Magic Callboy

Kapitel 1

Samstag

Die Anweisung klingt, wie aus einem Sexspiel kopiert. Ob Reinhard extra eines dieser Sets mit erotischen Aufgaben gekauft hat? Er ist nicht der Typ Mann, der Einladungen in blumige Worte fasst oder ein Date überhaupt vorbereitet. Weshalb diese Mühe? Unser Jahrestag steht erst im Winter an. Keiner von uns feiert in nächster Zeit Geburtstag. Das hier muss ihm dennoch wichtig sein. Aber warum?

Zieh dir was Schönes an, lass die Unterwäsche weg und komm um sechs zu Marcos. Ich werde dich dort sehnsüchtig erwarten.

Steigt mir da sogar der Duft eines Parfums in die Nase? Damit hat er wirklich übertrieben. Weshalb hat er die Nachricht überhaupt notiert, statt mir die Worte einfach ins Gesicht zu sagen?

Ich lege das dicke Papier im Postkartenformat, auf dem mit Reinhards geradliniger Schrift zwei Sätze notiert sind, ungläubig auf den Küchentisch neben meinen Frühstücksteller. Im Augenblick entdecke ich nur seine von ersten grauen Strähnen durchzogenen Schläfen und das dunkle Haar hinter der Zeitung. „Diese Einladung ist wirklich sehr nett von dir“, beginne ich. „Gibt es etwas zu feiern?“

„Muss es einen Anlass geben, damit du mit mir ausgehst?“ Er legt mit gerunzelter Stirn die Zeitung weg.

„Nein, natürlich nicht. Tut mir leid, falls es so geklungen hat. Ich freue mich sehr auf unsere Verabredung. Wirklich.“

Er nickt. „Schön. Dann kannst du den Rest des Tages nutzen, dich darauf vorzubereiten.“

In meinem Magen beginnt es zu kribbeln. Reinhards kühl berechnender Tonfall gefällt mir nicht. So redet er nur, wenn er alles unter Kontrolle haben will. Das kann leider ausarten. „Was meinst du?“

„Ich habe dir ein Päckchen ins Badezimmer gestellt. Du wirst es schon herausfinden.“

Neuerlich dieses Kribbeln in meinem Bauch. „Ich verstehe nicht, warum du dir solche Mühe machst.“

„Wie bitte?!“ Die Kaffeetasse, aus der er gerade einen Schluck genommen hat, zittert in seiner Hand. Er stellt sie mit einem Klirren ab.

Oh nein, das habe ich völlig falsch formuliert. „Ich fühle mich wirklich geschmeichelt. Es ist furchtbar nett von dir, dich so ins Zeug zu legen …“

„Warum hinterfragst du dann meine Handlung?“ Sein Gesichtsausdruck wird wütend.

„Deine Einladung hat mich überrascht. Ich danke dir dafür, dass du dir so viele Gedanken gemacht hast. Es ist nur …“

„Warum muss ich mich dafür rechtfertigen, dir immer wieder zeigen zu wollen, wie wichtig du mir bist?“ Er steht auf und sieht mich beleidigt an.

Ich lächle beruhigend. Anscheinend versucht er, etwas vor mir zu verbergen. Sonst würde er wegen meiner Frage nicht so überreagieren. „Es tut mir leid. Du hast das eindeutig seit Langem geplant. Ich freue mich auf heute Abend.“

„Du solltest auch voller Vorfreude sein. Nach dem Abendessen werde ich dich verführen. Heute Abend wirst du deinen Orgasmus nicht vortäuschen müssen.“

Fassungslos starre ich ihn an. Die Zufriedenheit steht in sein Gesicht geschrieben. Dann wird ihm klar, was er da gerade gesagt hat. Sein Lächeln verschwindet.

„Wie kommst du auf die Idee, ich würde dir etwas vorspielen?“ Tja, leider bleibt mir meist nichts anderes übrig, weil Reinhard sich nicht gerade geschickt dabei anstellt, mich zum Höhepunkt zu bringen. Trotzdem würde mich interessieren, woher seine Erkenntnis plötzlich kommt, nachdem er sich all die Jahre für einen großartigen Liebhaber gehalten hat.

„Denkst du nicht, ich merke, wenn du mich belügst?“ Abweisend verschränkt er die Arme vor der Brust.

„Lüge ist so ein starkes Wort …“

„Es ist beleidigend, wenn du mir gegenüber nicht ehrlich bist.“

Ich unterdrücke ein Seufzen. Manchmal benimmt er sich wie ein trotziges Kind. Dann ist er mit seinen bald vierzig Jahren unvernünftiger als ich, obwohl ich gut zehn Jahre jünger bin. Wenn das nur das einzige Problem in unserer Beziehung wäre! Trotzdem steht eines außer Frage. „Ich liebe dich. Das ist alles, was zählt. Ich möchte für immer mit dir zusammen sein.“

„Trotzdem bin ich anscheinend nicht in der Lage, dich zu befriedigen. Zumindest behauptet das Jessica.“

Mit einem Mal wird mir schwindlig. Das kann nicht sein. Meine beste Freundin würde mir niemals derart in den Rücken fallen. Ich spüre, wie das Blut aus meinem Gesicht weicht. „Was soll das heißen?“

„Ich habe mich letztes Wochenende mit Manfred unterhalten. Er hat so etwas angedeutet.“

Gott, wie peinlich! Das wird ja immer schlimmer. Jessica weiß genau, dass ich Manfred nicht leiden kann. Hat sie dennoch weitererzählt, was ich ihr im Vertrauen gesagt habe? Hat sie ihrem Mann gegenüber tatsächlich ausgeplaudert, dass ich sexuell frustriert bin? Das werde ich ihr nicht verzeihen! Wut steigt in mir hoch.

„Warum redet ihr über mich?“, erkundige ich mich mit heißem Gesicht. „War das Fußballmatch so langweilig?“

„Jetzt werde nicht pampig! Ich bin froh, endlich die Wahrheit erfahren zu haben. Dank dir bin ich eine Lachnummer in unserem Freundeskreis. Aber das wird sich ändern. Du wirst keinen Grund mehr haben, dich zu beschweren.“

„Ich habe mich nicht beschwert.“ Trotz meiner Wut auf Jessica versuche ich, Reinhard zur Vernunft zu bringen. „Wir sind glücklich. Es fehlt uns an nichts.“

„Außer an Höhepunkten.“

In seinen Augen lese ich, wie verletzt er ist. Der erfolgreiche, selbstbewusste Architekt zweifelt wegen mir an sich. Ich stehe auf und schmiege mich an seine große, breite Brust. „So stimmt das nicht.“

„Das Gespräch mit Manfred hat mir etwas klargemacht. Wir sind zu bequem geworden. Wir haben unser Feuer verloren. Aber noch ist es nicht zu spät. Wir werden an unserer Beziehung arbeiten. Heute Abend beginnen wir damit.“

Ich gebe ihm recht. Doch der Sex ist nicht unser Hauptproblem. Wir unternehmen viel zu wenig gemeinsam. Im Laufe der Jahre haben sich unsere Prioritäten geändert. Manfred will eine Familie. Er drängt mich schon seit Langem, endlich mit ihm an einem Kind zu basteln und dann daheimzubleiben. Aber das ist nicht, was ich will. Ich will noch etwas erleben, meine Freiheit genießen, abenteuerlustig sein. Ob ich diesbezüglich heute auf meine Kosten kommen werde? „Einverstanden“, stimme ich zu. „Ein romantisches Abendessen, anregende Gespräche, …“

„… heißer Sex. Ich will, dass du die ganze Zeit daran denkst“, flüstert er mir ins Ohr. Seine Hände streichen über meinen Rücken, wärmen mich, wecken meine Sehnsucht nach Nähe. „Gleich nach dem Dessert fahren wir nach Hause, und ich gebe dir, was du brauchst.“

„Zu Hause? Wie wäre es, wenn du schon im Auto über mich herfällst?“

„Das ist es, was du dir wünschst?“, fragt er ungläubig, vielleicht sogar ein wenig erfreut.

Ich hebe den Kopf und sehe ihn an. „Ein wenig Abwechslung wird uns nicht schaden.“

„In Ordnung. Darüber werde ich mir Gedanken machen. Bestimmt fällt mir etwas ein. Notfalls recherchiere ich auch.“

Sein Eifer entlockt mir ein Lächeln. Er ist offensichtlich auf der Mission, Schwung in unsere Beziehung zu bringen. Und das wird er genauso korrekt und gewissenhaft durchziehen wie seinen Job im Architekturbüro. „Ich freue mich darauf.“

„Sehr schön.“ Er küsst mich auf die Nasenspitze. „Dann mache ich mich jetzt auf den Weg zur Arbeit. Wir treffen uns direkt im Restaurant. Viel Spaß bei den Vorbereitungen.“

Sein aufgeregtes Grinsen scheint mir übertrieben. Ich begleite ihn zur Wohnungstür und winke ihm nach. Schade, dass er heute an einem Samstag arbeiten muss. Ich selbst bin später noch mit einer Freundin verabredet. Jetzt gehe ich aber erst mal ins Badezimmer. Die Neugierde lässt mir keine Ruhe.

Das geheimnisvolle Päckchen, das er erwähnt hat, entpuppt sich als Geschenk im Schuhkartonformat. Es ist in rotes Seidenpapier gehüllt, das ich vorsichtig entferne. Das Knistern des Papiers klingt verheißungsvoll. Dann hebe ich neugierig den Deckel der Schachtel an.

Mir stockt der Atem. Ein teuer aussehendes Parfumfläschchen liegt darin. Doch das ist nicht, was meine Aufmerksamkeit fesselt. Auf der Tubenverpackung daneben steht Intimenthaarungscreme. Ich halte überrascht die Luft an. So etwas habe ich noch nie benutzt. Allein die Vorstellung fühlt sich befremdlich an. Bislang habe ich mich aufs Stutzen und Trimmen beschränkt. Handelt es sich um eine Fantasie von Reinhard, mich untenrum haarlos zu sehen? Soll ich es wirklich wagen?

Ich denke an die letzten Jahre. Die Langeweile, die Routine. Vielleicht ist es an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Und möglicherweise komme ich dann auch auf meine Kosten.

„Gefällt es dir hier?“, fragt Reinhard einige Stunden später.

Ich zupfe am Saum meines schwarzen Kleides und versuche, es tiefer zu schieben. Wie von ihm gewünscht, habe ich die Unterwäsche weggelassen. Nach kurzem Zögern habe ich heute Morgen auch den Beipackzettel der Enthaarungscreme gelesen und sie dann angewendet. Ich komme mir verwegen und sehr sexy vor. Trotzdem sind meine Beine überschlagen, damit ich nicht versehentlich zu viel zeige. Ich bin froh über die langen Tischtücher in dem edlen, italienischen Restaurant, die auf meinen Schoß reichen und unter denen ich meine Füße verstecken kann.

„Es ist toll hier“, antworte ich. Als ich auf meinem Stuhl etwas nach vorne rutsche, reiben meine Oberschenkel übereinander. Mir wird deutlich bewusst, dass ich keinen Slip trage. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als Erregung in mir hochwallt. Mein Mund ist mit einem Mal ganz trocken.

„Hast du dich schon entschieden, was du essen willst?“

Die Karte halte ich schon seit mehreren Minuten in meiner Hand. Doch ich habe noch keinen Blick darauf geworfen. „Tut mir leid. Ich kann mich nicht konzentrieren“, gestehe ich leise.

Reinhard lacht auf. Seine braunen Augen strahlen. Er zwinkert mir zu. „Das höre ich gerne. Ich werde die Bestellung für dich übernehmen. Du kannst dich gerne weiter mit dem neuen Gefühl anfreunden.“

Wie stolz er wirkt, wie zufrieden. So habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. Mein Blick wandert über sein Gesicht. Ich kenne jede Falte um seine Augen, die kleine, nahezu unsichtbare Narbe über seiner Oberlippe, die hellen Sommersprossen, die sich jetzt im Sommer auf seinen Wangen zeigen. Reinhard ist kein Mann, dessen Attraktivität einem den Atem raubt. Er ist gutaussehend, gepflegt und achtet auf seine Erscheinung. Sein schwarzes Haar hat er korrekt frisiert. Der Anzug sitzt perfekt. Der leichte Bauchansatz, den er sich vor ein paar Monaten zugelegt hat, stört das Gesamtbild nicht. Alles an ihm strahlt Zielstrebigkeit und Geradlinigkeit aus. Ich könnte es auch Langeweile nennen.

Der Kellner tritt an unseren Tisch. Ich bringe kein Wort heraus, als er nach meinen Wünschen fragt. Dabei weiß ich genau, was ich gerne hätte. Mein Körper hat sich erhitzt. In meinem Magen kribbelt es voller Vorfreude. Ich presse meine Oberschenkel zusammen, um sie am Zittern zu hindern. Ich will, dass Reinhard mich packt, mir gleich hier am Tisch das Kleid vom Körper reißt und meinen Körper mit Küssen bedeckt. Wie es sich wohl anfühlen wird, wenn seine Zunge über meinen jetzt haarlosen Venushügel leckt? Ich zerschmelze vor Begehren, kann mich kaum gedulden, dabei haben wir noch nicht einmal mit dem Essen begonnen.

Während Reinhard unsere Bestellung aufgibt, hänge ich meinen Gedanken nach. In der letzten Zeit habe ich meinen Freund nicht mehr als meinen Lover, sondern als einen Kumpel gesehen. Wir haben aneinander vorbeigelebt. Aber ich liebe ihn immer noch, weil er mir Sicherheit gibt. Am Anfang unserer Beziehung hat er mich oft in vornehme Läden ausgeführt, mit mir alle romantischen Ausflugsziele Wiens besucht. Ich fühlte mich von seinem weltmännischen, selbstsicheren Auftreten angezogen. Erst später habe ich bemerkt, dass seine Stärke und sein Selbstbewusstsein grenzenlos sind. Er ist der Meinung, jeder müsste sich seinen Wünschen unterordnen. Meine Sicht auf ihn hat sich dadurch verändert. Welche Frau lässt sich schon auf Dauer gerne sagen, was sie tun darf und was nicht? Ich möchte nicht dominiert werden. Aber diese Idee, die er mir heute präsentiert hat, so verrückt sie mir im ersten Moment auch erschienen ist, könnte unsere Beziehung neu definieren.

Erleichtert registriere ich, dass Reinhard auf eine Vorspeise verzichtet hat, als der Kellner einen Teller vor mir abstellt. Pasta mit Meeresfrüchten. Die habe ich früher wirklich gerne gegessen. Aber jetzt hätte ich lieber auf alles verzichtet. Trotzdem beginne ich zu essen.

Ich lächle und lasse es mir schmecken. Während Reinhard seine Lasagne in kleinen Bissen in seinen Mund steckt, beobachtet er mich. Schließlich tupft er sich mit der Serviette den Mund ab.

„Spreiz die Beine“, verlangt er mit rauer Stimme.

„Wie bitte?“ Ich verschlucke mich an einer Muschel.

Er hält meinen Blick fest und lässt die Serviette fallen. „Spreiz die Beine für mich.“

Mein Herz macht einen Sprung, während sich meine Wangen röten. Durch meinen Magen schießt ein Hitzepfeil. Ich kann die Augen nicht von seinem Gesicht abwenden. Dennoch bin ich mir der anderen Menschen im Raum überdeutlich bewusst. „Das geht doch nicht.“

„Heute Abend sage ich dir, was du zu tun hast.“

Dieser strenge Tonfall in seiner Stimme zieht mich in seinen Bann. So direkt ist er beim Thema Sex noch nie gewesen. Diese überraschende unbekannte Seite von ihm macht mich an. Gebannt umklammere ich das Besteck und lege meine Handballen auf der Tischplatte ab.

Langsam, ganz langsam stelle ich die Beine nebeneinander und öffne dann meine Schenkel. Es ist ein fremdes Gefühl. Nackt. Schutzlos. Gleichzeitig unglaublich aufregend. Erregend.

Reinhards Pupillen weiten sich. Dann beugt er sich nach unten, um seine Serviette aufzuheben. Er lässt sich verdammt viel Zeit, sie nach oben zu holen.

Meine Gedanken beginnen zu rasen. Meine Sinne spielen verrückt. Hat er die Tischdecke schon angehoben? Kann er überhaupt etwas erkennen? – Ist da ein Luftzug? War da ein Finger an meinem Knie? Sehnsüchtig öffne ich meine Beine noch weiter.

Das lange Tischtuch verhindert, dass die anderen Gäste in dem Restaurant mir unter das Kleid sehen können. Vermutlich zieht allerdings jeder den richtigen Schluss, wenn er zufällig zu uns herüberschaut. Dass ich meine Beine gespreizt habe, ist nicht zu übersehen. Es überrascht mich, wie sehr diese Tatsache mich anturnt.

Endlich erscheint Reinhards Kopf über der Tischplatte. Sein Gesicht ist gerötet. Seine Hände zittern, als er die Serviette neben sich legt. Während unsere Blicke sich treffen, kann ich sehen, dass seine Atmung sich beschleunigt hat.

„Bist du zufrieden?“, erkundige ich mich. Das Blut pulsiert spürbar in meinem Schoß. Ich will von Reinhard berührt werden.

„Ich wäre es, wenn ich mich nicht fast nur auf meine Vorstellungskraft beschränken müsste. Wenn wir das nächste Mal essen gehen, werde ich um Beleuchtung unter dem Tisch bitten. Aber ich bin mir sicher, du hast mein Geschenk angewendet“, sagt er und lässt eine Augenbraue hüpfen. Trotzdem wirkt er nicht wirklich, als wäre ihm zum Scherzen zumute.

„Oder du bringst eine Taschenlampe mit“, witzle ich.

Schweigend sieht er mich an. Sein Blick wandert von meinem Gesicht tiefer, heftet sich auf mein Dekolleté. Mein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Meine Brüste kribbeln. Ich glaube, seine Finger auf meiner Haut zu spüren, die sich in meinen Ausschnitt schieben. Das ist es, was ich will. Das ist, was ich brauche. Ahnt Reinhard, was in mir vorgeht?

Er leckt sich über die Lippen und meine Brustwarzen werden hart. Dort möchte ich seine Zunge fühlen. Ich bekomme fast keine Luft, so schmerzhaft pocht das Verlangen in mir.

Statt meinen unausgesprochenen Wunsch zu erfüllen, greift er nach dem Besteck und konzentriert sich wieder auf seinen Teller. Was zur Hölle …?

„Iss! Du willst deine Pasta doch nicht kalt werden lassen.“

Ich spieße mit meiner Gabel eine Muschel auf und stecke sie mir in den Mund, bevor mir klar wird, was ich da eigentlich tue. Will Reinhard heute tatsächlich seine neue Rolle durchziehen? Ich verzehre mich hier vor Sehnsucht und ihn lässt mein sexy Aufzug unbeeindruckt? Kommt nicht infrage!

„Da mir ohnehin furchtbar heiß ist, kann das Essen ruhig auskühlen. Ich fühle mich richtig erhitzt, obwohl ich so wenig anhabe.“ Meine leise Stimme macht hoffentlich keine Tischnachbarn neugierig. Ich lecke mir betont langsam über die Lippen und registriere zufrieden, dass Reinhards Blick der Bewegung meiner Zunge folgt. „Mir war nicht klar, dass ich nach der Anwendung deines Geschenks jeden Luftzug dermaßen intensiv spüren würde.“

Reinhard schluckt. Seine Pupillen weiten sich.

„Vorhin, als du die Serviette aufgehoben hast, dachte ich sogar erst, ich hätte eine Berührung gefühlt“, berichte ich weiter. „Das Streicheln eines Fingers von meinem Knie aufwärts, meinen Schenkel entlang, unter den Saum meines Kleides und dann …“

„Ja?“, fragt er nach, als ich verstumme.

Ich lache. „Und dann habe ich bemerkt, dass nur Luft meine erhitzte Haut entlanggestrichen ist. Das war richtig scharf. Aber lieber hätte ich deine Hand zwischen meinen Schenkeln gehabt.“

„Das wirst du heute noch. Gott, wenn du so weitermachst, dauert es nicht mehr lange.“

Mein Blick zeigt ihm hoffentlich, wie erregt ich bin. „Das hoffe ich doch sehr.“

Er scheint zu überlegen. Dann schiebt er seinen halbleeren Teller zur Seite. „Hast du noch Hunger?“, will er wissen.

Ich schüttle den Kopf. „Nicht auf etwas, das auf der Karte steht.“

Ein Muskel an seinem Kiefer zuckt. Sein Adamsapfel hüpft. Er findet meine Anspielungen eindeutig anregend.

Meine Schenkel reiben aneinander. Ich beschließe, noch einen draufzusetzen. „Aber ich weiß, woran ich gerne lecken würde.“ Um seine Fantasie weiter anzuregen, lasse ich meine Zungenspitze über meine Unterlippe gleiten.

Reinhard hebt den Arm, um den Kellner zu uns zu rufen. „Wir möchten zahlen“, meint er zu dem jungen Mann.

„Hat es Ihnen nicht geschmeckt?“, erkundigt der Kellner sich besorgt nach einem Blick auf unsere Teller. „Ich bringe Ihnen gern eine Alternative.“

„Nein. Es hat vorzüglich geschmeckt. Wir sind einfach nicht sonderlich hungrig.“

„Ganz wie Sie wünschen.“ Der arme Kerl scheint verwirrt. Er nimmt unser Geschirr und verschwindet kurz, um mit der Rechnung zurückzukehren.

Reinhard bezahlt, gibt ein für seine Begriffe großzügiges Trinkgeld und steht dann auf. Gentlemanlike bietet er mir seinen Arm.

Lächelnd hänge ich mich bei ihm ein. Wann hat Reinhard mich das letzte Mal so zuvorkommend behandelt? Genau das ist es, was ich in unserer Beziehung vermisst habe. Vielleicht machen wir heute den ersten Schritt in die richtige Richtung.

Auf dem Weg zum Parkhaus, in dem Reinhards Wagen steht, drücke ich mich an ihn. Schon nach wenigen Metern hält er an, und küsst mich hungrig. Seine Zunge gleitet zwischen meine Lippen, erobert meine Mundhöhle. Augenblicklich lösen sich die Knochen in meinem Körper in Nichts auf, und ich muss mich an ihm festklammern. Unter seinem Kuss werde ich zu einem willenlosen, zitternden Bündel. Immer wenn er mich küsst, wirkt er diesen magischen Zauber. Jetzt könnte man mir eine Hochschaubahn für Gartenzwerge in Italien verkaufen.

Als seine Hand zu meinem Po wandert und mit festem Druck darüberstreicht, keuche ich auf. Ich spüre auf meinem Oberschenkel seine Finger, die den Saum meines Kleides hochschieben. Gott, wie sehr ich mich danach sehne. Aber nicht so.

„Nicht mitten auf der Straße“, keuche ich, muss meine ganze Willenskraft aufbieten, um ihn zu stoppen und ihn vorwärts zu ziehen.

An diesem Abend bin ich mehr als ungeduldig. Reinhard muss sich nicht sonderlich anstrengen, damit es vor Verlangen zwischen meinen Schenkeln pocht. Die ganze Situation macht mich richtig heiß. Die Unterwäsche lasse ich sonst niemals weg. Bei jedem Schritt werde ich daran erinnert, wie wenig ich anhabe. Obwohl es nicht kalt ist, zeichnen sich meine harten Brustwarzen unter dem Kleid ab.

Ganz offensichtlich entdeckt Reinhard diese Tatsache auch, als wir die Garage betreten. Nachdem er das Parkticket bezahlt hat, dreht er sich zu mir um, küsst mich und lässt seinen Daumen über die empfindlichen Knospen reiben. Dann lässt er seine Hand in meinem Ausschnitt verschwinden. Seine Finger umfassen meine Brust.

Ich beiße mir auf die Lippe, um niemanden auf uns aufmerksam zu machen. Neuerlich entziehe ich mich ihm. „Wenn uns jemand beobachtet!“

„Du siehst so scharf aus heute Abend. Jeder Mann hat sich sofort gefragt, was sich unter deiner Kleidung verbirgt. Doch du hast nichts versteckt. Jeder weiß, was du zu bieten hast.“

Dieses Kompliment löst eine Vielzahl von Gefühlen in mir aus. Auch wenn ich mich geschmeichelt fühle, ist es mir unangenehm, dass Reinhard recht haben könnte.

Er zieht mich näher, zwirbelt meine Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger. „Denk nicht darüber nach. Ich halte es nicht länger aus. Bis nach Hause schaffe ich es nicht mehr. Ich will dich. Jetzt. Hier. Ich will wissen, wie du dich anfühlst, so ganz unten ohne.“

„Dann lass uns zum Auto gehen.“ Schließlich kann ich seine Eile nachvollziehen. Ich will seine Hand auf mir spüren und herausfinden, ob sich etwas an meinen Empfindungen geändert hat.

Reinhard greift nach meiner Hand. Wir laufen den Gang zwischen den Autos entlang. Er hat seinen Wagen in einer Ecke geparkt. Die Rückbank ist nicht sonderlich gemütlich. Aber im Augenblick spielt das gar keine Rolle für mich.

Der Wagen auf dem Nebenparkplatz hat sich verdammt nahe an uns gestellt. Ich gehe um die Motorhaube unseres Autos herum, damit ich die hintere Tür öffnen kann.

Meine Hand liegt bereits auf dem Griff, doch Reinhard drängt mich vorwärts. Ich muss mich mit den Händen abstützen, damit ich nicht gegen die Mauer knalle. Erschrocken beginnt mein Herz zu rasen. „Was …?“

Er presst sich an meinen Rücken, legt seine Hände von hinten auf meine Brüste. „Nicht im Auto“, murmelt er an meinem Ohr. „Hier draußen.“

Ängstlich sehe ich mich um. Die Ecke, in der wir parken, befindet sich im Halbdunkel. Die nächste Kamera in der Garage ist etwas von uns weggedreht und erfasst uns bestimmt nicht. Das Autodach versteckt den größten Teil von uns. Trotzdem können wir jederzeit entdeckt werden.

Bevor ich ihm meine Zweifel mitteilen kann, spüre ich seine Lippen an meinem Nacken. Oh, das ist unfair. Er weiß genau, dass er mich damit verrückt machen kann.

Seine Zähne kratzen über meine Haut. Dann beginnt er, daran zu saugen. Seine Zunge streicht anschließend mit festem Druck über die Stelle. Währenddessen zieht er am Ausschnitt meines Kleides, bis meine Brüste bloßliegen und er sie massieren kann.

Ich drücke mich gegen die Wand, weil ich mich so schwach fühle. Als er seine harte Männlichkeit an meinem Po reibt, wimmere ich sehnsüchtig auf. Sein Saugen wird beinahe schmerzhaft intensiv.

Seine Lippen wandern und berühren mein Ohrläppchen. „Zeit für den Nachtisch. Du wolltest doch an etwas lecken.“

„Hier? Aber …“

„Niemand kann dich hinter dem Auto sehen.“ Er lässt mich los. „Also mach schon.“

Schwer atmend und mit zitternden Beinen drehe ich mich um. Reinhard öffnet bereits seine Hose. Ich gehe in die Hocke, streiche mit den Händen über die Beule in seinen Boxershorts.

Mit einem Stöhnen schiebt Reinhard seine Hose mitsamt seinen Shorts ein Stück nach unten, bis mir sein Schaft entgegenspringt. Ich lecke mir über die Lippen und beuge mich dann nach vorne, um ihn in den Mund zu nehmen. In mir wächst er weiter an.

Reinhards Stöhnen wird lauter. Ich sauge an ihm, entlasse ihn aus meinem Mund und schließe dann wieder meine Lippen um ihn. Als ich meine Zunge an die Unterseite seines Schaftes drücke, krallt er seine Hände in mein Haar. Zuerst hält er mich auf diese Art nur fest, doch je lauter er stöhnt, je stärker er zittert, umso schmerzhafter zieht er an meinen Haaren. Tränen treten in meine Augen.

Ich lasse von ihm ab, als es wirklich wehtut. „Du bist zu grob“, beschwere ich mich. Die hockende Position ist auch furchtbar unangenehm.

„Tut mir leid.“ Er greift nach meinen Oberarmen und zieht mich hoch. „Viel länger hätte ich es ohnehin nicht mehr ausgehalten. Du kannst das verdammt gut.“

Das Kompliment besänftigt mich etwas.

Während er mir das Kleid langsam hochschiebt, beugt er den Kopf und saugt an meinen Brüsten. Das Begehren sammelt sich in meiner Mitte. Das Kleid ist jetzt an meiner Hüfte gerafft. Ich spüre einen leichten Lufthauch an der Stelle, an der ich zu gerne berührt werden möchte. Wann erlöst Reinhard mich endlich?

Noch einmal leckt der mit der Zunge über die harten Knospen meiner Brustwarzen. Dann macht er einen Schritt zurück, um mich anzusehen.

Errötend erwarte ich sein Urteil.

Sein Gesichtsausdruck wird gierig. Als das Kleid nach unten zu rutschen droht, schüttelt er den Kopf. „Schieb es weiter nach oben, und halt es fest“, befiehlt er. „Stell dich ein wenig breitbeiniger hin.“

Ein kurzer Kontrollblick, ob sich jemand auf diesem Parkdeck aufhält. Ich mag diese Kälte in Reinhards Stimme nicht. Aber ich will endlich von ihm berührt werden. Also raffe ich das Kleid an meiner Taille und biete mich seinen Blicken dar.

„Lehn dich gegen das Auto.“ Neuerlich dieser unpersönliche Befehlston.

Und wieder folge ich seiner Aufforderung. Die Karosserie des Wagens fühlt sich kühl an meinem Hinterteil an. Meine Atmung geht schnell. Das Verlangen ist in meinem Inneren eingeschlossen, sucht nach einem Ventil. Ich zittere. Jede Faser meines Körpers sehnt sich nach mehr.

Reinhard tritt vor mich. Er drückt meinen Oberkörper zurück, bis ich unbequem auf dem Kofferraumdeckel liege. Sein Mund findet zu meinen Brüsten. Seine Zähne graben sich in die empfindlichen Knospen. Ich kann den Aufschrei nicht verhindern.

Endlich spüre ich seine Hand an meinem Oberschenkel. Er fasst mir zwischen die Beine. Reibt mich dort, wo ich seine Berührung schon die ganze Zeit ersehne. Ohne Vorwarnung stößt er mit einem Finger in mich.

„Da hat es wohl jemand nötig“, murmelt er zufrieden und richtet sich auf. „Du brauchst es offensichtlich ordentlich besorgt.“

Mein Mund ist trocken. Ich nicke. Ob er mich jetzt mit zärtlichen, geschickten Bewegungen zum Höhepunkt bringen wird? Zeigt er mir endlich, wie sehr ich ihm gefalle?

Reinhard zieht seinen Finger zurück. Er atmet schwer, keucht in mein Ohr. Plötzlich drängt sich seine Männlichkeit in mich. Ich bin so erregt, dass er keine Schwierigkeiten hat, zur Gänze in mich zu stoßen.

Nicht ganz das, was ich erhofft habe, aber auch nicht schlecht. Meine Scham fühlt sich empfindlicher an als sonst. Aber vielleicht hat mich das Warten auf diesen Moment einfach viel zu sehr angeheizt.

Reinhards Finger krallen sich in meine Taille, halten mich fest, damit er sein Tempo erhöhen kann. Ich schließe die Augen, um die Umgebung auszublenden und konzentriere mich ganz auf die wundervolle Reibung.

„Das gefällt dir, nicht wahr? Lass mich hören, wie sehr es dich scharf macht.“

Ich bin gerne laut. In letzter Zeit gab es nicht allzu viele Gelegenheiten, weil der Sex immer viel zu schnell vorbei war. Jetzt würde ich meine Lust gerne hinausschreien. Aber hier? In aller Öffentlichkeit? „Man könnte uns hören“, gebe ich zu bedenken.

„Genau das macht es doch so aufregend.“

Bin ich zu prüde? Eigentlich dachte ich, die Langeweile in unserem Sexleben wäre Reinhards Schuld. Ich sollte ihm entgegenkommen. Doch mehr als ein leises Stöhnen bringe ich auf Kommando nicht über meine Lippen.

Reinhard beugt den Kopf und saugt intensiv an meiner Brust. Gegen meinen Willen schreie ich laut auf.

„Gott, das ist so gut“, stöhnt Reinhard und stößt hart in mich. „Gleich komme ich.“

Viel zu schnell. Ich bin noch nicht so weit. Doch Reinhard macht keine Anstalten, sich um meine Erleichterung zu kümmern. Ich schiebe meine Hand zwischen unsere Körper und beginne mich zusätzlich zu stimulieren.

Reinhard spannt sich an. Als er zuckend kommt, erreiche auch ich den Höhepunkt.

„Ich liebe dich“, murmelt er und presst sich an mich.

Mein Innerstes ist noch in Aufruhr. Langsam ebbt mein Höhepunkt ab. „Ich dich auch.“

Der heutige Abend war ein Schritt in die richtige Richtung. Ab jetzt wird alles anders.


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Als Teenager startete Bettina Kiraly mit Gedichten und kurzen Fragmenten von Geschichten. Zehn Jahre dauerte ihr erster Roman von der Idee zur Vollendung. Nun feiert sie demnächst ihr zehnjähriges Jubiläum als veröffentlichte Autorin und bald ihre dreißigste Veröffentlichung.

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Mord nach Rezept

Die Spannung Stieg höher als ein kunstvoll zubereitetes Soufflé.

Messer blitzten, Fleisch wurde zerlegt, Zutaten gehackt, Mischungen angerührt und Speisen zusammengestellt, und das alles mit einer Erfindungsgabe, die an Verzweiflung grenzte. Das Finale des Kochwettbewerbs war in vollem Gang.

Darina Lisle beobachtete eine der Teilnehmerinnen, die Petersilie hackte und dabei das schwere Messer mit raschem und sicherem Geschick führte, sodass die grünen, gekräuselten Blättchen in kürzester Zeit zerkleinert waren. Eine Knoblauchzehe wurde geschält, ebenfalls kleingehackt, und dann wurden die beiden Zutaten wie durch Zauberei mit einigen kreisenden Bewegungen der breiten Messerschneide vermischt. Sie war eine zierliche, junge Frau mit einem Schopf glatter, blonder Haare, die im Nacken kurzgeschnitten waren. Eine große, weiße Schürze bedeckte fast ihren ganzen Körper, die Bänder hatte sie sich um die schlanke Taille gewickelt und über ihrem flachen Bauch zu einer ordentlichen Schleife gebunden.

Der Wettbewerb wurde von einer namhaften Import- und Handelsfirma für Spezialspeiseöle gesponsert, die damit das Ansehen ihrer Produkte in der englischen Gastronomie fördern wollte. Die Teilnehmer hatten die Aufgabe, ein dreigängiges Menü zu kochen und dabei nicht weniger als vier verschiedene Sorten Speiseöl zu verwenden. Die Vorentscheidungen hatten aus der Zubereitung zweier Gerichte bestanden. Jetzt, in dem exquisiten, mit himmelblauem und cremefarbenem Porzellan dekorierten Lancaster Room des Savoy Hotels, arbeiteten die acht Kandidaten der Endrunde angestrengt an der Fertigstellung eines neuen Menüs, und ihre Kreativität wurde durch den Zeitdruck auf eine harte Probe gestellt.

Darina empfand tiefes Mitleid mit einem jungen Mann, der mit einer selbstgefertigten Pasta zu kämpfen hatte. Jedes Mal, wenn er den Teig durch die Edelstahlwalzen des Geräts passierte, klebte er zusammen oder zerfranste auf unerklärliche Art und Weise in kurze, dünne Schnüre. »Lassen Sie den Teig noch einmal ungefähr zwanzig Minuten stehen«, flüsterte sie ihm zu, aber er schien taub für ihren Rat zu sein. Krabbenravioli mit einer Soße aus Haselnussöl, die Pasta mit Olivenöl angerührt, besagte seine Menükarte, die auf einem elegant gedeckten Tisch stand. Sie ging und las die Liste seiner anderen Gänge: eine Fischmousseline mit Pistazienöl an Kartoffelrösti mit Olivenöl, als Beilage gemischter Salat mit einem Dressing aus Walnussöl, gefolgt von einem Dessert aus Profiterolen, die mit Erdnussöl statt Butter zubereitet waren. Sie sah auf ihre Armbanduhr, stellte fest, dass die Zeit für den Wettbewerb zur Hälfte abgelaufen war, ohne dass der Kandidat mit der Zubereitung des Backwerks oder der Fisch-Schaumbrote begonnen hätte, seufzte innerlich und machte eine Anmerkung unter der Rubrik »Arbeitsmethode«.

Sie ging an der Reihe der provisorischen Kochnischen entlang, die sich in dem reichverzierten Ballsaal wie kleine Turnierzelte ausnahmen und gelangte zu einem langen Tisch in der Mitte des Saales, an dem die anderen Mitglieder der Jury saßen, Mineralwasser tranken und ihre Bewertungen notierten.

»Da kann es ja wohl kaum einen Zweifel geben, wer die

Gewinnerin sein wird«, sagte der Fernsehmoderator einer morgendlichen Talkshow. Mit einer Mischung aus einschüchterndem Charme und der Fähigkeit, noch die verschlafensten Prominenten angeregt plaudern zu lassen, animierte er derzeit Millionen von Zuschauern dazu, den Tag etwas weniger mürrisch als sonst zu beginnen. Ohne Anspruch zu erheben, Experte auf dem Gebiet der Kochkunst zu sein, bestand seine Rolle bei diesem Wettbewerb darin, den Geschmack der breiten Öffentlichkeit zu repräsentieren. Er führte seinen Bleistift mit schwungvoller Geste über den Bewertungsbogen, der in die Rubriken »Menüauswahl«, »Wahl der Zutaten«, »Arbeitsmethode«, »Präsentation« und »Geschmack der Speisen« unterteilt war.

Darina folgte seinem Blick zu der Stelle, wo eine der Teilnehmerinnen Hühnerleber und Schinkenspeck für ihren Salade tiède mit Haselnussöl vorbereitete.

»Sie scheint ihre Sache sehr gut zu machen«, stimmte ein weiteres Mitglied der Jury zu, ein Meisterkoch, der ebenso für seine persönliche Erscheinung wie für sein Essen berühmt war, »aber dieser Salat ist einfach banal.«

»Ich habe während der Vorausscheidungen die Erfahrung gemacht, dass man nur allzu oft meint, der Sieger stehe bereits fest, bis man dann tatsächlich die Gerichte probiert«, sagte der elegante junge Geschäftsführer der Speiseölfirma, die den Wettbewerb ausrichtete. »Und plötzlich muss man die eigenen Bewertungen völlig revidieren.«

»Zumindest hat sie ihre Tagliatelle richtig vorbereitet«, bemerkte der Fernsehmoderator, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und seinen Blick zuerst auf dem kleinen Haufen gekräuselter Pastastreifen auf einer Seite der Arbeitsfläche und dann auf dem üppigen Busen ruhen ließ, der sich unter dem tiefausgeschnittenen Strickkleid wölbte. Dunkle Locken umrahmten ein rundes Gesicht, das recht alltäglich wirkte, aber mit großen, braunen Augen und weichen, vollen Lippen gesegnet war. Er fing ihren Blick auf, zwinkerte ihr ermutigend zu und ließ seinen Blick dann zum Ende der Reihe wandern, wo der junge Mann inzwischen den Kampf mit seiner Pasta aufgegeben hatte und dabei war, Wasser und Öl für die gebackenen Profiterolen mit Schokoladensoße zu erhitzen. In seinen Augen lag Panik, und die Haare standen ihm buchstäblich zu Berge.

Die Teilnehmer der Endrunde waren eine gemischte Gruppe. Eine Frau mittleren Alters sah aus, als verbringe sie den größten Teil ihres Lebens damit, an einem Holzkohleherd zu stehen, frisch geerntetes Gartengemüse zuzubereiten und dazu eine Soße anzurühren, für die sie eine erstaunliche Menge ausgefallener Zutaten verwendete.

Ein älterer Geistlicher, vollkommen blind für das hektische Treiben um ihn herum, schälte langsam und vorsichtig die verbrannte Haut von seinen gebackenen Paprika. Ein junges Mädchen mit wildentschlossenem Auftreten träufelte Olivenöl über ihr Ratatouille. Und eine ältere Dame, die wie eine Bilderbuch-Großmutter aussah, rührte ein Dressing an, das Sesamöl und Sesamsamen enthielt.

Darina warf noch einen Blick auf die verschiedenen Menükarten, weil sie wissen wollte, wie die Teilnehmer das Problem gelöst hatten, auch für das Dessert ein Spezialöl verwenden zu müssen. Der Geistliche hatte es umgangen, indem er als Nachspeise einen Salat mit in Olivenöl mariniertem Ziegenkäse servierte, der mit Walnussöl angemacht war. Die meisten hatten sich zu einem Mousse entschlossen, das in einer mit Mandelöl bestrichenen Form serviert wurde. Nur eine ruhige Mittdreißigerin mit einem unscheinbaren Gesicht, einer wenig schmeichelhaften, viel zu schweren Schildpattbrille und streng nach hinten gekämmten Haaren hatte sich für ein Walnuss-Honig-Baklava entschieden. Es stand nun neben ihrem Ofen, und die mit Walnuss- und Erdnussöl statt mit Butter beträufelte, goldbraun glänzende Oberfläche ließ Darina das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dann seufzte sie leise, als sie daran dachte, wie viele Kalorien sie mit dem Probieren dieser Nachspeise wohl zu sich nehmen würde. Sogar wenn sie nur einen kleinen Bissen von jeder der acht Vorspeisen, acht Hauptspeisen und acht Desserts kostete, ergab es eine erschreckende Gesamtsumme. Wenn man beruflich mit Essen zu tun hatte, bedeutete dies einen ständigen Kampf zwischen Versuchung und Übergewicht.

Die Bitte, bei diesem Wettbewerb als Schiedsrichterin zu fungieren, hatte Darina überrascht. Sie hatte nicht gewusst, dass sie in der Welt der Gastronomie bereits einen Namen hatte. Nach dem Erfolg ihres ersten Buches hatte ihr die Tageszeitung, in der bereits eine Reihe ihrer Artikel veröffentlicht worden waren, eine regelmäßige Kolumne angeboten. Dann war sie in den Verband der Gourmetkritiker aufgenommen worden, und nun landete in ihrem Briefkasten eine stetig anschwellende Flut von Einladungen zu Veranstaltungen aller Art, vom Wurstfrühstück auf der Themse bis zu einem Wochenendseminar über Lachsfischen in Schottland. Ganz zu schweigen von den zahllosen Einladungen in Restaurants, die anscheinend nicht imstande waren, ohne ihre Schirmherrschaft zu existieren.

Und all das hatte sich zufällig ergeben. Man hatte sie gefragt, ob sie einen Kochbuchklassiker überarbeiten und aktualisieren wolle, den ihr Cousin vor etwa fünfundzwanzig Jahren verfasst hatte. Schon immer hatte sich das Buchrecht gut verkauft, doch nun versprachen sich seine Verleger durch das neuerwachte Interesse, das der Mord an dem Autor ausgelöst hatte, noch höhere Verkaufszahlen. Nachdem sie das Rätsel um seinen Tod gelöst hatte, schien Darina die Überarbeitung des Buches eine interessante Herausforderung zu sein, zumal ihr die Zeit günstig schien. Sie hatte einen erfolgreichen Catering-Service aufgegeben, um sich den Traum vom eigenen Hotel zu erfüllen. Doch ein weiterer Mordfall hatte ihre Pläne durchkreuzt, und schließlich war sie sich nicht mehr sicher, in welche Bahnen sie ihre Karriere nun lenken sollte. Das Buch hatte ihr in dieser Hinsicht einen nützlichen Anstoß gegeben, und sie hatte mit dem Schreiben ein neues und fesselndes Interesse entdeckt. Die Zeit zwischen dem Abschluss ihrer Arbeit und der Veröffentlichung hatte sie damit verbracht, Artikel zu schreiben, von denen eine überraschend große Anzahl angenommen wurde, und das war der erfolgreiche Start zu einer neuen Karriere gewesen.

Sie vervollständigte ihre Beurteilungen in einer weiteren Rubrik auf dem Bewertungsbogen. Jetzt gab es nichts weiter zu tun, als zu warten, bis die Kandidaten ihre Speisen servierten, und die hektischen Vorbereitungen für das Finale und das Publikum zu beobachten.

Hinter einer seidenen Kordel, die als Absperrung diente, standen einige Stative mit Fernsehkameras und Fotoapparaten, sowie eine Reihe von Journalisten und Gästen.

Die PR-Abteilung des Sponsors hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet, denn die Vertreter der Medien waren in beachtlicher Zahl erschienen, und Darina entdeckte unter ihnen einige prominente Gesichter. Aber sie war mehr an den Gästen der Wettbewerbsteilnehmer interessiert. Gespannt wartende Verwandte und Freunde saßen an den runden Tischen, die zum Mittagessen gedeckt waren, tranken den ausgezeichneten Wein des Hauses oder gingen mit kleinen Kameras in den Händen herum, beugten sich über die Absperrung und versuchten, ihren Kandidaten abzulichten.

Ihr Blick blieb auf dem Gesicht eines Mannes haften, das durch eine eigentümliche Kombination aus Intelligenz und Humor bestach. Anfang dreißig, schätzte sie. Kohlrabenschwarze Augen glitzerten im Licht der Scheinwerfer, und das dunkle, drahtige Haar auf dem runden, kräftigen Schädel war kurzgeschnitten. Er machte eine Aufnahme von der jungen Frau in der großen, weißen Schürze. Als sie ihm einen raschen Blick zuwarf, grinste er und signalisierte ihr mit aufwärtsgerecktem Daumen, dass alles prima lief.

Der Starkoch war neben Darina getreten, winkte und rief: »Simon, schön, Sie zu sehen. Ich komme später zu Ihnen.«

Der junge Mann winkte ihm zu und kehrte dann zu seinem Platz an einem der Tische für die Gäste zurück. Zwei Frauen saßen auf der anderen Seite des Tisches, und es war offensichtlich, dass sie mehr von ihm trennte als nur die Stühle, die zwischen ihnen standen. Froh, dass sie nun wenigstens die Familie einer der Teilnehmerinnen identifizieren konnte, nahm Darina ihre Mitglieder etwas näher in Augenschein.

Die ältere der beiden Frauen trug eine schlammfarbene Bluse, die gut zu ihrem wettergegerbten Gesicht passte. Sie sah aus, als seien ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Ihr besorgtes Gesicht wurde von feinem, weißem Haar umrahmt. Während Darina sie betrachtete, beugte sich die jüngere Frau zu ihr hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Im Nebeneinander der beiden Gesichter zeigte sich eine auffallende Ähnlichkeit, die sich allerdings nicht in den Gesichtszügen der jungen Köchin wiederfand. Keine der beiden Frauen beachtete den jungen Mann an ihrem Tisch.

In diesem Moment ertönte die Durchsage, dass die Kandidaten noch zehn Minuten Zeit hätten, um ihre Gerichte fertigzustellen.

Der junge Mann mit den abstehenden Haaren unterbrach seine Versuche, die Ravioli zu füllen, nahm ein kümmerlich aussehendes Backwerk aus dem Ofen, knallte wütend das Blech auf die Arbeitsfläche, riss sich die Schürze herunter und marschierte auf die großen Flügeltüren zu, sich seinen Weg durch die Kameramänner und Journalisten bahnend und einen der Organisatoren des Wettbewerbs zur Seite stoßend. Im Hintergrund des Ballsaals löste sich ein anderer Mann aus der Gruppe der Gäste und eilte dem erfolglosen Koch hinterher.

Die übrigen Teilnehmer richteten mit unglaublicher Geschwindigkeit ihre Speisen an und gaben ihnen in verzweifelter Eile den letzten Schliff – die meisten Gesichter waren bleich vor Aufregung und Erschöpfung.

Darina verfolgte das alles mit Grausen und Mitleid. So sehr sie selbst daran gewöhnt war, unter Zeitdruck zu kochen, kam ihr doch der zusätzliche Erfolgszwang des Wettbewerbs unerträglich vor. Warum taten sie sich das an? Was war es, das all die Spannung und das Risiko öffentlicher Blamage wettmachte? Aber sie kannte die Antwort. Der Sieg bedeutete in den meisten Fällen den Anfang einer steilen Karriere. Es würde Angebote geben, Kochbücher oder Artikel zu schreiben und durch die Medien bekanntzuwerden. Für einen kreativen Koch, der darum kämpfte, sich einen Platz in der heiß umkämpften Welt der Gastronomie zu verschaffen, bot der Sieg in einem so renommierten Wettbewerb wie diesem eine unbezahlbare Chance. Aber wieviel Energie und Entschlusskraft waren nötig, um endlich das Siegerpodest zu erklimmen!

Eine Glocke zeigte an, dass die Zeit für das Anrichten der Menüs abgelaufen war. Darina und die anderen Mitglieder der Jury bewaffneten sich mit ihrem Sortiment an Bestecken und näherten sich mit Spannung den Kochnischen.

Nachdem sie von allen Gerichten ausgiebig gekostet hatten, zogen sie sich schließlich in einen Nebenraum zurück. Dort sammelte einer der Organisatoren ihre Bewertungsbögen ein, und dann wurde eine Flasche Champagner entkorkt.

»Es ist wirklich erstaunlich«, sagte der Fernsehmoderator nahm einen tiefen Schluck und hielt das Glas zum Nachschenken in die Höhe, »aber das Probieren hat meine Rangordnung tatsächlich völlig durcheinandergebracht.«

»Ich wusste gleich, wer gewinnen würde«, meinte der Starkoch, der seinen Champagner mit Kennermiene genoss. »Außergewöhnliche Zusammenstellung, hervorragender Geschmack, im Stil einfach, und doch eigenwillig und in der Technik perfekt.«

»Genau, keine Nouvelle Cuisine, wie sie uns allen schon zum Halse heraushängt, und dabei sah alles genauso köstlich aus, wie es auch schmeckte. Was meinen Sie?« Der junge Geschäftsführer der Speiseölfirma wandte sich an Darina.

Sie stimmte zu und sagte, dass sie besonders die erfindungsreiche Verwendung von Speiseölen an Stelle von Milchprodukten beeindruckt habe. Sie fragte den Geschäftsführer, ob er mit dem Ergebnis zufrieden sei.

»Absolut. Der Wettbewerb hat uns all das gebracht, worauf wir gehofft hatten. Dem Himmel sei Dank! Schließlich haben wir eine hübsche Summe investiert – das Doppelte unseres üblichen Werbebudgets! Aber was die Publicity angeht, hat sich der Wettbewerb bereits bezahlt gemacht, und das war bestimmt noch nicht alles. Ich bin sicher, dass wir damit eine Lanze für den Speiseöl-Konsum gebrochen haben. Und ich bin sehr zufrieden mit den Rezepten, die wir prämiert haben. Sie sind genau richtig für unsere neue Broschüre, interessant und originell, ohne abschreckend kompliziert zu sein.« Der erste Preis beinhaltete auch die Veröffentlichung des Menüs unter dem Namen des Siegers in einer Werbebroschüre für die Produkte der Firma.

»Ich würde an Ihrer Stelle vor der Veröffentlichung überprüfen, ob es sich tatsächlich um eigene Kreationen handelt«, warnte der Starkoch. »Ich bin sicher, dass ich diese Heringsfilets in Haselnusssoße von irgendwoher kenne.«

»Aber doch nicht genau die gleichen, hoffe ich? Das wäre äußerst unangenehm, wenn es Probleme mit dem Urheberrecht gäbe.«

Der Koch verzog skeptisch den Mund. »Es ist beinahe unmöglich, nachzuweisen, dass es sich um ein Plagiat handelt, sofern die Zutaten nicht absolut identisch und das Rezept nicht völlig gleichlautend sind. Trotzdem passiert es ständig. Einige Köche verbringen Tage mit der Ausarbeitung ihrer Ideen für ein erfolgreiches Gericht, und dann wird es von irgendjemandem kopiert und ohne ein Wort der Anerkennung unter neuem Namen veröffentlicht.«

Der Firmenvertreter versprach hastig, dass man das überprüfen werde und begann dann, liebevoll die verschiedenen Speiseöle zu beschreiben, die für die prämierten Gerichte verwendet worden waren.

»Haselnuss für den Fisch, natürlich Sesam für das marinierte Fleisch, und war dieses Öl aus Zitrone und frischem Ingwer nicht phantastisch? Aber was wurde für diese kleinen Scheiben aus gebackenem Pastinak mit Pistazien verwendet?«

»Eine Mischung aus Kürbiskern und Erdnuss«, sagte Darina nach einem Blick in ihre Notizen. »Ungewöhnlich, aber sehr wirkungsvoll. Und besonders köstlich fand ich die Nachspeise.« Die Pfirsichhälften waren in Mandelöl und braunem Zucker karamellisiert und mit einem Pfirsichsorbet serviert worden, dessen kühle Frische das vollmundige Aroma der Früchte wunderbar kontrastiert hatte.

Es entstand eine kurze Stille, während die Jurymitglieder sich genießerisch an die bestplatzierten Speisen erinnerten.

Der Mann vom Organisationskomitee strahlte. »Also eine ganz eindeutige Entscheidung. Ich mag es nämlich nicht, wenn nur ein Viertelpunkt zwischen dem ersten und dem zweiten Platz liegt, aber damit haben wir hier ja kein Problem. Schade, dass Nummer Acht schon vorher aufgegeben hat.«

»Der hat sich doch hoffnungslos überschätzt«, meinte der Koch. »Dabei hat er vorher sicher noch nicht einmal das Timing geübt, und sein Menü war entsetzlich unausgewogen.«

Wenig später kehrten sie in den Ballsaal zurück, wo Profis und Amateure noch immer damit beschäftigt waren, die Gerichte abzulichten, die, obwohl durch das Probieren bereits ein wenig geplündert, immer noch ungemein appetitlich aussahen.

Darina blieb neben den anderen Jurymitgliedern stehen. Über einen Meter achtzig groß auf ihren hohen Absätzen, überragte sie alle, bis auf den Speiseölhändler. Endlich hatte sie sich mit ihrer Größe abgefunden und aufgehört, sie mit möglichst unauffälliger Kleidung kaschieren zu wollen. An diesem Tag trug sie ein hellgrünes Leinenkostüm mit einem weißen, ärmellosen Oberteil, und ihr langes, blondes Haar wurde von zwei grünen Spangen aus dem Gesicht gehalten.

Der Geschäftsführer übernahm das Mikrofon, dankte allen Teilnehmern und Organisatoren und verlas die Preise: eine Kiste mit verschiedenen Spezialspeiseölen seiner Firma für alle Teilnehmer, dritter Preis ein Abendessen für Zwei in einem der besten Restaurants der Stadt, zweiter Preis ein zweitägiger Kochkursus in einem Drei-Sterne-Restaurant, und der erste Preis war ein einwöchiger Kursus sowie eine Reise für zwei Personen zu einem der bekanntesten Ölhersteller in der Toskana, und schließlich die Präsentation der Rezepte in der nächsten Werbebroschüre.

Die hoffnungsvollen Kandidaten standen neben ihren Kochnischen, ein starres Lächeln auf den Gesichtern, die Hände spielten verräterisch mit einem Messer oder einem Löffel oder waren tief in den Taschen vergraben. Die Frau mit der Schildpattbrille zwinkerte nervös mit den Augen. Das Mädchen mit den dunklen Locken und der sensationellen Oberweite strich sich mit der Zunge rasch über die vollen Lippen, und die junge, blonde Frau in der großen, weißen Schürze hatte den Blick unverwandt auf den Fußboden geheftet und schien in einen Zustand verfallen zu sein, der an Lähmung grenzte. Nur der junge Mann, der fluchtartig die Arena verlassen hatte und nun wieder aufgetaucht war, wirkte ganz entspannt. Er lehnte lässig an seinem Herd, hatte ein Whiskyglas in der Hand und blickte gleichgültig in die Runde.

Der dritte Platz ging an die Bilderbuch-Großmutter. Ihr Gesicht zeigte völlige Überraschung und unbändige Freude, und sie erhielt herzlichen Applaus, als sie ihren Preis entgegennahm. Den zweiten Preis erhielt die junge Frau mit der Brille, die ähnlich überrascht reagierte.

Es blieben noch fünf Köche übrig. Das Mädchen, das vorher so entschlossen gewirkt hatte, schien nun in einem Zustand zwischen Besorgnis und Verzückung zu sein, ebenso wie das Mädchen mit den dunklen Locken. Die Dame mittleren Alters wirkte resigniert, der ältere Geistliche schien im Stillen zu beten, und das Gesicht der jungen Frau war nun ebenso weiß wie ihre Schürze.

Der Vertreter der Sponsorenfirma zögerte einen Moment, um die Spannung noch aufzubauen, bis Darina es selbst kaum noch aushielt.

»Und die Siegerin, die einige der phantasievollsten und köstlichsten Gerichte gekocht hat, die die Mitglieder der Jury je gekostet haben, ist …« Noch eine Pause, dann endlich: »Verity Fry.«

Einen Moment lang passierte gar nichts, dann schüttelte die junge Frau in der weißen Schürze verwirrt den Blondschopf, ihr Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln und sie verschränkte die Hände über dem Kopf wie ein triumphierender Boxer. Als sie vortrat, drängten die Kameramänner mit Ellbogenstößen auf sie zu.

Darina warf einen Blick auf die Verlierer, die unbeachtet in ihren Kochnischen zurückblieben. Das entschlossene Mädchen stand regungslos da, als könne sie nicht glauben, dass sie mit leeren Händen ausgegangen war, abgesehen von der Kiste Spezialspeiseöl. Dann verschwand sie aus Darinas Blickfeld, als sich ihre Familie tröstend um sie scharte. Der Geistliche seufzte tief und wurde von seiner Frau in eine innige Umarmung gehüllt. Die Frau mittleren Alters zuckte mit den Schultern, zog ein paar Kisten unter ihrer Arbeitsfläche hervor und begann, ihre Küchengeräte einzupacken. Das Mädchen mit den dunklen Locken kämpfte mit den Tränen und räumte ihre Sachen mit zitternden Händen zusammen. Die Anwesenheit des bekannten Fernsehmoderators, der zu ihr getreten war, um sie zu trösten, ignorierte sie vollkommen.

Der Starkoch schüttelte die Hand des dunkelhaarigen, jungen Mannes, der die Siegerin fotografiert hatte.

»Simon, mein Junge, wie schön, Sie wiederzusehen. Wie läuft’s denn so im finsteren Somerset? Lamington, nicht wahr? Ich habe begeisterte Kommentare über Ihr Restaurant gehört.«

»Es ist ein mühsamer Kampf, Meister, aber es könnte sein, dass ich ihn gewinne. Zumindest scheinen die Gourmetkritiker auf meiner Seite zu sein. Sagen Sie, war das eine schwere Entscheidung heute?«

»Überhaupt nicht, die Siegerin stand eindeutig fest. Sind Sie mit ihr befreundet?«

Der junge Mann lächelte einnehmend. »Sie hat mal für mich gearbeitet. Nicht als Köchin, sondern als Empfangsdame, aber sie hat auch hinter den Kulissen mitgeholfen. Großartiges Mädchen.« Er warf einen Blick zu Verity Fry, die inzwischen von Journalisten und Kameraleuten umringt war, die sie aufforderten, zu posieren, sich neben ihre Gerichte zu setzen, einen Bissen zu essen, ein Interview zu geben und noch ein weiteres Mal ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie schaffte das alles mit spielender Leichtigkeit und schien sogar einen Riesenspaß daran zu haben.

Der Koch wandte sich an Darina. »Darf ich Ihnen Simon Chapman vorstellen? Er hat seine Ausbildung bei mir gemacht und gehört heute zu den vielversprechendsten jungen Köchen. Simon, das ist Darina Lisle. Sie ist Mitglied der Jury und eines unserer aufstrebenden, neuen Kritikertalente.«

Darina schüttelte Simon Chapmans ausgestreckte Hand. »Ich bin oft in Somerset, und ich habe auch schon in Ihrem Restaurant gegessen. Es war phantastisch.« Sofort wollte er von ihr wissen, wann sie dort gewesen sei und was sie gegessen habe, und dann fachsimpelten die drei eine Weile.

»Habe ich recht gehört«, fragte der Meisterkoch, »dass Sie ein Buch schreiben, Simon?«

»Tja, ich fürchte, ich trage damit meine Schulden ab. Ich habe mich von einem Verleger breitschlagen lassen, nachdem ich Ende letzten Jahres den Preis für das beste Restaurant des Jahres bekommen habe. Und außerdem war ich noch verrückt genug, mir einen Vorschuss geben zu lassen, also nehme ich an, dass ich nun auch die Ware liefern muss. Ich stelle fest, dass es um ein Vielfaches schwieriger ist, Rezepte niederzuschreiben, als sie zu kreieren.«

»Was Sie brauchen, ist die Hilfe eines Experten, das habe ich beim Schreiben meines ersten Buches festgestellt. Ich hatte auch diese Probleme mit der korrekten Auflistung der Zutaten und dem Erklären der Arbeitsmethode, ganz zu schweigen von den Texten über die Rezepte selbst. Warum fragen Sie nicht Darina hier um Rat?« Der Koch ließ diese Bemerkung im Raum stehen, als er sich umdrehte und verschwand, um mit einem anderen Kollegen zu plaudern.

Simon Chapman musterte Darina nachdenklich. »Das klingt wie eine gute Empfehlung. Wie wär’s? Ich biete Ihnen freie Mahlzeiten an. Aber ich will Sie keinesfalls überrumpeln.« Sein Lächeln war schelmisch.

»Ein Essen bei Ihnen ist ein Angebot, dem man kaum widerstehen kann. Aber ich schreibe im Moment selbst an einem Buch, und ich weiß nicht, wieviel Zeit ich die nächsten Monate in Somerset verbringen werde.«

»Dann lade ich Sie aber auf jeden Fall zu einem Essen auf Kosten des Hauses ein«, drängte er. »Und vielleicht geben Sie mir dabei die Chance, Sie umzustimmen.«

Darina lachte und versprach, zu kommen, wenn sie das nächste Mal in Somerset war, und das meinte sie ganz aufrichtig.

»Simon, Liebling! Wir haben gewonnen!« Verity schlang ihre Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf zu sich herunter und gab ihm einen schmatzenden Kuss. »Oh, es ist so wunderbar, ich kann’s gar nicht glauben, und ohne dich hätte ich das nie geschafft.« Sie löste sich aus seiner Umarmung und wandte sich an Darina. »Vielen, vielen Dank, ich bin immer noch so aufgeregt und weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

Ihr schmales Gesicht strahlte vor Freude. Sie hatte ihre weiße Schürze abgelegt, und darunter kam ein geschmeidiger Körper in einem bunten T-Shirt und Caprihosen zum Vorschein. Dass ihre Nase im Vergleich zum Gesicht ein wenig zu groß war, sah man erst auf den zweiten Blick. Vielleicht war es ihre Lebhaftigkeit, das Leuchten ihrer blauen Augen, oder ihre Haare, so voll und hell, die ihr, ungemein raffiniert geschnitten, schräg in die breite Stirn fielen; jedenfalls machte sie den Eindruck einer Schönheit, den sogar die Nase, wenn man sie überhaupt bemerkte, nicht auslöschen konnte.

»Darina verbringt viel Zeit in Somerset, sie wird mir bei meinem Buch helfen.« Simon lächelte das Mädchen an.

»Das wollen Sie tun? Großartig! Kommen Sie, ich stelle Sie meiner Mutter und meiner Schwester vor.«

Verity Fry nahm Darina bei der Hand und zog sie durch das Gedränge von Leuten, die ihr gratulieren wollten, zu ihrer Kochnische, wo die beiden Frauen, die Darina bereits vorher aufgefallen waren, die Küchenutensilien zusammenpackten.

»Mutter, Pru, ich möchte euch Darina Lisle vorstellen. Ihr habt doch sicher schon ihre Kochkolumne im Recorder gelesen, sie ist fabelhaft.«

Die ältere Frau legte ein Sortiment Kochlöffel auf den Boden eines viereckigen Weidenkorbs und wischte sich automatisch die Hand am Rock ab, bevor sie sie Darina hinhielt und sich als Constance Fry vorstellte. Vor der Bekanntgabe der Siegerin hatte ihr markantes Gesicht vor mühsam unterdrückter Spannung so streng wie das einer römischen Statue ausgesehen, aber jetzt glühte es vor Stolz. Sie streckte die Hand aus und strich ihrer Tochter über den Blondschopf. »Ich gratuliere dir, mein Mädchen, du warst großartig.« Ihre Stimme hatte einen warmen, gutturalen Somerset-Klang.

»Und das ist meine Schwester Pru.« Verity wies auf die junge Frau, die schweigend einige Schalen in den Korb packte.

Prus Gesichtszüge waren so markant wie die ihrer Mutter. Mit ihrer olivbraunen Haut und den kurzen, dunklen Haaren wirkte sie ein wenig südländisch. Als sie Darina knapp und ohne Herzlichkeit begrüßte, hörte man auch ihren Vokalen an, dass sie aus Somerset kam, während der Akzent ihrer Schwester eher nach London als nach einer ländlichen Herkunft klang.

Veritys Aufmerksamkeit wurde nun von einem Journalisten in Anspruch genommen, und Darina fand sich allein mit den beiden Frauen. Sie plauderte munter über Veritys Menü, die Rezepte und die hervorragende Qualität der Zutaten. Als sie das Fleisch erwähnte, schaltete sich Pru in das Gespräch ein.

»Verity hat darauf bestanden, dass das Tier exakt einen Monat vor dem Wettbewerb geschlachtet wurde, so dass das Fleisch für heute genau richtig abgehangen war.«

»Sind Sie Viehzüchter?«

»Ja, Lamm, Schweinefleisch und auch Geflügel. Alles aus natürlicher Aufzucht. Frys Farm, etwas außerhalb von Lamington.«

»Warum habe ich denn noch nie etwas von Ihnen gehört? Lamington ist nicht weit von dem Ort entfernt, wo ich gewohnt habe. Ich hätte wissen müssen, dass es in der Nähe Fleisch vom Biobauern gibt.«

»Wir können uns keine Werbung leisten, und außerdem läuft das Geschäft auch so sehr gut. Sie sollten uns mal besuchen kommen.« Pru sah Darina zum ersten Mal direkt an. »Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen gerne die Farm. Sie müssen ja nicht gleich einen Werbeartikel über uns schreiben, aber ein wenig Publicity können wir natürlich immer gebrauchen.«

»Wir werden eine Party geben, um Veritys Erfolg zu feiern«, sagte Constance Fry. »Sie müssen auch kommen. Ich schicke Ihnen eine Einladung.«

Gerührt über so viel Herzlichkeit, reichte ihr Darina eine ihrer Visitenkarten, nachdem sie neben ihrer Somerset-Adresse die in Chelsea notiert hatte. »Schicken Sie sie mir nach London«, bat sie. »Ich bin im Moment meistens hier, aber wenn es sich einrichten lässt, komme ich sehr gerne.«

»Wie schön!« Verity hatte sich wieder zu ihnen gesellt. »Ist das alles nicht schrecklich aufregend? Warum ist Oliver denn noch nicht hier? Er hat versprochen, rechtzeitig zur Preisvergabe da zu sein.« Die vollen Lippen verzogen sich zu einem kleinen Schmollmund, und dann hellte sich ihr Gesicht plötzlich mit der Energie eines ganzen Kraftwerks auf, als ein hochgewachsener Mann auf die Gruppe zukam. »Liebling, ich habe gewonnen, gewonnen, gewonnen!«

Darina sah zu, wie der Mann sie in die Arme nahm, zärtlich küsste und dann vor ihr stehenblieb und mit dem gleichen, ruhigen Stolz wie vorher ihre Mutter ihr gerötetes Gesicht betrachtete.

»Endlich lernen wir mal den großen Oliver Knatchbull kennen. Sie nennt ihn ihren Verlobten«, meinte Pru, während sie die Kräuter und Gewürze von der Arbeitsfläche nahm und in dem prall gefüllten Korb verstaute, durch dessen knarrendes Weidengeflecht sie dann einen Lederriemen zog und über dem Deckel festzurrte. »Sie behauptet, sie wären verlobt, aber ich habe noch nichts von irgendwelchen Heiratsplänen gehört. Anscheinend gibt er sich schon damit zufrieden, dass sie in seinem Penthouse wohnt.«

»Ich bin sicher, dass sie es bald offiziell machen«, warf ihre Mutter ein. »Besonders jetzt, nach diesem Wettbewerb.«

»Naja, ich frage mich nur, wie es unserem Finanzgenie gefallen wird, eine so ehrgeizige Frau zu haben.« In Prus Stimme lag Zynismus und sogar eine Spur von Bitterkeit.

Er war um etliche Jahre älter als Verity und musste mindestens vierzig sein, schätzte Darina, während die Siegerin wie Anfang zwanzig wirkte. Er war die Verkörperung des erfolgreichen Geschäftsmannes, und seine leicht fleischige Kinnpartie sprach vom regelmäßigen Genuss guten Essens, obwohl er das Gewicht seines wohlgeformten Körpers bestens unter Kontrolle zu haben schien. Alles an ihm war von vornehmer Zurückhaltung: seine Kleidung, seine Manschettenknöpfe, sein Haarschnitt und sein Auftreten. Aber sein Lächeln war alles andere als zurückhaltend, als ihm seine Verlobte in allen Einzelheiten von dem Wettbewerb und ihrem Sieg berichtete.

»Und ich glaube, sie bringen über mich heute Abend sogar einen Bericht im Fernsehen!«

»Den ganzen Abend, oder haben wir noch Zeit für unsere Siegesfeier? Ich habe einen Tisch bei Tante Claire reserviert.«

»O Liebling, wie wunderbar. Aber du konntest doch gar nicht wissen, dass ich gewinne. Ich meine, ich war sicher, dass ich es nicht schaffe, alle anderen wirkten viel selbstsicherer und kompetenter.«

Er zerzauste ihr liebevoll das Haar. »Naja, wenn du nicht gewonnen hättest, wäre es ein Trostessen geworden. Aber ich war sicher, dass du es schaffst. Und jetzt müssen wir den nächsten Schritt für deine Karriere planen.«

Im Gegensatz zu dem, was Pru mit ihrer spitzen Bemerkung angedeutet hatte, schien er den Erfolg seiner Verlobten durchaus zu begrüßen, und Darina verspürte einen scharfen Stich vor Neid. Dann aber fragte sie sich, ob ihm wirklich klar war, was der Sieg in diesem Wettbewerb für seine Verlobte bedeuten konnte.

Simon Chapman hatte sich leicht abseits von der Gruppe gehalten. Als er nun auf Darina zukam, hatte er wieder sein breites Grinsen auf den Lippen. »Ich mache mich auf den Heimweg in die Provinz«, sagte er. »Zurück zu den Töpfen, ich habe mir nur einige Stunden freigenommen, um Verity moralische Unterstützung zu geben. Kann ich Sie zufällig nach Somerset mitnehmen?«

Darina lehnte dankend ab und erklärte, dass Somerset nicht auf ihrem derzeitigen Programm stünde. Sie betonte, dass Sie nur versprochen haben, zum Mittagessen zu bleiben. »Aber ich nehme Sie beim Wort und komme demnächst auf Ihre Einladung zum Essen zurück«, fügte sie hinzu, als sie den enttäuschten Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte.

Er zeigte ein rasches Lächeln und verließ den Ballsaal, nachdem er sich an der Tür noch einmal umgedreht hatte, um einen letzten Blick auf Verity zu werfen, die bei ihrer Familie und ihrem Verlobten stand. Oliver Knatchbulls Arm hielt sie dicht an sich gepresst, und er wirkte sehr viel jünger, während er über eine Bemerkung von ihr lachte. Das unbekümmerte Lächeln war plötzlich aus Simons Gesicht verschwunden, und es verdüsterte sich wie eine Landschaft, in der das helle Sonnenlicht von dunklen, bedrohlichen Wolken verdrängt wird. Im nächsten Moment war er gegangen.

Die Einladung zu Verity Frys Feier kam ein paar Tage später, als Darina den Wettbewerb und seine Siegerin schon fast wieder vergessen hatte. Und sie hatte auch nicht mehr an den Besuch in Chapmans Restaurant gedacht.

Sie verbrachte die meiste Zeit damit, einen neuen Innenanstrich für ihr Londoner Haus in Chelsea zu organisieren, dessen Wände von den kurzfristigen Bewohnern arg mitgenommen waren. Die Kinder der amerikanischen Familie besaßen anscheinend die Gabe, die Zerstörungskraft einer kleinen Armee mit den genialen Ausdrucksformen eines Picasso zu kombinieren. Und neben all ihren Einkäufen in Tapeten- und Textilgeschäften und Terminen mit dem Innenarchitekten musste sie noch Artikel für die Kochkolumne schreiben, ihre Korrespondenz erledigen und zahlreiche Telefongespräche führen.

Sie stand im Flur, während die Anstreicher Leitern und Abdeckplanen hereinschleppten, sah ihre Post durch und betrachtete die weiße Einladungskarte. Die Party sollte in zehn Tagen stattfinden, an einem Sonntagmittag. Mit der Karte war ein Prospekt für Frys Fleisch aus biologisch-organischer Viehzucht gekommen, der auf der Vorderseite die Zeichnung eines für Somerset typischen Bauernhauses trug, mit Rindern und Schafen, die unter Obstbäumen grasten. Darina überflog die schwärmerische Beschreibung und blickte sich um.

Das helle Licht des strahlenden Sommertages war den Anstreichern durch die offene Haustür gefolgt und lag nun als goldenes Rechteck auf dem schmutzigen Parkettboden. Staub tanzte in den Sonnenstrahlen, und von der King’s Road drang das gedämpfte Dröhnen des Verkehrs herein. Eine schier endlose Zahl von Farbeimern wurde hereingetragen und in der Halle aufgereiht Die Zimmer dahinter waren für die Renovierung bereits leergeräumt worden.

Darina traf eine rasche Entscheidung, ging in ihr Arbeitszimmer und begann, Papier, einige Nachschlagewerke und den ersten Entwurf für ihr neues Buch einzupacken. Ein paar Stunden später waren diese Utensilien, ein Computer, einige Kleidungsstücke und sie selbst im Auto verstaut, und sie lieferte ihr Haus auf Gedeih und Verderb den Anstreichern aus. Schließlich konnte es von diesen kaum mehr Schaden erleiden als von den Mietern. Sie verdrängte den Gedanken daran, dass sie – im Gegensatz zu den Mietern – die Anstreicher dafür bezahlte.

Sie hatte Stonehenge passiert, die Stelle, an der sie immer spürte, dass nun Südwestengland begann. Was sie jetzt nicht mehr verdrängen konnte, war das Bewusstsein, dass sie ihren Zielort nicht mehr ihr Zuhause nennen konnte, obwohl er es fast achtzehn Monate lang für sie gewesen war. Vor kurzem hatte sie diesen Ort, dieses Haus und diesen Liebhaber verlassen – mit der Absicht, nie wieder zurückzukehren.

Aber William Pigram hatte kurz darauf vor ihrer Tür in Chelsea gestanden und ihr den Schlüssel zugeworfen.

»Halt ihn warm für mich«, hatte er gesagt. »Es würde mir gefallen, dich im Haus zu wissen.« Und daraufhin hatte er sich, ohne die Antwort abzuwarten, auf den Weg zum Flughafen gemacht.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr weiterfahren zu können. Sie bog von der Landstraße ab und fuhr bis zum nächsten Dorf, wo sie vor einem Pub haltmachte. Sie bestellte eine Weißweinschorle und ging damit nach draußen in den kleinen Biergarten.

Die Szene hatte begonnen, nachdem William ihr erzählt hatte, dass er nach New York müsse. Der Kreditkartenfall, an dem er arbeitete, hatte sich als Teil einer weit größeren, amerikanischen Operation entpuppt. Die New Yorker Polizei hatte ihn gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Betrügerring zu zerschlagen. Die Bande war für den Verlust einer solchen Geldmenge verantwortlich, dass das Kreditkartenunternehmen die Kosten für Williams Aufenthalt übernahm. Die Polizei von Avon und Somerset, wo er als Detective Sergeant tätig war, konnte es sich zwar nicht leisten, ihn auf eigene Kosten zu schicken, aber sie stellten ihn für die Ermittlungsarbeiten frei, die von ein paar Wochen bis zu mehreren Monaten dauern konnten. »Komm mit mir«, hatte er gedrängt, »du kannst dein Buch doch überall schreiben. Warum hörst du nicht endlich mit diesen Spielereien auf und heiratest mich?«

»Spielereien?« Sie hatte ihn fassungslos angestarrt. Er stand in der Küche des kleinen Landhauses, spielte mit einem Stück Faden, mit dem sie ein ausgebeintes Hühnchen zusammengenäht hatte, und seine Größe wirkte plötzlich erdrückend in dem kleinen Raum. In seinen Augen lag eine Anziehungskraft, die sich nicht in seiner Stimme ausdrückte. Darina ignorierte sie.

»Spielereien?«, wiederholte sie, und dann noch einmal: »Spielereien?« Und diese unglückliche Formulierung hatte einen Krach ausgelöst, der sich bereits seit einer Weile zusammengebraut hatte.

Er schien weder fähig zu sein, das Ausmaß ihrer Frustration zu begreifen, noch die Ernsthaftigkeit ihrer Ziele anzuerkennen.

Sie hatte darauf bestanden, dass ein Leben als Ehefrau, und damit auch als seine Ehefrau, nicht Teil ihrer Pläne war. Er hatte gemeint, dass das keinen Unterschied machen müsse, und dass sie ihre Karriere doch auch nach ihrer Heirat fortsetzen könne.

»Du meinst, neben meiner Aufgabe, für dich zu sorgen, könnte ich nebenbei leicht ein paar kleine Artikelchen schreiben und mir ein paar nette Rezepte ausdenken. Aber du meinst doch sicher nicht, ich könnte auch Bücher schreiben, die all meine Energie kosten, oder mal eben nach London zu einem Treffen verschwinden, oder im Land herumreisen, um Kochvorführungen zu geben. Du bist ein Erfolgsmensch, in deiner Welt brauchen die Männer immer saubere Hemden im Schrank und ein tadellos aufgeräumtes Haus, und keine Frau, die selbst ein bisschen erfolgreich sein will, wenn man sie lässt.«

Er hatte protestiert, dass er ihr das durchaus zugestehe, aber sie wusste, dass er keine Vorstellung von der Art Gleichberechtigung hatte, die sie in einer Ehe forderte.

»Ich will nicht egoistisch sein«, hatte sie schließlich gesagt, »aber du scheinst nicht zu begreifen, wie wichtig es für mich ist, ich selbst zu bleiben. Ich brauche Raum, um meine eigenen Interessen zu entwickeln, und ich kann dir nicht bloß einfach überallhin folgen.«

Er hatte daraufhin gefragt, ob sie nicht lernen könne, ein bisschen kompromissfähiger zu sein.

»Und was ist mit dir«, war sie aufgebraust. »Wie wär’s, wenn du ein bisschen Kompromissbereitschaft zeigen würdest?«

Aber das tue er doch, hatte er matt erwidert und sich in der unaufgeräumten Küche umgeschaut.

Die unausgesprochene Kritik an ihrer Haushaltsführung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Tatsächlich mochte sie Unordnung ebenso wenig wie er. Solange sie ihren Catering-Service betrieben hatte, war es ihr zumindest gelungen, die Küche in ihrer Wohnung einwandfrei sauber zu halten, aber die derzeitige Häufung verschiedener Termine und Aufträge hatte die verheerende Wirkung, solche Kleinigkeiten wie Putzen und Abstauben an das hinterste Ende ihrer Prioritätenliste zu verweisen. Darina war klar, dass das alles über kurz oder lang in einer Katastrophe enden musste. Ebenso, wie sie wusste, dass man beim Kochen bestimmte Zutaten nie miteinander kombinieren durfte, wusste sie, dass die Art von Ehe, die sich William vorstellte, für sie niemals funktionieren würde.

Dann hatte er – mit Bitterkeit in der Stimme – gesagt, dass sie ihn wohl doch nicht liebte.

»Liebe! Für dich läuft es immer nur darauf hinaus, stimmt’s? Aber was ist mit gegenseitigem Respekt, Verständnis und der Bereitschaft, die Position des anderen zu akzeptieren?«

»Aber das ist doch genau das, was du mir verweigerst!« Er hatte sich von ihr abgewandt und aus dem Fenster in den Garten geblickt. Er sieht aus, war es ihr durch den Kopf gegangen, wie ein kleiner Junge, der versucht, die ungeheuerliche Nachricht zu begreifen, dass sein geliebter Hund gestorben ist. Beinahe wäre sie schwach geworden.

»Kannst du nicht ein wenig über meine Position nachdenken, während du weg bist?«, hatte sie nach ein paar Minuten gefragt. »Und wenn du dann wiederkommst …«

»Nein!«, hatte er heftig erwidert. Als er sich wieder zu ihr umwandte, hatte sein Gesicht plötzlich sehr harte Züge angenommen. »Lass es uns hier und jetzt beenden. Es gibt keine Zukunft mehr für uns, das hast du mir jedenfalls klargemacht. Ich ziehe es vor, ohne irgendwelche Fesseln fortzugehen, und ich denke, das wird auch für dich das Beste sein.«

Typisch, hatte sie später gedacht, wie er es schaffte, eine dermaßen egoistische Aussage mit einem Hauch von Rücksichtnahme auf sie zu dekorieren – so wie man einem trockenen Martini ein wenig Zitronenschale zugibt, die den Drink aromatischer macht, ohne jedoch seine Substanz zu verändern.

Sie war noch am gleichen Tag ausgezogen, dankbar, dass die Mieter ihr Haus in Chelsea gerade geräumt hatten.

Und dann war sein kurzer Abstecher auf dem Weg zum Flughafen und das Angebot gekommen, den Schlüssel zu behalten. Sie wusste, dass er sie damit – fast, wenn auch nicht ganz – gebeten hatte, auf ihn zu warten. Und fast hätte sie gesagt, sie würde da sein, wenn er zurückkommt. Aber nicht ganz. Das war vor einigen Wochen gewesen, und seither hatte sie nichts mehr von ihm gehört.

Jetzt hatte sie die Wahl, in seinem Haus zu wohnen, oder bei ihrer Mutter, die nicht weit von dort entfernt lebte. Aber nachdem sie bereits einmal Ann Lisles endlose Klagen und Vorwürfe wegen der gescheiterten Beziehung zu William über sich hatte ergehen lassen müssen, fiel ihr die Entscheidung nicht schwer.

Darina trank ihre Weinschorle aus, kehrte zum Wagen zurück und setzte die Fahrt fort.

Williams Brief kam ein paar Tage später aus London, nachgeschickt von einer Freundin, die sich bereit erklärt hatte, sich um ihre Post zu kümmern und zu sehen, wie die Anstreicher vorankamen.

Darina lehnte den ungeöffneten Briefumschlag gegen eine Vase mit Flieder, die auf dem mit Papieren bedeckten Küchentisch stand. Während sie ihr Mittagessen aus Schweinekoteletts mit Senfsoße zu sich nahm, ein Proberezept für ihr neues Buch über das Kochen für Zwei, betrachtete sie ihn nachdenklich. Ihre Geschmacksnerven waren auf Autopilot geschaltet, während ihre Gedanken mit dem dünnen Briefumschlag vor ihr beschäftigt waren. Sie hatte dem spontanen Impuls widerstanden, den Brief sofort zu öffnen. Hier war eine eher vorsichtige Herangehensweise angebracht. Warum schrieb er ihr? War es, um ihr zu sagen, dass er sie immer noch liebte, sie vermisste, eine Antwort von ihr wollte?

Und wenn ja, was sollte sie tun?

Er hatte ihr gefehlt. O Gott, wie sehr er ihr gefehlt hatte. Als sie das aufgeräumte Haus betreten und bemerkt hatte, was für eine Putzorgie er veranstaltet haben musste – sie hatte ganz vergessen, dass der Küchenboden diese Farbe hatte –, hatte sie sich gewünscht, er wäre da, sogar um ihn schimpfen zu hören, er habe keine sauberen Socken mehr.

In der Nacht hatte sie allein in dem großen Doppelbett gelegen, das sie miteinander geteilt hatten, und Schmerz, körperlichen Schmerz empfunden vor Sehnsucht nach seiner Berührung. Am Morgen hatte sie sein unmelodisches Summen vermisst, während er sich rasierte und sie sich noch fünf Minuten im Bett gönnte. Am Abend ertappte sie sich dabei, dass sie auf seine Heimkehr wartete, auf den Kuss, den er ihr immer gab, bevor er beiden einen Drink einschenkte und ein paar Anekdoten von seiner Arbeit erzählte, um sich langsam zu entspannen. Sie vermisste seinen Sinn für Humor, seine intelligenten Bemerkungen über das, was in der Welt um sie herum vor sich ging, und sie vermisste ihn.

Auf der anderen Seite – tja, es gab schließlich immer eine andere Seite – hatte sie in Ruhe an ihrem Buch und dem nächsten monatlichen Artikel arbeiten können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was sie William am Abend kochen sollte. Sie konnte einfach essen, wann und was sie wollte. Es gab keine Hemden zu bügeln, und sie konnte den Staub souverän ignorieren. Aber wenn sie ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass nichts von all dem die Leere im Haus und in ihrem Leben aufwiegen konnte.

Jetzt griff sie nach dem Brief, schlitzte ihn auf und zog vorsichtig eine gefaltete Seite heraus.

Einige Minuten später faltete sie das Blatt wieder zusammen, steckte es mit der gleichen Sorgfalt in den Umschlag zurück und stand auf, um sich eine Tasse Kaffee zu kochen.

Es war wohl, dachte sie bei sich, die Tat eines Gentlemans, sie wissen zu lassen, dass er jemand anderen gefunden hatte. Oder glaubte, gefunden zu haben.

Wir fühlen uns sehr wohl miteinander, hatte er geschrieben. Sie hat einen lebhaften Verstand und zeigt mir ein New York, das anders ist als das, was ich durch das Polizeirevier entdeckt habe. Und sie hat mich ihrer Familie in Pennsylvania vorgestellt. Komischerweise hat ihr Vater geschäftlich mit meinem Onkel zu tun gehabt, und ich komme mir bei ihnen vor wie unter Freunden der Familie. Was einem gut tut, wenn man so weit weg von zu Hause ist. Elaine ist Rechtsanwältin, arbeitet sogar manchmal an Kriminalfällen, und so haben wir vieles gemeinsam. Und ich glaube, sie würde dir gefallen. Sie hat mich gefragt, ob ich in England jemanden hätte und wollte meine Bemerkung, dass ich ›ohne Bindung‹ sei, nicht akzeptieren. Wie spitzfindig manche Amerikaner sein können! Also habe ich ihr von dir erzählt, und sie hat vorgeschlagen, dass ich dir schreibe und dich wissen lasse, dass wir uns nähergekommen sind.

»Vielen Dank auch, Elaine«, rief Darina grimmig. »Und wie kommst du, mein lieber William, auf den Gedanken, dass sie mir gefallen würde? Weil du immer gesagt hast, wie sehr du meinen lebhaften Verstand bewunderst? Und auch vielen Dank für deine Hoffnung; dass ich ebenfalls mein Glück finde. Obwohl du das offensichtlich für unwahrscheinlich hältst, so wie ich nun einmal bin, unfähig, meine eigenen Bedürfnisse denen eines anderen Menschen unterzuordnen.«

Sie sprang auf und ging mit ihrer Kaffeetasse in den Garten. Vor der Küchentür lag eine kleine Terrasse, auf der ein Holztisch, eine Bank und einige Stühle standen. Geschützt vor dem beständigen Wind, war dies, solange die Sonne schien, vom Frühjahr bis in den späten Herbst ein warmer Platz.

Darina setzte sich. Und neben ihr saß das Gespenst vergangener Zeiten. Zeiten, in denen sie und William dort allein oder mit Freunden gesessen und gegessen, gelacht, über Gott und die Welt diskutiert und ihre Sorgen vertrieben hatten.

Wie konnte er all das so schnell vergessen? Wie konnte er sich in den kurzen Wochen, die er fort war, in jemand anderen verlieben?

Kurze Wochen? Waren sie ihr nicht vorgekommen wie die längsten ihres Lebens, während sie versucht hatte, die Leere zu füllen, die durch seine Abwesenheit entstanden war?

Also hatte er vielleicht das Gleiche empfunden. Vielleicht hatte er sich deshalb so beeilt, seinem Leben wieder eine neue Bedeutung zu geben.

Langsam zog Darina Williams Brief aus der Küchenschürze und las ihn noch einmal. Und plötzlich sah sie wieder vor sich, wie Oliver Knatchbull seinen Arm um Verity Fry gelegt hatte.

Dann zerknüllte Darina mit einer raschen Bewegung das dünne Luftpostpapier, stopfte es in ihre leere Kaffeetasse und ging zurück in die Küche.

Sie nahm das Telefonbuch und fand die Nummer, die sie suchte.

Simon Chapman selbst meldete sich.

»Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen«, sagte er. »Ich wollte gerade Detektiv spielen und sie aufspüren. Wenn Sie nichts anderes vorhaben, kommen Sie doch heute Abend vorbei. Es sieht nicht so aus, als hätten wir schrecklich viel zu tun, und dann können wir uns nach dem Essen ausgiebig unterhalten.«


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

Mehr zu Darina Lisle:
Band 1: Mord extra scharf
Band 2: Mord gut abgeschmeckt
Band 3: Mord Well Done

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Racing Love – Boxenstop für einen Kuss

Prolog

Freitag, 20. Juli 2012

Dieses Mädchen besaß das schönste Lachen, das er jemals gehört und gesehen hatte. Das glucksende Geräusch, das aus der Tiefe ihrer Seele zu kommen schien, und die Unbeschwertheit, mit der sie den Kopf in den Nacken legte, berührten etwas in seinem Inneren. Er wurde an eine Zeit erinnert, in der er genauso sorglos gewesen war, bevor das Leben kompliziert geworden war.

Außerdem erfüllte es ihn auf gewisse Weise mit Stolz, dieses Lachen durch etwas verursacht zu wissen, was er gesagt hatte.

Die Musikkapelle stimmte das nächste Lied an. Die blechernen Blasinstrumente würden ein weiteres Gespräch in dem riesigen Plastikzelt schwierig machen. Musste er tatsächlich wieder mehrere Minuten warten, bevor er sich weiter mit ihr unterhalten konnte?

Sie deutete auf sein leeres Glas und sah ihn fragend an. Er nickte, woraufhin sie aufstand und zur Bar ging, um Nachschub zu holen. Thimo sah ihr nach. Das grau-rosafarbene Dirndl umschmeichelte ihre Figur. Ihre brünetten Haare waren zu einem Knoten geflochten. Wie es wohl aussehen würde, wenn sie ihr offen über den Rücken flossen?

Thimo spürte die Blicke der Gruppe von Männern in der Nähe. Einer von ihnen wirkte besonders wütend. Ob er mal mit der jungen Frau zusammen gewesen war? Seit ein paar Minuten war sie ganz offensichtlich an Thimo interessiert. Sollten die Kerle also ruhig überlegen, wie er es geschafft hatte, ihnen dieses wundervolle Mädchen vor der Nase wegzuschnappen.

Auf den Heurigenbänken um ihn herum saßen Gäste des Kirchtags unterschiedlichen Alters. Es wurde gelacht und über die Tische hinweg gerufen, um die Musik zu übertönen. Eine Welt, die ihm als waschechtem Wiener völlig fremd war. Doch er war froh, an diesem Freitagabend nicht mit seinem Bruder und ihren Kumpels in die zwielichtige Bar gefahren zu sein. Und noch glücklicher schätzte er sich, weil das wunderschönste Mädchen hier, das mit einem Tablett voller Biergläser bei ihm vorbeigekommen war, ihn mit einem Schwall Bier übergossen hatte.

Sein Shirt klebte an seinem Oberkörper. Der Geruch hatte sich bis in sein Gehirn vorgekämpft. Die Feuchtigkeit ließ ihn trotz der Wärme hier drinnen frösteln. Doch das Missgeschick hatte die hübsche Kellnerin dazu gebracht, zu ihm zurückzukehren und sich einfach neben ihn zu setzen.

Sie kam mit zwei Gläsern gespritztem Almdudler zurück und ließ sich wieder neben ihn fallen.

„Danke dir.“ Er lächelte ihr zu, griff nach einem Glas und prostete ihr zu. „Wie heißt du eigentlich?“, erkundigte er sich nach einem großen Schluck.

„Greta. Und du?“

„Thimo. Sehr erfreut, Greta. Wohnst du hier in Neunbach?“

Sie nickte. „Und du bist wohl nur auf der Durchreise …“

„Mit meinem Bruder und ein paar Freunden, ja. Wir wollen morgen rauf auf den Neunbachpass.“

„Da habt ihr euch aber was vorgenommen. Seid ihr für so einen Anstieg ausgerüstet?“ Das Glas in ihren Händen drehend, sah sie ihn mit einem ernsten Ausdruck in den Augen an.

„Machst du dir etwa Sorgen um mich?“, fragte er grinsend.

„Jedes Jahr gibt es Touristen, die glauben, diese Tour mit Sneakers und Ausrüstung aus dem Discounter durchzustehen. Mein Vater arbeitet bei der Bergrettung. Er setzt sein Leben aufs Spiel, weil diese ahnungslosen …“ Sie stockte und holte tief Luft. „Tut mir leid, ist ja deine Entscheidung.“

„Mein Bruder ist Profisportler. Wir wissen, was wir tun. Keine Sorge. Aber wenn du möchtest, komme ich am Sonntag vor unserer Abreise noch einmal hier vorbei, damit du dich davon überzeugen kannst, dass ich wohlauf bin.“

Endlich kehrte ihr Lächeln zurück. „Nur zu meiner Beruhigung besuchst du mich noch einmal?“

Er nickte. „Klar. Ich kann doch nicht zulassen, dass du Albträume von Unfällen hast, die uns zugestoßen sein könnten.“

„Um sechs Uhr endet das Fest. Wenn ihr es vorher schafft …“

Dass sie den Vorschlag nicht rundheraus ablehnte, schenkte ihm Hoffnung, sie könne ihn ganz nett finden. Mit ihr schien das Flirten viel einfacher als sonst zu sein. Sein Bruder war der Aufreißer in der Familie. Thimo dagegen brachte in der Gegenwart von hübschen Frauen selten einen flotten Spruch über die Lippen.

„Perfekt. Ich werde dafür sorgen“, versprach er.

Sie schien erfreut. „Nur damit ich sicher sein kann, dass ihr okay seid.“

„Ja, klar. Du kannst ruhig zugeben, wenn du mich wiedersehen willst.“

„Ich …“ Ihre Wangen röteten sich.

Wie süß! Hatte er sie etwa sprachlos gemacht? Er gefiel ihr wohl tatsächlich. Er konnte sein Glück kaum fassen. „Bist du hin und wieder in Wien?“

Bedauern zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Ich komme nicht besonders oft dazu. Eine Cousine von mir wohnt dort. Ich besuche sie alle paar Monate. Aber ich habe mehrere Jobs, damit ich mir bald eine Wohnung leisten kann.“

Er hatte ihr quirliges Auftreten gesehen und gedacht, ihr Leben wäre einfach. Sie wirkte dennoch nicht unzufrieden. „Ich könnte dir meine Adresse geben, damit du …“

„Ich finde dich nett, aber ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Wieso nicht? Hast du einen Freund?“

Sie lachte auf. „Nein. Denkst du, sonst würde ich hier mit dir sitzen und flirten?“

„Du flirtest mit mir? Dann bist du ganz offensichtlich genauso schlecht darin wie ich“, zog er sie auf.

Ihre Augen funkelten. „Ist es zu spät, es besser zu machen?“

„Ich habe den Rest des Abends Zeit. Vielleicht üben wir zusammen.“ Er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Eigentlich glaubte er nicht an Liebe auf den ersten Blick. Aber so wie sein Herz gerade schlug …

„Eine tolle Idee. Eigentlich. Aber ich sollte zurück auf meinen Posten.“ Sie deutete rüber zur Getränkeausgabe. Zwei Tabletts warteten darauf, von einer der Kellnerinnen verteilt zu werden.

„Bestimmt hast du das Recht, kurz Pause zu machen.“

„Ich sitze schon eine Weile hier bei dir. Ich sollte den anderen jetzt wirklich wieder helfen.“

„Kommst du später noch einmal vorbei?“

Sie knabberte an ihrer Unterlippe. „Kannst du bis Mitternacht warten?“

„Für dich würde ich mich auch noch länger gedulden.“ Er versuchte sich an einem frechen Grinsen.

„Dann sehen wir uns später.“ Sie legte ihre Hand auf seine Schulter, als sie aufstand. Die Wärme ihrer Finger brannte sich durch den Stoff seines Shirts.

Gott, diese Frau war heiß. Irgendwie musste es ihm gelingen, sie näher kennenzulernen.

Es war ihm egal, wenn er morgen früh nicht aus dem Bett kommen sollte und ihm freche Kommentare von seinen Freunden drohten. Er würde ausharren, bis sie wieder Zeit für ihn hatte.

Die nächsten zwei Stunden beobachtete er, wie sie sich zwischen den Tischen hin und her bewegte, wie sie mit den Menschen plauderte und lachte. Immer, wenn sie zufällig in seine Richtung sah, machte sein Herz einen Hüpfer.

Nur einmal verlor sie ihre Fröhlichkeit. Sie unterhielt sich mit einem Mann, der während des Gesprächs am Band ihrer Schürze zog. Ihre Schleife befand sich links, was dieser Kerl als Aufforderung zu verstehen schien, sie belästigen zu dürfen. Nach einem finsteren Blick wandte sie sich einfach um und ging davon.

Als sie kurze Zeit später endlich an Thimos Tisch zurückkehrte, erkundigte er sich nach dem Vorfall. Zuerst wiegelte sie ab, bevor sie schließlich doch von den mehrdeutigen Angeboten des Mannes berichtete.

„Und zum Schluss sagt der Frechdachs, wenn ich mich auf seinen Schoß setzen würde, bekäme ich extra viel Trinkgeld“, schloss sie mit einem Lachen.

Ärger wallte in ihm hoch. „Wie unverschämt. Ich gehe gleich rüber zu ihm und werde ihm mal …“

Greta legte eine Hand auf seinen Unterarm. Sie kannten sich erst seit ein paar Stunden, aber es fühlte sich richtig an, dass sie ihm so nahe kam. „Schon okay. Das war noch einer der harmloseren Kommentare, die ich heute Abend gehört habe.“

„Männer sind Schweine“, sagte Thimo.

„Manchmal“, antwortete sie. „Aber ich bin froh, einem netten Kerl gegenüberzusitzen.“

„Du hast das Recht, mit Respekt behandelt zu werden. Es gibt nur Typen, die das gerne vergessen.“

„Vielleicht sind wir Frauen zum Teil selbst schuld. Schließlich können wir unsere Finger nicht von den bösen Jungs lassen. Wir sollten uns nicht wundern, wenn sie sich uns gegenüber manchmal grob verhalten.“

Er wusste nur zu genau, wovon sie sprach. Sein Bruder war einer dieser schlimmen Jungs. Marc war der Meinung, Frauen seien nur zu seinem Vergnügen auf dieser Welt. Er nahm sich, was er wollte und verschwand danach einfach wieder. Und dennoch waren die Frauen von seiner raubeinigen Art hin und weg.

Thimo hingegen wurde neben seinem Bruder kaum bemerkt. Dabei würde er sich selbst als einen der Guten bezeichnen. Der richtigen Frau würde er niemals einen Grund geben, an seiner Liebe zu zweifeln. Die richtige Frau …

„Ich bin ein Netter“, stellte er klar und suchte Gretas Blick. „Brav, aber nicht langweilig. Die ideale Mischung.“

„Soso. Vielleicht auch noch statistisch bewiesen? Hast du dafür extra Daten zusammengetragen?“

Er nickte und bemühte sich um eine ernste Miene. „Ich habe unzählige Frauen befragt. Deine Meinung werde ich auch auswerten. Das geht allerdings erst nach einem richtigen Date.“

„Solange will ich nicht warten.“

„Aber …“

Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. Ihre Lippen berührten seine mit sanftem Druck. Dann lehnte sie sich wieder zurück, um ihm in die Augen zu schauen.

Perplex starrte er sie an. Der Kuss hatte ihn überrumpelt. Er war zu schnell vorbeigewesen. Gerade deshalb hatte Thimo noch nicht genug. Er legte ihr die Hände ums Gesicht, doch sie stand auf.

„Nicht hier.“ Sie zog ihn hoch.

Er hatte die Menschen vergessen, die mit ihnen im Zelt saßen. Sein Gesicht wurde heiß. Perplex stolperte er hinter ihr her.

„Ich habe unsere letzten Getränke noch nicht bezahlt“, erinnerte er sie.

„Darum kümmere ich mich morgen bei der Nachbesprechung. Jetzt komm mit.“

Sie verließen das Zelt und liefen dann ein paar Meter die Straße entlang, bis der Lärm nicht mehr zu ihnen drang. Im Schatten einer Wand blieb sie schließlich stehen. Links und rechts von der Straße parkten Autos, doch im Augenblick waren sie alleine. Das Licht der Straßenlaternen erfasste sie nicht, weshalb er hoffte, dass sie eine Zeit lang ungestört blieben.

Er drängte sie rückwärts, bis sie gegen die Mauer stieß, legte seine Hände um ihr Gesicht und knabberte an ihrer Unterlippe. Seine Zunge bahnte sich den Weg zwischen ihre Lippen. Sein Körper jubilierte, als sie den Mund leicht öffnete. Er genoss es, wie sie leise stöhnte, als ihre Zungen sich berührten, wie sie sich an ihn presste, um ihm noch näher zu sein.

Als ihre Hände über seinen Oberkörper strichen und alles in ihm darauf drängte, sie aus diesem verführerischen Dirndl zu bekommen, machte er einen Schritt zurück. Immer schön langsam. Er war schließlich ein Gentleman.

„Sag, dass du mich in Wien besuchen wirst. Vielleicht kannst du nächstes Wochenende kommen. Neunbach ist nur zwei Stunden von Wien entfernt. Wir könnten einen Tag zusammen verbringen, und ich zeige dir die Stadt. Wenn du magst, kann ich mich auch ins Auto setzen und herkommen.“

„Wir werden sehen.“ Sie zog seinen Kopf zu sich, um ihn zu küssen.

Seine Hände verselbstständigten sich und fuhren von ihrer Taille hoch. Knapp unter ihren Brüsten hielt er inne. Der Ausschnitt der Dirndlbluse hatte ihn bereits zuvor in Versuchung geführt. Er konnte das schnelle Klopfen ihres Herzens spüren, als er einen Arm hob und mit den Knöcheln über die zarte, entblößte Haut strich. Ihr Kuss wurde stürmischer.

„Warte, Greta“, bat er außer Atem, legte seine Wange an ihre. „Vielleicht sollten wir das nicht überhasten …“

Sie lachte. „Gott, bist du süß. Es ist in Ordnung. Ich will dich. Du scheinst mich auch zu wollen … oder täusche ich mich?“

Er starrte sie an und schüttelte den Kopf. Sollte sie wirklich vorschlagen, dass sie beide …? Ging das nicht zu schnell? Normalerweise führte er Frauen mehrmals aus, begnügte sich mit einem Gute-Nacht-Kuss zum Abschied, nahm sich Zeit, sein Gegenüber näher kennenzulernen. Bisher hatte er Zeit gebraucht, um eine Verbindung zu seinem Gegenüber aufzubauen. Aber Greta hatte ihn vom ersten Augenblick an in ihren Bann gezogen.

„Natürlich“, antwortete er schließlich. „Aber bist du dir wirklich sicher?“

Mit einem frechen Grinsen nickte sie. „Ich glaube, dass das zwischen uns nichts Fixes werden kann. Eine Fernbeziehung ist nicht mein Ding. Trotzdem fühle ich mich zu dir hingezogen. Warum also nicht ein wenig unbeschwert sein?“

„Warum sollten wir nicht zusammen sein, wenn wir uns mögen? Die Entfernung stellt kein echtes Problem dar. Ich kann dich besuchen. Und wenn wir merken, dass es nicht reicht, uns in unregelmäßigen Abständen zu sehen, könnte einer von uns umziehen. Lass uns doch einfach sehen, was passiert.“

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Körper presste sich immer noch an ihn. „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Ich bin zwanzig, versuche mir gerade den Traum von einem eigenen Laden zu verwirklichen. Keine Ahnung, wohin mich der Wind treibt. Erst mal kann ich dir lediglich diese eine Nacht anbieten.“

Er wollte widersprechen, ihr sagen, dass es ihm nicht reichte, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte, dass sie die Richtige sein könnte. Stattdessen beugte er sich vor und küsste sie, versuchte ihr seine Gefühle mit einer sanften Berührung seiner Lippen mitzuteilen.

Greta vertiefte den Kuss viel zu schnell. Das Begehren ließ ihn seine Gegenargumente vergessen. Schließlich sah sie keuchend zu ihm auf. Ihre Pupillen geweitet, die Wangen gerötet.

„Wir haben nur ein wenig Spaß, okay? Keine Komplikationen, keine Ansprüche.“ Forschend betrachtete sie sein Gesicht.

Er nickte. Wenn es das war, was sie wollte, sollte sie es bekommen. Erst mal.

Sie küsste ihn neuerlich, drückte sich noch enger an ihn. „Dann lass uns von hier verschwinden“, murmelte sie atemlos an seinen Lippen.

„Ich wohne in einem Hotel hier ganz in der Nähe“, bot er schnell an.

„Wir sollen zu dir? Bedeutet das nicht schon mehr Komplikationen als es sollte?“

„Das ist in Ordnung für mich … Verdammt! Meine Freunde könnten schon zurück in unserem gemeinsamen Zimmer sein.“ Gott sei Dank hatte er rechtzeitig daran gedacht.

Ihre Hand schob sich an seinem Rücken hinunter. Sie kniff ihn in den Po. „Zu schade. Was dann? Rückbank deines Autos?“

Sein Gehirn funktionierte offensichtlich nicht mehr so tadellos, wie es sollte. Es fiel ihm schwer, vernünftige Argumente zu finden, wenn das Blut in seinem Körper mit etwas anderem beschäftigt war. „Nein, ich bin zu Fuß hergekommen.“

„Du kannst nicht mit zu mir. Meine Familie hört, wenn ich nach Hause komme.“

Vielleicht wollte ihnen das Schicksal einen Wink geben. Möglicherweise sollten sie der Anziehungskraft zwischen sich eine Chance geben und sich mit ihrem spontan geplanten Vorhaben noch etwas Zeit lassen.

„Unter Umständen ist das …“, begann er.

„Ich habe eine Idee!“, unterbrach sie ihn und zog ihn mit sich. „Du nimmst einfach ein zweites Zimmer in dem Hotel.“

Er hatte keine Ahnung, weshalb er ihr nicht Einhalt gebot oder wieso er nicht in der Lage war, ihr zu widersprechen. Sie hatte irgendetwas an sich, das ihn willenlos machte. Vermutlich war ihr Zauber ihm direkt ins Gehirn gekrochen. Anders konnte er sich nicht erklären, warum er kurz darauf an der Rezeption stand und um ein Zimmer bat, das im Erdgeschoss lag.

Es war nur eines mit einfacher Ausstattung verfügbar, aber das spielte für ihn keine Rolle. Die neugierigen Blicke des Rezeptionisten ignorierte er.

Sobald er das Zimmer gefunden hatte, öffnete er die Terrassentür und lauschte in den Garten. Die Geräusche des Festes drangen zu ihm, doch es schien sich sonst niemand in der Nähe zu befinden. In der Nacht zuvor war Vollmond gewesen, weshalb er draußen keine Details erkennen konnte. Ob es Greta gelungen war, sich auf das Grundstück des Hotels zu schleichen?

In einem Busch ganz in der Nähe raschelte es. Er hielt den Atem an und trat nah an das Geländer.

„Greta?“, flüsterte er.

Ein leiser Fluch war zu hören. Das Rascheln verstärkte sich. Dann drängte sich Greta durch die Zweige des Busches.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt.

„Ja, klar. Ich habe bloß vergessen, dass dieses Dirndl sich nicht für Abenteuer eignet.“

Sie grinste übermütig, als er ihr über das Geländer half. Ihre Augen blitzten. Ihre Wangen hatten sich gerötet. Sie schien diese Heimlichkeit von ganzem Herzen zu genießen.

In diesem Moment eroberte sie einen Teil von ihm. Sie war eine lebenslustige, herzliche, selbstbewusste junge Frau. Er hoffte, dass das Schicksal ihr niemals Steine in den Weg legte, um ihren Geist zu brechen. Er würde sie niemals bremsen. Er wünschte, sie ließe zu, dass er sie in Zukunft vor den dunklen Seiten des Lebens beschützte.

Sie schlang ihm die Arme um den Hals. „Wo waren wir stehengeblieben?“, fragte sie.

Dann küsste sie ihn und drängte ihn ins Zimmer zurück. Er wurde von ihrer stürmischen Eile förmlich überrollt. Jeder Gedanke an die Zukunft wurde von Verlangen ausgelöscht.


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Racing_love_2_klein

Als Teenager startete Bettina Kiraly mit Gedichten und kurzen Fragmenten von Geschichten. Zehn Jahre dauerte ihr erster Roman von der Idee zur Vollendung. Nun feiert sie demnächst ihr zehnjähriges Jubiläum als veröffentlichte Autorin und bald ihre dreißigste Veröffentlichung.

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Band 1: Poleposition für die Liebe

Geheimnis der Götter – Feuer der Rebellion

Prolog

Am Anfang steht die Entscheidung, am Ende bleibt das Chaos. Die Mitte untersteht Regeln, denn weder im Krieg noch in der Liebe ist alles erlaubt.

Eine Gänsehaut zog sich über ihren Nacken, während die kalte Hand des Gottes über ihre Wange strich und sich zwei Finger auf ihre Schläfe legten.

Sie fürchtete sich nicht. Es war eher … Unsicherheit, die sie verspürte. Sie wusste nicht, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. „Wird es wehtun?“, fragte sie, als der Gott ihren Kopf in den Nacken drückte.

„Fürchtest du dich vor Schmerz?“

„Nein“, sagte sie ruhig. Und es war die Wahrheit. Körperlicher Schmerz hatte ihr nie Angst eingejagt. „Ich würde nur gerne auf alles vorbereitet sein.“

Das leise Lachen des Gottes war angenehm. Es hörte sich wie das eines Menschen an, fand sie. „Du wirst es kaum spüren. Schließe die Augen.“

Sie folgte seiner Anweisung, doch das, was er sagte, stimmte nicht.

Sie spürte es – gleichwohl es nicht wehtat. Es war, als würde eine kühle Hand sie berühren, nur dass sie die Berührung nicht auf ihrer Haut spürte, sondern in ihrem Geist.

„Lass mich ein.“

Und das tat sie. Bild um Bild floss in ihren Geist, vermischte sich mit ihren eigenen Erinnerungen, verdrängte sie, umspielte sie, schluckte sie hinunter und spuckte sie wieder aus. Sie konnte es alles vor ihrem inneren Auge sehen.

Und dann war da noch etwas anderes.

Eine Präsenz. Nein, ein Licht.

Es war nicht ihr Licht. Es gehörte nicht zu ihr, es dürfte eigentlich gar nicht hier sein, aber dennoch …

Sie griff danach, zog es zu sich herüber, umschloss es mit ihrem Geist – und ließ es nicht mehr los.


Kapitel 1

Es sei ein Zeitraum von tausend Jahren vorgegeben.

Sie blickte auf sich hinab. Ihr langes schwarzes Haar lag um ihr Gesicht gefächert auf dem grauen Stein, und sanft strich sie sich eine Strähne aus der Stirn, bevor sie sich hinabbeugte und ihre Stirn küsste.

Ihr Herz tat weh, lag schwer in ihrer Brust, und schien sie auf den Boden der Lichtung hinunterzuziehen. Doch für Zweifel hatte sie jetzt keine Zeit. Sie hatte einen Auftrag. Sie bückte sich, nahm Erde in ihre Hände und strich sie über die rote Stoffhose, die eng an den Beinen ihrer bewegungslosen Gestalt anlag. Es musste aussehen, als habe sie gekämpft.

Als nächstes streckte sie die Hand aus, eine große, schwielige Hand, die nicht ihre war, nicht ihre sein konnte … und dennoch war sie es, die die Bewegung ausführte. Es war absurd. Sie betrachtete ihr bewusstloses Ich! Sah sich auf dem steinernen Altar liegen. Ihre Finger strichen über ihre eigenen, nahmen den Dolch von ihrem Gürtel und ersetzten ihn mit einem hölzernen, billigen Modell.

Sie lachte leise. Es war ein tiefes Lachen und nicht ihr eigenes. Salia wird wütend sein, wenn sie ohne ihren Dolch aufwacht. Sie …

Nym riss ihre Hand nach oben und starrte schwer atmend in das Gesicht des ihr gegenübersitzenden Mannes.

Es war seine Erinnerung gewesen. Nicht ihre. Das wusste sie mit der gleichen Gewissheit, mit der ihr jetzt klar war, dass Jeki Tujan ihr Verlobter war. Dass er sie liebte. Dass er ihr nie etwas angetan hätte … dass sie wirklich, wirklich verwirrt war.

Alles war falsch. Alles, was sie in den letzten Wochen über sich zu wissen geglaubt hatte, war falsch.

Diese Erkenntnis schien auf ihren Schultern zu lasten, schwer gegen ihre Schläfen zu pochen und ihr Herz gegen ihren Kehlkopf zu drücken.

Wie konnte es sein, dass sie das Gefühl hatte, sich selbst nicht zu kennen?

„Salia, alles in Ordnung?“

Jeki runzelte die Stirn, und besorgt wanderte sein Blick über ihre Züge, bevor er zu seinem Unterarm zurückglitt, an dem sie ihn berührt hatte.

Nym stieß einen dumpfen Ton aus, den sie selbst nicht ganz einem Lachen oder einem leicht hysterischen Schluchzer zuordnen konnte.

Ob alles in Ordnung war?

Nein, bei den verdammten Göttern! Nichts war in Ordnung.

„Du wolltest mich nie töten“, stellte sie blinzelnd fest und zog ihre Hände so weit wie möglich zurück in ihren Schoß. „Du bist mein Verlobter. Du liebst mich. Ich … habe die Göttliche Garde nie verraten. Ich wurde nicht verstoßen.“

Ihr Kopf begann sich zu drehen. Und mit jedem Satz, den sie wiederholt laut aussprach, formten ihre Worte eine neue Realität. Da waren Emotionen, die sie überfluteten, Erinnerungen, die sie nicht zuordnen konnte, von denen sie nicht wusste, ob es ihre eigenen waren, Gerüche, Berührungen, Stimmen … ihr wurde schwindelig.

„Salia …“

Er sollte aufhören, sie so zu nennen! Sie war nicht Salia, wusste nicht, wie sie Salia sein konnte … sie war Nym! Sie hatte doch gerade erst angefangen, sich mit dem Gedanken zu arrangieren, dass sie Nym war. Sie wollte diese neugewonnen Sicherheit nicht wieder verlieren!

Unruhig drängte sie sich mit dem Rücken gegen den Bettkopf. Sie starrte auf ihre Hände, die sich zu Fäusten ballten, wieder flach auf ihre Knie legten, zu Fäusten ballten …

Sie hasste die Götter … oder?

Sie hasste die Göttliche Garde … oder?

Levis Gesicht blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Liri und Vea. Filia, die vor der Garde hatte fliehen müssen. Ro. Und dann … dann war da Jeki.

Jeki, der sie anstarrte, als sei er jahrelang durch die Wüste gelaufen und sie ein Glas Wasser. Jeki Tujan, der geduldig darauf wartete, dass sie wieder sprach. Dessen Liebe, die sie in seinen eigenen Erinnerungen gesehen und gespürt hatte, auf ihrer Haut zu brennen schien. Die so greifbar war, dass ihre Brust schmerzte.

Aber es war seine Liebe, die sie spürte. Nicht ihre eigene. Sie wusste, dass er ihr Verlobter war, konnte sich daran erinnern, aber dann … dann hörte die Erinnerung auch schon auf. Oder war sie es selbst, die ihre Erinnerung an dem Punkt abbrechen ließ?

Denn wenn alles zurückkam … was würde dann mit ihr passieren?

„Ich verstehe das nicht“, murmelte sie und schloss die Augen. „Ich …“

Doch sie belog sich selbst. Sie verstand. Brauchte weder Jekis Erinnerungen noch ihre eigenen, um zu verstehen.

„Du bist kurz davor, durchzudrehen, oder?“

Nym lachte heiser und blickte auf. „Ich habe mich noch nicht ganz entschieden.“

Jeki hob einen Mundwinkel, und dieses halbe Lächeln war ihr so vertraut, dass es sich anfühlte, als würde eine kalte Faust in ihre Magengegend gestoßen. Sie wandte den Blick hab und ließ ihn durch den Raum schweifen, aus dem Fenster, wo sie den Götterdom erkennen konnte. Wieder blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Wieder folgte eine Emotion der nächsten – und ließ sie verwirrt zurück. Sie verlor den Überblick, wusste nicht mehr, welches Gefühl, welche Erinnerung zu wem gehörte und welchem Bild sie trauen konnte.

Es war, als würde ihr Geist nach allem greifen, was sie sah, und es mit Assoziationen in ihrem Kopf verknüpfen. Da waren Worte, Unterhaltungsfetzen, Gelächter, Hände, Gesichter.

Sie presste die Fäuste auf ihre Augenlider und wiegte sich vor und zurück. Die Bilder verschwammen und ein pochender Schmerz dehnte sich über ihre Kopfhaut aus.

Was passierte mit ihr?

Wieso fühlte es sich so an, als wäre sie nicht mehr in ihrem eigenen Kopf?

„Salia? Was ist los?“ Eine Hand berührte sie sanft an der Schulter, und sie zuckte zusammen.

Sie lachte. „Hattest du wirklich Angst, dass ich Nein sage, Jeki?“

„Na ja, nein, aber …“

Sie verdrehte die Augen. „Natürlich heirate ich dich, du Pfosten! Solange deine Mutter nicht im selben Haus wohnt … dafür sind die Wände leider nicht dick genug.“

Das Bild verschwand, wurde von einem neuen überdeckt.

Sie drehte eine Münze in ihren Händen und lächelte. Alles entwickelte sich nach ihren Wünschen. Sie konnte es kaum erwarten, den Gesichtsausdruck der anderen zu sehen …

„Du siehst sehr selbstzufrieden aus, mein Lieber.“

Sie blickte auf. Valeras Augen blitzten spöttisch, doch das kümmerte sie nicht. „Oh, das bin ich. Das bin ich.“ Ihre Finger glitten über die rauen Einbände der Bücher, die in einem Regal zu ihrer Rechten standen. „Sie ist der Schlüssel.“

„Du urteilst zu schnell.“

Ihr Lächeln wurde breiter. „Ich tue nichts dergleichen.“

Sie riss ihre Augen auf und ihr Kopf prallte hart gegen das Holzgestell hinter ihr.

„Salia, was ist los?“ Jekis Stimme war unruhig und sein Blick mehr als nur besorgt.

„Ich …“

Doch sie wusste es nicht. Sie presste beide Hände über ihre Ohren und versuchte ihre Atmung zu regulieren. Es war ihr Kopf. Sie hatte die Macht über ihn. Niemand anderes!

Sie ließ ihre Hände sinken, schloss sie zu Fäusten und zwang sich zur Ruhe. Die Bilder ebbten ab, und nichts als ein fahler bitterer Geschmack in ihrem Mund blieb zurück, doch ihr Herz pochte weiterhin hastig in ihrer Brust.

„Erzähl mir etwas“, murmelte sie und schloss die Augen. „Etwas über mich. Etwas, das … zu mir gehört.“

Sie brauchte etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Von dem sie sicher sein konnte, dass es die Wahrheit war. Dass es ihre Wahrheit war. Jeki würde sie nicht anlügen.

Eine Weile herrschte Stille, und sie glaubte schon, dass Jeki nicht antworten würde, als er murmelte: „Du kannst nicht schwimmen. Du hasst es, dass du nicht schwimmen kannst, aber hast zu große Angst, es zu lernen. Natürlich würdest du nie zugeben, dass du Angst hast, weswegen du mir verboten hast, es irgendwem zu sagen.“

Sie nickte und ihr Puls verlangsamte sich. Ja, das wusste sie. Daran erinnerte sie sich.

„Du bist die beste Kämpferin der Göttlichen Garde – und das ist dir vollauf bewusst. Dennoch tust du bescheiden und erklärst jedem, dass es eine Menge anderer, begabter Soldaten gäbe.“

Ihre Mundwinkel zuckten und eine beruhigende Wärme legte sich über ihre Haut. „Ich bin insgesamt der beste Kämpfer“, murmelte sie. „Mit Ausnahme vielleicht von dir.“

Sie hörte Jeki leise lachen und der raue Ton kroch unter ihre Haut, flüsterte ihr liebliche Dinge zu.

„Du bist selbstsicher, in allem, was nicht deine Familie betrifft. Du bist stolz, loyal, du magst kein Gemüse, das unter der Erde wächst – du behauptest, du würdest den Dreck schmecken. Du bist die mutigste Frau, die ich kenne … und alles, was du tust, tust du mit deiner gesamten Energie. Ach ja, und du erzählst gerne Lügen über die Göttliche Garde, um zu sehen, welche Gerüchte sich durchsetzen.“

Aus dem letzten Satz hörte sie sein Lächeln heraus und auch ihre Mundwinkel zogen sich erneut nach oben.

Ja, auch das wusste sie.

Die Bilder in ihrem Kopf waren nun vollkommen zum Erliegen gekommen und der Schmerz nur noch ein leises Stechen in ihrem Hinterkopf.

Sie öffnete die Augen und blickte in Jekis. „Danke“, flüsterte sie. „Ich …“

„Jeki! Mach die Tür auf!“

Nym zuckte zusammen.

„Jeki! Ich weiß, dass du mich hören kannst.“

Ein konsequentes Hämmern auf Holz und eine Stimme drangen durch das offene Fenster zu ihnen herauf.

„Jeki!“

Fluchend schüttelte Jeki den Kopf. „Ignorier ihn.“

„Jeki, es ist wichtig!“, brüllte die Stimme erneut.

Arcal. Das ist Arcals Stimme. Arcal ist Jekis bester Freund, schoss es Nym durch den Kopf.

„Es geht um Janon!“

Jekis Gesicht verhärtete sich und er stand vom Bett auf, um zum Fenster hinüberzuschlendern.

„Arcal“, sagte er ruhig, den Kopf durch den Rahmen gesteckt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne reflektierten sich auf seiner goldenen Rüstung und warfen gelbe Muster auf die weiße Zimmerdecke. „Wenn du nicht einen grausamen Tod sterben willst, dann …“

„Janon wurde festgenommen, Jeki.“ Arcals Stimme war nun leiser, doch Nym hatte keine Probleme damit, ihn zu verstehen.

„Janon wird fast jede Woche festgenommen, Arcal. Ich bin beschäftigt und ich …“

Doch erneut unterbrach Arcal ihn. „Jeki. Diesmal ist es anders. Er steckt in echten Schwierigkeiten.“

Nym sah, wie sich Jekis Rücken versteifte, dann fluchte er, bevor er ruckartig seinen Kopf zurück ins Zimmer zog.

Sein Blick traf ihren und er sah auf einmal so erschöpft aus, dass Nym den Drang verspürte, seine gerunzelte Stirn mit ihrer Hand glattzustreichen. Zuneigung durchflutete sie … und sie hatte keine Ahnung, was sie mit diesen Gefühlen anfangen sollte.

„Ist in Ordnung“, murmelte sie. „Dein Bruder hat Vorrang.“

Überrascht flogen Jekis Augenbrauen in die Höhe. „Du weißt, dass er mein Bruder ist?“

Sie nickte und nachdenklich drehte sie ihren Kopf, um noch einmal einen Blick auf den gelben Teller zu werfen, der über dem Bett hing. „Ja. Ich weiß, dass er dein Bruder ist. Also … geh. Ich werde, denke ich, nicht weglaufen.“

Sie hatte die letzten Wochen über Informationen gewollt und die würde sie nur hier bekommen. Sie würde nicht gehen, ehe sie wusste, wer sie war – ehe sie sich entschieden hatte, wer sie sein wollte.

Jeki sah sie lange an, als versuche er, ihre Gedanken zu lesen. Doch er schien keinen Erfolg damit zu haben.

„Ich möchte nicht gehen“, stellte er schließlich leise fest. „Ich … habe dich doch gerade erst wiederbekommen.“

„Ich bleibe hier, Jeki.“ Für Jetzt.

Er nickte ein letztes Mal und verschwand im nächsten Moment aus der Tür.

Nyms Herz zog sich zusammen und sie lauschte dem Holz, das mit einem dumpfen Schlag zurück in den Rahmen fiel.

Er liebte sie.

Wie hatte sie das vergessen können? Wie hatte sie den besten Teil ihres alten Lebens vergessen können? Wie hatte sie vergessen können, dass sie geliebt worden war?

Sie stand vom Bett auf und schlenderte zum Fenster. Sie sah zwei Männer in goldener Rüstung in Richtung des Turmes gehen, und als sie ihren Kopf nach unten neigte, konnte sie zwei Wachen erkennen, die mit den Händen auf ihren Schwertknäufen vor der Eingangstür standen.

Die Garde vertraute ihr also nicht.

Gut. Denn das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Sie tastete mit ihren Händen ihre Seiten und ihren Gürtel ab. Ihr war wieder einmal der Dolch abgenommen worden. Dennoch war sie nicht beunruhigt. Die Wachen könnte sie mit zwei Handgriffen töten.

Wieder schweiften ihre Gedanken zu all dem, was Jeki ihr erzählt hatte, und zu dem, was sie sich selbst zusammengereimt hatte.

„Es … ist kompliziert. Ich sollte dir das nicht erklären. Api wird das tun wollen.“

Sie lief zurück zum Bett und ließ sich erneut auf die weiche Matratze nieder. Sie war unglaublich müde, und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie Angst.

Sie konnte nicht ganz benennen, wovor sie Angst hatte. Vielleicht vor dem, was sie zu wissen glaubte, und vor der Person, zu der es sie machte.

Sie schluckte und konzentrierte sich eine Weile nur auf ihren ruhigen Atem. Nym war keine dieser Frauen, die andauernd Trost brauchten. Sie benötigte die Arme eines Mannes nicht, um sich sicher und verstanden zu fühlen. Aber jetzt gerade? In dem Moment, als sie ihre Arme um die Beine legte, die Wange auf ihre Knie presste und versuchte, ihren Kopf zu leeren … da hätte sie nichts gegen eine Umarmung gehabt.

Eine Umarmung von Levi.

Sie lachte bitter auf und rieb sich mit der flachen Hand übers Gesicht.

Sie steckte in großen, großen Schwierigkeiten.


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Geheimnis der Götter
Band 1: Funke des Erwachens
Band 2: Flammen der Befreiung

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