Liebe und andere Missgeschicke

Stuttgart, Juni 2017. Manchmal reicht einfach ein Initialerlebnis. In diesem Fall ein Urlaub in Italien: Die Autorin und Fernsehjournalistin Katharina Wolkenhauer beobachtete drei kleinen Jungen, die immer wieder einen Frosch in einen Pool warfen. „Das arme Tier tat mir unendlich leid! Die Idee für einen Roman war geboren. Er beginnt mit der Frage „Haben Frösche Gefühle?“. Nahezu folgerichtig waren Anleihen bei dem Märchen Der Froschkönig nicht zufällig. Was die Protagonisten daraus gemacht haben, ist in Katharina Wolkenhauers Debüt-Roman Liebe und andere Missgeschicke nachzulesen, der in Neuauflage beim Stuttgarter Digitalverlag dp DIGITAL PUBLISHERS erscheint.

Wer sich auch immer gerade in wen verliebt, welche Schwierigkeiten und Verwicklungen das Liebeschaos nach sich zieht – es stellt sich sehr schnell die Frage, ob es am Ende ein Happyend geben wird. Auch für Katharina Wolkenhauer blieb es beim Schreiben spannend. Ihre Figuren entwickelten sehr schnell ein Eigenleben. So darf man neugierig darauf sein, was Kerstin, Simone, Ina, Bettina, Sophie, Paul oder Robert aus dem Liebesreigen gemacht haben …

Kerstin ist Single – viel zu lange, wenn man es genau betrachtet. Ihre Freundin Simone hingegen stiftet jede Menge Verwirrung in der Männer- und Frauenwelt. Verlassen von ihrem Mann, den sie ständig betrogen hat, ist sie unermüdlich auf der Suche nach ihrem Mr. Right. Auf genau diesen hat auch Kerstins schwuler bester Freund Paul ein Auge geworfen. Und nicht nur er. Ein wahres Liebeskarussell beginnt sich zu drehen. Mitten drin in Amors Fallstricken: Robert Schüreisen, ein Mann in den sogenannten besten Jahren. Nur Kerstin verfällt dem Traummann nicht. Und das hat auch seinen Grund …

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9783960871828

So viel Liebe, so viel Sehnsucht! Dabei wissen doch alle: Es ist nicht so einfach mit der Liebe – es gibt viel zu viele Frösche und viel zu wenig Märchenprinzen. Der Debüt- Roman Liebe und andere Missgeschicke der aus dem Fernsehen bekannten Journalistin erzählt heiter und lustig von den Irrungen und Wirrungen der Liebe unter Mittvierzigern.

Autorin Katharina Wolkenhauer über ihr neues E-Book

Unknown

Worum geht es in deinem Buch Liebe und andere Missgeschicke?

Eigentlich genau um das – der Roman handelt von der unermüdlichen Suche nach der großen Liebe und den vielen Missgeschicken, die einem auf dem Weg dahin widerfahren.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Immer wieder mal im Urlaub in der Toscana. Die Schlussfassung entstand dann irgendwann in einem Spätsommer an der Schlei, hoch im Norden Deutschlands.

 

Wie kamst du auf die Idee für dein Buch? Gab es eine Art Initialerlebnis?

Es gab in der Tat so etwas wie ein Initialerlebnis. Im Urlaub in Italien habe ich beobachtet, wie drei kleine Jungen immer wieder einen Frosch in den Pool warfen. Das arme Tier tat mir unendlich leid. Der Roman beginnt dann auch mit der Frage „Haben Frösche Gefühle…“ Die Idee war geboren – Anleihen beim Froschkönig sind sicher nicht zufällig. Was die Protagonisten dann daraus gemacht haben, müsstest du Kerstin, Simone, Ina, Bettina, Sophie, Paul oder Robert selbst fragen. Ich weiß nicht, wie es anderen Autoren geht – meine Figuren haben ein ziemliches Eigenleben entwickel. Das hat mich beim Schreiben mitunter etwas atemlos gemacht.

 

Was reizte dich daran, die Geschichte um Kerstin Pieper und ihre Freunde zu erzählen?

Ich fand es selbst sehr spannend, zu verfolgen, wer sich gerade in wen verliebt, welche Schwierigkeiten und Verwicklungen das Liebeschaos nach sich zieht. Und ob es am Ende ein Happyend geben wird.

 

Wie viel von dir selbst steckt in Kerstin Pieper?

In Kerstin Pieper steckt wahrscheinlich ebenso viel von mir wie in den anderen Figuren. Sie leben halt alle ein wenig von meinem Leben und viel von meiner Phantasie.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Das ganz große Projekt, endlich wieder Zeit fürs Schreiben zu haben. Ich habe mehrere Exposés „im Kopf“. Noch kann ich mich nicht entscheiden, welche Idee am Ende das Rennen macht. Ich denke aber, es wird eine Geschichte sein, die – wie auch immer – auf mehreren Ebenen spielt. Entweder zeitlich, oder räumlich. Vielleicht auch beides. Auf jeden Fall wird es wieder Freundinnen geben, die sich mit sich auseinandersetzen müssen. Ob sie das nun wollen oder nicht. Und natürlich wird es wieder um die Liebe gehen; die unerfüllte, die vergangene, die große Liebe.

 

Du bist Journalistin und Fernsehmoderatorin – wie kamst du dazu, ein Buch zu veröffentlichen?

Ich habe mir schon als junges Mädchen sehr gern Geschichten ausgedacht. Der Wunsch, ein Buch zu schreiben, war irgendwie immer latent da. In meinem Beruf als Journalistin ist wenig Platz für Phantasie. Die Vorstellung, einmal einfach loszuschreiben, ohne auf Sekunden und Zeilen zu achten, ist für mich einfach sehr reizvoll.

 

Was liest du selbst gerne?

Eigentlich alles, was einen guten Anfang und ein logisches Ende hat. Ich mag Romane jeglicher Art, bin da nicht festgelegt.

 

Wo ist dein Lieblingsplatz zum Schreiben?

Einen ausgesprochenen Lieblingsplatz habe ich nicht. Das kann aber auch daran liegen, dass ich ihn noch nicht gefunden habe. Es kann daher genauso gut ein Café, aber auch eine Decke auf einer Wiese, die Terrasse vor einer Pension in den Bergen oder am Strand sein. Es kann einsam sein, oder belebt. Hauptsache ist, dass ich mich da, wo ich schreibe, wohlfühle.

 

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Na ja, „gefühlt“ arbeite ich dann so wie Millionen andere Berufstätige auch. Wenn ich die Zeit finde, bin ich mit meinen beiden Hunden an der Elbe. In Hamburg ist das für mich der Ort, an dem ich mich am besten entspannen kann. Der Blick auf den Strom hat für mich etwas zutiefst Beruhigendes und zugleich Antreibendes. Na ja, und dann sind da ja auch noch die Urlaubsreisen. Mit und ohne Schreiben. Zum Beispiel, um italienisch zu lernen. Ein ganz großartiger Ort dafür: Triest.

 

Hast du eine Buchempfehlung für uns?

Ach, es gibt so viele Bücher … Zurzeit lese ich von Elena Ferrante Meine geniale Freundin, ich mag die Romane von Natasa Dragnic (Jeden Tag, jede Stunde, Immer wieder das Meer, Der Wind war es). Auf ihren neuen Roman Einatmen, Ausatmen, der leider erst Ende August erscheint, freue ich mich schon sehr. Und natürlich die Bücher von Bodo Kirchhoff, zum Beispiel Widerfahrnis.

9783960871828

Katharina Wolkenhauer hat sich den Glauben an die große Liebe bewahrt. In ihrem Debütroman schreibt sie mit viel Humor und Scharfsinn über das alltägliche Liebeschaos ihrer Protagonisten. Sie lebt mit ihren beiden Hunden in Hamburg und arbeitet als Redakteurin für diverse Fernsehformate. Liebe und andere Missgeschicke ist ihr Erstlingswerk.

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Liebe und andere Missgeschicke

Kapitel 1

Haben Frösche Gefühle? Empfinden sie Glück? Erleichterung? Freude? – Felicitas hatte gerade dem vierten Frosch in Folge das Leben gerettet. Diesmal saß das Tier in der Küche – hinter dem Wassernapf für den Hund, dick und glitschig und zum Küssen völlig ungeeignet. Der verwunschene Prinz würde auf seine Erlösung wohl weiter warten müssen. Einen Moment hatte sie ja doch gezögert. Ob es wohl Menschen gab, die es irgendwann einmal probiert hatten? Und viel wichtiger noch: Gab es wohl auch Frösche, die sich nach einem Kuss wirklich in gut aussehende junge Männer verwandelt hatten?

Das gleichmäßige Geräusch der alten Schreibmaschine verstummte. Wie kam sie eigentlich auf solch abstruse Gedanken: einen Frosch küssen, vom Traumprinzen schwärmen, an Wunder glauben … Ein wenig ratlos fand sich Kerstin Pieper in der Realität wieder: mitten in ihrer superneuen multifunktionalen Designer-Marken-Kombi-Küche. Umgeben von jeder Menge benutztem Geschirr, abgestandenen Getränkeresten und gut gefüllten Aschenbechern. Es war ein langer Abend gewesen.

Mal abgesehen von dem Chaos, das gerade um sie herum herrschte, verlief ihr Leben absolut geregelt. Fast ein wenig langweilig. Nicht, dass sich Kerstin beklagen wollte. Worüber auch? Auf dem Weg zum Schlafzimmer riskierte sie im Flur einen kleinen, aber doch sehr prüfenden Blick in den Spiegel. Hatte sie vielleicht doch ein wenig zugenommen? Waren das da im Gesicht schon die ersten Falten? Oder hatte der uralte Spiegel vom Trödelmarkt genau da, wo sie jetzt ihr Konterfei betrachtete, ein paar kleine Kratzer abbekommen? Was für eine Frage. Natürlich lag es an dem blöden Spiegel – und vielleicht auch ein wenig an der vergangenen Nacht. Und am darauf folgenden Katzenjammer.

So gesellig war sie schon lange nicht mehr gewesen. Vielleicht sollte sie ruhig öfter mal Freunde einladen, so wie früher. Kerstin stutzte. Hatte sie jetzt das Alter erreicht, wo man bereits damit begann, von der „guten alten Zeit“ zu schwärmen? Es war aber auch eine verdammt schöne Zeit gewesen. Damals in Tübingen hatte sie noch von einer Karriere als Drehbuchautorin geträumt. Alles wollte sie anders machen. Das ganz große Kino. Die Welt sollte ihr zu Füßen liegen. Hollywoodstars würden sich um ihre Stoffe reißen.

Wann hatte sie eigentlich aufgehört, an sich zu glauben? War es der Verriss ihres Hochschulprofessors gewesen, den sie zuvor hatte abblitzen lassen und der keine andere Möglichkeit sah, es ihr heimzuzahlen, als sie überall und bei jeder Gelegenheit lächerlich zu machen? Wie peinlich das doch war. Für ihn und für sie. Dabei war die Geschichte, die sie damals geschrieben hatte, gar nicht schlecht. Na ja, ein bisschen banal schon – vielleicht auch etwas zu glatt, ohne wirklichen Tiefgang. Eine Liebesgeschichte eben. Eine Geschichte, in der am Ende zwei Menschen zusammenkommen, die während der gesamten Handlung nicht den Hauch einer Ahnung davon gehabt haben, dass sie füreinander bestimmt sind. Natürlich mit der einen oder anderen komischen Verwicklung, mit komplizierten Seitenhandlungen und jeder Menge Liebesleid. Meine Güte, wie lange das schon her war! Sie hörte noch immer die Worte von Professor Großmüller:

„Kerstin, sehen Sie lieber zu, dass Sie den richtigen Mann ohne derart alberne Zutaten finden, und konzentrieren Sie sich dann auf das, was Sie wahrscheinlich wirklich am besten können: Schreiben Sie über die kreativen Fähigkeiten anderer, statt auf eigene zu hoffen.“

Das hatte gesessen.

Ob der Mann wohl jemals etwas von ihr im Kulturteil des Stadtanzeigers gelesen hatte? Das Kaffeewasser kochte. Kerstin auch. Immer noch. Innerlich. Vor Wut. Über Großmüllers ausgemachte Frechheiten. Am meisten aber über sich selbst.

Vielleicht sollte sie Felicitas‘ Schicksal wohlwollend weiter verfolgen. Vielleicht werden ja doch irgendwann und irgendwo Träume wahr – und sei es auch nur in der regen Phantasie einer Frau in den sogenannten „besten“ Jahren.

Was würde Felicitas tun? Was würde sie, Kerstin, an Felicitas‘ Stelle tun? Den Frosch doch küssen? Oder dem Hund neues Wasser hinstellen und das glitschige Tier an die frische Luft setzen? Sie sollte sich ein bisschen mehr aufs Schreiben konzentrieren und nicht mit ihren Gedanken auf Wanderschaft gehen.

Es klingelte an der Tür. Jetzt musste Felicitas wohl doch warten. Und mit ihr Frosch und Hund.

„Verkaufe nicht getragenes Brautkleid und komplettes Schlafzimmer – ebenfalls unbenutzt.“

Paul Korte liebte es, an Sonntagen in den Kleinanzeigen der Wochenendausgabe zu stöbern. Hatte ER SIE verlassen, noch bevor es vor den Traualtar ging? Wollte die Braut nicht mehr? Hatte einer von beiden einen Unfall, eine unheilbare Krankheit? Waren die Eltern gegen die Verbindung und hatten am Ende doch gesiegt? Oder gab es womöglich eine ganz einfache Erklärung? Etwa, SIE hatte kurz vor der Trauung ihr Coming-Out und sich in die Standesbeamtin verliebt – ER die Nase voll vom konventionellen Wohnen und keinen Bock mehr auf Schleiflackmöbel. Ja, so wird es gewesen sein. Paul lehnte sich zufrieden zurück. Über die verhinderte Braut und ihren „Fast“-Ehemann musste er sich keine Gedanken mehr machen.

Wie wäre es zur Belohnung mit einem Schokoladen-Croissant und einer weiteren Tasse Cappuccino? Ein prüfender Blick an sich herunter stoppte das Verlangen noch vor dem Griff nach den verführerischen Kalorienfallen. Wer schön bleiben will, muss leiden – die holde Männerwelt schläft nicht.

Es war aber auch eine Last mit der Lust auf etwas Süßes. Immer diese Zweideutigkeiten. Paul musste über sich selbst schmunzeln. Ob er wohl absichtlich auf die Schokoriegel-Werbung angesetzt worden war? Seit einem Jahr arbeitete Paul nun schon bei der Agentur „Team Guys“ – große Aufträge durfte er bislang nicht bearbeiten. Sein Chef meinte, er solle sich die Zähne erst mal an harmlosen Fällen ausbeißen. Schließlich habe auch er mal klein angefangen.

„Auch mal klein angefangen.“ Wie er solche Sprüche hasste. Harry Wohlgemut hatte die Werbeagentur von seinem Onkel übernommen. Gut eingeführt, mit einer zahlungskräftigen Kundschaft, konnte sich der Juniorchef von Anfang an auf den Lorbeeren seines Vorgängers ausruhen. Zu Papier hatte Harry doch noch nie etwas gebracht. Und Phantasie hatte der Möchtegern-Kreative auch nicht.

Wenn er Harry sah, musste Paul jedes Mal an früher – an seine Jugend – denken. Harry hätte wirklich ein Bruder von Peter sein können. Irgendwann in der siebten Klasse hatte Peter Schornemann neben ihm gesessen. Der „Neue“ war irgendwie anders. Feiner. Wohlerzogener. Aber auch spießiger. Seine Eltern hielten sich für etwas Besseres, auch wenn sein Vater die Mutter verlassen hatte. Mehr als der monatliche Scheck war von Herrn Schornemann nicht zu erwarten. Peter hatte kaum Freunde in der Klasse. Da halfen ihm auch sein immens hohes Taschengeld und seine großzügigen Bestechungsversuche nicht weiter.

Aber Paul mochte den Sonderling. Nur zu gern folgte er der Aufforderung seiner Mutter, den Schulfreund mit zum Essen nach Hause zu bringen. Peter nahm die Einladung gern und häufig an. Er ließ Paul dabei aber immer spüren, dass er eigentlich einen anderen „Hintergrund“ hatte – oder sich zumindest so fühlte. „Wie Harry“, dachte Paul. „Ganz genau wie Harry.“

Wann hatte er seinen Schulkameraden Peter eigentlich aus den Augen verloren? Was war an jenem unsäglichen Nachmittag in seinem Zimmer zwischen Schularbeiten und Musikhören geschehen? Paul hatte sich doch einfach nur ein Herz genommen und Peter seine Liebe gestanden. Noch ehe sich sein Gast versah, hatte er den verblüfften Jungen auch schon umarmt und mitten auf den Mund geküsst. Paul konnte sich nur noch vage daran erinnern, dass Peter mit einem Aufschrei des Entsetzens von der Schlafcouch aufgesprungen war. Bis zum heutigen Tag hatte er kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Pauls Mutter hatte wohl noch Kontakt, sie redete darüber aber nie mit ihrem Sohn.

Statt an eine längst verflossene und noch dazu nie erfüllte Liebe zu denken, sollte er sich lieber Gedanken über sich und Raoul machen. Sie pflegten schon eine eigenartige Beziehung. Nicht miteinander – aber auch nicht ohne einander. „Hassliebe“ – oder Abhängigkeit? Aber wer dann von wem? Raoul passte so gar nicht in sein geregeltes Leben. Raoul, der Nachtclubsänger, und Paul, der Werbetexter, der sich doch so sehr nach einem seriösen Freund sehnte. Nach jemandem, auf den er richtig stolz sein konnte.

Völlig in Gedanken hatte Paul die gesamte Zeitung durchgeblättert. Von hinten nach vorne – so wie er es immer tat. Eine dumme Angewohnheit – aber hinten stand halt das Kurzweiligste. Für den Politik- und Wirtschaftsteil interessierte er sich kaum. Es sei denn, es gab mal wieder einen Artikel über seinen Lieblingspolitiker. Wie sich das anhörte: „Lieblingspolitiker“. Schließlich kannte Paul Robert Schüreisen nur aus der Berichterstattung im Fernsehen und aus der Presse. Vielleicht sollte er mal zu einer Veranstaltung gehen und ihn sich von der Nähe angucken. Ach, was sollte es. Der hatte bestimmt kein Interesse am eigenen Geschlecht. Obwohl das ja in Politikerkreisen fast schon zum guten Ton gehörte. Auf jeden Fall schien es Wählerstimmen zu bringen. Er sollte das Grübeln lassen und lieber ein paar Schritte vor die Tür machen. Wer wusste schon, wie lange das Wetter noch beständig war.

„Moment – ich komme gleich.“

Kerstin Pieper hasste es, unangemeldet Besuch zu bekommen. Ausgerechnet heute. Die Wohnung sah noch immer aus wie ein Schlachtfeld – sie selbst, na ja, auch nicht viel besser. Ein Blick durch den Spion in der Wohnungstür genügte, um ihre Laune wieder zu bessern.

„Paul – du schon wieder? Das ist ja toll. Du bist doch gerade erst gegangen!“

Wenn sie überhaupt einen Menschen an einem Sonntag wie diesem ertragen konnte, dann war es ihr bester Freund Paul. Paul Korte drückte Kerstin links und rechts einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Na, was ist? Kommst du mit? Draußen ist es richtig schön. Weißt du was, wir gehen ein Stück am Fluss entlang. So wie früher, wenn wir mal wieder nicht wussten, wohin mit uns und unseren Gefühlen.“

„Was soll das, Paul? Wie kommst du denn darauf, dass es mir nicht gut geht?“

„Zicke“, raunzte er kaum hörbar. „Schau dich doch mal an!“

Jetzt hatte er sie doch ertappt. Paul ließ nicht locker. „Kerstin, meine Gute, zieh dir was Bequemes an und dann trotten wir beide los, okay? Zur Abwechslung höre ich dir mal zu und lasse dich reden. Ohne Widerworte! Hörst du?“

Kerstin gab sich geschlagen. Gegen Pauls Überredungskünste hatte sie ohnehin nicht die geringste Chance. Das war schon so gewesen, als beide noch in der Sandkiste Burgen bauten und mit Förmchen Kuchen backten.

„Ach Paule, wenn ich dich nicht hätte. Es ist einfach ein blöder Tag, weißt du. Diese verdammten Sonntage, wenn alle in Familie machen oder zumindest in trauter Zweisamkeit. Das kotzt mich so an.“

Noch ehe er ihr antworten konnte, flossen auch schon die Tränen. Paul zog ein großes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und reichte es der Freundin. Dann heulte er hemmungslos mit. So wie immer, wenn es traurig um ihn herum wurde.

„Was ist denn passiert?“

„Nichts, Paul. Das ist ja das Schreckliche. Nichts passiert. Nichts. Nichts. Nichts.“ Zu ihren Tränen gesellte sich ein heftiger Gefühlsausbruch. „In meinem Leben passiert gar nichts. Null. Nada. Niente. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich auf der Stelle. Und ich kann nichts dagegen tun, Paul. Nichts. Absolut gar nichts!“

„Weißt du was, Kerstin, wir gehen nirgendwohin. Wir räumen jetzt gemeinsam bei dir auf. Erst in der Wohnung und dann in deinem Seelenleben. Hast du noch was zu trinken da?“

Kerstin sah ihren Freund dankbar an. Genau das brauchte sie jetzt. Ein Gespräch unter Freundinnen. Über das Leben an sich und im Besonderen.

„Weißt du noch, Paul, wie wir uns vor Hunderten von Jahren mal um einen Mann gestritten haben?“

Kerstin war sich sicher, dass Paul das niemals vergessen würde. Schließlich ging es damals um Leben und Tod. Um was auch sonst? Der schöne Bernd war aber auch eine Sünde wert gewesen. Jedes Mädchen war hinter ihm her. Und Paul offensichtlich auch. Ob Bernd ihm jemals Hoffnung gemacht hatte? Sie hatte Paul noch nie danach gefragt.

„Sag mal Paul, was war mit Bernd und dir?“

„Welcher Bernd?“ Paul tat betont lässig. Etwas zu lässig für Kerstins Geschmack.

„Na, der schöne Bernd. Du weißt schon. Der mit den stahlblauen Augen und den blonden Korkenzieherlocken. Und mit den niedlichsten Grübchen der westlichen Hemisphäre. Bernd eben.“

Paul wurde rot. Richtig niedlich sah er aus, wenn er sich ertappt fühlte. Wie ein großer Junge. „Meinst du den Bernd, der immer wieder an Simone herumgebaggert hat?“

Nun musste Kerstin herzhaft lachen.

„Er an ihr oder sie an ihm? Schätzchen! Das ist doch wohl immer eindeutig andersherum gewesen.“

Paul und Simone mochten sich nicht besonders. Er war ihr zu exotisch, sie ihm zu bieder. Immer schon. Kerstin stand, so lange sie denken konnte, wie ein unerschütterliches Bindeglied zwischen den beiden: ihrer Freundin Simone und ihrem Freund Paul.

„Kerstin, deine Busenfreundin Simone war ganz genau so lange hinter dem schönen Bernd her, bis der noch schönere Holger in ihr eintöniges Leben trat.“

Das Telefon klingelte. Laut und unüberhörbar.

„Pieper … Hallo, Simone. Wir haben gerade von dir gesprochen. Nein, meine Liebe, nicht über dich, von dir, habe ich gesagt. Du, sei mir bitte nicht böse, Paul ist gerade da. Ich rufe dich morgen an, okay?“

Wenn sie ohne Punkt und Komma sprach und Simone keine Chance zum Einhaken gab, wurde sie die Freundin am ehesten los, ohne ihr wehzutun. Heute war so ein Tag, an dem Kerstin sich nicht auf Simone einlassen mochte. Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie den Hörer wieder auf. Ein Griff – und auch der Anrufbeantworter war aktiviert.

Sie sollte häufiger mal in der Praxis ihres Ex-Mannes vorbeischauen. Eigentlich war Holger doch ein richtig netter Typ. Simone lächelte ein wenig vor sich hin. Schade, dass Holger einen so lausigen Ehemann abgegeben hatte. Wer weiß, vielleicht wären sie noch verheiratet, wenn …

„Hey, Schätzchen, du drehst dich mal wieder im Kreis. Hätte, wäre, wenn …“ Hatte sie gerade mit sich selbst gesprochen? Das Lächeln verschwand augenblicklich aus ihrem Gesicht. „Simone Fabrizius, jetzt wirst du auch noch komisch.“

Ihre Ehe war gescheitert – nach dreizehn Jahren. Und das war auch gut so; zumindest mit einigem Abstand – räumlich wie zeitlich. Simone Fabrizius litt zurzeit einfach unter einer ungeheuren Langeweile. Ohne Job oder zumindest ein zeitaufwendiges Hobby – dafür aber mit jeder Menge Geld.

Holger war ihre große Liebe gewesen. Dass sie einmal heiraten würden, war schon ganz früh beschlossene Sache. Dass es dann doch noch ein paar Umwege zu bewältigen gab, lag wohl in der Natur der Dinge. Holgers Vater war der Hausarzt ihrer Eltern gewesen. Doktor Fabrizius besaß das großzügigste Haus im Ort, mit dem schönsten Garten, penibel angelegt von seiner Frau Elisabeth. Schon während der Schulzeit legte Frau Fabrizius gesteigerten Wert darauf, dass ihr Junge mit den richtigen Kindern spielte. Ausgesucht natürlich von ihr. Sie wusste als Mutter schließlich am besten, was für ihren Buben gut war. Auch später, in der Pubertät, beeinflusste sie ihren Sohn, wo immer sie konnte. Nur gegen Simone blieb „Mutter“ lange Zeit machtlos.

Bestandenes Abitur, obligates Studium, Liebesheirat; eigentlich hätte es so weitergehen können. Aber nur die Gattin eines erfolgreichen Gynäkologen zu sein, war bedauerlicherweise nicht abendfüllend. Und der Job als Archivarin im städtischen Museum auch nicht das, wovon sie ihr Leben lang geträumt hatte. Ihre wahren Wünsche in die Tat umzusetzen – dazu hatte ihr stets der nötige Ehrgeiz gefehlt.

Irgendwann fing sie an, ihren Mann zu betrügen. Nie ernsthaft – immer nur so zum Spaß, wie bei allem, was sie bisher in ihrem Leben getan hatte.

Die viele Zeit, die sie ohne Holger verbrachte, nutzte Simone auf ihre ganz eigene Art. Sie antwortete auf Kleinanzeigen – oder gab welche auf. Für einen flüchtigen Moment dachte sie an Paul. Zumindest diese eine Leidenschaft teilte sie mit dem besten Freund ihrer besten Freundin. Ihre zahlreichen Bekanntschaften und die Art, wie sie zustande kamen, hätten auch ihm gefallen: Durch die Kontaktanzeigen hatte sie im Laufe der Jahre nicht nur Thomas, Werner, Stefan und Georg kennengelernt, auch ihre neueste Eroberung war so in ihr Leben geschneit.

Irgendwann wurde es ihrem Mann zu viel. Das Haus durfte Simone nach der Scheidung behalten. Holger war nicht kleinlich gewesen, als er sie verließ. Seine langjährige Arzthelferin stand ihm wohl schon damals näher – und das offensichtlich nicht nur während der Sprechstunden. Holger zog bei Simone aus und bei Marianne gleich wieder ein. Dr. Fabrizius – ein Mann für gemachte Nester. So war er schon immer gewesen und so dürfte er wohl auch für immer bleiben. Ein knappes Jahr später schoben Holger und seine „Neue“ bereits eine Zwillingskarre vor sich her. Wie lange hatte Simone mit Holger auf Nachwuchs gehofft. Bei Marianne hatte es sofort geklappt.

„Mutter“ dürfte zufrieden sein.

Was Holger wohl zu Simones neuester Eroberung sagen würde? Eines würde er ganz bestimmt sein: über alle Maßen erstaunt. Und Kerstin erst. Noch ehe Simone ihr am Telefon etwas davon erzählen konnte, war das Gespräch auch schon wieder vorbei – so einfach würde Kerstin aber nicht davonkommen. Den Anrufbeantworter konnte sie ja vielleicht noch einschalten – an der Haustür würde sie gegen Simones Mitteilungsbedürfnis machtlos sein.

„Moment – ich komme ja schon.“ Kerstin legte das Geschirrtuch aus der Hand. Das Klingeln nahm und nahm kein Ende. Da hatte es aber jemand verdammt eilig.

„Simone – mein Gott – was ist dir denn widerfahren?“ Als Kerstin Pieper die Tür zu ihrem Apartment öffnete – fiel ihr die Freundin fast entgegen.

„Wenn du wüsstest …“

Mehr war aus Simone nicht herauszubekommen. Dafür hatte sie ihr strahlendstes Lächeln aufgesetzt und wirkte damit irgendwie geheimnisvoll. Ja, wenn sie wüsste … Normalerweise hatte Kerstin jede Menge Geduld – gerade mit Simone benötigte man davon auch eine gehörige Portion. Aber an diesem Sonntag war es nicht weit her damit. Die Küche war noch immer nicht richtig aufgeräumt, die letzte Nacht noch immer nicht verdaut – und in wenigen Stunden musste sie schon wieder zum Dienst.

„Simone, ich habe wirklich keine Zeit. Sag schnell, was ist denn nun passiert?“

„Ich habe mich bis über beide Ohren verliebt – so doll wie noch nie, wirklich Kerstin, so schlimm war es wirklich noch nie.“

„Wer ist denn der Glückliche? Kenne ich ihn?“

„DER? Dann wäre ja alles in Ordnung! SIE! Sie heißt Helene. Du glaubst ja gar nicht, wie süß sie ist.“

Auch wenn das sehr selten vorkam – diesmal fehlten Kerstin die Worte.

„Helene ist einfach eine sensationell tolle Frau, weißt du? So ganz anders als du und ich.“

Während Kerstin noch über die Doppeldeutigkeit dieser Bemerkung schmunzeln musste, machte Simone es sich wie selbstverständlich im Wohnzimmer ihrer Freundin bequem. Dass Kerstin keine Zeit für sie hatte, überhörte sie geflissentlich. Auch dass Paul auf dem Sofa saß und neugierig die Ohren spitzte, übersah sie ganz einfach. Bei einer so wichtigen Neuigkeit stand alles andere hinten an. Zumindest für Simone.

Kerstin seufzte einmal ganz tief, komplimentierte Paul mehr oder weniger charmant aus der Wohnung und ergab sich ihrem Schicksal.

„Na, dann lass mal die Katze aus dem Sack. Sie heißt Helene – und weiter?“

Jetzt sprudelte es aus Simone geradezu heraus. Das erste Mal gesehen hatten sich die beiden Frauen in der Anzeigenabteilung der Lokalzeitung. Helene wollte ihre gesamte Wohnungseinrichtung verkaufen, Simone mal wieder nachfragen, ob es jemanden gab, der Interesse an einem „nostalgischen Fahrrad für Liebhaber, leichtgängig aber reparaturbedürftig“ bekundete. Vor ein paar Jahren hatte sie tatsächlich einmal vorgehabt, ihr altes Damenfahrrad zu verkaufen. Hätte Georg Blücher das Inserat damals nicht vollkommen missverstanden – sie hätten sich nie kennen- und lieben gelernt. Der Mann hatte doch tatsächlich geglaubt, es handele sich bei dem Inserat um eine Kontaktanzeige. Simone fand die Idee, mit einem leichtgängigen Nostalgierad auf Männerfang zu gehen, derart komisch, dass sie Georg sofort zu einem Rendezvous einlud, das dann auch prompt so endete, wie Georg es sich von Anfang an vorgestellt hatte. Nur „leichtgängig“ war Simone nicht. Das sollte sich im Laufe der nächsten Wochen ziemlich schnell herausstellen.

Genau zu dem Zeitpunkt, als Georg Simone lästig wurde, fiel sie Werner im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße. Vollkommen ungewollt und alles andere als geplant, stolperte Simone schlicht über einen Bordstein. Noch während ihres Falls auf den Bürgersteig trat der gut aussehende und durchtrainierte junge Mann in ihr Leben – mit einem Lächeln, das ihr den Boden vollends unter den Füßen wegzog. Sie musste ihn einfach wiedersehen. Bereits nach drei Tagen waren Werner und Simone ein Liebespaar – vier Monate später erlosch auch diese leidenschaftliche Flamme.

Mit Thomas und Stefan verhielt es sich ähnlich. Der eine suchte eine Mitbewohnerin – und fand in Simone zumindest für den Übergang eine Bettgenossin. Der andere lockte mit einem Tangokurs. Die rhythmischen Bewegungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Und jetzt: Helene.

Es klingelte schon wieder. Diesmal war es das Telefon. „Pieper.“

„Hallo, meine Liebe, ich bin wieder zu Hause. Alles in Ordnung bei dir?“

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung irritierte ihn.

„Kerstin, Liebes – hallo, sag doch bitte was. Ist Simone noch bei dir? Nervt sie sehr? Hat sie da vorhin irgendwas von einer Helene gefaselt? Wieso hast du mich eigentlich weggeschickt? Du weißt doch, wie gern ich solche Geschichten höre.“

Auch Paul hörte nicht auf zu plappern. So stumm hatte er die Freundin schon lange nicht mehr erlebt. Diese Stille am anderen Ende der Leitung war geradezu beängstigend.

„Stell dir vor, Schatz“, nutzte er die seltene Gelegenheit, selbst einmal zu Wort zu kommen, „stell dir vor, was mir gerade auf dem Heimweg passiert ist. Ich wollte nur ganz kurz im Café Paradiso vorbeischauen, als …“

“Paul, bitte, nicht noch eine Katastrophenmeldung. Mein Bedarf für heute ist gedeckt.“

Wieso eigentlich Katastrophenmeldung? Was hatte Simone denn schon Katastrophales berichtet? Dass sie sich in eine Frau verliebt hatte – die noch dazu die schöne Helena hieß. Na und? Wo lag das Problem? Dann war es diesmal eben eine Frau. Bei dem Verschleiß an Liebhabern machte eine weibliche Variante den Kohl nun auch nicht mehr fett. Wer weiß, vielleicht hatte Simone ja auch endlich die Richtige gefunden.

Etwas eigenartig war es aber doch. Ob ihre Freundin auch schon mal ein Auge auf sie geworfen hatte? Etwa damals, als sie zusammen auf Mallorca waren? Ach was, das hätte Kerstin doch gespürt. Oder nicht? Wie ist das wohl, wenn eine Frau von einer Frau begehrt wird – und wie mag es sein, wenn eine Frau eine Frau begehrt?

Felicitas zögerte noch immer. Sollte sie das glitschige Tier wirklich küssen und abwarten, was danach geschah? Doch, was würde sie tun, wenn sich der Frosch tatsächlich verwandelte – nicht in einen Traummann sondern in eine Frau – etwa in die schöne Helena? Felicitas nahm sich ein Herz und brachte das Tier in den Garten. Ohne Verabschiedung – ohne letzten Kuss – einfach nur so setzte sie das verwunschene Etwas auf den Rasen. Das Risiko war ihr einfach zu groß.


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Katharina Wolkenhauer ist in Hannover aufgewachsen. Nach dem Studium Romanistik/Publizistik und einem Volontariat in Hamburg hat sie als Redakteurin bei verschiedenen Fernsehformaten gearbeitet. Nach jahrelanger Arbeit vor der Kamera wuchs ihr Wunsch, auch schriftstellerisch tätig zu werden. Liebe und andere Missgeschicke ist in vielen Sommerurlauben in der Toskana entstanden und ihr Erstlingswerk.

Katharina Wolkenhauer im Interview zu Liebe und andere Missgeschicke.