Mord nach Rezept

Die Spannung stieg höher als ein kunstvoll zubereitetes Soufflé.

Messer blitzten, Fleisch wurde zerlegt, Zutaten gehackt, Mischungen angerührt und Speisen zusammengestellt, und das alles mit einer Erfindungsgabe, die an Verzweiflung grenzte. Das Finale des Kochwettbewerbs war in vollem Gang.

Darina Lisle beobachtete eine der Teilnehmerinnen, die Petersilie hackte und dabei das schwere Messer mit raschem und sicherem Geschick führte, sodass die grünen, gekräuselten Blättchen in kürzester Zeit zerkleinert waren. Eine Knoblauchzehe wurde geschält, ebenfalls kleingehackt, und dann wurden die beiden Zutaten wie durch Zauberei mit einigen kreisenden Bewegungen der breiten Messerschneide vermischt. Sie war eine zierliche, junge Frau mit einem Schopf glatter, blonder Haare, die im Nacken kurzgeschnitten waren. Eine große, weiße Schürze bedeckte fast ihren ganzen Körper, die Bänder hatte sie sich um die schlanke Taille gewickelt und über ihrem flachen Bauch zu einer ordentlichen Schleife gebunden.

Der Wettbewerb wurde von einer namhaften Import- und Handelsfirma für Spezialspeiseöle gesponsert, die damit das Ansehen ihrer Produkte in der englischen Gastronomie fördern wollte. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, ein dreigängiges Menü zu kochen und dabei nicht weniger als vier verschiedene Sorten Speiseöl zu verwenden. Die Vorentscheidungen hatten aus der Zubereitung zweier Gerichte bestanden. Jetzt, in dem exquisiten, mit himmelblauem und cremefarbenem Porzellan dekorierten Lancaster Room des Savoy Hotels, arbeiteten die acht Kandidaten der Endrunde angestrengt an der Fertigstellung eines neuen Menüs, und ihre Kreativität wurde durch den Zeitdruck auf eine harte Probe gestellt.

Darina empfand tiefes Mitleid mit einem jungen Mann, der mit einer selbstgefertigten Pasta zu kämpfen hatte. Jedes Mal, wenn er den Teig durch die Edelstahlwalzen des Geräts passierte, klebte er zusammen oder zerfranste auf unerklärliche Art und Weise in kurze, dünne Schnüre. »Lassen Sie den Teig noch einmal ungefähr zwanzig Minuten stehen«, flüsterte sie ihm zu, aber er schien taub für ihren Rat zu sein. Krabbenravioli mit einer Soße aus Haselnussöl, die Pasta mit Olivenöl angerührt, besagte seine Menükarte, die auf einem elegant gedeckten Tisch stand. Sie ging und las die Liste seiner anderen Gänge: eine Fischmousseline mit Pistazienöl an Kartoffelrösti mit Olivenöl, als Beilage gemischter Salat mit einem Dressing aus Walnussöl, gefolgt von einem Dessert aus Profiterolen, die mit Erdnussöl statt Butter zubereitet waren. Sie sah auf ihre Armbanduhr, stellte fest, dass die Zeit für den Wettbewerb zur Hälfte abgelaufen war, ohne dass der Kandidat mit der Zubereitung des Backwerks oder der Fisch-Schaumbrote begonnen hätte, seufzte innerlich und machte eine Anmerkung unter der Rubrik »Arbeitsmethode«.

Sie ging an der Reihe der provisorischen Kochnischen entlang, die sich in dem reichverzierten Ballsaal wie kleine Turnierzelte ausnahmen und gelangte zu einem langen Tisch in der Mitte des Saales, an dem die anderen Mitglieder der Jury saßen, Mineralwasser tranken und ihre Bewertungen notierten.

»Da kann es ja wohl kaum einen Zweifel geben, wer die

Gewinnerin sein wird«, sagte der Fernsehmoderator einer morgendlichen Talkshow. Mit einer Mischung aus einschüchterndem Charme und der Fähigkeit, noch die verschlafensten Prominenten angeregt plaudern zu lassen, animierte er derzeit Millionen von Zuschauern dazu, den Tag etwas weniger mürrisch als sonst zu beginnen. Ohne Anspruch zu erheben, Experte auf dem Gebiet der Kochkunst zu sein, bestand seine Rolle bei diesem Wettbewerb darin, den Geschmack der breiten Öffentlichkeit zu repräsentieren. Er führte seinen Bleistift mit schwungvoller Geste über den Bewertungsbogen, der in die Rubriken »Menüauswahl«, »Wahl der Zutaten«, »Arbeitsmethode«, »Präsentation« und »Geschmack der Speisen« unterteilt war.

Darina folgte seinem Blick zu der Stelle, wo eine der Teilnehmerinnen Hühnerleber und Schinkenspeck für ihren Salade tiède mit Haselnussöl vorbereitete.

»Sie scheint ihre Sache sehr gut zu machen«, stimmte ein weiteres Mitglied der Jury zu, ein Meisterkoch, der ebenso für seine persönliche Erscheinung wie für sein Essen berühmt war, »aber dieser Salat ist einfach banal.«

»Ich habe während der Vorausscheidungen die Erfahrung gemacht, dass man nur allzu oft meint, der Sieger stehe bereits fest, bis man dann tatsächlich die Gerichte probiert«, sagte der elegante junge Geschäftsführer der Speiseölfirma, die den Wettbewerb ausrichtete. »Und plötzlich muss man die eigenen Bewertungen völlig revidieren.«

»Zumindest hat sie ihre Tagliatelle richtig vorbereitet«, bemerkte der Fernsehmoderator, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und seinen Blick zuerst auf dem kleinen Haufen gekräuselter Pastastreifen auf einer Seite der Arbeitsfläche und dann auf dem üppigen Busen ruhen ließ, der sich unter dem tiefausgeschnittenen Strickkleid wölbte. Dunkle Locken umrahmten ein rundes Gesicht, das recht alltäglich wirkte, aber mit großen, braunen Augen und weichen, vollen Lippen gesegnet war. Er fing ihren Blick auf, zwinkerte ihr ermutigend zu und ließ seinen Blick dann zum Ende der Reihe wandern, wo der junge Mann inzwischen den Kampf mit seiner Pasta aufgegeben hatte und dabei war, Wasser und Öl für die gebackenen Profiterolen mit Schokoladensoße zu erhitzen. In seinen Augen lag Panik, und die Haare standen ihm buchstäblich zu Berge.

Die Teilnehmer der Endrunde waren eine gemischte Gruppe. Eine Frau mittleren Alters sah aus, als verbringe sie den größten Teil ihres Lebens damit, an einem Holzkohleherd zu stehen, frisch geerntetes Gartengemüse zuzubereiten und dazu eine Soße anzurühren, für die sie eine erstaunliche Menge ausgefallener Zutaten verwendete.

Ein älterer Geistlicher, vollkommen blind für das hektische Treiben um ihn herum, schälte langsam und vorsichtig die verbrannte Haut von seinen gebackenen Paprika. Ein junges Mädchen mit wildentschlossenem Auftreten träufelte Olivenöl über ihr Ratatouille. Und eine ältere Dame, die wie eine Bilderbuch-Großmutter aussah, rührte ein Dressing an, das Sesamöl und Sesamsamen enthielt.

Darina warf noch einen Blick auf die verschiedenen Menükarten, weil sie wissen wollte, wie die Teilnehmer das Problem gelöst hatten, auch für das Dessert ein Spezialöl verwenden zu müssen. Der Geistliche hatte es umgangen, indem er als Nachspeise einen Salat mit in Olivenöl mariniertem Ziegenkäse servierte, der mit Walnussöl angemacht war. Die meisten hatten sich zu einem Mousse entschlossen, das in einer mit Mandelöl bestrichenen Form serviert wurde. Nur eine ruhige Mittdreißigerin mit einem unscheinbaren Gesicht, einer wenig schmeichelhaften, viel zu schweren Schildpattbrille und streng nach hinten gekämmten Haaren hatte sich für ein Walnuss-Honig-Baklava entschieden. Es stand nun neben ihrem Ofen, und die mit Walnuss- und Erdnussöl statt mit Butter beträufelte, goldbraun glänzende Oberfläche ließ Darina das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dann seufzte sie leise, als sie daran dachte, wie viele Kalorien sie mit dem Probieren dieser Nachspeise wohl zu sich nehmen würde. Sogar wenn sie nur einen kleinen Bissen von jeder der acht Vorspeisen, acht Hauptspeisen und acht Desserts kostete, ergab es eine erschreckende Gesamtsumme. Wenn man beruflich mit Essen zu tun hatte, bedeutete dies einen ständigen Kampf zwischen Versuchung und Übergewicht.

Die Bitte, bei diesem Wettbewerb als Schiedsrichterin zu fungieren, hatte Darina überrascht. Sie hatte nicht gewusst, dass sie in der Welt der Gastronomie bereits einen Namen hatte. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches hatte ihr die Tageszeitung, in der bereits eine Reihe ihrer Artikel veröffentlicht worden waren, eine regelmäßige Kolumne angeboten. Dann war sie in den Verband der Gourmetkritiker aufgenommen worden, und nun landete in ihrem Briefkasten eine stetig anschwellende Flut von Einladungen zu Veranstaltungen aller Art, vom Wurstfrühstück auf der Themse bis zu einem Wochenendseminar über Lachsfischen in Schottland. Ganz zu schweigen von den zahllosen Einladungen in Restaurants, die anscheinend nicht imstande waren, ohne ihre Schirmherrschaft zu existieren.

Und all das hatte sich zufällig ergeben. Man hatte sie gefragt, ob sie einen Kochbuchklassiker überarbeiten und aktualisieren wolle, den ihr Cousin vor etwa fünfundzwanzig Jahren verfasst hatte. Schon immer hatte sich das Buchrecht gut verkauft, doch nun versprachen sich seine Verleger durch das neuerwachte Interesse, das der Mord an dem Autor ausgelöst hatte, noch höhere Verkaufszahlen. Nachdem sie das Rätsel um seinen Tod gelöst hatte, schien Darina die Überarbeitung des Buches eine interessante Herausforderung zu sein, zumal ihr die Zeit günstig schien. Sie hatte einen erfolgreichen Catering-Service aufgegeben, um sich den Traum vom eigenen Hotel zu erfüllen. Doch ein weiterer Mordfall hatte ihre Pläne durchkreuzt, und schließlich war sie sich nicht mehr sicher, in welche Bahnen sie ihre Karriere nun lenken sollte. Das Buch hatte ihr in dieser Hinsicht einen nützlichen Anstoß gegeben, und sie hatte mit dem Schreiben ein neues und fesselndes Interesse entdeckt. Die Zeit zwischen dem Abschluss ihrer Arbeit und der Veröffentlichung hatte sie damit verbracht, Artikel zu schreiben, von denen eine überraschend große Anzahl angenommen wurde, und das war der erfolgreiche Start zu einer neuen Karriere gewesen.

Sie vervollständigte ihre Beurteilungen in einer weiteren Rubrik auf dem Bewertungsbogen. Jetzt gab es nichts weiter zu tun, als zu warten, bis die Kandidaten ihre Speisen servierten, und die hektischen Vorbereitungen für das Finale und das Publikum zu beobachten.

Hinter einer seidenen Kordel, die als Absperrung diente, standen einige Stative mit Fernsehkameras und Fotoapparaten, sowie eine Reihe von Journalisten und Gästen.

Die PR-Abteilung des Sponsors hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet, denn die Vertreter der Medien waren in beachtlicher Zahl erschienen, und Darina entdeckte unter ihnen einige prominente Gesichter. Aber sie war mehr an den Gästen der Wettbewerbsteilnehmer interessiert. Gespannt wartende Verwandte und Freunde saßen an den runden Tischen, die zum Mittagessen gedeckt waren, tranken den ausgezeichneten Wein des Hauses oder gingen mit kleinen Kameras in den Händen herum, beugten sich über die Absperrung und versuchten, ihren Kandidaten abzulichten.

Ihr Blick blieb auf dem Gesicht eines Mannes haften, das durch eine eigentümliche Kombination aus Intelligenz und Humor bestach. Anfang dreißig, schätzte sie. Kohlrabenschwarze Augen glitzerten im Licht der Scheinwerfer, und das dunkle, drahtige Haar auf dem runden, kräftigen Schädel war kurzgeschnitten. Er machte eine Aufnahme von der jungen Frau in der großen, weißen Schürze. Als sie ihm einen raschen Blick zuwarf, grinste er und signalisierte ihr mit aufwärtsgerecktem Daumen, dass alles prima lief.

Der Starkoch war neben Darina getreten, winkte und rief: »Simon, schön, Sie zu sehen. Ich komme später zu Ihnen.«

Der junge Mann winkte ihm zu und kehrte dann zu seinem Platz an einem der Tische für die Gäste zurück. Zwei Frauen saßen auf der anderen Seite des Tisches, und es war offensichtlich, dass sie mehr von ihm trennte als nur die Stühle, die zwischen ihnen standen. Froh, dass sie nun wenigstens die Familie einer der Teilnehmerinnen identifizieren konnte, nahm Darina ihre Mitglieder etwas näher in Augenschein.

Die ältere der beiden Frauen trug eine schlammfarbene Bluse, die gut zu ihrem wettergegerbten Gesicht passte. Sie sah aus, als seien ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Ihr besorgtes Gesicht wurde von feinem, weißem Haar umrahmt. Während Darina sie betrachtete, beugte sich die jüngere Frau zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nebeneinander der beiden Gesichter zeigte sich eine auffallende Ähnlichkeit, die sich allerdings nicht in den Gesichtszügen der jungen Köchin wiederfand. Keine der beiden Frauen beachtete den jungen Mann an ihrem Tisch.

In diesem Moment ertönte die Durchsage, dass die Kandidaten noch zehn Minuten Zeit hätten, um ihre Gerichte fertigzustellen.

Der junge Mann mit den abstehenden Haaren unterbrach seine Versuche, die Ravioli zu füllen, nahm ein kümmerlich aussehendes Backwerk aus dem Ofen, knallte wütend das Blech auf die Arbeitsfläche, riss sich die Schürze herunter und marschierte auf die großen Flügeltüren zu, sich seinen Weg durch die Kameramänner und Journalisten bahnend und einen der Organisatoren des Wettbewerbs zur Seite stoßend. Im Hintergrund des Ballsaals löste sich ein anderer Mann aus der Gruppe der Gäste und eilte dem erfolglosen Koch hinterher.

Die übrigen Teilnehmer richteten mit unglaublicher Geschwindigkeit ihre Speisen an und gaben ihnen in verzweifelter Eile den letzten Schliff – die meisten Gesichter waren bleich vor Aufregung und Erschöpfung.

Darina verfolgte das alles mit Grausen und Mitleid. So sehr sie selbst daran gewöhnt war, unter Zeitdruck zu kochen, kam ihr doch der zusätzliche Erfolgszwang des Wettbewerbs unerträglich vor. Warum taten sie sich das an? Was war es, das all die Spannung und das Risiko öffentlicher Blamage wettmachte? Aber sie kannte die Antwort. Der Sieg bedeutete in den meisten Fällen den Anfang einer steilen Karriere. Es würde Angebote geben, Kochbücher oder Artikel zu schreiben und durch die Medien bekanntzuwerden. Für einen kreativen Koch, der darum kämpfte, sich einen Platz in der heiß umkämpften Welt der Gastronomie zu verschaffen, bot der Sieg in einem so renommierten Wettbewerb wie diesem eine unbezahlbare Chance. Aber wieviel Energie und Entschlusskraft waren nötig, um endlich das Siegerpodest zu erklimmen!

Eine Glocke zeigte an, dass die Zeit für das Anrichten der Menüs abgelaufen war. Darina und die anderen Mitglieder der Jury bewaffneten sich mit ihrem Sortiment an Bestecken und näherten sich mit Spannung den Kochnischen.

Nachdem sie von allen Gerichten ausgiebig gekostet hatten, zogen sie sich schließlich in einen Nebenraum zurück. Dort sammelte einer der Organisatoren ihre Bewertungsbögen ein, und dann wurde eine Flasche Champagner entkorkt.

»Es ist wirklich erstaunlich«, sagte der Fernsehmoderator nahm einen tiefen Schluck und hielt das Glas zum Nachschenken in die Höhe, »aber das Probieren hat meine Rangordnung tatsächlich völlig durcheinandergebracht.«

»Ich wusste gleich, wer gewinnen würde«, meinte der Starkoch, der seinen Champagner mit Kennermiene genoss. »Außergewöhnliche Zusammenstellung, hervorragender Geschmack, im Stil einfach, und doch eigenwillig und in der Technik perfekt.«

»Genau, keine Nouvelle Cuisine, wie sie uns allen schon zum Halse heraushängt, und dabei sah alles genauso köstlich aus, wie es auch schmeckte. Was meinen Sie?« Der junge Geschäftsführer der Speiseölfirma wandte sich an Darina.

Sie stimmte zu und sagte, dass sie besonders die erfindungsreiche Verwendung von Speiseölen an Stelle von Milchprodukten beeindruckt habe. Sie fragte den Geschäftsführer, ob er mit dem Ergebnis zufrieden sei.

»Absolut. Der Wettbewerb hat uns all das gebracht, worauf wir gehofft hatten. Dem Himmel sei Dank! Schließlich haben wir eine hübsche Summe investiert – das Doppelte unseres üblichen Werbebudgets! Aber was die Publicity angeht, hat sich der Wettbewerb bereits bezahlt gemacht, und das war bestimmt noch nicht alles. Ich bin sicher, dass wir damit eine Lanze für den Speiseöl-Konsum gebrochen haben. Und ich bin sehr zufrieden mit den Rezepten, die wir prämiert haben. Sie sind genau richtig für unsere neue Broschüre, interessant und originell, ohne abschreckend kompliziert zu sein.« Der erste Preis beinhaltete auch die Veröffentlichung des Menüs unter dem Namen des Siegers in einer Werbebroschüre für die Produkte der Firma.

»Ich würde an Ihrer Stelle vor der Veröffentlichung überprüfen, ob es sich tatsächlich um eigene Kreationen handelt«, warnte der Starkoch. »Ich bin sicher, dass ich diese Heringsfilets in Haselnusssoße von irgendwoher kenne.«

»Aber doch nicht genau die gleichen, hoffe ich? Das wäre äußerst unangenehm, wenn es Probleme mit dem Urheberrecht gäbe.«

Der Koch verzog skeptisch den Mund. »Es ist beinahe unmöglich, nachzuweisen, dass es sich um ein Plagiat handelt, sofern die Zutaten nicht absolut identisch und das Rezept nicht völlig gleichlautend sind. Trotzdem passiert es ständig. Einige Köche verbringen Tage mit der Ausarbeitung ihrer Ideen für ein erfolgreiches Gericht, und dann wird es von irgendjemandem kopiert und ohne ein Wort der Anerkennung unter neuem Namen veröffentlicht.«

Der Firmenvertreter versprach hastig, dass man das überprüfen werde und begann dann, liebevoll die verschiedenen Speiseöle zu beschreiben, die für die prämierten Gerichte verwendet worden waren.

»Haselnuss für den Fisch, natürlich Sesam für das marinierte Fleisch, und war dieses Öl aus Zitrone und frischem Ingwer nicht phantastisch? Aber was wurde für diese kleinen Scheiben aus gebackenem Pastinak mit Pistazien verwendet?«

»Eine Mischung aus Kürbiskern und Erdnuss«, sagte Darina nach einem Blick in ihre Notizen. »Ungewöhnlich, aber sehr wirkungsvoll. Und besonders köstlich fand ich die Nachspeise.« Die Pfirsichhälften waren in Mandelöl und braunem Zucker karamellisiert und mit einem Pfirsichsorbet serviert worden, dessen kühle Frische das vollmundige Aroma der Früchte wunderbar kontrastiert hatte.

Es entstand eine kurze Stille, während die Jurymitglieder sich genießerisch an die bestplatzierten Speisen erinnerten.

Der Mann vom Organisationskomitee strahlte. »Also eine ganz eindeutige Entscheidung. Ich mag es nämlich nicht, wenn nur ein Viertelpunkt zwischen dem ersten und dem zweiten Platz liegt, aber damit haben wir hier ja kein Problem. Schade, dass Nummer Acht schon vorher aufgegeben hat.«

»Der hat sich doch hoffnungslos überschätzt«, meinte der Koch. »Dabei hat er vorher sicher noch nicht einmal das Timing geübt, und sein Menü war entsetzlich unausgewogen.«

Wenig später kehrten sie in den Ballsaal zurück, wo Profis und Amateure noch immer damit beschäftigt waren, die Gerichte abzulichten, die, obwohl durch das Probieren bereits ein wenig geplündert, immer noch ungemein appetitlich aussahen.

Darina blieb neben den anderen Jurymitgliedern stehen. Über einen Meter achtzig groß auf ihren hohen Absätzen, überragte sie alle, bis auf den Speiseölhändler. Endlich hatte sie sich mit ihrer Größe abgefunden und aufgehört, sie mit möglichst unauffälliger Kleidung kaschieren zu wollen. An diesem Tag trug sie ein hellgrünes Leinenkostüm mit einem weißen, ärmellosen Oberteil, und ihr langes, blondes Haar wurde von zwei grünen Spangen aus dem Gesicht gehalten.

Der Geschäftsführer übernahm das Mikrofon, dankte allen Teilnehmern und Organisatoren und verlas die Preise: eine Kiste mit verschiedenen Spezialspeiseölen seiner Firma für alle Teilnehmer, dritter Preis ein Abendessen für Zwei in einem der besten Restaurants der Stadt, zweiter Preis ein zweitägiger Kochkursus in einem Drei-Sterne-Restaurant, und der erste Preis war ein einwöchiger Kursus sowie eine Reise für zwei Personen zu einem der bekanntesten Ölhersteller in der Toskana, und schließlich die Präsentation der Rezepte in der nächsten Werbebroschüre.

Die hoffnungsvollen Kandidaten standen neben ihren Kochnischen, ein starres Lächeln auf den Gesichtern, die Hände spielten verräterisch mit einem Messer oder einem Löffel oder waren tief in den Taschen vergraben. Die Frau mit der Schildpattbrille zwinkerte nervös mit den Augen. Das Mädchen mit den dunklen Locken und der sensationellen Oberweite strich sich mit der Zunge rasch über die vollen Lippen, und die junge, blonde Frau in der großen, weißen Schürze hatte den Blick unverwandt auf den Fußboden geheftet und schien in einen Zustand verfallen zu sein, der an Lähmung grenzte. Nur der junge Mann, der fluchtartig die Arena verlassen hatte und nun wieder aufgetaucht war, wirkte ganz entspannt. Er lehnte lässig an seinem Herd, hatte ein Whiskyglas in der Hand und blickte gleichgültig in die Runde.

Der dritte Platz ging an die Bilderbuch-Großmutter. Ihr Gesicht zeigte völlige Überraschung und unbändige Freude, und sie erhielt herzlichen Applaus, als sie ihren Preis entgegennahm. Den zweiten Preis erhielt die junge Frau mit der Brille, die ähnlich überrascht reagierte.

Es blieben noch fünf Köche übrig. Das Mädchen, das vorher so entschlossen gewirkt hatte, schien nun in einem Zustand zwischen Besorgnis und Verzückung zu sein, ebenso wie das Mädchen mit den dunklen Locken. Die Dame mittleren Alters wirkte resigniert, der ältere Geistliche schien im Stillen zu beten, und das Gesicht der jungen Frau war nun ebenso weiß wie ihre Schürze.

Der Vertreter der Sponsorenfirma zögerte einen Moment, um die Spannung noch aufzubauen, bis Darina es selbst kaum noch aushielt.

»Und die Siegerin, die einige der phantasievollsten und köstlichsten Gerichte gekocht hat, die die Mitglieder der Jury je gekostet haben, ist …« Noch eine Pause, dann endlich: »Verity Fry.«

Einen Moment lang passierte gar nichts, dann schüttelte die junge Frau in der weißen Schürze verwirrt den Blondschopf, ihr Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln und sie verschränkte die Hände über dem Kopf wie ein triumphierender Boxer. Als sie vortrat, drängten die Kameramänner mit Ellbogenstößen auf sie zu.

Darina warf einen Blick auf die Verlierer, die unbeachtet in ihren Kochnischen zurückblieben. Das entschlossene Mädchen stand regungslos da, als könne sie nicht glauben, dass sie mit leeren Händen ausgegangen war, abgesehen von der Kiste Spezialspeiseöl. Dann verschwand sie aus Darinas Blickfeld, als sich ihre Familie tröstend um sie scharte. Der Geistliche seufzte tief und wurde von seiner Frau in eine innige Umarmung gehüllt. Die Frau mittleren Alters zuckte mit den Schultern, zog ein paar Kisten unter ihrer Arbeitsfläche hervor und begann, ihre Küchengeräte einzupacken. Das Mädchen mit den dunklen Locken kämpfte mit den Tränen und räumte ihre Sachen mit zitternden Händen zusammen. Die Anwesenheit des bekannten Fernsehmoderators, der zu ihr getreten war, um sie zu trösten, ignorierte sie vollkommen.

Der Starkoch schüttelte die Hand des dunkelhaarigen, jungen Mannes, der die Siegerin fotografiert hatte.

»Simon, mein Junge, wie schön, Sie wiederzusehen. Wie läuft’s denn so im finsteren Somerset? Lamington, nicht wahr? Ich habe begeisterte Kommentare über Ihr Restaurant gehört.«

»Es ist ein mühsamer Kampf, Meister, aber es könnte sein, dass ich ihn gewinne. Zumindest scheinen die Gourmetkritiker auf meiner Seite zu sein. Sagen Sie, war das eine schwere Entscheidung heute?«

»Überhaupt nicht, die Siegerin stand eindeutig fest. Sind Sie mit ihr befreundet?«

Der junge Mann lächelte einnehmend. »Sie hat mal für mich gearbeitet. Nicht als Köchin, sondern als Empfangsdame, aber sie hat auch hinter den Kulissen mitgeholfen. Großartiges Mädchen.« Er warf einen Blick zu Verity Fry, die inzwischen von Journalisten und Kameraleuten umringt war, die sie aufforderten, zu posieren, sich neben ihre Gerichte zu setzen, einen Bissen zu essen, ein Interview zu geben und noch ein weiteres Mal ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie schaffte das alles mit spielender Leichtigkeit und schien sogar einen Riesenspaß daran zu haben.

Der Koch wandte sich an Darina. »Darf ich Ihnen Simon Chapman vorstellen? Er hat seine Ausbildung bei mir gemacht und gehört heute zu den vielversprechendsten jungen Köchen. Simon, das ist Darina Lisle. Sie ist Mitglied der Jury und eines unserer aufstrebenden, neuen Kritikertalente.«

Darina schüttelte Simon Chapmans ausgestreckte Hand. »Ich bin oft in Somerset, und ich habe auch schon in Ihrem Restaurant gegessen. Es war phantastisch.« Sofort wollte er von ihr wissen, wann sie dort gewesen sei und was sie gegessen habe, und dann fachsimpelten die drei eine Weile.

»Habe ich recht gehört«, fragte der Meisterkoch, »dass Sie ein Buch schreiben, Simon?«

»Tja, ich fürchte, ich trage damit meine Schulden ab. Ich habe mich von einem Verleger breitschlagen lassen, nachdem ich Ende letzten Jahres den Preis für das beste Restaurant des Jahres bekommen habe. Und außerdem war ich noch verrückt genug, mir einen Vorschuss geben zu lassen, also nehme ich an, dass ich nun auch die Ware liefern muss. Ich stelle fest, dass es um ein Vielfaches schwieriger ist, Rezepte niederzuschreiben, als sie zu kreieren.«

»Was Sie brauchen, ist die Hilfe eines Experten, das habe ich beim Schreiben meines ersten Buches festgestellt. Ich hatte auch diese Probleme mit der korrekten Auflistung der Zutaten und dem Erklären der Arbeitsmethode, ganz zu schweigen von den Texten über die Rezepte selbst. Warum fragen Sie nicht Darina hier um Rat?« Der Koch ließ diese Bemerkung im Raum stehen, als er sich umdrehte und verschwand, um mit einem anderen Kollegen zu plaudern.

Simon Chapman musterte Darina nachdenklich. »Das klingt wie eine gute Empfehlung. Wie wär’s? Ich biete Ihnen freie Mahlzeiten an. Aber ich will Sie keinesfalls überrumpeln.« Sein Lächeln war schelmisch.

»Ein Essen bei Ihnen ist ein Angebot, dem man kaum widerstehen kann. Aber ich schreibe im Moment selbst an einem Buch, und ich weiß nicht, wieviel Zeit ich die nächsten Monate in Somerset verbringen werde.«

»Dann lade ich Sie aber auf jeden Fall zu einem Essen auf Kosten des Hauses ein«, drängte er. »Und vielleicht geben Sie mir dabei die Chance, Sie umzustimmen.«

Darina lachte und versprach, zu kommen, wenn sie das nächste Mal in Somerset war, und das meinte sie ganz aufrichtig.

»Simon, Liebling! Wir haben gewonnen!« Verity schlang ihre Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf zu sich herunter und gab ihm einen schmatzenden Kuss. »Oh, es ist so wunderbar, ich kann’s gar nicht glauben, und ohne dich hätte ich das nie geschafft.« Sie löste sich aus seiner Umarmung und wandte sich an Darina. »Vielen, vielen Dank, ich bin immer noch so aufgeregt und weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

Ihr schmales Gesicht strahlte vor Freude. Sie hatte ihre weiße Schürze abgelegt, und darunter kam ein geschmeidiger Körper in einem bunten T-Shirt und Caprihosen zum Vorschein. Dass ihre Nase im Vergleich zum Gesicht ein wenig zu groß war, sah man erst auf den zweiten Blick. Vielleicht war es ihre Lebhaftigkeit, das Leuchten ihrer blauen Augen, oder ihre Haare, so voll und hell, die ihr, ungemein raffiniert geschnitten, schräg in die breite Stirn fielen; jedenfalls machte sie den Eindruck einer Schönheit, den sogar die Nase, wenn man sie überhaupt bemerkte, nicht auslöschen konnte.

»Darina verbringt viel Zeit in Somerset, sie wird mir bei meinem Buch helfen.« Simon lächelte das Mädchen an.

»Das wollen Sie tun? Großartig! Kommen Sie, ich stelle Sie meiner Mutter und meiner Schwester vor.«

Verity Fry nahm Darina bei der Hand und zog sie durch das Gedränge von Leuten, die ihr gratulieren wollten, zu ihrer Kochnische, wo die beiden Frauen, die Darina bereits vorher aufgefallen waren, die Küchenutensilien zusammenpackten.

»Mutter, Pru, ich möchte euch Darina Lisle vorstellen. Ihr habt doch sicher schon ihre Kochkolumne im Recorder gelesen, sie ist fabelhaft.«

Die ältere Frau legte ein Sortiment Kochlöffel auf den Boden eines viereckigen Weidenkorbs und wischte sich automatisch die Hand am Rock ab, bevor sie sie Darina hinhielt und sich als Constance Fry vorstellte. Vor der Bekanntgabe der Siegerin hatte ihr markantes Gesicht vor mühsam unterdrückter Spannung so streng wie das einer römischen Statue ausgesehen, aber jetzt glühte es vor Stolz. Sie streckte die Hand aus und strich ihrer Tochter über den Blondschopf. »Ich gratuliere dir, mein Mädchen, du warst großartig.« Ihre Stimme hatte einen warmen, gutturalen Somerset-Klang.

»Und das ist meine Schwester Pru.« Verity wies auf die junge Frau, die schweigend einige Schalen in den Korb packte.

Prus Gesichtszüge waren so markant wie die ihrer Mutter. Mit ihrer olivbraunen Haut und den kurzen, dunklen Haaren wirkte sie ein wenig südländisch. Als sie Darina knapp und ohne Herzlichkeit begrüßte, hörte man auch ihren Vokalen an, dass sie aus Somerset kam, während der Akzent ihrer Schwester eher nach London als nach einer ländlichen Herkunft klang.

Veritys Aufmerksamkeit wurde nun von einem Journalisten in Anspruch genommen, und Darina fand sich allein mit den beiden Frauen. Sie plauderte munter über Veritys Menü, die Rezepte und die hervorragende Qualität der Zutaten. Als sie das Fleisch erwähnte, schaltete sich Pru in das Gespräch ein.

»Verity hat darauf bestanden, dass das Tier exakt einen Monat vor dem Wettbewerb geschlachtet wurde, so dass das Fleisch für heute genau richtig abgehangen war.«

»Sind Sie Viehzüchter?«

»Ja, Lamm, Schweinefleisch und auch Geflügel. Alles aus natürlicher Aufzucht. Frys Farm, etwas außerhalb von Lamington.«

»Warum habe ich denn noch nie etwas von Ihnen gehört? Lamington ist nicht weit von dem Ort entfernt, wo ich gewohnt habe. Ich hätte wissen müssen, dass es in der Nähe Fleisch vom Biobauern gibt.«

»Wir können uns keine Werbung leisten, und außerdem läuft das Geschäft auch so sehr gut. Sie sollten uns mal besuchen kommen.« Pru sah Darina zum ersten Mal direkt an. »Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen gerne die Farm. Sie müssen ja nicht gleich einen Werbeartikel über uns schreiben, aber ein wenig Publicity können wir natürlich immer gebrauchen.«

»Wir werden eine Party geben, um Veritys Erfolg zu feiern«, sagte Constance Fry. »Sie müssen auch kommen. Ich schicke Ihnen eine Einladung.«

Gerührt über so viel Herzlichkeit, reichte ihr Darina eine ihrer Visitenkarten, nachdem sie neben ihrer Somerset-Adresse die in Chelsea notiert hatte. »Schicken Sie sie mir nach London«, bat sie. »Ich bin im Moment meistens hier, aber wenn es sich einrichten lässt, komme ich sehr gerne.«

»Wie schön!« Verity hatte sich wieder zu ihnen gesellt. »Ist das alles nicht schrecklich aufregend? Warum ist Oliver denn noch nicht hier? Er hat versprochen, rechtzeitig zur Preisvergabe da zu sein.« Die vollen Lippen verzogen sich zu einem kleinen Schmollmund, und dann hellte sich ihr Gesicht plötzlich mit der Energie eines ganzen Kraftwerks auf, als ein hochgewachsener Mann auf die Gruppe zukam. »Liebling, ich habe gewonnen, gewonnen, gewonnen!«

Darina sah zu, wie der Mann sie in die Arme nahm, zärtlich küsste und dann vor ihr stehenblieb und mit dem gleichen, ruhigen Stolz wie vorher ihre Mutter ihr gerötetes Gesicht betrachtete.

»Endlich lernen wir mal den großen Oliver Knatchbull kennen. Sie nennt ihn ihren Verlobten«, meinte Pru, während sie die Kräuter und Gewürze von der Arbeitsfläche nahm und in dem prall gefüllten Korb verstaute, durch dessen knarrendes Weidengeflecht sie dann einen Lederriemen zog und über dem Deckel festzurrte. »Sie behauptet, sie wären verlobt, aber ich habe noch nichts von irgendwelchen Heiratsplänen gehört. Anscheinend gibt er sich schon damit zufrieden, dass sie in seinem Penthouse wohnt.«

»Ich bin sicher, dass sie es bald offiziell machen«, warf ihre Mutter ein. »Besonders jetzt, nach diesem Wettbewerb.«

»Naja, ich frage mich nur, wie es unserem Finanzgenie gefallen wird, eine so ehrgeizige Frau zu haben.« In Prus Stimme lag Zynismus und sogar eine Spur von Bitterkeit.

Er war um etliche Jahre älter als Verity und musste mindestens vierzig sein, schätzte Darina, während die Siegerin wie Anfang zwanzig wirkte. Er war die Verkörperung des erfolgreichen Geschäftsmannes, und seine leicht fleischige Kinnpartie sprach vom regelmäßigen Genuss guten Essens, obwohl er das Gewicht seines wohlgeformten Körpers bestens unter Kontrolle zu haben schien. Alles an ihm war von vornehmer Zurückhaltung: seine Kleidung, seine Manschettenknöpfe, sein Haarschnitt und sein Auftreten. Aber sein Lächeln war alles andere als zurückhaltend, als ihm seine Verlobte in allen Einzelheiten von dem Wettbewerb und ihrem Sieg berichtete.

»Und ich glaube, sie bringen über mich heute Abend sogar einen Bericht im Fernsehen!«

»Den ganzen Abend, oder haben wir noch Zeit für unsere Siegesfeier? Ich habe einen Tisch bei Tante Claire reserviert.«

»O Liebling, wie wunderbar. Aber du konntest doch gar nicht wissen, dass ich gewinne. Ich meine, ich war sicher, dass ich es nicht schaffe, alle anderen wirkten viel selbstsicherer und kompetenter.«

Er zerzauste ihr liebevoll das Haar. »Naja, wenn du nicht gewonnen hättest, wäre es ein Trostessen geworden. Aber ich war sicher, dass du es schaffst. Und jetzt müssen wir den nächsten Schritt für deine Karriere planen.«

Im Gegensatz zu dem, was Pru mit ihrer spitzen Bemerkung angedeutet hatte, schien er den Erfolg seiner Verlobten durchaus zu begrüßen, und Darina verspürte einen scharfen Stich vor Neid. Dann aber fragte sie sich, ob ihm wirklich klar war, was der Sieg in diesem Wettbewerb für seine Verlobte bedeuten konnte.

Simon Chapman hatte sich leicht abseits von der Gruppe gehalten. Als er nun auf Darina zukam, hatte er wieder sein breites Grinsen auf den Lippen. »Ich mache mich auf den Heimweg in die Provinz«, sagte er. »Zurück zu den Töpfen, ich habe mir nur einige Stunden freigenommen, um Verity moralische Unterstützung zu geben. Kann ich Sie zufällig nach Somerset mitnehmen?«

Darina lehnte dankend ab und erklärte, dass Somerset nicht auf ihrem derzeitigen Programm stünde. Sie betonte, dass Sie nur versprochen haben, zum Mittagessen zu bleiben. »Aber ich nehme Sie beim Wort und komme demnächst auf Ihre Einladung zum Essen zurück«, fügte sie hinzu, als sie den enttäuschten Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte.

Er zeigte ein rasches Lächeln und verließ den Ballsaal, nachdem er sich an der Tür noch einmal umgedreht hatte, um einen letzten Blick auf Verity zu werfen, die bei ihrer Familie und ihrem Verlobten stand. Oliver Knatchbulls Arm hielt sie dicht an sich gepresst, und er wirkte sehr viel jünger, während er über eine Bemerkung von ihr lachte. Das unbekümmerte Lächeln war plötzlich aus Simons Gesicht verschwunden, und es verdüsterte sich wie eine Landschaft, in der das helle Sonnenlicht von dunklen, bedrohlichen Wolken verdrängt wird. Im nächsten Moment war er gegangen.

Die Einladung zu Verity Frys Feier kam ein paar Tage später, als Darina den Wettbewerb und seine Siegerin schon fast wieder vergessen hatte. Und sie hatte auch nicht mehr an den Besuch in Chapmans Restaurant gedacht.

Sie verbrachte die meiste Zeit damit, einen neuen Innenanstrich für ihr Londoner Haus in Chelsea zu organisieren, dessen Wände von den kurzfristigen Bewohnern arg mitgenommen waren. Die Kinder der amerikanischen Familie besaßen anscheinend die Gabe, die Zerstörungskraft einer kleinen Armee mit den genialen Ausdrucksformen eines Picasso zu kombinieren. Und neben all ihren Einkäufen in Tapeten- und Textilgeschäften und Terminen mit dem Innenarchitekten musste sie noch Artikel für die Kochkolumne schreiben, ihre Korrespondenz erledigen und zahlreiche Telefongespräche führen.

Sie stand im Flur, während die Anstreicher Leitern und Abdeckplanen hereinschleppten, sah ihre Post durch und betrachtete die weiße Einladungskarte. Die Party sollte in zehn Tagen stattfinden, an einem Sonntagmittag. Mit der Karte war ein Prospekt für Frys Fleisch aus biologisch-organischer Viehzucht gekommen, der auf der Vorderseite die Zeichnung eines für Somerset typischen Bauernhauses trug, mit Rindern und Schafen, die unter Obstbäumen grasten. Darina überflog die schwärmerische Beschreibung und blickte sich um.

Das helle Licht des strahlenden Sommertages war den Anstreichern durch die offene Haustür gefolgt und lag nun als goldenes Rechteck auf dem schmutzigen Parkettboden. Staub tanzte in den Sonnenstrahlen, und von der King’s Road drang das gedämpfte Dröhnen des Verkehrs herein. Eine schier endlose Zahl von Farbeimern wurde hereingetragen und in der Halle aufgereiht Die Zimmer dahinter waren für die Renovierung bereits leergeräumt worden.

Darina traf eine rasche Entscheidung, ging in ihr Arbeitszimmer und begann, Papier, einige Nachschlagewerke und den ersten Entwurf für ihr neues Buch einzupacken. Ein paar Stunden später waren diese Utensilien, ein Computer, einige Kleidungsstücke und sie selbst im Auto verstaut, und sie lieferte ihr Haus auf Gedeih und Verderb den Anstreichern aus. Schließlich konnte es von diesen kaum mehr Schaden erleiden als von den Mietern. Sie verdrängte den Gedanken daran, dass sie – im Gegensatz zu den Mietern – die Anstreicher dafür bezahlte.

Sie hatte Stonehenge passiert, die Stelle, an der sie immer spürte, dass nun Südwestengland begann. Was sie jetzt nicht mehr verdrängen konnte, war das Bewusstsein, dass sie ihren Zielort nicht mehr ihr Zuhause nennen konnte, obwohl er es fast achtzehn Monate lang für sie gewesen war. Vor kurzem hatte sie diesen Ort, dieses Haus und diesen Liebhaber verlassen – mit der Absicht, nie wieder zurückzukehren.

Aber William Pigram hatte kurz darauf vor ihrer Tür in Chelsea gestanden und ihr den Schlüssel zugeworfen.

»Halt ihn warm für mich«, hatte er gesagt. »Es würde mir gefallen, dich im Haus zu wissen.« Und daraufhin hatte er sich, ohne die Antwort abzuwarten, auf den Weg zum Flughafen gemacht.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr weiterfahren zu können. Sie bog von der Landstraße ab und fuhr bis zum nächsten Dorf, wo sie vor einem Pub haltmachte. Sie bestellte eine Weißweinschorle und ging damit nach draußen in den kleinen Biergarten.

Die Szene hatte begonnen, nachdem William ihr erzählt hatte, dass er nach New York müsse. Der Kreditkartenfall, an dem er arbeitete, hatte sich als Teil einer weit größeren, amerikanischen Operation entpuppt. Die New Yorker Polizei hatte ihn gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Betrügerring zu zerschlagen. Die Bande war für den Verlust einer solchen Geldmenge verantwortlich, dass das Kreditkartenunternehmen die Kosten für Williams Aufenthalt übernahm. Die Polizei von Avon und Somerset, wo er als Detective Sergeant tätig war, konnte es sich zwar nicht leisten, ihn auf eigene Kosten zu schicken, aber sie stellten ihn für die Ermittlungsarbeiten frei, die von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten dauern konnten. »Komm mit mir«, hatte er gedrängt, »du kannst dein Buch doch überall schreiben. Warum hörst du nicht endlich mit diesen Spielereien auf und heiratest mich?«

»Spielereien?« Sie hatte ihn fassungslos angestarrt. Er stand in der Küche des kleinen Landhauses, spielte mit einem Stück Faden, mit dem sie ein ausgebeintes Hühnchen zusammengenäht hatte, und seine Größe wirkte plötzlich erdrückend in dem kleinen Raum. In seinen Augen lag eine Anziehungskraft, die sich nicht in seiner Stimme ausdrückte. Darina ignorierte sie.

»Spielereien?«, wiederholte sie, und dann noch einmal: »Spielereien?« Und diese unglückliche Formulierung hatte einen Krach ausgelöst, der sich bereits seit einer Weile zusammengebraut hatte.

Er schien weder fähig zu sein, das Ausmaß ihrer Frustration zu begreifen, noch die Ernsthaftigkeit ihrer Ziele anzuerkennen.

Sie hatte darauf bestanden, dass ein Leben als Ehefrau, und damit auch als seine Ehefrau, nicht Teil ihrer Pläne war. Er hatte gemeint, dass das keinen Unterschied machen müsse, und dass sie ihre Karriere doch auch nach ihrer Heirat fortsetzen könne.

»Du meinst, neben meiner Aufgabe, für dich zu sorgen, könnte ich nebenbei leicht ein paar kleine Artikelchen schreiben und mir ein paar nette Rezepte ausdenken. Aber du meinst doch sicher nicht, ich könnte auch Bücher schreiben, die all meine Energie kosten, oder mal eben nach London zu einem Treffen verschwinden, oder im Land herumreisen, um Kochvorführungen zu geben. Du bist ein Erfolgsmensch, in deiner Welt brauchen die Männer immer saubere Hemden im Schrank und ein tadellos aufgeräumtes Haus, und keine Frau, die selbst ein bisschen erfolgreich sein will, wenn man sie lässt.«

Er hatte protestiert, dass er ihr das durchaus zugestehe, aber sie wusste, dass er keine Vorstellung von der Art Gleichberechtigung hatte, die sie in einer Ehe forderte.

»Ich will nicht egoistisch sein«, hatte sie schließlich gesagt, »aber du scheinst nicht zu begreifen, wie wichtig es für mich ist, ich selbst zu bleiben. Ich brauche Raum, um meine eigenen Interessen zu entwickeln, und ich kann dir nicht bloß einfach überallhin folgen.«

Er hatte daraufhin gefragt, ob sie nicht lernen könne, ein bisschen kompromissfähiger zu sein.

»Und was ist mit dir«, war sie aufgebraust. »Wie wär’s, wenn du ein bisschen Kompromissbereitschaft zeigen würdest?«

Aber das tue er doch, hatte er matt erwidert und sich in der unaufgeräumten Küche umgeschaut.

Die unausgesprochene Kritik an ihrer Haushaltsführung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Tatsächlich mochte sie Unordnung ebenso wenig wie er. Solange sie ihren Catering-Service betrieben hatte, war es ihr zumindest gelungen, die Küche in ihrer Wohnung einwandfrei sauber zu halten, aber die derzeitige Häufung verschiedener Termine und Aufträge hatte die verheerende Wirkung, solche Kleinigkeiten wie Putzen und Abstauben an das hinterste Ende ihrer Prioritätenliste zu verweisen. Darina war klar, dass das alles über kurz oder lang in einer Katastrophe enden musste. Ebenso, wie sie wusste, dass man beim Kochen bestimmte Zutaten nie miteinander kombinieren durfte, wusste sie, dass die Art von Ehe, die sich William vorstellte, für sie niemals funktionieren würde.

Dann hatte er – mit Bitterkeit in der Stimme – gesagt, dass sie ihn wohl doch nicht liebte.

»Liebe! Für dich läuft es immer nur darauf hinaus, stimmt’s? Aber was ist mit gegenseitigem Respekt, Verständnis und der Bereitschaft, die Position des anderen zu akzeptieren?«

»Aber das ist doch genau das, was du mir verweigerst!« Er hatte sich von ihr abgewandt und aus dem Fenster in den Garten geblickt. Er sieht aus, war es ihr durch den Kopf gegangen, wie ein kleiner Junge, der versucht, die ungeheuerliche Nachricht zu begreifen, dass sein geliebter Hund gestorben ist. Beinahe wäre sie schwach geworden.

»Kannst du nicht ein wenig über meine Position nachdenken, während du weg bist?«, hatte sie nach ein paar Minuten gefragt. »Und wenn du dann wiederkommst …«

»Nein!«, hatte er heftig erwidert. Als er sich wieder zu ihr umwandte, hatte sein Gesicht plötzlich sehr harte Züge angenommen. »Lass es uns hier und jetzt beenden. Es gibt keine Zukunft mehr für uns, das hast du mir jedenfalls klargemacht. Ich ziehe es vor, ohne irgendwelche Fesseln fortzugehen, und ich denke, das wird auch für dich das Beste sein.«

Typisch, hatte sie später gedacht, wie er es schaffte, eine dermaßen egoistische Aussage mit einem Hauch von Rücksichtnahme auf sie zu dekorieren – so wie man einem trockenen Martini ein wenig Zitronenschale zugibt, die den Drink aromatischer macht, ohne jedoch seine Substanz zu verändern.

Sie war noch am gleichen Tag ausgezogen, dankbar, dass die Mieter ihr Haus in Chelsea gerade geräumt hatten.

Und dann war sein kurzer Abstecher auf dem Weg zum Flughafen und das Angebot gekommen, den Schlüssel zu behalten. Sie wusste, dass er sie damit – fast, wenn auch nicht ganz – gebeten hatte, auf ihn zu warten. Und fast hätte sie gesagt, sie würde da sein, wenn er zurückkommt. Aber nicht ganz. Das war vor einigen Wochen gewesen, und seither hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Jetzt hatte sie die Wahl, in seinem Haus zu wohnen, oder bei ihrer Mutter, die nicht weit von dort entfernt lebte. Aber nachdem sie bereits einmal Ann Lisles endlose Klagen und Vorwürfe wegen der gescheiterten Beziehung zu William über sich hatte ergehen lassen müssen, fiel ihr die Entscheidung nicht schwer.

Darina trank ihre Weinschorle aus, kehrte zum Wagen zurück und setzte die Fahrt fort.

Williams Brief kam ein paar Tage später aus London, nachgeschickt von einer Freundin, die sich bereit erklärt hatte, sich um ihre Post zu kümmern und zu sehen, wie die Anstreicher vorankamen.

Darina lehnte den ungeöffneten Briefumschlag gegen eine Vase mit Flieder, die auf dem mit Papieren bedeckten Küchentisch stand. Während sie ihr Mittagessen aus Schweinekoteletts mit Senfsoße zu sich nahm, ein Proberezept für ihr neues Buch über das Kochen für Zwei, betrachtete sie ihn nachdenklich. Ihre Geschmacksnerven waren auf Autopilot geschaltet, während ihre Gedanken mit dem dünnen Briefumschlag vor ihr beschäftigt waren. Sie hatte dem spontanen Impuls widerstanden, den Brief sofort zu öffnen. Hier war eine eher vorsichtige Herangehensweise angebracht. Warum schrieb er ihr? War es, um ihr zu sagen, dass er sie immer noch liebte, sie vermisste, eine Antwort von ihr wollte?

Und wenn ja, was sollte sie tun?

Er hatte ihr gefehlt. O Gott, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Als sie das aufgeräumte Haus betreten und bemerkt hatte, was für eine Putzorgie er veranstaltet haben musste – sie hatte ganz vergessen, dass der Küchenboden diese Farbe hatte –, hatte sie sich gewünscht, er wäre da, sogar um ihn schimpfen zu hören, er habe keine sauberen Socken mehr.

In der Nacht hatte sie allein in dem großen Doppelbett gelegen, das sie miteinander geteilt hatten, und Schmerz, körperlichen Schmerz empfunden vor Sehnsucht nach seiner Berührung. Am Morgen hatte sie sein unmelodisches Summen vermisst, während er sich rasierte und sie sich noch fünf Minuten im Bett gönnte. Am Abend ertappte sie sich dabei, dass sie auf seine Heimkehr wartete, auf den Kuss, den er ihr immer gab, bevor er beiden einen Drink einschenkte und ein paar Anekdoten von seiner Arbeit erzählte, um sich langsam zu entspannen. Sie vermisste seinen Sinn für Humor, seine intelligenten Bemerkungen über das, was in der Welt um sie herum vor sich ging, und sie vermisste ihn.

Auf der anderen Seite – tja, es gab schließlich immer eine andere Seite – hatte sie in Ruhe an ihrem Buch und dem nächsten monatlichen Artikel arbeiten können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was sie William am Abend kochen sollte. Sie konnte einfach essen, wann und was sie wollte. Es gab keine Hemden zu bügeln, und sie konnte den Staub souverän ignorieren. Aber wenn sie ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass nichts von all dem die Leere im Haus und in ihrem Leben aufwiegen konnte.

Jetzt griff sie nach dem Brief, schlitzte ihn auf und zog vorsichtig eine gefaltete Seite heraus.

Einige Minuten später faltete sie das Blatt wieder zusammen, steckte es mit der gleichen Sorgfalt in den Umschlag zurück und stand auf, um sich eine Tasse Kaffee zu kochen.

Es war wohl, dachte sie bei sich, die Tat eines Gentlemans, sie wissen zu lassen, dass er jemand anderen gefunden hatte. Oder glaubte, gefunden zu haben.

Wir fühlen uns sehr wohl miteinander, hatte er geschrieben. Sie hat einen lebhaften Verstand und zeigt mir ein New York, das anders ist als das, was ich durch das Polizeirevier entdeckt habe. Und sie hat mich ihrer Familie in Pennsylvania vorgestellt. Komischerweise hat ihr Vater geschäftlich mit meinem Onkel zu tun gehabt, und ich komme mir bei ihnen vor wie unter Freunden der Familie. Was einem gut tut, wenn man so weit weg von zu Hause ist. Elaine ist Rechtsanwältin, arbeitet sogar manchmal an Kriminalfällen, und so haben wir vieles gemeinsam. Und ich glaube, sie würde dir gefallen. Sie hat mich gefragt, ob ich in England jemanden hätte und wollte meine Bemerkung, dass ich ›ohne Bindung‹ sei, nicht akzeptieren. Wie spitzfindig manche Amerikaner sein können! Also habe ich ihr von dir erzählt, und sie hat vorgeschlagen, dass ich dir schreibe und dich wissen lasse, dass wir uns nähergekommen sind.

»Vielen Dank auch, Elaine«, rief Darina grimmig. »Und wie kommst du, mein lieber William, auf den Gedanken, dass sie mir gefallen würde? Weil du immer gesagt hast, wie sehr du meinen lebhaften Verstand bewunderst? Und auch vielen Dank für deine Hoffnung; dass ich ebenfalls mein Glück finde. Obwohl du das offensichtlich für unwahrscheinlich hältst, so wie ich nun einmal bin, unfähig, meine eigenen Bedürfnisse denen eines anderen Menschen unterzuordnen.«

Sie sprang auf und ging mit ihrer Kaffeetasse in den Garten. Vor der Küchentür lag eine kleine Terrasse, auf der ein Holztisch, eine Bank und einige Stühle standen. Geschützt vor dem beständigen Wind, war dies, solange die Sonne schien, vom Frühjahr bis in den späten Herbst ein warmer Platz.

Darina setzte sich. Und neben ihr saß das Gespenst vergangener Zeiten. Zeiten, in denen sie und William dort allein oder mit Freunden gesessen und gegessen, gelacht, über Gott und die Welt diskutiert und ihre Sorgen vertrieben hatten.

Wie konnte er all das so schnell vergessen? Wie konnte er sich in den kurzen Wochen, die er fort war, in jemand anderen verlieben?

Kurze Wochen? Waren sie ihr nicht vorgekommen wie die längsten ihres Lebens, während sie versucht hatte, die Leere zu füllen, die durch seine Abwesenheit entstanden war?

Also hatte er vielleicht das Gleiche empfunden. Vielleicht hatte er sich deshalb so beeilt, seinem Leben wieder eine neue Bedeutung zu geben.

Langsam zog Darina Williams Brief aus der Küchenschürze und las ihn noch einmal. Und plötzlich sah sie wieder vor sich, wie Oliver Knatchbull seinen Arm um Verity Fry gelegt hatte.

Dann zerknüllte Darina mit einer raschen Bewegung das dünne Luftpostpapier, stopfte es in ihre leere Kaffeetasse und ging zurück in die Küche.

Sie nahm das Telefonbuch und fand die Nummer, die sie suchte.

Simon Chapman selbst meldete sich.

»Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen«, sagte er. »Ich wollte gerade Detektiv spielen und sie aufspüren. Wenn Sie nichts anderes vorhaben, kommen Sie doch heute Abend vorbei. Es sieht nicht so aus, als hätten wir schrecklich viel zu tun, und dann können wir uns nach dem Essen ausgiebig unterhalten.«


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

Mehr zu Darina Lisle:
Band 1: Mord extra scharf
Band 2: Mord gut abgeschmeckt
Band 3: Mord Well Done

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Die letzte Reise nach Palermo

1

Dienstag, 26. September.

Um sechs Uhr morgens klingelten in Bern zwölf Wecker. Beinahe gleichzeitig verließen elf Personen ihr Bett und machten sich für die Reise bereit.

Eine Person blieb im Bett liegen. Sie hatte das Klingeln des Weckers nicht gehört. Konnte es nicht hören, denn ihr Körper war bereits kalt und starr. Es war die Schriftstellerin Eva Berger, die morgens um sieben Uhr an der Berner Rathausgasse 68 im ersten Stock von ihrer Tochter Sarah tot im Bett aufgefunden wurde. Mit einem Dolch in der Brust lag die Mutter in ihrem Blut. Sie hatte noch versucht sich zur Wehr zu setzen. Die Polizei fand später unter ihren Fingernägeln Spuren eines kurzen Kampfes: ein paar Hautfetzen und Haare. Aber sie hatte keine Chance. Der Mörder hatte sie im Schlaf überrascht. Der Tod ihrer Mutter war für Sarah ein fürchterlicher Schock.

Henri Wyss, verschuldeter Antiquitätenhändler und Übersetzer esoterischer Bücher, die niemand kaufte, war der Präsident des Berner Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Vereins und hatte für eine Autorengruppe eine Reise nach Sizilien organisiert. Nun öffnete er die Fensterläden, atmete tief durch und hob seine rechte Hand zum Gruß zur rot leuchtenden Morgensonne. Dann setzte er sich mitten im Wohnzimmer auf seinen kostbaren Orientteppich. Dort verharrte er einige Minuten im Schneidersitz und meditierte mit geschlossenen Augen.

Vor wenigen Jahren war Henri Wyss zum Buddhismus

konvertiert. Nun achtete er auf das konsequente Einhalten von religiösen Ritualen und Bräuchen. Als Vereinspräsident der Berner Schriftsteller war er bekannt für seine autoritäre und unnachgiebige Haltung, wenn es um finanzielle Fragen wie beispielsweise Honorare für Lesungen oder Anschaffungen für das Sekretariat des Vereins ging.

Nachdem Henri Wyss sich sorgfältig angezogen und sein Gepäck noch einmal überprüft hatte, bestellte er ein Taxi. Eine Viertelstunde später fuhr er von seiner Wohnung in Muri nach Bern vors Bundeshaus.

Im noblen Spiegel-Quartier am Fuße des Berner Hausberges Gurten, von wo die Aussicht über die Altstadt von Bern am schönsten ist, schraubte Esther Gasser soeben im Badezimmer ihren Lippenstift zu. Beim Verlassen ihrer Villa schulterte sie schwungvoll den blauen Rucksack. Der schwere, rote Koffer stand schon auf dem Gehsteig. Nun befestigte sie das sperrige Ding mit einem elastischen Riemen auf dem Gepäckträger ihres alten Militärfahrrades.

Dann stieg sie entschlossen auf ihr Rad und fuhr hügelabwärts durch die Monbijoustraße zum Bundeshaus. Esther freute sich. Sie hatte 30 Franken fürs Taxi gespart.

Fausto, der Chauffeur, beobachtete einen graumelierten Herrn mit Kraushaaren, der aus einem Taxi stieg und sich dem italienischen Reisebus näherte.

„Sie kommen“, raunte Fausto seinem Begleiter Giuseppe zu.

Die beiden stiegen aus und Fausto begrüßte den Gast:

„Buongiorno signore, viene a Palermo con noi?“

„Sì, sono il presidente“, antwortete Henri Wyss würdevoll.

„Ah, Sie sind aber sehr pünktlich, Herr Präsident! – Sind Sie immer der Erste?“ Henri schaute Fausto verwundert an und blickte dann auf seine Uhr: Sie zeigte 6.45 Uhr.

„Die anderen werden bestimmt gleich kommen. Ich bringe inzwischen mein Gepäck in den Bus.“

Nun näherte sich eine schwarz gekleidete Dame auf einem alten Militärfahrrad. Auf ihrem Rücken tanzte ein blauer Rucksack und hinten auf dem Gepäckträger schwankte der breite, rote Koffer. Unmittelbar vor dem Bus bremste sie abrupt und verlor fast das Gleichgewicht.

„Guten Morgen, wo sind denn die anderen? – Bin ich etwa die Erste?“, fragte sie den Chauffeur.

„Sie sind die prima donna“, antwortete Fausto lächelnd,

„der Präsident ist schon da.“

„Könnten Sie mir bitte mit meinem Gepäck helfen? Ich muss noch mein Fahrrad abstellen.“

„Certamente, signora.“

2

Beppe Volpe verließ am selben Dienstagmorgen um 6.30 Uhr das Hotel Arabelle in der Berner Länggasse und hastete wie üblich hinüber zur Confiserie Glatz. Der Duft der frischen Croissants umschwebte ihn. – Zu viele Kalorien, dachte er traurig. Er wollte auf keinen Fall Gewicht zulegen und achtete streng auf seine bella figura.

Da es noch früh war, musste er nicht lange auf die Bedienung warten. „Was wünschen Sie?“, fragte die Verkäuferin freundlich. „Am liebsten hätte ich so ein feines Buttercroissant, aber geben Sie mir doch besser dieses Baguette hier und einen Cappuccino.“

Beppe bezahlte, trank rasch seinen Cappuccino und verließ wenige Minuten später die Confiserie Glatz. Der Cappuccino hatte mehr Schaum als Kaffee in der Tasse, genauso wie er es liebte. Und er war fast so gut wie in der legendären Bar Gambrinus an der Via Chiaia 1 in Napoli. Er schwang sich, das Baguette in der linken Hand, auf sein Fahrrad und radelte durch die Länggasse bis zur Grossen Schanze und von dort hinunter zum Bubenbergplatz, wo er links Richtung Stadtzentrum einbog. Mit erhobenem Baguette grüßte er symbolisch den heiligen Christophorus, der unter dem Bahnhofplatz sein trauriges Dasein fristete. Fast hätte er bei dem Manöver sein Baguette verloren. Deshalb bog er nun etwas vorsichtiger links in die Bundesgasse ein. Von weitem sah er einen Reisebus aus Italien, der vor dem Bundeshaus geparkt war.

Beppe verlangsamte seine Fahrt, um das Kennzeichen zu studieren.

„Ah, da, Palermo!“, rief er erfreut und schwenkte dabei sein Baguette: „Ciao, amici!“, rief er den beiden Männern zu, die vor dem Reisebus warteten.

Der eine wollte gerade ein rotes Tuch in der Kanalisation verschwinden lassen und schaute irritiert auf, als ihn Beppe auf Italienisch begrüßte.

„Ciao amico, gehst du heute die historische Altstadt von Bern besichtigen?“

„Nein, ich muss zurückfahren, nach Palermo.“

„Dann wünsche ich euch eine gute Reise! Grüßt mir unterwegs Napoli, meine Heimatstadt.“

„Und auch deine Mamma?“, spotteten die beiden Italiener.

„Ja natürlich“, antwortete Beppe, „sie fehlt mir sehr.“

Beppe trat kräftig in die Pedale. Er wollte heute pünktlich bei seiner Chefin sein. Wenn er früh am Morgen im Büro erschien, schenkte sie ihm als Erstes ihr hinreißendes Lächeln. Er liebte ihre langen, blonden Haare. Ab und zu stellte er sich vor, wie er seine bezaubernde Chefin in die Arme nehmen würde. Sie war zwar etwas größer als er, vielleicht zwei Zentimeter, aber mit seiner durchtrainierten Figur, seinen schwarzen Haaren und seinem dunklen Teint wären sie trotzdem ein schönes Paar. Bestimmt wäre auch Mamma begeistert, dachte Beppe, aber leider war Katharina seine Vorgesetzte. Ob sie schon im Büro vor ihren Parfumflaschen steht und den passenden Duft für den heutigen Tag aussucht?, überlegte er weiter.

Vom Bundesplatz bis zum Polizeihauptgebäude am Waisenhausplatz hatte Beppe quer über den Bärenplatz 400 Meter zurückzulegen. Diese schaffte er mit seinem schnellen  Fahrrad locker in zwei Minuten. Der Zeiger seiner neuen Swatch zeigte genau auf sieben Uhr, als er die Treppen zum Büro hinaufeilte und dabei immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Im Büro des Kriminalkommissariats saß Katharina Tanner wie jeden Morgen an ihrem Schreibtisch, las die eingegangenen Mails, hörte den Anrufbeantworter ab, sortierte die Akten, die sie heute bearbeiten musste, und überflog in der Berner Zeitung die wichtigsten Schlagzeilen. Dazu trank sie eine heiße Schokolade aus dem Automaten. Auf Seite drei las sie: Nationalbank-Gold verhökert. Gold zu früh verkauft… Die Schweizerische Nationalbank hat 1300 Tonnen Gold in einem ungünstigen Moment zu einem Schleuderpreis veräußert. Aktuell würde sie 10,8 Milliarden Franken mehr lösen.

Katharina Tanner war in den Zeitungsartikel vertieft, als es an die Tür klopfte.

„Herein!“, rief sie und schaute auf die runde Wanduhr.

7.00 Uhr. Die Tür öffnete sich und ein älterer Polizist trat ein. Er rückte seine dicke Hornbrille zurecht und murmelte mit besorgter Miene: „Guten Morgen, Frau Kommissarin. Heute erwarten wir nur 2000 Demonstranten vor dem Bundeshaus. Sie sind gegen das neue Asylgesetz. Jedes Jahr engagieren sich weniger Leute für dieses Problem.“

Er kicherte, rückte wieder seine Hornbrille zurecht, verzog seinen Mund, wandte sich gemächlich um und schlurfte zur Tür hinaus. Als er gerade das Büro verlassen wollte, tauchte plötzlich Beppe vor ihm auf.

„Was hast du denn in der Hand, Beppe? Einen Knüppel? – Bereitest du dich etwa schon auf die Demo vor?“

„Nein, was denkst du, das ist mein Frühstück!“ Beppe betrat das Büro von Katharina Tanner.

„Guten Morgen, Chefin!“, begrüßte er sie gutgelaunt.

„Tag Beppe“, antwortete sie, „so pünktlich wie heute bist du selten.“

„Das sind wir bei uns in Italia ja auch nicht gewohnt. Da gibt es immer eine Zeitspanne, sagen wir so zwischen null und zwei Stunden, je nachdem, wo man arbeitet. Und was sind schon zwei Stunden gemessen an der Ewigkeit! In Napoli machte es überhaupt nichts, wenn ich mal nicht zur Arbeit erschien.“

„Hattest du denn keinen Chef, der dich kontrollierte?“

„Sì, certo, aber der war selbst auch nicht immer pünktlich. Also war es nicht so schlimm, wenn wir Polizisten ab und zu fehlten. Einmal kam der oberste Kommissar aus Mailand mit einem dicken Buch zu uns. Darin waren alle Namen der Polizisten von Neapel mit Adresse und Qualifikation fein säuberlich aufgelistet. Es waren 123 Namen, und ausgerechnet an dem Tag, als er zur Inspektion erschien, waren nur 20 Polizisten anwesend, weil in Neapel am gleichen Abend das wichtigste Fußballspiel der Saison gegen die Polenta-Fresser aus Milano stattfand. Da konnte tagsüber vor Aufregung natürlich keiner mehr arbeiten. Weil der Oberkommissar aber selbst ein Mailänder war, hatte er kein Verständnis für unsere arme Mannschaft. Er fragte mich, ob ich kein Tifoso sei.

„Jeder Neapolitaner ist Tifoso“, antwortete ich.

„Und wo sind die anderen Polizisten?“, wollte er darauf wissen.

„Sie bewachen freiwillig das Stadion, damit den Mailänder Fans nichts geschieht“, antwortete ich schlagfertig.

Der Inspektor durchforstete seine Namensliste und deutete mit dem Zeigefinger auf einen Namen. Es war Gennaro Esposito.

„Schützt dieser Mann auch die Mailänder?“

Ich machte ein ernstes Gesicht und sagte: „Was für ein Zufall, Herr Oberkommissar, das bin ja ich in persona!“ Dabei legte ich meine linke Hand aufs Herz.

Der Inspektor machte ein verdutztes Gesicht, kratzte sich am Hals und meinte mürrisch: „Bene, es scheinen ja alle hier zu sein. Du bist bereits der dritte, der seinen Namen auf Anhieb erkennt. Ich scheine heute das große Los gezogen zu haben. Bringen Sie mich zu Ihrem Chef, signor Esposito.“

Ich führte den Oberkommissar durch die leeren Gänge des neapolitanischen Polizeihauptgebäudes. Beim Fahrstuhl in der hintersten Ecke drückte ich auf den Schalter, aber der Lift rührte sich nicht. Erst jetzt sah ich das Schild: Ausser Betrieb!

„So was“, murmelte ich ungläubig, „wir müssen wohl oder übel die Treppe in den vierten Stock hinaufsteigen, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Oberkommissar.“

Der Inspektor schaute kurz auf seine Schuhspitzen, dann meinte er entschlossen: „Die Inspektion ist für heute abgeschlossen, signor Esposito. Ich habe genug gesehen und bin soweit zufrieden. Ich werde Ihnen meinen ausführlichen Bericht in etwa drei Monaten zustellen. Darin sind alle Stärken und Schwächen des neapolitanischen Polizeicorps detailliert beschrieben. Ich danke Ihnen für die freundliche Auskunft und ihren vorbildlichen Einsatz, signor Esposito.“

Katharina Tanner schüttelte ungläubig den Kopf.

„So was, das ist kaum zu glauben!“ Sie zeigte mit dem Finger auf die Schlagzeile in der Berner Zeitung.

„Ach so, die Geschichte mit dem Schweizer Gold!“, meinte Beppe, „das begreife ich nicht. Bei uns in Italien werden solche Sachen anders geregelt.“

„Wie denn?“

„Bevor in Napoli das Geld beim Volk ankommt, hat es sich bereits in Luft aufgelöst – sogar das schwere Gold löst sich dort einfach in Luft auf, wumm!“

3

Als Sarah ihre Mutter erstochen im Schlafzimmer fand, erschrak sie zutiefst und rannte entsetzt vors Haus. Einige Nachbarn hörten ihr Schreien und öffneten verwundert die Fenster zur Straßenseite, wo sich die junge Frau ins Gebüsch übergab. Mit der rechten Hand zeigte sie, am ganzen Leib zitternd, zum Eingang ihrer Wohnung. In ihren Augen stand Entsetzen.

„Sollen wir die Polizei rufen?“, fragte der ältere Mann aus dem zweiten Stock besorgt.

„Ja, meine Mutter… tot… ermordet…“

„Ermordet? – Eva ist ermordet worden?“, wiederholte der Mann entsetzt und verschwand vom Fenster. Kurze Zeit später trat er mit dem Mobiltelefon in der Hand aus der Tür und gab es der jungen Frau.

„Kriminalpolizei Bern?“

„Sarah Berger“, meldete sich die junge Frau.

„Katharina Tanner. Guten Morgen, Frau Berger. Was ist geschehen?“

Sarah begann zu weinen: „Etwas Furchtbares: Meine Mutter ist ermordet worden. Ich habe nichts davon bemerkt, weil ich die Mansarde bewohne. Als ich vorhin zu ihr wollte, lag sie erstochen im Bett.“

„Ihre Adresse, bitte.“

„Rathausgasse 68, erster Stock.“

„Wir kommen sofort.“

Sarahs verzweifeltes Schluchzen übertönte die Stimme der Kommissarin.

Nachdem Katharina Tanner den Hörer aufgelegt hatte,

befahl sie energisch: „Beppe, komm, beeil dich, es gibt Arbeit für uns!“

„Was denn? Ich wollte doch gerade meinen Cappuccino trinken und das Baguette genießen, so wie jeden Morgen vor der Arbeit.“

„Später – los jetzt, es handelt sich um einen Mordfall!“

„Mordfall? – Mamma mia, wenn ich das meiner Mamma in Neapel erzähle!“

Bei Bergers klingelte das Telefon. Sarah eilte in die Wohnung und griff nach dem Hörer.

„Guten Morgen, Sarah, Henri vom Berner Schriftsteller-Verein am Apparat. – Ist Ihre Mutter schon unterwegs?“

„Unterwegs? – Nein, sie liegt tot im Bett, mit einem Dolch in der Brust.“

Es folgte ein langes Schweigen. Dann hörte Sarah wieder die Stimme von Henri Wyss: „Hast du die Polizei gerufen?“

„Ja, ich habe soeben mit der Kommissarin Katharina Tanner von der Berner Kriminalpolizei telefoniert. Sie wird gleich hier sein. Könntet ihr bitte mit der Abfahrt warten? Vielleicht muss sie mit euch sprechen.“

„Ja, natürlich. Ich werde in einer halben Stunde noch einmal anrufen und jetzt sofort mit Frau Tanner Kontakt aufnehmen. Mein tiefstes Beileid, Sarah.“


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Die letzte Reise nach Palermo

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Der Schweizer Autor Daniel Himmelberger ist nicht nur für seine fantasievollen Kriminalromane, sondern auch für sein feines Gespür zur poetischen Klaviermusik bekannt. Seine Romane spielen einerseits in der beschaulichen Schweiz, darüber hinaus aber auch grenzüberschreitend in Italien, Chile oder Deutschland, wo das Verbrechen keinen Halt macht.

Der italienischstämmige Autor Saro Marretta ist in Sizilien aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Die Heimat Sizilien spiegelt sich in seinen Gedichten, Romanen, Ratekrimis sowie im Spaghettibuch, das mit farbigen Illustrationen von Ted Scapa zu einem Bestseller wurde. Saro Marrettas Werk wurde u.a. mit dem Goldoni Preis in Venedig ausgezeichnet.

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