerisch und legte vorsichtig eine Hand auf seinen Arm. „Mister Cunningham, dürfte ich Sie auf einen Drink einladen? Immerhin haben Sie mich vor dem Verlust meines Lieblingsarmbandes bewahrt.“

***

Nicht ganz zwei Stunden später saß Catlin rücklings auf Wills Schoß. Immer wieder ließ sie rhythmisch ihre Hüfte ein Stück weit nach vorne rutschen und fühlte, wie sein Penis in ihrem Inneren hart an den Wänden rieb.

„Oh Baby, das ist so geil“, keuchte er. „Komm her, ich will dich jetzt endlich von hinten ficken.“ Mit einem Ruck warf er sie herum, umfasste mit beiden Händen ihre Hüfte und zog sie wieder hoch. Dann drang er in sie ein. Hart und ungestüm.

Sie genoss es sogar. Sein Schwanz war lang und dick, Will überdurchschnittlich attraktiv und was das Beste war — tausendachthundert Dollar schwer. In einer günstigen Minute, als er kurz auf der Toilette gewesen war, hatte sie seine Börse abgecheckt. Somit hatte einem guten One-Night-Stand mit Cunningham nun wirklich nichts mehr im Wege gestanden. Und als sie ihm noch in der Bar von den Beziehungsproblemen mit ihrem Verlobten berichtet hatte, wollte Will es sich nicht nehmen lassen, gleich als Tröster einzuspringen.

Immer wieder stieß er kraftvoll zu. Catlin stöhnte und bewegte sich im Rhythmus mit. Das war fantastisch. Die Finger seiner rechten Hand glitten plötzlich zwischen ihre Schamlippen und begannen ihre feuchte Klitoris mit sanftem Druck zu massieren. Er wusste, was er tat. Sein Fingerspitzengefühl war der Wahnsinn. Die Kerle, die sie sonst finanziell abzog, waren eher klein, dick, kahlköpfig und ungeschickt, und wenn sie notgedrungen einen von ihnen an sich ranlassen musste, dann ratterten diese für zwei Minuten wie eine Nähmaschine auf ihr herum, um nach dem Abspritzen direkt zuckend wieder herunterzurutschen und einzuschlafen. Aber Will war anders. Er war ein richtiger Kerl. Er wusste, wie er sein Geschlechtsteil einsetzen musste, um Catlin zu befriedigen.

Catlin fühlte, wie sich gerade alles in ihrem Unterleib schmerzhaft zusammenzog, was ein eindeutiges Zeichen war. Sie war kurz davor. „Fester“, feuerte sie ihn an. „Los, stoß fester zu Will!“ Eine Hitzewelle überrollte sie. Sie warf stöhnend ihren Kopf zurück, während das süße Ziehen in ihrem Unterleib sich in den Bauch und von da aus in ihre Herzgegend ausbreitete. „Noch fester.“ Sie drängte sich ihm weiter entgegen. Seine Bewegungen wurden rabiater und mit den Händen krallte er sich in das Fleisch an ihrer Hüfte, was ihr eine neue Erregungswelle bescherte. „Bitte, hör nicht auf, Will, ich komme gleich!“

Immer wieder glitt er vor und zurück. Catlin hielt es kaum noch aus.

„Baby, ich komm auch gleich“, ächzte er und griff unvermittelt in ihr Haar. Mit einem Ruck riss er ihren Kopf zurück, sodass Catlins Halswirbel leise knackten.

Damit war all ihre Erregung auf einen Schlag verschwunden. Zurück blieb lediglich das beklemmende Gefühl in ihrem Hals, das ihr die Luft zum Atmen nahm. Wie zwei eiskalte Hände, die immer weiter zudrückten. „Lass sofort meine Haare los“, ächzte sie und haute ihm dabei auf den Oberschenkel.

Doch in seiner Leidenschaft schien er sie nicht zu hören. Immer wieder stieß er zu, riss schmerzhaft an ihrer blonden Mähne und stöhnte lauter.

Catlin bäumte sich auf. „Verdammt, Will, lass meine Haare los!“ Sie griff zu seiner Hand an ihrem Hinterkopf und versuchte sie zu lösen. Aber sein Griff war fest, wie der einer Schraubzwinge. Das Gefühl in ihrem Hals wurde von Sekunde zu Sekunde stärker. Sie bekam keine Luft mehr und begann schließlich zu japsen. Ihr Herz raste. Ihr Magen schlug kleine Saltos, doch Catlin biss die Zähne zusammen. Sie bemühte sich, nicht loszuheulen und die Enge in ihrem Hals zu ignorieren. Gleich wäre alles vorbei. Gleich.

Sekunden später ergoss er sich mit einem geächzten „Ich … oh … Ja jetzt … Oh Gott“.

Als er sie endlich losließ und aus ihr herausglitt, drehte sie sich abrupt von ihm weg. Mit der letzten Luft in ihren Lungen zischte sie ihm zu: „Verdammt, was hatte ich dir gesagt, nicht blasen und nicht in den Haaren ziehen.“ Ihr Herz pochte wild von innen gegen ihre Rippen, die Beine zitterten, ihrem Magen war nach Umstülpen zumute. Catlin rückte zitternd ein Stück von ihm ab.

„Tut mir leid“, japste er, „… im Eifer des Gefechtes hab ich das glatt vergessen.“ Er zuckte mit den Schultern und sah zerknirscht drein. Seine Entschuldigung konnte sie jedoch nicht besänftigen. Er hatte sich einfach nicht an ihre Abmachung gehalten.

Wütend sprang sie aus dem Bett. „Vergessen? Was bist du, ein Dummkopf?“

Will Cunningham sah sie überrascht an. Doch plötzlich zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Seine Miene wurde unergründlich für sie. „Dummkopf? Wohl kaum, sonst hätte ich wohl keine eigene Geschäftskette, oder?“ In ihrem Gespräch in der Bar hatte er ihr verraten, dass er der Eigentümer von Cunningham Jewels war, einer bekannten Schmuckladenkette in ganz USA.

Er zog das Gummi ab, verknotete es und stand behände aus dem Bett auf. Seine Erektion hing auf Halbmast. „Aber vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst. Morgen früh habe ich einige wichtige Termine und dazu muss ich fit sein.“ Das Gummi ließ er in den Papierkorb neben dem Bett fallen. „Lass mir doch deine Nummer da, dann ruf ich dich an, wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin.“

Catlin schwieg. Den Teufel würde sie tun. Auch wenn er ein richtig dicker Fisch war, bei dem sicher noch mehr zu holen war als nur die tausendachthundert Dollar. Sie würde ihm gleich das Portemonnaie ausräumen und zusehen, dass sie auf Nimmerwiedersehen verschwand.

Hastig sprang sie auf und raffte wütend ihre Sachen zusammen, um sich anzuziehen. Will dagegen lief in Richtung Badezimmer. An der Tür drehte er sich noch mal zu ihr um. „Sorry wegen der Haare, wirklich.“ Dann verschwand er einfach.

Ihr entfuhr ein entrüstetes Schnaufen. Am liebsten hätte sie dem arroganten Kerl etwas Passendes hinterhergeschleudert, aber sie wollte ihr Vorhaben nicht durch einen Disput mit ihm gefährden.

Sie schlüpfte hastig in Slip, Kleid und High Heels und griff zu ihrer Tasche, die auf dem Nachttisch lag.

Als sie hörte, wie das Wasser in der Dusche losprasselte, huschte sie zur angelehnten Badezimmertür und warf vorsichtig einen Blick hindurch. Will stand unter dem Wasserstrahl. Er seifte sich ein.

Catlin schlich zu der Anzugjacke zurück, die über einen Sessel in der Nähe des Bettes hing. Mit flinken Fingern zog sie Wills Geldbörse aus der Innentasche, nahm die Geldscheine an sich und steckte sie in ihre Clutch. Ein zweites Mal griff sie in die Innentasche des Jacketts, da ihre Finger vorhin noch etwas anderes ertastet hatten. Es war hart und viereckig. Sie zog es hervor — eine kleine schwarze Schmuckschatulle.

Catlin klappte den Deckel hoch und riss erstaunt die Augen auf. Das Kästchen enthielt einen Ring, dessen Diamant einfach riesig war. Wie viel Karat genau, vermochte sie zwar nicht zu sagen, aber das er eine Menge Geld bringen würde, war ihr auf Anhieb klar. Aber sollte sie das tun? Sollte sie den Ring wirklich mitnehmen?

In ihrem Magen zog es unangenehm. Bisher hatte sie immer nur Geld genommen und nie etwas anderes. Trotz allem empfand sie das, was sie tat als unrecht, aber sie brauchte das Geld für Lebensmittel und die Miete im Motel. Aber Schmuck?

Schnell ließ sie den Ring zurück in die Innentasche gleiten und lief zur Zimmertür. Doch das fröhliche Pfeifen unter der Dusche klang in ihren Ohren völlig unangebracht. Es ärgerte sie maßlos. Wieder flammte die Wut in ihr auf. Sie hatte Will vor dem Fick klipp und klar gesagt: Nicht blasen und schon gar nicht in den Haaren ziehen. Eine Abmachung, die sie beide vorher getroffen hatten. So wie er darauf bestanden hatte, sie eben nicht küssen zu wollen. Sie hatte sich daran gehalten, aber was war mit ihm? Im Eifer des Gefechtes habe ich nicht daran gedacht …

Unvermittelt stieg ein Bild aus der Vergangenheit in ihr auf. Und sie schaffte es nicht, es zu verdrängen, so wie sonst. Gequält schloss sie die Augen, doch auch das half nichts. Dieses Bild überrollte sie förmlich.

Sie sitzt auf einer Holzkiste. Ihre Hände sind auf dem Rücken mit Kabelbinder festgezurrt. SEINE Hände sind schmerzhaft verkrallt in ihren Haaren, ihr Magen ist der Revolte nahe. Mit einem gutturalen Laut ergießt ER sich in ihren Mund. Sie kann SEIN Sperma schmecken. Es schmeckt widerlich. Schon alleine, weil es von IHM ist. Tränen schießen ihr in die Augen und sie fragt sich, womit sie das verdient hat. Was sie im Leben falsch gemacht hat, um so bestraft zu werden. Noch im selben Moment, wo sie nach einer Antwort sucht, fühlt sie wie sich brennend die Magensäure ihren Weg an die Oberfläche sucht. Als ER sich keuchend aus ihr zurückzieht, erbricht sie schwallartig neben sich.

Catlin riss die Augen auf und keuchte. Sie hatte sich damals vorgenommen, sich nie wieder so benutzen, von anderen Menschen rumschubsen oder wie Vieh missbrauchen zu lassen. Nein. Eher würde sie den Spieß umdrehen und Andere fortan benutzen. Warum also jetzt nicht den Ring nehmen? Hatte sie ihn sich nicht redlich verdient? Hätte Will sich an die Abmachung gehalten, würde es ihr jetzt nicht so schlecht gehen. Also stand ihr doch eine Entschädigung zu, oder etwa nicht?

Trotz des nagenden Gefühls von Unrecht in ihrem Bauch, das sich gerade zu allen anderen Gefühlen gesellte, trieb es sie zurück zu dem Sessel. Sie griff in die Innentasche seines Anzuges und ließ die Schatulle rasch in ihrem Täschchen verschwinden. Bevor Will Cunningham von Cunningham Jewels etwas davon mitbekam, hatte Catlin bereits lautlos das Hotelzimmer verlassen, mitsamt seinem Geld, seinem Ring und schlechtem Gewissen im Gepäck.

***

Der Shuttle Bus zum Arroyo Pinion Motel war noch nicht ganz hundert Meter weit gefahren, als Catlin bereits spürte, wie sich langsam ihr Hals zuzog. Seit IHM hatte sie Angst vor geschlossenen Räumen, die sich immer wie zwei kalte Hände um ihren Hals legte und Catlin langsam aber sicher die Luft abdrückte. Und je weniger Luft sie bekam, desto mehr rebellierte ihr Magen. Wie auch jetzt wurde ihr dann schlecht. Es gab Momente, in denen die Übelkeit überhand gewann und sie sich in einem Schwall erbrach. Aber es gab auch Momente, in denen sie stark genug war und sie erfolgreich zurückzudrängen vermochte.

Deshalb versuchte sie sich auf die am Fenster vorbeiziehende Wüste außerhalb des Busses zu konzentrieren. Heute half es jedoch nichts. Ihre Nerven beruhigten sich einfach nicht. Vielleicht lag es auch an dem Diebesgut. Dem Ring.

Mittlerweile bereute sie es, ihn mitgenommen zu haben. Der Ring würde sicher einiges an Ärger bedeuten. Vor allem, wenn er wirklich so viel wert war, wie sie vermutete. Und das konnte sie absolut nicht gebrauchen. In den letzten Jahren hatte sie doch immer ungestört ihrer nicht ganz legalen Tätigkeit hier rund um Sedona nachgehen können. Aber was, wenn Will Cunningham nach dem Ring suchen würde?

Sie dachte angestrengt nach. Cunningham war der Besitzer einer riesigen Schmuckkette, die zusammen mit Swarovski auch edlen Modeschmuck anbot. Womöglich war der Ring gar nicht echt. Manchmal sah Modeschmuck echtem Schmuck doch täuschend ähnlich. Und mal ganz ehrlich, selbst wenn der Ring echt wäre, konnte Will dann das verlorene Geld nicht einfach als Auslage verbuchen? Mit seiner Kette musste er Millionen im Jahr verdienen. Eigentlich schade, dass ihr Date so geendet war. Wer weiß, was sie sonst noch hätte aus ihm herausholen können.

Catlin wurde schlecht. Sie hatte das Gefühl, das Dach des Busses würde immer näher kommen und sie erdrücken. Abrupt stand sie auf und griff japsend zu ihrer Tasche. Keine Sekunde länger hielt sie es hier drinnen mehr aus. Sie gab dem Fahrer ein Zeichen mit der Hand, woraufhin er den Shuttlebus am Straßenrand anhielt. Die letzten paar Meter würde sie laufen und sich unter freiem Himmel überlegen, wie sie den vermaledeiten Ring gefahrlos zu Geld machen könnte.

Und ganz plötzlich drängte sich ein Gedanke an all den anderen vorbei, schlängelte sich durch die Angst und Traurigkeit hindurch. Ein Gedanke, der ihr stets half, das Ganze durchzustehen. Der ihr Trost spendete. Es war der Gedanke an einen ganz besonderen Menschen. Einen Menschen, der ihr viel bedeutet hatte und ohne den sie mit der Situation im Waisenhaus wesentlich schlechter zurechtgekommen wäre — Nick Thornton.

***

Mit einer ruckartigen Handbewegung warf Catlin ihre Clutch zusammen mit dem Zimmerschlüssel aufs Bett und zog sich aus. Ihr Kleid stank bestialisch nach Rauch und Alkohol. Morgen würde sie es mit den anderen Sachen zur Reinigung in die City bringen und auf dem Weg dahin könnte sie dann auch gleich die paar Kilometer weiter nach Flagstaff fahren, um den Ring dort in einem Pfandhaus zu versetzen. Den Ring hier in Sedona zu Geld zu machen, war ihr zu heiß. Da nahm sie lieber ihre Klaustrophobie in Kauf und fuhr ein paar Kilometer weiter in das nächste Dorf.

Im Bad streifte Catlin sich die Unterwäsche ab und schlüpfte unter die Dusche. Wenige Sekunden später rann heißes Wasser über ihren Körper. Für einen Moment blieb sie einfach nur so stehen und genoss die Wärme. Anschließend griff sie zum Apfelshampoo, um sich die Haare zu waschen.

Die Dusche nach dem Sex mit ihren „Kunden“ war ein wichtiges Ritual für sie. Ein Akt der Reinigung, weil sie sich, trotz allem was sie tat, immer schmutzig und benutzt fühlte. Wenn sie jemals die Wahl gehabt hätte, hätte sie etwas anderes gemacht. Ihr Geld auf ehrliche Art und Weise verdient. Doch das Schicksal hatte ihr keine Wahl gelassen. Die Fesseln ihrer Vergangenheit ließen sie nicht los. Auch nach zehn Jahren nicht.

Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag war sie aus dem Jugendheim Childrens Hope geflohen ohne zu wissen, wo sie zukünftig unterkommen oder sich über Wasser halten würde. Sie wollte damals nur noch raus aus der Hölle. Weg von IHM.

Eine Zeit lang war sie anschließend mit einigen Jugendlichen unterwegs gewesen, die auf der Straße in Phoenix lebten. Von ihnen hatte sie gelernt, wo man sicher schlafen konnte, wie man bettelte oder wie man klaute. Irgendwann war es jedoch zu einem Streit zwischen ihr und einem der Mädchen gekommen. Daraufhin hatte sie die Gruppe notgedrungen verlassen müssen.

Als sie schließlich verzweifelt in einem Diner ihr letztes erbetteltes Geld für einen heißen Kaffee ausgegeben hatte, lief ihr der erste Kerl über den Weg, der ihr für einen schnellen Fick Geld bot. Viel Geld. Ganze zwanzig Dollar. So viel hatte sie an drei Tagen nicht zusammenbetteln können. Und da kam ihr plötzlich die Idee, die Geilheit der Männer zu ihren Gunsten zu nutzen. Was anderes blieb ihr schließlich nicht übrig. Eine Ausbildung konnte sie damals nicht vorweisen, geschweige denn einen Schulabschluss, echten Job oder festen Wohnsitz. Zudem stand der Winter vor der Tür, vor dem sie wirklich Angst gehabt hatte.

Somit hatte Catlin die Zähne zusammengebissen und sich von dem Kerl aus dem Coffeeshop für zwanzig Dollar zwischen den Mülltonnen notgedrungen durchvögeln lassen. Auch wenn ihr dabei beinahe der Kaffee wieder hochgekommen war. Doch die Zähne zusammenbeißen konnte sie. Das hatte sie im Waisenhaus gelernt. Bei IHM hatte sie mehr als einmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Und der Kerl, der sie im schäbigen Hinterhof durchgevögelt hatte, war noch relativ nett zu ihr gewesen.

Allerdings hatte der eine Kerl nicht ausgereicht. Es waren noch einige weitere „Kunden“ nötig, bis sie endlich so viel Geld zusammen hatte, dass sie sich ein billiges Motelzimmer hatte leisten können. Dort hatte sie sich zuallererst stundenlang geduscht, um sich von dem Geruch der Kerle, der noch an ihr klebte, reinzuwaschen. Dann hatte sie sich rasiert, die Haare geschnitten und aufgehellt, und war am Abend darauf bewaffnet mit High Heels, einem schicken Etuikleid aus dem Second-Hand Laden in der Tylerstreet und einem falschen Personalausweis in eine exklusive Nachtbar gestöckelt. An dem Abend hatte sie sich den ersten notgeilen Kerl gegriffen, dem sie in einem günstigen Augenblick das Geld aus der Tasche geklaut hatte, ohne sich von ihm ficken zu lassen. Es waren weit mehr als zwanzig Dollar gewesen und konnten ihr die nächsten Nächte im Motel sichern.

Seitdem ließ sie meist nur noch ausgewählte Kerle an sich ran, mit denen sie sich Sex auch wirklich vorstellen konnte. Alle anderen hatte sie nur abgewimmelt und dabei geschickt um ihr Geld erleichtert. Dennoch war das Gefühl benutzt worden zu sein stetig geblieben. Heute war es sogar ganz besonders schlimm, weil Will sie an den Haaren gezogen hatte, so wie ER.

Catlin trat aus der Dusche, trocknete sich ab und lief zurück ins Zimmer. Sie schlüpfte in frische Unterwäsche und ein Big-Shirt, das sie aus ihrem Trolli zog. All ihre Klamotten passten in einen Rollkoffer von 115 Liter Fassungsvermögen. Für andere Frauen eigentlich undenkbar, für sie der normale Zustand. Sie verfügte über  keinen festen Wohnsitz. Meist wohnte sie nur für ein paar Tage in Motels. Danach sah sie zu, dass sie wieder wegkam und sich woanders einquartierte. Ihre Art an Geld zu kommen war ja illegal, weswegen sie auch nie dieselben Bars zweimal hintereinander besuchte. Außerdem trug sie seit dem Waisenhaus diese innere Unruhe mit sich, die es ihr nicht leichtmachte, irgendwo länger als ein paar Tage zu bleiben. Einzig und allein Mr. Xu aus der Reinigung in Sedona City war eine Konstante in ihrem Leben. Schon allein, weil er ihr die Waschmaschine, die Familie und den Therapeuten ersetzte. Deswegen passte ihr ganzes Hab und Gut in diesen einen Koffer.

Ein weiteres Mal griff Catlin in das Gepäckstück und beförderte den kleinen Skizzenblock hervor, den sie immer dabei hatte. Sie setzte sich aufs Bett, zog die Knie an und schlug den Block auf. Mit dem Bleistift begann sie das angefangene Bild von gestern weiterzumalen. Es zeigte ein Baby auf dem Arm einer jungen Frau. Catlin widmete sich wieder dem Gesicht der jungen Mutter. Es sollte eigentlich einen liebevollen Ausdruck tragen, aber sie tat sich schwer. Das Gesicht beziehungsweise der Ausdruck in dem Gesicht der Mutter wollte ihr nicht recht gelingen. Vermutlich, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie eine Mutter ihr Baby liebevoll betrachtete. Sie war als Baby ja von ihrer Mutter verlassen worden. Zumindest war es das, was ER ihr immer erzählt hatte.

Wieder und wieder radierte Catlin das Skizzierte weg. Irgendwann riss sie wütend das ganze Blatt ab, zerknüllte es und warf es in den Mülleimer neben dem Fenster. Dann begann sie plötzlich ein anderes Gesicht zu zeichnen. Aus ihrer Erinnerung. Es war Nicks Gesicht. Doch auch das gelang ihr nicht. Denn sie hatte es viel zu lang nicht mehr gesehen. Ganze zehn Jahre um genau zu sein. Also wer weiß, wie ihr ehemals bester Freund heute aussah.

2

Catlin schob dem älteren Mann hinter dem Tresen das schwarze Kästchen mit dem Ring über die Glasauslage zu. Sie räusperte sich. Ihr war ziemlich unwohl in ihrer Haut und am liebsten wäre sie abgehauen.

Der Pfandleiher griff danach und öffnete es. Augenblicklich begannen seine Hände zu zittern. „Oh … also ich müsste da einige Tests machen und sehen, ob sowohl Gold als auch der Stein echt sind. Das kann etwas dauern. Außerdem, wenn er wirklich echt sein sollte, muss ich erst Geld besorgen. Soviel Bargeld habe ich sicher nicht in der Kasse.“ Er klappte verlegen auflachend das Kästchen zu, griff zu einem Formular und begann es auszufüllen. „Haben Sie eine Handynummer, auf der ich Sie erreichen kann?“ Er sah Catlin fragend an.

Sie schüttelte verhalten mit dem Kopf. „Nein tut mir leid, ich bin kein Freund von drahtloser Kommunikation. Verstehen Sie?“ Sie lächelte. Das war sie in der Tat nicht. Sie hätte aber auch nicht gewusst, wofür sie ein Handy gebrauchen könnte. Sie besaß keine Familie, kein gar nichts. Wer sollte sie also anrufen? Die paar nötigen Telefonate in den letzten zehn Jahren hatte sie meist vom Motelzimmer aus tätigen können.

Er schmunzelte. „Kann ich verstehen. Ich bin da auch nicht so der Fan von. Dann aber vielleicht eine Festnetznummer?“

„Tut mir leid.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Auch das nicht.“

Stirnrunzelnd betrachtete er sie. „E-Mail?“

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Er seufzte schließlich auf. „Verstehe, Sie sind eher ein Fan von analog statt digital, was?“ Catlin lachte zur Antwort nur auf.

„Dann geben Sie mir doch einfach ihre Adresse und ich schicke Ihnen eine Nachricht.“

Mit einem Kopfschütteln antwortete sie ihm. „Leider bin ich nur vorübergehend in der Stadt. Und ich würde ungerne von Phoenix bis nach Flagstaff kommen müssen. Sagen Sie mir doch einfach, wann ich wieder vorbeikommen kann, um das Geld abzuholen.“

Der Besitzer des Pfandhauses hob die Augenbrauen. Sein Blick spiegelte plötzlich Zweifel wider. „Wo haben Sie den Ring überhaupt her, wenn ich fragen darf?“

Genau das hatte Catlin befürchtet. Aber zum Glück war sie darauf vorbereitet.

Wie sie es im Hotelzimmer geübt hatte, brach sie spontan in Tränen aus. Insgeheim bewunderte sie sich selbst für ihre schauspielerische Leistung. „Es … es ist mein Verlobungsring und … und ich habe den Kerl mit einer anderen im Bett erwischt“, stammelte Catlin los. Schließlich erzählte sie dem Pfandleiher eine wirklich rührende Story von ihrem Verlobten namens Will, der ein mieses Schwein war, sie betrogen und obendrein aus der gemeinsamen Wohnung rausgeworfen hatte. Sie bräuchte nun das Geld aus dem Erlös ihres Verlobungsringes, um wieder Fuß zu fassen. Immerhin hätte Will alle Möbel und Gelder, die sie gemeinsam erwirtschaftet hatten, behalten. Der Ring erinnere sie schmerzlich an die gemeinsame Zeit, weshalb sie froh wäre, ihn endlich los zu sein.

Der Pfandleiher zeigte vollstes Verständnis für sie und nahm ihr die Geschichte ab. Er kam sogar um den Tresen herum, um ihr spontan ein Taschentuch anzubieten und sie mit seiner väterlichen Art zu trösten. Er ließ dabei auch nicht unerwähnt, dass seine Tochter ungefähr in ihrem Alter war, der sogar mal etwas Ähnliches widerfahren sei.

Deshalb war es auch kein Problem, dass sie ihm lediglich die Adresse vom Arroyo Pinion Motel geben konnte, wo sie angeblich untergekommen war, aber in Wirklichkeit bereits heute Morgen ausgecheckt hatte. Sie vereinbarten, dass Catlin, obgleich ihrer ungewissen Wohnungssituation, einfach in zwei Tagen wiederkommen sollte, um das Geld abzuholen und diesen unschönen Lebensabschnitt ad acta zu legen.

Darauf hatte Catlin natürlich insgeheim gehofft. Dennoch verließ sie wenige Minuten später den Laden mit einem Knoten im Bauch. Der Pfandleiher war wirklich sehr nett zu ihr gewesen. Er hatte ihr sogar seine Hilfe angeboten. Es war eigentlich nicht in Ordnung, ihn so zu belügen. Doch was hätte sie tun sollen?

Hastig lief Catlin mit ihrem Rollkoffer im Schlepptau zum Taxistand.

Nein, es war so, wie es war. Der Zweck heiligte eben die Mittel. Übermorgen würde sie von ihm das Geld ausbezahlt bekommen und das war´s. Vielleicht war der Ring genug wert, dass sie sogar ganz von vorne anfangen könnte. Und in Zukunft würde sie von solch exklusiven Klunkern weit Abstand nehmen.

***

„Guten Tag“, begrüßte Catlin fröhlich den alten Mann, der gerade mit Handfeger und Kehrschaufel ein Häufchen Dreck wegfegte. Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich. Mr. Xu, der Besitzer der koreanischen Reinigung in der Tylerstreet, lächelte ihr zu und entblößte dabei eine Reihe blendend weißer, viel zu perfekter Zähne.

Zigmal hatte sie ihm in der Vergangenheit versucht zu erklären, dass auch eine Totalprothese eigentlich so aussehen sollte, als wären es echte Zähne und echte Zähne waren niemals perfekt. Aber der Koreaner hatte meist nur schallend darüber gelacht. Er war der Meinung, wenn er schon so viel Geld für künstliche Zähne ausgeben musste, dann wolle er wenigstens einmal im Leben perfekte tragen. Daraufhin hatte sie es aufgegeben, ihn vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

Er legte die Putzsachen weg und lief hinter die Theke. „Reinigen und Aufbügeln wie immer?“ Er griff zu einem Nummernblock mit orangefarbenen Zetteln und riss einige davon ab. Mit Stecknadeln heftete er sie mühsam an Catlins Kleidern fest. Handgriffe, die ihm seit seinem Schlaganfall nicht mehr ganz so leicht von der Hand gingen. Ein Wunder, dass er überhaupt noch arbeitete. Immerhin war er bereits über siebzig.

Mister Xu schob ihr die kleinen Papierschnipsel über die Theke zu. Sie griff danach, um sie achtlos in ihre Tasche fallen zu lassen. Selbst wenn sie diese verlieren würde, wüsste er dennoch, welche Sachen ihr gehörten. In der Beziehung hatte er ein Bombengedächtnis. Ohnehin fragte sie sich, warum sie als seine langjährige Stammkundin immer noch diese Zettel bekam.

Der alte Mann griff nun mit zitternder Hand zu dem roten Kleid, in dem sie Will verführt hatte. Er roch daran und verzog angewidert das Gesicht. „Wo bist du gewesen?“ Er roch noch einmal daran. „Im Blue Sky die Straße runter?“ Catlin spürte, wie ihr augenblicklich das Blut ins Gesicht schoss.

Es störte sie, dass der alte Mann eine so hervorragende Nase hatte. Er konnte dem Kleid nicht nur sämtliche Sekrete aus zwei Meter Entfernung anriechen, sondern wusste auch immer genau, woher sie entstammten. Es überraschte sie, wie treffsicher er war. Erst kürzlich hatte sie nicht an sich halten können ihm vorzuschlagen, sich damit bei einer Talentshow zu bewerben. Mr Xu war daraufhin in schallendes Gelächter ausgebrochen und hatte etwas auf Koreanisch geantwortet, was sie nicht verstanden hatte.

„Catlin, du solltest dir endlich einen richtigen Job suchen.“ Er hing das Kleid vorsichtig auf einen Drahtbügel.

„Hostess ist doch ein richtiger Job“, echauffierte sie sich.

Mr. Xu hob skeptisch die Augenbrauen. „Solange du jung bist und gut aussiehst. Da wollen die reichen Kerle immer, dass du sie begleitest. Aber was ist, wenn die ersten Falten kommen? Was machst du dann? Willst du dann etwa eine eigene Begleitagentur gründen?“

Catlin schwieg. Mister Xu hatte ja recht. Sie selbst hatte sich schon oft Gedanken darüber gemacht. Auf ewig konnte und wollte sie das nicht machen. Vielleicht reichte ja das Geld vom Ring, um sich an einem College einzuschreiben. Immerhin war es bereits ein Jahr her, dass sie ihren Schulabschluss Jahre nach ihrer Flucht aus dem Waisenhaus auf der Abendschule nachgeholt hatte. Also stand einer Weiterbildung doch nichts mehr im Wege. Sie müsste sich lediglich einen festen Wohnsitz und einen richtigen Job suchen. Vielleicht könnte sie dann kellnern.

Mister Xu nahm die Sachen und legte sie nach hinten. Als er durch den rasselnden Holzperlenvorhang wieder in den Laden zurückgehumpelt kam, hielt er einen Umschlag in der Hand. „Hier.“ Er hielt ihr den Brief hin. „Der ist für dich. Keine Ahnung, wieso er ausgerechnet hier gelandet ist.“

„Für mich?“ Catlin musterte Mr. Xu überrascht. Wie kam jemand auf die Idee, ihr einen Brief zu schreiben und ihn an Mr. Xus Reinigung zu adressieren?

Verwirrt nahm Catlin den Brief an sich. Sie betrachtete ihn genauer. Er war hellblau und tatsächlich mit einer abgestempelten Briefmarke versehen. Zudem gab es einen Absenderstempel vom Maricopa County Jail. Wer bitte schrieb ihr aus der härtesten Haftanstalt der USA?

Als sie die Anschrift genauer betrachtete, die mit schwarzer Tinte geschrieben war, zuckte sie unweigerlich zusammen. Das geschwungene D würde sie überall erkennen.

Ihr Herz raste los. Ihr wurde schlecht. Mit zitternden Händen drehte Catlin den Umschlag um, aber nirgendwo befand sich ein Name. Nur die Adresse des Gefängnisses. Trotzdem — sie wusste ganz genau, von wem der Brief war. Auch ohne Absender.

„Was ist los“, wollte der Koreaner wissen. „Schlechte Nachrichten?“ Hastig warf sie ihm einen scheuen Blick zu. Sie schluckte. Bemerkte, wie sich ihr Hals langsam zuzog.

Mr. Xu wusste nichts von ihr oder ihrer Vergangenheit. Er hatte sie nie gefragt und sie verständlicherweise auch nie etwas davon erzählt. Warum auch? Sie selbst hatte ja nicht mehr an diese schreckliche Zeit im Waisenhaus oder auf der Straße erinnert werden wollen. Mr. Xu wusste nur, was sie beruflich machte, wobei sie ihm auch hier einiges verschwieg. Er glaubte, sie begleite lediglich reiche Männer zu Geschäftsessen. Dass es um einiges darüber hinausging, wusste er ja nicht.

Selbst jetzt, wo sie das Gefühl bekam, ihr Magen würde jeden Moment explodieren, biss sie sich auf die Zunge und schüttelte den Kopf. Sie zwang sich durchzuatmen und ein Lächeln aufzulegen. „Alles gut, Mr. Xu, nur jemand von dem ich lange nichts mehr gehört habe.“ Lange hieß in diesem Falle ganze zehn Jahre. In ihren Augen jedoch nicht lange genug. Beiläufig ließ sie den Brief in ihrer Handtasche verschwinden.

Der Mann, der sich regelmäßig um ihre Wäsche kümmerte, nickte. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, sie skeptisch zu beäugen. Manchmal glaubte sie, der Alte wusste mehr als ihr lieb war. Ihr war, als könne er bis auf ihre blanke Seele sehen oder ihre Gefühle sogar riechen.

Hektisch griff Catlin zu ihrem Trolli und verschloss ihn wieder. „Danke Mr. Xu. Aber ich muss jetzt los. Bis zum nächsten Mal.“ Ein weiteres Mal zwang sie sich dazu, freundlich zu Lächeln.

Er verbeugte sich und antwortete mit einem: „Domanao.“

Als sie mit dem Rollkoffer im Schlepptau schließlich den Laden verließ, konnte sie spüren, wie der prüfende Blick des Koreaners sich in ihren Rücken bohrte. Doch das war ihr egal. Sie wollte nur noch weg von hier. Weg von IHM. Denn wenn ER wusste, dass sie hier ihre Wäsche hinbrachte, konnte es sein, dass ER sie auch beobachten ließ.

***

Von der Reinigung aus hastete Catlin schnurstracks zum Taxistand.

Der Trolli kippelte ein paar Mal gefährlich, doch rigoros zog sie ihr ganzes Hab und Gut einfach weiter. Sie öffnete den Kofferraum des ersten Taxis in der Reihe, um den Koffer hineinzuwuchten. Anschließend ließ sie sich seufzend auf den Beifahrersitz sinken. Der Fahrer, ein junger Kerl mit Seitenscheitel und Kapuzenpulli, hob überrascht den Kopf. Er ließ den Motor an. „Wohin kann ich Sie bringen Miss?“

„Ins Bell Rock Inn Motel bitte!“

Er nickte und fuhr zügig aus der Reihe, um sich in den Verkehr einzufädeln.

Catlin stöhnte leise auf. Ihre Gedanken wollten einfach nicht aufhören, sich um IHN zu drehen. Wie war ER überhaupt an die Adresse von Mr. Xu gekommen? Woher wusste ER, wo sie regelmäßig verkehrte? Es gab eigentlich nur eine mögliche Erklärung. Ein Detektiv. Sie war doch immer darauf bedacht gewesen, ihre Spuren zu verwischen. Aber sicher war die Tatsache, dass sie nie ganz aus Arizona rausgekommen war, dennoch ein Fehler gewesen. Für einen Privatschnüffler sicher ein leichtes, trotz allem ihre Fährte aufzunehmen.

Verzweifelt betrachtete Catlin den Umschlag, der ein Stück weit aus ihrer Tasche herauslugte. Konnte es möglich sein, dass ER sie immer noch kontrollierte, so wie früher? War sie IHM mit ihrer Flucht aus Cildrens Hope vermutlich gar nie wirklich entkommen? Allein dieser Gedanke jagte ihr eine Heidenangst ein, womit ihr trotz der sommerlichen Hitze im Taxi plötzlich ein eiskalter Schauer über den Körper lief. Er brachte sie sogar zum Erzittern. Auch die Enge in ihrem Hals war augenblicklich wieder da, die sich begann, mit der aufsteigenden Übelkeit zu messen. Eine Erinnerung flammte unvermittelt wie ein Strohfeuer in ihr auf, obwohl sie versuchte, sie zu verdrängen doch es ging nicht. Gegen diese grausamen Fragmente ihrer Vergangenheit war sie machtlos.

„Verdammt, ich kriege kaum Luft, lass mich endlich hier raus“, keucht sie und hämmert mit den Fäusten gegen das Holz. Splitter rammen sich schmerzhaft in ihr Fleisch. Ihr Magen revoltiert.

„Nur, wenn du endlich tust, was ich dir sage“, dringt SEINE Stimme gedämpft durch die Wände der Kiste. Sie hasst IHN. Sie hasst IHN für das, was ER ist und für das, was ER mit ihr tut. Dieses Schwein.

Die unbändige Wut, die in diesem Moment in ihr aufsteigt, übermannt alle anderen Gefühle wie Angst oder Traurigkeit. Nein, verdammt noch mal. Von IHM wird sie sich nicht kaputtmachen lassen.

Catlin schluckte schwer.

„Alles in Ordnung?“ Der Fahrer warf ihr einen besorgten Blick zu. „Sie sind ziemlich blass um die Nase.“

„Danke, alles ok.“ Sie lächelte gezwungen. „Ich bin nur etwas müde von der Reise, verstehen Sie?“

„Woher kommen Sie denn, wenn ich fragen darf?“

Irritiert warf Catlin ihm einen schnellen Seitenblick zu. Er musterte sie eingehend. Doch dem Kerl wollte sie nichts verraten. Sie blieb doch lieber anonym. So wie sonst auch. „Aus San Diego. Ich bin beruflich unterwegs.“

Der Taxifahrer war anscheinend noch nicht ganz befriedigt von ihrer Antwort. „Was machen Sie denn genau beruflich? Sind Sie

Anwältin oder sowas?“

Sie stutzte. „Wie kommen Sie denn auf Anwältin?“

Er lachte auf. „Weil Sie so ein schickes Kostüm tragen. Deshalb.“

Catlin schüttelte den Kopf. „Ich bin Pharmareferentin“, gab sie zurück. „Da muss man auch gepflegt aussehen.“ Sie hoffte, dass er sich damit zufriedengeben würde. Das war auch das, was sie immer den Empfangsdamen in den Motels erzählte. Einige kannten Sie bereits, weil sie regelmäßig dort abstieg. Auch das war sicher ein Fehler gewesen. Dennoch brauchte sie wenigstens etwas das Gefühl von zu Hause.

„Oh echt? Für wen arbeiten Sie denn? Für Charles River? Ich habe gehört, die experimentieren auch mit gentechnisch veränderten Tieren. Stimmt das?“

Sie unterdrückte das Verlangen, die Augen zu verdrehen. „Leider arbeite ich für ein kleineres Unternehmen, das … Medpharm heißt. Und was genau Charles River macht, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Wir jedenfalls vertreiben Herz-Kreislauf-Medikamente. So genannte Calcium-Kanal-Blocker zur Blutdrucksenkung.“ Das hatte sie mal recherchiert, um genauere Nachfragen beantworten zu können. Es kam nicht selten vor, dass einige der Rezeptionistinnen danach fragten. Und auch schon bei dem einen oder anderen Kerl hatte sie es mit der einsamen Pharmareferentinnentour zu etwas Geld gebracht.

Der Taxifahrer nickte zufrieden. Anscheinend hatte sie ihn mit dem Fachwissen überzeugen können. Dennoch konnte sie nicht verkennen, dass sein Verhör ihr ziemlich zusetzte und ihre Klaustrophobie verstärkte. Zum Glück war es nicht mehr weit bis zum Motel. Catlin holte tief Luft und biss sich auf die Zunge.

„Das Motel ist gleich da vorne. Vielleicht sollten Sie, wenn Sie eingecheckt haben, sich ein wenig ausruhen, bevor sie Ihre Verkaufstour starten.“ Er lächelte ihr zu.

Gottverdammter, warum waren alle Leute heute so nett zu ihr? Wieder regte sich das schlechte Gewissen in ihr, wegen des Ringes und des Pfandleihers. Es war nicht fair von ihr gewesen, ihn anzulügen. Aber das Leben war auch nicht immer fair zu ihr gewesen. Ganz im Gegenteil.

Sie sah beschämt auf ihren Schoß, wo die Tasche mit dem Brief lag. Woher hatte ER bloß gewusst, dass sie in Sedona City  regelmäßig ihre Wäsche in die Reinigung gab? Woher, verdammt noch mal?

„Sie haben recht.“ Catlin stopfte den Umschlag etwas tiefer in die Tasche. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber auch wenn sie den Brief nun nicht mehr sehen konnte, tanzte dennoch das geschwungene D vor ihrem inneren Auge auf und ab, als wolle es sie verhöhnen.

Direkt vor dem Haupteingang des Motels hielt das Taxi an. Sie bezahlte den Fahrer und gab ihm aufgrund ihres schlechten Gewissens ein großzügiges Trinkgeld, womit er es sich nicht nehmen ließ, ihren Koffer bis zur Rezeption zu tragen. Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung und einem höflichen: „Danke, dass Sie mein Fahrgast waren“.

Sie entließ ihn mit einem Kopfnicken und trat auf die Anmeldung zu.

Die Angestellte hinter der Theke begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Hallo Mrs. Rockstone. Ein Zimmer nach hinten raus wie immer?“

***

Das Bell Rock Inn lag etwas außerhalb der Stadt am Highway 179. Schon oft war Catlin hier für ein paar Tage untergekommen, weshalb sie die freundlichen Worte der Dame am Empfang nicht überrascht hatten. Jedes Mal, wenn sie hier wohnte, nahm sie ein Zimmer nach hinten raus. Diese hatten nämlich Ausblick auf den Bell Rock, was ihr ein Gefühl von Geborgenheit gab. Sie liebte dieses Motel. Sie liebte die Aussicht und deshalb kam sie hier am häufigsten unter.

Catlin öffnete das Fenster und sah den massiven Berg aus rotem Sedimentgestein in der untergehenden Sonne aufglühen. Der Bell Rock war genau wie sie. Hart, unbeugsam und bereit, alles an der äußeren Schicht abprallen zu lassen. Deshalb mochte sie ihn so.

Aber jetzt fühlte sie sich alles andere als hart wie Stein. Der Absender des Briefes ließ sie schwächeln. Die Frage, wie ER an die Information über sie und Mr. Xu gekommen war, setzte ihr ziemlich zu.

Verdammt!

Seufzend drehte Catlin sich vom Fenster weg und sah zu dem Nachttisch, auf dem die Handtasche mit dem Brief lag. Der Anblick brannte sich förmlich in ihre Netzhaut.

Die Tatsache, dass sie sich nicht erklären konnte, woher ER Mr. Xus Adresse hatte, war nur ein ungeklärter Punkt an der ganzen Sache. Was sie aber noch viel mehr verwirrte, und ihr Gehirn in den letzten Minuten zu Höchstleistungen angespornt hatte, war die Frage, was ER bloß von ihr wollte? Damals, als sie dem Heim entflohen war, hatte sie sich geschworen, IHN zu vergessen. Aber es hatte natürlich nicht funktioniert. Hin und wieder erschien ER ihr in ihren Träumen, ebenso wie die Dunkelheit und die Atemnot. Die Albträume waren sogar genauso schlimm, wie IHM leibhaftig gegenüberzustehen.

Catlins Kehle wurde wieder eng. Sie wedelte hektisch mit der Hand nach Luft, riss sich dann aber zusammen und versuchte ruhig durchzuatmen. Die aufkommenden Tränen schluckte sie einfach hinunter. Nicht eine einzige Träne würde sie wegen IHM noch vergießen. Das hatte sie doch viel zu oft getan. Ein Meer von Tränen, heimlich geweint in ihrem Zimmer, weil sie sich niemandem anvertrauen konnte.

Sie lief zurück zum Fenster und streckte den Kopf heraus. Zu Bell Rock ihrem Freund, dem niemand etwas anhaben konnte. Ach, wäre sie doch nur genauso erhaben wie dieser Stein. Doch das war sie nicht. Ganz und gar nicht. Die Vergangenheit schaffte es immer wieder, ihre schützende Mauer einzureißen und sie verletzlich zu machen.

Minutenlang stand sie einfach nur so da und genoss Bell Rocks Anblick. Ganz langsam beruhigte sich dabei ihr aufgeregtes Herz.

Es nützte ja alles nichts. Wenn sie wirklich wissen wollte, was ER ihr zu sagen hatte, würde sie den Brief wohl lesen müssen. Aber wollte sie überhaupt wissen, warum ER sie gerade jetzt kontaktierte? Wäre es nicht besser, sie würde den Brief einfach im Waschbecken verbrennen?

Vorhin bei Mr. Xu war sie bereits versucht gewesen, den Brief einfach ungelesen in irgendeinem Papierkorb zu entsorgen. Doch irgendetwas hatte sie daran gehindert. Ein innerer Antrieb. Oder ihre Neugier. Sie wusste es nicht.

Dennoch war sie felsenfest davon überzeugt, dass was ER von ihr wollte, ganz sicher nichts Gutes war. ER hatte sie doch immer nur gequält, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Jahrelang. Das würde sie nie wieder zulassen. Niemals wieder. Ihr Entschluss stand fest. Sie würde den Brief vernichten. Jetzt sofort.

In ihrer Handtasche angelte Catlin schließlich entschlossen nach einem Feuerzeug, schnappte sich den Brief und lief ins angrenzende Badezimmer. Mit zitternder Hand ließ sie das Feuerzeug aufflammen. Eine Ecke des Papiers brannte bereits, als sie ein merkwürdiges Gefühl ergriff. Es fühlte sich an, als würde ihr jemand ins Ohr flüstern, den Brief zu verbrennen sei falsch.

Ohne weiter darüber nachzudenken, öffnete ihre rechte Hand den Wasserhahn, während die Linke den Brief zum Ablöschen darunter hielt. Ungeschickt riss sie kurz darauf den Umschlag auf, holte das feuchte Blatt Papier heraus, das darin steckte. Doch bevor sie sich traute, es auseinanderzufalten, schloss sie kurz die Augen. Die Enge in ihrem Hals war wieder da. Der schlechte Geschmack in ihrem Mund. Ihr Magen, der revoltierte. Zusammen mit dem Brief trieb es Catlin zurück ins Schlafzimmer, wo sie sich ans offene Fenster stellte. Der Anblick von Bell Rock und die frische Luft schenkten ihr die nötige Kraft.

Was soll´s? Selbst wenn ER ihr etwas Schlimmes geschrieben hätte, die Zeit des Missbrauchs war vorbei. ER konnte ihr nichts mehr tun. Und besitzen konnte ER sie schon gar nicht mehr. Es gab Mittel und Wege für sie, ihm zu entkommen. Sich zu wehren. Also gäbe es auch keinen Grund mehr, den Brief nicht zu lesen. Richtig?

In den letzten Sonnenstrahlen des Tages, den Brief Richtung steinernen Freund gerichtet, faltete sie schließlich den weißen Zettel auseinander.


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Jennifer Wellen ist promovierte Biologin und arbeitet seit einigen Jahren als Dozentin in der Erwachsenenbildung. Wenn sie nicht gerade angehende Physio- und Ergotherapeuten unterrichtet, schreibt sie mit Wonne Kurzgeschichten oder Frauenromane. Zusammen mit ihrer Familie und den obligatorischen Schriftstellerkatzen lebt sie derzeit im Ruhrgebiet.

Jennifer Wellen im Interview zu Lost in Pain – Zurück zu dir.