Geheimnis der Götter – Funke des Erwachens

Prolog

Das grundlegende Gesetz der Bistaye

Die Götter sind das Gesetz.

Thaka waltet Gerechtigkeit.

Valera ist die Stimme der Vernunft.

Tergon steht für den Willen der Vergebung.

Api dürstet nach Vergeltung.

Auf dass das Gleichgewicht gehalten werden möge.

 

Der Tag, an dem ihr Herz stillstand, war ein warmer Tag.

Die Sonne schien. Die Strahlen spiegelten sich auf der Strömung des Appo, dem Fluss, der das Land der Bistaye und das Land der Asavez voneinander trennte. Es war windstill, und als sie auf das Gewässer hinunterblickte, konnte sie in der Ferne die Jeferabrücke sehen – die einzige Möglichkeit, den Fluss zu überqueren.

Sie hielt ihre Hände in den Taschen. Irgendetwas verhakte sich darin, als sie versuchte, sie herauszuziehen.  

Sie war ungeduldig. Sie wartete auf jemanden, doch dieser Jemand verspätete sich. Das war untypisch. Jede Sekunde zählte, das wussten hier alle.

Sie sah das Ufer hinauf und wieder hinab. Die Unruhe verdrängte das Gefühl der Glückseligkeit, das sie in den letzten Tagen erfüllt hatte.

Das Gespräch von gerade stahl sich in ihre Gedanken und ihr Kiefer verhärtete sich.

Wo war er?

 

 

Kapitel 1

Erstes Gesetz der Bistaye

Die Welt der Bistaye und die Welt der Asavez, dem gottlosen Volk, müssen strikt voneinander getrennt werden. Wird ein Asavez ohne Genehmigung auf der bistayischen Seite des Appo aufgegriffen, ist dieser unverzüglich zu exekutieren. Jeder, der sich dieser Aufgabe verweigert, wird des Volksverrats schuldig gesprochen und ebenfalls exekutiert.

 

Sie schmeckte Staub. Sand vermischt mit Dreck, der ihre Lunge füllte. Sie wollte husten, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Die Luft fand weder einen Weg hinein noch hinaus. Etwas presste sich auf ihre Lippen. Es fühlte sich warm auf ihrer kalten Haut an. Sauerstoff wurde in ihre brennenden Lungenflügel gepresst, die sich immer wieder verkrampften und entspannten.

Einmal. Zweimal. Dreimal …

Sie riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Sie blickte direkt auf eine Faust, die drohte, auf ihre Brust niederzufahren, und noch bevor sie ihren ersten richtigen Atemzug nehmen konnte, schnellte ihre Hand in den Himmel und fischte sie gewaltsam aus der Luft. Sie hatte sie treffen wollen, oder nicht?

Sie hörte, wie jemand einen schockierten Kieks-Laut von sich gab, und im nächsten Moment saß sie in der Senkrechten und hielt auch die andere Faust des vermeintlichen Angreifers in ihrem eisernen Griff, ihre Beine um seine geschlungen. Den Gegner unschädlich machen und dann entscheiden, was zu tun war. So hatte sie es gelernt.

Nur … es waren kleine Hände. Schmale Beine.

Die Konturen, die sie durch ihre brennenden Augen sehen konnte, wurden nun schärfer, und das Erste, was sie erkannte, waren geweitete Pupillen, die von einer hellgrünen Iris umgeben waren. Sie saßen in einem herzförmigen, glatten Gesicht.

Es war ein Mädchen. Der Angreifer war ein Mädchen, das kaum zwölf sein konnte und dessen dunkelblondes Haar zu einem schiefen Zopf gebunden war.

„Tut mir leid, ich … was ist passiert?“

Abrupt ließ sie die Hände des Mädchens los und zog ihre Beine zurück. Sie fielen gegen etwas Hartes. Als sie nach unten blickte, bemerkte sie, dass sie auf einem großen, flachen Stein saß, durch den sich Risse der Verwitterung zogen.

Das Mädchen machte eine Grimasse und rieb sich seine Handgelenke.

„Du warst tot“, bemerkte es sachlich, und die Art und Weise, wie es dabei ernst ihr Kinn auf die Brust drückte, hatte etwas sehr Komisches und gleichzeitig Vertrautes an sich.

„Ich war … tot?“ Die Worte hörten sich fremd aus ihrem eigenen Mund an und jetzt hob sie den Blick. Sie saß auf einer Lichtung und musste die Augen gegen die hellen Strahlen der Sonne zusammenpressen, um etwas erkennen zu können. Sie konnte Vögel singen hören und in ihrem Rücken hob sich das Kreisgebirge vom Himmel ab. Kein Baumwipfel konnte die Steinmassen verbergen.

Sie wusste, wo sie war. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie den Appo rauschen hören, und der Stein, auf dem sie saß, war der Alte Altar der Asavez. Hier waren bis vor eintausend Jahren noch Ernteerträge für die vier Götter gesammelt worden. Doch das war bevor die Asavez den Göttern den Rücken gekehrt hatten und zum ‚gottlosen Volk‘ geworden waren.

Ja, sie kannte sogar die genauen Koordinaten des Ortes, an dem sie sich befand. Aber … sonst war da nichts. Ihr Kopf war leer.

„Du warst so richtig tot“, sagte das junge Mädchen und stemmte seine Arme in die Seiten. „Ich glaube, ich hab dir das Leben gerettet.“

Sie hörte der Kleinen nur mit halbem Ohr zu. Ihre Lungen brannten immer noch bei jedem Zug und sie fühlte sich, als hätte jemand seine Fingernägel in ihr Herz und ihr Hirn gegraben. Ihr Kopf war so schwer, dass sie fürchtete, er würde gleich nach hinten sacken und ihr vom Rumpf fallen.

„Was ist passiert?“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendwem, und ihre Fingernägel krallten sich in den kalten Stein.

Das junge Mädchen war aufgestanden. Es trug ein schlichtes grünes Kleid, das ihm locker um den Brustkorb fiel und bis zu seinen Knöcheln reichte. Ein kleiner, lederner Rucksack lag zu seiner Seite. Es legte den Kopf schief und seine Haare streiften den weißen Kragen seines Kleides. „Du bist beinahe gestorben“, wiederholte es. „Habe ich doch gesagt.“

„Aber … wieso?“ Ihr Blick huschte von der einen Seite der Lichtung zur anderen. Die Grashalme gingen dem jungen Mädchen bis über die Knöchel und waren an einigen Stellen braun und abgetreten, als würden sich hier öfter Leute hin verirren. Die Blumen blühten nicht mehr. Dafür war es schon zu spät in diesem Jahr. Sie suchte nach etwas. Nur nach was? Vielleicht nach Anzeichen von anderen Menschen? Feinden? Freunden? War sie alleine gewesen? Sie wusste es nicht mehr.

Das Mädchen zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Aber ich finde, du könntest Danke sagen. Mein Bruder sagt immer, dass man mit Leuten, die nicht Danke sagen, am besten nichts zu tun haben sollte.“

Obwohl ihr jede Bewegung Schmerzen bereitete, musste sie lächeln. „Danke. Tut mir leid. Ich bin nur …“ Doch sie wusste nicht, was sie nur war. Sie betastete ihre Arme und Rippen, um zu sehen, ob sie sich etwas gebrochen hatte, und besah sich ihre Kleidung. Sie trug ein weißes Leinenhemd mit einer Knopfreihe, die bis zu ihrem Bauchnabel reichte, und darunter eine rote, dreckverschmierte Stoffhose, die eng an ihren Beinen anlag.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, sie angezogen zu haben. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie so eine Hose überhaupt besaß. Sie wusste nicht einmal, wie ihr Schrank aussah.

„Liri!“

Eine Stimme hallte durch den Wald, und sie hatte einen gezackten Dolch von ihrem Gürtel gezogen, bevor ihr bewusst wurde, was sie da eigentlich tat.

„Aliri Voros, das kann unmöglich dein Ernst sein! Wo bist du?“

Das Mädchen sah stirnrunzelnd auf den Dolch und wandte sich dann in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. „Ich bin hier“, rief sie.

„,Hier‘ ist keine anerkannte Ortsangabe!“

Das blonde Mädchen kicherte und sah sein Gegenüber lächelnd an. „Das ist mein Bruder. Ich glaube nicht, dass du ihn umbringen musst.“

Ihre Hand umklammerte den Dolch fester. Das wollte sie lieber selbst entscheiden.

***

Levis Herzschlag beruhigte sich, als er Liris Stimme hörte, dennoch beschleunigte er seinen Schritt. Bei den verdammten Göttern, er hätte schon vor Jahren eine Leine für sie besorgen sollen – ihm doch egal, ob das keine menschliche Art und Weise war, mit seiner Schwester umzugehen.

Aliri war wie ein Ball aus Gummi. Schon immer gewesen. Sie hüpfte in der Gegend herum und ehe man sich’s versah, steckte sie in irgendeinem Gebüsch fest oder war im Wasser verloren gegangen.

„Ich werde noch mal ein ernstes Gespräch mit ihr darüber führen müssen, was es bedeutet, einer Anweisung zu folgen! Wenn ich ihr sage, sie solle bleiben, wo sie ist, bedeutet das nicht, dass sie losrennen und sich verstecken soll! Wir müssen doch wohl die Möglichkeit haben, kurz pinkeln zu gehen, ohne dass wir sie danach jedes Mal suchen müssen“, knirschte er und schlug einen Ast aus dem Weg. Seine Füße sanken in die feuchte Erde unter ihm und er zog sie mit einem Schmatzgeräusch wieder heraus.

„Levi, du musst dich beruhigen.“ Ro, der keine zwei Schritte hinter ihm war, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Sie ist zwölf. Natürlich bleibt sie nicht dort, wo wir sie gelassen haben. Ich bin überrascht, dass du überrascht bist!“

„Weißt du, Ro, wenn ich deine Meinung hören wollte, dann hätte ich dich danach gefragt.“

„Ah, du willst immer meine Meinung hören! Du bist nur zu schüchtern, um mich darum zu bitten“, grinste sein bester Freund.

Levi schnaubte. Er und Ro waren seit über elf Jahren befreundet. Es war Ro gewesen, der ihn und Aliri gefunden und mitgenommen hatte. Er war es auch gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass er und seine Schwester ein Zimmer in Oyitis, Asavezʼ Hauptstadt, bekamen. Levi war damals zwölf gewesen, Liri gerade mal ein paar Monate alt, und er wusste sehr wohl, dass Ro, der kein Jahr älter war als er, ihm damals das Leben gerettet hatte.

Doch all das änderte nichts daran, dass Levis Faust sich ab und an nur zu gerne in Ros Kiefer verirrt hätte. Er war einfach der größte Dummschwätzer in ganz Asavez.

„Wir hätten sie nicht mitnehmen sollen“, murmelte er und schlug sich weiter durch das dichte Geäst der Bäume, die sie um einige Meter überragten. Ab und zu konnte er durch das spärlicher werdende Blätterdach die Spitzen der Kreisberge in der Ferne erkennen. Es war später Sommer und die Blätter hatten angefangen, sich orange zu verfärben. Das hier war der einzige Laubwald, der in Asavez existierte. Weiter den Fluss hinab gab es noch einige Nadelwälder, und Levi hatte gehört, dass es hinter den Kreisbergen auch Tropenwälder geben sollte. Allerdings wusste er nicht, ob das stimmte. Niemand ging in die Kreisberge, geschweige denn dahinter.

„Sei nicht albern. Hier draußen ist es kaum gefährlich. Wir sind nicht auf einem Schlachtzug, Levi! Wenn du so willst, sind wir Postboten! Was soll Liri schon passieren?“

Sie waren keine einfachen Postboten. Sie sollten Briefe der Allianzen abholen, und diese Briefe hätte jeder Bistaye nur allzu gerne in seinem Besitz! Levi bückte sich unter einem tiefhängenden Ast hinweg und sein Blick glitt dabei über seine Schultern und über den schweren Rucksack auf seinem Rücken zu seinem Freund. „Sie könnte von einem Feuerluchs gefressen werden.“

Ro lachte laut auf. „Es gibt keine Feuerluchse mehr! Die sind vor Jahrhunderten ausgestorben.“

„Sie könnte von einem Adler in sein Nest verschleppt werden.“

„Levi, du hast Wahnvorstellungen. Es gibt nichts Gefährliches hier draußen.“

„Sag mal, hast du in den letzten zehn Jahren überhaupt nicht aufgepasst? Liri schafft es auch, sich während eines Picknicks in Gefahr zu bringen.“

Ro verdrehte die Augen. „Die Gabel hat sie kaum verletzt.“

„Sie hat in ihrem Fuß gesteckt!“

Ro machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist ewig her.“

Es war letztes Jahr gewesen.

„Sie ist reifer geworden.“

Mhm. Reife war genau das, was eine Zwölfjährige ausstrahlte.

„Liri“, schrie Levi erneut und er konnte sie in der Ferne kichern hören. „Wir warten immer noch auf eine Ortsangabe!“

„Beim Alten Altar!“, flötete sie fröhlich zurück. „Ich habe gerade jemandem das Leben gerettet! Jemandem, der fast tot war!“

Levi runzelte die Stirn und er und Ro tauschten einen Blick.

Sie hatte jemandem das Leben gerettet?

Bei den verdammten Göttern, bitte lass es ein Singvogel sein!

Levis Schritte wurden hastiger und Ro war ihm dicht auf den Fersen, als er die letzten paar Meter durch den Wald zurücklegte und auf die Lichtung brach, die ohnehin ihr Ziel gewesen war.

Es war kein Vogel.

Neben Liri stand ein Mädchen. Nein. Eine junge Frau. Levi hätte sie auf Anfang zwanzig geschätzt, konnte es aber schlecht sagen. Sie sahen alle irgendwie ähnlich aus in dem Alter.

Sie war hochgewachsen und jeder Zentimeter ihres Körpers zeugte davon, dass sie eine Kämpferin war. Die rote Hose, die sie trug, war mit Erde beschmiert, als wäre sie über den Waldboden geschleift worden, doch das weiße Hemd war fast völlig unbefleckt. Sie hatte langes, schwarzes Haar, das ihr in Wellen über die Schultern fiel und in dem mehrere Blätter und Äste steckten. Ihre dunkelblauen Augen waren wachsam und ihre Haltung mehr als nur angespannt.

Sie blickte von ihm zu Ro und wieder zurück, und Levi war überrascht, dass sie in keinster Weise ängstlich wirkte. Verwirrt, konfus, aber nicht ängstlich. Vielleicht wegen des Dolches in ihrer Hand, den sie mit der Selbstverständlichkeit einer Frau hielt, die eine solche Waffe nicht das erste Mal zog. Er war auf ihn und Ro gerichtet. Nicht auf seine Schwester.

Das war beruhigend, wenn auch nicht optimal. Aber sie sah nicht aus, als würde sie gleich auf sie losgehen. Eher, als wäre der Dolch eine Vorsichtsmaßnahme. Das konnte Levi durchaus nachvollziehen. Vorsicht war etwas, das man in diesen Zeiten nicht genug haben konnte.

„Liri …“, murmelte er und schüttelte leicht den Kopf, zu keinem Zeitpunkt das Mädchen aus den Augen verlierend. Er hatte früh gelernt, dass man sich nie auf das zahme Aussehen seiner Gegner verlassen konnte. „Wen hast du denn da von den Toten erweckt?“

Seine Schwester hatte ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt und wippte auf ihren Fußballen vor und zurück. So als wüsste sie, dass sie womöglich unüberlegt gehandelt hatte. „Ich weiß es nicht. Ich bin vorgelaufen und dann lag sie auf dem steinernen Altar und hat nicht geatmet – da habe ich sie wiederbelebt.“

Das hatte er also davon, dass er ihr beigebracht hatte, wie man einem Menschen das Herz massierte!

„Da hast du sie wiederbelebt …“, wiederholte er langsam ihre Worte, seine Arme vor dem Körper verschränkt. Die Schwarzhaarige sah vollkommen gesund aus. Nichts deutete darauf hin, dass sie vor ein paar Minuten einen Herzstillstand gehabt haben mochte.

„Hätte ich sie etwa sterben lassen sollen?“ Liri sah trotzig zu ihm auf. Als wären seine Worte ein Vorwurf gewesen.

„Natürlich nicht. Du hast alles richtig gemacht, Liri“, bemerkte Ro, der ebenfalls neugierig die Schwarzhaarige betrachtete und seinen Rucksack vom Rücken hatte gleiten lassen. Der Dolch in ihrer Hand schien ihn überhaupt nicht zu beunruhigen. Aber wieso auch? „Sie hat Hilfe gebraucht, du hast ihr geholfen. Levi hat dich gut erzogen.“

Mhm. Er hatte sie super erzogen. Liri war die gutgläubigste Person, die es gab. Aber warum sollte sie auch Schlechtes erwarten, wo sie doch wusste, wann jemand log.

Levis Blick wanderte von dem Hals des Mädchens, an dem deutlich eine Ader pochte, über ihre Brust, die sich kontrolliert hob und senkte, hinab zu ihrer Hand. Ihre Fingerknöchel hoben sich weiß vom Dolch ab.

„Hast du vor, uns damit anzugreifen?“, fragte er beiläufig und ließ die Fingerkuppen auf seinen Unterarm prasseln.

Der Blick des Mädchens traf seinen. Sie war vollkommen ruhig. „Ich hab mich noch nicht entschieden.“

Das war ihm nicht gut genug. „Lass mich dir die Entscheidung abnehmen.“ Er nahm eine Hand von seinem Arm und hob zwei Finger.

Er spürte das vertraute Gefühl der Leichtigkeit, das ihn durchfloss. Sein Blut, das plötzlich in die Gegenrichtung zu zirkulieren schien, und sein Kopf, der angenehm leer wurde. Er fühlte die kühle Luft um sich herum. Seine Freiheit.

Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er sehen, wie das Mädchen verwirrt die Stirn runzelte, als dachte es, dass er sie heranwinken wolle. Dann erfassten ihre Haare eine Windböe und im nächsten Moment strauchelte sie nach vorne. Er ließ den Wind nach ihrer Faust greifen und winkte ihn erneut zu sich heran.

Der Dolch wurde aus ihrer Hand gerissen, genau in dem Moment, als Levi seine ausstreckte. Das Messer drehte sich mehrmals um die eigene Achse und landete schließlich mit dem Schaft voran zwischen seinen Fingern. Es hatte einen schlichten Holzgriff und die Klinge war schon etwas angelaufen. Die Waffe hatte bessere Tage gesehen.

Liri, die für seinen Geschmack immer noch viel zu nah an der Schwarzhaarigen stand, seufzte laut. „Du machst ihr Angst, Levi! Sie ist gerade fast gestorben! Ist das nicht traumatisch genug?“

„Sie sieht nicht aus, als hätte sie Angst“, stellte Levi fest, nachdem er den Dolch an seinem Gürtel neben seinen eigenen Messern befestigt hatte.

Sie sah weder verängstigt noch wütend noch vorsichtig aus. Und das war es, was ihn beunruhigte. Mit Furcht und Angst konnte er umgehen. Mit Geduld und Kontrolle verhielt sich das anders. Denn sie zeugten von einem kämpferischen Selbstbewusstsein, das er bei seinen Feinden lieber nicht sah.

Er bildete sich meistens nichts auf seine Kraft ein.

Okay, nein, das stimmte nicht.

Er bildete sich sehr häufig etwas darauf ein. Er war einer der letzten existierenden Ikano – in Asavez und Bistaye zusammen konnte es nur noch etwa fünfzig, vielleicht sechzig von ihnen geben – und das beeindruckte und verängstigte diejenigen, die er traf, zu gleichen Teilen. Jeder kam ihm mit Ehrfurcht und Respekt entgegen – und das genoss er. Wenn auch vor allem deswegen, weil es seine Aufgaben so viel leichter machte.

Dieses Mädchen jedoch schien vollkommen unbeeindruckt. Sie war groß gewachsen und – keine Frage – durchtrainiert, aber dennoch überragte er sie um mindestens einen halben Kopf. Auch Ro hätte sie sicherlich alleine überwältigen können. Ganz abgesehen davon, dass auch er ein Ikano war.

Warum war sie so ruhig und gelassen, als wisse sie, dass von ihnen beiden keine Gefahr ausginge? Wenn er gerade beinahe gestorben wäre und ihm im nächsten Moment jemand mit der Hilfe des Windes den Dolch aus der Hand gezerrt hätte, dann hätte ihn das durchaus beunruhigt.

„Willst du uns vielleicht sagen, wer du bist?“, fragte Ro, der immer noch neben ihm stand und nicht minder fasziniert von dem Mädchen schien.

Die Schwarzhaarige ließ sich langsam gegen den steinernen Altar sinken, die Hand, in der der Dolch gelegen hatte, zu ihrem Mund führend, als müsse sie angestrengt über diese Frage nachdenken. Ihr Blick war auf den Waldboden gerichtet und sie sagte nichts.

Levi seufzte und machte ein paar Schritte weiter auf die Lichtung hinaus. Er hatte das Gefühl, dass dieses Mädchen die Situation nicht einfacher machen würde. Er berührte seine Schwester kurz an der Schulter – vielleicht um sicherzugehen, dass wirklich alles in Ordnung mit ihr war – und blieb dann keine zwei Meter von dem Mädchen entfernt stehen. Sie blinzelte mehrmals und wenn Levi sich nicht irrte, dann war es jetzt doch Angst, die er in ihren Zügen erkannte. „Okay, vielleicht sollte ich einfach damit anfangen, wer ich bin. Ich bin Levi …“

„Ich kenne dich“, unterbrach sie ihn, blickte auf und ließ ihre Hand sinken. „Du bist Levi Voros. Du bist ein Ikano der Luft. Du bist zweiter Offizier der Asavezischen Garde, obwohl du selbst Flüchtiger aus den bistayischen Mauern warst. Du hast über einhundert Bistaye getötet und über einhundert andere gerettet. Du bist arrogant, hältst dich für überlegen, schläfst mit mehr Frauen, als deine Gehirnzellen verkraften können, und denkst, dass deine Worte Gesetz sind … und ich glaube, ich mag dich nicht.“

Amüsiert hob Levi einen Mundwinkel. Was sagte man dazu? „Wirklich? Du magst mich nicht? Wäre bei deiner Beschreibung jetzt fast gar nicht rübergekommen.“

Ro grinste breit und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ich finde sie sympathisch. Treffsichere Charakterbeschreibungen hat sie auf jeden Fall drauf.“

Liri kicherte und grinste ebenfalls zu Levi hoch, der angestrengt versuchte, sich daran zu erinnern, ob und wenn ja woher er dieses Mädchen kannte. Andererseits kannten sie sich vielleicht gar nicht. Sein Ruf eilte ihm voraus. Und bis auf die Sache mit den Frauen – er schlief wirklich nicht mit so unglaublich vielen; es kam schlichtweg darauf an, wie man die Maßstäbe setzte – wusste sie ziemlich gut Bescheid.

Dennoch fragte er: „Sind wir uns schon einmal begegnet?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

„Sicher?“, fragte Ro beiläufig. „Vielleicht hast du ja auch schon mit ihm geschlafen.“

Das Mädchen schnaubte verächtlich. „Das bezweifle ich stark.“

„Ich auch“, bemerkte Levi. Ein diebisches Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Wenn du mit mir geschlafen hättest, würdest du dich daran erinnern.“

„Hallo! Ekelig!“

Sie ignorierten Liri und Ro streckte dem Mädchen seine Hand entgegen. „Hey, ich bin Rojan und ich verzichte auf eine Charakterbeschreibung von mir, falls du eine parat hast.“

Etwas unschlüssig besah sich die Schwarzhaarige die Hand, doch schließlich schüttelte sie sie. „Hallo.“

Mehr sagte sie nicht.

Okay, so langsam verlor Levi die Geduld. „So, da du jetzt weißt, wer wir sind – wie wäre es mit einem Namen von dir? Das wäre doch ein guter Anfang.“

„Ich …“ Das Mädchen runzelte die Stirn und fuhr mit ihrem Finger darüber, bevor Levi sie schlucken sah.

„Es ist nur ein Name!“

„Ja, nur … ich weiß ihn nicht.“


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

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Baseball Love – Der große Fang

Prolog

Vor zehn Jahren …

„Grace?“

Sie tippte sich mit den Fingerspitzen aufs Kinn und blickte in ihren Spind. Sie musste sich neue Pinsel kaufen. Die Borsten ihrer alten waren viel zu trocken.

„Grace, hast du mich gehört?“

Abschlussball. Alle redeten vom Abschlussball, aber sie wusste ehrlich gesagt noch gar nicht, ob sie überhaupt gehen sollte. Ihre Mitschüler waren alle so dämlich. Wollten Polizisten, Anwälte oder gar Baseballer werden – dabei waren sie alle so untalentiert und dumm, dass sie kaum als Kartoffel geeignet waren. Nein, sie würde nicht gehen. Es gab wichtigere Dinge, auf die sie sich konzentrieren musste.

„Grace!“

Sie schloss ihren Spind und wandte sich ungeduldig zu der Stimme um, die sie einfach nicht in Ruhe lassen wollte. Sie gehörte einem schlaksigen Jungen, dessen Nase so groß war, dass man eine ganze Farbtube darauf hätte abstellen können.

„Was?“ fragte sie genervt.

Sie kannte den Typen von irgendwoher. Vielleicht aus dem Unterricht. Hatte er sie nicht sogar schon einmal gefragt, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken wollte?

„Ähm …“ Der Junge rang nervös seine Hände ineinander. „Ich hatte gefragt, ob du … nun ja … möglicherweise mit mir zum Abschlussball gehen wollen würdest.“

Irritiert betrachtete sie ihr Gegenüber, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, danke.“

„Ähm … du hast nicht einmal darüber nachgedacht.“

„Das muss ich auch nicht. Ich werde meine Zeit nicht auf einem langweiligen Tanzball vergeuden.“

„Oh. Bist du sicher?“

„Ja, bin ich. Außerdem kenne ich nicht einmal deinen Namen, das spricht nicht gerade für dich. Und jetzt hör auf, dich lächerlich zu machen, indem du nochmal fragst.“

Ihr Gegenüber war weiß geworden, die Augen weit aufgerissen. „Er … ist Eric Green.“

„Was?“ Wieso sprach er immer noch mit ihr?
„Mein Name. Er ist Eric Green.“

„Das ist ja schön für dich, warum sollte mich das interessieren? Geh.“

Das brauchte er sich nicht zweimal sagen zu lassen. Er stolperte über seine Füße und rannte beinahe Nelly um, die ihm entgegenkam.

Die Haare von Grace’ Freundin waren schwarz und glatt, ihre Haut makellos. Grace hatte sie immer darum beneidet, dass sie so graziös aussah – wie ein ganz eigenes Kunstwerk.

„Hey“, murmelte sie, während ihr Blick dem Typen folgte, dessen Namen Grace schon längst wieder vergessen hatte. „Was ist denn mit ihm?“

„Keine Ahnung, wollte mit mir ausgehen.“
„Oh, okay.“ Ihre Freundin schien abgelenkt und knabberte an ihren Fingernägeln herum.

„Alles okay?“, wollte Grace wissen, während sie den Spind abschloss und auf ihre Uhr sah. Sie musste unbedingt noch ins Atelier, wenn sie ihren Zeitplan einhalten wollte.

„Nein, nicht echt“, stellte Nelly fest und ließ ihre Hand vom Mund sinken. „Mein … mein Opa ist ja letzte Woche gestorben und heute soll die Beerdigung sein …“

„Oh, richtig.“ Grace nickte. Das hatte sie schon fast wieder vergessen. „Du schaffst das schon.“

Nellys Mundwinkel zuckten. „Ich weiß nicht … ich dachte, du könntest vielleicht mitkommen? Als emotionale Unterstützung?“

„Oh.“ Grace’ Augenbrauen flogen nach oben.

Ihr tat es wirklich leid, dass Nellys Opa tot war. Sie wusste, dass es ihrer Freundin nicht gerade gut ging und sie hätte ihr die Situation gerne erträglicher gemacht. Aber sie war nicht wirklich in der Position dazu. Sie konnte ihn nicht zurückholen und sie hatte so viel um die Ohren …

Sie tätschelte Nelly tröstend den Arm. „Nelly, das würde ich wirklich gerne, aber ich habe heute den Termin mit der Galeristin und …“

Ihre Freundin versteinerte unter ihrer Berührung und machte einen Schritt zurück. „Grace, die Beerdigung geht nur ein paar Stunden und ich dachte, du könntest deine Kunst vielleicht für einen Moment hintenanstellen.“

Also, das war jetzt nicht fair. Sie hatte so hart gearbeitet!

„Nelly“, sagte sie geduldig. „Wenn es jeder andere Zeitpunkt wäre, ich würde sofort mitkommen. Aber … du weißt, wie wichtig das für mich ist. Der Termin steht fest. Ich will nächstes Jahr meine zweite Ausstellung machen, ich darf mein Ziel nicht aus den Augen verlieren, ich …“

„Du! Du, du, du, du!“ Nelly biss die Zähne aufeinander und wandte den Kopf ab. „Lass es einmal auch um mich gehen, Grace! Ich brauche dich heute.“

„Ich … ich …“ Grace’ Kehle schnürte sich enger. Sie wollte ihr helfen, aber … sie hatte so viel Zeit in ihren Traum investiert und ihr Vater zählte auf sie.

„Nelly, ich kann dir nicht helfen. Dein Opa, er … er ist tot, aber meine Karriere ist es nicht. Ich muss mich nun einmal darauf konzentrieren.“

Sie hatte ein Ziel. Einen Traum. Das musste ihre Freundin doch verstehen! „Es tut mir leid, ich kann nicht mitgehen.“

Ihre Freundin starrte sie mit großen Augen an und Grace’ Magen zog sich zusammen, als sie Tränen darin glitzern sah.

„In Ordnung, Grace“, sagte Nelly mit zitternder Stimme. „Werde doch glücklich mit deiner Kunst. Ich glaube, du hast keine Zeit für eine Freundschaft, also mache ich es einfacher für dich: Unsere ist hiermit beendet.“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief davon.

Grace’ Augen brannten und Wut fraß sich durch ihre Adern. „Schön!“, schrie sie ihr zornig nach. „Ich wollte mir sowieso Freunde suchen, die ein wenig hübscher sind als du! Die besser zu mir passen! Die mir nicht dauernd im Weg stehen!“

Nelly lief schneller und Grace schloss die Augen.

Warum hatte sie das gesagt? Das hätte sie nicht tun sollen.

Nur … die Worte waren ihr aus dem Mund geflogen, bevor sie sie hatte aufhalten können. Sie waren ihr so leichtgefallen. Grace starrte ihrer Freundin nach, die so unendlich verletzt ausgesehen hatte und schluckte.
Schön. Sie brauchte sie nicht. Sie brauchte niemanden. Es war, wie ihr Vater immer sagte: Wenn man seine Bestimmung gefunden hatte, gab es nichts, was einen daran hindern konnte, diese zu erfüllen. Ihr ganzes Leben lag noch vor ihr! Sie hatte keine Zeit, sich von ihren Freunden herunterziehen zu lassen. Sie hielten sie nur auf. Sie …

Das Brennen in ihren Augen wurde unerträglich und sie senkte ihr Kinn. Grace starrte auf ihre Schnürsenkel, auf ihre Finger, an denen Kobaltblau klebte.

Es war ihr Traum, oder? Erfolgreich zu sein. Berühmt zu werden. All das zu haben, was ihr Vater ihr prophezeite. Träume forderten nun einmal Opfer.

Sie brauchte keine Freunde. Sie würde sie nächstes Jahr auf dem College ja ohnehin aus den Augen verlieren. Ja, sie war vielleicht egoistisch gewesen, aber Nelly musste es doch verstehen! Verstehen, dass … dass was?

Sie hatte ihren Opa verloren und eine Freundin gebraucht. Nichts weiter. Grace’ Fingernägel gruben sich in ihre Handinnenfläche und sie atmete tief ein und aus. Tränen bahnten sich ihren Weg und sie versuchte verzweifelt sie wegzublinzeln. Ihr Leben war so, wie sie es wollte. So wie sie es sich ausgemalt hatte.

Oder?

Nur – warum tat ihr Herz dann so weh?

 

Eins

Heute …

„Ich bin kein Held!“

Ryan Hale zog sich genervt die Baseballkappe tiefer ins Gesicht und versuchte sich sanft, aber bestimmt weiter mit der Schulter einen Weg durch die Reportermasse zu kämpfen. Mit dem sanften Teil hatte er ernsthafte Probleme, aber es würde niemandem helfen, wenn er jemanden zu Boden schubste und er am nächsten Tag vom Helden zum Feindbild gemacht wurde.

„Aber Sie haben den Jungen doch gerettet!“, schrie ihm einer der Anzugträger ins Gesicht.

Jetzt ging das wieder los!

„Jeder hätte den Jungen gerettet.“

„Aber nicht jeder hat den Jungen gerettet.“

„Das ist mir doch egal, was nicht jeder hat“, fluchte er und stieß das Mikrofon, das ihm jemand den Hals hinunterzustopfen versuchte, aus seinem Gesicht. „Es macht mich nicht zum Helden, den Arm ausgestreckt und jemanden umgeschubst zu haben. Das macht mich lediglich zu einem Mann mit guten Reflexen.“

„Aber es waren Ihre Reflexe, die den Jungen gerettet haben.“

Es war aussichtslos.

Jeder sah, was er sehen wollte und zuhören tat ihm ohnehin keiner. Abrupt blieb er stehen und hob mit einem verkniffenen Lächeln das Gesicht in die Kamera. „Schön. Ich bin ein beschissener Held! Man sollte mir eine Statue bauen und einen Feiertag nach mir benennen. Den Ryan-Hale-ist-ein-Held-Tag. Dort halte ich dann auch gerne eine Rede darüber, was für ein toller Mensch ich bin! Würden Sie mir jetzt bitte das Mikro aus dem Gesicht nehmen? Sonst werde ich meine außergewöhnlichen Reflexe dafür nutzen, es Ihnen aus der Hand zu schlagen.“

„Moment. Sie haben mir noch gar nicht gesagt, wie Sie sich dabei gefühlt haben.“

„Grandios natürlich“, knurrte Ryan und trat mit seinem Fuß gegen ein fremdes Schienenbein. „Endlich konnte ich der Held sein, als der ich geboren wurde! Ich habe meine Bestimmung gefunden.“

„Möchten Sie der Familie des Jungen noch irgendetwas sagen?“

„Ja, ich würde gerne allen Eltern auf der Welt etwas sagen: Besorgen Sie sich eine Leine und achten Sie drauf, dass Ihre verdammten Kinder nicht einfach so auf die Straße laufen!“

„Ähm …“ Der Reporter ließ sein Mikrofon etwas sinken, bevor er leise murmelte: „Könnten Sie das noch einmal ohne das verdammt vor den Kindern sagen? So können wir das nicht für die 12-Uhr-Nachrichten benutzen.“

„Das ist mir doch egal!“, fuhr Ryan ihn an. „Ich habe sowieso keinen Schimmer, warum Sie mich verfolgen. Meine heroischen Zeiten sind vorbei. Mehr als ein Leben rette ich nicht pro Monat!“

„Aber …“

„Meine Güte, sind denn alle heute Strühs!?“, rief er aufgebracht, bevor er im nächsten Moment die rettende Tür erreicht hatte und sich ins Innere des Stadions flüchtete.

Sobald die Tür hinter ihm zuschlug, konnte er wieder frei atmen und die Stille, die ihn plötzlich umgab, war ihm so willkommen, dass er gerne für mehrere Sekunden einfach nur dagestanden und gelächelt hätte – aber wer wusste schon, wie lange sich die Schakale von so etwas wie einer Tür würden aufhalten lassen? Deswegen schritt er schleunigst weiter. Einfach immer weiter weg von dem verdammten Blitzlicht und dem wirren Stimmdurcheinander.

Ryan hatte sich die letzten Jahre nichts sehnlicher gewünscht, als dass die Presse endlich aufhören würde, ihn wie einen Frauenhasser und bösartigen, gemeinen Menschen darzustellen. Wenn er gewusst hätte, dass es noch viel schlimmer war, der Gute zu sein, hätte er doch glatt lieber nochmal seine Ex-Freundin auf offener Straße als Miststück beschimpft.

Kopfschüttelnd ging er die steril-weißen Gänge entlang auf die Treppen zu. Es war schon absurd genug, dass er sich gerade dabei hatte fotografieren lassen müssen, wie er zu einem Fotoshooting ging, bei dem er sich würde fotografieren lassen! Er fragte sich, ob irgendeiner der Hampelmänner da draußen auch die Ironie darin sah.

Er war nicht erfreut gewesen, als Sam Parker, der PR-Manager der Delphies, ihn darum gebeten hatte, an einem Publicity Shooting teilzunehmen. Das Problem war nur: Wenn Sam um etwas bat, dann war es eigentlich ein Befehl und wenn Sam etwas befahl, dann wehrte ein intelligenter Mensch sich nicht dagegen.
Und Ryan war intelligent. Das hatte ihm zumindest seine Mutter immer gesagt – und die würde ja schließlich nicht lügen …

Jedenfalls durfte er jetzt, wegen eines bescheuerten Nachmittags, an dem er aus Versehen ein Leben gerettet hatte, das Werbegesicht der Delphies sein! Die Saison ging in zwei Monaten los und er verstand ja, dass Sam seinen derzeitigen Heldenstatus ausnutzen wollte, doch … Gott.

Heldenstatus! Er musste dringend ein paar Kaninchen überfahren und ein paar kranke Kinder auslachen, damit er dieses Wort nie wieder denken oder gar benutzen musste. Sein Handy klingelte und er war dankbar für die Ablenkung.

„Hale.“

„Ryan, Schatz, wie geht es meinem Helden?“

Großartig. „Witzig, Mom“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Sehr witzig.“

„Ach, du darfst die ganzen Leute nicht ernst nehmen. Die reden eben gerne. Freu dich stattdessen lieber darüber, deinen alten Titel losgeworden zu sein. Nach deiner letzten furchtbaren Freundin warst du immer nur der ‚Frauenhasser‘ – so eine Schauspielerin kommt mir nicht mehr ins Haus, hast du das verstanden? Ich hoffe doch, du wählst dir deine nächste Liebhaberin sorgfältiger aus.“

Er verzog das Gesicht bei dem Wort ‚Liebhaberin‘ aber im Grunde genommen … ja, das hoffte er auch. Nur schien die Vergangenheit bewiesen zu haben, dass er in dem Bereich kein gutes Händchen hatte. Trotzdem versprach er: „Die nächste Frau, die ich nach Hause bringe, wird süß und einfach und lieb sein.“ Und nicht das Verlangen haben, unsere ganze Beziehung in den Medien breitzutreten, setzte er in seinem Kopf hinzu.

Wo er gerade schon dabei war: Sie würde keine Drama-Queen sein und außerdem genau wissen, was sie wollte und immer klar artikulieren können, wo sie in der Beziehung gerade stand.

Mehr als diesen bescheidenen Wunsch hatte er nicht.

Er wollte wissen, woran er war.

Das sollte nicht zu viel verlangt sein, oder?

„Wie geht es dir denn nun, Schatz? Hast du den Schock überwunden?“

Ryan brauchte ein paar Momente, um zu verstehen, dass seine Mutter nicht von seiner Ex-Freundin sprach, sondern von seinem neu gewonnen und lächerlichen Ruhm. „Ich ja! Die Presse offenbar nicht.“

„Nun, die schreibt doch sowieso, was sie will. Vielleicht ist alles, was du brauchst, ein wenig Ablenkung.“

„Vielleicht. Du hörst dich an, als hättest du auch schon einen Vorschlag, was genau diese Ablenkung sein könnte.“

„Das habe ich in der Tat. Deswegen rufe ich auch an. Ich habe entschieden, deinen Bruder zu dir zu schicken.“

Ryan hielt mitten im Schritt inne. „Du hast was?“

„Ich werde deinen Bruder für ein paar Wochen zu dir schicken.“

„Aha … in Ordnung“, sagte er langsam nickend. „Mom, nur noch eine kurze Frage: warum?“

„Er will das College abbrechen, Ryan! Er schreibt erstklassige Noten, meint aber, er will nicht mehr hingehen. Stattdessen möchte er die Welt bereisen und DJ werden.“

Ryan musste grinsen. „Na, das hört sich doch nach einem Plan an.“

„Ryan Michael Hale, wage es nicht, dich darüber lustig zu machen! Ich werde Ruffy seine Zukunft nicht wegwerfen lassen. Doch er hört einfach nicht auf mich. Dein Vater hat es auch schon versucht und hat kläglich versagt, deswegen bist du jetzt dran. Zu dir hat er immer aufgesehen.“

Schnaubend erklomm Ryan die nächste Treppe. „Hat er nicht! Er findet Baseball bescheuert.“

„Nun ja, ich will nicht bestreiten, dass er dich lieber als Basketballer sehen würde, aber dennoch hast du immer eine gewisse Vorbildfunktion erfüllt. Wann darf er also kommen?“

„Wann? Würdest du ihn gerne direkt morgen schicken, oder was?“

„Wenn ich könnte, ja. Aber eine kleine Wahl möchte ich dir schon geben. Wie wäre es mit März?“

„Im März bin ich in Arizona beim Frühlingstraining und mitten in der Saisonvorbereitung.“

„Dann wird er eben danach kommen und dann wirst du ihm in ganzer Bandbreite davon berichten, wie das College – und vor allem der Abschluss – dich menschlich und intellektuell gefordert, verbessert und reifer hat werden lassen.“

Wenn Ryan ehrlich war, dann war das College für ihn Zeitverschwendung gewesen und das Einzige, was er gelernt hatte, war, wie man Frauen aufriss. Also ja, schon: Es hatte ihn verbessert. Über das reifer werden ließ sich diskutieren. Aber er würde einen Teufel tun, seiner Mutter das zu sagen.

„Ich weiß nicht, Mom, ich bin im Moment sehr beschäftigt. Dieses Heldentum ist gerade sehr anstrengend und zeitaufwändig. Da sollte ich mich voll und ganz drauf konzentrieren.“

„Du bist kein Held, das wissen wir beide, also reiß dich zusammen und rücke Raphael den Kopf gerade! Ich melde mich noch einmal, wenn ich Genaueres weiß.“

Ryan lachte leise. Es ging doch nichts über mütterliche Liebe. Wenigstens sprach sie endlich aus, was er schon längst wusste. Er war kein Held!

Er war Baseballspieler, machte sich gut auf Cornflakes-Packungen, war ein talentierter Koch und Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spieler – aber er war kein bescheuerter Held, nur weil er ein anständiger Mensch war!

„Okay, in Ordnung. Ich versuche, Raphaels Kopf deine Werte und Vorstellungen zu infiltrieren. Kann aber nichts versprechen.“

„Könntest du das bitte taktvoller ausdrücken?“

„Ich werde versuchen, Raphaels Traum kaputtzumachen?“

„Besser. Und du hast ja noch mehr als zwei Monate, in denen du vorbereiten kannst, was du zu ihm sagst. Hab’ dich lieb, Ryan.“

„Ich dich auch, Mom. Grüß Dad und pass auf deinen Blutdruck auf.“

„Meinem Blutdruck wird es fantastisch gehen, sobald Ruffy wieder auf dem College ist.“

„Klasse, Mom. Setz mich bloß nicht unter Druck.“

„Das ganze Leben besteht aus Druck, Schatz, und meine Aufgabe ist es, dich darauf vorzubereiten! Wir sehen uns, rette nicht allzu viele Jungen, bis dann!“

„Bye“, seufzte Ryan und legte auf.

Einige Sekunden blieb er auf dem Treppenabsatz stehen und sah auf sein Handy. Wenn er sich nicht irrte, dann würde … jap.

Das Telefon vibrierte und eine Nachricht von Ruffy leuchtete auf: Versuch ruhig, mich zu überzeugen, du rennst bei mir gegen eine Wand.

Ich habe mehr Angst vor Mom als vor dir, tippte er zurück und schob sich das Telefon wieder in die hintere Jeanstasche. Raphael und er hatten es sich angewöhnt, über den Zweitapparat in ihrem Haus die Gespräche ihrer Mutter zu belauschen. Sie war bis heute nicht dahintergekommen – was vor allem daran lag, dass Ryans Dad die Leitung ebenfalls benutzte, um sie dabei zu belauschen, wenn sie sich über ihn bei ihren Freundinnen beschwerte und das Geheimnis akribisch unter Verschluss hielt. Ryan hatte das schon immer für sehr intelligent von seinem Vater gehalten, denn so wusste dieser, was er tun musste, um seine Frau Janine glücklich zu machen – und konnte es so aussehen lassen, als wäre er selbst darauf gekommen. Er wollte die Ehe seiner Eltern nicht riskieren, würde seiner Mutter also nie etwas verraten.

Er nahm die letzten Stufen und warf der Tür, vor der er nun stand, einen miesepetrigen Blick zu.

Manchmal wünschte er sich, einfach so richtig hässlich zu sein. Dann würde sicherlich niemand sein Gesicht in einer Zeitschrift sehen wollen.

Leider war er wunderschön.

„Verdammte Gene!“, murmelte er, bevor er die Tür aufstieß.


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Der große Fang_klein

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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Chef, ich bin dann mal Windeln wechseln

 Meine Frau ist noch mal schwanger. Siebente Woche. Ja doch, es war geplant.

Doch plötzlich gibt es Schwangerschafts­komplikationen bei ihr und es besteht die große Gefahr, das Kind zu verlieren!

Meine Frau muss ruhig liegen. Den ganzen Tag. Die ganze Woche. Vermutlich die ganze Schwangerschaft über!

Auf einen Schlag bin ich quasi alleinerziehend – und völlig ausgeliefert. Plötzlich stehe ich vaterseelenallein in der Arena! Vor mir das Hufe scharrende Böckchen – und ich bin das rote Tuch.

Für meine Arbeitszeit haben wir eine Tagesmutter gefunden, doch danach bin ich dran. Bis es dunkel wird. Bis ich leblos ins Bett falle.

Und morgens von Neuem.

Schraubstockchef – Kind – Haushalt. Und die Kleine will alles, nur nicht auf Decken in Parks liegen! Nie. Keine Sekunde. Mit ihrer Energie ließe sich der Strombedarf einer mittleren Kleinstadt decken. Davon hat mir meine Frau nichts erzählt. Ich bewundere alle Mütter. Ich vergöttere Alleinerziehende, die länger als zwei Wochen überleben.

Um meinem Umfeld den Grund für mein zweifellos baldiges Ableben zu dokumentieren, muss ich Tagebuch führen. Das glaubt mir sonst kein Mensch!

03.05. Graue Haare

Schleppe mich morgens ins Bad. Aus dem Spiegel glotzt eine sabbernde Bulldogge mit zerknautschtem Gesicht. Ich weiß nicht, was Schönheitschirurgie heutzutage vermag, aber sie würde Grenzen ausloten müssen. Moment mal, was glänzt da so silbern an meiner Schläfe? Das sind graue Haare! Und gleich ein ganzes Büschel! Jetzt ist es endgültig so weit. Anschnallen und beige Strickjacke überziehen – Eintritt in die Seniorenumlaufbahn. Ab auf die Spur rechts außen zu den Brummifahrern und Leuten, die ihre Zähne nachts im Glas lagern. Ich habe schon so was geahnt.

Gestern im Supermarkt wurden alle Kunden vor mir von der Kassiererin mit „Hallo“ begrüßt. Als ich dran war, musterte sie mich, überlegte kurz und sagte schließlich „Guten Tag.“ Ich habe mich noch nie so alt gefühlt.

Zu meinem Entsetzen fallen die grauen Haare auch noch aus! Reiße die zugeschwollenen Augen auf. Moment mal, das ist … Gott sei Dank. Es ist nur Lametta!

Lametta?!

Wie verdammt kommt dieses Zeug in mein Resthaar? Mitten im Mai! Dafür gibt es nur eine Erklärung.

Da schreit sie auch schon aus der Küche. Es ist dieses durch­dringende Schreien, das gar nicht besonders laut ist – ich bin mir sicher, unsere Nachbarn bekommen nichts davon mit – aber es ist wirksam, da es gerichtet ist. Und zwar an mich. Nur an mich. Es ist eine einfache, aber perfide Methode, die letztlich immer wieder funktioniert. Und nur ich kann das Schreien abstellen, und das ist der Absenderin selbstverständlich mehr als bewusst. Sie ist 28. Genauer gesagt 28 Monate.

Pumpe noch mal die Lungen durch. Im Spiegel ist nur mein Kopf zu sehen. Ich habe Angst, nach unten zu gucken. Befürchte, dass da nichts mehr ist. Selbst ein Schluck Wasser müsste sich nach mehr anfühlen. Zur Eindämmung meiner Körperverwahrlosung bleibt keine Zeit. Ich muss in die Schlacht, es nützt nichts.

Der nächste Schrei erwischt mich im Mark. Ich stürme zum Epizentrum der Schallwellen und sehe noch, wie mein kleines Urknällchen der Schüssel, die gerade abwägt, ob sie an der Tischkante verbleiben soll oder nicht, die Entscheidung abnimmt. Der Müsli-Himbeer-Milchbrei ergießt sich klatschend über Mobiliar und Boden und gibt ein schmatzendes Geräusch unter ihren Füßen, die nun vom Schlachtfeld in den Flur und schließlich ins Schlafzimmer flüchten, wo die zweite Person, die direkt mit für die Existenz des kleinen Koboldes verantwortlich ist, reglos auf dem Bett zu liegen pflegt.

Nun ist Liegen sicherlich nicht die schlechteste Position. Für die Liegende. Zumindest wenn sie weiß, dass es für einen begrenzten Zeitraum ist und sie jemanden um sich hat, der den Bedürfnissen des Tages nachkommt. Des 24-Stunden-Tages genauer gesagt. Nur eben für jene letzte Person, also mich, sieht die Lage nicht ganz so glücklich aus und weit und breit kann ich niemanden erkennen, der mir im Rahmen des mir verfügbaren Bestechungskontingentes dieses Schicksal abnehmen würde.

15.06. Hilferuf 3.Versuch

Setze Annonce für Haushaltshilfe ins Internet. Sollte einladend klingen.

„Alleinstehender junger Mann mit nettem Kleinkind sucht Hilfe für leichte Tätigkeiten im Haushalt sowie Kinderbetreuung in Teilzeit. Gute Bezahlung.“

Na ja, Letzteres ist nur ein Joke. Lasse es aber stehen. Und das mit dem „alleinstehend“ stimmt ja auch nicht wirklich, das fällt gleich auf. Gut, jung bin ich auch nicht, erst recht nicht im Moment. Aber sonst kann ich die Anzeige so lassen. Wobei „leichte Tätigkeiten“ meiner Arbeit hier alles andere als gerecht werden.

Ändere die Anzeige zu: „Verheirateter Mann im fortgeschrittenen Alter sucht kräftige Hilfe mit stabiler Psyche für schwere Arbeit am Kind.“ So müsste es passen.

 01.07. Kindersprache: Kryptologie für Väter

Es regnet. Habe sowieso keine Lust schon wieder auf den Spielplatz zu gehen.

„Was woll’n wir spielen?“, frage ich das Koboldchen zu Hause.

„Was neten, was neten!“

„Okay, was kneten. Gut, soll ich dir wieder eine Schnecke machen? Mit Blau?“, frage ich.

„Keine Schnecke!“

Ja gut, keine Schnecke, was dann?

„Keine Schnecke!“

„Keine Schnecke, ich denke, das habe ich jetzt, aber was denn dann?“

„Keine Schnecke, keine Schnecke!“ (Wird immer lauter.)

„Ja, aber keine Schnecke ist ja nichts Konkretes, was soll ich denn stattdessen kneten?“

„Nich droße Schnecke, keine Schnecke!“

„Ach, du meinst keine große, sondern eine kleine Schnecke!?“

„Jaaa, keine Schnecke!“

Mein Gott, jetzt haben wir’s. Also gut, ich knete eine kleine Schnecke.

„Paul!“, schreit sie jetzt.

„Ach, für deinen Freund Paul soll die werden?“

„Nein!“

„Für wen dann?“

„Nich schwazz, Paul!“

„Ach, du meinst nicht schwarz, sondern blau?“

„Jaaa, Paul!“

„Aha, du willst also wie immer eine blaue Schnecke.“

„Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, keine Schnecke, Paul!“

Meine Rede.

05.07. Sechsfach-Impfung

Ich sitze mit meinem kleinen potentiellen Krankheitsherdchen beim Kinderarzt. Was bis zum heutigen Tage meiner Frau oblag, soll heute zum ersten Mal unter meiner Aufsicht vonstattengehen: Das Schutzimpfen. Nachdem mein kleines Siebchen bereits ein paar Einstichlöcher gesammelt hat, ist heute eine Sechsfach-Impfung dran! Ich finde es absolut in Ordnung zu impfen, allerdings nimmt die Anzahl dieser Vorkehrungen scheinbar von Generation zu Generation deutlich zu, sodass in einiger Zeit den Kleinkindern wahrscheinlich gleich ein Dauerzugang gelegt wird, über den sie dann wöchentlich den jeweils aktuellen Wirkstoff zugeführt bekommen. Einschließlich gegen Bedrohungen wie Zugluft und Schrumpelhaut beim Baden.

Habe nicht allzu viel über den Ablauf der bisherigen Injektionsmaßnahmen aus meiner Frau herausbekommen können. Ich nehme an, aus taktischen Gründen. Mir blieb jedoch nicht verborgen, dass sie jedes Mal etwas blass von diesen Terminen zurückkam und unsere Tochter seltsam still im Schlepptau hatte.

Nun ist es so weit. Mache meiner kleinen Bazille Mut, dass es überhaupt nicht schlimm sei. Es würde nur kurz piksen und wir würden uns dabei ein Buch zusammen anschauen. Plötzlich reißt die Ärztin ihren Sprechzimmerverschlag auf und ruft mit scharfer Stimme: „Jetzt wird’s ernst!“

Aha, denke ich, Psychologie war zu Zeiten ihrer Ausbildung Wahlfach.

Schmitt steht auf ihrem Namensschild. Ein gewöhnlicher deutscher Name. Klingt bissl wie Messerschmitt. Egal, ich bin nicht wirklich verunsichert und immer noch frohgemut.

„Legen Sie ihr den Oberschenkel frei, sonst wird das nix!“, pfeift sie mir befehlend entgegen. Mir wird mulmig. Das merkt die Nadelführerin und brüllt unvermittelt: „Contenance!“

Ich zucke sichtbar zusammen. Und wieder ertönt eine scharfe Salve aus dem Spritzen… äh, Schützengraben: „Contenance!“

Jetzt habe ich richtig Angst. Und meine Tochter kann mich auch nicht trösten. Frau Stabsarzt wird immer barscher und mein kleines Folteröpferchen krampft auf meinem Schoß.

„Still gesessen!“

Endlich vollzieht die Militärärztin, die zweifellos kürzlich aus einem Feldlazarett in Afghanistan eingeflogen wurde, das Martyrium. Packe meine kleine Geplagte und renne, ohne mich zu verabschieden, mit heruntergelassener Hose bis auf die Straße. Also ihrer Hose. Meine ist, so glaube ich, in ordnungsgemäßer Höhe. Boah, geschafft. Meine kleine Geplagte entspannt sich ebenfalls wie auf Knopfdruck, und es ist überstanden. Ich weiß nicht, wie es ihr geht, ich jedenfalls habe keine Lust, noch einmal hierher zurückzukommen. Da lasse ich lieber Mumps und Masern durch meine Familie kreisen. Das ist erträglicher.

Ich komme etwas blass nach Hause und habe meine Tochter im Schlepptau, die wie immer nach diesen Terminen keinen Mucks sagt. Jetzt weiß ich, was mir meine Frau verschwiegen hat. Ich bete, dass sie bald wieder auf die Beine kommt.

Unbenannt

16.07. Die Zähne kommen – Martyrium für die ganze Straße

Meine Frau ist für drei Tage im Krankenhaus. Sie ist nun im sechsten Monat und eventuell bestehen Chancen, dass sie demnächst wieder aufstehen kann. Ich bete darum, denn meine Kräfte schwinden.

Nachdem meine Frau nun weg ist, hat man sich wohl gedacht: Schick seiner Tochter doch die letzten Backenzähne, da ist er abgelenkt.

Hätte nie geglaubt, dass mich der Zahnschmerz in dreierlei Form im Leben heimsucht, neben dem Herausbrechen aus meinem Kiefer und der Abgabe beim Kiefernchirurgen nun also noch in Form von Ohrenschmerzen vom Geschrei meiner kleinen Zahnenden.

Natürlich kommen die Zähne nachts, wann sonst? Man könnte sie zwar auch diskret morgens durch den Briefschlitz werfen oder ein hübsches Päckchen mit rosa Schleifchen schnüren – aber nein, sie kommen mit Krawumm und Gekreisch, mit Spießgebrüll im Dauerton. Meine Frau muss das geahnt haben und hat sich schön bei Vollpension in einem ruhigen Zimmer im Hospital verschanzt.

Dieses Schreien ist das Schlimmste, was ich akustisch in meinem Leben bisher erleiden musste. Ausgenommen eines Livekonzerts von Dieter Bohlen mit seiner Band Blue System auf einem Kleinstadtfest.

Ich verabreiche meiner Leidenden das noch verfügbare Schmerzmittel. Es hilft so gut wie gar nicht, sie schreit unbeeindruckt weiter. Das Schreien hallt durch das angekippte Fenster in die Straße. Der Ruf des rohen Fleisches hat es nicht weit, bis er auf der gegenüberliegenden Häuserseite Gesellschaft findet.

„Ruhe, verdammt noch mal! Man sollte das Jugendamt rufen!“, brüllt es krächzend mit der ganzen Wut eines enttäuschten und unerfüllten Sozialhilfelebens zurück.

Ich bin kurz konsterniert. Klar hat die Frau recht, aber trotzdem. Dann wird mir bewusst, dass es dieselbe Stimme ist, die seit Wochen fast jeden Abend ihrem Mann lautstark Prügel androht. Darauf würde ich es ankommen lassen. So viel zur familienfreundlichen Gesellschaft. Ich öffne das Fenster ganz. Alle Fenster. Sollen die ruhig mein Leid teilen und damit ihren Beitrag zu einem kinderreicheren Deutschland liefern.

30.07. Erschöpfung III

Wieder zwei Nächte nicht geschlafen. Der wochenlange Erholungsentzug hat seinen Tribut gezollt. Meine permanenten Schmerzen und Taubheitsgefühle bleiben.

Jetzt hab ich also die Quittung. Werde zwar (noch) nicht in die Klapse, aber in eine neurologische Klinik überwiesen.

07.08. Visite

Ich schrecke von einem Knall hoch. Nehme verstört wahr, dass es die Tür war, die aufgeflogen ist. Es muss Nacht sein, keine Ahnung wie spät. Auf jeden Fall bevor ein gesunder Mensch aufstehen würde. Ich spüre, wie man mich am Arm fesselt. Bevor ich mich zu wehren versuche, ahne ich, dass es sich um eine Blutdruckmessung handeln muss. Die Tür fliegt zu.

Kurz danach geht sie wieder auf.

Eine Schwester stürmt herein. Diesmal wird das eben gemessene Blut gleich mitgenommen. Wahrscheinlich, um die Blutdruckmessung im Labor in Ruhe zu wiederholen. Da hätten sie auch gleich draufkommen können. Es dauert keine zehn Minuten, da geht die Tür wieder auf und ein Staubsauger schiebt sich jaulend durchs Zimmer. Mein Ruf einer leichten Unordentlichkeit scheint mir also schon nach kurzer Zeit zu folgen.

Die abwechslungsreiche Show ist jedoch noch lange nicht zu Ende. Wieder klappt die Tür auf und es betritt diesmal ein ganzes Ensemble die Bühne. Die dargebotene Szene nennt sich Visite und beginnt mit einem Monolog eines Ensemblemitgliedes. Er handelt von mir und meinen Symptomen. Im zweiten Akt werde ich befragt und die Mienen der Mimen wetteifern um den besten Ausdruck von Ratlosigkeit, als stünden sie in einem Wettbewerb in dieser Disziplin. „Schwindel, Ziehen? Was ist das denn für eine Diagnose?“, schnattert eine Ärztin mittleren Alters.

„Haben Sie Kinder?“, frage ich Verständnis suchend in die Runde, doch man ignoriert mich. Ich bin für sie kein Mensch. Ich bin ein Fall. Ich existiere nur als Symptom.

Ein älterer Weißkittel, wahrscheinlich der Chef, meint, wenn ich schon mal hier sei, könnten sie auch ein paar Messungen machen. Irgendwas wird sich schon finden lassen.

Die Gruppe verlässt die Bühne, der Vorhang fällt. Der Kasache knetet liebevoll die Zimmerantenne des TV-Gerätes.

Nachmittags: Alles in Butter

Anruf von zu Hause. Alles in Butter. Ich warte auf ein aber, irgendwelche Probleme, wenigstens ein kleines Problemelchen – nichts. Seit ich weg bin, läuft’s.


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Mats Federberg arbeitete neben dem Biologiestudium u.a. als freier Journalist für die sächsische Zeitung. Als Wissenschaftler verfasste er zahlreiche internationale Publikationen, bevor es ihn 2012 zum literarischen Schreiben zog. Er verfasste Kurzgeschichten und Gedichte, die er in Anthologien veröffentlichte. Derzeit ist er Lehrer, Autor und Familienvater in Leipzig, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt.

Rockstar Love – Kein Rockstar ist auch keine Lösung

Kapitel 1 – Fünf Jahre zuvor

„Ich habʼ nachher noch eine Überraschung für dich!“ Jan grinste Kira vielsagend an, während sie die Einzelteile des Schlagzeugs auf die kleine Bühne im Keller des Jugendhauses trugen. Kira zwang sich, zurückzulächeln, stöhnte aber innerlich. Was mochte das wieder sein? Jan liebte Überraschungen, sie nicht. Das letzte Mal, als er sie überrascht hatte, waren sie kurz darauf in einer verqualmten Kellerbar gelandet, in der ein Kumpel von Jan sein erstes Konzert gegeben hatte. Gott sei Dank auch sein letztes: Es war grauenhaft gewesen.

Sie stellte die schwere Basstrommel auf dem Bühnenboden ab und strich sich die hellbraunen Haarsträhnen aus dem verschwitzten Gesicht. Es war schon jetzt unerträglich heiß hier drinnen. Die schwere, abgestandene Luft raubte ihr den Atem und ließ ihre Kontaktlinsen austrocknen. Mit Wehmut dachte sie an ihr gemütliches Zimmer zu Hause. Dort wartete ein Stapel Chemiebücher auf dem Schreibtisch darauf, dass sie endlich Zeit zum Lernen fand. Diesmal mussten es mindestens vierzehn Punkte werden, sonst konnte sie ihren Einserschnitt im Abi vergessen. Stattdessen war sie hier und vertrödelte ihre Zeit.

Sie richtete sich auf und sah sich um. Um sie herum krochen drei junge Männer über die staubige Fläche und verkabelten Instrumente. Bis auf einen Mitarbeiter des Jugendhauses, der ihre Aufbauarbeiten überwachen sollte, war noch niemand da. Durch die kleinen Fenster ganz oben in der Wand fielen ein paar Sonnenstrahlen und machten die staubige, verbrauchte Luft sichtbar.

Die anfallenden Arbeiten vor einem Konzert kannte sie im Schlaf, sie hatte das schon hunderte Male erledigt, dennoch fühlte sie sich oft fehl am Platz und nicht richtig zugehörig. Jan und die Jungs aus der Band waren ein Team, sie selbst kam sich eher wie ein Störfaktor in der Männerfreundschaft vor. Niemand hätte sie je so bezeichnet, aber sie sah die Blicke der anderen, wenn Jan sie mal wieder mit in den Proberaum schleppte.

Sie wünschte, ihre beste Freundin Theresa hätte heute hier sein können. Doch die lag im Krankenhaus, schon zum dritten Mal dieses Jahr. Sie war der Grund, warum Kiras Wunsch, nach dem Abi Medizin zu studieren, noch weiter in den Vordergrund gerückt war. Sie lernte in jeder freien Minute und verbesserte sich von Klausur zu Klausur. Wenn sie jetzt nicht nachließ, würde sie den erforderlichen Numerus clausus problemlos schaffen.

Jan war das genaue Gegenteil von ihr, er verfolgte keine solchen Pläne. Wenn man ihn fragte, was er nach der Schule machen wollte, antwortete er meist lapidar mit: „Musik“. Er hatte weder vor, zu studieren, noch wollte er eine Lehre anfangen. Diese Sorglosigkeit führte immer häufiger zu Streit zwischen ihnen, in dieser Hinsicht waren Kira und ihre Eltern ganz einer Meinung. Die waren von Anfang an gegen die Beziehung zu Jan gewesen, der angeblich einen schlechten Einfluss auf ihre Tochter hatte, und machten das auch bei jeder Gelegenheit deutlich. Am Anfang hatte sie sich rebellisch gefühlt, doch in letzter Zeit konnte sie die Ansichten ihrer Eltern zunehmend nachvollziehen. Sie hatte sich weiterentwickelt, war durch ihre Sorge um Theresa erwachsen geworden. Jan aber weigerte sich, ernsthaft darüber nachzudenken, was er nach der Schule machen wollte und lebte in den Tag hinein. Es lag nur noch ein halbes Jahr zwischen heute und dem Tag, an dem sie sich für ihren weiteren Lebensweg entscheiden mussten. Nicht mehr viel Zeit, um eine gemeinsame Lösung zu finden, befürchtete Kira.

Jan ließ den Ständer, den er getragen hatte, achtlos fallen und sprang von der Bühne, um sich mit dem Typ vom Jugendhaus, der ihn zu sich winkte, zu unterhalten. Kira betrachtete ihren Freund nachdenklich. Er zündete sich eine Kippe an und wippte beim Reden auf den Fußballen vor und zurück. Sein raues Lachen erfüllte den ganzen Raum. Dies hier war seine Welt. Er war Musiker mit Leib und Seele und konnte sich nicht vorstellen, je etwas anderes zu machen. Sein Plan war es, mit seiner Musik groß rauszukommen. Er war eben ein Träumer, ein Optimist. Sie hingegen hatte früh erfahren, wie unfair das Leben sein konnte.

Zwei Mädchen kamen herein. Sie sahen Jan und kicherten, als er ihnen zuwinkte. Soweit Kira wusste, waren die beiden aus der Elften, also zwei Jahrgänge unter ihr. Vermutlich arbeiteten sie heute Abend hier. Sie sah Jan mit den Augen der Mädchen: Mit seinen verstrubbelten, blonden Haaren, der schlaksigen Statur und seinen blauen Augen wirkte er gleichermaßen anziehend und frech. Sein selbstsicheres Auftreten verlieh ihm zusätzliche Attraktivität. Das war ihr schon bei ihrer allerersten Begegnung vor vier Jahren aufgefallen. Endgültig verliebt hatte sie sich nach einem Konzert seiner Band. Er wirkte wie ein echter Rockstar, wenn er auf der Bühne stand. Seine Musik war trotz harter Gitarrenriffs und durchdringendem Bass melodisch. Allein zu beobachten, wie er voller Hingabe sang, hatte sie erzittern lassen. Sein Talent war unbestreitbar. Doch im Gegensatz zu Jan war Kira sich nicht sicher, ob das reichen würde, um nach der Schule halbwegs davon leben zu können.

Während sie gedankenverloren auf der Bühne stand und ihren Freund beobachtete, sah er auf und lächelte sie an. Noch vor ein paar Wochen hätte ihr dieses Lächeln einen Gänsehautschauer über den Rücken gejagt, doch heute erreichte es sie nicht. Sie lächelte dünn zurück und drehte sich weg. Es musste noch eine Menge aufgebaut werden.

Erst nachdem der Einlass seine Pforten geöffnet hatte, war Kira mit den Aufbauten endgültig fertig. Die Band war hinter der Bühne verschwunden, um sich auf das Konzert einzustimmen. Kira ging an die Theke und bestellte sich eine Cola. Langsam füllte sich das Jugendhaus. Jans Band war in der ganzen Schule und mittlerweile auch darüber hinaus bekannt. Trotzdem war Kira erstaunt, wie viele unbekannte Gesichter sie in der Menge entdecken konnte.

Auf einmal wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Tür gelenkt. Ihr Herz machte einen erfreuten kleinen Hüpfer, als sie Mika dort stehen sah. Mika Ehrenbach war ein Jahr älter als Kira und studierte schon. Jura, weil er Anwalt werden wollte wie sein Vater und eines Tages dessen Kanzlei übernehmen würde. Zumindest hatte Kira das so gehört.

Sie seufzte unwillkürlich, als Mikas umherschweifender Blick sie streifte. Was machte er heute hier? Eigentlich war er öfter in der Unibibliothek anzutreffen als hier im Jugendhaus. Mika war eben schon verdammt erwachsen.

Bei seinem Anblick ging für Kira die Sonne auf. Sie bewunderte ihn. Er wusste genau, was er vom Leben wollte und zögerte nicht, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Außerdem sah er verdammt gut aus. Er war groß und schlank, hatte markante Gesichtszüge und etwas längere, dunkelbraune Haare. Bei ihm sah das allerdings nach einer durchdachten Frisur aus, nicht so verstrubbelt wie bei Jan. Man sah ihn ausschließlich in gut sitzenden Markenklamotten, meist in dunklen Tönen. Das unterstrich seine sexy seriöse Ausstrahlung. Er wirkte, als wäre alles, was er in die Hand nahm, von Erfolg gekrönt. Ausnahmslos jedes Mädchen verehrte Mika, da war sich Kira sicher. Unbewusst verglich sie ihn mit Jan, dessen Kleidungsstil nicht einmal ansatzweise erkennbar war. Jan war noch ein Junge, Mika hingegen schon fast ein richtiger Mann, auch wenn er nur ein Jahr älter war als ihr Freund.

In den gefühlten drei Minuten, die Mika jetzt schon da war, hatten sich sechs Mädchen um ihn geschart, die erfolglos nach seiner Aufmerksamkeit haschten. Er lachte über irgendwas und drängelte sich zur Theke durch. Kurz dachte Kira, er wolle vielleicht zu ihr, doch dann bemerkte sie seinen besten Freund Max neben sich. Max ging in Kiras Stufe und war das komplette Gegenteil von Mika. Er war etwas kleiner und kräftiger, hatte eher dünnes, dunkelblondes Haar und kleine Augen. Warum die beiden beste Freunde waren, wusste niemand. Tatsache aber war, dass sich Max durch die Freundschaft mit Mika Ehrenbach einen deutlich höheren Status in der Schulhierarchie verschafft hatte.

Mikas Ärmel streifte sie im Vorbeigehen, bevor er sich zu Max an die Theke stellte. Kira hielt den Atem an. Verlegen nippte sie an ihrer Cola und versuchte, ihn nicht ganz so offensichtlich anzustarren. Wie in Zeitlupe registrierte sie jede seiner Bewegungen. Er klopfte Max kumpelhaft auf die Schulter und bestellte sich einen Wodka Tonic. Mit dem Glas in der Hand drehte er sich so um, dass er die Bühne voll im Blickfeld hatte und bot Kira eine wunderschöne Aussicht auf sein perfektes Profil.

„Und? Wer spielt heute?“, fragte er niemanden bestimmten.

Alternativlos, die Band von Jan Adler aus der Dreizehnten“, hörte Kira sich sagen, noch ehe sie sich bremsen konnte. Mit hochgezogenen Augenbrauen drehte Mika sich zu ihr um und sah sie abschätzig an. Dann verzog er seine vollen Lippen zu einem Lächeln, das seine perfekten Zähne entblößte und ein Grübchen auf sein Kinn zauberte. Kiras Knie wurden weich.

„Hallo, schöne Frau. Kennen wir uns schon?“

„Nein“, krächzte Kira und räusperte sich. Warum war ihr Mund mit einem Mal so trocken?

„Verrätst du mir deinen Namen?“

„Kira … Baumeister.“ Warum konnte sie nicht mehr in ganzen Sätzen sprechen? Und warum klang ihre Stimme so unnatürlich hoch?

„Schön, dass du auch hier bist, Kira. Ich bin Mika.“ Er prostete ihr zu und lächelte sie offen an. Von ihrem Blickwinkel aus konnte sie erkennen, dass Max die Augen verdrehte. Kira wurde nun noch verlegener, als sie es sowieso schon war. Flirtete allen Ernstes der begehrteste Junge der Stadt mit ihr? Sie überlegte fieberhaft, was sie antworten konnte, als sie plötzlich ihren Namen hörte.

„Kira? Kannst du mal zu mir kommen?“

Schlagartig wurde sie rot. Es war Jans Stimme, die aus allen Boxen quer durch den Raum schallte. Ihr kam es vor, als würden sich alle Augen im Raum auf sie richten und sehen, wie sie mit Mika flirtete. Die meisten hier wussten, dass sie Jans Freundin war, bis auf Mika. Doch auch der bekam es in eben diesem Moment mit, denn Max flüsterte ihm etwas ins Ohr und sah bedeutungsvoll zwischen Kira und Jan hin und her. Ehe es noch peinlicher werden konnte, schnappte sich Kira ihr Glas und schlenderte betont gelangweilt in Richtung Bühne.

Sie musste kein schlechtes Gewissen haben, beruhigte sie sich selbst. Sie hatte nur mit Mika geredet. Eigentlich noch nicht einmal das, ihr war ja nichts Geistreiches eingefallen. Es war also gar nichts passiert. Dennoch legte sie sich in Gedanken schon mal eine Erklärung zurecht, während sie zum Seiteneingang ging, der hinter die Bühne führte.

Jan hatte nichts davon mitbekommen, was eben vorgefallen war … oder nicht vorgefallen war. Er wirkte glücklich und aufgekratzt wie immer vor einem Konzert, seine Augen blitzten und er vibrierte förmlich vor Aufregung.

„Das Konzert fängt gleich an“, empfing er sie und zog sie kurzerhand hinter die Tür in den schmalen Gang hinein. „Vorher zeige ich dir aber noch meine Überraschung. Du sollst sie als Erste sehen, schließlich ist sie für dich.“

Und mit diesen Worten krempelte er den Ärmel seines Langarmshirts ein Stück nach oben und präsentierte ihr stolz ein neues Tattoo auf seinem Unterarm. Kira konnte nicht gleich erkennen, was es darstellen sollte. Sie starrte nur verständnislos darauf.

„Es ist ein Herz, ein anatomisches, nicht so ein kitschiges“, half er ihr auf die Sprünge. „Weil du doch Medizin studieren wirst.“

Außer dem Herz waren auch die Aorta und die Lungenarterie zu sehen. Aus der Aorta flossen die Worte My Love und aus der Arterie My Life.

Er zeigte auf die Arterie: „Mein Leben ist wie dieses Blut.“ Dann tippte er auf die Aorta: „Deine Liebe ist für mich der Sauerstoff, durch den ich erst lebensfähig bin.“

Kira wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das Herz war in ockerfarbenen Linien mit allen Blutgefäßen und Muskeln skizziert – und unheimlich hässlich. Es wirkte mehr wie ein Bild aus einem Lehrbuch als wie das Tattoo eines Rockstars. Sie brachte mit Mühe ein „Toll“ hervor, bevor sie ihn ansah. Er wirkte so glücklich, so stolz. Da konnte sie ihn doch jetzt nicht mit ihrer wahren Meinung verletzen. Dass er verrückt sein musste, sich so ein hässliches Bild an so eine deutlich sichtbare Stelle seines Körpers stechen zu lassen. Dass sie so etwas nie gewollt hatte. Dass sie Tattoos nicht mal leiden konnte. Doch ihr war klar, dass er es für sie gemacht hatte, um ihr seine Liebe zu zeigen. Außerdem war direkt vor dem Konzert ein ungünstiger Zeitpunkt, einen Streit vom Zaun zu brechen. Also spielte sie weiter die Begeisterte. Er verlangte von ihr sogar, das Bild anzufassen, obwohl ihm die Berührung wehtun musste. Die Haut um das Herz herum war stark gerötet, alt konnte das Tattoo noch nicht sein. Es fühlte sich an wie ein verbranntes Stück Erde, ganz heiß und trocken. Sie schluckte. Sie wollte nicht, dass er so etwas für sie tat. So etwas Unumkehrbares. Nicht, wenn sie in der Zwischenzeit mit einem anderen Jungen flirtete. Das hatte er nicht verdient.

Als sie ihm wieder in die Augen sah, seine Freude und seine Aufregung erblickte, wurde ihr bewusst, dass sie längst eine Entscheidung getroffen hatte. Sie konnte nicht länger so tun, als wäre alles in Ordnung zwischen ihnen. Sie musste das beenden. Und zwar nicht, weil ihre Eltern es so wollten, sondern weil sie selbst einsah, dass Jan ihrem Leben nicht guttat. Es tat ihr unheimlich leid, dass sie auf diesen Gedanken nicht vor diesem unsäglichen Tattoo gekommen war.

Dennoch brachte sie es jetzt noch nicht übers Herz. Sie konnte ihm nicht sein Konzert verderben. Sie würde einen günstigeren Zeitpunkt abwarten, das war sie ihm schuldig. Ihm und den anderen Jungs der Band.

Also gab sie ihm einen Kuss auf die Wange, wünschte ihm viel Glück und ging zurück in den Konzertraum zu den anderen Zuschauern. Als sie sich noch einmal umdrehte, stand Jan noch immer so da und sah ihr verwirrt nach. Ahnte er etwas? Doch dann grinste er. Wahrscheinlich hatte sie sich getäuscht.

Ein paar Minuten später stand er schon auf der Bühne. Sie starteten mit Feueralarm, einem ihrer stärksten Songs, die Zuschauer gingen sofort darauf ein und bewegten sich im Takt des Schlagzeugs. Auch Kira ging äußerlich mit der Musik mit. Doch innerlich überlegte sie, wie sie Jan schonend beibringen konnte, dass sie von jetzt an getrennte Wege gehen würden.

Immer wieder sah sie zu Mika. Sie hatte sich absichtlich in seine unmittelbare Nähe gestellt, doch diesmal ignorierte er sie vollkommen. Das tat seiner Attraktivität jedoch keinen Abbruch. Und da er sie nicht beachtete, konnte sie ihn ungestört anschauen. Sie ertappte sich kurz bei dem Gedanken, dass ihre Eltern bestimmt glücklich wären, wenn sie einen Freund wie Mika hätte. Vermutlich würde ihr Vater ihr anerkennend auf die Schulter klopfen und ihre Mutter sein „adrettes Auftreten“ loben.

Sie war so vertieft, dass sie nicht gleich mitbekam, dass die Musik nicht mehr spielte. Erst Jans Stimme aus den Lautsprechern brachte sie wieder ins Hier und Jetzt zurück.

„Hallo, Leute, schön, dass ihr da seid. Wir sind Alternativlos“, begrüßte er die Zuschauer. Ein paar Mädchen kreischten los, was er mit einem spöttischen Heben der Augenbrauen quittierte.

„Ich wollte euch mal was fragen“, fuhr er fort. „Geht’s euch auch so gut wie mir?“ Lautes Gegröle und Klatschen schallten ihm entgegen.

Er grinste diabolisch hinter dem Mikrofon und schüttelte demonstrativ den Kopf.

„Ich glaube euch nicht. Und wisst ihr warum? Ich habe heute was zu feiern. Seit drei Jahren ist jemand an meiner Seite, den ich liebe, der mich durch Höhen und Tiefen begleitet und ohne den ich heute nicht hier vor euch stehen würde.“ Er suchte die Menge ab, bis sein Blick auf Kira fiel. Er lächelte, doch sie konnte das Lächeln nicht erwidern. Ein stechender Schmerz begann sich in ihrem Kopf auszubreiten.

Jan sah wieder in die Menge. „Ihr fragt euch sicher: Warum zum Teufel erzählt der uns das alles?“

„Ja! Warum?“, grölte jemand weiter hinten, was allgemeines Gelächter hervorrief.

Kira presste die Fingerspitzen an ihre Schläfen und schloss die Augen. Sie wünschte sich ganz weit weg.

Jan sprach weiter: „Ich möchte euch die Person vorstellen. Kira? Komm doch bitte auf die Bühne!“

Kira spürte, wie sie von einigen Händen nach vorn, mitten auf die Tanzfläche, geschubst wurde, während sämtliche Nerven und Muskeln in ihr laut „Nein, nein, nein!“ schrien. Irgendein Witzbold von der Technik richtete einen Strahler auf sie aus, so dass sie geblendet wurde. Ein zweiter Strahler leuchtete auf und tauchte Jan in einen ebenso hellen Lichtkegel. Wenigstens konnte sie ihn jetzt erkennen. Und was sie sah, beunruhigte sie. Er hatte etwas vor, das erkannte sie deutlich an seinem schiefen Grinsen und den blitzenden Augen.

„Kira, du bist die Liebe meines Lebens.“ Seine Stimme war ganz tief geworden. Er sah ihr fest in die Augen. „Deshalb möchte ich dir heute eine wichtige Frage stellen.“

Kiras Atmung setzte einen Moment lang aus und sie spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach. Sie schluckte.

Bei Jans Versuch, sein Mikro zu nehmen, fiel der Ständer um. Das Gepolter vermischte sich mit dem unangenehmen Quietschen, das daraufhin aus den Lautsprecherboxen schallte. Verlegen bückte er sich, stellte den Ständer wieder auf und rieb sich die Hände an seiner Hose. Schließlich räusperte er sich, nahm das Mikro und streckte den Rücken durch. Seine Stimme klang fest. „Hier, vor all diesen Zeugen, meine liebe Kira, frage ich dich: Willst du mich heiraten?“

Es war, als hielten alle im Raum den Atem an. Eine gespenstische Stille senkte sich herab und ausnahmslos jeder starrte sie an. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf nur so durcheinander, sie bekam keinen einzigen davon zu fassen. Sie zwang sich, ruhig ein und auszuatmen. Ein Heiratsantrag. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Ein Heiratsantrag sollte der romantischste Moment im Leben eines Mädchens sein. Warum nur fühlte sie sich dann, als hätte sie einen Einberufungsbefehl in den Krieg erhalten?

Sie sah Jans freudige Erwartung in seinen Augen. Sein Lächeln war warm und galt nur ihr. Ein Versprechen lag darin, sie für immer zu lieben und für sie da zu sein. Sie konnte die Erwartungen der Zuschauer spüren. Alle wollten an diesem romantischen Moment teilhaben und sich mit ihnen freuen. Das Pochen in Kiras Kopf wurde stärker, dann, nach einer kleinen Ewigkeit, schüttelte sie ganz leicht den Kopf.

Sie senkte den Blick und wünschte sich, sie könnte auf der Stelle im Erdboden versinken. Noch immer war kein Laut zu hören. Vorsichtig wagte sie aufzuschauen. Jan stand noch immer genauso da wie eben, doch sein Lächeln war zu einer Grimasse erstarrt und seine Haut wirkte im hellen Scheinwerferlicht seltsam fahl. Im nächsten Moment drehte er sich auf dem Absatz um, schmiss seine Gitarre auf den Boden, dass es nur so schepperte, sprang von der Bühne und verschwand durch den Nebeneingang. Gleichzeitig setzten auch die Geräusche im Raum wieder ein. Ungläubiges Raunen und Getuschel drangen von allen Seiten zu ihr. Kira rannte hinter Jan her, noch ehe sie genau darüber nachdenken konnte, was sie da tat.

Sie fand ihn in der kleinen Küche, in der die Getränke für die Band bereitgehalten wurden. Er stand mit dem Rücken zu ihr vor den Bierkästen. Als die Tür hinter ihr zufiel, drehte er sich langsam zu ihr um.

„Es tut mir leid“, sagten sie beinahe gleichzeitig. Kira sah einen leichten Hoffnungsschimmer in seinem Gesicht und er setzte an: „Ich hätte dich nicht so überfallen sollen …“

„Jan“, unterbrach sie ihn abrupt. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. „Ich kann nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Ich –“ sie stockte. „Es tut mir leid.“

„Was meinst du?“, fragte er verständnislos. Sein Blick irrte suchend über ihr Gesicht, doch plötzlich hielt er inne und riss die Augen auf. „Willst du … Schluss machen?“

Instinktiv wollte sie den Kopf schütteln. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. So hatte sie das nicht gewollt. Doch nun gab es keinen anderen Ausweg mehr. Sie nickte betreten.

„Nein!“ Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr und packte ihre Handgelenke. Seine Stimme klang heiser. „Das meinst du doch nicht ernst!“

Obwohl sie am liebsten weggelaufen wäre, zwang Kira sich, ihm in die Augen zu schauen.

„Ich … ich liebe dich nicht mehr!“, presste sie hervor.

Er zuckte zusammen, als wäre er geschlagen worden. „Aber … warum? Ich verstehe das nicht.“ Verzweifelt sah er sie an. „Wegen dem Antrag? Das tut mir echt leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Wir müssen nicht heiraten. Jedenfalls nicht so bald. Wir vergessen das einfach und …“

„Nein“, unterbrach sie ihn traurig. „Ich hatte schon vorher den Entschluss gefasst. Aber ich wollte auf den geeigneten Moment warten.“

„Den geeigneten Moment?“ Seine Augen verengten sich und seine Stimme wurde schneidend. „Und das war er, der geeignete Moment?“

Sie dachte an die mitleidigen Blicke seiner Fans, nachdem sie seinen Antrag abgelehnt hatte. „Nein … ja … ach, verdammt!“ Sie sah ihn schlucken. Eine Weile lang sagte keiner von ihnen ein Wort.

Warum konnte er eigentlich kein Arsch sein, bei dem es ihr leichtfallen würde, ihm wehzutun?

„Du kannst nichts dafür.“ Ihre geflüsterten Worte waren kaum hörbar.

„Ach, ist das so?“, schrie er sie an. Sein Griff wurde eisenhart. „Dann sag mir den Grund! Hast du einen anderen?“

Sie schüttelte stumm den Kopf und sah anklagend auf ihre Handgelenke. Er ließ sie so plötzlich los, als hätte er sich verbrannt. Abrupt drehte er ihr den Rücken zu. Für einen Moment befürchtete Kira, er würde irgendetwas nach ihr werfen.

Sie rieb sich die schmerzende Haut und redete schnell weiter. „Ich habe mich verändert. Was wir hatten, war wunderschön, aber –“, sie suchte unbeholfen nach den richtigen Worten, „das reicht mir nicht mehr. Ich habe ein Ziel, ich will etwas bewegen. Du hingegen bist glücklich mit dem, was du hast.“ Sie konnte sehen, dass jedes ihrer Worte ihn wie eine Gewehrkugel traf und verletzte. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Entschlossen fügte sie hinzu: „Wir sind zu verschieden.“

Er drehte sich wieder um und sah sie einfach nur an. Aus seinem Blick erlosch sämtliche Emotion. Sie spürte, wie er sich innerlich von ihr entfernte.

„Du solltest jetzt besser gehen!“

Er hatte leise gesprochen, aber Kira hörte die unterdrückte Wut in seiner Stimme. Es war besser, seiner Aufforderung zu folgen. Also drehte sie sich wortlos um und verließ den Raum. Draußen standen noch immer die aufgebrachten Fans und starrten neugierig in ihre Richtung. Ohne jemanden anzusehen, schnappte sie sich ihre Jacke und rannte nach draußen. Erst als sie auf der Straße stand, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Was hatte sie getan?

Tränenblind versuchte sie sich zu orientieren. Was jetzt? Wohin sollte sie gehen? Sie konnte schlecht hier stehen bleiben und darauf warten, dass ihre Probleme sich in Luft auflösten. Sie musste hier weg.

Ich habe das Richtige getan, wiederholte sie ständig wie ein Mantra. Warum nur wollte ihr Herz ihr nicht so recht glauben? Egal! Irgendwann würde das dumme Ding sicher auch begreifen, dass es so für alle Beteiligten besser war.

„Kann ich dich nach Hause fahren?“, fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum und blickte in Mikas graue Augen. Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass er allein war. Sie versuchte sich durch ihren Tränenschleier hindurch an einem unsicheren Lächeln und nickte zaghaft.

Er sagte kein Wort, während sie zu seinem Auto gingen. Ganz gentlemanlike hielt er ihr die Tür auf. Dankbar lächelte sie ihn an. Sie musste furchtbar aussehen, und dennoch war er so nett zu ihr. Dieser Gedanke verursachte einen neuen Heulkrampf. Etwas linkisch legte er seine Hand auf ihre Schulter.

„Bitte, weine nicht! Dazu hast du doch gar keinen Grund. Warte, ich weiß was.“ Abrupt löste er sich, schlug ihre Tür zu und stieg ebenfalls ein.

Sie bemerkte kaum, wohin sie fuhren. Erst als sie die riesige Anzeige der lokalen Tankstelle vor sich sah, wurde ihr bewusst, wo sie gelandet waren. Mika hielt an und stürzte schon fast fluchtartig aus dem Wagen, was sie ihm angesichts ihres desolaten Zustands nicht verdenken konnte, kehrte aber nur Minuten später zurück und drückte ihr einen dampfenden Kaffeebecher in die Hand. Sie verzog den Mund bei dem Gedanken an das kochend heiße, bittere, schwarze Getränk, doch dann nahm sie pflichtschuldigst einen kleinen Schluck. Die Wärme half tatsächlich. Ihre Tränen trockneten und hinterließen ein juckendes Gefühl auf ihren Wangen.

„So, und jetzt erzähl mal, was passiert ist. Ich meine, abgesehen vom Offensichtlichen“, ermunterte er sie und fuhr seinen Sitz zurück, um sich besser zu ihr drehen zu können.

Obwohl es ihn überhaupt nichts anging und sie nicht mal sicher war, ob es ihn wirklich interessierte, erzählte sie. Von ihren Zweifeln und Ängsten, von ihrer Zukunftsplanung und ihren Bedenken, dass Jan nicht der Richtige war. Es tat gut, sich das alles von der Seele zu reden. Mika war ein geduldiger Zuhörer. Er unterbrach sie kein einziges Mal, nickte nur hin und wieder. Schließlich nahm er ihr den mittlerweile kalt gewordenen Kaffee aus der Hand, öffnete seine Tür und schüttete ihn weg. Den Becher warf er in die Dunkelheit. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern und grinste sie schief an. Dann beugte er sich zu ihr und schloss sie in eine feste Umarmung, die sie unheimlich tröstend fand.

 Als er sie wenig später durch die dunklen Straßen nach Hause fuhr, konnte Kira sich des Gedankens nicht erwehren, dass das heute nicht nur ein Ende war, sondern auch ein Anfang. Der Anfang ihres neuen Lebens.

 

 

Kapitel 2 – Heute

Kiras Hände waren eiskalt, sie war noch nicht dazu gekommen, sich Handschuhe zu kaufen. Sie beeilte sich, die schwere Plastiktüte, deren Griffe unsanft tief in ihre Haut einschnitten, durch die Mannheimer Innenstadt zu tragen. Die vorweihnachtliche Beleuchtung in den Fenstern um sie herum versuchte eine heimelige Stimmung zu verbreiten. Aber sie kam nicht gegen die feuchte Kälte an, die Kira durch jede Faser ihrer Kleider bis auf die Haut kroch.

Sie dachte an Tommy und ging schneller. Sicher wartete er schon auf sie. Er würde enttäuscht sein, weil sie nur die nötigsten und vor allem billigsten Lebensmittel eingekauft hatte. Auch diese Woche würde es nichts außer Ravioli aus der Dose, Nudeln mit Ketchup und Tütensuppe geben, für mehr hatte ihr Geld nicht gereicht. Kira fand das nicht so schlimm, denn daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Viel mehr tat es ihr leid, dass Tommy nicht das bekam, was er mochte. Aber seine Lieblingsmarken gab es bei dem Discounter nicht, und außerdem waren sie unnötig teuer. Das konnte sie sich im Moment beim besten Willen nicht leisten.

So hatte sie sich das Leben als angehende Studentin nicht vorgestellt. Vor fast einem halben Jahr war sie aus Australien zurück nach Deutschland gekehrt, und ihre Lage sah schlimmer aus als je zuvor. Es war kurz vor Weihnachten, sie war praktisch pleite und das Semester würde nicht vor kommendem Oktober beginnen. Am liebsten hätte sie sofort nach ihrer Rückkehr mit dem Studium begonnen, doch dann war sie von der Nachricht überrascht worden, dass sie für eine Studienbewerbung den bestandenen Medizinertest vorweisen musste. Ein Test, der nur einmal im Jahr im Mai durchgeführt wurde. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie sich nicht rechtzeitig darüber informiert hatte. Jetzt wusste sie Bescheid, auch dass die Anmeldefrist für diesen Test bereits am fünfzehnten Januar endete und nur bei Überweisung der Anmeldegebühr überhaupt akzeptiert wurde. Zeit hatte sie genug, nur das Geld fehlte ihr. Sie musste sich nun fast ein Jahr lang mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten und nebenher genug Geld verdienen, um nicht nur die Anmeldegebühr, sondern auch die notwendigen Anschaffungen für das Studium zu finanzieren.

Sie dachte an die Anfangszeit in Down Under, in der sie Touristengruppen in Sydney herumgeführt hatte. Damals hatte sie noch oft daran gedacht, nach Hause zurückzukehren und zu studieren. Doch dann hatte ihre Kollegin Sheila diese Idee gehabt, Kinderpartys zu organisieren. Sheila liebte Kinder, es machte ihr Spaß, mit ihnen zu spielen und sie zu unterhalten. Kira kümmerte sich lieber um den organisatorischen Teil, das lag ihr mehr. Sie hatte sich dort wohlgefühlt, fernab von ihren eigenen Ansprüchen, eine angesehene Ärztin zu werden und entscheidende Fortschritte in der Krebstherapie zu erzielen.

Während dieser Zeit hatte sie Tommy kennengelernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Er war einer der Gründe, warum sie so lange in Australien geblieben war. Sie hatte Tommy nicht verlassen wollen, konnte sich damals aber auch nicht vorstellen, ihn nach Deutschland mitzunehmen. Er war so glücklich in Australien. Er liebte das Wetter und seine Freiheit. Außerdem war er Australier und die versetzte man nicht einfach ans andere Ende der Welt. Tommy war ihr Begleiter und Tröster gewesen, wenn sie am Sinn ihres Lebens gezweifelt hatte. In der Nacht kuschelte er sich an sie und tagsüber, wenn sie arbeiten musste, streifte er durch die Gegend, auf der Suche nach Abenteuern.

Doch dann heiratete Sheila und wurde schwanger. Es war eine schwierige Schwangerschaft, schon bald hatte ihr der Arzt verboten, weiterzuarbeiten. Für einen allein war ihr kleines Unternehmen aber zu viel Arbeit gewesen. So hatte Kira vor der Entscheidung gestanden, sich entweder einen neuen Geschäftspartner zu suchen oder endlich den Schritt zu tun, den sie schon Jahre vorher hätte tun sollen: zurück nach Deutschland zu gehen und ihr Medizinstudium anzufangen. Sie hatte lange mit Tommy gesprochen, sich letztlich für die Heimkehr entschieden. Sie war von Amt zu Amt gelaufen, um die Formalitäten zu klären, hatte ihre wenigen Ersparnisse zusammengekratzt und ein Ticket für sich und Tommy gekauft.

Keuchend schleppte sie sich die vier Stockwerke hoch zu ihrer winzigen Wohnung, einen Aufzug gab es nicht. Sie schloss die Tür auf und ließ erleichtert die schwere Tüte auf den Boden fallen. Tommy stand schon in der Wohnzimmertür, um sie zu begrüßen.

„Na, mein Süßer, hast du mich vermisst?“

„Mau“, antwortete der schwarze Kater in herzzerreißendem Tonfall und schaute sie aus seinen gelbgrünen Augen vorwurfsvoll an.


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Sandra Helinski ist hauptberuflich Projektmanagerin in der Suchtforschung und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Weindorf in der Pfalz. Weil sie sich mit 37 schon ein wenig zu alt findet, um für Rockstars zu schwärmen, schreibt sie lieber einen Romane darüber, wie es wäre, sich in einen Rockstar zu verlieben.

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