Highland Brides – Entführt von einem Highlander

Kapitel 1

Das Jahr des Herrn 1491, St. Marys Abbey, England

Die Grabmarkierung war aus Bruchstein. Mit einer bogenförmigen Mitte stand sie leicht schief und war mit graugrünen Flechten überwachsen, die einen Schatten auf der Oberfläche hinterließen, wie ein ungepflegter Bart auf dem zerfurchten Gesicht eines Kriegers.

Der Grabstein daneben zeigte wenig Abwechslung zu dem ersten und obwohl Leith Forbes die Inschrift nicht lesen musste, tat er es trotzdem und fühlte den dumpfen Schmerz bei dem Wissen, dass das Kind gestorben war.

Er berührte die geritzten Wörter für einen Moment, sein Kiefer spannte sich, er stieß die Luft aus und ließ sich auf seine Fersen nieder. Er hatte einen langen und verworrenen Weg hinter sich gebracht, um zu diesem Ort zu kommen, hatte seine Angehörigen verlassen und sein Zuhause, für eine Suche, die nicht mehr als den Anblick dieses verwitterten Grabsteins und die mitfühlenden Worte einer heiligen Frau zu bieten hatten.

Leiths Hände umklammerten das kleine Bündel Tartan, dass die Äbtissin ihm gegeben hatte.

Für Sie“, hatte sie einfach gesagt. „Vielleicht kann es den Kummer ihres alten Lords etwas lindern.

Aber das konnte es natürlich nicht. Nur das Mädchen hätte ihre Sorgen erleichtern können – nur das Mädchen, lebendig und unversehrt.

Leith grub seine Finger in die weiche Babydecke. Sie hatte ein rotblaues Schottenmuster und war kaum groß genug um Beiruts Sattel abzudecken, und in der Wolle war die Brosche mit dem Amethysten, der in die unverkennbar zweifach verknoteten Schnörkel des MacAulay Clans eingelassen war.

Es war die Brosche, die der alte MacAulay seiner liebreizenden, englischen Braut gegeben hatten. Die Brosche, die sie mit sich genommen hatte, als sie mit ihrem Baby aus Schottland geflohen war.

Ein einzelnes Schimpfwort rutschte über Leiths Lippen. Er stand abrupt auf. Vielleicht war es ungehörig, auf dieser geheiligten Erde zu fluchen. Aber gütiger Gott, er hatte viel durchgemacht – nur um feststellen zu müssen, dass beide, Mutter und Kind, siebzehn Jahre zuvor gestorben waren, vor dem ersten Geburtstag des Mädchens.

Verdammt und zur Hölle! Er ballte wieder die Fäuste. Verflucht sei Elizabeth MacAulay, fluchte er leise, dann rieb er sich mit einer Hand über die Augen, die vom trockenen Schmerz der Ernüchterung brannten.

Streif drehte er sich um und entfernte sich um einige Schritte.

Blaublütige Glockenblumen wuchsen in verstreuten Büscheln, und er schritt zum nächstgelegenen und pflückte ein paar, um sie in den verhornten Händen zu halten, und starrte auf ihre unangebrachte Fröhlichkeit.

Verflucht sei Ian MacAulay, der gerissene, alte Bastard, der ihn auf diese Reise geschickt hatte und ihm sowohl die eigene Tochter zur Frau versprochen hatte als auch Frieden zwischen den Clans. Verdammtes heißes, schottisches Blut das in den Adern seiner Leute floss.

Und verdammt sei er selbst, dass er sie alle im Stich gelassen hatte!

Er ging langsam zurück zum Grab des Kindes und kniete nieder. Behutsam legte er die Blüten auf den moosigen Stein.

„Ich kann dir nicht die Schuld für deinen Tod geben, Kleine“, murmelte er zerknirscht. „Aber ich wünschte, du hättest gelebt.“ Für einen Moment sanken seine Schultern unter dem Gewicht der schweren Verantwortung herab. „Unter uns“, fügte er hinzu und berührte den Grabstein ehrfürchtig, „wir hätten deinen Vater sehr ärgern können.“

Er verweilte noch ein wenig, stand dann aber auf. Wem half es, wenn er um ein Baby trauerte, das vor langer Zeit gestorben war. Ein Baby, das er nie kennengelernt hatte. Und trotzdem schmerzte der Gedanke in seiner Seele, dass ein gebürtiger Schotte so fern von der Heimat gestorben war. Keiner sollte so ein Schicksal erleiden.

Aber er sollte auch nicht länger hier verweilen. England hieß seine schottischen Nachbarn wahrlich nicht mit offenen Armen willkommen. Auch trotz der Bemühungen von König James IV um Frieden zwischen den zwei Ländern, war es nicht sicher. James war ein neuer König, ein besserer König, der darum bemüht war, das Leben seiner Landsleute zu verbessern – sogar das der Highlander. Er sprach sogar Gälisch, eine Tatsache, die ihn von den vorherigen Monarchen unterschied, eine Tatsache, die Leith hoffen ließ, dass die Zeit, den Frieden durchzusetzen, gekommen war, sich mit dem König zusammenzuschließen und selbst eine Veränderung im Highland Clan herbeizuführen.

Als er den Blick vom Grab wandte, bemerkte Leith den pink gefleckten Himmel am westlichen Horizont. Es würde nur noch wenig Tageslicht für die Reise übrig sein. Sie sollten sofort losziehen, und trotzdem verspürte er ein undefinierbares Verlangen noch eine Weile zu bleiben, vielleicht um doch das Dahinscheiden des Babys zu betrauern, das viel Blutvergießen hätte abwenden können.

Als er den sattgrünen Abhang hinabstieg, erlaubte sich Leith einen Moment der Gedankenlosigkeit und ließ seine müden Muskeln sich entspannen. Es war warm und leise unter dem Schutz der Bäume und er atmete tief ein, wobei ihm zum ersten Mal der frische, grüne Frühling auffiel.

Vögel ließen ihre bekannten Rufe erklingen – das flötengleiche Pfeifen einer Goldamsel, der durchdringende Ruf eines Kleibers, der aus den dichten oberen Zweigen kam. Der Hang wurde steiler und schließlich tauchte ein Lochan auf. Das Wasser des kleinen Sees war dunkel und wellenlos im schwindenden Licht.

Hier ruhte er sich aus, ließ sich müde auf den verwitternden Blättern nieder und starrte auf das Lochan unter ihm. Es war ein schöner Platz, und er konnte sich gut vorstellen, noch in den Highlands zu sein, wo er die liebliche Stimme seiner Schwester hörte, die sang. Vor ihrem Tod, vor der Fehde zwischen dem Clan der Forbes und dem der MacAulays.

Es hatte eine Zeit gegeben, als die beiden Stämme im Geiste vereint gewesen waren, als ein Forbes nicht um sein Leben hatte bangen müssen, wenn er den Boden der MacAulays betrat, aber dieser Frieden existierte nicht mehr. Er war mit Eleanors Tod zerbrochen.

Gütiger Gott! Leith ballte die Fäuste und schloss die Augen während er sich erinnerte. Er hatte so viele Hoffnungen in diese Suche gesteckt – hatte sich danach gesehnt, die Dinge richtig zu stellen, den Schmerz auszulöschen. Aber nun gab es keine Hoffnung mehr.

Vor langer Zeit hatte er die Mutter des verlorenen Kinds getroffen. Sie war englisch, und die Art der Schotten und der MacAulays waren ihr fremd. Schon als Junge hatte ihre Schönheit Leith sprachlos gemacht, ihr majestätisches Auftreten. Aber da war auch eine Traurigkeit in ihr gewesen, eine Melancholie, die er gespürt hatte und an die er sich immer noch erinnerte.

Sie hatte Schottland gehasst, hatte die Einsamkeit gehasst, hatte ihre Ehe gehasst, die sie dorthin gebracht hatte. Und sie war geflohen und hatte ihre letzte Ruhestätte hier gefunden.

Hätte die Tochter ähnlich gefühlt? Hätte sie den Tod Schottland vorgezogen? Oder wäre sie die Verbindung gewesen, die gebraucht wurde, um den Hass zu heilen?

Es war dunkel, als Leith erwachte, und die Luft war still, wie die gedämpfte Erinnerung an einen Traum. Er wurde sich bewusst wo er war und öffnete die Augen. Das Lochan unter ihm schwappte leise an das sandige Ufer, unaufhörlich und glitzernd im silbernen Mondlicht.

Es wirkte wie ein magischer Ort, irgendwie beruhigend, aber er hatte schon zu viel Zeit hier verbracht.

Eine Bewegung zog Leiths Aufmerksamkeit auf sich und er blickte sich um.

Es war eine Frau. Oder? Sie war in reines Weiß gekleidet und neben ihr war der geschmeidige, dunkle Schatten einer …

Er schüttelte ungläubig den Kopf, versuchte seinen Verstand zu schärfen, aber die Szene änderte sich nicht. Immer noch blieb die Frau auf dem Sand, und an ihrer Seite war eine Wildkatze.

Gütiger Gott, das konnte nicht sein. Wildkatzen waren keine Haustiere, sondern unabhängige, wilde Biester, bekannt für ihre Stärke und Wildheit. Tatsächlich waren sie das Symbol der Forbes.

Ein Geräusch drang von unten zu ihm herauf, grollte in der geschmeidigen Katze, als die Frau ihre Hand auf deren Kopf legte. Schnurren! Gütiger Gott, sie schnurrte und strich nah um die bekleideten Beine ihrer Herrin.

Leith spürte die Magie wie den knisternden Schock eines nahen Blitzes.

Noch nie hatte er eine Bean-sith gesehen, aber das hier musste sicher eine sein. In seiner Jugend hatte er viele Geschichten über das Feenvolk gehört. Lange war es her, dass er gehofft hatte, eine in Fleisch und Blut zu sehen.

Sie sprach.

Er konnte nicht hören, was sie sagte, weil sie sich an die Katze wandte. Ihre Stimme war weich und melodisch, wie der süße Ruf einer Taube durch den Morgennebel. Leith richtete sich ein wenig auf, und ließ die Magie seine Sinne versengen, darum bemüht mehr durch das Laub vor ihm zu sehen.

Der Mond war über die obersten Äste geschlüpft und warf sein schmückendes Licht auf die überirdischen Gestalten am See. Er sah, wie die Fee ihr Gewand hob. Ihre Füße und Beine waren blass und nackt, wohlgeformt und betörend, als sie das Wasser mit den Zehen berührte.

Kalt! Es muss so kalt wie der Winter auf einem windgepeitschten Berg sein, mutmaßte Leith. Trotzdem schrak die Gestalt nicht zurück, sondern watete eine Weile durch das Wasser und hob dabei ihr Gewand hoch, was ihre Knie und ein paar Zentimeter ihrer liebreizenden Schenkel entblößte, und neben ihr, durch das glasige Wasser, schritt die Katze.

Eine Feenfrau und ihr Schutzgeist. Unheimlich und beängstigend. Trotzdem war Leith nicht verängstigt, da die Magie auch ihn zu umgeben schien. Er ballte die Fäuste und verspürte ein instinktives Verlangen aus alten Zeiten. Sie kam wirklich aus dem Feenreich, denn sie zog seine Sinne an sich, schien ihm den Willen zu entziehen. Das Verlangen bäumte sich auf. Zu lange hatte er an nichts anderes als seine Leute gedacht, zu lange hatte er das vernachlässigt, was ihn zum Mann machte.

Seine Augen nicht von der Fee abwendend, saß er still und gerade da. Weniger als zehn Schritte trennten sie, aber die Strecke war von Blättern und Farnkraut bevölkert und sie bemerkte ihn nicht, da sie mit ihrem Schutzgeist sprach und ihre Hand hob. Die Katze hob den Kopf, horchte, und dann war sie verschwunden, sprang durch das Wasser und verschwand in der Dunkelheit.

Die Fee trat aus dem silbrigen See hinaus und sah sich um. Mit einer glatten Bewegung zog sie die Haube vom Kopf. Eine Masse glühenden, kupferfarbenen Haars ergoss sich über ihren Rücken in wilder Fülle und fing die Mondstrahlen ein wie das Licht in Rubinen.

Leith stockte der Atem zu einem harten Knoten. Sie war ein himmlischer Anblick, ein Bild reiner Schönheit, und er erwartete halb, dass sich ein elfenbeinfarbenes Einhorn mit tiefsitzender Kraft zu ihr gesellte.

Die Kordel um ihre Taille fiel herab. Ihre Hände hoben sich.

Gütiger Gott! Leiths Herz schien in seiner Brust zu verstummen. Nackt stand sie auf dem seidigen Sand – wie eine Göttin, die sich nur ihm zeigte.

Ein hartes Verlangen packte ihn mit plötzlicher Dringlichkeit. Ein primitives Sehnen wand sich wie ein gutplatzierter Dolch in seinem Magen.

Sie war so schlank wie ein Schilfrohr, so biegsam wie ein Sprössling, umspielt von hüftlangem Haar und im Glanz der Mondstrahlen. Schatten und Licht bedeckten ihre zierliche Form, versteckten und betonten. Ihr Rücken war wie ein glattes Tal, das sich bis zur Kurve ihrer Zwillingshügel erstreckte, und als sie sich umdrehte, sah er die Gipfel ihrer straffen Brüste.

Sie war ein übernatürliches Wesen, aber sagten die Legenden nicht, dass die Highlander aus der Paarung mit solchen Kreaturen am Anbeginn der Zeit entstanden waren? Es ist eine alte Tradition, sagte sein gelähmter Verstand.

Sie streckte sich, hob die schlanken Arme zum Mond und genoss sein magisches Licht. Lud sie ihn ein, zu ihr zu kommen?

Ja. Natürlich. In seinen sechsundzwanzig Jahren war ihm nie der Blick auf eine Fee vergönnt gewesen. Aber jetzt, in seiner dunkelsten Stunde, wurde sie ihm gezeigt. Es war Schicksal. Auf einer ursprünglichen Ebene fühlte er, wie sie ihn rief. Wie sie darum flehte, dass er sie nahm. Wie in Trance erhob er sich. Sie hielt seine Zukunft in ihren magischen Händen, und er war hierhergeführt worden, um sich mit diesem mystischen Wesen zu vereinen – sie das Leid seines Clans heilen zu lassen, die Wunden, die er nicht schließen konnte.

Aye! Sie war die Antwort.

Er trat hervor, angezogen von unsichtbaren Banden.

Ein Ast kratze über Leiths Wams und die Fee wandte ihm das Gesicht zu. Es war blass wie das Mondlicht in der Dunkelheit; ihr Aufschrei war spitz und erschreckt.

Hab keine Angst, wollte Leith ihr sagen, er würde ihr kein Leid zufügen. Das Schicksal trieb ihn an, zog ihn weiter, aber ein Fauchen hinter ihm zerrte an seiner Aufmerksamkeit.

Er versuchte das Geräusch aus seinem Kopf zu verbannen, sich nur auf die Fee zu konzentrieren, aber das Fauchen erklang erneut, näher diesmal und tödlicher.

In einer fließenden Bewegung drehte er sich um, ließ die Hände zum Knochengriff seines Degens an seiner Seite fallen.

Ein dunkler Schatten kauerte nicht unweit. Er fauchte erneut, seine Reißzähne sichtbar in der Dunkelheit. Leith festigte seinen Stand, umgriff seine Waffe, all seine Sinne konzentrierten sich auf den Kampf, den er für die Feengöttin führen würde.

Aber unter ihm kam ein raschelndes Geräusch vom Sand des Sees herauf und laufende Füße trappelten schnell davon. Der dunkle Schatten der Katze erhob sich, zuckte, und war verschwunden, wie das unwirkliche, heimliche Flüstern eines beängstigenden Traums.

Leith atmete tief ein und zwang seine Muskeln, sich zu entspannen. Langsam drehte er sich um. Die Fee war nicht mehr da.

Am blassen, halbmondförmigen Ufer waren Fußabdrücke in den Sand glasiert. Nahe dem Wasser fiel Leith ein metallisches Glitzern ins Auge. Er schlenderte hinüber und hockte sich hin. Es war eine grobe Kette. Sein Blick verfinsterte sich, als er sie langsam durch seine Finger gleiten ließ, bis er das kleine hölzerne, mit Draht umwundene Kreuz spürte.

„Gütiger Gott!“ Er flüsterte die Wörter und sein Blick hing an dem bescheidenen Symbol des Christentums. Es war das unverkennbare Kreuz, das er an den Damen der St. Marys Abbey gesehen hatte, das Kreuz, das jede von ihnen um den Hals trug.

Leiths Blick hob sich und folgte den glänzenden Fußabdrücken.

Also war die bezaubernde Frau doch keine Fee gewesen.

Sie war eine Nonne!

Kapitel 2

Bei Gottes Zehennägeln! Zur Hölle! Verdammt! Rose Gunther sank still auf ihre Knie. Nachdem sie eine halbe Nacht im Angesicht des Terrors verbracht hatte, war der Tag nicht besser gewesen. Pure Erschöpfung hatte sie zu spät zum Morgengebet kommen lassen. Blanker Horror hatte an ihren Nerven gezerrt.

Neben ihr beteten elf fromme Frauen in stiller Hingabe. Rose betete in elender Verzweiflung!

Wie hatte sie das Kreuz der St. Marys Abbey verlieren können? Und warum in Gottes Namen hatte sie es nicht sofort bemerkt? Sie hätte sowieso nicht zum See zurückkehren können. Was, wenn ihre Instinkte sie nicht getäuscht hatten? Was, wenn wirklich ein Fremder im dunklen Wald gelauert – sie in ihrer schamvollen Entblößung gesehen hatte?

Und was war mit ihrem Traum? Was war mit der dunklen, männlichen Gestalt, die sie im Schlaf verfolgte? Er hatte so real gewirkt. So nah. So beunruhigend und doch anziehend, wie eine verbotene Frucht.

Sie zitterte und wunderte sich über das unheimliche Gefühl, das ihren Frieden gestört hatte. Waren diese beängstigenden Momente am Ufer nur ein Produkt ihrer zu lebhaften Fantasie? Aber nein– Samthaut hatte gefaucht, wie er es immer tat, wenn sich ein Fremder näherte. Die Wildkatze hatte am See gewartet, fast als hätte sie gewusst, dass Rose kommen würde. Aber natürlich hatte er das nicht wissen können. Sie hatte es ja selbst nicht gewusst. Wahrscheinlich verbrachte Samthaut viele seiner Nächte am See und es war reiner Zufall, der sie zusammengeführt hatte. Was auch immer der Grund war, es war so schön gewesen, die Katze wiederzusehen und ein großes Glück für sie, dass er sie vor der Gegenwart des anderen gewarnt hatte.

Aber was jetzt? Selbst wenn die Äbtissin durch irgendein Wunder den Verlust bemerkte, würde irgendjemand das Kreuz finden. Was würde passieren, wenn das Gänsemädchen am Ufer entlangschlenderte, wie sie es oft tat, und ein fetter Gänserich respektlos an dem Holzkreuz mit Messingdraht herumpicken würde? Was dann?

Es war ein einfaches Ausschlussverfahren. Welche Dame von St. Mary vermisste ihr Kreuz? Und warum hatte man es gefunden, als man ein Bad in dem kalten Wasser des nahegelegenen Sees nehmen wollte?

Warum in der Tat?

Sie hätte sicher innerhalb der Steinmauern bleiben sollen, hätte die Zeit mit Fasten und Gebeten verbringen sollen. Rose öffnete die Augen einen Schlitz weit und sah sich Mary Katherine genau an, die die seltsame Angewohnheit hatte, beim Beten vor und zurück zu wiegen. Ihr Rosenkranz hing sicher an ihrer Hüfte und an ihrer kräftigen Brust ruhte das Kreuz ihres Ordens.

Rose biss sich auf die Lippen, erinnerte sich an Onkel Peters verblüffende Fingerfertigkeit. Er hätte die Kette von Mary Katherines Hals stibitzen können, ohne …

Gott steh mir bei! Rose bekreuzigte sich verzweifelt. Sie war das Luder des Teufels. Das war sie. Hier saß sie und überlegte das Kreuz einer Schwester zu stibitzen! Es war skandalös. Trotzdem … Sie schielte wieder hinüber, beobachtete, wie das kleine Kreuz verführerisch mit jeder von Mary Katherines Bewegungen mitschwang.

Aber sicherlich würde der Diebstahl eines Kreuzes missbilligt werden, sowohl im Himmel, als auch hier in dem bescheidenen Kloster, denn die Frau Äbtissin musste Rose noch für ihren Aufenthalt auf dem Dach vergeben. Es war nur ein harmloser, kleiner Ausflug gewesen, wirklich. Aber vielleicht hätte sie nicht versuchen sollen, die Wand des Klosters zu erklimmen, auch wenn das Eichhörnchen diesen Weg genommen hatte. Das Tier hatte eine ganz eigenartige Farbe gehabt – fast weiß mit nur einem roten Flecken auf der Mitte seiner Brust. Es hatte ihre Neugierde schmerzlich geweckt, und sie hatte sich gedacht, dass sie niemandem damit schaden würde, der einzigartigen Kreatur nachzugehen.

Sie war nur eine Armeslänge von dem blassen Eichhörnchen entfernt gewesen, als sie den Halt an einem brüchigen Stein verloren hatte und gefallen war – Klatsch, mitten in den schattigen Küchengarten. Schwester Ruth hatte mit dem spitzesten Schrei aufgeschriene, den man sich nur vorstellen konnte. Schwester Frances war sofort in Ohnmacht gefallen.

Es war in der Tat die größte Aufregung, die sie in den letzten Jahren erlebt hatten. Sie hätten ihr für diese Abwechslung danken sollen. Stattdessen hatte man sie ohne Abendessen in ihre Kammer geschickt.

Roses Magen knurrte bei dem Gedanken. Sie biss sich wieder auf die Lippe. Falls ihr Kreuz am See gefunden wurde, konnte sie sich glücklich schätzen, wenn sie auch nur einen Krümel zu essen bekam bis zur Wiederkunft des Herrn.

Sie musste das Kreuz finden und Buße tun für ihr beschämendes Verhalten. Schließlich hatte sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprochen, dass sie eine Nonne werden würde. Und verdammt nochmal – Gott vergib – das würde sie auch werden.

Sie würde ein Vorbild des Anstands sein, sie würde sich diskret bedeckt halten, und hoffen, dass der Herr ihr barmherzig gesinnt war, einer erbärmlichen Sünderin wie ihr. Aber warum hatte die Frau Äbtissin sie nicht bestraft für ihre Unpünktlichkeit zum Gebet? Und wie hatte ihr entgehen können, dass sie das Kreuz nicht trug?

Im Dorf waren Besucher, das wusste Rose – zwei große Männer mit vornehmen, starken Rössern. Sie hatten mit der Äbtissin gesprochen. Vielleicht hatten sie ihre Gedanken zu sehr beschäftigt, um sich noch um Roses wenig vorbildhaftes Verhalten zu kümmern. Vielleicht war es göttliche Vorsehung.

Das musste es sein. Der barmherzige Herr hatte ihre aufrichtigen Versuche der frommen Ehrerbietung bemerkt und wollte ihr die Gelegenheit geben das Kreuz wiederzufinden, ohne dass die Äbtissin von ihrem Fehlverhalten wusste.

Rose sprach ein aufrichtiges Gebet der Dankbarkeit.

Es würde einfach genug sein. Sie würde sich aus einem Fenster schleichen, nachdem sie sie in die Einsamkeit ihrer Kammer geschickt hatten. Es würde sie nur einen kurzen Augenblick kosten, die Wand hinunterzuklettern und nicht viel länger, die äußere Einfriedung zu überspringen. Sie würde dieses Mal nicht am See verweilen, wie sie es so gerne tat, sondern sofort zurückkehren.

Ihr Blick verfinsterte sich wieder, und sie kaute auf ihrer Unterlippe. Eigentlich hatte sie dem Herrn versprochen, sich nie mehr aus dem Kloster zu schleichen. Aber war es nicht auch so, dass der Allmächtige um ihre Schwächen wusste? Deshalb musste er wissen, dass sie solch ein Gelöbnis nicht einhalten konnte – denn schließlich wusste er alles.

Rose nickte kurz, zufrieden mit ihren Schlussfolgerungen. Der Herr wusste um ihre Schwächen und deshalb besah er ihre kläglichen Versuche fromm zu sein viel wohlwollender als die vermeindlich größere Frömmigkeit ihrer Schwestern.

Genauso musste ihr auch die Frau Äbtissin vergeben.

Die Glocke klang. Rose bekreuzigte sich und richtete sich schnell auf, hungrig von fieberhaften Überlegungen – und prallte unachtsam mit Lady Sophie, der Äbtissin, zusammen.

„Oh! Mutter!“, keuchte Rose und griff nach der Frau Äbtissin, damit deren gebrechlichen Gestalt nicht rückwärts umfiel. „Ich habe Sie nicht gesehen … Ich bitte um …“ Sie schluckte und wunderte sich über die unerwartete Anwesenheit der Frau. „… Entschuldigung.“ Ihre Fingerknöchel waren weiß, wo sie die Robe der älteren Frau festhielten, auf eine wenig ehrerbietige Art und Weise, stellte Rose fest. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung“, wiederholte sie und überlegte bedrückt, ob sie den Verlust gestehen und ein Alibi für das seltsame Verschwinden des Kreuzes ersinnen sollte. Oder sollte sie so tun, als wäre nichts, und bei Gott hoffen, dass die Äbtissin nichts merkte.

„Ich möchte mit dir im Empfangssaal sprechen“, sagte Lady Sophie ruhig.

„Sprechen …“ Rose wusste, dass ihre Stimme brach, als sie das Wort aussprach, was noch durch das tiefe Grummeln in ihrem Magen verstärkt wurde, da sie fürchten musste nun eine weitere Mahlzeit zu verpassen. „Sprechen …“

Die Äbtissin nickte und drehte sich um.

„Ja.“ Rose schluckte erneut, versuchte, die richtige stoische Haltung zu erlangen. „Ja, Frau Äbtissin.“

Der Empfangssaal war ein ansehnlicher Raum. Er wurde von schweren, eisernen Gittern unterteil, die von der Decke bis zum Boden reichten und die Schwestern von jeglichen Besuchern, die sie empfingen, abgrenzte. Hier hatte Rose mit Onkel Peter gesprochen, bevor er beschuldigt worden war, die Kuh des Nachbarn gestohlen zu haben, und es für besser befunden hatte, sich aus der näheren Umgebung zu entfernen.

Sie wünschte sich, ihn jetzt hier anfinden zu können, sein rundes, fröhliches Gesicht, wie es sie durch die Gitterstäbe beobachtete, aber die andere Seite des Raums war in Dunkelheit gehüllt und wurde nur von einer flackernden Kerze erhellt.

Die Frau Äbtissin saß in dem einsamen Stuhl. Der Kaplan war auch da, lächelte nicht und schwieg, als Rose den Raum betrat. Für einen Moment verließ sie aller Mut und sie war versucht zu fliehen, aber sie schluckte hart und betete, zog die quietschende Tür hinter sich ins Schloss.

Warum war der Kaplan hier? Es war weniger, dass er ihr Angst machte. Tatsächlich hatte er, trotz ihrer zahlreichen Missgeschicke während ihrer Jahre hier in der Abbey, immer wieder die Schwestern um Geduld und Verständnis für sie gebeten. Schließlich, so erinnerte er sie, war Rose noch jung und voller Leben. Natürlich würde sie da manchmal den Erwartungen nicht entsprechen.

Hatte sie dieses Mal so weit gefehlt, dass sie nun hinausgeworfen würde?

Panik erfasste sie. Egal, wie es auf die Schwestern wirkte, sie war wirklich darum bemüht, deren Verhalten nachzueifern, ihr Wohlwollen zu erhalten, aber außerhalb der Mauern gab es so viel Leben. Es gab so viel zu sehen und zu tun und zu betrachten, dass sie sich manchmal so fühlte, als müsse sie platzen, wenn sie nicht für eine kurze Zeit entfliehen konnte.

Im Allgemeinen war sie aber zufrieden genug hier, sagte Rose sich schnell. Es stimmte, dass die Stunden des Gebets lang und mühsam waren, aber sie hatte viel über die Heilkunst gelernt in den letzten fünf Jahren. Vieles davon hätte sie nicht gelernt, wenn es ihr erlaubt gewesen wäre, bei ihren Eltern zu bleiben, auf dem kleinen Stück Land. Aber der Herr hatte sie zeitig zu sich geholt, hatte es dem Fieber erlaubt, ihnen das Leben auszubrennen und sie unbeschadet zurückgelassen.

„Sie wünschen … mich zu sprechen?“, fragte Rose. Sie verknotete die Hände hinter ihrem Rücken und spürte den kühlen Film von panischem Schweiß auf ihren Handflächen.

„Ja, mein Kind.“ Es war der Kaplan, der sprach, seine sanfte und ruhige Stimme klang besorgt und ein wenig traurig.

Rose machte sich innerlich gefasst und presste ihre Hände noch fester zusammen. Sie wussten es! Oder? Es war sicher besser das kleinere Übel zuerst zuzugeben.

„Es tut mir leid, dass ich zu spät zum Morgengebet gekommen bin. Bitte verzeihen Sie mir“, begann sie hastig, aber die Äbtissin hob eine gebrechliche Hand und unterbrach sie.

„Darum geht es uns gerade nicht“, sagte sie und stand langsam auf. Ihr Gesichtsausdruck war ernst.

Lieber Gott! Sie wussten es. Natürlich wussten sie es. „Oh!“ Rose trat einen Schritt zurück und knallte mich einem dumpfen Klatschen gegen die Wand. Ihr Gesicht wurde blass. „Das! Also …“, murmelte sie nervös. „Das kann ich erklären. Es ist eigentlich sehr einfach. Es war so heiß, wissen Sie, und …“ Rose brachte ihre Hände nach vorne, um sie in ihrem einfachen Gewand zu vergraben. „Ich weiß, dass es falsch war. Und ich verspreche auch, es nicht mehr zu tun, wenn Sie mir nur diesen einen Ausrutscher verzeihen. Ich wollte nicht …“

Sie verstummte, als sie das geteilte Erstaunen und die Unsicherheit in den Gesichtern ihrer Obrigkeiten bemerkte.

„Ich wollte nicht – ähm, Schande auf …“ Sie kaute auf ihrer Unterlippe, ihre Augen weiteten sich und ihr Blick jagte von einem gealterten Gesicht zum anderen. Nun, verdammt. Mit lähmender Erleichterung erkannte sie, dass die beiden nicht die geringste Ahnung hatten, wovon sie sprach.

„Vielleicht solltest du das mit dem Herrn besprechen, mein Kind“, sagte die Äbtissin. Ihre blassen Augen schienen Rose leicht zu schelten für den Verstoß, den sie dieses Mal begangen hatte, was auch immer es war. „Jetzt müssen wir eine andere Angelegenheit mit dir besprechen.“

„Ei… eine andere?“, stotterte Rose. Ihre Gefühle wirbelten wild hin und her, mit jedem Wort, das sie sprach. Hatte sie etwas noch Schlimmeres getan, als das Kreuz zu verlieren? Es war möglich, überlegte sie, denn es schien, dass sie immer neue, kreative Wege fand zu sündigen, von denen sie nicht einmal geglaubt hatte, dass sie sündhaft waren. So zum Beispiel das eine Mal, als sie ihren Rosenkranz benutzt hatte, um das Scheunentor zuzubinden. Aber das Seil war nicht da gewesen und …

„Vielleicht weißt du, dass Besucher hier in der Abbey waren?“, setzte Lady Sophie an.

„Nun …“, wand Rose sich, nicht sicher, ob sie ihr Wissen eingestehen sollte. Schließlich war es eine Sünde, sich zu sehr in die Belange anderer einzumischen. War es doch, oder?

„Nun, es ist tatsächlich so, dass wir Besuch hatten“, fuhr die Äbtissin fort. „Zwei Männer aus Schottland.“

„Schottland?“ Roses Augen weiteten sich noch mehr, und sie ließ ihre Hände hinabsinken. „Barbaren?“

„Vielleicht sind wir alle Barbaren im Auge des Herrn“, sagte der Kaplan schnell.

„Sie sind gekommen, um ihre Verwandten zu suchen“, erklärte die Äbtissin in ihrem gewohnt sanften Ton.

„Hier? In England? Aber warum …“

„Es scheint, dass sie einen langen, harten Weg hinter sich gebracht haben, um eine englische Lady und ihr Kind mit schottischer Abstammung zu suchen.“

Rose runzelte die Stirn, ihr Verstand arbeitete schnell. „Ich weiß nichts von …“

„Die Lady kam vor langer Zeit hier her, Rose. Und starb kurz darauf an dem gleichen Fieber, an dem auch deine Eltern gestorben sind.“

„Oh.“ Dieses schreckliche Fieber war so gierig und kannte kein Erbarmen. Schon spürte Rose, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten bei dieser unvergesslichen Erinnerung. „Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Und das Kind?“

Für einen angespannten Moment herrschte Stille. „Auch tot, bedauerlicherweise“, sagte die Äbtissin und wrang selbst die Hände, als wäre Roses Sorge eine ansteckende Angelegenheit. „Beide sind auf unserem Friedhof begraben.“

Rose räusperte sich, unterdrückte den Schmerz der Erinnerung und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Sie hatte die Inschriften aller Grabsteine des kleinen Friedhofs gelesen und fühlte sich oft dort hingezogen, als riefe sie ein schwer zu fassender Friede zu den stillen Steinen.

„Es scheint so, als wären die Schotten auf Geheiß eines sterbenden Lords gekommen“, fuhr die Äbtissin fort. „Es waren seine Ehefrau und sein Kind, die vor so vielen Jahren herkamen. Ohne zu wissen, dass die zwei gestorben sind, sind die schottischen Männer nach hier gereist, um sie zu suchen. Aber …“ Lady Sophie zuckte mit den Schultern und sah alt und ermattet aus. „Ich habe ihnen von dem Grabmal erzählt und …“

„Wie hießen sie?“, unterbrach Rose sie abwesend. Ein unheimliches Gefühl hatte sich in ihre Brust geschlichen und die Haare auf ihren Armen stellten sich auf.

Die Äbtissin beobachtete sie schweigend, und auch der Kaplan.

„Sie waren aus der Familie der MacAulays, wurde mir gesagt“, sagte die Frau Äbtissin schließlich. „Die Mutter hieß Elizabeth. Das Baby – Fiona.“

„Fiona“, flüsterte Rose. Sie fühlte sich seltsam atemlos und vermutete, dass es an ihrer seltsamen Art lag, die ihr Vater manchmal erwähnt hatte, woraufhin ihre Mutter ihn immer sofort zum Schweigen ermahnt hatte. Die seltsame Art, die die Haare auf ihren Armen zu Berge stehen ließ und sie schattenhafte, unerklärliche Bilder im Kopf sehen ließ. Die seltsame Art, von der Rose versprochen hatte, sie niemals einer Menschenseele gegenüber zu erwähnen.

Die Äbtissin räusperte sich und kam näher. „Von den Toten zu erfahren, verstörte die Schotten sehr. Ich glaube, das Herz des alten Lords hing daran, das Kind wiederzusehen.“

„Nach all den Jahren?“, fragte Rose schwach und versuchte nicht an das seltsame Gefühl zu denken, dass sie verfolgte.

„Manchmal sieht ein Mann erst, was wirklich wichtig im Leben ist, wenn er den größten Teil davon schon gelebt hat“, sann der Kaplan weise.

Die Äbtissin nickte. „Der alte Mann ist schwerkrank.“

„Und hat große Schmerzen“, stimmte der Kaplan bei.

„Die Schotten fürchten, dass er sterben, oder unter Schmerzen fortleben wird, wenn sich ihm keiner annimmt.“

Verstehen machte sich langsam in Rose breit, aber sie sagte nichts und wartete.

„Sie haben darum gebeten, dass wir jemanden schicken, der sich in der Kunst des Heilens auskennt“, gestand der Kaplan schließlich.

Stille herrschte für einen Moment.

„Ich?“ Dieses einzelne, erschreckte Wort überraschte sogar Rose selbst.

„Es wäre eine lange Reise“, sagte die Äbtissin sanft. „Voller Gefahren.“

„Aber ich …“ Rose hob flehentlich die Hände. „Ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich mein Lebtag hier verbringen werde. Ich habe mich selbst der Arbeit des Herrn verschrieben.“

„Auch dies hier ist die Arbeit des Herrn“, erinnerte sie die Äbtissin. „Sich um die zu kümmern, die leiden.“

„Es gibt andere Heilerinnen“, sagte Rose, plötzlich verängstigt durch die Gesichtsausdrücke und Absichten der beiden. Sie wollten sie fortschicken. Wegen ihres schlechten Verhaltens? „Erfahrenere Heilerinnen als ich“, platze sie heraus. „Sicher …“

Der Kaplan schüttelte langsam den Kopf. „Es gibt keine, die so begabt ist, wie du, mein Kind.“ Er zog lange und erschöpft die Luft ein. „Nicht einmal Lady Mary, möge ihre Seele in Frieden ruhen, war so begabt wie du. Und du bist stark – diese Kraft braucht es für diese Reise.“

Rose schwieg für einen Moment, erinnerte sich, wie heiß die Hand ihrer Mutter gewesen war, als sie mit der Stärke der Verzweiflung nach ihr gegriffen hatte, sie um das Versprechen angefleht hatte. „Ist es wegen meiner Sündhaftigkeit …“, setzte Rose an. „Ich werde es wieder gut machen. Ich werde mich bessern.“ Sie kam einen Schritt näher. Sie hatte es ihrer Mutter und dem Herrn versprochen, dass sie ihr Leben in dieser Abbey verbringen würde. „Ich kann wie die anderen sein. Wirklich …“

Die Äbtissin hob eine blau durchaderte Hand. „Es ist nicht aufgrund von Unzulänglichkeiten deinerseits, Kind.

Obwohl …“ Sie lächelte sanft, ihre blassen, geduldigen Augen waren unausweichlich. „Manchmal zweifle ich daran, dass der Herr wünscht, dass du … wie die anderen bist. Nichtsdestotrotz, obliegt es nicht mir, zu entscheiden, ob du gehst. Die Entscheidung liegt bei dir.“

„Dann muss ich bleiben.“ Rose trat näher heran und griff nach der Hand der Äbtissin. „Ich habe ein Gelöbnis abgelegt.“

„Ich glaube, der Herr würde es verstehen, wenn du dich gezwungen sieht zu gehen“, sagte die Frau Äbtissin.

Aber das Gelöbnis hatte sie auch ihrer Mutter gegeben. „Versprich mir, dass du den Frieden und die Sicherheit des Klosters suchst“, hatte sie gefleht. „Versprich mir, dass du nie von den Dingen erzählst, die du in deinem Kopf siehst.“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern gewesen. „Beschäftige dich nicht mit ihnen. Denk nicht an sie. Die Leute würden es nicht verstehen, würden es nicht akzeptieren. Geh zur Abbey, Rose“, hatte sie gefleht. „Tu die Arbeit des Herrn. Du wirst dort sicher sein.

Manchmal, in der Stille der Gebetszeit oder in der Dunkelheit der Nacht, dachte Rose darüber nach. Sicher wovor? Waren die Bilder, die manchmal in ihrem Kopf erschienen, böse?

„Ich muss bleiben, Frau Äbtissin“, sagte sie und fühlte sich auf beiden Seiten schuldig. Sorge machte ihre Stimme schwer. „Ich muss halten …“

„Und meinen auld Laird sterben lassen?“ Rose erschrak, ließ die Hand von Lady Sophie fallen, um herauszufinden, woher die Stimme hinter dem eisernen Gitter kam.

„Das ist einer der Schotten. Er ist gekommen, um noch einmal seine Bitte vorzutragen“, erklärte die Äbtissin. Aber Rose hörte ihre Worte nicht, da ihre ganze Aufmerksamkeit der großen, dunklen Gestalt des Barbaren hinter den schmiedeeisernen Stäben galt.

Bei Gottes Barthaaren! Es war das dunkle Bild ihrer Träume! Ihr blieb der Atem im Hals stecken, während ihr Herz steinkalt geworden zu sein schien. „Wer sind sie?“, flüsterte sie und wusste dabei, dass ihre Worte unhöflich und ohne Anteilnahme waren.

Stille lag in der Luft.

„Man nennt mich Leith. Vom Clan der Forbes.“

Seine Stimme war so dicht wie der Morgennebel – und genauso kalt. Rose fühlte, wie sie ein Schauer erfasste, dessen Intensität sie ängstigte. „Ich kann nicht mit Ihnen gehen.“ Sie flüsterte die Worte, als ob ein zu lautes Aussprechen einen bösen Dämon wecken könnte.

„Nicht können?“ Der Schotte griff nach dem Gitter, seine breiten Fingernägel schimmerten blass im Licht der einsamen Kerze. „Oder nicht wollen?“

„Bitte.“ Sie wich schnell zurück, wusste nicht warum, aber sie spürte die verängstigende Kraft seiner Person, das verschreckende Wissen, dass er ihr in ihren Träumen erschienen war. Er war ein großer Mann, vielleicht der größte, dem sie je begegnet war. Oder erlaubte sie es den Schatten und ihrer eignen, allzu lebhaften Fantasie, sie zu ängstigen?

Rose hob das Kinn leicht, verschränkte die Hände vor der Brust und rief die inneren Reserven herauf, die sie angeblich besitzen sollte. „Zwingen Sie mich nicht, meinen Schwur zu Gott zu brechen“, bat sie ihn schwach. Aber innerlich stellte sie die wahren Hintergründe ihrer Ablehnung in Frage. Angst?

„Deine Gelübde drängt dich nicht, einem Mann in Not zu helfen?“

Der Tonfall des Schotten war etwas spöttisch, dachte sie und sie hob ihr Kinn noch höher. „Meine Gelübde drängen mich meinem Gewissen zu folgen und nicht der ungeschliffenen Beharrlichkeit eines Mannes ohne Verständnis für meinen Glauben.“

Er war still, aber seine Augen verfolgten sie kalt. „Und ich dachte, wir teilen den christlichen Glauben. Aber na. Mein Gott verlangt Mut des Geistes.“

Er hatte sie einen Feigling genannt, dachte sie in stillem Schock. Der Mann wagte es die Heiligen Wände der Abbey zu betreten und ihr zu unterstellen, dass sie wenig göttlich war! Er hatte die Manieren eines brunftigen Ebers! Eigentlich hatte sie schon brunftige Eber getroffen, die netter waren, beschloss sie und weigerte sich die Tatsache einzugestehen, dass ihre eigenen Manieren und Gedanken gerade auch kein Vorbild von Reinheit waren.

„Trotz der Tatsache, dass sie mich für geistlos halten“, sagte sie schwer atmend und hob die linke Augenbraue in strenger Verachtung, „werde ich nicht mit Ihnen gehen.“ Sie drehte sich steif um, fühlte seinen heißen Blick in ihrem Rücken und versuchte das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken.

„Nicht einmal, wenn ich das zurückgebe, was dir gehört?“, fragte er heiser, seine Stimme so leise, dass nur Rose sie hören konnte.

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Herz war plötzlich bis in ihre Kehle hinaufgestiegen und weigerte sich weiterzuschlagen. „Mir gehört?“, hauchte sie und zwang sich, sich wieder zu ihm umzudrehen.

„Aye.“ Er nickte.

Sie beobachtete ihn in atemloser Panik, sah, wie sich einer seiner Mundwinkel in einem teuflischen Lächeln hob.

„Am kleinen Lochan unten gefunden“, raunte er.

***


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Lois Greiman – Entführt von einem Highlander

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Lois Greiman schreibt historische sowie zeitgenössische Romantik und humorvolle Chick-Lit. Die Autorin und passionierte Reiterin lebt auf einem kleinen Pferdehof und veröffentlichte bereits über dreißig Romane, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden.

Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte für die Zukunft

Kapitel 1: Eine Reise in die Highlands

Meine Finger zitterten, als ich den Stift zurück auf den schmalen Tisch unter dem kleinen Fenster legte. Ich hatte soeben einen Brief an meine Mutter begonnen, in dem ich ihr von meinen Abenteuern der Hinreise berichten wollte. Aber es war schwieriger als erwartet, den richtigen Ton zu treffen. Ich wollte heiter klingen. Glücklich. Es sollte wirken, als machte es mir nichts aus, dass ich mich versehentlich nach Schottland verfrachtet hatte, anstelle Nordamerikas. Perth. Verflixt, warum gab es davon unendlich viele? Mich hatte irritiert, dass mein Zielflughafen Dundee hieß, was für mich eher nach Australien klang, gegoogelt und festgestellt, dass es ein Perth in England gab, eines in Australien und gleich zehn in Amerika. Tja, gelandet war ich nicht ganz so weit von zu Hause entfernt wie gewünscht, und leider unendlich weit weg vom Grand Canyon. Aber es hätte schlimmer kommen können, immerhin gab es hier Berge und man konnte sich in den Highlands ebenso gut verlaufen, wie in der Sierra Nevada oder wo auch immer genau der Grand Canyon lag. Zugegeben, geographisch war ich eine Niete. Eigentlich war ich generell eine, das wurde mir beim Überfliegen meiner Zeilen erneut bewusst.

Liebe Mama, es geht mir toll. Ich hatte eine tolle Reise, das Zimmer ist toll und die Leute hier auch …

Das glaubte ich mir nicht einmal selbst. Seufzend zerknüllte ich das Blatt und warf es in den Papierkorb. Nachdenklich starrte ich aus dem schmalen Fenster meines kleinen Zimmers. Es war urig, keine Frage, und womöglich hätte ich es sogar romantisch gefunden, wenn die Umstände anders lägen. Jemand anderes hätte vielleicht das unerwartete Abenteuer genossen, aber für mich verlief es typisch. Sogar zu dumm, um den richtigen Ort zu erwischen. Wer bitte schön plante einen Urlaub in den USA und landete in Schottland? Niemand mit ein wenig Verstand und das wiederum …

Meine Stirn spannte und der Schmerz nahm an Intensität zu, je länger ich auf das Blatt vor mir starrte. Einige fröhliche Sätze werde ich doch wohl hinbekommen! Ich spürte bereits jede Faser meines Körpers, so angespannt war ich, aber alles was sich regte, war mein Unmut. Komm schon, so schwer ist das nicht! Ich nahm den Stift und setzte ihn auf das Papier, um darüber zu kratzen.

Hallo Mama,

Guter Anfang für eine Zehnjährige! Sollte ich lieber Mutter schreiben? Oder Clara? Oder Mami? Nein, jetzt wurde es albern.

Du wirst nicht glauben, was mir Lustiges passiert ist.

War das zu offensichtlich?

Ich habe aus Versehen einen Flug nach Dundee in Schottland gebucht und nicht nach Amerika. Du kannst dir sicher vorstellen, wie überrascht ich war, als ich keine zwei Stunden nach dem Abflug bereits landete und aussteigen sollte.

Das klang zumindest ganz nach mir. Unzufrieden kaute ich auf dem hinteren Ende meines Kugelschreibers herum. Es war sogar für meine Mutter offenkundig, dass ich wiedermal absolut unaufmerksam gewesen war, unbedacht und abgelenkt. Vermutlich könnte es sie warnen, aber es war ja auch ein Beweis. Weil mir solche Dinge eben passierten, würde sie es verstehen. Ja, ich sollte es genauso lassen.

Immerhin stand mein Mietwagen bereit und ich fand meine Unterkunft ohne weitere Probleme. Es ist ein süßes Cottage  einige Kilometer oberhalb von Dundee und es wird Dich beruhigen, zu hören, dass ich keinen Unfall provozierte, indem ich die falsche Straßenseite befuhr. Ich komme mit dem Linksverkehr hervorragend zurecht.

Sehr geschönt, aber zumindest nicht dreist gelogen.

Ich freue mich auf meine Spaziergänge durch die blühende Landschaft, denn ich habe beschlossen, das Auto stehenzulassen, wo es nur geht. Die Luft hier oben ist so klar, dass mich jeder Atemzug anregt …

Übertrieben? Wieder kaute ich auf dem Plastik meines Stifts herum und betrachtete meine geschriebenen Worte. War das glaubhaft? Immerhin hatte ich die letzten sechs Monate in Therapie verbracht, drei davon in einer geschlossenen Abteilung.

Schön, das Credo meiner Ärzte lautete: Bewegung und Aktivität, aber beides hatte meine Laune nie gehoben und war mir eher wie eine zusätzliche Last erschienen. Hatte ich das meiner Mutter gegenüber je erwähnt?

… vor die Tür zu gehen. Und ich habe Hunger wie ein Bär!!!

Gar nicht, aber Appetit sollte ein Zeichen dafür sein, dass man aus seinem Tief herauskam.

Deswegen werde ich auch hier eine Pause machen und erst einmal Frühstücken gehen. Vermutlich mache ich danach direkt einen Abstecher durch das Dorf und je nachdem, wie ich mich dann fühle, gehe ich spazieren. Ich muss sagen, ich kann es kaum erwarten, mich umzusehen.

Erneut ging ich durch den Text. Es klang heiter, fand ich, und ganz danach, als erfreute ich mich an meinem Urlaub. Also war es genauso, wie ich es meine Mutter Glauben machen wollte.

Mein erstes Frühstück in der Fremde, wie aufregend. Was wird es wohl geben? Ein englisches Frühstück? Ein kontinentales? Ich bin schon ganz hibbelig vor Aufregung!

Ich werde meine Kamera mitnehmen und dir die Bilder später per E-Mail zuschicken, damit du nicht auf meine Rückkehr warten musst, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es hier aussieht. Da fällt mir ein, ich sollte dringend eine Jacke kaufen, denn Schottland ist bedeutend kälter, als Nevada.

Eine Jacke war dringend nötig. Das Dorf lag nur ein paar Kilometer entfernt und da ich mich ohnehin sehen lassen wollte, war es sinnvoll, eine Einkauftour zu unternehmen. Ich malte gedankenverloren einen Smiley auf das Papier. Zwar sollte ich kein Geld mehr ausgeben, das meine Familie dringender brauchte, aber ich hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, die alle anfallenden Kosten decken sollte. Seufzend legte ich den Stift zur Seite und schob den Stuhl zurück. Das Blatt lag mittig auf der Schreibtischoberfläche, ein Briefumschlag lag frankiert bereit und die Adresse meiner Mutter war ebenfalls notiert. Es wirkte, als wollte ich den Brief auf jeden Fall absenden. Ich musterte den Schreibplatz. Es sollte alles so wirken, als ginge ich nur kurz raus, um zu Frühstücken. Als käme ich definitiv wieder, um den Brief zu beenden, ihn abzuschicken und wundervolle Tage hier zu verbringen. Aber tatsächlich sahen meine Pläne anders aus. Mein Herz flatterte vor Aufregung und ich wandte mich ab, um den Rest des kleinen Zimmers in Augenschein zu nehmen. Das Bett war nicht gemacht und war so schmal, dass ich in der Nacht befürchtet hatte, jeden Moment hinauszupurzeln. Die Wolldecke hatte ich gebraucht, um mich warm zu halten, denn ich hatte den Fehler begangen, über Nacht das Fenster zu öffnen. Es war eisig kalt gewesen, obwohl es Sommer war. Mein Schlafanzug — für die sengende Hitze Nevadas ausgewählt — war kurzärmelig und aus Seide. Er lag auf dem Boden am Fußende in kleinen Pfützen. Mein Koffer war ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, schließlich hatte ich mich fünf Tage hier eingemietet.

Neben der Tür stand eine wacklige Kommode, auf der mein Schminktäschchen lag, inklusive Zahnbürste, Duschzeug und Haarbürste. Meine Handtasche hing am Haken an der Tür, in ihr meine Kamera und mein Handy und damit alles, was man für einen Spaziergang brauchte. Das Zimmer durchquerend nahm ich sie ab und wandte mich erneut dem Raum zu. Mein Blick glitt kritisch über das Mobiliar. Über dem Fußende des Bettes hing ein Badetuch zum Trocknen, ansonsten lag nur noch mein E-Book Reader auf dem Tischchen neben dem Bett.

Es sah so aus, als wäre ich nur kurz raus. Tief einatmend zog ich die Tür auf und hinter mir wieder zu. Es war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Hände zitterten noch immer und machten es schwierig, den Schlüssel zu drehen. Unten vernahm ich regen Betrieb und auch auf dem Flur war ich nicht allein. Ich zwang ein Lächeln auf meine starren Lippen und nickte dem Pärchen zu, das an mir vorbeikam. Ich folgte ihnen mit Abstand. Die Rezeption befand sich direkt am Fuß der Treppe und daneben führte ein schmaler Gang zum Frühstücksraum. Die Wände waren mit gestreiften Tapeten beklebt, die verblichen und speckig wirkten. Nicht hübsch, aber für den Preis, den ich hier pro Übernachtung zahlte, zu verwinden. Der Raum, in dem das Essen serviert wurde, war proppenvoll und laut. Stimmen schwirrten hin und her, Geschirr klirrte und über allem lag ein geschäftiges Summen. Es gab ein Buffet an der rechten Seite, das nicht sonderlich abwechslungsreich aussah. Weißbrot, Marmelade und Ei. Aber im Preis inbegriffen, da wollte ich nicht murren. Ich nahm mir ein Tablett, häufte mir Brot und Aufstrich auf den Teller und spendierte mir eine große Tasse Kaffee, bevor ich mich nach einem Sitzplatz umsah. Aussichtslos, wenn man gerne für sich war. Da ich aber einen fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck hinterlassen wollte, zwang ich meine Lippen erneut in ein Lächeln und suchte mir absichtlich einen Tisch aus, an dem viel Betrieb herrschte.

„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“

Eilig wurden Jacken zur Seite geschoben, um mir Platz zu machen und ich bedankte mich überschwänglich. Obwohl ich mich innerlich wand, fragte ich nach der Herkunft der Gruppe und tat angetan von ihren Ausflugszielen. Eigentlich wollte ich wieder in mein Zimmer, so schnell wie möglich die Tür hinter mir zuschlagen und mich in mein Bett verkriechen. Allerdings lief dies konträr zu meinen Plänen, die ich nun schon zu lange und ausführlich ausgearbeitet hatte, um sie nicht in die Tat umzusetzen. Schließlich wusste ich, dass, sollte ich meinem Bedürfnis nachgeben, ich vermutlich tagelang nicht wieder aus dem Bett kam, geschweige denn, mich zu mehr aufraffen könnte, als den Fuß auszustrecken. Wenn ich es heute nicht tat, gefährdete ich den Erfolg meines Vorhabens und landetet vermutlich sehr bald wieder in einem Krankenhaus. Gezwungen, jeden Tag aufs Neue anzugehen und weiterzukämpfen, wo ich doch längst keine Energie mehr hatte. Oder auch nur den Wunsch zu kämpfen.

Ich ertappte mich dabei, wie ich meinen Teller anstarrte. Meine Mundwinkel waren herabgesackt, als hingen Gewichte an ihnen und meine ganze Haltung wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Ich nannte es die „Häufchen Elend-Stellung“. Schnell streckte ich das Rückgrat durch und setzte wieder ein Lächeln auf. Ich musste glücklich und zufrieden wirken, das war wichtig. Denn ich hatte beschlossen, dass mein Abgang meiner Familie einen kleinen Trost bringen sollte. Aber die Versicherung zahlte nur bei einem Unfall. Es durfte also nichts darauf hindeuten, dass Absicht dahinterlag. Damit hatte ich mich nun fünf Monate lang beschäftigt und es hatte mir genügend Schub gegeben, meinen Alltag zu bewältigen. Ich war vorsichtig gewesen, hatte mir alle Statuten der Versicherung wieder und wieder durchgelesen, um ja keinen Fehler zu begehen. Fünfundzwanzigtausend Euro. Sicher wüsste meine Schwester, was sie damit anfinge und meine Mutter? Mein Kaffee schwappte gegen meine Lippen, weil meine Hände immer noch bebten. Ich war aufgewühlt, was ich selbst nicht ganz verstand. Ich hatte es mir doch ganz anders ausgemalt. Die ersten Gäste verabschiedeten sich und ich wünschte ihnen winkend einen schönen Tag.

„Und wohin werden Sie gehen?“, fragte mich mein Sitznachbar, ein untersetzter Mitdreißiger, der am Vortag zur selben Zeit angereist war wie ich.

„Erst einmal ins nächste Dorf. Ich habe meine Jacke zu Hause liegengelassen in der ganzen Aufregung und es ist hier bedeutend kühler, als erwartet.“ Meine Wangen schmerzten und ich versteckte die Region schnell hinter meiner Tasse, um die Gesichtsmuskeln zu entspannen.

„Oh, ja, das Wetter hier oben ist immer für eine Überraschung gut! Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Bis Little Dunkeld vielleicht? Es liegt auf meinem Weg, ich werde heute den Cairngorms National Park unsicher machen.“ Er grinste breit, wodurch seine Wangen in Schwingung gerieten.

„Wie freundlich“, murmelte ich, obwohl ich ihn eher als aufdringlich empfand. Aber natürlich war mir bewusst, dass es an mir lag. Ich war das Problem, nicht mein Umfeld, das hatte ich in der Therapie gelernt. Meine Empfindungen trafen nicht zu, waren falsch gepolt und trafen nur — und das war entscheidend — auf mich zu. Jeder andere — normale — Mensch, sah es anders und dies machte mein Leben so ungemütlich. Niemand verstand meinen Wunsch, allein zu sein, obwohl ich mich nach Gesellschaft sehnte. Niemand verstand, dass ich wirklich nicht konnte, selbst wenn ich wollte. Und das nicht, weil ich mich nicht bewegen konnte, nein mein Körper war, was Mobilität betraf, völlig in Ordnung, es war mein Geist, der nicht mitspielte.

„Es wäre mir ein Vergnügen!“, strahlte mein Sitznachbar und streckte die fleischige Hand aus, um meine zu tätscheln. „Vielleicht hätten Sie auch Lust, mich in den Nationalpark zu begleiten? Einkaufen kann man immer noch und ihr Frauen habt stets genug eingepackt!“ Er lachte schallend und klopfte dabei wieder meinen Handrücken. „Nicht wahr?“

Das war wohl relativ. Selbstverständlich hatte ich genug eingepackt. Wenn ich eine Woche verreiste, packte ich auch für eine Woche. Plus Ausgehen, plus Regen, plus durchgeschwitzt und natürlich auch etwas extra, für den Fall, dass man sich einsaute. Shit happens, darauf sollte man vorbereitet sein. Vielleicht zukünftig auch auf falsche Reiseziele? Ach nein … Mein Blick senkte sich auf meine zittrigen Finger und auch mein aufgeklebtes Lächeln rutschte. Zukünftig konnte ich streichen.

„Leider“, krächzte ich und musste mich räuspern, um fortfahren zu können. „Leider bin ich für einen Spaziergang im hiesigen Wetter nicht gut ausgerüstet und benötige tatsächlich zunächst den Einkaufsbummel. Ich nehme Ihr Angebot, mich zum nächsten Ort mitzunehmen, gerne an.“

„Wundervoll! Es gibt einen Outdoorausstatter direkt am Ortseingang. Da werden Sie mühelos eine warme Treckingjacke auftreiben können. Ich begleite Sie.“ Er streckte die Hand aus, die fast in meinem Gesicht landete. „Ich bin Gregor Krummbiegel.“

Na herrlich. „Vanessa Hagedorn.“ Notgedrungen schüttelte ich seine Hand.

„Aus der Heimat!“ Er wechselte wie selbstverständlich ins Du. „Ich liebe die Highlands, aber die Leute hier …“ Er schnalzte. „Da freue ich mich besonders, deine Bekanntschaft zu machen. Du bist auch alleine hier, zum Wandern? Dann wirst du den Park lieben, das versichere ich dir!“

Oh nein. Nie war mir klarer, dass ich einfach keine Menschen mochte, wie wenn mir ein solches, energisches Exemplar gegenübersaß. Jemand, der generell mitriss, übertönte meinen Protest für gewöhnlich und drängte mich zu Dingen, die ich nicht tun wollte. Daraus resultierte immer Frust und der Wunsch, dass alles endlich sein Ende fand. Eine Spirale, die sich leider nur zu schnell drehte und mich mit sich in den Abgrund riss. Gedrückt seufzte ich auf. Ich ertrug es einfach nicht mehr.

„Also, ich schlage vor, wir treffen uns in zehn Minuten unten? Ich muss noch in meine Wanderstiefel.“ Er hob den linken Fuß, um mir seine Schlappen zu präsentieren und die weißen Socken, die in ihnen an seinem Bein hafteten und zwar typisch deutsch: hochgezogen bis zur Mittelwade. Fast hätte ich das Angebot ausgeschlagen und wäre schreiend davongelaufen, aber die Erinnerung, dass ich gesellig und gutgelaunt erscheinen musste, holte mich noch rechtzeitig ein.

„Wie wundervoll, danke.“ Ich behielt das Lächeln bei, als er ging, schließlich war ich noch immer nicht allein, auch wenn die anderen Gäste mir höchstens einen Blick zuwarfen und mir kein Gespräch aufzwingen wollten. Seufzend starrte ich betont fröhlich — meine Gesichtsmuskulatur war schmerzhaft verzogen und offenkundig sträflich unterentwickelt — in meinen Kaffee. Vermutlich mein letzter. Trotz des trüben Gedankens wurde mir wesentlich leichter ums Herz. Ich war im letzten Jahr wieder bei meiner Mutter eingezogen, wodurch niemand die Last haben wird, meine Wohnung ausräumen zu müssen. In meinem Zimmer war alles thematisch geordnet. Altkleider, Altpapier, Sperrmüll. Bett, Schrank und Schreibtisch konnten wiederverwendet werden, so Mutter das Zimmer als Gästezimmer behielt wie zuvor.

„Vanessa!“

Ich sah auf und entdeckte Gregor, der mir aufgeregt zuwinkte. Es war dann wohl soweit. Der letzte Schluck war kalt und schmeckte abscheulich, nun, es fiele mir zumindest nicht schwer, nie wieder Kaffee zu trinken. Mein Tablett stellte ich brav in die dafür vorgesehene Halterung ab und trottete dann zu meinem unerwünschten Reisepartner.

„Nanu, willst du dich nicht umziehen?“ Seine Augen glitten an mir herab. Da ich nur eine kurze Hose trug und dazu eine leichte Bluse, konnte ich seine Verwunderung verstehen. Immerhin waren die Wanderschuhe brauchbar.

„Ich sagte doch, ich muss dringend shoppen.“

Erneut sah er an mir herab, grummelte etwas, und deutete dann zum Ausgang. „Na dann. Little Dunkeld wartet.“

Das bezweifelte ich zwar sehr, aber es lohnte sich nicht, darüber einen Ton zu verlieren. „Es ist sehr freundlich, dass du mich mitnimmst.“ Was konnte ich noch sagen? „Ich wäre auch gelaufen, aber vermutlich hätte ich ziemlich gefroren.“

„Es wird wärmer werden, schließlich ist noch Sommer!“ Er hielt mir die Tür auf.

„Danke.“ Ich musste auf ihn warten, weil ich nicht wusste, wo er geparkt hatte.

„Hier vorne.“ George deutete auf einen kleinen Fiat und ging um den Wagen herum, um die Fahrertür zu öffnen. Meine Tür hakte. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Privatwagen handelte, war das Lenkrad doch auf der richtigen, sprich linken Seite angebracht. Zudem war der Wagen, freundlich ausgedrückt, zugerümpelt. Gregor beugte sich ächzend auf den Beifahrersitz und gab meiner Tür einen festen Schubs. „Klemmt hin und wieder!“

Der Innenraum roch penetrant und ich bereute erneut, zugestimmt zu haben, trotzdem rutschte ich in den Sitz.

„So, Little Dunkeld, wir kommen!“ Er fuhr an, bevor ich angeschnallt war, was meinen Herzschlag beschleunigte. Angst. Wie dämlich. Schön, wenn er einen nicht tödlichen Unfall provozierte, hatte ich ein Problem, aber das war nicht die Ursache meiner Angst. Was war denn nur los? Ich versank in sinnendem Schweigen. Diese ganze Reise diente lediglich diesem einen Zweck: meinem unauffälligen Selbstmord. Angst zu sterben wäre da nicht sonderlich hilfreich.

„Ich komme jedes Jahr her“, informierte Gregor mich und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich hob schnell die Mundwinkel.

„Oh, tatsächlich?“

„Die Gegend ist so heimelnd, so beeindruckend …“

„Ah.“ Mein Nicken begleitete mein Brummen.

„Ich war bereits auf den inneren und äußeren Hebriden, in Edinburgh, Glasgow und Inverness …“ Er warf mir einen Blick zu. „Island und Irland.“

„Ah.“ Wieder nickte ich. „Wie interessant!“

„Aber nirgends ist es so beeindruckend wie hier.“

In Dundee? Was ich bisher gesehen hatte, traf auf diese Beschreibung nicht zu. Eher eintönig, ländlich, unspektakulär. Irritiert richtete ich meinen Blick nach vorn und versuchte die Gegend mit einem anderen, vielleicht bunteren, Blickwinkel zu betrachten. Die Straße schlängelte sich vor uns ins Endlose. Wiesen säumten sie an beiden Seiten, es war eine enge Landstraße ohne Seitenbefestigung und führte bergauf. An manchen Stellen wuchsen Steinmauern aus dem Boden und grenzten das Land ab. Tiere grasten selbstvergessen wohin man auch sah. Vornehmlich braune, langhaarige Rinder mit langen seitlich wachsenden Hörnern, aber auch Schafe mit schwarzem Kopf und weißem Körper.

„Es wirkt … idyllisch.“ Wobei idyllisch ein Synonym für langweilig war.

„Wenn man durch den Park wandert, ist es, als sei man völlig allein auf der Welt!“

Na, mit dem Gefühl kannte ich mich nur zu gut aus! Einsamkeit, Abgeschottetheit, absolute Isolation. „Klingt … angenehm.“ Zumal ich schnell panisch wurde, wenn ich in Gesellschaft war und nicht weg konnte. Familientreffen waren das absolute Horrorszenario. Lauter Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam hatte, und deren Gesellschaft ich nicht entrinnen konnte. Wenn ich mich zurückzog, erntete ich lediglich Unverständnis. Niemand verstand, dass ich es einfach nicht ertrug. Es war zu laut, zu wuselig, zu viele Dinge, die auf einmal auf mich einprasselten.

„Es ist herrlich!“, versicherte Gregor und ging in eine scharfe Kurve. „Und man entdeckt immer etwas Neues!“

Wie Todesangst?

„Schau, dort im Tal ist Little Dunkeld.“

Es kostete mich einiges an Überwindung, seinem Fingerzeig zu folgen und die Augen von der Straße zu nehmen. Das Dorf duckte sich in das Tal, wurde gesäumt von blühenden Feldern und durchzogen von schmalen Wegen. Malerisch, vermutlich, nur stand mir nicht der Sinn nach hübschen Anblicken. „Sieht nicht nach einer Shoppingmetropole aus.“

Keine fünf Minuten später hielten wir auf dem unbefestigten Parkplatz hinter dem von ihm angepriesenen Outdoorgeschäft. Gregor schnallte sich ab.

„Gregor, ich möchte dich nicht weiter aufhalten.“

„Ach.“ Er winkte ab. „Die paar Minuten habe ich übrig.“

Minuten, tja, da behielte ich wohl recht, so schwarzseherisch meine Vorstellung auch gewesen war. „Gregor, es war sehr nett von dir, mich herzubringen, aber ich werde länger brauchen, um etwas auszusuchen. Ich mag nicht gehetzt werden und aufhalten möchte ich dich auch nicht.“

„Ich hatte gehofft, dass wir gemeinsam durch den Park spazieren.“

„Nicht heute“, beschied ich mit schlechtem Gewissen und wich seinen Augen aus. Die Erleichterung, dass er einknickte, konnte ich aber nicht verhehlen. „Ein andermal.“

„Schön, dann sehen wir uns!“ Ich sah ihm noch nach, wie er mit seinem kleinen Fiat davonstob, bevor ich den Träger meiner Handtasche über meinen Kopf hob und meine Bluse glattstrich. Allein, endlich. Mein Herz begann zu flattern und ich drehte mich um. Oh je. Die Sache mit dem Mut war die, dass er sehr schnell abhandenkam und sich leider nicht sammeln ließ, noch herbeibeschwören. Zittrig schob ich eine Strähne meines hellbraunen Haares aus der Stirn und steckte sie hinter mein Ohr. Mir war nicht nach Shopping, ganz sicher nicht. Ich wollte eigentlich nur zurück in das Cottage und in mein Zimmer, um mich dort in meinem Bett zu verkriechen. Aber soweit war ich heute schon gewesen. Es bedeutete das Ende meiner Pläne und damit auch, weiter kämpfen zu müssen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute … Und diese Aussicht war viel schrecklicher, als jene, nun dieses Geschäft betreten zu müssen. Für einen so kleinen Ort war es ein überraschend großer Laden mit erschreckender Auswahl an Jacken. Zum Glück war ich getrieben, wegzukommen, weshalb ich mir keine großen Gedanken um Material und Funktionalität machte. Wozu auch, schließlich musste sie mich nicht lang warmhalten. Eine Karte des Nationalparks und etwas zu trinken gesellte sich zu meinem Einkauf und schon stand ich wieder auf dem unbefestigten Hof. Tiefdurchatmend sah ich mich um. Was nun? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und suchte meinen Standort nach einigen ratlosen Momenten auf der riesigen Karte, ohne ihn zu finden. Es war nicht einfach, irgendetwas zu erkennen, der leichte Wind schlug unablässig gegen das lose Papier und behinderte meinen Versuch, mich zurechtzufinden. Entnervt schlug ich die Arme nieder und bemerkte einen klapprigen Bus, der langsam über den Asphalt vor mir zuckelte. Er hielt ein paar Meter weiter an einer Laterne, die ich nicht als Haltestelle identifiziert hatte. Ohne darüber nachzudenken, lief ich los und erreichte den Bus, als die Vordertür gerade quietschend zuging. Ich schlug gegen die Seitenwand.

„Hey!“

Er fuhr an. Wieder schlug ich gegen die Wand.

„Hey, ich will mitfahren!“ Wo auch immer es hinging.

Überraschenderweise hielt das Gefährt und die Schwingtüren öffneten sich. Schluckend stieg ich ein. „Hallo.“

„Halò.“

„Eine Fahrt?“ Die Karte musste ich ungefaltet in meine Handtasche stopfen, um meine Hände freizuhaben und mein Geld abzuzählen. In meiner Reisetasche befanden sich einige Dollar, die mir hier nicht weiterhalfen, aber zum Glück hatte ich einen Teil meiner Barschaft am Flughafen wechseln können, obwohl ich den Kurs als horrend empfunden hatte. „Was macht das?“ Hitze wallte in mir auf und ich musste mich räuspern. „Wie viel kostet die Fahrt?“

Er nannte mir eine Summe und ich hielt ihm zehn Pfund hin.

„Nur passend.“

Innerlich fluchend fischte ich nach Münzen und warf sie in den Schlitz. Ich erhielt nicht einmal einen Fahrschein. Als er anfuhr, verlor ich das Gleichgewicht und stieß gegen einen Passagier. Eine Entschuldigung murmelnd, torkelte ich weiter und fiel auf einen Sitz. Die Fahrt wurde nicht angenehmer, im Gegenteil, ich wurde ordentlich durchgeschüttelt.

Mit jedem Meter kam ich meinem Ziel näher, ganz gleich, wo es nun lag, denn ob ich in den Loch sprang, oder von einem Berg stürzte, war letztlich gleich.

Kapitel 2: Am Rande des Abgrunds

Als ich aufschreckte, stand die Sonne schon tief, was mich verwunderte. War ich nun hin und her gegondelt? Der Fahrer hätte mich wecken müssen! Mein noch verschlafener Blick offenbarte ein gewohntes Bild: Heide. Trotzdem war es merkwürdig, hinauszusehen und das Panorama zu mustern. Ich war gestern zirka eine Stunde vom Flughafen Dundee aus bis zu meiner Unterkunft gefahren und hatte mich derweil an die Gegend gewöhnt, dachte ich, aber nun sah alles so anders aus. So wild und ungezähmt. Bergig. Wo war ich hier nur gelandet?

Der Bus bog um eine Ecke schwarzen Gerölls und die Sonne, die zuvor von der Bergwand blockiert worden war, fiel mir in die Augen. Schnell wandte ich mich ab und blinzelte, weil ich nur noch gleißendes Orange und Gelb sehen konnte. Zumindest fuhren wir sehr gleichmäßig und die Straße war besser, als die, die ich bisher mitbekommen hatte. Mein Blick fiel aus dem Fenster gegenüber, nachdem ich die abgewetzten Sitze wahrgenommen hatte, und der Ausblick ließ mich erneut blinzeln. Wasser. In einiger Entfernung spiegelte sich die Sonne auf graublauem Wasser!

Loch Ness? Nein, es gab kein gegenüberliegendes Ufer, soweit ich sehen konnte. Ach verflixt! Woher sollte ich wissen, wo ich war, wenn ich nicht einmal in der Lage war, einen Flug zu buchen, so dass ich ankam, wo ich hinwollte!

Über mich selbst verärgert griff ich nach der Rückenlehne, um mich aufzustützen. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Halt war, aber ich wollte raus. Allerdings gab es noch ein Problem: Wie drückte man seinen Haltewunsch aus, wenn es nirgends einen Schalter gab?

Der Bus raste um die nächste Kurve und nahm das blendende Licht aus dem Fahrgastraum. Hilfreich war das nicht, denn noch immer konnte ich keine Knöpfe ausmachen, die man drücken konnte, und auch keinen weiteren Fahrgast. Notgedrungen hangelte ich mich an den Sitzlehnen nach vorn zu dem Fahrer.

„Verzeihung, ich würde gerne aussteigen, wann ist das möglich?“

Zunächst wirkte der untersetzte Mann, als ignoriere er mich, dann ging aber ein Ruck durch ihn, er riss das Lenkrad rum und schleuderte mich dabei nach vorn. Ohne die Plastikwand zwischen uns, wäre ich ihm auf den Schoß gefallen. So landete ich schmerzhaft an dieser Barriere und rutschte an ihr Richtung Windschutzscheibe. Hinter mir zischte es, dann gab es ein Knirschen und ein Hauch kühle Luft strich über meine Waden.

„Nicht im Ernst!“

Ich wischte mir den Sabber von der Wange, den ich auch großzügig an der Plexiglaswand verteilt hatte, und drehte mich um.

„Also?“, schnarrte der Fahrer und gab mir damit einen Schubs. Schnell stieg ich aus und drehte mich wieder dem Bus zu, der bereits die Türen schloss und anfuhr, bevor ich auch nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte. Freundlich.

Ich sah der Wolke hinterher, in der meine Mitfahrgelegenheit verschwand. Gestrandet. Aber das machte auch nichts. Gut, ich wurde langsam hungrig, müsste auch mal Wasserlassen und müde war ich sowieso.

Tja, da war ich also. Irgendwo, was absolut in Ordnung war, schließlich war der Ort unwichtig. Schnuppe. Egal. Erneut ließ ich den Blick wandern. Der Asphalt glänzte im strahlenden Sonnenlicht, die blühende Heide hatte eine eigene Magie, die mich allerdings nicht lang gefangen nahm. Ich war zu müde, um irgendetwas zu bewundern, zu ausgelaugt.  Ich machte mich auf den Weg. Mein Ziel stand mir deutlich vor Augen. Es gab eine Steilküste, vermutlich war sie nicht gesichert und man konnte — wenn man unvorsichtig war — abrutschen. Perfekt. Der Gedanke gab mir Aufwind und meine Schritte wurden leichter. Ich hüpfte fast durch das kniehohe Gras, ließ die Hände über deren Spitzen gleiten, dass es kitzelte und hatte auch — was besonders hervorzuheben war — ein Summen auf den Lippen. Bald hatte alles sein Ende. Bald, hatte ich Ruhe, müsste mich nicht mehr von einem Tag in den nächsten schleppen, ohne die Aussicht auf Besserung. Meine elende Existenz fand ein Ende. Herrlich!

Der Wind spielte mit meinem Haar, als ich endlich die Klippe erreichte und schlug es mir ins Gesicht. Mein Rücken schmerzte, war meine Umhängetasche doch denkbar ungeeignet für längere Spaziergänge und schnitt mit seinem zu schmalen Gurt in meine Schulter. Ich ließ sie zu Boden gleiten, balancierte sie einen Moment auf meinen Zehen, bevor ich den Gurt um meine Finger wickelte und den Blick geradeaus richtete. Der Horizont verschwamm mit dem rauen Meer. Salz lag auf meiner Zunge und zog auch in mein Haar ein, das sich langsam zu kringeln begann.

Möwen kreisten über dem Wasser und schrien. Hinter mir blökte es, was mich nicht aufschreckte, schließlich hatte ich während der Fahrt dutzende Herden Rinder wie Schafe durch das Land ziehen sehen, und was sollte schon passieren? Dass ein Schafsbock mich schubste? Meine Lippen bogen sich zu einem wahrhaft belustigten Grinsen. Upps, vom Schaf ins Jenseits bugsiert. Die Sonne brannte auf meinen Wangen, auch wenn sie sonst nicht gerade wärmte, und zusammen mit dem böigen Wind, der ständig an mir riss, war es eine merkwürdige Kombination. Ich streckte den Hals, um noch einige Sonnenstrahlen einzufangen. Es hieß, dass Bewegung und Licht halfen. Meine persönliche Erfahrung war da gegenteilig. Wenn ich mich dazu zwang, vor die Tür zu gehen oder ins Fitnesscenter, um Sport zu betreiben, dann fühlte ich mich danach eher wie durch die Mangel gedreht, ganz gleich wie gut oder schlecht das Wetter war. Auch Gesellschaft, Gespräche oder sonstige Geselligkeit taten mir nun mal nicht gut. Ich fühlte mich danach stets — und zwar ausnahmslos — wie gerädert.

Ich atmete tief ein, genoss das würzige Aroma, lauschte der Brandung unter mir und lockerte meine Finger um den Gurt meiner Tasche. War vielleicht ganz gut, wenn man sie hier oben fand, dann wusste man, dass etwas passiert war, auch wenn meine Leiche nicht so bald an Land gespült werden sollte. Mein Fuß schob sich langsam vor, ich spürte, wie das Erdreich unter ihm nachgab und abbröckelte. Ein Ende. Den Kopf in den Nacken legend, beugte ich mich vor. Es tat so gut, es war so befreiend, dass ich hätte lachen mögen. Endlich, nach über drei Jahren spürte ich wieder so etwas wie Glück. Noch einen kleinen Schritt und ich verlöre das Gleichgewicht.


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ein schotte für die zukunft klein

Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Mehr aus der Eine Hochzeit in den Highlands-Reihe:
Ein Schotte im Bett (Band 1)
Ein Schotte zu viel (Band 2)
Ein Schotte wider Willen (Band 3)

Anne Lay über ihren neuen Liebesroman

Autorenfoto

Worum geht es in deinem Buch Win my Heart – Spiel um die Liebe?

Sonja steht vor den Scherben ihres bisherigen Lebens. Zwischen der Zwangsversteigerung ihrer Wohnung und der Scheidung bricht sie aus und nimmt an einem Blackjack-Turnier teil, bei dem ein großer Geldgewinn lockt.

Dort trifft sie auf Hassan. Was hält Fortuna für sie bereit: Glück im Spiel oder Glück in der Liebe?

 

Wie kamst du auf die Idee für deine Geschichte?

Bei der Suche nach einem neuen Setting erschien mir die Welt des Casinos spannend, hinzu kam der Wunsch nach interessanten Charakteren, einer Begegnung der Kulturen.

Ich habe das erste Aufeinandertreffen von Sonja und Hassan genau vor mir gesehen und davon ausgehend die Geschichte um dieses ungleiche Paar entworfen.

 

Wie würdest du Sonja und Hassan in je einem Satz beschreiben?

Sonja ist zunächst an den falschen Mann geraten, aber jetzt beginnt sie mit viel Mut und Elan, ihr Leben neu zu gestalten.

Hassan ist ein Selfmademan, Franzose mit marokkanischen Wurzeln, der sein Leben zu genießen weiß.

 

Wenn Win my Heart – Spiel um die Liebe verfilmt werden würde, welche Schauspieler(innen) sollten die Hauptcharaktere spielen?

Meine Figuren verschmelzen aus Menschen, denen ich im realen Leben begegnet bin. So habe ich bei einer Fortbildung zufällig neben einer Frau gesessen, bei der ich zum ersten Mal graue Augen gesehen habe, dunkelgrau, dazu hatte sie dunkelblondes Haar.

Bei der Suche nach einer Schauspielerin, die diesem Bild nahekommt, bin ich auf Inez Björg David gekommen, sie könnte ich mir als Sonja vorstellen.

Zu Hassan habe ich noch keinen Schauspieler gefunden.

 

Was macht für dich eine gute Lovestory aus?

Ich möchte interessanten Menschen begegnen, sie kennenlernen und ihnen durch die Verwicklungen und Schwierigkeiten folgen, möchte miterleben, wie sich die zwei annähern und die Hindernisse meistern.

 

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Einen Liebesroman: Verdächtig vertraut, der in Münster spielt, mit einer schüchternen Protagonistin Sandra, einem schokoladenbraunen Labrador und dessen Herrchen, dem Saxophonisten Tobias. Außerdem gibt es einige Kurzgeschichten.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Der nächste Liebesroman steht bereits in den Startlöchern. Dieses Mal geht es nach Norddeutschland: Schauplätze sind Husum und Norderstedt.

Auch für Sonjas beste Freundin Marie habe ich inzwischen einige Ideen …

 

Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?

Seit meiner Kindheit, denke ich mir Geschichten aus. Bücher, deren Figuren mich gepackt hatten, mochte ich nicht zuschlagen und einfach beenden. Also dachte mir neue Abenteuer für meine Helden aus. Nach und nach kamen immer mehr eigene Ideen hinzu.

Einen ersten Text habe ich vor einigen Jahren einer befreundeten Journalistin zum Lesen gegeben. Sie hat mich ermutigt, weiterzumachen. Den daraus entstandenen historischen Liebesroman muss ich allerdings gründlich überarbeiten.

 

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei fast erwachsene Söhne und arbeite als Lehrerin. Ich bin gern draußen und liebe es, im Garten tätig zu sein.

 

Welches Buch liegt momentan auf deinem Nachttisch?

Brombeerblut von Cornelia Briend, ein historischer Roman aus der Wikingerzeit in Irland.

  

Was ist das Wichtigste, das man über dich wissen sollte?

Mir ist es wichtig, Familie, Beruf und meine Interessen unter einen Hut zu bekommen, was nicht immer einfach ist.

Den größten Rückhalt finde ich bei meinem Mann, mit dem ich über alles spreche, was ihn oder mich bewegt. So haben wir schon manche turbulente Zeit in unserem Leben gemeinsam durchgestanden.

Das Schreiben hilft mir, Abstand zum oft anstrengenden Alltag zu gewinnen und meinen Akku wieder aufzuladen.

 

Anne Lay – Win my Heart

Das E-Book kaufen.

Anne Lay ist verheiratet und Mutter zweier Söhne. Sie arbeitet als Lehrerin im Bergischen Land. Die Begeisterung für Geschichten begleitete Anne Lay schon früh durchs Leben. Seit 2006 widmet sie sich dem Schreiben.

Ein ganzes, süßes Leben

Stuttgart, Dezember 2017. Anna Herzig glaubt an schicksalhafte Wendungen des Lebens – zu 100 Prozent. Im Interview mit uns sagt sie: „Man will meistens nicht daran glauben, dass es Schicksal gibt, weil das bedeutet, man kann nichts kontrollieren im Leben. Man tut es ab: Das ist mir einfach so passiert. Aber nichts passiert einfach so!“ So geht es auch den Protagonisten ihres neuen Liebesromans Ein ganzes, süßes Leben. Eine berührende Geschichte über das Erwachsen- und Älterwerden, über die Liebe und deren Stiefschwester, die unglückliche Liebe, und über die essentielle Frage des Lebens: Was braucht es, um glücklich zu sein? Zuerst gibt es für Sophie nur Christopher. Dann kommt Adrian und fühlt sich so viel richtiger an. Doch für Adrian ist in Sophies Leben kein Platz. Eine verpasste Chance, eine unglückliche Ehe und fünfundzwanzig Jahre später befindet sich Sophie erneut an einer Kreuzung. Plötzlich steht Adrian in ihrer Küche und von nun an mitten in ihrem Leben. Viel später, kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag, lässt Sophie die Vergangenheit Revue passieren, und es wird klar: Das Schicksal kennt kein Alter.

Download Pressemitteilung: PM 11-2017_dp_Digital Publishers_Ein ganzes süsses Leben

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Was passiert, wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, der Zeitpunkt für diese Liebe aber denkbar ungünstig ist? Was machen sie aus dieser Chance? Und wieviel Schmerzen werden verursacht, wenn sie sich gegen das wehren, was unausweichlich und vorbestimmt ist? Die bewegende Liebesgeschichte um Sophie, Christopher und Adrian erscheint im Dezember bei dp DIGITAL PUBLISHERS.