Mord Well done

Ihr Blick wanderte unruhig durch den Speisesaal, über runde Esstische unter langen, zartrosafarbenen Tischdecken und bequeme Stühle mit einer Polsterung aus karierter Shantungseide, farblich genau abgestimmt auf die gerafften Vorhänge mit Fransenbesatz, Quasten und einem kontrastierenden Futterstoff. Dieses mit sicherem Geschmack gewählte Dekor stand in keinem Verhältnis zum Rest des Hotels oder zu den Speisen, die ihnen serviert wurden und die zu den schlechtesten gehörten, die man Darina je vorgesetzt hatte.

Sie hatten das Tagesmenü gewählt, nachdem der erste Eindruck so vielversprechend gewesen war. Für die Feinschmecker-Szene musste es ein Ereignis sein, wenn ein kleines Hotel im Herzen des ländlichen Somerset sich die Mühe machte, sein Restaurant so stilvoll einzurichten und so einfallsreiche Speisen anzubieten.

Leider hatte der Einfallsreichtum das Können jedoch weit hinter sich gelassen. Das wurde bereits bei der Vorspeise offenkundig: Avocado und Mango auf Estragoncreme – zwei dicke Fruchtscheiben mit einem Klecks Frischkäse und ein paar getrockneten Kräutern.

Darina hatte bald ihren Versuch aufgegeben, diese Kreation zu verspeisen, und resigniert die Gabel sinken lassen. »Es gehört ein anständiges Dressing dazu«, klagte sie. »So, wie es ist, ist es ziemlich … ziemlich …« Sie zögerte und warf dem Mann, der sie zu diesem Essen eingeladen hatte, einen schrägen Blick zu.

»Widerlich?« schlug dieser mit undurchdringlicher Miene vor.

»Vielen Dank, Liebling, das ist genau das Wort, das ich gesucht habe.«

»Wenn ein miserables Essen bewirkt, dass du mich Liebling nennst, sollte ich dich öfter hierher einladen.«

»Wenn ich dich richtig verstanden habe, möchtest du doch, dass ich mich an diesem Hotel beteilige – in dem Fall wäre ich immer hier.«

Der Fisch war unschuldig. Sein festes weißes Fleisch lag frisch und appetitlich auf dem Teller. Schuld war die Sauce. »Glattbutt in Champagner, mit Zitrone und Thymian – klang irgendwie interessant und kreativ«, meinte Darina kläglich. Sie probierte einen weiteren Bissen, als könne sie nicht glauben, dass der erste so grässlich geschmeckt hatte.

Ihr Begleiter stocherte mit der Gabel in der fragwürdigen Komposition herum. »So zu tun, als hätte das hier irgendwas mit Sekt gemeinsam, ist eine Beleidigung für jede halbwegs anständige Flasche Schampus. Und warum ist die Sauce so merkwürdig zähflüssig?«

»Wahrscheinlich wurde sie mit Stärkemehl eingedickt, und davon reichlich. Genauso großzügig ist man mit dem Thymian gewesen – hier, das ist ja praktisch ein ganzer Zweig!« Darina hielt mit der Gabel einen Stängel in die Höhe, der mit winzig kleinen grünen Blättchen bedeckt war, ließ ihn wieder auf den Teller sinken und nahm eine geringelte Zitronenschale auf. »Sieh dir das mal an! Mehr Mark als Schale, dick genug, um Marmelade daraus zu machen – und außerdem noch unblanchiert, deshalb schmeckt sie so bitter. Der Champagner, falls es überhaupt welcher ist, hat gar keine Chance dagegen. Schade, denn der Fisch selbst ist hervorragend; es ist wirklich eine Schande!«

»Das hieße ja, ich bekäme jeden Tag das reinste Menü aus Koseworten!« Er grinste sie fröhlich an.

»Nicht ganz, denn wenn ich hier wäre, würdest du nicht so ein miserables Essen serviert bekommen.«

»Sind Sie fertig?«, fragte die Bedienung mit einem Blick auf ihre nicht einmal halbleeren Teller: »Ich hab‘ dem Koch gesagt, es würde nicht funktionieren. Ich meine, Avocado und Garnelen sind eine Sache, aber so ein ausgefallenes Zeug wie das da will doch hier keiner.« Sie hatte die Vorspeise abgeräumt, das Hauptgericht gebracht und war dann, lässig an eine der schönen Anrichten gelehnt, stehengeblieben, wo sie begann, sich die Fingernägel zu säubern.

Es waren noch drei weitere Tische besetzt. Zwei Geschäftsleute hatten das Tagesmenü mit Steak gewählt, das als Alternative zum Fisch angeboten wurde, wobei sie mehr mit Reden als mit Essen beschäftigt waren. Einer der Männer war groß und stämmig und hatte ein Geschwür hinter dem Ohr; sein Begleiter war kleiner, sah aus wie ein Wiesel und hatte die Angewohnheit, nervös mit den Augen zu zwinkern und wild mit der Gabel herumzufuchteln, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

An den beiden anderen Tischen saß jeweils ein einzelner Gast. Der eine, ein dünner Mann, aß sein Menü mit großer Hingabe, während seine Blicke den Raum durchmaßen und die Einrichtung sowie die anderen Gäste mit Forscherblick studierten. Der andere war klein und untersetzt, hatte eine auffällig zarte Haut und ein freundliches Gesicht. Um seinen ansonsten fast kahlen und glänzenden Schädel kringelten sich ein paar Büschel mausgrauer Haare. Darina registrierte mit Interesse, dass ihm eine Suppe und ein Hackfleischauflauf serviert worden waren, was beides nicht auf ihrer Speisekarte stand; und entweder waren diese Gerichte so viel besser als das, was sie bekommen hatten, oder seine Toleranz so viel größer – jedenfalls aß er mit offensichtlichem Genuss und nahm zum Schluss sogar noch ein Stück Brot, um damit den letzten Rest der Sauce vom Teller zu tunken.

»Hat es Ihnen nicht geschmeckt?«, fragte die Bedienung, während sie Darinas kaum angerührtes Fischgericht abräumte.

»Nein, tut mir leid, das kann ich wirklich nicht behaupten«, gab sie zu.

»Der Herr dort drüben hat auch nicht aufgegessen«, meinte die junge Frau und zeigte auf den dünnen Mann. »Der Koch wird furchtbar enttäuscht sein.« Das schien sie jedoch nicht allzu sehr zu bekümmern, denn ihr volles Gesicht unter dem gelbblonden Haarschopf strahlte fröhlich.

»Pudding oder Käseplatte? Es gibt auch noch Eiscreme oder die Spezialität des Hauses, Feigentorte mit Johannisbeer-Coo… Coo… ooh … Ich wusste, dass ich mir nie merken würde, wie das Zeug heißt.«

»Coulis?«, half Darina.

»Genau! Das ist es, Feigentorte mit Johannisbeer-Coulis.« Sie warf ihnen ein besonders strahlendes Lächeln zu und blieb wartend an ihrem Tisch stehen, die schmutzigen Teller auf einem Arm balancierend.

»William?« Darina sah ihren Begleiter fragend an.

»Ich werde auf Nummer Sicher gehen und die Käseplatte nehmen.«

»Feigling! Ich probier‘ die Torte.«

»Ja, trau‘ dich nur!«

Aus den Augenwinkeln sah Darina, wie der ältere, dickliche Mann der Serviererin hinterherschaute, die mit wiegenden Hüften durch den Raum ging, wobei sich der kurze, schwarze Rock bedenklich über ihrem ausladenden Hinterteil spannte. Als sie hinter der Tür zur Küche verschwunden war, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Teller zu, auf dem etwas lag, das aussah wie Apfelstreusel.

Die Käseplatte war mehr als annehmbar. Sie bestand aus einem ausgezeichneten Cheddar, einem Coleford und einem mild-würzigen Schimmelkäse aus Schafsmilch.

Mit der Feigentorte sah es allerdings etwas anders aus.

»Also wirklich, William«, meinte Darina nach dem ersten

Bissen. »Du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, ich sei daran interessiert, mich an einem Unternehmen zu beteiligen, das so etwas hier als »Spezialität des Hauses« anbietet.« Angewidert schob sie den Teller von sich, auf dem ein flaches, mit geschnittenen Feigen belegtes Teigstück lag, über das eine lilafarbene, klebrig-süße Masse gegossen war.

»Das sieht nicht nur aus wie Pappe, es hat auch die Konsistenz und den Geschmack von Pappe, und das Johannisbeeraroma schlägt die Feigen restlos tot.«

Ihr Begleiter war ein hochgewachsener junger Mann Anfang dreißig mit dunklen Locken, silbrig-grauen Augen, die manchmal eher grün oder blau schimmerten, und einem gewinnenden Lächeln.

»Du kannst ein Hotel nicht ausschließlich nach seinem Essen beurteilen.«

»Für mich gehört das zu den wichtigsten Kriterien überhaupt. Essen ist etwas ganz Elementares, eine Lebensnotwendigkeit sozusagen. Wenn es ungenießbar ist, werden sich die Leute auch nicht weiter für das schöne Dekor interessieren, und wenn es wirklich gut ist, nehmen sie dafür unbequeme Stühle und eine weniger stilvolle Einrichtung in Kauf. Wieso haben wir hier eigentlich einen so wunderbar ausgestatteten Speisesaal, wenn die Bedienung keine Ahnung von Gastronomie hat? Wir haben ein Mineralwasser mit Kohlensäure bestellt, und sie hat eins ohne gebracht, außerdem das falsche Besteck, und die Gäste dort drüben hat sie völlig ignoriert. Und warum sieht das Hotel – diesen Raum einmal ausgenommen – aus, als befänden wir uns immer noch in den Fünfzigern?«

»Jetzt hör aber auf, zu der Zeit hattest du ja noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt!«

»Trotzdem weiß ich, wie es damals ausgesehen hat. Gib zu, dass ich recht habe!«

»Tony Mason hat das Haus vor ungefähr einem Jahr gekauft. Da war es noch ein Seniorenheim voller alter Leute – findest du nicht auch, dass der französische Begriff troisième âge viel netter klingt? –, die dann nach Südwestengland gezogen sind. Er hat geglaubt, dass man es in ein luxuriöses Landhotel umwandeln könne – und mit dem Speisesaal und der Küche hat er eben angefangen.«

Darina sah sich noch einmal in dem geschmackvollen Raum um. »Die Einrichtung wird seinem Anspruch ja durchaus gerecht, nur – was, bitte schön, ist mit dem Essen passiert? «

»Ulla sagt …«, begann William.

»Wer ist Ulla?«

»La patronne. Während einer Unterhaltung mit ihr kam mir die Idee mit deiner Beteiligung.«

»Erklär mir doch bitte mal genau, weshalb ich daran interessiert sein könnte, mein Geld in dieses Unternehmen zu stecken.« Darinas Ton war nicht gerade ermutigend.

William warf ihr ein flüchtiges Lächeln zu. »Hast du nicht, seit wir uns kennen, ständig davon geredet, dass es dein großer Traum sei, ein Hotel auf dem Land zu besitzen? Und versuchst du nicht gerade, dein wertvolles Haus in Chelsea zu verkaufen, um das Kapital dafür zu bekommen? Und hast du nicht neulich erst gesagt, dass dir der Verkauf wahrscheinlich doch nicht genug Geld einbringen wird, um ein Hotel zu kaufen, das deinen Vorstellungen entspricht? Als ich hörte, dass man im Hotel Morgan nach einem Partner Ausschau hält, der bereit ist, etwas Kapital in das Geschäft zu investieren, habe ich jedenfalls sofort an dich gedacht.« Nach diesen Worten sah er aus wie ein kleiner Hund, der seinem Besitzer stolz einen Hausschuh vor die Füße legt, ungeachtet dessen, dass er ihn vorher schon ausgiebig zernagt hat.

»Du meinst also«, Darina betrachtete ihn nachdenklich, »dass du meinen beruflichen Ehrgeiz ernst nimmst?«

»Zweifelst du etwa daran?«

»Wenn du mich in diesem Ton fragst, ja.«

»Wieso, was stimmt nicht mit meinem Ton?«

»Er klingt so nach >wenn ich ihr ihren Willen lasse, begreift sie vielleicht, was für eine idiotische Idee das Ganze ist<.«

Ihre grauen Augen blickten direkt in die seinen, und sein Grinsen verschwand. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest umschlossen, obwohl sie gar keine Anstalten machte, sie ihm zu entziehen. »Hör zu, Liebes, ich nehme dich wirklich ernst. Schließlich habe ich dich oft genug in Aktion erlebt, um zu wissen, dass du enorm talentiert und äußerst zielstrebig bist. Du hast aus deinem Catering-Service einen Riesenerfolg gemacht, und ich bin sicher, du bist eine der Besten in deinem Fach. Aber du kannst kaum Begeisterung von mir erwarten, wenn du ein Projekt starten würdest, das dich total in Anspruch nimmt – noch dazu an einem Ort, an dem ich dich möglicherweise nicht regelmäßig sehen könnte. Also schien mir die Sache mit dem Hotel Morgan ein guter Kompromiss zu sein.«

»Ein Kompromiss?«

»Es ist ein schönes Hotel, du hättest eine Partnerin, mit der du die Verantwortung teilen könntest, und es ist in meiner Nähe, sodass wir uns nach Dienstschluss immer treffen könnten.«

»Das heißt wohl, ich müsste alles stehen und liegen lassen, wenn du gerade Zeit hast?«

Er stöhnte und ließ ihre Hand los. »Das ist doch Unsinn. Du weißt genau, dass ich es so nicht gemeint habe.«

»Es hat aber ganz so geklungen. Und jetzt hör du mir mal zu. Ich verstehe und akzeptiere, dass du als Polizeibeamter keinen geregelten Acht-Stunden-Tag hast, und dass dein Privatleben da oft in den Hintergrund treten muss. Warum kannst du dann nicht auch akzeptieren, dass ein Beruf im Hotel- oder Gastronomiegewerbe nach ganz ähnlichen Prinzipien funktioniert?«

Seine Finger schlössen sich wieder um ihre Hand. »Darina, Liebling, heirate mich und gib die Idee mit dem Hotel auf. «

Ihre Augen weiteten sich, und einen Moment lang saß sie nur ganz still da.

»Das kommt ein bisschen plötzlich.«

»Jetzt sag nur noch, damit hättest du nicht gerechnet. Du weißt doch, was ich für dich empfinde, und während der letzten Wochen habe ich den Eindruck bekommen, dass du das gleiche fühlst. Wäre eine Heirat da nicht die logische Konsequenz?«

»Und das würde bedeuten, dass ich meinen Beruf aufgebe, um mich den Rest meiner Tage als Hausfrau zu betätigen?«

»Du bräuchtest ja nicht ganz mit der Arbeit aufzuhören – du könntest doch zum Beispiel nebenbei Partys und Festessen organisieren.«

»Nebenbei Partys und Festessen!«

»Naja, ich meine, wäre es denn nicht wichtiger, meine Frau zu sein? Und außerdem hätten wir ja noch Kinder.«

»Kinder«, wiederholte sie tonlos.

»Willst du denn keine Kinder?«

Darina dachte eine Weile über diese Frage nach. Was für eine Mutter würde sie wohl abgeben? Sie sah die kleinen, süßen Babys vor sich, die Williams Augen hatten, dann die schrecklich ungezogenen Kinder, die kein Gemüse essen wollten, schließlich die schwierigen Teenager, die gegen ihre Eltern rebellierten. Danach blickte sie sich noch einmal in dem eleganten Raum um.

»Ich nehme an, ein Hotel zu führen, darin die richtige Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Gäste wohlfühlen, für ihr Essen zu sorgen und sich um all ihre Bedürfnisse zu kümmern ist so was Ähnliches, wie Hausfrau und Mutter zu sein.«

»Und ich wette, die Gäste sind mindestens ebenso schwierig wie ein Kleinkind und genauso undankbar. Aber glaubst du denn im Ernst, dass ein Hotel eine wirkliche Familie ersetzen kann?«

Sie fühlte sich unbehaglich angesichts der Intensität seiner Blicke, die in seinen Worten nicht mitschwang.

»William, ich bin noch nicht so weit, mich auf diese Art zu binden. Ich kann mir nicht vorstellen, jemand anderen als dich zu lieben, aber wenn ich nicht versuche, das Ziel zu erreichen, das ich mir gesteckt habe, auch wenn es etwas ist, das dir unbedeutend erscheinen mag, würde ich es immer bereuen.«

»Du würdest es bereuen, mich geheiratet zu haben?«

»Das habe ich eigentlich nicht gemeint, aber du hast recht, das könnte passieren. Ich habe es schon bei Freunden erlebt.«

Sie beugte sich vor und sprach eindringlich weiter: »Versteh‘ doch, ich muss jetzt meine Chance ergreifen. Uns beiden bleibt noch jede Menge Zeit füreinander. Ich bin erst achtundzwanzig, da brauchen wir uns mit dem Nachwuchs doch nicht so zu beeilen. Aber wenn ich jetzt nicht versuche, meinen Traum vom eigenen Hotel zu verwirklichen, ist es zu spät. Der Konkurrenzdruck wird immer größer, das notwendige Startkapital auch. Schau dir doch an, was die neuen Hotels jetzt schon alles bieten müssen: Fitnessräume, Swimmingpools, eine spektakuläre Umgebung. Vielleicht ist es sogar schon zu spät für Leute wie mich, aber ich muss es einfach versuchen, begreifst du das denn nicht?«

Er sagte nichts.

»Kann zwischen uns nicht alles so bleiben, wie es war?«, fragte sie bittend.

»Du meinst, du willst weiterhin eine Affäre mit mir haben, aber du willst mich nicht heiraten?«

»Ist das heutzutage nicht so üblich?« Sie versuchte, einen leichteren Ton anzuschlagen.

»Dann bin ich wohl nicht so aktuell, wie ich dachte, sondern gehöre mit meinen Vorstellungen eher zu den Ewiggestrigen.« Er schob seinen Teller von sich, rief nach der Bedienung und bestellte Kaffee.

»Wie geht es denn Inspektor Grant?« Darina wollte das Thema wechseln, aber es schien, dass ihre Wahl keine besonders gute war, denn Williams Gesicht verdüsterte sich noch mehr.

»Er ist ganz begeistert von dem neuen Kollegen in unserem Team.«

»Und der taugt nichts?«

»Er ist eine Frau.«

»Du verdammter Chauvinist!« Darina war ehrlich empört.

»Aber nein, das verstehst du völlig falsch. Ich habe nichts gegen Frauen, wirklich nicht. Es ist nur so, dass wir bis jetzt ein großartiges Team waren; wenn nun eine Frau dazukommt, heißt das, dass sich die Arbeitsatmosphäre total verändern wird.«

Darina sagte nichts, sie sah ihren Begleiter nur an. Sie wusste, dass er im Grunde seines Herzens ziemlich konservativ war, aber sie hatte nicht realisiert, dass es solche Formen annehmen könnte.

»Und wie ist sie, eure neue Kollegin?«

»Ich habe sie erst heute Morgen kennengelernt. Eher ruhig, wirkt kompetent, keine strahlende Schönheit, aber sie sieht nett aus.«

»Kopf hoch! Wenn Grant diese Frau mit so viel Begeisterung aufgenommen hat, wird sie bestimmt ein würdiges Mitglied eures Teams. Außerdem wette ich um meine letzte Flasche Haselnussöl, dass auch dein hervorragender Inspektor mal ein aktives Mitglied im Club der Frauenfeinde war.«

William grinste breit und war plötzlich wieder ganz der Mann, den sie liebte. »Wie scharfsinnig du bist. Aber jetzt lass uns nicht weiter darüber reden. Was ich dir nämlich noch über dieses Hotel erzählen wollte, ist …« In diesem Moment trat die Bedienung an ihren Tisch, um ihm zu sagen, dass er am Telefon verlangt werde.

Während Darina ihren Kaffee trank und auf ihn wartete, sann sie darüber nach, wie wohl die Ablehnung seines Heiratsantrags ihre Beziehung verändern würde. Warum konnte er die Dinge nicht so lassen, wie sie waren?

Es war erst ein paar Wochen her, dass sie endlich begriffen hatte, wie tief ihre Gefühle füreinander waren. Dann hatte William sie kurzerhand zu einem Urlaub im Lake District entführt, wo sie den Luxus und das wunderbare Essen des Miller Howe Hotels genossen hatten. Keine Flitterwochen hätten schöner sein können. Die herrliche Landschaft, in der es im November fast keine Touristen gab, hatte ihrer romantischen Stimmung genau entsprochen. Zusammen waren sie über die Hügel gewandert, die seit den Zeiten der Römer unverändert geblieben waren, hatten Dörfer besucht, deren Häuser aus dunklen, vom Regen ausgewaschenen Steinen erbaut waren, hatten die Gedichte der Lakeland-Poeten gelesen, über alle möglichen Themen diskutiert, zu viel gegessen und zu viel Wein getrunken, was ihnen aber keineswegs schlecht bekommen war. Und Darina hatte eine Sinnlichkeit entdeckt, die über die Tafelfreuden hinausging …

Am zweiten Abend ihres Aufenthalts hatten sie sich vor dem Abendessen auf ein Glas Wein in die Hotelhalle gesetzt. Am Morgen waren sie zu einer Wanderung aufgebrochen, hatten in einem Pub zu Mittag gegessen und waren am Nachmittag auf ihr Zimmer mit Blick auf den Lake Windermere zurückgekehrt, der zu Tagesbeginn noch blauschimmernd unter einem wolkenlosen Himmel gelegen hatte, sich aber mittlerweile hinter einem Schleier aus Nebel und Regen verbarg. Während sie nun an ihrem australischen Chardonnay nippte, der, wohltemperiert, sein unvergleichliches Aroma entfaltete, gab sich Darina einem ganz ungewohnt intensiven Bewusstsein ihres Körpers hin – betäubt und aufs äußerste belebt zugleich, wie ein Bündel nackter Drähte in einer Samtumhüllung. Sie spürte jeden Atemzug des Mannes neben ihr. Seine linke Hand lag auf der Sessellehne; sie betrachtete die langen, knochigen Finger mit den flachen Nägeln, deren weiße Ränder sorgfältig geschnitten waren. Mit überaus großer Deutlichkeit erinnerte sie sich daran, wie diese Finger ihren nackten Körper berührt hatten, als sie der Umrisslinie ihrer Brüste und Hüften folgten; an den verschleierten Blick seiner nunmehr tiefdunklen Augen, und ebenso deutlich spürte sie jetzt an dem veränderten Rhythmus seiner Atemzüge, dass er in diesem Moment den gleichen Gedanken hatte.

Sie nahm diese Erkenntnis mit jeder Nervenfaser ihres Körpers auf, erhob ihr Glas, sah ihn mit einer Selbstsicherheit, die sie vorher nicht gekannt hatte, direkt an und brachte einen stillen Toast aus auf alles, was sie heute genossen hatten und in den folgenden Tagen noch genießen würden. Er erwiderte den Toast, sie lachten, redeten dann von etwas Belanglosem, ihr Wissen um zukünftige Freuden für sich behaltend, nicht wie ein Geizhals, der ängstlich seine Schätze hütet, sondern mehr wie ein Musikliebhaber, der seine liebste Schallplatte eine Weile ruhen lässt und stattdessen ein anderes Stück desselben Komponisten auflegt. Es war die Wahrheit, als sie sagte, sie könne sich nicht vorstellen, jemand anderen als William zu lieben. Er war ihr Freund und Gefährte ebenso wie ihr Geliebter; ein Mann, von dem sie sich gut vorstellen konnte, mit ihm alt zu werden. Doch derlei Pläne schienen ihr augenblicklich ein wenig verfrüht. So viel war geschehen, seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren, und ihr Leben hatte sich so sehr verändert. Damals hatte sie noch ihren eigenen Catering-Service gehabt, war ständig damit beschäftigt gewesen, neue Kunden zu werben und immer in Sorge, ob das Geld reichen würde. Jetzt war sie finanziell unabhängig und hatte damit die Gelegenheit, sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen. Und da war noch etwas. Seit sie Detective Sergeant William Pigram kannte, hatte sie bereits zwei Mordfälle gelöst. Obwohl er schließlich beide Male sehr großmütig gewesen war, wusste Darina, dass es ihm eigentlich lieber gewesen wäre, wenn sie sich nicht in etwas eingemischt hätte, was er, zweifellos zurecht, als seine Angelegenheit betrachtete.

Dabei hatte sie im Grunde gar keine andere Wahl gehabt. Jedenfalls nicht beim ersten Mal, als es darum ging, dass sie einfach ihre Unschuld beweisen musste. Beim zweiten Mal vielleicht schon eher, aber für sie war es eine Frage der Loyalität gewesen, und dann hatte sie festgestellt, dass es ihr Spaß machte, analytisch und mit der notwendigen Distanz zu denken, bis sie alle Hinweise so zusammengefügt hatte, dass sie die richtige Lösung ergaben. Darina schüttelte den Gedanken ab. Schließlich war es wohl ziemlich unwahrscheinlich, dass sie noch einmal in einen Mordfall verwickelt werden würde. Aber was wäre, wenn es William passieren würde? Würde sie es schaffen, ihre natürliche Neugier zu bezähmen und solche Fragen zu vermeiden, die ihm vorkommen könnten, als wolle sie sich einmischen oder gar – Gott behüte! – die Sache selbst in die Hand nehmen? William sah in ihr offensichtlich die Ehefrau und Mutter, nicht die Amateurdetektivin oder Hotelbesitzerin, wenn er jetzt auch das Gegenteil beteuerte. Und sie war noch nicht so weit, sich niederzulassen, ein Nest zu bauen und Kinder großzuziehen. Darina fühlte ihren Ehrgeiz wachsen wie Hefe in einem gut durchgekneteten Teig. Sie war wie eine Athletin, die lange und hart für ein bestimmtes Rennen trainiert hatte und jetzt, jeder einzelne Muskel vor Erwartung bebend, auf den Startschuss horchte. Sie hatte so viele Ideen und wusste genau, was sie erreichen wollte. Sie musste nur noch das richtige Objekt finden. War das Hotel Morgan das Richtige für sie? Und was genau waren Williams Motive, sie hierher zu bringen? Darina blickte sich ein letztes Mal im Speisesaal um. Wenn es auf diesem Niveau mit den Renovierungsarbeiten weitergehen sollte, konnte sie verstehen, warum sich die Besitzer nach einem neuen Geldgeber umsahen. Sie war beinahe entschlossen. Wenn nur das Essen nicht so gewollt originell und dabei so miserabel gewesen wäre. »Ich muss gehen.« Ihr Freund war an den Tisch zurückgekehrt, warf einen flüchtigen Blick auf die Rechnung, die in seiner Abwesenheit gebracht worden war, und entnahm seiner Brieftasche ein paar Geldscheine. »Man hat eine Leiche gefunden – es sieht aus wie Mord.«

William nahm hastig Abschied. »Unterhalte dich doch mal mit Ulla, und dann bitte Alex, dich nach Hause zu fahren«, rief er, während er in seinen Mantel schlüpfte und zu seinem Auto lief. »Ach ja, und entschuldige mich bitte bei ihr.« Darina winkte ihm nach, als er mit quietschenden Reifen davonbrauste und fragte sich, wann sie ihn wohl wiedersehen würde. Wenn er mit der Untersuchung eines Mordfalles beschäftigt war, könnte es einige Zeit dauern. Sie drehte sich um und betrachtete die Fassade des Hotels. Es war im viktorianischen Stil erbaut. Die hohen Erkerfenster, die zu beiden Seiten des reichverzierten Portals hervorsprangen, schienen ursprünglich zu einem älteren Gebäude gehört zu haben. Hinter der spitzgiebligen Front bot sich dem Betrachter ein Durcheinander von niedrigeren Dächern, auf denen sich zahlreiche Tudor-Kamine erhoben. Der graue Stein, der das Licht der Wintersonne schluckte, ohne es zu reflektieren, war nackt, kein Efeubewuchs milderte seine Strenge. Darina nahm die Einzelheiten des Gebäudes genauer in Augenschein. Das Dach schien in Ordnung zu sein, aber ein paar der Dachrinnen waren arg verrostet, und auch die Fugenmasse zwischen den Ziegeln musste ausgebessert werden. Und – war es Einbildung, oder neigte sich das Portal wirklich leicht nach einer Seite? Die Kiesauffahrt vor dem Haus war gepflegt, aber der Rasen mit seinen kümmerlichen Sträuchern ließ sehr zu wünschen übrig. Darina entdeckte ein paar tote Zweige, die von den Bäumen hingen, wahrscheinlich die Opfer der letzten Serie von Stürmen. Das Ganze sah aus wie die Kulisse zu einer Verfilmung von Dornröschen, aber ohne den märchenhaften Charme. Sie fröstelte, als sich ein kalter Wind erhob, und ging rasch wieder hinein. Die Eingangshalle des Hotels war ebenfalls völlig ungeeignet, den Gästen ein fröhliches Willkommen zu bereiten. Der dunkle, holzgetäfelte Raum war nur schwach beleuchtet, und das Mobiliar war ohne jeden Sinn für Stil zusammengestellt worden. Auf einem schweren Eichentisch mit gedrechselten Beinen war ein Sortiment von Prospekten für Touristen ausgelegt, und mehrere unförmige Plüschsessel mit hölzernen Armlehnen standen wenig einladend auf dem gefliesten Fußboden. In einem riesigen steinernen Kamin glomm schwach ein einsamer Holzscheit, der kaum dazu beitrug, die Raumtemperatur anzuheben, die man nur als lausig kalt bezeichnen konnte. Die Rezeption aus fleckigem Sperrholz hatte man in einer Ecke versteckt – Personal suchte man hier vergeblich. Das einzig Ansehnliche an diesem Raum war ein phantastisches Arrangement aus getrockneten Blumen in einer antiken, chinesischen Schale, die von einem runden, zentral platzierten Tisch aus ihre Schönheit verströmte. Die blauen und cremefarbenen Blüten, um deren lange Stiele sich wilder Wein rankte, waren mit viel Kunstfertigkeit und Geschmack angeordnet. Bewundernd betrachtete Darina eine Weile die Komposition. Sie fragte sich gerade, wo sie wohl die Besitzer dieses ungastlichen Etablissements finden könne, als sie Stimmen hörte – besser gesagt eine Stimme, weiblich und sehr ärgerlich.

»Und glaub‘ nicht, du könntest mich nochmal so versetzen! Nicht einmal entschuldigt hast du dich! Ich hab‘ gestern den ganzen Tag auf deinen Anruf gewartet; und heute Morgen ebenfalls.« Aus einer Tür an der Rückseite des Raumes trat eine junge Frau, die gerade in eine braune Wildlederjacke schlüpfte und ihre Bemerkungen über die Schulter zurückwarf, während sie energisch durch die Empfangshalle schritt. Das Auffälligste an ihr war eine wunderbar üppige, kupferrot schimmernde Lockenpracht, die ein recht hübsches Gesicht mit dunkelbernsteinfarbenen, leicht schrägstehenden Augen und einem Schmollmund umrahmte. Ihr kleiner, zierlicher Körper bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze, aber sie strahlte eine solche Unzufriedenheit aus, dass sie weit weniger attraktiv wirkte, als sie es eigentlich hätte sein können. In der Tür drehte sie sich noch einmal um, warf Darina einen gleichgültigen Blick zu und lächelte zu dem Mann auf, der ihr gefolgt war. In diesem Augenblick entfaltete sich plötzlich ihre zuvor nur angedeutete Anziehungskraft. »Wie wär’s mit heute Abend?« fragte sie mit süßer, unwiderstehlicher Stimme. Der Mann schien unbeeindruckt. »Ich ruf dich später an, Olivia. Ich kann dir keine Zusage machen, weil wir wahrscheinlich viel zu tun haben werden.« Der kleine Schmollmund verlor rasch wieder seinen Reiz. »Erzähl mir bloß nicht, dass ihr Gäste habt. Wenn du glaubst, dass ich wieder bloß rumsitze und auf dich warte, hast du dich getäuscht!« Mit diesen Worten verschwand sie und knallte die Tür hinter sich zu. Ohne die junge Frau auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, kam der Mann auf Darina zu. »Kann ich Ihnen helfen?« Darina blickte in Augen von der Schönheit eines in Eis gespiegelten, strahlendblauen Himmels und verstand augenblicklich den Groll des Mädchens. Der Mann war etwa in ihrem Alter, langgliedrig und schlaksig, salopp gekleidet in Jeans und Sweatshirt.

Sein flachsblondes Haar fiel ihm in die breite Stirn, und seine bemerkenswerten Augen lagen unter Brauen, die so hell waren, dass man sie kaum sah. Seine Wimpern waren von der gleichen Farblosigkeit. War dies der Grund, dass er wie jemand wirkte, der in den Anblick ferner Horizonte versunken war? Oder war es nur so, dass er an seiner näheren Umgebung einfach nicht interessiert war? »Ich suche den bzw. die Inhaber dieses Hotels: Tony und Ulla Mason.«

Er runzelte die Stirn. »Mein Vater ist tot. Wo Ulla ist, weiß ich nicht; und ich bin Alex Mason. Ich schätze, Sie können mich als den Miteigentümer betrachten. Worum geht’s denn?« Wie unaufmerksam von William, einfach zu verschwinden, bevor er sie über diese Tatsache unterrichtet oder ihr erzählt hatte, was genau er mit Ulla Mason besprochen hatte – falls er überhaupt irgendetwas mit ihr besprochen hatte. Während Darina noch überlegte, wie sie beginnen sollte, trat eine zierliche blonde Frau, nicht viel älter als sie selbst, durch die Eingangstür. »Was hast du denn mit Olivia Brownsword gemacht, Alex? Sie ist wie eine Furie an mir vorbeigerannt, ohne mich zu grüßen.«

»Sie wird schon drüber wegkommen. Anscheinend glaubt sie, sie hätte Anspruch auf meine Zeit. Hier ist übrigens jemand, der dich sprechen möchte.« Mit diesen Worten wies er mit einer lässigen Handbewegung in Darinas Richtung und verschwand in den hinteren Regionen des Hotels. »Vergiss nicht, dass du heute Abend Dienst hast«, rief die junge Frau ihm nach und seufzte tief. »Es ist mir ein Rätsel, warum dieses Mädchen so hartnäckig ist, er behandelt sie wie ein Stück Dreck. Also, was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme hatte einen leicht fremdartigen Tonfall, eine Art Singsang, der Darina, ebenso wie die ungewöhnliche Helligkeit ihrer Haare und ihrer Haut, an Skandinavien denken ließ.

»Ich bin Darina Lisle. William Pigram hat mich zum Mittagessen hierhergebracht«, begann sie.

»Oh ja natürlich, William. Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht hier war. Ich musste einkaufen, und das hat viel länger gedauert, als ich dachte. Für einen Montagmorgen war bei Yeovil ein unglaublicher Betrieb. War das Essen gut?« Die Frage klang wirklich interessiert.

Darina zögerte. »Wir haben diese Woche mit unserem neuen Menü begonnen. Der Küchenchef hat die Rezepte speziell für uns kreiert. Wir hoffen auf ein lebhaftes Weihnachtsgeschäft. Die Leute müssen den Truthahn doch langsam satthaben. Ah, Mr. Nicholls, wie schön, Sie zu sehen. Und wie nett von Ihnen, dass Sie uns so bald besucht haben. Haben Ihnen die Speisen zugesagt?«

Der Gast, der seine Mahlzeit mit solcher Konzentration verzehrt hatte, hielt auf seinem Weg zum Ausgang inne, als Ulla Mason auf ihn zuging, um ihn zu begrüßen. Er ergriff ihre Hand und sah sie an wie der Weihnachtsmann, dem gerade einfällt, dass er seinen Sack mit Geschenken vergessen hat. »Meine liebe Mrs. Mason, es tut mir leid, aber ich kann nichts für Sie tun. Ich kann unmöglich einen Artikel über Sie im Western Chronicle schreiben, denn das würde bedeuten, dass Sie überhaupt keine Gäste mehr hätten.« Er tätschelte tröstend ihre Hand. »Stellen Sie einen anderen Küchenchef ein, und lassen Sie mich wissen, wenn es soweit ist. Dann werde ich’s nochmal versuchen.« Er nahm seinen Mantel von einem altmodischen Kleiderständer und verließ das Hotel. Ulla Mason starrte ihm fassungslos nach. Dann drehte sie sich zu Darina um. »Was meint er denn damit? Das Essen kann doch wohl nicht so schlecht gewesen sein!?«

»Ich fürchte, doch.« In diesem Augenblick kamen die beiden Geschäftsleute unter lautem Gelächter aus Richtung des Speisesaals. Die Inhaberin lächelte ihnen nervös zu. »Du liebe Zeit, Ulla«, rief der größere von beiden mit dem Geschwür hinterm Ohr, »was haben Sie denn mit dem Essen angestellt? Und was spricht gegen Truthahn? Dieses vornehme Zeug hätten wir eher im Manor Park Hotel erwartet, mit dem Unterschied, dass man es dort auch hätte genießen können – warum bekommt man denn hier keine ordentlichen Pommes frites mehr und einen anständigen Pudding? Jetzt gibt’s noch nicht mal Hammelpastete, und wir haben schon Mitte Dezember!«

»Es tut mir wirklich leid, aber wir haben einen neuen Küchenchef und probieren mal ein anderes Menü. Kommen Sie doch nächste Woche wieder vorbei – ich werde sehen, was sich machen lässt. Das Mittagessen heute geht natürlich auf Kosten des Hauses.«

»Aber nein, das Steak war ganz in Ordnung.« Der große

Mann schlug sich seinen ausladenden Bauch. »Geben Sie uns einen Drink aus, wenn wir das nächste Mal kommen, und damit ist die Sache erledigt. So, und jetzt komm, Derek, wir müssen wieder an die Arbeit.« Ulla Mason blickte ihnen nach, und Darina hatte das Gefühl, sie würde gleich in Tränen ausbrechen. »Das waren zwei der einflussreichsten Männer aus dem Gemeinderat. Derek ist Vorsitzender der Baubehörde, und der Himmel weiß, ob die beiden jemals wiederkommen. Tony wusste immer, wie er mit ihnen umgehen musste. Sie haben ihm förmlich aus der Hand gefressen. Naja, es sieht ja ohnehin nicht so aus, als müssten wir in der nächsten Zukunft eine Baugenehmigung beantragen.« Sie strich sich über die Stirn. »Aber ich verstehe es trotzdem nicht. Sie müssen mir sagen, was passiert ist. William hat mir erzählt, dass Sie sich in der Gastronomie bestens auskennen.«

Ulla hakte sich bei Darina ein und führte sie durch die hintere Tür in ein kleines Büro am Ende eines dunklen Korridors. Durch das Fenster, das so schmutzig war, dass kaum das Tageslicht hindurchdrang, erkannte man einen schmuddeligen Hinterhof. Eine Lampe mit grünem Schirm bemühte sich, ein wenig Licht zu verbreiten; dennoch wirkte der mit Möbeln und Büromaterial vollgestopfte Raum nur wenig heller als die Eingangshalle. In der einen Ecke standen ein Computer und ein Kopiergerät und in der anderen ein mit Akten und Broschüren bedeckter, großer Schreibtisch. Dahinter saß Alex und studierte einen Atlas. Ulla funkelte ihn wütend an. »Hast du in der Bar alles vorbereitet für heute Abend?« Er sah nicht einmal auf. »Dafür ist noch reichlich Zeit. Wir werden kaum ins Schwitzen geraten von dem Ansturm der Gäste. Die einzige Reservierung für heute Abend ist ein Tisch für vier Personen.« Ulla wies auf einen kleinen Sessel. »Bitte setzen Sie sich.« Dann rieb sie sich die Hände. »Ist es nicht schrecklich kalt hier drin? Vielleicht sollten wir die Heizung anmachen.« Sie beugte sich vor und schaltete einen kleinen elektrischen Heizstrahler ein. »Alex, das ist Darina Lisle. Sie ist möglicherweise daran interessiert, unsere

Geschäftspartnerin zu werden.« Die durchdringenden Augen wandten den Blick vom Atlas und fixierten ihr Gegenüber. »Verkauf den alten Kasten, Ulla, und werd‘ diesen verdammten Alptraum endlich los. Du kämpfst hier eine verlorene Schlacht.« Der junge Mann stand auf und klemmte sich den Adas unter den Arm. »Man hat dir ein gutes Angebot gemacht, und ich kann dir nur raten, es anzunehmen.« Er schlenderte zur Tür.

»Du weißt, dass ich das nicht tun werde, Alex, obwohl ich manchmal in Versuchung komme; schließlich würde das bedeuten, dass ich dich nie wiedersehen müsste.« Er drehte sich noch einmal um. »Mäßige dich, sonst könnte es passieren, dass ich auf der Stelle verschwinde, was würdest du dann machen, liebes Mütterchen?« Mit den letzten Worten schloss er langsam die Tür hinter sich. Ulla machte ein Geräusch, das sich anhörte wie eine Mischung aus Knurren und Schreien und schlug sich mit der Faust an den Kopf. »Dieser verdammte Alex! Manchmal könnte ich ihn erwürgen. Wie kommt es eigentlich, dass bestimmte Leute so genau wissen, wie sie einen zur Weißglut bringen können?« Sie erwartete offensichtlich keine Antwort auf diese Frage. Während sie sich in dem Stuhl niederließ, den Alex geräumt hatte, betrachtete Darina sie interessiert. Ulla war höchstens dreißig Jahre alt. Ein paar Fältchen hatten begonnen, sich in die zarte Haut zu prägen, aber ihre Figur, deren volle Brüste und schmale Hüften unter einem Strickkleid mit passender Jacke bestens zur Geltung kamen, war jugendlich und sexy. Diese Mischung aus provokativer Sinnlichkeit und androgyner Unschuld musste umwerfend attraktiv auf Männer wirken, besonders in Verbindung mit diesem Gesicht, das so lieblich war wie das einer Märchenprinzessin, und diesem wunderbar flachsblonden Haar, das von natürlichen honig- und goldfarbenen Strähnchen durchzogen war.

»Ich nehme an, Alex ist ihr Stiefsohn?« Ulla nickte. »Er ist eigentlich kein Hotelier. Nachdem Tony starb, ist er hergekommen, um auszuhelfen. Aber lassen Sie uns nicht weiter über Alex reden, das macht mich immer so wütend. Sagen Sie mir lieber, was mit dem Mittagessen war. Ich dachte, die neuen Gerichte würden ein großer Erfolg werden.«

»Haben Sie den Küchenchef schon lange?«

»Nein, Ken Farthing hat erst vor ein paar Wochen bei uns angefangen. Ich war sehr zufrieden mit ihm, denn er schien wirklich gut zu sein. Das Angebot an Speisen, das wir vorher hatten, war sehr einfach und unkompliziert: Steak, Kotelett, Huhn – alles mit Pommes frites und anschließend ein paar traditionelle Desserts. Das hat er alles prima gemacht, aber ich hatte ihn eingestellt, damit er das Essen verändert und dem Niveau unseres Speisesaals anpasst. Als er sagte, er hätte neue Rezepte für ein paar stilvolle und erstklassige Menüs, habe ich ihm geantwortet, er solle gleich damit anfangen.«

»Sie haben die Gerichte nicht einmal vorher probiert?« Ulla sah geknickt aus. »Ich habe es nicht für nötig gehalten, weil ich dachte, er verstünde etwas von seinem Beruf. Es klang alles so köstlich. Was also ist schiefgelaufen?«

»Ich fürchte, er hat es geschafft, jedes Gericht zu ruinieren.« Darina beschrieb kurz ihr katastrophales Mittagessen. Ulla sah daraufhin noch niedergeschlagener aus. »Was soll ich denn jetzt machen? Wir können doch nicht wieder das gleiche wie vorher servieren, das passt einfach nicht mehr zum Stil des Restaurants.«

»Ich denke, Sie sollten lieber mal mit Ihrem Küchenchef reden.« Ulla erhob sich. »Würden Sie mit mir kommen? Sie sind doch eine Expertin auf dem Gebiet, und ich habe Angst, dass er mich nur wieder unsicher macht.« Widerwillig folgte Darina der Hotelbesitzerin durch den schlecht beleuchteten Flur, dessen Winkel und Ecken mit Toilettenpapierrollen und Cornflakes-Schachteln vollgestopft waren. Sie fragte sich, was genau wohl Ullas Qualifikationen für die Leitung eines Hotels waren; der Rat ihres Stiefsohns Alex kam ihr immer vernünftiger vor. Außerdem war ihr nicht ganz klar, warum sie eigentlich eingewilligt hatte, als Rückendeckung in einer Auseinandersetzung zu dienen, die zweifellos ziemlich unangenehm werden würde. Der Grund war wohl, dass Ulla eine gewisse Hilflosigkeit ausstrahlte, die direkt an ihren Beschützerinstinkt appellierte.

Das war vielleicht ein entscheidender Vorteil im Geschäftsleben. Darina seufzte. Ihr war seit langem klar, dass sie in niemandem einen Beschützerinstinkt weckte. Was sie ausstrahlte, war vielmehr Effizienz und Selbständigkeit. Sogar William, der ihre Größe von annähernd einem Meter achtzig noch um etliche Zentimeter übertraf, behandelte sie kaum wie ein »kleines Fräulein«. Aber das war schließlich auch das letzte, was sie wollte, oder?

Die Küche unterschied sich ebenso radikal vom Rest des Hotels wie das Restaurant. Sie sah aus wie ein Kraftwerk aus Edelstahl, nagelneuen Öfen und schimmernden Fliesen.

Der Fußboden wurde gerade von einem jungen Mädchen in schmuddelig-weißem Arbeitskittel gewischt. Eine große, massige Gestalt in ebenso schmuddeliger Arbeitskleidung, aber mit einer eindrucksvollen Kochmütze schrieb etwas mit einem stumpfen Bleistift auf die Rückseite eines alten Briefumschlags.

»Farthing!« Ulla bemühte sich tapfer, ihrer Stimme Autorität zu verleihen.

»Ja?« Ken Farthing hob den Kopf und präsentierte ein Gesicht, das aussah, als habe es einmal unsanfte Bekanntschaft mit dem Huf eines Pferdes gemacht. Die flache Nase und das stumpfe Kinn, die pockennarbige Haut und die kleinen Augen fügten sich zu einer Erscheinung zusammen, der man nicht unbedingt nach Einbruch der Dunkelheit begegnen wollte – ebenso wenig wie in dieser mit scharfen Messern und Hackbeilen gespickten Küche. Darina sah sich mit ungewohnter Nervosität in dem Raum um; dabei war es, wie sie feststellte, nicht so sehr der Anblick, den Ken bot, als vielmehr die Art und Weise, wie er es geschafft hatte, in dieses einzige Wort eine unbestimmte Drohung zu legen, während sich seine Schweinsäuglein zuerst auf Ulla Mason und dann auf sie selbst richteten.

Ulla blickte kurz auf das Mädchen, das immer noch den Fußboden säuberte, dann sah sie wieder den Koch an. »Ich hätte Sie gern kurz in meinem Büro gesprochen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie voran in das Zimmer, aus dem sie und Darina eben gekommen waren.

Psychologisch sehr geschickt, dachte Darina, ihn von seinem Terrain zu locken – weg von diesen furchterregenden Messern. Sie hatte schon etliche Geschichten gehört von Köchen, die in ihren Küchen Amok gelaufen waren, aber bis zu diesem Augenblick hatte sie ihren Wahrheitsgehalt eher bezweifelt.

Ulla setzte sich hinter den Schreibtisch; Darina trat ein wenig zur Seite, als die riesige Gestalt des Kochs eintrat.

»Farthing, ich möchte mit Ihnen über das Mittagessen reden.«

Erstaunlicherweise verzog sich das grobe Gesicht des Riesen zu einem breiten, strahlenden Lächeln. »Haben Sie es probiert? Es war phantastisch, nicht wahr?«

»Nun ja, eigentlich nicht. Es haben sich etliche Gäste darüber beschwert.«

Das Lächeln verblasste ein wenig, doch dann fasste er sich rasch wieder. »Pah, die meisten von denen verstehen doch nichts vom Essen. Sie wissen meine Kochkünste einfach nicht zu schätzen.«

Ulla sah hilfesuchend in Darinas Richtung. »Aber Miss Lisle hier versteht eine ganze Menge davon, und ich fürchte, ihr hat es auch nicht geschmeckt.«

Der baumlange Kerl wirbelte herum, um seine neue Gegnerin ins Auge zu fassen. »Hat Ihnen meine Art zu kochen nicht zugesagt?«

Diplomatie und Ehrlichkeit fochten einen Kampf in ihr aus. Aber bei Darina war dieser Kampf schnell entschieden. »Das Essen war grauenhaft.«

Die breiten, muskulösen Schultern strafften sich. »Grauenhaft!«, wiederholte der Mann in einer Lautstärke, dass man es wahrscheinlich noch ein paar Kilometer weit hören konnte.

Darina nahm all ihren Mut zusammen, denn offensichtlich half in dieser Situation nur schonungslose Offenheit. »Getrockneten Estragon auf den Frischkäse zu geben, ist schon an sich eine Todsünde; dann war der Frischkäse selbst unpassend für dieses Gericht; Avocado und Mango hätten ein richtiges Dressing gebraucht; die Fischsoße war bitter und hatte die Konsistenz von Tapetenkleister – und was Sie mit der Torte für den Nachtisch angestellt haben, ist mir völlig schleierhaft. Der Fisch selbst jedoch war sehr gut gekocht«, fügte sie hastig hinzu.

Die winzigen Augen starrten sie ungläubig an; dann schien es, als würde sein Körper noch mehr anschwellen. Er hob seine riesige Faust. Darina zuckte zusammen, aber sie wich nicht von der Stelle, bereit, den erwarteten Schlag zu parieren. Stattdessen hieb er jedoch auf den Schreibtisch ein.

»Sie haben doch keine Ahnung vom Kochen«, brüllte er. »Niemand hat eine Ahnung davon. Ich kreiere Gerichte,

neue Gerichte. Ich mache nicht das, was alle machen, mein Essen ist originell. Bloß weil ich keinen bekannten Namen hab‘, glaubt ihr alle, es tauge nichts. Sie verdienen es gar nicht, einen Koch wie mich zu haben«, schrie er Ulla an, die die Armlehnen ihres Stuhls umklammert hielt, aber nichts sagte.

Der Koch sah sie immer noch drohend an. Eine schreckliche Stille folgte. Wer zuerst redet, hat verloren, dachte Darina und beobachtete, wie der Zorn allmählich aus der hünenhaften Gestalt des Mannes entwich. Seine Stirn legte sich in Falten, während Ulla seinen Blick ruhig und sicher erwiderte.

»Wenn Ihnen nicht gefällt, was ich heute gekocht habe, kann ich doch vielleicht morgen was anderes probieren? Ich wüsste ein Rezept für Moorhuhn mit Granatapfel, das müsste der totale Knüller werden.« Aber sein Selbstbewusstsein war erschüttert, und er wirkte nun ziemlich unsicher.

Ulla sah rasch zu Darina, die ganz leicht den Kopf schüttelte. Unter strengster Aufsicht war dieser Möchtegernstarkoch wahrscheinlich sogar imstande, ein erstklassiges Gericht zu zaubern, aber wenn er sich selbst überlassen blieb, konnte es nur in einer Katastrophe enden.

»Es tut mir leid«, sagte die Besitzerin des Hotel Morgan, »aber was ich brauche, ist ein kompetenter und kreativer Koch – und seit heute weiß ich, dass Sie für diesen Job nicht geeignet sind.« Sie griff hinter sich und zog ein Kassenbuch aus dem Regal. »Ich gebe Ihnen den Lohn für zwei Wochen, und Sie gehen jetzt gleich.« Sie öffnete das Buch mit einem entschlossenen Schwung.

Der Koch schob seine Mütze nach hinten und kratzte sich am Kopf. Ken Farthing schien vollends verwirrt. »Sie meinen, ich kann nicht bleiben?«

Ulla sah von ihrer Buchhaltung auf. Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden hatte sich merklich verlagert. »Es ist das beste, wenn Sie sofort gehen. Sie müssen sich einen neuen Job suchen. Packen Sie Ihre Sachen, ich bringe Ihnen gleich Ihr Geld.«

Der Koch warf ihr noch einen schrägen Blick zu, aber Darina spürte, dass er sich in das Unvermeidliche gefügt hatte; kurz darauf verließ er wortlos das Büro. Sie war ein wenig überrascht, dass er so leicht aufgegeben hatte. Zuerst hatte es den Anschein gehabt, als würde er in seiner Wut die beiden Frauen niederschlagen und zu Hackfleisch für einen seiner originellen Aufläufe verarbeiten, doch im nächsten Augenblick war er wie ein Kind, das einen Erwachsenen anfleht, ihm noch eine Chance zu geben.

Ulla öffnete einen kleinen Safe, nahm eine Stahlkassette heraus, steckte das Geld für den Koch in einen Umschlag, versiegelte ihn, stellte die Kassette wieder zurück und verschloss den Safe. Dann wandte sie sich an Darina. »Kommen Sie mit in die Küche?«

Darina nickte und folgte ihr durch den langen Flur.

In der Küche fanden sie den Koch, der inzwischen seine Arbeitskleidung abgelegt hatte, in Jeans und einem dicken Pullover vor. Er wirkte nun plötzlich kleiner und nicht mehr im geringsten bedrohlich. Ohne die Kochmütze sah man sein dünnes, fettiges Haar. Er nahm den Umschlag von Ulla entgegen, drehte ihn mehrmals in seinen großen Händen, hob dann den Kopf und sah Darina direkt an. »Es hat also wirklich nichts getaugt, mein Essen, mh?«

Sie ließ sich nicht erweichen. »Nein. Bleiben Sie bei den einfachen Gerichten, die scheinen Sie gut zu können.«

»Das sagen alle.«

Ulla streckte die Hand aus. »Auf Wiedersehen, Farthing, und viel Glück.«

Er wischte sich die Hand an seinen Jeans ab, bevor er die ihre ergriff. Ulla blinzelte, während er ihren Arm auf und nieder pumpte und massierte sich die Finger, sobald er sie losgelassen hatte. Dann blieb sie stehen und sah zu, wie er den Umschlag ungeöffnet in seine Hosentasche steckte, eine Reisetasche nahm und durch die Hintertür verschwand.

»Das wäre erledigt«, sagte sie. »Ich bin froh, dass er keine Schwierigkeiten gemacht hat. Einen Moment lang habe ich geglaubt, er würde sich auf uns stürzen. Und was mache ich nun? Kein Küchenchef, und es ist bald Weihnachten. Wer soll jetzt das Essen kochen?«


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Darina Lisle_Teil 3_klein

Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

Mehr zu Darina Lisle:
Band 1: Mord extra scharf
Band 2: Mord gut abgeschmeckt

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Schwarzer Abgrund

Prolog

Wie friedlich sie schlafen. Als ob sie nichts zu befürchten haben.

Sie haben ja keine Ahnung.

Im Gegensatz zu ihnen bin ich hellwach. Ich beobachte sie. Ruhig und geduldig warte ich auf einen günstigen Moment. Und dann, wenn niemand damit rechnet, werde ich zuschlagen.

Dieser Moment ist nah. Ich kann es spüren.

Sie wähnen sich in trügerischer Sicherheit. Wahrscheinlich haben sie noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen wegen dem, was sie mir angetan haben, oder bereits alles wieder vergessen. Aber ich habe nichts vergessen. Gar nichts. Die Kränkung sitzt tief, und meine Gedanken kreisen ständig darum.

Doch bald werde ich Gelegenheit haben, es ihnen heimzuzahlen.

Ich lächle.

Schlaft weiter und träumt noch schön von eurem Urlaub. Denn wenn ihr morgen aufwacht, werdet ihr feststellen, dass ihr einen Ausflug in die Hölle gemacht habt!

 

Kapitel 1

17 Stunden früher …

Warum zum Teufel war ich gestern nur so spät ins Bett gegangen?

Völlig übermüdet stand ich in der zugigen Halle des Münchner Hauptbahnhofs und klammerte mich an meinen Coffee-to-go-Becher. Die Uhr zeigte 7.13 Uhr am Morgen, und zum wiederholten Male fragte ich mich, weshalb ich gestern so lange aufgeblieben war, nur um auf Facebook zu chatten.

Trotz der frühen Stunde herrschte in der Halle des Fern- und Regionalverkehrs bereits ein reges Treiben. Wichtig aussehende Business-Typen mit Anzug und Krawatte eilten an weniger wichtig aussehenden Normalos vorbei, die, genauso müde wie ich, über den Bahnsteig schlichen.

Wie konnte man nur in der Früh schon so rumstressen?, wunderte ich mich und schüttelte über die Anzugträger verständnislos den Kopf.

Ich hatte für diese Art von Menschen, die nur ihre Karriere im Sinn hatten, nicht viel übrig. Allein die Vorstellung, den ganzen Tag in einem stickigen Büro verbringen zu müssen, raubte mir die Luft zum Atmen und würde für mich niemals in Betracht kommen. Nachdem ich letztes Jahr in den Sommerferien für zwei Wochen in einem Tierheim gejobbt und dabei einen Tierarzt unterstützt hatte, stand für mich mein Berufswunsch fest. Wenn ich nächstes Jahr mein Abi in der Tasche hatte, wollte ich mich an der Uni für Tiermedizin einschreiben. Doch das lag noch in weiter Ferne, und jetzt war erst einmal Urlaub angesagt.

Ich trank einen Schluck von meinem Latte macchiato, in der verzweifelten Hoffnung, dass das Koffein endlich die ersehnte Wirkung tun würde. Wie bescheuert musste man eigentlich sein, ausgerechnet in den Sommerferien um diese Uhrzeit aufzustehen? Und noch dazu an einem Montag!

Ich sah zu meiner besten Freundin Pia hinüber, die vor einem Kiosk stand und schuld an dem Ganzen war. Sie blätterte gerade durch einen Stapel Magazine und strich sich mit einer anmutigen Bewegung ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht. Ich fragte mich, wie sie es sogar zu dieser frühen Morgenstunde schaffte, so gut auszusehen. Während meine schulterlangen braunen Haare in alle Himmelsrichtungen zu stehen schienen und mein Gesicht aufgrund des Schlafmangels müde und ausgelaugt wirken musste, war sie genauso hübsch wie jeden Tag. Pia hatte sich dezent geschminkt, was ihre großen smaragdgrünen Augen noch mehr betonte. Zu ihrer khakifarbenen Hose trug sie ein hautenges, dunkelrotes Top, und ich musste neidvoll zusehen, wie sich Männer öfter nach ihr umdrehten und ihr bewundernde Blicke zuwarfen.

Pia hatte schon immer alle Augen auf sich gezogen, und manchmal kam ich mir neben ihr wie ein hässliches Entlein vor; wenngleich ich definitiv nicht hässlich war. Deine Schönheit kommt von innen, pflegte Pia mir immer zu sagen, wenn ich ihr meinen Neid auf ihr Aussehen gestand. Mochte sein, dass sie damit recht hatte, aber das war trotzdem nicht sonderlich hilfreich, wenn es um die wirklich angesagten Jungs ging.

Ein Junge war auch der Grund dafür, warum ich jetzt in aller Frühe auf dem Bahnsteig stand und auf einen Regionalzug wartete.

Pia bezahlte und kam mit ein paar Hochglanz-Modezeitschriften in der Hand zurück.

„Damit sollte ich erst mal versorgt sein“, meinte sie. „Obwohl ich wahrscheinlich eh nicht allzu viel zum Lesen kommen werde.“ Sie zwinkerte mir zweideutig zu und warf einen Blick auf ihre Uhr. „Robbie sollte mal langsam auftauchen. Wir waren bereits vor zehn Minuten verabredet.“

„Er kommt bestimmt gleich“, meinte ich zuversichtlich, obwohl ich Unpünktlichkeit nicht ausstehen konnte. „Du kennst ihn ja, er trödelt immer.“

„Schon klar, aber unser Zug geht in einer Viertelstunde.“

„Ich wette mit dir, dass er genau fünf Minuten vor Abfahrt auftaucht.“ Grinsend streckte ich ihr die Hand entgegen. „Um einen Latte macchiato mit einem Croissant.“

Pia lachte und schlug ein. „Okay, abgemacht. Ich halte dagegen.“

Während sie die Modemagazine in ihrem Rucksack verstaute, sah ich zu den wartenden Zügen hinüber und dachte an unseren bevorstehenden Urlaub. Einen Urlaub, der so nicht geplant war, denn ursprünglich hatte Pia mit Robert allein wegfahren wollen. Pias Onkel besaß eine Hütte in den Bergen, weit abseits der üblichen Touristengebiete, und sie wollte dort zusammen mit ihrem neuen Freund eine Woche in trauter Zweisamkeit verbringen. Sie war erst seit ein paar Wochen mit Robert zusammen, einem sportlichen Jungen mit etwas längeren schwarzen Haaren, der in die Jahrgangsstufe über uns gegangen war und dieses Jahr sein Abi gemacht hatte. Auch wenn er so seine Macken hatte, war er doch ein netter Kerl, ich kam gut mit ihm klar. Er war jemand, der sein Leben in vollen Zügen genoss und dabei nichts anbrennen ließ. Wahrscheinlich hatten Pias Eltern ihren Urlaubsplänen von der Zweisamkeit genau deshalb einen Strich durch die Rechnung gemacht und sie vor die Wahl gestellt: Entweder sie nahm noch eine Freundin mit, oder sie blieb daheim.

Und so hatte Pia mich dazu überredet, mitzukommen.

Eigentlich musste sie mich gar nicht groß dazu überreden, denn ein Urlaub in der Einsamkeit der Berge war genau das, was ich momentan brauchte. Noch nie in meinem Leben hatte ich so dringend weggewollt; weg aus meinem Alltag und vor allem fort von der Erinnerung an vor drei Wochen, als ich das Gefühl gehabt hatte, die Welt würde über mir einstürzen. Es schmerzte noch immer, wenn ich daran zurückdachte, und ich fragte mich, ob es wohl jemals besser werden würde. Schnell verdrängte ich den Gedanken wieder.

Pia war froh, dass ich sie nicht im Stich ließ. Damit ich mir dabei jedoch nicht wie das dritte Rad am Wagen vorkam, hatte ich darauf bestanden, dass noch ein Vierter mitkam. Meine Eltern hatten schon länger überlegt, zur Abwechslung mal allein in den Urlaub zu fahren, daher tat ich ihnen den Gefallen und fragte meinen kleinen Bruder Florian, ob er Lust hätte, uns zu begleiten. Ich musste ihn nicht zweimal fragen, er war sofort hellauf begeistert.

Florian war zwei Jahre jünger als ich, überragte mich jedoch bereits um einen ganzen Kopf. Mit unseren braunen lockigen Haaren sahen wir uns nicht nur äußerlich recht ähnlich, wir verstanden uns auch so ziemlich gut — von ein paar kleineren Reibereien mal abgesehen.

„Wann fährt unser Zug noch mal ab?“, wollte eine Stimme hinter mir wissen und riss mich aus meiner Grübelei.

Ich drehte mich zu meinem Bruder um, der auf seinem Rucksack am Boden saß und in ein Spiel auf seinem Handy vertieft war.

„Um halb acht.“

Florian hämmerte wie wild auf den Touchscreen seines Smartphones ein.

„Mist“, fluchte er, als eine Melodie signalisierte, dass er das Spiel verloren hatte. Er verzog die Mundwinkel und steckte das Handy in seine Hosentasche. „Halb acht?“, wiederholte er und sah zu der großen Bahnhofsuhr hinüber. „Dann wird’s aber langsam eng.“

„Keine Panik“, beruhigte ich ihn. „Robert kommt schon noch.“ Dabei wurde ich selber langsam nervös.

Er schnitt eine Grimasse, und hinter seiner Brille mit den dicken Gläsern blitzten zwei haselnussbraune, lebenslustige Augen auf. „Ich und Panik? Hallo, ich bin ja wohl die Gechilltheit in Person. Du bist das Nervenbündel.“

„Ach tatsächlich?“ Ich strich ihm über seinen Wuschelkopf, weil ich wusste, dass er das gar nicht mochte, und er versuchte vergeblich, mich mit seinen Händen abzuwehren.

„Warte nur, bis wir auf der Hütte sind“, drohte er mir lachend. „Da bist du mir und meiner Rache hoffnungslos ausgeliefert. Pass auf deine Haare auf.“

„Das werden wir ja sehen, wer ruhig schlafen kann“, konterte ich und grinste. Dabei wurde ich innerlich immer unruhiger. Was wenn Robert es tatsächlich nicht mehr rechtzeitig schaffen würde? Der nächste Zug fuhr erst wieder in zwei Stunden, doch ich wollte keine Sekunde länger als nötig hierbleiben. Die kommende Woche war für mich nicht nur Urlaub, sondern vielmehr eine Flucht; eine Flucht vor meinem Ex.

 Ich trank meinen Latte macchiato aus und streckte mich, um den letzten Rest meiner Morgenmüdigkeit loszuwerden. Die Halle um uns herum füllte sich mit noch mehr Reisenden. Von Robert noch immer keine Spur. Plötzlich stockte ich, als ich ein bekanntes Gesicht in der Menge erblickte.

Timo?, dachte ich erstaunt.

Timo stand bei einer Gruppe mir unbekannter Jugendlicher, die sich mit ihrem Gepäck unter der Abfahrtsanzeige gesammelt hatte. Er war ein großgewachsener junger Mann, der mich mit seinen schulterlangen blonden Haaren und dem braungebrannten Gesicht an einen dieser Surfertypen aus Kalifornien erinnerte.

Ich stieß Pia an. „Schau mal, wer da drüben ist.“

„Oh nein“, meinte sie nur. „Was will der denn hier?“

In der nächsten Sekunde drehte Timo seinen Kopf und sah in unsere Richtung. Er entdeckte uns und lächelte. Mit den Händen lässig in den Hosentaschen kam er zu uns herüber geschlendert.

„Hi“, sagte er. „Na, was geht?“

„Hi, Timo“, antwortete ich und versuchte, in seiner Nähe nicht wie immer rot zu werden, während Pia ihn lediglich mit einem Kopfnicken grüßte. Ich glaube, sie war nicht gerade erbaut darüber, ausgerechnet hier auf ihren Ex-Freund zu treffen.

Timo deutete auf unsere Rucksäcke. „Wo geht’s denn hin?“

„Wir fahren für ein paar Tage zum Wandern in die Berge.“

„Echt? Wollt ihr zelten?“

„Nein, wir sind zu einer Hütte unterwegs.“

„Cool.“

„Und du?“

„Ich fahr mit meinen Kumpels nach Italien an den Strand.“ Er nickte in die Richtung der Gruppe unter der Abfahrtsanzeige. „Nach dem ganzen Abistress wollen wir mal so richtig die Sau rauslassen.“

„Gratuliere dir übrigens zum bestandenen Abi.“

„Danke.“ Er strahlte uns an. Sein Lächeln war immer noch umwerfend. „Ist schon ein Wahnsinnsgefühl, endlich die Schule hinter sich zu haben.“

„Das glaub ich dir“, seufzte ich. „Ich kann es kaum abwarten, bis es bei mir endlich so weit ist.“

„Ist doch nur noch ein Jahr.“

„Nur?“ Entgeistert starrte ich ihn an.

Er lachte. „Glaub mir, das Jahr ist schneller rum, als du denkst. Am Schluss bist du so mit Lernen beschäftigt, dass du für gar nichts anderes mehr Zeit hast.“

„Na, hoffentlich nicht. Ich komm ja jetzt schon nicht mehr mit dem Stoff nach.“

Pia hielt sich zwar aus dem Gespräch raus, nickte jedoch zustimmend.

„Ihr packt das schon. Und ich freu mich jetzt erst mal auf bella Italia.“ Verträumt rollte er mit den Augen. „Wird bestimmt ein Riesenspaß.“

Ja, dachte ich, Spaß hatte Timo immer. Und offenbar war er auch darüber hinweg, dass Pia mit ihm Schluss gemacht hatte.

Ich bemerkte, dass seine Kumpels sich bereit machten, aufzubrechen. Sie schulterten ihr Gepäck und blickten sich um.

„Oh, sorry“, sagte Timo, „ich muss leider los. Ich wünsch euch auf alle Fälle einen richtig geilen Urlaub. Erholt euch gut, und vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“

„Dir auch eine schöne Zeit in Italien“, erwiderte ich, während Pia nur ein schwaches Lächeln zustande brachte.

Timo eilte zu seiner Gruppe zurück, schnappte sich sein Gepäck und folgte den anderen auf den Bahnsteig.

„Alles okay?“, fragte ich an Pia gewandt.

„Klar“, antwortete sie. „Wieso?“

„Nun ja …“

„Du meinst wegen Timo?“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Über den bin ich längst hinweg. Ich bin mittlerweile mit Robbie zusammen, schon vergessen?“

Ja, dachte ich, Pia war über Timo hinweg. Wenn ich doch nur dasselbe von Mark behaupten könnte.

Pia drehte mir den Rücken zu und kramte in ihrem Rucksack nach ihrem Smartphone. „Wo bleibt Robbie nur? Ich ruf ihn lieber mal an.“

Mein Blick schweifte durch die Halle. Wenn er jetzt nicht langsam kam, würden wir alle unseren Zug verpassen.

Im nächsten Moment entdeckte ich Robert, der die Rolltreppe von der S-Bahn hochfuhr.

Da kommt er ja endlich, dachte ich.

Doch jemand anderer zog meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich musste zweimal hinschauen, um sicherzugehen, dass ich mich nicht irrte. Doch es bestand kein Zweifel.

Robert war nicht allein.

 

Kapitel 2

Als ich Roberts Begleitung erkannte, runzelte ich irritiert die Stirn.

Das war doch der Dominik, dachte ich. Der Neue aus unserer Kollegstufe, der irgendwo aus Norddeutschland kam und erst Anfang des Jahres nach München gezogen war. Er war bereits neunzehn, und wenn die Gerüchte stimmten, dann war er von der zwölften Jahrgangsstufe in die elfte zurückgegangen und wiederholte diese, zumindest das letzte Halbjahr.

Ob er Robert zufällig über den Weg gelaufen ist?, wunderte ich mich. Oder warum gingen die beiden nebeneinander? Doch dann bemerkte ich seine Wanderausrüstung und sah, wie Robert auf uns zeigte.

Nein, die beiden waren sich nicht zufällig begegnet, sondern Robert hatte ihn mitgebracht. Mich beschlich ein leiser Verdacht.

Pia, die die beiden noch nicht bemerkt hatte, fluchte neben mir. „Es ist fünf vor halb acht. Du verlierst unsere Wette.“ Sie zog die Mundwinkel hoch und öffnete in ihrem Handy das Telefonbuch. „Hoffentlich hat er nicht verschlafen.“

„Hat er nicht.“ Ich deutete in die Richtung des S-Bahn-Aufgangs.

Pia drehte sich um und strahlte bei seinem Anblick. Doch in der nächsten Sekunde erblickte sie seine Begleitung und sah mich erstaunt an.

„Ist das nicht der Dominik?“

„Ja.“

„Und was macht der hier?“

„Das frage ich dich.“

„Sieht so aus, als würde er mitkommen. Aber wir sind doch schon zu viert.“

Ich neigte meinen Kopf leicht. „Sag mal, Pia, hast du möglicherweise vergessen, Robert zu erzählen, dass Florian mit von der Partie ist?“

„Nein, natürlich nicht. Ich hab …“ Sie stutzte, und ich konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf zu rattern begann.

Pia konnte ziemlich schusselig sein. Keine Ahnung, wo sie manchmal mit ihren Gedanken war, aber es wäre nicht das erste Mal, dass man ihr etwas sagte, und keine fünf Minuten später hatte sie es bereits wieder vergessen.

„Äh …“ Verlegen verzog sie das Gesicht. „Ich glaub, das hab ich vergessen.“

„Na toll!“

„Tut mir leid. Ich wollte es Robbie gleich erzählen, nachdem Flo zugesagt hatte, aber dann musste er zum Training und … naja, ich hab’s vergessen.“

Ich schaute grimmig. War ja klar.

Robert war davon ausgegangen, dass wir nur zu dritt waren. Er wollte bestimmt so viel Zeit wie möglich mit Pia allein verbringen, und da war ich nur im Weg. Eigentlich war es eine nette Geste von ihm, noch jemanden mitzubringen, aber wie war er ausgerechnet auf Dominik gekommen?

„Das ist mir jetzt echt voll peinlich.“

„Sag das Dominik, wenn du ihm erklärst, dass er nicht mitkommen kann.“

„Ach komm schon, ist doch halb so wild. Fahren wir halt zu fünft.“

„Das meinst du jetzt nicht Ernst?“ Zumal es auf der Hütte nur vier Schlafplätze gab.

Es war ihr deutlich anzusehen, dass ihr die Situation ziemlich unangenehm war.

„Warum nicht? Dominik ist doch süß“, sagte sie und warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu.

Ich verdrehte die Augen. So war Pia nun mal. Immer wollte sie mich verkuppeln. Grundsätzlich hatte ich nichts dagegen, Dominik mal näher kennenzulernen, doch ich wollte ihn nicht in unserem Urlaub dabei haben. Unser Kontakt in der Schule hatte sich bis jetzt auf ein Minimum beschränkt, denn er verhielt sich bisweilen ziemlich seltsam und undurchsichtig. Ich konnte nicht sagen, was es war, aber er hatte etwas an sich, dass ich nicht genau beschreiben konnte. Einerseits weckte er mein Interesse, doch gleichzeitig fühlte ich mich in seiner Gegenwart immer irgendwie verunsichert.

In der nächsten Sekunde hatten die zwei Jungs uns erreicht. Pia lief auf ihren Freund zu, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich, während Dominik danebenstand, ein leises „Hallo“ nuschelte und fast etwas schüchtern zu Boden blickte.

„Hi“, erwiderte ich.

Florian erhob sich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich dachte, wir wären nur zu viert.“

„Dachte ich auch“, gab ich zurück.

Während Pia und Robert innig verschlungen waren und den Rest der Welt um sich herum vollkommen vergessen zu haben schienen, musterte ich heimlich unseren Überraschungsgast.

Seit dem ersten Tag, als Dominik an unserer Schule aufgetaucht war, hatte er sich sehr zurückhaltend, fast schon abweisend verhalten. Er setzte sich meistens in die letzte Reihe, sprach nur, wenn der Lehrer ihn explizit dazu aufforderte, und verzog sich in den Pausen immer ins hinterste Eck des Schulgeländes. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn schon jemals auf einer Party getroffen zu haben, und irgendwer hatte mir mal erzählt, dass er keinen Tropfen Alkohol anrührte. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen derart introvertierten Einzelgänger wie ihn getroffen, der sich offenbar nicht viel aus Gesellschaft machte, sondern lieber für sich allein blieb.

Das Interessante daran war, dass Dominik gar nicht wie der typische Einzelgänger aussah. Ganz im Gegenteil, denn er war sogar ziemlich attraktiv. Seine blonden Haare waren kurz geschnitten, nur ein paar Strähnen fielen ihm neckisch in die Stirn. Er hatte ein einprägsames Gesicht, und die hohen Wangenknochen und das markante Kinn erinnerten mich irgendwie an Johnny Depp. Unter seinem langärmligen Shirt zeichnete sich eine muskulöse Statur ab. Und dann waren da noch diese stahlblauen Augen, die mich normalerweise sofort zum Schmelzen gebracht hätten. Doch sie strahlten nicht, sondern wurden von einem seltsamen Schimmer bedeckt. Fast kam es mir so vor, als wäre die Glut in seinen Pupillen schon vor langer Zeit erloschen.

Seinem Aussehen nach zu urteilen, war Dominik definitiv eine faszinierende Person, doch sein seltsames Verhalten anderen gegenüber gab mir bisweilen ein Rätsel auf.

Dominik stand noch immer regungslos da, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Ein peinliches Schweigen entstand zwischen ihm, Florian und mir. Ich hätte gerne einen lockeren Spruch gesagt, um die Situation zu entkrampfen, doch wie immer in solchen Fällen wollte mir partout nichts Passendes einfallen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten Pia und Robert sich schließlich wieder voneinander. Er legte den Arm um seine Freundin und warf mir ein Lächeln zu, das seine strahlend weißen Zähne entblößte. Seine Sonnenbrille mit den spiegelnden Gläsern hatte er auf die Stirn hochgeschoben.

„Hi, Lara“, begrüßte er mich.

„Hallo, Robert.“

„Und, was geht?“

„Du bist total spät dran“, grummelte ich.

Robert grinste. „Bin nicht gerade ein Morgenmensch. Aber passt doch noch.“ Er deutete auf seine Begleitung. „Dominik kennt ihr ja. Von mir aus können wir dann los.“

Ich wartete, dass Pia Robert erklärte, dass Dominik nicht mitdurfte.

Dominik blickte kurz auf, und unsere Augen trafen sich. Sekundenlang sahen wir uns an, doch sein Blick war leer. Irgendwie beschlich mich in diesem Moment ein beklemmendes Gefühl.

Florian nahm mir die Entscheidung ab, indem er sich an mir vorbei drängte und gut gelaunt die Hand zum Gruß in die Luft hob.

„Hallo“, sagte er an Dominik gewandt. „Ich bin der Florian.“

Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, ein schwaches Lächeln in Dominiks Gesicht zu erkennen, doch im nächsten Moment war seine Mimik wieder neutral.

„Wer ist denn das?“, wollte Robert irritiert wissen.

„Das ist Florian“, erklärte Pia.

„Ja, das hat er gerade gesagt.“

„Er ist Laras Bruder.“

„Schön für ihn. Und was will er hier?“

„Er kommt mit.“

„Was? Ich dachte, nur Lara ist mit von der Partie.“

Pia schnitt eine Grimasse. „Schon. Sozusagen.“

„Ja, was denn jetzt?“

„Mir ist da was voll Peinliches passiert.“

Robert sah sie auffordernd an, und auch Dominik schien gespannt.

„Naja“, stotterte sie. „Also, Lara wollte noch jemanden mitbringen, damit sie … also … damit wir halt zu viert sind. Sie hat Florian gefragt, und er war sofort dabei. Blöderweise hab ich vergessen, es dir zu sagen.“

Robert zog seine Augenbrauen hoch. „Nicht dein Ernst?“

„Sorry.“

Robert blickte abwechselnd von Pia zu Florian und Dominik. “Und was machen wir jetzt?“

„Ist doch klar, Dominik kann nicht mit“, sagte ich bestimmt. „Unsere Eltern sind weg und Florian kann auf keinen Fall allein zu Hause bleiben. Er muss mit.“

„Ich habe Dominik aber zugesagt, dass er mitkommen kann“, entgegnete Robert und funkelte mich wütend an.

Pia schob sich dazwischen und gab ihm einen Kuss. „Egal, dann sind wir eben zu fünft. Wird auch so cool werden.“

„Seh ich genauso“, stimmte Dominik ihr zu.

Pia warf mir einen flehentlichen Blick zu. Bloß keinen Streit.

Ich seufzte. „Na, gut, von mir aus.“ Wenngleich mir bei der Entscheidung nicht wohl war. Ich schulterte meinen vollgepackten Wanderrucksack und sah auf die Uhr. Im nächsten Moment zuckte ich erschrocken zusammen.

„Ach du Scheiße. Unser Zug fährt in weniger als einer Minute ab!“

 

Kapitel 3

„Was?“ Pia sah sich panisch um. „Scheiße, hoffentlich schaffen wir das noch. Zu welchem Gleis müssen wir überhaupt? Hat das jemand nachgeschaut?“

Robert zuckte nur mit den Achseln.

„Gleis 32“, antwortete ich, denn im Gegensatz zu den anderen hatte ich mich gestern Abend noch im Internet schlaugemacht.

Wir sprinteten los und hetzten quer durch die Halle auf unser Gleis zu. Der Zug konnte jede Sekunde losfahren. Mühsam bahnten wir uns den Weg durch die Menschenmenge. Der Rucksack war schwer, weil wir neben unseren Schlafsäcken und Klamotten auch noch Proviant für die ganze Woche mitschleppen mussten. Bereits nach kurzer Zeit schnaufte ich wie ein Walross. Auf halber Strecke konnte ich gerade noch einem älteren Ehepaar ausweichen, doch ich stolperte und geriet ins Straucheln. Ich ruderte wild mit den Armen, um mein Gleichgewicht nicht zu verlieren, aber es war vergeblich. Ich sah mich bereits mit gebrochener Nase auf dem Bahnsteig liegen. Doch im letzten Moment griff eine Hand nach meinem Arm und verhinderte, dass ich hinfiel.

Nachdem ich wieder einen festen Stand hatte, drehte ich mich nach meinem Helfer um und stellte fest, dass es Dominik war, der Schlimmeres verhindert hatte.

„Danke“, keuchte ich außer Puste.

„Gern geschehen“, murmelte er kaum hörbar und wandte sogleich wieder seinen Blick von mir ab.

„Jetzt beeilt euch schon!“, rief Pia, die hinter Robert und Florian gerade in die Bahn einstieg und sich an der Tür noch einmal umdrehte.

Es waren nur noch etwa zwanzig Meter, als plötzlich die Lautsprecherdurchsage ertönte: „Auf Gleis 32, der Zug Richtung Oberammergau, bitte zurückbleiben.“

Was?

Erschrocken rannte ich wieder los und lief hinter Dominik her, der ein erstaunliches Tempo vorlegte. Dominik erreichte den Zug und blieb in der Tür stehen, damit sie nicht schließen konnte.

„Jetzt mach schon!“ Pia musste ihren Hals verrenken, um an Dominik vorbeisehen zu können.

In letzter Sekunde erreichte ich den Zug und sprang in den Wagen hinein, bevor die Tür sich hinter mir schloss.

Geschafft!

Ruckelnd setzte die Regionalbahn sich in Bewegung, und ich lehnte mich für einen kurzen Moment gegen die Tür, um wieder zu Atem zu kommen. Mein Herz raste wie wild.

„Das war aber verdammt knapp!“, meinte Pia. „Dachte schon, du bleibst zurück.“

„Das hättest du wohl gerne“, entgegnete ich, nachdem sich mein Puls wieder einigermaßen normalisiert hatte. „Okay, lasst uns einen Platz suchen.“

Robert ging voran, und wir mussten in dem engen Gang durch den halben Zug laufen, ehe wir zwei Viererplätze fanden. Lediglich eine ältere Frau saß dort regungslos am Fenster. Sie schien zu schlafen, denn sie hatte ihre Augen geschlossen.

Pia und Robert setzten sich nebeneinander, und Florian stürmte sogleich auf den Fensterplatz. Ich ließ mich neben ihm nieder, und für Dominik blieb nur noch der Sitz in dem Block daneben, schräg gegenüber der älteren Frau. Unsere Rucksäcke quetschten wir zwischen uns auf den Boden.

Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil Dominik abseits von uns sitzen musste. Aber es schien ihm nichts auszumachen, und eigentlich konnte es mir auch egal sein. Zumindest hat der Urlaub aufregend begonnen, dachte ich und freute mich jetzt doch auf die Zeit, die vor uns lag. Auch wenn Dominik nun dabei war.

Der Zug verließ die Halle des Münchner Hauptbahnhofs und nahm Geschwindigkeit auf. Bald darauf ratterte er monoton durch die Stadt in Richtung Süden.

Robert legte seinen Arm um Pias Schultern und streckte die Beine auf den Rucksäcken am Boden aus. Betont lässig lehnte er sich zurück. Er setzte seine Sonnenbrille auf, in deren Gläsern ich mich spiegelte, und sagte: „Ich sag euch, das wird richtig geil.“

Sonnenbrille im Zug?, dachte ich kopfschüttelnd. Weil es hier drin ja so wahnsinnig grell war.

„Wie kommt dein Onkel eigentlich zu dieser Hütte, Pia?“, erkundigte ich mich, um meine Gedanken von Roberts Pseudocoolness abzulenken.

„Weil er Almhirte ist. Oder besser gesagt war.“

„Echt?“ Florian drehte sich neugierig zu ihr um.

Pia nickte. „Ja. Ganz früher arbeitete er in einer Bank, aber nach einer Weile hat ihn das total gelangweilt. Er war schon immer sehr naturverbunden, und irgendwann hat er seine gesamten Ersparnisse zusammengekratzt und einen Bauernhof und diese Hütte gekauft. Seitdem hat er in den Bergen gelebt und trieb jedes Frühjahr die Kühe auf die Alm hoch. Dort verbrachte er dann den ganzen Sommer.“

„Und jetzt?“

„Vor zwei Jahren bekam er leider gesundheitliche Probleme und musste kürzertreten. Er ist zurück in die Stadt gezogen, aber die Hütte hat er behalten. Von Zeit zu Zeit schaut jemand dort vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Und da wir gerade Sommerferien haben, hab ich mir gedacht, das können wir tun.“

„Gut gedacht“, meinte Robert und küsste sie.

Ich warf einen Blick zu Dominik hinüber, der ein belegtes Käsebrot aus seinem Rucksack holte und es schweigsam vertilgte.

„Woher kennt ihr zwei euch eigentlich?“, wollte ich wissen, um endlich mehr über ihn zu erfahren.

Doch nicht er, sondern Robert beantwortete meine Frage.

„Vom Sport. Wir machen zusammen Judo.“

„Kampfsport?“

Robert nickte. „Ich bin gut, aber Dominik ist voll krass. Er hat den Schwarzen Gürtel.“

„Echt jetzt?“, hakte Florian sofort nach.

Alle Augenpaare richteten sich auf Dominik, doch der aß seelenruhig sein Brot weiter. Entweder tat er so, als hätte er das Gespräch gar nicht mitbekommen, oder er war tatsächlich vollkommen abwesend.

Es war genau dieses sonderbare Verhalten, das er auch in der Schule immer zutage legte und das mich an ihm irritierte.

Warum verhält er sich nur so seltsam?, fragte ich mich. Mit seinem Aussehen könnte er doch locker zu den beliebtesten Jungs in der Schule gehören. Tat er nur so, als interessierte er sich nicht für das, was um ihn herum geschah, oder gehörte er zu den Menschen, denen alles vollkommen egal war? Die innerlich so abgestumpft waren, dass ihnen nichts und niemand mehr wichtig war. Aber warum war er dann überhaupt mitgekommen?

Florian sprang von seinem Sitz auf und nahm auf der anderen Seite neben Dominik Platz.

„Erzähl mal“, forderte er ihn voller Begeisterung auf.

„Was möchtest du denn wissen?“, antwortete der mit einer Gegenfrage und versetzte mich damit in Erstaunen. Offenbar war er doch nicht so in seiner eigenen Gedankenwelt versunken, wie ich vermutet hatte.

„Machst du das schon lange?“

„Ziemlich lange. Hab schon als Kind damit angefangen.“

„Und du könntest mich einfach so mit einem Wurf zu Boden bringen und mich fertigmachen?“ Florian blickte ihn gespannt an.

Dominik lächelte. „Ja. Aber das könntest du auch. Ist nur eine Frage der richtigen Technik und des Gleichgewichtbrechens.“

„Wow.“ Florian schien beeindruckt.

Mein Bruder war stark kurzsichtig und musste bereits an der Netzhaut operiert werden. Daher durfte er weder schwere Sachen heben, noch hatte er als Kind mit den anderen Jungs am Spielplatz raufen können. Auch wenn er das nur allzu gerne getan hätte. Wahrscheinlich übten gerade deshalb all die Dinge, die er nicht machen konnte, solch eine Faszination auf ihn aus.

„Zeigst du mir mal was?“

„Klar. Ich kann dir sogar was beibringen.“

Florian war begeistert, doch im Gegensatz zu ihm war mir auf einmal gar nicht mehr wohl in meiner Haut.

Dominik machte Kampfsport und hatte den Schwarzen Gürtel. Er war also nicht nur absolut undurchsichtig, sondern auch noch gefährlich. Wollte ich mit so jemandem wirklich eine ganze Woche in völliger Abgeschiedenheit auf einer Hütte in den Bergen verbringen?


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.


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Patricia Walter studierte in München Statistik und arbeitet in der Versicherungsbranche. In ihrer Freizeit betreibt sie neben dem Schreiben Kampfsport, insbesondere Judo und Kung Fu. In Judo hat sie den zweiten Schwarzgurt und ist ehrenamtlich als Trainerin tätig. 2016 erschien ihr Psychothriller Kalte Erinnerung, ein Jahr später folgte Dunkle Vergangenheit. Schwarzer Abgrund ist ihr erster Jugendthriller.

Anna Herzig über ihren berührenden Liebesroman

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Worum geht es in deinem Buch Ein ganzes, süßes Leben?

Kurz gesag: Um Menschlichkeit.

Um das Leben, die Liebe. Was passiert, wenn zwei Menschen aufeinander treffen, für die der Zeitpunkt denkbar ungünstig ist und – was sie daraus machen.

Darum, wieviel Schmerzen verursacht werden, wenn sich zwei gegen das wehren, was unausweichlich und vorbestimmt ist.

Jemand hat mir mal gesagt: Es kommt so wie es kommt, da muss man Vertrauen haben. Sonst wär´s nicht so.

Bittersüße Worte und sehr wahr.

 

Wie würdest du Sophie, Christopher und Adrian in jeweils einem Wort beschreiben?

Sophie: Stur

Christopher: Großzügig

Adrian: Brennend

 

Was genau brauchst du um glücklich zu sein?

Das variiert ständig. Leider oder gottseidank.

 

Glaubst du an schicksalhafte Wendungen des Lebens?

Ja. Zu 100 % ja. Man will meistens nicht daran glauben, dass es Schicksal gibt – weil das bedeutet, man kann nichts kontrollieren im Leben –  deshalb tut man es ab mit: Das ist mir einfach so passiert. Nichts passiert einfach so.

 

Wie hast du dich in die richtige Stimmung beim Schreiben versetzt?

Ich nutze stimmige Momente, Begegnungen, die mich berühren, Menschen die mich inspirieren.

Meistens auch durch Musik. Meine Schreib – Playlist ist sehr chaotisch und bunt durchgemischt.

Aktuell hör ich rauf und runter: Jon Bellion – All time low

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Mein neuer Roman erscheint im Frühjahr 2018 bei Voland & Quist. Darauf freue ich mich sehr. Vor allem über die Zusammenarbeit. Dieses Jahr bin ich sehr fleißig!

  

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Ich verstehe die Frage nicht : )

  

Hast du eine Buchempfehlung für uns?

Geschmack ist so subjektiv. Aber lest einfach, immer und wann immer ihr Zeit habt.

Bitte lest. Das ist so wichtig. Am besten Indie Autoren, die haben jede Unterstützung dringend notwendig.

Empfehlen kann ich aus dieser Kategorie:

Wolfgang Haupt, für alle die Krimis und Thrill mögen

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Anna Herzig wurde 1987 in Wien geboren und hat im Alter von 17 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht. Ihr Augenmerk liegt auf den Menschen, der Liebe zu Makeln und Abgründen, besonderen Momenten, Satzromantik und Begegnungen, die sich einbrennen.

Leseprobe zu Ein ganzes, süßes Leben.

Ein ganzes, süßes Leben

Prolog – Damals

Links oder rechts, Sophie?

Links oder rechts? Was wird es?

„Ach, verdammt“, flüstert sie und beißt sich auf die Lippen. Zu fest, aber das stört nicht. Jetzt hilft der Schmerz, damit sie mit beiden Beinen am Boden bleibt. Ein paar Minuten noch, auf die anschließend eine schwere Entscheidung folgen wird. Egal in welche Richtung sie Anlauf nimmt. Wenn Sophie in diesem Augenblick ausreißt, bricht sie allen das Herz. Was wiegt schon das eigene gegen mindestens fünfzig enttäuschter Leben? Was hat sie dazu gebracht, Hochverrat in diesem Ausmaß an sich selbst zu begehen? Richtig.

Er.

Diese Hochzeit findet nicht im kleinsten Kreise statt, so wie vereinbart, sondern wurde zu der Hochzeit aufgebauscht. Nicht diese Hochzeit, sondern ihre Hochzeit. Daran sind die Eltern ihres zukünftigen Ehemannes schuld. Nur das Beste für die Schwiegertochter und zukünftige Mutter ihrer mit Sicherheit elitären Enkelkinder, die noch nicht geboren sind. Das erste ist noch nicht geboren, um genau zu sein. Sie streicht über ihren runden Bauch, in dem sich ihr Sohn befindet. Wie etwas so Wundervolles aus einer so furchtbaren Situation hervorgehen kann, entzieht sich ihrem Verständnis.

Sophie wird sich später kaum noch daran erinnern, wie wunderschön sie ausgesehen hat, wie makellos. Obwohl sich alles in und an ihr gegen diese Verbindung sträubt, sagt ihr der längliche, auf zwei Beinen stehende Spiegel mit Goldumrandung etwas anderes, nämlich: Sieh dich an. Du hast von Anfang an perfekt in diese Familie voller Überflieger mit unbegrenzten Mitteln gepasst. Es ist dir bestimmt, dieses Leben zu führen, eines, in dem Sorgen ein Fremdwort sind. Du wirst dich um nichts kümmern müssen, niemals wieder, flüstert die rationale Stimme, die, die Sophie gar nicht leiden kann. Weil sie nicht immer, aber meistens, recht hat. Die Kinder deiner Kinder werden keinen einzigen Tag in ihrem Leben arbeiten müssen. Überleg dir gut, wie du aufgewachsen bist, wie deine Eltern kämpfen mussten, damit ihr das Notwendigste hattet.

Aber was, wenn?

Drei Worte, die ihr seit Wochen Magenschmerzen verursachen. Aber was, wenn? Der andere Mann.

Wenn er dich wollen würde, wirklich inständig wollen würde, dann hättest du nicht dieses Ding in dir, das so sehr wehtut, dass es nicht mehr erträglich ist. Erfüllte Liebe verursacht keine Schmerzen. Verursacht selten Schmerzen, korrigiert die Stimme.

Du bist ihm egal, säuselt sie, du kannst nicht alles für einen Mann riskieren, der launisch ist, und weitaus schlimmer: Nicht weiß, was er will. Das sind die Gefährlichsten. Das weißt du mittlerweile. Um dieses Wissen zu erlangen, hat sie mit einer teuren und kostbaren Währung bezahlt:

Ihrem Seelenfrieden.

„Sophie?“ Das ist ihr Name. Und die Stimme ihres mittlerweile besorgten Vaters. Sie reagiert nicht. Wenn sie ganz still ist, vielleicht wäre es dann möglich, dass sie sich in Luft auflösen könnte, wenn sie sich nur stark genug konzentriert. Oder sie könnte sich irgendwie durch das kleine Fenster hindurchquetschen in die Freiheit, Adrian finden und ihm sagen … Was würde sie ihm denn sagen? Es liegt nicht an ihr. Nicht mehr. Er muss kommen, hat sie während der gesamten letzten Nacht gedacht, während sie sich von einer Seite auf die andere im Bett gewälzt hat, neben Christopher, ihrem Verlobten, der tief schlief. Es liegt in seiner Verantwortung, auf mich zuzukommen und reinen Tisch zu machen. Aber so? Sie ist nicht klüger, als vorher. Sie weiß nichts darüber, wie er für sie empfindet und weitaus wichtiger: Ob er genug für sie fühlt, um sie für sich gewinnen zu wollen.

Es ist dein Hochzeitstag. Christopher ist hier, Adrian nicht. So einfach ist das.

Nein. Jetzt ist Schluss. Adrian hat nichts davon verdient. Nicht mal das kleinste bisschen Aufmerksamkeit. Sie hat ihm gesagt, was sie für ihn empfindet und er hat sie mit Schweigen bestraft. Christopher auf der anderen Seite liebt sie bedingungslos. Das ist das absolut letzte Mal gewesen, dass sie einem Mann, dem sie nichts bedeutet, Raum in ihren Gedanken geschaffen hat.

Herzklopfen und weiche Knie, das kann ich lernen. Irgendwie wird das schon funktionieren. Am Anfang werde ich mich daran erinnern müssen, diesen Mann zu lieben, aber mit der Zeit wird es einfacher werden, denkt sie.

Alles wird sich normal und vollständig anfühlen.

Richtig?

 

Kapitel Eins – Heute

Man sagt, Zeit heile alle Wunden.

Sophie glaubte das nicht und wehrte sich gegen diesen ganz speziellen Gedanken, der sich bereits vor Monaten in ihrem Kopf eingeschlichen hatte.

Eines Morgens war sie aufgewacht und da war er gewesen. Es begann als schwaches Flüstern, wurde lauter und hatte sich letztendlich als großes, weißes Plakat mit dicker, schwarzer Schrift vor ihr manifestiert, jedes Mal, wenn sie die Augen schloss.

Sie blinzelte und stieg aus dem Bett. Die Vorhänge waren bereits zurückgezogen worden, das Frühstückstablett ruhte wie immer fein säuberlich auf dem Frisiertisch. Der gesamte Raum war sonnendurchflutet und sie hörte leises Vogelgezwitscher durch eines der gekippten Fenster.

Und ihn.

Das Beatmungsgerät, das Luft in seine Lungen zwang und der Sauerstoff, welcher seinem Kopf zugeführt wurde, verhinderten, dass er starb. Weg war für immer.

Sie strich ihr langes, cremefarbenes Nachthemd glatt und ging zu ihrem Ehemann hinüber. Alt werden ging so rasant schnell und wie weit weg es ihr damals noch erschienen war! Sie war eine alte, gebrechliche Frau geworden. Die Zeit, die unaufhörlich voranschritt und alles überdauerte.

„Guten Morgen“, sagte sie und lächelte. Sie rief sich sein Gesicht, wie es damals gewesen war, in Erinnerung. Ohne die Altersflecken, ohne die dünne, rissige Haut, durch die sich ganz fein die Adern abzeichneten. In ihrer Vorstellung lächelte er zurück. Seine neugierigen Blicke suchten ihre Augen und lasen darin, so wie sie es seit jenem Tag gemacht hatten, an dem ihnen das Leben eine zweite Chance gegeben hatte.

Sophie fuhr ihm mit zwei Fingern sanft durch das graue Haar, gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange und stellte sich vor, dass er wie damals roch, der Duft, der sie angezogen hatte; der es vor über fünfzig Jahren gewesen war, der sie hatte schwach werden und zweifeln lassen. Die Augen und der Mund hatten alles Weitere besiegelt, und sie war machtlos gewesen.

Lass mich gehen, flüsterte die Stimme wieder. Lass mich gehen, bitte.

„Ich kann nicht“, murmelte sie.

„Und sonst?“, hörte sie ihn sagen und lachen. Sein Lachen, das ihr jeglichen Atem geraubt hatte. Es klang nun weit entfernt.

Sie war nicht undankbar. Es war nur so, dass man immer hoffte, ein bisschen mehr Zeit zu haben. Jahre, Monate, Tage oder einfach nur Stunden.

Damals hatte sie sich mächtig gefühlt.

Es war das Vorrecht der Jugend zu glauben, man wäre der Mittelpunkt der Welt und die Schelte die Erfahrung, die einem auf dem langen, beschwerlichen Weg das Gegenteil wissen ließ.

Was bedeuteten die lohnenswerten Tage ohne die hoffnungslosen? Es war immer irgendwann für irgendwen der Zeitpunkt gekommen, um Abschied nehmen zu müssen. Für wen es letztendlich schmerzhafter war, blieb ungewiss.

Die Zeit heilte keine Wunden.

Es war lediglich so, dass die Narben blasser wurden, die Erinnerung ausgeblichener, die Seiten, die man jahrelang eifrig beschrieben hatte, vergilbter. Sophie erinnerte sich gerne daran, wie ihr Vater oft gesagt hatte, dass das Einzige, was er hoffte, seiner Tochter auf den Weg in ein eigenständiges Leben mitgeben zu können, ein wacher Geist war und ein gesundes Maß an Selbstzweifel, um immer genügend Raum des an sich Arbeitens zu gewährleisten.

***

Zum Glück gab es Norah Lane. Norah war wundervoll. In jeglicher Hinsicht. Sie hatte in den letzten zwei Jahren nicht nur die Funktion einer Pflegehelferin, sondern auch die einer Haushaltshilfe und guten Freundin eingenommen. Standhaft. Loyal. Warmherzig. Sie war etliche Jahre jünger als Sophie und schien den Alltag mühelos zu meistern. Sophie konnte sich noch genau an den Moment erinnern, als sie Norah für immer ins Herz und in ihre Abendgebete eingeschlossen hatte. Es war vorletzten Mai gewesen, kurz vor seinem einundsiebzigsten Geburtstag.

Die sechste Woche, in der er bereits ans Bett gefesselt, aber hin und wieder noch bei Bewusstsein gewesen war.

Sophie hatte sich geweigert, überhaupt noch zu schlafen, da sie die Momente nicht verpassen wollte, in denen sie ihm in die Augen sehen konnte, seine Hand drückte und hoffte, er würde sie erkennen.

Bisweilen konnte er minutenlang wach bleiben, sie nur ansehen und ein wenig lächeln, ohne irgendetwas zu sagen. Dann gab es die anderen Tage, in denen er scheinbar nur das Bewusstsein erlangte, um sie und ebenso jeden anderen, der in seine Nähe kam, zu beflegeln. Seit einigen Wochen war er gar nicht mehr aufgewacht.

„Sie müssen ihn gehen lassen“, hatten ihr die Ärzte mehrmals erklärt.

Bereits in jungen Jahren war sie einer der Menschen gewesen, die akribisch nach Zeichen suchten.

Zeichen, die zu etwas führten, das mehr war.

„Ich lese dir etwas vor, in Ordnung?“, fragte sie ihren Ehemann, der stumm blieb und die Augen geschlossen hatte; diese schönen Augen, die sie immer verfolgt hatten, als sie sich mit ihrer Kaffeetasse und der Morgenzeitung in der Hand zu ihm gesetzt hatte. Sophie hatte also begonnen, ihm das Horoskop vorzulesen, jeden Morgen. Zuerst ihr Sternzeichen, dann seines, gelegentlich Kommentare zu deren Wahrheitsgehalt hinzugefügt, nach seiner Meinung gefragt und ihm höflichkeitshalber einige Sekunden Zeit gelassen, um zu antworten, so getan, als würde er es und gelächelt.

Gelegentlich gesellte sich Norah hinzu, wenn ihr die Haushaltsarbeit einige Minuten Zeit ließ und unterhielt sich mit ihnen. Sie hatte gelernt, dass es Sophie keine größere Freude bereiten konnte, wenn sie ihn in die Unterhaltungen miteinbezogen. Anfangs fühlte es sich für Norah eigenartig an, aber es wurde zur Gewohnheit. Wie so viel anderes auch.

Während Sophie ihren Frühstückstee trank und Tabletten einnahm, die ihre Schmerzen zumindest um ein Drittel lindern würden, blätterte sie durch eines der unzähligen Fotoalben, die sie sorgsam in einer alten, hellbraunen Truhe im Schlafzimmer aufbewahrte. Sophie fand es schade, dass Kameras dazu benutzt wurden, um Augenblicke festzuhalten, zu konservieren. Es sollten die Menschen sein, die zu Momentefängern wurden.

Sophie war Tochter, Freundin, Geliebte, Ehefrau, anschließend Mutter und Großmutter geworden. In welcher Rolle sie sich am meisten wohlgefühlt hatte, wusste sie nicht mehr. Damals, als junge Frau, hatte sie sich nicht vorstellen können, dass es Wunden gab, deren Schnitte so tief brannten, dass man sie ein Leben lang mit sich herumtrug. Ebenso wenig war sie sich bewusst gewesen, was falscher Stolz mit den Leben zweier Menschen anrichten konnte. Das Leben in all seiner Grausamkeit hatte ihr daraufhin viele Jahrzehnte Zeit gegeben, eben das herauszufinden.

Als sich Sophie nach dem Frühstück fertig angekleidet hatte, gab sie Norah kurz Bescheid und verließ das große, stille Haus, um auf den Wochenmarkt zu gehen und einige Kleinigkeiten einzukaufen.

Die frische Luft und die Menschen würden ihr guttun. Bald würde ihr Sohn mit den Mädchen kommen, ihren Enkelinnen. Zwillinge noch dazu. Ihr Sohn, Maximilian, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte, besuchte sie jedes zweite Wochenende, um ein bisschen Zeit mit seiner Mutter zu verbringen. Er war ein guter Junge. Immer schon gewesen. Attraktiv wie sein Vater, einfühlsam wie Sophie. Eine durchaus gelungene Mischung und ein willkommener Lichtblick in diesen düsterten Stunden, in denen Sophie eine Entscheidung zu treffen hatte.

Die schwerste in ihrem ganzen Leben.

 

Kapitel 2 – Jetzt

Norah Lane war in einer sehr kleinen Stadt, eher einem Dorf, aufgewachsen. Die Sommer waren dort lang, die Winter kalt und das Leben einfach, aber gut. Das deutlichste, klarste Bild, das sie aus ihrer Kindheit immer bei sich trug, war ihr Großvater. Ewig wippend in einem alten Schaukelstuhl, Zeitung lesend und über Politik schimpfend. Der ständig an ihm haftende Geruch von Aniskeksen verfolgte sie bis heute.

Und natürlich Tommy. Ein wunderschöner, acht Jahre alter Australian Kelpie. Es war eine Nutzliebe gewesen. In trostlosen Zeiten legte er ihr den Kopf auf die Knie oder ließ es zu, dass sie sich an ihn kuschelte und ihm ihr Teenagerleid klagte, das sie in sein Fell hineinmurmelte. Sie revanchierte sich mit langen Spaziergängen und beschützenden Armen, die sie um ihn legte und ihn an sich drückte, wenn Gewitter und teilweise heftiger, tagelanger Regen Einzug hielten. Und genau dieser Regen war es letztendlich gewesen, der sie immer hatte an Flucht denken lassen.

Als sie ihren Heimatort verließ, um in der nächstgelegenen Stadt zu studieren, hatte sie ihn zurücklassen müssen. Es war ein Abschied gewesen, der sie noch bis heute schmerzte. Der Weg, der sie und die alte Frau letztendlich zusammengeführt hatte, basierte auf einer Reihe unzusammenhängender Zufälle und Sekundenentscheidungen.

***

Norah hatte einen Abschluss in Kunstgeschichte gemacht und reiste nach dem Studium mit ihrem Liebhaber, Laurent, um die ganze Welt. Fast jedenfalls. Irgendwo zwischen Lissabon und Rom kam ihr Laurent abhanden, da er sich in Nadja verliebte. Eine Französin, die es verstand, mit ihrem bezaubernden Charme und ihren endlos langen Beinen umzugehen. Norah wusste das deshalb, weil sie die beiden in ihrem Zugabteil erwischt hatte, als sie vom Abendessen zurückgekehrt war.

Und auch wenn es vieles gab, das Norah gerne teilte, Männer gehörten nicht dazu.

In Florenz stieg sie aus dem Zug und mit ihm ließ sie ihr Vertrauen in Partnerschaften zurück. Norah perfektionierte ihre Italienischkenntnisse indem sie sechs Monate in Italien lebte. Die Männer, mit denen sie schlief, konnte sie nicht mehr zählen. Wenn Norah nach einem jener waghalsigen, unvorsichtigen und feurigen Liebesabenteuer aus dem Gewühl von Polster, Decken und dem Geruch der vergangenen Nacht ihre wackligen Beine in Bewegung setzte, verbrachte sie Stunden damit, einfach auf der Fensterbank zu sitzen und zu rauchen. Nachzudenken. Hin und wieder reichte es ihr auch, mit leerem Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zu stehen und ihre unzähligen Sommersprossen zu zählen. Dies tat sie an schönen, warmen Tagen ebenso wie an den kalten, düsteren. Sie kümmerte sich wenig um die Freunde, die sie zurückgelassen hatte, oder um die Eltern, die sich sorgten, und die Abtreibung eines Kindes, für das die Zeit noch nicht reif gewesen war. Sie lernte eine Landsmännin kennen, die ihr anbot, sollte sie je wieder in der Heimat sein, bei ihr vorbeizusehen, man könne doch ein bisschen Zeit zusammen verbringen. Und genau dies tat sie, drei Monate später. Norah dachte: Warum eigentlich nicht? Sich auf neue Dinge einzulassen, muss nicht immer wehtun. Sie konnten einen weiterbringen, andere Wege aufzeigen.

Sie verbrachten den Abend vor dem Kamin in Norahs Haus, aneinandergelehnt, betrunken und waren nach ermüdenden, auslaugenden Gesprächen über die Sinnlosigkeit von Beziehungen zu dem anderen Geschlecht in angenehmes Schweigen verfallen.

Leicht hätte man den vielen, romantischen Aspekten dieser Nacht und des Ambientes die Schuld zuschieben können, für die Dinge, die nun ihren Lauf nahmen. Möglicherweise waren es auch die zarten, vorsichtigen Berührungen gewesen. Zwei Finger, die Norah eine rote Haarsträhne hinters Ohr schoben, der unsichere Kuss auf den Nacken, ein weiterer auf die Sommersprossen ihrer Stirn; sie ließ sich fallen. In etwas, das neu, aber dennoch nichts war, nach dem sie suchte.

Carmen. Ihr Name war Carmen, erinnerte Norah sich viele Monate später. Acht Wochen nach dieser Nacht und nachdem sie kläglich darin gescheitert war, in der ortsansässigen Anwaltskanzlei als Sekretärin zu arbeiten, und während in ihrem Kopf ein nicht enden wollender Wirbelsturm tobte, entschied sie für sich und Carmen, dass es an der Zeit war, die Situation zu beenden.

Warum sie ihr gesagt habe, dass sie sie liebe, wenn dem gar nicht so sei?

„Weil es das war, was du hören wolltest“, war alles, was Norah geantwortet hatte, bevor sie sich wieder dem Packen ihres Rucksackes gewidmet hatte. Mit dem Zug fuhr sie drei Ortschaften weiter, entschied sich spontan auszusteigen, und dort war es gewesen, dass sie in den Supermarkt gegangen war, um sich mit einigen Getränken und Sandwiches auszustatten. Der Supermarkt, in dem an der alten, verschmutzten Pinnwand neben anderen Annoncen für Babysitter, Klavierunterricht und Reinigungsdienste der einzige handgeschriebene Zettel hing, der allein dadurch ihre Aufmerksamkeit erregte. Haushälterin gesucht für ein Paar in den Siebzigern.

Das alles lag bereits mehr als zwei Jahre zurück.

Was wohl aus Laurent geworden war?

***

Es war einer dieser verregneten, wolkenverhangenen Nachmittage gewesen, die nur auf dem Land diese seltsame, verlassene, aber doch einzigartige Stimmung erzeugten. Nichts roch besser, als Mairegen, hatte sie damals gedacht.

Als Norah mit dem Zettel in der Hand, den sie im Supermarkt von der Pinnwand abgerissen hatte, an die Tür klopfte, war sie bereits durchnässt. Die langen, schweren Haarsträhnen hingen ihr widerborstig ins Gesicht und schränkten ihr Sichtfeld ein. Im Nachhinein wunderte sie sich, dass sich die alte Frau bei Norahs Anblick nicht zu Tode erschrocken hatte, als sie ihr langsam und zögerlich die Tür öffnete.

„Sie sind die Einzige“, war alles, was sie sagte, als Norah den Zettel mit der Annonce fast entschuldigend hochhob und nach Einladung eintrat. Fast hätte diese Szenerie unheimlich gewirkt, wäre da nicht diese tiefsitzende Traurigkeit in den Augen ihres Gegenübers gewesen, die Norah zu faszinieren begann.

„Kommen Sie, Kind“, sagte die alte Frau, nahm sie sogleich bei der Hand und führte sie in eines der Badezimmer des großen Hauses. Norah wusste noch genau, wie seltsam es sich angefühlt hatte, dass so viel Wohnfläche von so viel Stille beherrscht wurde. Keine Musik, keine gedämpften Geräusche aus dem Fernseher. Nichts. Es war das einzige Vorstellungsgespräch, das sie jemals absolvierte, obwohl es im Grunde nichts dergleichen gewesen war.

„Stört es Sie?“, hatte die alte Frau, die sich als Sophie vorstellte, gefragt und auf das vor ihr liegende Päckchen Zigaretten gedeutet. Norah verneinte und trank einen Schluck von ihrem Tee. Der Regen drosch erbarmungslos auf die Veranda nieder, und während Sophie erzählte, rauchte, weitererzählte, sich auf die Unterlippe biss, begann Norah zu überlegen, wie Sophie Hollister wohl als junger Mensch gewesen sein mochte.

Ihr Blick schweifte zu den Teetassen, den Untertassen, der Steppdecke, die ordentlich gefaltet über Sophies dünnen Oberschenkeln lag, die langen Finger mit einigen Altersflecken, der Ehering, der schlicht wirkte, das Bild über der alten Frau, das sie und ihren Ehemann am Tag ihrer Hochzeit zeigte. Zwei große, braune Augen, die auf ein Paar stechend blaue Augen trafen. Es war nicht das Bild an sich, das Norah in seinen Bann zog, sondern die Chemie zwischen den zwei Menschen, die den Raum mit Wärme erfüllte.

Norah konnte nicht sagen, was sie dazu bewogen hatte, sich ausgerechnet für diese Art von Stelle zu interessieren. Aber es gab nichts, das auf sie wartete. Sie hatte kein Zuhause mehr und sie hätte sich lieber alle Finger einzeln abgehackt, als auch nur annähernd in Erwägung zu ziehen, in ihren Heimatort zurückzukehren, wo ihre Eltern ihr vorhalten würden, wie ziellos sie ihr Leben vergeudete. Letztendlich war es irrelevant, womit sie ihr Geld verdiente, solange sie durchkam. Sie befand sich noch in einem Alter, das ein übertriebenes Maß an Ziellosigkeit duldete.

Je weiter die alte Frau mit ihrer Erzählung fortfuhr, desto mehr begannen ihre Hände zu zittern. Sophie hatte schwer geschluckt, als sie mit ihrer Geschichte zum Ende gekommen war.

Genau in diesem Moment hatte Norah Lane beschlossen, zu bleiben und für sie zu arbeiten.


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Anna Herzig wurde 1987 als Tochter eines Ägypters und einer Kanadierin in Wien geboren. Ihre Begeisterung für Literatur zeigte sich sehr früh. Nach unzählig gelesenen Büchern beschloss sie bereits im Alter von 14 Jahren, ein eigenes Buch zu schreiben. Ihr Augenmerk liegt auf den Menschen, der Liebe zu Makeln und Abgründen, besonderen Momenten, Satzromantik und Begegnungen, die sich einbrennen.