Ein ganzes, süßes Leben

Prolog – Damals

Links oder rechts, Sophie?

Links oder rechts? Was wird es?

„Ach, verdammt“, flüstert sie und beißt sich auf die Lippen. Zu fest, aber das stört nicht. Jetzt hilft der Schmerz, damit sie mit beiden Beinen am Boden bleibt. Ein paar Minuten noch, auf die anschließend eine schwere Entscheidung folgen wird. Egal in welche Richtung sie Anlauf nimmt. Wenn Sophie in diesem Augenblick ausreißt, bricht sie allen das Herz. Was wiegt schon das eigene gegen mindestens fünfzig enttäuschter Leben? Was hat sie dazu gebracht, Hochverrat in diesem Ausmaß an sich selbst zu begehen? Richtig.

Er.

Diese Hochzeit findet nicht im kleinsten Kreise statt, so wie vereinbart, sondern wurde zu der Hochzeit aufgebauscht. Nicht diese Hochzeit, sondern ihre Hochzeit. Daran sind die Eltern ihres zukünftigen Ehemannes schuld. Nur das Beste für die Schwiegertochter und zukünftige Mutter ihrer mit Sicherheit elitären Enkelkinder, die noch nicht geboren sind. Das erste ist noch nicht geboren, um genau zu sein. Sie streicht über ihren runden Bauch, in dem sich ihr Sohn befindet. Wie etwas so Wundervolles aus einer so furchtbaren Situation hervorgehen kann, entzieht sich ihrem Verständnis.

Sophie wird sich später kaum noch daran erinnern, wie wunderschön sie ausgesehen hat, wie makellos. Obwohl sich alles in und an ihr gegen diese Verbindung sträubt, sagt ihr der längliche, auf zwei Beinen stehende Spiegel mit Goldumrandung etwas anderes, nämlich: Sieh dich an. Du hast von Anfang an perfekt in diese Familie voller Überflieger mit unbegrenzten Mitteln gepasst. Es ist dir bestimmt, dieses Leben zu führen, eines, in dem Sorgen ein Fremdwort sind. Du wirst dich um nichts kümmern müssen, niemals wieder, flüstert die rationale Stimme, die, die Sophie gar nicht leiden kann. Weil sie nicht immer, aber meistens, recht hat. Die Kinder deiner Kinder werden keinen einzigen Tag in ihrem Leben arbeiten müssen. Überleg dir gut, wie du aufgewachsen bist, wie deine Eltern kämpfen mussten, damit ihr das Notwendigste hattet.

Aber was, wenn?

Drei Worte, die ihr seit Wochen Magenschmerzen verursachen. Aber was, wenn? Der andere Mann.

Wenn er dich wollen würde, wirklich inständig wollen würde, dann hättest du nicht dieses Ding in dir, das so sehr wehtut, dass es nicht mehr erträglich ist. Erfüllte Liebe verursacht keine Schmerzen. Verursacht selten Schmerzen, korrigiert die Stimme.

Du bist ihm egal, säuselt sie, du kannst nicht alles für einen Mann riskieren, der launisch ist, und weitaus schlimmer: Nicht weiß, was er will. Das sind die Gefährlichsten. Das weißt du mittlerweile. Um dieses Wissen zu erlangen, hat sie mit einer teuren und kostbaren Währung bezahlt:

Ihrem Seelenfrieden.

„Sophie?“ Das ist ihr Name. Und die Stimme ihres mittlerweile besorgten Vaters. Sie reagiert nicht. Wenn sie ganz still ist, vielleicht wäre es dann möglich, dass sie sich in Luft auflösen könnte, wenn sie sich nur stark genug konzentriert. Oder sie könnte sich irgendwie durch das kleine Fenster hindurchquetschen in die Freiheit, Adrian finden und ihm sagen … Was würde sie ihm denn sagen? Es liegt nicht an ihr. Nicht mehr. Er muss kommen, hat sie während der gesamten letzten Nacht gedacht, während sie sich von einer Seite auf die andere im Bett gewälzt hat, neben Christopher, ihrem Verlobten, der tief schlief. Es liegt in seiner Verantwortung, auf mich zuzukommen und reinen Tisch zu machen. Aber so? Sie ist nicht klüger, als vorher. Sie weiß nichts darüber, wie er für sie empfindet und weitaus wichtiger: Ob er genug für sie fühlt, um sie für sich gewinnen zu wollen.

Es ist dein Hochzeitstag. Christopher ist hier, Adrian nicht. So einfach ist das.

Nein. Jetzt ist Schluss. Adrian hat nichts davon verdient. Nicht mal das kleinste bisschen Aufmerksamkeit. Sie hat ihm gesagt, was sie für ihn empfindet und er hat sie mit Schweigen bestraft. Christopher auf der anderen Seite liebt sie bedingungslos. Das ist das absolut letzte Mal gewesen, dass sie einem Mann, dem sie nichts bedeutet, Raum in ihren Gedanken geschaffen hat.

Herzklopfen und weiche Knie, das kann ich lernen. Irgendwie wird das schon funktionieren. Am Anfang werde ich mich daran erinnern müssen, diesen Mann zu lieben, aber mit der Zeit wird es einfacher werden, denkt sie.

Alles wird sich normal und vollständig anfühlen.

Richtig?

 

Kapitel Eins – Heute

Man sagt, Zeit heile alle Wunden.

Sophie glaubte das nicht und wehrte sich gegen diesen ganz speziellen Gedanken, der sich bereits vor Monaten in ihrem Kopf eingeschlichen hatte.

Eines Morgens war sie aufgewacht und da war er gewesen. Es begann als schwaches Flüstern, wurde lauter und hatte sich letztendlich als großes, weißes Plakat mit dicker, schwarzer Schrift vor ihr manifestiert, jedes Mal, wenn sie die Augen schloss.

Sie blinzelte und stieg aus dem Bett. Die Vorhänge waren bereits zurückgezogen worden, das Frühstückstablett ruhte wie immer fein säuberlich auf dem Frisiertisch. Der gesamte Raum war sonnendurchflutet und sie hörte leises Vogelgezwitscher durch eines der gekippten Fenster.

Und ihn.

Das Beatmungsgerät, das Luft in seine Lungen zwang und der Sauerstoff, welcher seinem Kopf zugeführt wurde, verhinderten, dass er starb. Weg war für immer.

Sie strich ihr langes, cremefarbenes Nachthemd glatt und ging zu ihrem Ehemann hinüber. Alt werden ging so rasant schnell und wie weit weg es ihr damals noch erschienen war! Sie war eine alte, gebrechliche Frau geworden. Die Zeit, die unaufhörlich voranschritt und alles überdauerte.

„Guten Morgen“, sagte sie und lächelte. Sie rief sich sein Gesicht, wie es damals gewesen war, in Erinnerung. Ohne die Altersflecken, ohne die dünne, rissige Haut, durch die sich ganz fein die Adern abzeichneten. In ihrer Vorstellung lächelte er zurück. Seine neugierigen Blicke suchten ihre Augen und lasen darin, so wie sie es seit jenem Tag gemacht hatten, an dem ihnen das Leben eine zweite Chance gegeben hatte.

Sophie fuhr ihm mit zwei Fingern sanft durch das graue Haar, gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange und stellte sich vor, dass er wie damals roch, der Duft, der sie angezogen hatte; der es vor über fünfzig Jahren gewesen war, der sie hatte schwach werden und zweifeln lassen. Die Augen und der Mund hatten alles Weitere besiegelt, und sie war machtlos gewesen.

Lass mich gehen, flüsterte die Stimme wieder. Lass mich gehen, bitte.

„Ich kann nicht“, murmelte sie.

„Und sonst?“, hörte sie ihn sagen und lachen. Sein Lachen, das ihr jeglichen Atem geraubt hatte. Es klang nun weit entfernt.

Sie war nicht undankbar. Es war nur so, dass man immer hoffte, ein bisschen mehr Zeit zu haben. Jahre, Monate, Tage oder einfach nur Stunden.

Damals hatte sie sich mächtig gefühlt.

Es war das Vorrecht der Jugend zu glauben, man wäre der Mittelpunkt der Welt und die Schelte die Erfahrung, die einem auf dem langen, beschwerlichen Weg das Gegenteil wissen ließ.

Was bedeuteten die lohnenswerten Tage ohne die hoffnungslosen? Es war immer irgendwann für irgendwen der Zeitpunkt gekommen, um Abschied nehmen zu müssen. Für wen es letztendlich schmerzhafter war, blieb ungewiss.

Die Zeit heilte keine Wunden.

Es war lediglich so, dass die Narben blasser wurden, die Erinnerung ausgeblichener, die Seiten, die man jahrelang eifrig beschrieben hatte, vergilbter. Sophie erinnerte sich gerne daran, wie ihr Vater oft gesagt hatte, dass das Einzige, was er hoffte, seiner Tochter auf den Weg in ein eigenständiges Leben mitgeben zu können, ein wacher Geist war und ein gesundes Maß an Selbstzweifel, um immer genügend Raum des an sich Arbeitens zu gewährleisten.

***

Zum Glück gab es Norah Lane. Norah war wundervoll. In jeglicher Hinsicht. Sie hatte in den letzten zwei Jahren nicht nur die Funktion einer Pflegehelferin, sondern auch die einer Haushaltshilfe und guten Freundin eingenommen. Standhaft. Loyal. Warmherzig. Sie war etliche Jahre jünger als Sophie und schien den Alltag mühelos zu meistern. Sophie konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als sie Norah für immer ins Herz und in ihre Abendgebete eingeschlossen hatte. Es war vorletzten Mai gewesen, kurz vor seinem einundsiebzigsten Geburtstag.

Die sechste Woche, in der er bereits ans Bett gefesselt, aber hin und wieder noch bei Bewusstsein gewesen war.

Sophie hatte sich geweigert, überhaupt noch zu schlafen, da sie die Momente nicht verpassen wollte, in denen sie ihm in die Augen sehen konnte, seine Hand drückte und hoffte, er würde sie erkennen.

Bisweilen konnte er minutenlang wach bleiben, sie nur ansehen und ein wenig lächeln, ohne irgendetwas zu sagen. Dann gab es die anderen Tage, in denen er scheinbar nur das Bewusstsein erlangte, um sie und ebenso jeden anderen, der in seine Nähe kam, zu beflegeln. Seit einigen Wochen war er gar nicht mehr aufgewacht.

„Sie müssen ihn gehen lassen“, hatten ihr die Ärzte mehrmals erklärt.

Bereits in jungen Jahren war sie einer der Menschen gewesen, die akribisch nach Zeichen suchten.

Zeichen, die zu etwas führten, das mehr war.

„Ich lese dir etwas vor, in Ordnung?“, fragte sie ihren Ehemann, der stumm blieb und die Augen geschlossen hatte; diese schönen Augen, die sie immer verfolgt hatten, als sie sich mit ihrer Kaffeetasse und der Morgenzeitung in der Hand zu ihm gesetzt hatte. Sophie hatte also begonnen, ihm das Horoskop vorzulesen, jeden Morgen. Zuerst ihr Sternzeichen, dann seines, gelegentlich Kommentare zu deren Wahrheitsgehalt hinzugefügt, nach seiner Meinung gefragt und ihm höflichkeitshalber einige Sekunden Zeit gelassen, um zu antworten, so getan, als würde er es und gelächelt.

Gelegentlich gesellte sich Norah hinzu, wenn ihr die Haushaltsarbeit einige Minuten Zeit ließ und unterhielt sich mit ihnen. Sie hatte gelernt, dass es Sophie keine größere Freude bereiten konnte, wenn sie ihn in die Unterhaltungen miteinbezogen. Anfangs fühlte es sich für Norah eigenartig an, aber es wurde zur Gewohnheit. Wie so viel anderes auch.

Während Sophie ihren Frühstückstee trank und Tabletten einnahm, die ihre Schmerzen zumindest um ein Drittel lindern würden, blätterte sie durch eines der unzähligen Fotoalben, die sie sorgsam in einer alten, hellbraunen Truhe im Schlafzimmer aufbewahrte. Sophie fand es schade, dass Kameras dazu benutzt wurden, um Augenblicke festzuhalten, zu konservieren. Es sollten die Menschen sein, die zu Momentefängern wurden.

Sophie war Tochter, Freundin, Geliebte, Ehefrau, anschließend Mutter und Großmutter geworden. In welcher Rolle sie sich am meisten wohlgefühlt hatte, wusste sie nicht mehr. Damals, als junge Frau, hatte sie sich nicht vorstellen können, dass es Wunden gab, deren Schnitte so tief brannten, dass man sie ein Leben lang mit sich herumtrug. Ebenso wenig war sie sich bewusst gewesen, was falscher Stolz mit den Leben zweier Menschen anrichten konnte. Das Leben in all seiner Grausamkeit hatte ihr daraufhin viele Jahrzehnte Zeit gegeben, eben das herauszufinden.

Als sich Sophie nach dem Frühstück fertig angekleidet hatte, gab sie Norah kurz Bescheid und verließ das große, stille Haus, um auf den Wochenmarkt zu gehen und einige Kleinigkeiten einzukaufen.

Die frische Luft und die Menschen würden ihr guttun. Bald würde ihr Sohn mit den Mädchen kommen, ihren Enkelinnen. Zwillinge noch dazu. Ihr Sohn, Maximilian, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte, besuchte sie jedes zweite Wochenende, um ein bisschen Zeit mit seiner Mutter zu verbringen. Er war ein guter Junge. Immer schon gewesen. Attraktiv wie sein Vater, einfühlsam wie Sophie. Eine durchaus gelungene Mischung und ein willkommener Lichtblick in diesen düsterten Stunden, in denen Sophie eine Entscheidung zu treffen hatte.

Die schwerste in ihrem ganzen Leben.

 

Kapitel 2 – Jetzt

Norah Lane war in einer sehr kleinen Stadt, eher einem Dorf, aufgewachsen. Die Sommer waren dort lang, die Winter kalt und das Leben einfach, aber gut. Das deutlichste, klarste Bild, das sie aus ihrer Kindheit immer bei sich trug, war ihr Großvater. Ewig wippend in einem alten Schaukelstuhl, Zeitung lesend und über Politik schimpfend. Der ständig an ihm haftende Geruch von Aniskeksen verfolgte sie bis heute.

Und natürlich Tommy. Ein wunderschöner, acht Jahre alter Australian Kelpie. Es war eine Nutzliebe gewesen. In trostlosen Zeiten legte er ihr den Kopf auf die Knie oder ließ es zu, dass sie sich an ihn kuschelte und ihm ihr Teenagerleid klagte, das sie in sein Fell hineinmurmelte. Sie revanchierte sich mit langen Spaziergängen und beschützenden Armen, die sie um ihn legte und ihn an sich drückte, wenn Gewitter und teilweise heftiger, tagelanger Regen Einzug hielten. Und genau dieser Regen war es letztendlich gewesen, der sie immer hatte an Flucht denken lassen.

Als sie ihren Heimatort verließ, um in der nächstgelegenen Stadt zu studieren, hatte sie ihn zurücklassen müssen. Es war ein Abschied gewesen, der sie noch bis heute schmerzte. Der Weg, der sie und die alte Frau letztendlich zusammengeführt hatte, basierte auf einer Reihe unzusammenhängender Zufälle und Sekundenentscheidungen.

***

Norah hatte einen Abschluss in Kunstgeschichte gemacht und reiste nach dem Studium mit ihrem Liebhaber, Laurent, um die ganze Welt. Fast jedenfalls. Irgendwo zwischen Lissabon und Rom kam ihr Laurent abhanden, da er sich in Nadja verliebte. Eine Französin, die es verstand, mit ihrem bezaubernden Charme und ihren endlos langen Beinen umzugehen. Norah wusste das deshalb, weil sie die beiden in ihrem Zugabteil erwischt hatte, als sie vom Abendessen zurückgekehrt war.

Und auch wenn es vieles gab, das Norah gerne teilte, Männer gehörten nicht dazu.

In Florenz stieg sie aus dem Zug und mit ihm ließ sie ihr Vertrauen in Partnerschaften zurück. Norah perfektionierte ihre Italienischkenntnisse indem sie sechs Monate in Italien lebte. Die Männer, mit denen sie schlief, konnte sie nicht mehr zählen. Wenn Norah nach einem jener waghalsigen, unvorsichtigen und feurigen Liebesabenteuer aus dem Gewühl von Polster, Decken und dem Geruch der vergangenen Nacht ihre wackligen Beine in Bewegung setzte, verbrachte sie Stunden damit, einfach auf der Fensterbank zu sitzen und zu rauchen. Nachzudenken. Hin und wieder reichte es ihr auch, mit leerem Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zu stehen und ihre unzähligen Sommersprossen zu zählen. Dies tat sie an schönen, warmen Tagen ebenso wie an den kalten, düsteren. Sie kümmerte sich wenig um die Freunde, die sie zurückgelassen hatte, oder um die Eltern, die sich sorgten, und die Abtreibung eines Kindes, für das die Zeit noch nicht reif gewesen war. Sie lernte eine Landsmännin kennen, die ihr anbot, sollte sie je wieder in der Heimat sein, bei ihr vorbeizusehen, man könne doch ein bisschen Zeit zusammen verbringen. Und genau dies tat sie, drei Monate später. Norah dachte: Warum eigentlich nicht? Sich auf neue Dinge einzulassen, muss nicht immer wehtun. Sie konnten einen weiterbringen, andere Wege aufzeigen.

Sie verbrachten den Abend vor dem Kamin in Norahs Haus, aneinandergelehnt, betrunken und waren nach ermüdenden, auslaugenden Gesprächen über die Sinnlosigkeit von Beziehungen zu dem anderen Geschlecht in angenehmes Schweigen verfallen.

Leicht hätte man den vielen, romantischen Aspekten dieser Nacht und des Ambientes die Schuld zuschieben können, für die Dinge, die nun ihren Lauf nahmen. Möglicherweise waren es auch die zarten, vorsichtigen Berührungen gewesen. Zwei Finger, die Norah eine rote Haarsträhne hinters Ohr schoben, der unsichere Kuss auf den Nacken, ein weiterer auf die Sommersprossen ihrer Stirn; sie ließ sich fallen. In etwas, das neu, aber dennoch nichts war, nach dem sie suchte.

Carmen. Ihr Name war Carmen, erinnerte Norah sich viele Monate später. Acht Wochen nach dieser Nacht und nachdem sie kläglich darin gescheitert war, in der ortsansässigen Anwaltskanzlei als Sekretärin zu arbeiten, und während in ihrem Kopf ein nicht enden wollender Wirbelsturm tobte, entschied sie für sich und Carmen, dass es an der Zeit war, die Situation zu beenden.

Warum sie ihr gesagt habe, dass sie sie liebe, wenn dem gar nicht so sei?

„Weil es das war, was du hören wolltest“, war alles, was Norah geantwortet hatte, bevor sie sich wieder dem Packen ihres Rucksackes gewidmet hatte. Mit dem Zug fuhr sie drei Ortschaften weiter, entschied sich spontan auszusteigen, und dort war es gewesen, dass sie in den Supermarkt gegangen war, um sich mit einigen Getränken und Sandwiches auszustatten. Der Supermarkt, in dem an der alten, verschmutzten Pinnwand neben anderen Annoncen für Babysitter, Klavierunterricht und Reinigungsdienste der einzige handgeschriebene Zettel hing, der allein dadurch ihre Aufmerksamkeit erregte. Haushälterin gesucht für ein Paar in den Siebzigern.

Das alles lag bereits mehr als zwei Jahre zurück.

Was wohl aus Laurent geworden war?

***

Es war einer dieser verregneten, wolkenverhangenen Nachmittage gewesen, die nur auf dem Land diese seltsame, verlassene, aber doch einzigartige Stimmung erzeugten. Nichts roch besser, als Mairegen, hatte sie damals gedacht.

Als Norah mit dem Zettel in der Hand, den sie im Supermarkt von der Pinnwand abgerissen hatte, an die Tür klopfte, war sie bereits durchnässt. Die langen, schweren Haarsträhnen hingen ihr widerborstig ins Gesicht und schränkten ihr Sichtfeld ein. Im Nachhinein wunderte sie sich, dass sich die alte Frau bei Norahs Anblick nicht zu Tode erschrocken hatte, als sie ihr langsam und zögerlich die Tür öffnete.

„Sie sind die Einzige“, war alles, was sie sagte, als Norah den Zettel mit der Annonce fast entschuldigend hochhob und nach Einladung eintrat. Fast hätte diese Szenerie unheimlich gewirkt, wäre da nicht diese tiefsitzende Traurigkeit in den Augen ihres Gegenübers gewesen, die Norah zu faszinieren begann.

„Kommen Sie, Kind“, sagte die alte Frau, nahm sie sogleich bei der Hand und führte sie in eines der Badezimmer des großen Hauses. Norah wusste noch genau, wie seltsam es sich angefühlt hatte, dass so viel Wohnfläche von so viel Stille beherrscht wurde. Keine Musik, keine gedämpften Geräusche aus dem Fernseher. Nichts. Es war das einzige Vorstellungsgespräch, das sie jemals absolvierte, obwohl es im Grunde nichts dergleichen gewesen war.

„Stört es Sie?“, hatte die alte Frau, die sich als Sophie vorstellte, gefragt und auf das vor ihr liegende Päckchen Zigaretten gedeutet. Norah verneinte und trank einen Schluck von ihrem Tee. Der Regen drosch erbarmungslos auf die Veranda nieder, und während Sophie erzählte, rauchte, weitererzählte, sich auf die Unterlippe biss, begann Norah zu überlegen, wie Sophie Hollister wohl als junger Mensch gewesen sein mochte.

Ihr Blick schweifte zu den Teetassen, den Untertassen, der Steppdecke, die ordentlich gefaltet über Sophies dünnen Oberschenkeln lag, die langen Finger mit einigen Altersflecken, der Ehering, der schlicht wirkte, das Bild über der alten Frau, das sie und ihren Ehemann am Tag ihrer Hochzeit zeigte. Zwei große, braune Augen, die auf ein Paar stechend blaue Augen trafen. Es war nicht das Bild an sich, das Norah in seinen Bann zog, sondern die Chemie zwischen den zwei Menschen, die den Raum mit Wärme erfüllte.

Norah konnte nicht sagen, was sie dazu bewogen hatte, sich ausgerechnet für diese Art von Stelle zu interessieren. Aber es gab nichts, das auf sie wartete. Sie hatte kein Zuhause mehr und sie hätte sich lieber alle Finger einzeln abgehackt, als auch nur annähernd in Erwägung zu ziehen, in ihren Heimatort zurückzukehren, wo ihre Eltern ihr vorhalten würden, wie ziellos sie ihr Leben vergeudete. Letztendlich war es irrelevant, womit sie ihr Geld verdiente, solange sie durchkam. Sie befand sich noch in einem Alter, das ein übertriebenes Maß an Ziellosigkeit duldete.

Je weiter die alte Frau mit ihrer Erzählung fortfuhr, desto mehr begannen ihre Hände zu zittern. Sophie hatte schwer geschluckt, als sie mit ihrer Geschichte zum Ende gekommen war.

Genau in diesem Moment hatte Norah Lane beschlossen, zu bleiben und für sie zu arbeiten.


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Anna Herzig wurde 1987 als Tochter eines Ägypters und einer Kanadierin in Wien geboren. Ihre Begeisterung für Literatur zeigte sich sehr früh. Nach unzählig gelesenen Büchern beschloss sie bereits im Alter von 14 Jahren, ein eigenes Buch zu schreiben. Ihr Augenmerk liegt auf den Menschen, der Liebe zu Makeln und Abgründen, besonderen Momenten, Satzromantik und Begegnungen, die sich einbrennen.

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Wer hat je gesagt, dass Liebe etwas Leichtes ist? Küssen Franzosen wirklich so gut, wie ihr Ruf es vermuten lässt? Und was ist, wenn man sein Leben endlich selbst in die Hand nimmt und mit den Wirren der Liebe umgehen lernt? Eine bewegende Liebesgeschichte von Laura Albers an den Schauplätzen Metz und Saint-Tropez.

Liebling, ich geh dann mal

„Das ist nicht dein Ernst!“

Ich funkelte Arno an, nicht ganz sicher, ob er sich nicht doch einen Scherz mit mir erlaubte. Mein Mann hielt den neu erworbenen Tiegel mit der ökologisch korrekten Feuchtigkeitsemulsion in die Höhe wie ein Corpus Delicti. Zielsicher hatte er sich genau diesen aus den Einkäufen herausgefischt, die ich auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte.

„Hanna, das ist mein Ernst! Du hast tatsächlich zwölf Euro für eine schnöde Creme ausgegeben?“

Seine inquisitorische Frage ließ meinen Blutdruck ansteigen. Ich war hier diejenige, die das Geld verdiente.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, kniff die Augen zusammen und fixierte ihn: „Du willst mir jetzt nicht wirklich zu verstehen geben, dass …“

„Doch! Verdammt, Johanna! Was soll der Kosmetik-Quatsch? Wirst du im Alter zur Spießerin?“

Okay. Das reichte. Auch wenn ich kommunikationspsychologisch geschult war, Tritte unter die Gürtellinie mussten gekontert werden. Möglichst lautstark. Gerade holte ich Luft, als sich die Küchentür öffnete und Nele den Raum betrat. Mit einem Blick erfasste unsere Tochter die Situation.

„Moment!“, ordnete sie an, eilte zum Fenster und schloss es. Mit ihren knapp fünfzehn Jahren war ihr so gut wie alles peinlich. Vor allem die Eltern. Vor allem, wenn diese schreiend die Nachbarschaft beschallten.

Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Unterarm: „Könnten wir jetzt bitte in Ruhe weiterstreiten?“

Nele schüttelte entnervt den Kopf und zog die Tür hinter sich zu. Mein Blick heftete sich erneut auf Arno.

Mein Mann. Mein geliebter Ehemann. 186 Zentimeter Sturheit, dichte, dunkelblonde Haare, eine immer noch beneidenswert athletische Figur, trotz weitgehender sportlicher Abstinenz, grau-blauer Blick, temporär auf Minusgrade heruntergekühlt. Wir waren uns so nah. Gedanklich, gefühlsmäßig und auch körperlich. Und dennoch schafften wir es immer wieder, uns gegenseitig zu verletzen. Niemand kann das so gut wie Menschen, die sich in- und auswendig kennen. Wenn keine sachlichen Argumente mehr halfen, ging es meist auf der persönlichen Ebene weiter, und die wunden Punkte, die der liebende Partner eigentlich schützen, aufpäppeln und möglichst unangetastet lassen sollte, wurden zu willkommenen Angriffspunkten. Treffer. Versenkt.

Dafür hasste ich Arno gelegentlich.

„Noch mal von vorne“, knurrte ich.

„Du hast mich sehr wohl verstanden!“

„Aber DU verstehst MICH nicht!“, brüllte ich.

Inzwischen hatten wir eine Phonstärke erreicht, die Karl Marx dazu veranlasste, seine Rute einzuklemmen und unter dem Küchentisch Deckung zu suchen.

„OH DOCH! Mein Verständnis reicht durchaus, um dich als fehlgeleitetes Werbeopfer zu identifizieren!“

„Weil ich eine FEUCHTIGKEITSCREME kaufe?“

„Weil du ein horrendes GELD dafür ausgibst!“

„Mann, das waren zwölf Euro! ZWÖLF! Nicht 120! Du bist so ein Geizhals!!!“

„Wie verzweifelt muss man sein, um sich dermaßen von der Kosmetikindustrie blenden zu lassen?“

Ich hyperventilierte fast. „ICH BIN NICHT VERZWEIFELT!“

Abends stand mir der Schaum vor dem Mund wie einem tollwütigen Tier. Ich stand im Bad und traktierte meine Zähne. Es grummelte immer noch in mir. Unser so häufig aus dem Ruder laufendes Streitritual machte mich fertig. Es kostete Kraft und Halsschmerztabletten und führte zu nichts. Ich wischte mir den hervorquellenden Schaum vom Kinn und begann die Putzrunde unten rechts von vorne. Plötzlich schob sich Arno von hinten heran und legte mir seine Arme um den Bauch.

„Na, Hannchen“, hauchte er an meinem Ohr.

Ich ignorierte ihn, so gut es ging.

Er verfolgte belustigt meine Zahnputzschaumschlacht.

„Komm, wir vertragen uns.“

Skeptisch hob ich meine Augenbrauen.

„Was hältst du von einem Versöhnungsquickie?“

„NICHTS!“, fauchte ich und der Spiegel war gesprenkelt wie eine Windschutzscheibe bei Schneesturm.

„Ach komm schon, Schatz.“ Arno begann, an meinem Ohr zu knabbern.

Ich wand mich aus seinen Armen.

„Ich bin doch keine Masochistin! Erst verletzt du mich bis in die Grundfeste meiner Existenz, rammst mir ein Messer in meine verwundbarsten Teile, in meine Ängste, mein Selbstbild, mein Selbstwertgefühl …“

Arno seufzte.

„… und dann soll ich dir schon wieder mein Herz und meinen Körper öffnen?“

Er verdrehte die Augen.

„Nun sei doch nicht immer so melodramatisch!“

Ich schob ihn von mir und zielte mit der Zahnbürste auf ihn.

„Ich bin so, wie ich bin. Und eins sag ich dir: Ich bin keine Spießerin, ich bin nicht alt und ich bin nicht verzweifelt!“

„Schon gut“, lenkte er ein. „Du bist jung wie der Frühling und frisch wie Morgentau.“

Ich schüttelte mit dem Kopf, ließ Wasser in meine Hände laufen und tauchte mit dem Gesicht hinein. Die Badezimmeraudienz war beendet. Tatsächlich zog Arno Leine, nicht ohne mir im Weggehen in den Hintern zu kneifen.


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Klara Sinn – Liebling, ich geh dann mal

Klara Sinn ist Jahrgang 1967 und lebt mit Mann, Tochter und Hund in Hessen. Mit Mitte Vierzig hatte sie fast alles ausprobiert oder erreicht, was sie sich in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit so vorgenommen hatte. Plötzlich rückte ihr ein weiterer lang gehegter Wunsch wieder ins Bewusstsein: Das Schreiben. Von Ehemann und Tochter milde belächelt, packte es sie im Herbst 2012. Als der Roman tatsächlich fertig geworden und von der Familie ausreichend heftig bejubelt worden war, entschied sie sich, eine Verlagsveröffentlichung anzustreben.

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