Racing Love – Auf der Zielgeraden ins Glück

Kapitel 1

Samstag, 14. Oktober 2017

„Wenn du mich noch einmal in so eine peinliche Situation bringst, leg` ich dich übers Knie und versohle dir den Hintern.“ Marc zischte das Versprechen über seine Schulter der jungen Frau zu, die hinter ihm in Deckung gegangen war. Für den Ärger, den sie verursacht hatte, hätte sie noch Schlimmeres verdient.

„Oh, damit forderst du mich nur heraus.“ Sie schmiegte ihre Kurven an seinen Rücken und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich bin ein böses Mädchen gewesen. Willst du mich bestrafen?“

Er wurde von ihrer Nähe peinlicherweise aus dem Konzept gebracht. Trotzdem bekam er genug mit, um den Angriff zu bemerken. Einer der drei Kerle stürmte auf ihn zu. Marcs gezielter Kinnhaken schickte ihn zu Boden, wo er gleich lallend liegen blieb. Die beiden anderen Betrunkenen, die er daran gehindert hatte, Elaisa zu belästigen, wichen vor Marc zurück. Anscheinend war ihnen klar, dass sie in ihrem Zustand keine Chance gegen ihn hatten.

„Schlimm genug, dass ihr euch betrunken vor einer Frau danebenbenehmt“, schimpfte Marc. „Aber euch gleich zu dritt auf sie zu stürzen, sodass sie keine Chance hat, vor euch zu flüchten? Schämt euch!“

Die drei Männer wirkten nicht schuldbewusst. Anscheinend waren sie immer noch der Meinung, Elaisa wäre auf der Suche nach Abenteuer gewesen. Vermutlich dachten sie, die junge Frau hätte es darauf angelegt. Marc fragte sich ebenfalls, was sie in dieser heruntergekommenen Sportsbar zu suchen hatte. In ihrem knappen Outfit zog sie jede Menge Aufmerksamkeit auf sich.

„Wie kräftig du bist! Da werde ich ganz schwach“, murmelte Elaisa in sein Ohr.

Er unterdrückte ein Seufzen und wandte sich halb zu ihr um. „Nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Lenke ich dich etwa ab?“

„Ich stehe nicht auf billige Betthäschen. Du machst es mir zu leicht.“

Nun, das stimmte zumindest in den letzten Wochen nicht mehr. Unnötigerweise hatte Marc Greta damals versprochen, sich von anderen Frauen fernzuhalten. Doch davor wäre er bestimmt auf dieses Spielchen eingestiegen. Er hätte ihre Situation für sein Vergnügen schamlos ausgenutzt. Jetzt allerdings fragte er sich lediglich, wie er ihr rasch helfen konnte. Ganz offensichtlich wurde er langsam weich. Er schüttelte sie ab.

„Aber sonst ist noch alles intakt in deinem Hinterstübchen?“, fragte Elaisa und stemmte die Hände in die Hüften. Dass sie sich in dem engen Fetzen, der sich nicht Kleid nennen durfte, überhaupt bewegen konnte, war ein Wunder. Ihre braunen Augen blitzten und sie warf ihre lange, dunkelbraune Mähne mit einer wütenden Kopfbewegung nach hinten. Kaum war sie gerettet, fand sie zu ihrer Kratzbürstigkeit zurück. „Jemandem wie mir bist du gar nicht gewachsen.“

„Ich nehme es gerne mit dir auf“, verkündete der Kerl, der die junge Frau zusammen mit seinen beiden Freunden belästigt hatte.

„Habt ihr immer noch nicht genug?“, blaffte Marc die beiden Männer an.

Die Kerle wirkten, als wollten sie sich mit Marc anlegen. Der Mann, den Marc auf die Bretter geschickt hatte, kam taumelnd auf die Füße, sodass seine Freunde ihn stützen mussten. Ihre Augen funkelten angriffslustig. Die Hände hatten sie zu Fäusten geballt. Doch dann glitt ein überraschter Ausdruck über das Gesicht des einen Typen. Ganz offensichtlich hatte er Marc erkannt.

Verdammt! Marc beschloss, sich aus dem Staub zu machen, als sein Gegner in seiner Hosentasche nach seinem Handy fischte. Hastig zog Marc sich sein Basecap tiefer ins Gesicht. Er hasste es, wenn Bilder von ihm im Internet auftauchten. Zumindest wenn er in den dazugehörigen Berichten nicht gut wegkam. Vielleicht hatte er Glück und er war im Dämmerlicht der Bar nicht zu erkennen.

„Du musst dich entscheiden. Auf der Stelle!“, befahl Marc in Elaisas Richtung. „Entweder du verschwindest jetzt gleich mit mir oder du setzt dich alleine mit den betrunkenen Kerlen auseinander. Ich bin in drei Sekunden hier raus.“

„Die Gesellschaft in diesem Laden ist nicht nach meinem Geschmack“, erklärte sie und hängte sich bei ihm unter. Elaisas Stimme klang überheblich. Die Angst war fast nicht herauszuhören. Taffes Mädchen.

„Schönen Abend noch, Jungs.“ Mit wehmütigem Seufzen sah Marc zu dem halbleeren Glas Bier, das er am Tresen zurückgelassen hatte. Die Frau daneben, die kurz davor gewesen war, sich von ihm abschleppen zu lassen, wirkte nicht, als hielte sie ihn für einen Helden. Vielleicht störte sie die Art und Weise, in der Elaisa sich enger an seine Seite schmiegte.

Wäre dieser unausstehliche Wildfang nicht zufälligerweise die Tochter seines Chefs, hätte er sie jetzt einfach stehen lassen. Hatte er nicht bereits genug gelitten, als einer dieser verdammten Betrunkenen seinen ersten und einzigen Treffer an Marcs Kinn gelandet hatte? Wenigstens hatte Marc sein Gesicht wahren können, als er den anderen ein paar Sekunden später auf den Boden geschickt hatte.

„Bist du traurig, deine Freundin zurücklassen zu müssen, oder warum kannst du dich nicht von dem Laden trennen?“, fragte Elaisa. Sie grinste schadenfroh.

„Ich habe nur gerade überlegt, welchem der beiden Kerle ich dich überlasse.“ Er wandte sich ab und trat mit ihr im Schlepptau ins Freie. „Wo musst du hin?“

„Dorthin, wo du auch hingehst. Ich will nicht riskieren, dass die Kerle mich erwischen.“

„Dann lass uns die Straße runtergehen. Mal sehen, ob wir eine Bar finden. Meine schlechte Laune verlangt nach einem neuen Bier.“

Er lief einfach weiter. Als Elaisa ihm auf ihren hohen Schuhen nachtrippelte und sich schließlich bei ihm unterhängte, hob er eine Augenbraue.

Sie bemerkte seinen Blick. „Anders krieg` ich dich bestimmt nicht dazu, langsamer zu marschieren.“

Aus einem ersten Impuls heraus wollte er sich losreißen, doch dann drosselte er sein Tempo.

„Warum hast du dich mit den Typen angelegt?“

„Ich?!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Die waren der Meinung, sie hätten eine Chance bei mir. Ich habe sie nicht aufgefordert, sich wie Höhlenmenschen auf die Brust zu trommeln, um zu zeigen, wie männlich sie sind. Die haben sich dämlich benommen.“

„Du solltest besser auf dich aufpassen. Das hätte ganz schön ins Auge gehen können.“

Sie streichelte mit der freien Hand über seinen Oberarm und schmiegte sich enger an ihn.

„Du hast mich doch gerettet. Was soll mir da schon passieren?“

„Dieses Mal war ich zufällig anwesend. Aber wenn du ständig in diesem Aufzug vor Fremden mit deinem Hintern wackelst, kann das auch mal schiefgehen.“

„Vielleicht schlage ich meinem Daddy vor, er soll dich zu meinem Bodyguard ernennen“, überlegte sie mit einem Lachen.

Diesen Vorschlag fand er gar nicht witzig. „Ich habe Besseres zu tun. Dein Vater bezahlt mich dafür, Rennen für sein Team zu gewinnen, falls dir das nicht klar sein sollte.“

„Na, dann wundert es mich, dass du noch nicht pleite bist.“

Sie ließ ihn los und lief weiter neben ihm her.

Ganz schön frech für jemanden, der ohne ihn immer noch von drei betrunkenen Männern belästigt werden würde. Oder Schlimmeres. Er beschloss, ihren beleidigenden Kommentar zu ignorieren.

„Ich meine es ernst. Wenn du Party machen willst, gibt es bessere, sicherere Orte.“

„Langweiligere. Benutz die richtigen Vokabeln.“ Sie schnaubte. „Diese Predigt muss ich mir sonst von meinem Vater anhören. Sie lässt dich furchtbar alt erscheinen. Dabei hattest du genau genommen genauso wenig in dieser Bar zu suchen wie ich. Warst du auf Ärger aus?“

Das kam der Sache ganz schön gefährlich nahe. Hätte er nicht zufällig die Frau an der Bar kennengelernt, wäre eine Prügelei genau das gewesen, was er gebraucht hätte.

„Darf ein Mann auf der Suche nach weiblicher Gesellschaft nicht machen, was er will?“

„Dann stimmt es wohl, dass du nicht mehr mit deiner Freundin zusammen bist.“

„Ich hatte keine Freundin“, blaffte er.

„Scheint dir zu schaffen zu machen, dass dein Bruder nicht so lange gezögert hat, sich Greta zu schnappen.“

Abrupt blieb er stehen. „Woher weißt du das?“

„Man tratscht über diese Sache und mir bleibt sowas natürlich nicht verborgen. Hast du vergessen, dass ich die Tochter des Teamchefs bin?“ Ihre Stimme klang amüsiert. Ob es ihr gefiel, ihn getroffen zu haben?

Er fixierte dieses seltsame Blau-Braun ihrer Augen, versuchte darin zu lesen. Aber aufgrund der vielen Schminke konnte er nicht mit Sicherheit sagen, was sie wirklich dachte. Bestimmt sah sie auch ohne diese Maskerade gut aus. Ob sie Kontaktlinsen trug, um diesen ständigen Wechsel ihrer Pupillen von Blau zu Braun zu erzielen?

„Das werde ich nie vergessen“, erklärte er schließlich. „Glaub mir.“

„Dann kannst du mir auch gleich verraten, was wirklich los ist. Ich erfahre es ohnehin als eine der Ersten.“

Als sie sich wieder bei ihm einhängte, wollte er seinen Arm wegziehen. Doch dann ging er einfach weiter. Sie konnte nichts für seine Frustration. Sie war ihm lediglich zum falschen Zeitpunkt über den Weg gelaufen. Vielleicht war sie sogar recht nett, wenn man sie erst näher kennenlernte. Aber er würde ihr gegenüber nie unbefangen sein. Er durfte mit ihr nicht offen reden. Schließlich war nicht abzuschätzen, was sie alles an ihren Vater weitertrug.

„Bist du eifersüchtig auf Greta und Thimo?“, stocherte sie weiter.

„Nein! So ein Blödsinn.“

„Warum hast du dann alles daran gesetzt, um ihn aus dem Team zu kicken? Von außen hat es nicht den Anschein, als würde diese Dreierkonstellation funktionieren.“

Konnte sie nicht einfach die Klappe halten? Sie hatte kein Recht, ihn gerade jetzt auf die Fehler hinzuweisen, die er gemacht hatte. Das alles war ärgerlich genug.

„Es geht dich nichts an“, blaffte er.

„Wenn mein Vater sich Sorgen macht, dann hat das auch Auswirkungen auf mich. Ich möchte bloß wissen, ob er in nächster Zeit durchgehend schlechte Laune haben und noch eindringlicher fordern wird, dass ich mich benehme.“

„Ich werde diese Sache schon zu deiner Zufriedenheit regeln“, stellte er klar. „Schließlich hat es höchste Priorität für mich, dass die verzogene Tochter meines Bosses von meinen Problemen nicht beeinflusst wird.“

„Probleme also? Habe ich es doch geahnt, dass ich auf eine Familientragödie gestoßen bin.“

So konnte man es auch ausdrücken. Zumindest hatte er es dazu gemacht. Er wusste, dass er sich irgendwann für sein Benehmen in den letzten Wochen entschuldigen musste. Vielleicht benahm er sich oft wie ein Idiot. Gerne spielte er den harten Kerl. Aber er war kein Trottel. Er bemerkte, wenn er zu weit ging. Und für sein Verhalten Greta gegenüber schämte er sich. Thimo hingegen … Sein Bruder hatte ihn tief verletzt. Irgendwann würde Marc ihm erklären müssen, was in ihm vorgegangen war, als er von der gemeinsamen Nacht von Greta und Thimo erfahren hatte und warum ihm diese Tatsache so zu schaffen machte.

Seit sein Versuch, Greta und Thimo auseinanderzubringen, gescheitert war, hielt er sich von den beiden fern. Eine Erklärung für sein Verhalten wollte nicht über seine Lippen kommen. Er wusste, dass es auf Dauer nicht reichen würde, ihnen nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen und – wenn das doch einmal nicht gelang – sich auf belangloses Geplauder zu beschränken. Irgendwann mussten sie lernen, wieder normal miteinander umzugehen. Und dazu war es notwendig, dass er endlich ganz ehrlich zu Thimo war.

Aber das weckte Erinnerungen an Geschehnisse, die er tief in seinem Inneren weggesperrt hatte. Wie Luftblasen stiegen sie aus dem schwarzen Morast, in dem er sie vergraben hatte. Wenn sie aufplatzten, gaben sie die darin eingeschlossenen Gefühle frei. Der Anflug von Hass, Schmach und Trauer ließ ihn die Zähne zusammenbeißen. Die Spannung in seinem Körper nahm ein Ausmaß an, das all diese Emotionen gleichzeitig freisetzen wollte. Ließe er das zu, würde er sich in diesem dunklen Chaos verlieren. Er wäre zu Dingen fähig, die andere verletzen würden. Nicht nur seelisch. Er würde zu einem wütenden, gefährlichen Racheengel.

Jeder Atemzug fiel ihm schwer. In seinen Ohren rauschte es. Übelkeit verknotete seinen Magen. Er konzentrierte sich auf seine Schritte, das Gefühl von Elaisas Körper an seiner Seite, die Geräusche der vorbeifahrenden Autos. Sein Blick suchte einen Gegenstand, an dem er sich festhalten konnte.

Er fixierte eine Straßenlaterne ein Stück weiter und sog tief Luft in seine Lungen. Langsam ließ die Anspannung in seinem Inneren nach.

„Marc? Hörst du mich?“

Noch einmal tief einatmen, dann drehte er den Kopf Elaisa zu. Sie beobachtete ihn mit neugierigem Gesichtsausdruck.

„Klar“, brummte er.

„Ich hab` dich dreimal ansprechen müssen. Und dein Körper stand scheinbar unter Strom. Ist alles in Ordnung?“

„Lass mich in Ruhe“, blaffte er.

„Keine Gespräche über deine Ex. Ich habe verstanden. Trotzdem stimmt doch etwas nicht mit dir. Das gerade war doch kein Hirnschlag oder sowas Ähnliches?“, fragte sie. Klang sie tatsächlich besorgt?

„Hast du eigentlich irgendetwas zu tun, wenn du dich nicht in das Leben fremder Menschen einmischst? Nach den Bildern von dir in der Klatschpresse zu urteilen, scheinst du dich ziemlich zu langweilen. Nichts Ordentliches gelernt, was?“

Sein Versuch, sie zu provozieren, prallte ohne Wirkung an ihr ab. Sie zuckte bloß mit den Schultern.

„Wozu arbeiten, wenn ich von Papa alles kriege, was ich brauche? Und It-Girl wird man auch nicht von heute auf morgen.“

Mit diesen neumodischen Begriffen verschwendete sie bei ihm bloß ihren Atem. Er mochte Menschen mit festen Zielen, die hart dafür arbeiteten. An ihr entdeckte er keinerlei Zielstrebigkeit. Spielte sie das nur vor oder war sie tatsächlich so oberflächlich?

„Es ist kalt“, meinte sie aus dem Nichts.

„Wir haben schon Herbst. Dafür sind die Temperaturen passabel.“

Die Bäume verloren ihre Blätter. Die Vögel hatten sich wohl schon in den Süden verzogen. Doch hier in der Stadt merkte man wenig von den Vorboten des Winters.

„Mir ist kalt“, erklärte Elaisa erneut.

Daher wehte der Wind. „Das tut mir leid.“

„Mir ist sehr kalt.“

Er unterdrückte ein Grinsen. Glaubte sie, er würde für sie den Gentleman spielen, ohne dass sie ihn vernünftig darum bat?

„Dann hättest du wohl mehr anziehen sollen.“

„Jetzt gib mir endlich deine Jacke.“ Sie stampfte mit einem Fuß auf. Was dank ihrer High Heels eher amüsant statt dramatisch wirkte.

„Hast du schon mal von dem Wörtchen Bitte gehört? Es soll angeblich nicht wehtun, wenn man es anwendet.“ Lachend schlüpfte er aus der dünnen Jacke, mit der er außer Haus gegangen war. Gott sei Dank trug er darunter ein langärmeliges Hemd und einen Pullover.

Als er ihr die Jacke hochhielt und sie sie sich umlegen ließ, bemerkte er endlich, dass sie tatsächlich zitterte. Sie mochte nicht sonderlich höflich sein. Dafür war er nicht besonders aufmerksam.

„Zieh sie wenigstens vernünftig an, damit du sie schließen kannst“, forderte er, als die Jacke lediglich ihre Schultern bedeckte.

„Wie das aussieht!“ Sie runzelte die Stirn. „Wenn mich jemand so fotografiert …“

Genervt verdrehte er die Augen. „Entweder trägst du sie richtig oder ich hol sie mir wieder zurück.“

Sie brummte Unverständliches und schlüpfte in die Ärmel. Dann schloss sie den Reißverschluss.

„Zufrieden?“

Es war besser, wenn er jetzt nicht lachen würde, egal wie klein und unförmig sie in seiner Jacke aussah. Diese verrückte Frau war in der Lage, lieber zu erfrieren, als eine Sekunde lang einen süßen Eindruck zu hinterlassen. „Sehr. Aber jetzt musst du dich wieder bei mir einhängen, wenn wir weitergehen. Jetzt ist nämlich mir kalt.“

Mit einem tiefen Seufzen trat sie neben ihn und schmiegte sich an ihn. „Es ist schon spät.“

Noch nicht. Er wollte noch nicht alleine mit seinen Gedanken sein. Sich Wortgefechte mit ihr zu liefern, war besser als in die Dunkelheit seiner Seele zu tauchen.

„Was wolltest du wirklich in dieser Bar?“, erkundigte er sich beim Weiterschlendern. „Den Mann fürs Leben findest du an so einem Ort bestimmt nicht. Und was sollen die vielen Schichten Kleister im Gesicht? Hast du Angst, man könnte ohne deine Maskerade zu schnell deinen Charakter durchschauen?“

„Das nenne ich doch mal originellen Sarkasmus.“ Sie hob eine Augenbraue. „Willst du so die Frauen abschrecken, die ohnehin außerhalb deiner Liga spielen? Fühlt es sich besser an, sie vor den Kopf zu stoßen, bevor sie selbst draufkommen?“

„So ist es einfacher für dich. Glaub mir, Schätzchen. Nach einer Nacht mit mir würdest du die High Society-Bürschchen links liegen lassen, die du üblicherweise abschleppst. Aber dieser Mann hier ist nicht zu zähmen.“

Statt die Wahrheit in seinen Augen zu lesen, über seine Weitsicht zu staunen, ihm dankbar zu sein oder zumindest über seine Worte nachzudenken, brach sie in Gelächter aus. „Ich mag deine große Klappe. Der Rest kann mir allerdings gestohlen bleiben.“

„Du hast dich dort drinnen an mich rangeschmissen, nicht umgekehrt“, erinnerte er sie. Dass er dazu überhaupt gezwungen war!

„Ich habe gehofft, die Kerle würden uns eher in Ruhe lassen, wenn sie denken, ich hätte mein Date für die Nacht schon gefunden. Bestimmt bin ich jetzt allerdings auch alleine sicher.“

Sie winkte einem Taxi, das sofort mit quietschenden Reifen an den Bürgersteig fuhr und dabei ein entgegenkommendes Auto schnitt.

„Danke, dass du mir die Typen vom Hals geschafft hast. Vielleicht kann ich mich ja irgendwann mal bei dir revanchieren.“

„Wieso sollte das notwendig sein?“ Perplex sah er zu, wie der Taxifahrer ausstieg, um den Wagen herumlief und ihr die Tür aufhielt. Elegant glitt sie auf die Rückbank.

Trotz der Kürze des Kleides gelang es ihr, ihren Po bedeckt zu halten. Nicht, dass er groß darauf geachtet hätte.

„Schönen Abend, Süßer.“

Sie zwinkerte ihm zu, als er den Blick heben musste, um ihr ins Gesicht zu sehen. Der Taxifahrer schlug die Tür zu und eilte um den Wagen herum. Eine Sekunde lang war ihr lächelndes Gesicht dank der Innenbeleuchtung des Wagens zu erkennen. Dann fuhr das Taxi auch schon an und verschwand in der Dunkelheit.

„Von wegen schöner Abend“, murmelte er. Das hätte es vielleicht werden können, wenn Elaisa die andere Frau nicht verjagt hätte. Jetzt stand er alleine mitten auf der Straße und musste überlegen, wo er Ablenkung herbekam.

Er sah die Straße entlang. Zurück zu der Bar zu gehen, war nicht möglich. Die Frau, die er kennengelernt hatte, wartete bestimmt nicht mehr auf ihn. Für eine neue Eroberung war es ziemlich spät. Und den betrunkenen Typen wollte er ebenfalls nicht über den Weg laufen. Während des Gesprächs mit Elaisa war er einfach geradeaus weitergelaufen. Er kannte sich hier nicht gut genug aus. In der nächsten Straße konnte sich eine Bar befinden. Oder er irrte noch stundenlang orientierungslos durch die Gegend.

Ihn fröstelte. Seine Jacke, verdammt! Elaisa hatte sie einfach behalten. Er kniff die Augen zusammen und sah in die Richtung, in der sie verschwunden war, obwohl ihm klar war, dass er sie nicht zurückrufen konnte.

Dann gab es wohl nur eine Lösung: Er würde sich auf den Weg nach Hause machen. Alleine, obwohl er es anders geplant hatte. Ein wenig Ruhe würde ihm nicht schaden. Der Tag war lang genug gewesen. Und am Montag musste er ein Gespräch führen, auf das er sich nicht sonderlich freute. Besser, er hatte seine Geduld dann unter Kontrolle.


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Als Teenager startete Bettina Kiraly mit Gedichten und kurzen Fragmenten von Geschichten. Zehn Jahre dauerte ihr erster Roman von der Idee zur Vollendung. Nun feiert sie demnächst ihr zehnjähriges Jubiläum als veröffentlichte Autorin und bald ihre dreißigste Veröffentlichung.

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Band 1: Poleposition für die Liebe
Band 2: Boxenstopp für einen Kuss

Hot Neighbors

Kapitel 1

Freitagnachmittag

Fünfzehn Uhr und ich sitze allein zu Hause. Wie hat es nur so weit kommen können?

Seufzend trete ich ans Fenster und schaue in die Ferne. Von Weitem kann ich einen Teil des Riesenrads im Prater sehen. Trotz der Schwüle sind einige Wiener auf der Straße unterwegs. Die wissen den Feierabend zu genießen. Sie zu beobachten, frustriert mich.

Ich wünschte, ich hätte jemanden an meiner Seite, einen Freund, einen Partner, jemanden, der sich Gedanken um mich macht. Klar kann ich dafür sorgen, dass ich im Bett nichts vermissen muss. Schließlich braucht es keine Liebe, um Spaß mit einem Mann zu haben. Aber noch bin ich über die Sache mit Sven nicht hinweg. Sonst hätte ich schon die ein oder andere Idee, wie ich mich ablenken könnte. Der neue Nachbar, auf den ich heute einen Blick habe werfen dürfen, wäre eine Möglichkeit. Immer wieder muss ich an ihn denken. Die Fantasie, was dieser starke Mann mit mir anstellen dürfte, lässt mein Herz rasen. Bei der Hitze sollte ich das schnell abstellen.

Aus der Küche hole ich mir ein Glas Wasser und den Apfelstrudel, den ich mittags in der Bäckerei gekauft habe. Damit mache ich es mir jetzt auf der Couch bequem. Im Fernsehen läuft ein Wissensquiz. Ich habe den Ton abgestellt, weil ich die nervige Stimme des Moderators nicht ertrage.

Vielleicht hätte ich doch die Mädels auf dieser Tour ins Salzburger Land begleiten sollen. Maren und Tina haben schon seit Tagen von nichts anderem geredet. Aber hinter mir liegt eine anstrengende Woche. Jetzt in der Ferienzeit ist am Flughafen so verdammt viel los. Die Langstreckenflüge erlauben mir als Stewardess, fremde Länder zu bereisen, in die ich sonst nie kommen würde. Zeit für ein Privatleben bleibt mir allerdings nicht viel.

Dabei gäbe es noch einiges zu organisieren. An der Wand meines Wohnzimmers stapeln sich bereits die Umzugskartons. Dekoartikel, die ich etwas voreilig gekauft habe, verstellen mir den direkten Weg vom Esstisch zur Couch. Bin ich froh, wenn dieses Chaos beseitigt ist!

Ab Montag kann ich in meine neue Wohnung. Ich muss die Wände neu streichen, im Schlafzimmer einen Teppich verlegen lassen, den Einbau der Küche kontrollieren. Die meisten Möbel nehme ich mit, weshalb ich einen Freund gebeten habe, mir seinen SUV zu borgen. Die Kleiderkästen müssen hier abgebaut und drüben wieder aufgestellt werden, bevor ich meine Sachen wieder einräumen kann. Für all das habe ich mir extra die kommende Woche freigenommen. Das nächste Wochenende will ich schon in der neuen Wohnung verbringen.

Ich schaufle den Apfelstrudel in mich rein. Die Liste von Dingen, die mich erwarten, stresst mich. Und wenn ich gestresst bin, esse ich. Gott sei Dank habe ich mir bei meinem Job gute Nerven antrainiert, aber dieser Umzug liegt mir im Magen. Und dazu ist es auch noch unerträglich heiß. Ich trage bloß ein dünnes Hemdchen, und trotzdem läuft Schweiß meinen Rücken hinunter. Sven hat sein Versprechen, die Klimaanlage zu reparieren, nicht gehalten. Jetzt muss ich es allein ausbaden. Noch ein Punkt auf Svens Minusliste.

Hätte er mich nicht verlassen, könnte ich diese tolle Wohnung genießen, ohne ständig trübselig zu werden, wenn mich etwas an ihn erinnert. Ich muss hier weg, um nicht mehr an ihn denken zu müssen und wieder neu anfangen zu können. Nur wegen Sven fühle ich mich in meinen eigenen vier Wänden einsam. Er trägt überhaupt Schuld an vielen Dingen, die gerade in meinem Leben schieflaufen. Wegen unserer Trennung bin ich unkonzentrierter und leichter reizbar. Ich habe mir eine Rüge eingefangen, als ich einem aufdringlichen Fluggast mit harscheren Worten als notwendig klargemacht habe, dass sein Flirten unangebracht ist. Davor hätte ich einen Flug beinahe verpasst, weil ich verschlafen habe.

Es ist höchste Eisenbahn, dass ich die Kurve kriege. Sollte ich meinen Job verlieren, würde ich bald auf der Straße landen. Und sowas steht mir gar nicht.

Vielleicht nehme ich die Einladung des Piloten an, der mich schon seit Ewigkeiten um ein Date bittet. Als ich noch vergeben war, hat mich diese Hartnäckigkeit amüsiert. Aber möglicherweise wäre ein Verehrer, der ehrlich an mir interessiert ist, im Augenblick genau das Richtige für mich.

Auf dem Gang höre ich Stimmen. Ein Mann und eine Frau. Sie halten direkt bei meiner Tür an. Mit viel Schlüssel klimpern und lautem Lachen der Frau wird die Wohnung gegenüber geöffnet. Na, wenigstens mein neuer Nachbar scheint Spaß zu haben.

Dass der sich überhaupt schon traut, Besuch zu empfangen! Heute Vormittag habe ich beobachtet, wie er aus einem riesigen Umzugswagen unzählige Kisten und Möbel geschleppt hat. Wegen des Umzugswagens habe ich stechende Eifersucht empfunden. Für die Menge an Zeug ist er aus meiner Sicht allerdings zu bemitleiden. Er kann seine Wohnung unmöglich jetzt schon präsentabel hergerichtet haben. Ob seiner Begleitung das egal ist? Vielleicht wäre ich auch nicht sonderlich anspruchsvoll, wenn ich bei einem attraktiven Kerl wie ihm landen könnte.

Er entspricht genau meinem Beuteschema: schulterlanges hellbraunes Haar, muskulöse tätowierte Oberarme, stechende blaue Augen. Ein optischer Leckerbissen. Heute Morgen habe ich überlegt, wie schade es ist, dass ich bald wegziehe und deshalb keine nähere Bekanntschaft mit ihm schließen kann. Eine kurze Affäre wäre auch in meinem Sinn. Doch es scheint, als hätte er eine Freundin. Tja, Pech gehabt.

Ob seine Brust behaart ist? Trotz des engen Muskelshirts habe ich das aufgrund der Entfernung nicht erkennen können. Ich liebe bei meinen Kerlen Haare auf der Brust, solange es nicht überhandnimmt.

Die Beine in den kurzen Hosen waren stark gebräunt. Ein Sportler möglicherweise. Ich kann ihn mir nicht in einem Büro vorstellen.

In den Umzugskartons habe ich Bücher entdeckt. Gehören die seiner Freundin? Ich würde gern glauben, dass Lesen zu seinen Hobbys zählt. Nichts ist mehr sexy als ein muskulöser Kerl mit Herz und Hirn.

Vergiss das Herz, mahne ich mich. Das brauchst du schon gar nicht. Sein Hirn kann von Vorteil sein, wenn es darum geht, auf die Bedürfnisse einer Frau Rücksicht zu nehmen. Notfalls reicht aber auch der durchtrainierte Körper. Einer, der sich hart an mich presst.

Meine Brustwarzen beginnen zu kribbeln. Ich lasse meine Hand von meinem Bauch zu meinen Brüsten wandern, streiche mit dem Daumen leicht über eine Spitze, die sich sofort verhärtet. Wenn mir diesen Dienst doch bloß jemand anders erweisen würde!

Mit geschlossenen Augen stelle mir meinen neuen Nachbarn vor. Sein Blick ist begierig, als er sich zu mir beugt. Seine Lippen schließen sich über dem Stoff, unter dem sich meine Brustwarzen abzeichnen. Ja, das würde mir gefallen.

Hastig streife ich mir das Hemdchen über den Kopf. In meiner Fantasie drängt er mich zurück, bis ich liege. Seinen Mund direkt auf meiner Haut zu spüren, macht mich total an. Er saugt an meinen Brustspitzen, lässt seine Zungenspitze damit spielen. Begehrlich, wenig zaghaft. Der Kerl weiß, was er will.

Während er seine Zärtlichkeiten unterbricht und langsam sein Muskelshirt hochschiebt, werde ich meinen Slip los. Meine Augen heften sich auf die Haut, die er freilegt; der Stoff offenbart straffe Bauchmuskeln. Dann kommt eine behaarte Brust zum Vorschein, ganz wie ich sie mir vorgestellt habe.

Mein heißer Nachbar beugt sich wieder über mich und küsst mich auf den Hals. Seine Hände umfassen meine Brüste, liebkosen sie, bevor er neuerlich mit der Zunge über die harten Knöpfe streicht. Gleichzeitig legt er sich zu mir auf die Couch.

Sein Gewicht auf mir fühlt sich perfekt an. Sein Körper ist so schwer und so hart.

In der Stille der Wohnung kommt ein lautes Stöhnen über meine Lippen.

Er schiebt eine Hand zwischen meine Beine. Es handelt sich lediglich um eine federleichte Berührung, doch ich spüre die Explosion meiner Nervenenden bis in mein Innerstes. Seine Finger schweben über meiner Haut; ein neckisches, sanftes Werben.

Auf meiner Brust spüre ich seine freie Hand. Er massiert meinen Busen mit festem Griff, zieht an meinen Brustwarzen, dreht sie zwischen Daumen und Zeigefinger, sodass sich der süße Schmerz in Wellen in meinem Körper fortpflanzt.

Frustriert wimmere ich, weil die Berührung meines heißen Nachbarn an meiner intimsten Stelle im Gegensatz zu dem kräftigen Zwirbeln viel zu sanft ist. Gott, ich liebe dieses Necken. Einige Sekunden lang genieße ich die unterschiedlichen Liebkosungen, doch dann reicht es nicht mehr. Meine Mitte pocht sehnsüchtig. Ich packe seine Hand und presse sie fest an mich.

Der Mann auf mir lacht leise und bewegt einen Finger. Mit der Fingerkuppe dringt er dabei in mich ein.

Wieder stöhne ich laut, hebe ihm mein Becken entgegen, damit ich mehr von ihm spüre. Als Antwort zieht er sich zurück und kreist mit dem Daumen über meiner Klitoris. Die Muskeln in meinem Becken spannen sich an.

Die Reibung nimmt an Intensität zu. Während er mich weiter neckt, lässt er immer wieder seine Fingerspitze in mich gleiten. Ich will ihn ganz fühlen. Mein Herz pocht schnell, mein Atem kommt stoßweise und jede Faser meines Körpers ist angespannt und sehnt sich nach Erfüllung. Doch er lässt sich Zeit, um mich an die Grenze des Erträglichen zu bringen.

Bestimmt ahnt er, wie sehr ich mich nach ihm verzehre. Ich bin mir sicher, er kann erkennen, wie verrückt er mich macht.

„Jetzt“, bettle ich schließlich. Es scheint, als hätte der Raum sich unnatürlich aufgeheizt. Meine Haut glüht und Schweißtropfen perlen auf meiner Stirn. Ich bin seltsam fiebrig. „Jetzt!“

Zwei seiner Finger schieben sich endlich ganz in mich. Das Gefühl ist unwahrscheinlich intensiv. Mein Mund öffnet sich zu einem lautlosen Schrei. Er stößt zu, reibt sich dabei zusätzlich an meiner empfindlichsten Stelle und um das Vergnügen perfekt zu machen, beugt er den Kopf und saugt an meiner Brustwarze.

Alle Muskeln meines Körpers verkrampfen sich und überraschend schnell halte ich den Atem an. Ich bin ein gespannter Bogen, der darauf wartet, sämtliche Energie abzugeben. Ein paar weitere Bewegungen der Hand in und an mir, ein sanfter Biss in meine Brust und die Spannung entlädt sich in einem Feuerwerk meiner Sinne.

Mein Körper versucht ihn mit zuckenden Kontraktionen festzuhalten. Hinter meinen geschlossenen Augen leuchten Lichtblitze auf, Wärme breitet sich von meinem Magen aus, kühlt sich aber viel zu schnell wieder ab. Mir ist gleichzeitig heiß und kalt. Ich zittere, habe ein leises Surren im Ohr und ringe nach Luft. Schwindel erfasst mich, als die Couch sich unter mir dreht. Fast befürchte ich, die Besinnung zu verlieren.

Meine Finger umfassen immer noch meine Brust und meine Scham, als ich wieder zu mir komme. Mein Mund ist ausgetrocknet, sodass ich krampfhaft schlucke. Ich fröstle, obwohl das Zimmer sich nicht abgekühlt hat. So intensiv habe ich schon lange keinen Orgasmus mehr erlebt.

Grinsend öffne ich die Augen. Das Bild meines heißen Nachbarn verfolgt mich immer noch. Doch jetzt ist mein Begehren gestillt. Ich muss nicht mehr befürchten zu sabbern, wenn mir der nächste attraktive Mann über den Weg läuft. Und das Beste? Trotz kaputter Klimaanlage ist es mir gelungen, mich etwas abzukühlen.

Dieser Zustand wird leider nicht lange andauern.


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Bettina Kiraly – Hot Neighbors

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Als Teenager startete Bettina Kiraly mit Gedichten und kurzen Fragmenten von Geschichten. Zehn Jahre dauerte ihr erster Roman von der Idee zur Vollendung. Nun feiert sie demnächst ihr zehnjähriges Jubiläum als veröffentlichte Autorin und bald ihre dreißigste Veröffentlichung.

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Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte für die Zukunft

Kapitel 1: Eine Reise in die Highlands

Meine Finger zitterten, als ich den Stift zurück auf den schmalen Tisch unter dem kleinen Fenster legte. Ich hatte soeben einen Brief an meine Mutter begonnen, in dem ich ihr von meinen Abenteuern der Hinreise berichten wollte. Aber es war schwieriger als erwartet, den richtigen Ton zu treffen. Ich wollte heiter klingen. Glücklich. Es sollte wirken, als machte es mir nichts aus, dass ich mich versehentlich nach Schottland verfrachtet hatte, anstelle Nordamerikas. Perth. Verflixt, warum gab es davon unendlich viele? Mich hatte irritiert, dass mein Zielflughafen Dundee hieß, was für mich eher nach Australien klang, gegoogelt und festgestellt, dass es ein Perth in England gab, eines in Australien und gleich zehn in Amerika. Tja, gelandet war ich nicht ganz so weit von zu Hause entfernt wie gewünscht, und leider unendlich weit weg vom Grand Canyon. Aber es hätte schlimmer kommen können, immerhin gab es hier Berge und man konnte sich in den Highlands ebenso gut verlaufen, wie in der Sierra Nevada oder wo auch immer genau der Grand Canyon lag. Zugegeben, geographisch war ich eine Niete. Eigentlich war ich generell eine, das wurde mir beim Überfliegen meiner Zeilen erneut bewusst.

Liebe Mama, es geht mir toll. Ich hatte eine tolle Reise, das Zimmer ist toll und die Leute hier auch …

Das glaubte ich mir nicht einmal selbst. Seufzend zerknüllte ich das Blatt und warf es in den Papierkorb. Nachdenklich starrte ich aus dem schmalen Fenster meines kleinen Zimmers. Es war urig, keine Frage, und womöglich hätte ich es sogar romantisch gefunden, wenn die Umstände anders lägen. Jemand anderes hätte vielleicht das unerwartete Abenteuer genossen, aber für mich verlief es typisch. Sogar zu dumm, um den richtigen Ort zu erwischen. Wer bitte schön plante einen Urlaub in den USA und landete in Schottland? Niemand mit ein wenig Verstand und das wiederum …

Meine Stirn spannte und der Schmerz nahm an Intensität zu, je länger ich auf das Blatt vor mir starrte. Einige fröhliche Sätze werde ich doch wohl hinbekommen! Ich spürte bereits jede Faser meines Körpers, so angespannt war ich, aber alles was sich regte, war mein Unmut. Komm schon, so schwer ist das nicht! Ich nahm den Stift und setzte ihn auf das Papier, um darüber zu kratzen.

Hallo Mama,

Guter Anfang für eine Zehnjährige! Sollte ich lieber Mutter schreiben? Oder Clara? Oder Mami? Nein, jetzt wurde es albern.

Du wirst nicht glauben, was mir Lustiges passiert ist.

War das zu offensichtlich?

Ich habe aus Versehen einen Flug nach Dundee in Schottland gebucht und nicht nach Amerika. Du kannst dir sicher vorstellen, wie überrascht ich war, als ich keine zwei Stunden nach dem Abflug bereits landete und aussteigen sollte.

Das klang zumindest ganz nach mir. Unzufrieden kaute ich auf dem hinteren Ende meines Kugelschreibers herum. Es war sogar für meine Mutter offenkundig, dass ich wiedermal absolut unaufmerksam gewesen war, unbedacht und abgelenkt. Vermutlich könnte es sie warnen, aber es war ja auch ein Beweis. Weil mir solche Dinge eben passierten, würde sie es verstehen. Ja, ich sollte es genauso lassen.

Immerhin stand mein Mietwagen bereit und ich fand meine Unterkunft ohne weitere Probleme. Es ist ein süßes Cottage  einige Kilometer oberhalb von Dundee und es wird Dich beruhigen, zu hören, dass ich keinen Unfall provozierte, indem ich die falsche Straßenseite befuhr. Ich komme mit dem Linksverkehr hervorragend zurecht.

Sehr geschönt, aber zumindest nicht dreist gelogen.

Ich freue mich auf meine Spaziergänge durch die blühende Landschaft, denn ich habe beschlossen, das Auto stehenzulassen, wo es nur geht. Die Luft hier oben ist so klar, dass mich jeder Atemzug anregt …

Übertrieben? Wieder kaute ich auf dem Plastik meines Stifts herum und betrachtete meine geschriebenen Worte. War das glaubhaft? Immerhin hatte ich die letzten sechs Monate in Therapie verbracht, drei davon in einer geschlossenen Abteilung.

Schön, das Credo meiner Ärzte lautete: Bewegung und Aktivität, aber beides hatte meine Laune nie gehoben und war mir eher wie eine zusätzliche Last erschienen. Hatte ich das meiner Mutter gegenüber je erwähnt?

… vor die Tür zu gehen. Und ich habe Hunger wie ein Bär!!!

Gar nicht, aber Appetit sollte ein Zeichen dafür sein, dass man aus seinem Tief herauskam.

Deswegen werde ich auch hier eine Pause machen und erst einmal Frühstücken gehen. Vermutlich mache ich danach direkt einen Abstecher durch das Dorf und je nachdem, wie ich mich dann fühle, gehe ich spazieren. Ich muss sagen, ich kann es kaum erwarten, mich umzusehen.

Erneut ging ich durch den Text. Es klang heiter, fand ich, und ganz danach, als erfreute ich mich an meinem Urlaub. Also war es genauso, wie ich es meine Mutter Glauben machen wollte.

Mein erstes Frühstück in der Fremde, wie aufregend. Was wird es wohl geben? Ein englisches Frühstück? Ein kontinentales? Ich bin schon ganz hibbelig vor Aufregung!

Ich werde meine Kamera mitnehmen und dir die Bilder später per E-Mail zuschicken, damit du nicht auf meine Rückkehr warten musst, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es hier aussieht. Da fällt mir ein, ich sollte dringend eine Jacke kaufen, denn Schottland ist bedeutend kälter, als Nevada.

Eine Jacke war dringend nötig. Das Dorf lag nur ein paar Kilometer entfernt und da ich mich ohnehin sehen lassen wollte, war es sinnvoll, eine Einkauftour zu unternehmen. Ich malte gedankenverloren einen Smiley auf das Papier. Zwar sollte ich kein Geld mehr ausgeben, das meine Familie dringender brauchte, aber ich hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, die alle anfallenden Kosten decken sollte. Seufzend legte ich den Stift zur Seite und schob den Stuhl zurück. Das Blatt lag mittig auf der Schreibtischoberfläche, ein Briefumschlag lag frankiert bereit und die Adresse meiner Mutter war ebenfalls notiert. Es wirkte, als wollte ich den Brief auf jeden Fall absenden. Ich musterte den Schreibplatz. Es sollte alles so wirken, als ginge ich nur kurz raus, um zu Frühstücken. Als käme ich definitiv wieder, um den Brief zu beenden, ihn abzuschicken und wundervolle Tage hier zu verbringen. Aber tatsächlich sahen meine Pläne anders aus. Mein Herz flatterte vor Aufregung und ich wandte mich ab, um den Rest des kleinen Zimmers in Augenschein zu nehmen. Das Bett war nicht gemacht und war so schmal, dass ich in der Nacht befürchtet hatte, jeden Moment hinauszupurzeln. Die Wolldecke hatte ich gebraucht, um mich warm zu halten, denn ich hatte den Fehler begangen, über Nacht das Fenster zu öffnen. Es war eisig kalt gewesen, obwohl es Sommer war. Mein Schlafanzug — für die sengende Hitze Nevadas ausgewählt — war kurzärmelig und aus Seide. Er lag auf dem Boden am Fußende in kleinen Pfützen. Mein Koffer war ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, schließlich hatte ich mich fünf Tage hier eingemietet.

Neben der Tür stand eine wacklige Kommode, auf der mein Schminktäschchen lag, inklusive Zahnbürste, Duschzeug und Haarbürste. Meine Handtasche hing am Haken an der Tür, in ihr meine Kamera und mein Handy und damit alles, was man für einen Spaziergang brauchte. Das Zimmer durchquerend nahm ich sie ab und wandte mich erneut dem Raum zu. Mein Blick glitt kritisch über das Mobiliar. Über dem Fußende des Bettes hing ein Badetuch zum Trocknen, ansonsten lag nur noch mein E-Book Reader auf dem Tischchen neben dem Bett.

Es sah so aus, als wäre ich nur kurz raus. Tief einatmend zog ich die Tür auf und hinter mir wieder zu. Es war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Hände zitterten noch immer und machten es schwierig, den Schlüssel zu drehen. Unten vernahm ich regen Betrieb und auch auf dem Flur war ich nicht allein. Ich zwang ein Lächeln auf meine starren Lippen und nickte dem Pärchen zu, das an mir vorbeikam. Ich folgte ihnen mit Abstand. Die Rezeption befand sich direkt am Fuß der Treppe und daneben führte ein schmaler Gang zum Frühstücksraum. Die Wände waren mit gestreiften Tapeten beklebt, die verblichen und speckig wirkten. Nicht hübsch, aber für den Preis, den ich hier pro Übernachtung zahlte, zu verwinden. Der Raum, in dem das Essen serviert wurde, war proppenvoll und laut. Stimmen schwirrten hin und her, Geschirr klirrte und über allem lag ein geschäftiges Summen. Es gab ein Buffet an der rechten Seite, das nicht sonderlich abwechslungsreich aussah. Weißbrot, Marmelade und Ei. Aber im Preis inbegriffen, da wollte ich nicht murren. Ich nahm mir ein Tablett, häufte mir Brot und Aufstrich auf den Teller und spendierte mir eine große Tasse Kaffee, bevor ich mich nach einem Sitzplatz umsah. Aussichtslos, wenn man gerne für sich war. Da ich aber einen fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck hinterlassen wollte, zwang ich meine Lippen erneut in ein Lächeln und suchte mir absichtlich einen Tisch aus, an dem viel Betrieb herrschte.

„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“

Eilig wurden Jacken zur Seite geschoben, um mir Platz zu machen und ich bedankte mich überschwänglich. Obwohl ich mich innerlich wand, fragte ich nach der Herkunft der Gruppe und tat angetan von ihren Ausflugszielen. Eigentlich wollte ich wieder in mein Zimmer, so schnell wie möglich die Tür hinter mir zuschlagen und mich in mein Bett verkriechen. Allerdings lief dies konträr zu meinen Plänen, die ich nun schon zu lange und ausführlich ausgearbeitet hatte, um sie nicht in die Tat umzusetzen. Schließlich wusste ich, dass, sollte ich meinem Bedürfnis nachgeben, ich vermutlich tagelang nicht wieder aus dem Bett kam, geschweige denn, mich zu mehr aufraffen könnte, als den Fuß auszustrecken. Wenn ich es heute nicht tat, gefährdete ich den Erfolg meines Vorhabens und landetet vermutlich sehr bald wieder in einem Krankenhaus. Gezwungen, jeden Tag aufs Neue anzugehen und weiterzukämpfen, wo ich doch längst keine Energie mehr hatte. Oder auch nur den Wunsch zu kämpfen.

Ich ertappte mich dabei, wie ich meinen Teller anstarrte. Meine Mundwinkel waren herabgesackt, als hingen Gewichte an ihnen und meine ganze Haltung wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Ich nannte es die „Häufchen Elend-Stellung“. Schnell streckte ich das Rückgrat durch und setzte wieder ein Lächeln auf. Ich musste glücklich und zufrieden wirken, das war wichtig. Denn ich hatte beschlossen, dass mein Abgang meiner Familie einen kleinen Trost bringen sollte. Aber die Versicherung zahlte nur bei einem Unfall. Es durfte also nichts darauf hindeuten, dass Absicht dahinterlag. Damit hatte ich mich nun fünf Monate lang beschäftigt und es hatte mir genügend Schub gegeben, meinen Alltag zu bewältigen. Ich war vorsichtig gewesen, hatte mir alle Statuten der Versicherung wieder und wieder durchgelesen, um ja keinen Fehler zu begehen. Fünfundzwanzigtausend Euro. Sicher wüsste meine Schwester, was sie damit anfinge und meine Mutter? Mein Kaffee schwappte gegen meine Lippen, weil meine Hände immer noch bebten. Ich war aufgewühlt, was ich selbst nicht ganz verstand. Ich hatte es mir doch ganz anders ausgemalt. Die ersten Gäste verabschiedeten sich und ich wünschte ihnen winkend einen schönen Tag.

„Und wohin werden Sie gehen?“, fragte mich mein Sitznachbar, ein untersetzter Mitdreißiger, der am Vortag zur selben Zeit angereist war wie ich.

„Erst einmal ins nächste Dorf. Ich habe meine Jacke zu Hause liegengelassen in der ganzen Aufregung und es ist hier bedeutend kühler, als erwartet.“ Meine Wangen schmerzten und ich versteckte die Region schnell hinter meiner Tasse, um die Gesichtsmuskeln zu entspannen.

„Oh, ja, das Wetter hier oben ist immer für eine Überraschung gut! Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Bis Little Dunkeld vielleicht? Es liegt auf meinem Weg, ich werde heute den Cairngorms National Park unsicher machen.“ Er grinste breit, wodurch seine Wangen in Schwingung gerieten.

„Wie freundlich“, murmelte ich, obwohl ich ihn eher als aufdringlich empfand. Aber natürlich war mir bewusst, dass es an mir lag. Ich war das Problem, nicht mein Umfeld, das hatte ich in der Therapie gelernt. Meine Empfindungen trafen nicht zu, waren falsch gepolt und trafen nur — und das war entscheidend — auf mich zu. Jeder andere — normale — Mensch, sah es anders und dies machte mein Leben so ungemütlich. Niemand verstand meinen Wunsch, allein zu sein, obwohl ich mich nach Gesellschaft sehnte. Niemand verstand, dass ich wirklich nicht konnte, selbst wenn ich wollte. Und das nicht, weil ich mich nicht bewegen konnte, nein mein Körper war, was Mobilität betraf, völlig in Ordnung, es war mein Geist, der nicht mitspielte.

„Es wäre mir ein Vergnügen!“, strahlte mein Sitznachbar und streckte die fleischige Hand aus, um meine zu tätscheln. „Vielleicht hätten Sie auch Lust, mich in den Nationalpark zu begleiten? Einkaufen kann man immer noch und ihr Frauen habt stets genug eingepackt!“ Er lachte schallend und klopfte dabei wieder meinen Handrücken. „Nicht wahr?“

Das war wohl relativ. Selbstverständlich hatte ich genug eingepackt. Wenn ich eine Woche verreiste, packte ich auch für eine Woche. Plus Ausgehen, plus Regen, plus durchgeschwitzt und natürlich auch etwas extra, für den Fall, dass man sich einsaute. Shit happens, darauf sollte man vorbereitet sein. Vielleicht zukünftig auch auf falsche Reiseziele? Ach nein … Mein Blick senkte sich auf meine zittrigen Finger und auch mein aufgeklebtes Lächeln rutschte. Zukünftig konnte ich streichen.

„Leider“, krächzte ich und musste mich räuspern, um fortfahren zu können. „Leider bin ich für einen Spaziergang im hiesigen Wetter nicht gut ausgerüstet und benötige tatsächlich zunächst den Einkaufsbummel. Ich nehme Ihr Angebot, mich zum nächsten Ort mitzunehmen, gerne an.“

„Wundervoll! Es gibt einen Outdoorausstatter direkt am Ortseingang. Da werden Sie mühelos eine warme Treckingjacke auftreiben können. Ich begleite Sie.“ Er streckte die Hand aus, die fast in meinem Gesicht landete. „Ich bin Gregor Krummbiegel.“

Na herrlich. „Vanessa Hagedorn.“ Notgedrungen schüttelte ich seine Hand.

„Aus der Heimat!“ Er wechselte wie selbstverständlich ins Du. „Ich liebe die Highlands, aber die Leute hier …“ Er schnalzte. „Da freue ich mich besonders, deine Bekanntschaft zu machen. Du bist auch alleine hier, zum Wandern? Dann wirst du den Park lieben, das versichere ich dir!“

Oh nein. Nie war mir klarer, dass ich einfach keine Menschen mochte, wie wenn mir ein solches, energisches Exemplar gegenübersaß. Jemand, der generell mitriss, übertönte meinen Protest für gewöhnlich und drängte mich zu Dingen, die ich nicht tun wollte. Daraus resultierte immer Frust und der Wunsch, dass alles endlich sein Ende fand. Eine Spirale, die sich leider nur zu schnell drehte und mich mit sich in den Abgrund riss. Gedrückt seufzte ich auf. Ich ertrug es einfach nicht mehr.

„Also, ich schlage vor, wir treffen uns in zehn Minuten unten? Ich muss noch in meine Wanderstiefel.“ Er hob den linken Fuß, um mir seine Schlappen zu präsentieren und die weißen Socken, die in ihnen an seinem Bein hafteten und zwar typisch deutsch: hochgezogen bis zur Mittelwade. Fast hätte ich das Angebot ausgeschlagen und wäre schreiend davongelaufen, aber die Erinnerung, dass ich gesellig und gutgelaunt erscheinen musste, holte mich noch rechtzeitig ein.

„Wie wundervoll, danke.“ Ich behielt das Lächeln bei, als er ging, schließlich war ich noch immer nicht allein, auch wenn die anderen Gäste mir höchstens einen Blick zuwarfen und mir kein Gespräch aufzwingen wollten. Seufzend starrte ich betont fröhlich — meine Gesichtsmuskulatur war schmerzhaft verzogen und offenkundig sträflich unterentwickelt — in meinen Kaffee. Vermutlich mein letzter. Trotz des trüben Gedankens wurde mir wesentlich leichter ums Herz. Ich war im letzten Jahr wieder bei meiner Mutter eingezogen, wodurch niemand die Last haben wird, meine Wohnung ausräumen zu müssen. In meinem Zimmer war alles thematisch geordnet. Altkleider, Altpapier, Sperrmüll. Bett, Schrank und Schreibtisch konnten wiederverwendet werden, so Mutter das Zimmer als Gästezimmer behielt wie zuvor.

„Vanessa!“

Ich sah auf und entdeckte Gregor, der mir aufgeregt zuwinkte. Es war dann wohl soweit. Der letzte Schluck war kalt und schmeckte abscheulich, nun, es fiele mir zumindest nicht schwer, nie wieder Kaffee zu trinken. Mein Tablett stellte ich brav in die dafür vorgesehene Halterung ab und trottete dann zu meinem unerwünschten Reisepartner.

„Nanu, willst du dich nicht umziehen?“ Seine Augen glitten an mir herab. Da ich nur eine kurze Hose trug und dazu eine leichte Bluse, konnte ich seine Verwunderung verstehen. Immerhin waren die Wanderschuhe brauchbar.

„Ich sagte doch, ich muss dringend shoppen.“

Erneut sah er an mir herab, grummelte etwas, und deutete dann zum Ausgang. „Na dann. Little Dunkeld wartet.“

Das bezweifelte ich zwar sehr, aber es lohnte sich nicht, darüber einen Ton zu verlieren. „Es ist sehr freundlich, dass du mich mitnimmst.“ Was konnte ich noch sagen? „Ich wäre auch gelaufen, aber vermutlich hätte ich ziemlich gefroren.“

„Es wird wärmer werden, schließlich ist noch Sommer!“ Er hielt mir die Tür auf.

„Danke.“ Ich musste auf ihn warten, weil ich nicht wusste, wo er geparkt hatte.

„Hier vorne.“ George deutete auf einen kleinen Fiat und ging um den Wagen herum, um die Fahrertür zu öffnen. Meine Tür hakte. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Privatwagen handelte, war das Lenkrad doch auf der richtigen, sprich linken Seite angebracht. Zudem war der Wagen, freundlich ausgedrückt, zugerümpelt. Gregor beugte sich ächzend auf den Beifahrersitz und gab meiner Tür einen festen Schubs. „Klemmt hin und wieder!“

Der Innenraum roch penetrant und ich bereute erneut, zugestimmt zu haben, trotzdem rutschte ich in den Sitz.

„So, Little Dunkeld, wir kommen!“ Er fuhr an, bevor ich angeschnallt war, was meinen Herzschlag beschleunigte. Angst. Wie dämlich. Schön, wenn er einen nicht tödlichen Unfall provozierte, hatte ich ein Problem, aber das war nicht die Ursache meiner Angst. Was war denn nur los? Ich versank in sinnendem Schweigen. Diese ganze Reise diente lediglich diesem einen Zweck: meinem unauffälligen Selbstmord. Angst zu sterben wäre da nicht sonderlich hilfreich.

„Ich komme jedes Jahr her“, informierte Gregor mich und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich hob schnell die Mundwinkel.

„Oh, tatsächlich?“

„Die Gegend ist so heimelnd, so beeindruckend …“

„Ah.“ Mein Nicken begleitete mein Brummen.

„Ich war bereits auf den inneren und äußeren Hebriden, in Edinburgh, Glasgow und Inverness …“ Er warf mir einen Blick zu. „Island und Irland.“

„Ah.“ Wieder nickte ich. „Wie interessant!“

„Aber nirgends ist es so beeindruckend wie hier.“

In Dundee? Was ich bisher gesehen hatte, traf auf diese Beschreibung nicht zu. Eher eintönig, ländlich, unspektakulär. Irritiert richtete ich meinen Blick nach vorn und versuchte die Gegend mit einem anderen, vielleicht bunteren, Blickwinkel zu betrachten. Die Straße schlängelte sich vor uns ins Endlose. Wiesen säumten sie an beiden Seiten, es war eine enge Landstraße ohne Seitenbefestigung und führte bergauf. An manchen Stellen wuchsen Steinmauern aus dem Boden und grenzten das Land ab. Tiere grasten selbstvergessen wohin man auch sah. Vornehmlich braune, langhaarige Rinder mit langen seitlich wachsenden Hörnern, aber auch Schafe mit schwarzem Kopf und weißem Körper.

„Es wirkt … idyllisch.“ Wobei idyllisch ein Synonym für langweilig war.

„Wenn man durch den Park wandert, ist es, als sei man völlig allein auf der Welt!“

Na, mit dem Gefühl kannte ich mich nur zu gut aus! Einsamkeit, Abgeschottetheit, absolute Isolation. „Klingt … angenehm.“ Zumal ich schnell panisch wurde, wenn ich in Gesellschaft war und nicht weg konnte. Familientreffen waren das absolute Horrorszenario. Lauter Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam hatte, und deren Gesellschaft ich nicht entrinnen konnte. Wenn ich mich zurückzog, erntete ich lediglich Unverständnis. Niemand verstand, dass ich es einfach nicht ertrug. Es war zu laut, zu wuselig, zu viele Dinge, die auf einmal auf mich einprasselten.

„Es ist herrlich!“, versicherte Gregor und ging in eine scharfe Kurve. „Und man entdeckt immer etwas Neues!“

Wie Todesangst?

„Schau, dort im Tal ist Little Dunkeld.“

Es kostete mich einiges an Überwindung, seinem Fingerzeig zu folgen und die Augen von der Straße zu nehmen. Das Dorf duckte sich in das Tal, wurde gesäumt von blühenden Feldern und durchzogen von schmalen Wegen. Malerisch, vermutlich, nur stand mir nicht der Sinn nach hübschen Anblicken. „Sieht nicht nach einer Shoppingmetropole aus.“

Keine fünf Minuten später hielten wir auf dem unbefestigten Parkplatz hinter dem von ihm angepriesenen Outdoorgeschäft. Gregor schnallte sich ab.

„Gregor, ich möchte dich nicht weiter aufhalten.“

„Ach.“ Er winkte ab. „Die paar Minuten habe ich übrig.“

Minuten, tja, da behielte ich wohl recht, so schwarzseherisch meine Vorstellung auch gewesen war. „Gregor, es war sehr nett von dir, mich herzubringen, aber ich werde länger brauchen, um etwas auszusuchen. Ich mag nicht gehetzt werden und aufhalten möchte ich dich auch nicht.“

„Ich hatte gehofft, dass wir gemeinsam durch den Park spazieren.“

„Nicht heute“, beschied ich mit schlechtem Gewissen und wich seinen Augen aus. Die Erleichterung, dass er einknickte, konnte ich aber nicht verhehlen. „Ein andermal.“

„Schön, dann sehen wir uns!“ Ich sah ihm noch nach, wie er mit seinem kleinen Fiat davonstob, bevor ich den Träger meiner Handtasche über meinen Kopf hob und meine Bluse glattstrich. Allein, endlich. Mein Herz begann zu flattern und ich drehte mich um. Oh je. Die Sache mit dem Mut war die, dass er sehr schnell abhandenkam und sich leider nicht sammeln ließ, noch herbeibeschwören. Zittrig schob ich eine Strähne meines hellbraunen Haares aus der Stirn und steckte sie hinter mein Ohr. Mir war nicht nach Shopping, ganz sicher nicht. Ich wollte eigentlich nur zurück in das Cottage und in mein Zimmer, um mich dort in meinem Bett zu verkriechen. Aber soweit war ich heute schon gewesen. Es bedeutete das Ende meiner Pläne und damit auch, weiter kämpfen zu müssen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute … Und diese Aussicht war viel schrecklicher, als jene, nun dieses Geschäft betreten zu müssen. Für einen so kleinen Ort war es ein überraschend großer Laden mit erschreckender Auswahl an Jacken. Zum Glück war ich getrieben, wegzukommen, weshalb ich mir keine großen Gedanken um Material und Funktionalität machte. Wozu auch, schließlich musste sie mich nicht lang warmhalten. Eine Karte des Nationalparks und etwas zu trinken gesellte sich zu meinem Einkauf und schon stand ich wieder auf dem unbefestigten Hof. Tiefdurchatmend sah ich mich um. Was nun? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und suchte meinen Standort nach einigen ratlosen Momenten auf der riesigen Karte, ohne ihn zu finden. Es war nicht einfach, irgendetwas zu erkennen, der leichte Wind schlug unablässig gegen das lose Papier und behinderte meinen Versuch, mich zurechtzufinden. Entnervt schlug ich die Arme nieder und bemerkte einen klapprigen Bus, der langsam über den Asphalt vor mir zuckelte. Er hielt ein paar Meter weiter an einer Laterne, die ich nicht als Haltestelle identifiziert hatte. Ohne darüber nachzudenken, lief ich los und erreichte den Bus, als die Vordertür gerade quietschend zuging. Ich schlug gegen die Seitenwand.

„Hey!“

Er fuhr an. Wieder schlug ich gegen die Wand.

„Hey, ich will mitfahren!“ Wo auch immer es hinging.

Überraschenderweise hielt das Gefährt und die Schwingtüren öffneten sich. Schluckend stieg ich ein. „Hallo.“

„Halò.“

„Eine Fahrt?“ Die Karte musste ich ungefaltet in meine Handtasche stopfen, um meine Hände freizuhaben und mein Geld abzuzählen. In meiner Reisetasche befanden sich einige Dollar, die mir hier nicht weiterhalfen, aber zum Glück hatte ich einen Teil meiner Barschaft am Flughafen wechseln können, obwohl ich den Kurs als horrend empfunden hatte. „Was macht das?“ Hitze wallte in mir auf und ich musste mich räuspern. „Wie viel kostet die Fahrt?“

Er nannte mir eine Summe und ich hielt ihm zehn Pfund hin.

„Nur passend.“

Innerlich fluchend fischte ich nach Münzen und warf sie in den Schlitz. Ich erhielt nicht einmal einen Fahrschein. Als er anfuhr, verlor ich das Gleichgewicht und stieß gegen einen Passagier. Eine Entschuldigung murmelnd, torkelte ich weiter und fiel auf einen Sitz. Die Fahrt wurde nicht angenehmer, im Gegenteil, ich wurde ordentlich durchgeschüttelt.

Mit jedem Meter kam ich meinem Ziel näher, ganz gleich, wo es nun lag, denn ob ich in den Loch sprang, oder von einem Berg stürzte, war letztlich gleich.

Kapitel 2: Am Rande des Abgrunds

Als ich aufschreckte, stand die Sonne schon tief, was mich verwunderte. War ich nun hin und her gegondelt? Der Fahrer hätte mich wecken müssen! Mein noch verschlafener Blick offenbarte ein gewohntes Bild: Heide. Trotzdem war es merkwürdig, hinauszusehen und das Panorama zu mustern. Ich war gestern zirka eine Stunde vom Flughafen Dundee aus bis zu meiner Unterkunft gefahren und hatte mich derweil an die Gegend gewöhnt, dachte ich, aber nun sah alles so anders aus. So wild und ungezähmt. Bergig. Wo war ich hier nur gelandet?

Der Bus bog um eine Ecke schwarzen Gerölls und die Sonne, die zuvor von der Bergwand blockiert worden war, fiel mir in die Augen. Schnell wandte ich mich ab und blinzelte, weil ich nur noch gleißendes Orange und Gelb sehen konnte. Zumindest fuhren wir sehr gleichmäßig und die Straße war besser, als die, die ich bisher mitbekommen hatte. Mein Blick fiel aus dem Fenster gegenüber, nachdem ich die abgewetzten Sitze wahrgenommen hatte, und der Ausblick ließ mich erneut blinzeln. Wasser. In einiger Entfernung spiegelte sich die Sonne auf graublauem Wasser!

Loch Ness? Nein, es gab kein gegenüberliegendes Ufer, soweit ich sehen konnte. Ach verflixt! Woher sollte ich wissen, wo ich war, wenn ich nicht einmal in der Lage war, einen Flug zu buchen, so dass ich ankam, wo ich hinwollte!

Über mich selbst verärgert griff ich nach der Rückenlehne, um mich aufzustützen. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Halt war, aber ich wollte raus. Allerdings gab es noch ein Problem: Wie drückte man seinen Haltewunsch aus, wenn es nirgends einen Schalter gab?

Der Bus raste um die nächste Kurve und nahm das blendende Licht aus dem Fahrgastraum. Hilfreich war das nicht, denn noch immer konnte ich keine Knöpfe ausmachen, die man drücken konnte, und auch keinen weiteren Fahrgast. Notgedrungen hangelte ich mich an den Sitzlehnen nach vorn zu dem Fahrer.

„Verzeihung, ich würde gerne aussteigen, wann ist das möglich?“

Zunächst wirkte der untersetzte Mann, als ignoriere er mich, dann ging aber ein Ruck durch ihn, er riss das Lenkrad rum und schleuderte mich dabei nach vorn. Ohne die Plastikwand zwischen uns, wäre ich ihm auf den Schoß gefallen. So landete ich schmerzhaft an dieser Barriere und rutschte an ihr Richtung Windschutzscheibe. Hinter mir zischte es, dann gab es ein Knirschen und ein Hauch kühle Luft strich über meine Waden.

„Nicht im Ernst!“

Ich wischte mir den Sabber von der Wange, den ich auch großzügig an der Plexiglaswand verteilt hatte, und drehte mich um.

„Also?“, schnarrte der Fahrer und gab mir damit einen Schubs. Schnell stieg ich aus und drehte mich wieder dem Bus zu, der bereits die Türen schloss und anfuhr, bevor ich auch nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte. Freundlich.

Ich sah der Wolke hinterher, in der meine Mitfahrgelegenheit verschwand. Gestrandet. Aber das machte auch nichts. Gut, ich wurde langsam hungrig, müsste auch mal Wasserlassen und müde war ich sowieso.

Tja, da war ich also. Irgendwo, was absolut in Ordnung war, schließlich war der Ort unwichtig. Schnuppe. Egal. Erneut ließ ich den Blick wandern. Der Asphalt glänzte im strahlenden Sonnenlicht, die blühende Heide hatte eine eigene Magie, die mich allerdings nicht lang gefangen nahm. Ich war zu müde, um irgendetwas zu bewundern, zu ausgelaugt.  Ich machte mich auf den Weg. Mein Ziel stand mir deutlich vor Augen. Es gab eine Steilküste, vermutlich war sie nicht gesichert und man konnte — wenn man unvorsichtig war — abrutschen. Perfekt. Der Gedanke gab mir Aufwind und meine Schritte wurden leichter. Ich hüpfte fast durch das kniehohe Gras, ließ die Hände über deren Spitzen gleiten, dass es kitzelte und hatte auch — was besonders hervorzuheben war — ein Summen auf den Lippen. Bald hatte alles sein Ende. Bald, hatte ich Ruhe, müsste mich nicht mehr von einem Tag in den nächsten schleppen, ohne die Aussicht auf Besserung. Meine elende Existenz fand ein Ende. Herrlich!

Der Wind spielte mit meinem Haar, als ich endlich die Klippe erreichte und schlug es mir ins Gesicht. Mein Rücken schmerzte, war meine Umhängetasche doch denkbar ungeeignet für längere Spaziergänge und schnitt mit seinem zu schmalen Gurt in meine Schulter. Ich ließ sie zu Boden gleiten, balancierte sie einen Moment auf meinen Zehen, bevor ich den Gurt um meine Finger wickelte und den Blick geradeaus richtete. Der Horizont verschwamm mit dem rauen Meer. Salz lag auf meiner Zunge und zog auch in mein Haar ein, das sich langsam zu kringeln begann.

Möwen kreisten über dem Wasser und schrien. Hinter mir blökte es, was mich nicht aufschreckte, schließlich hatte ich während der Fahrt dutzende Herden Rinder wie Schafe durch das Land ziehen sehen, und was sollte schon passieren? Dass ein Schafsbock mich schubste? Meine Lippen bogen sich zu einem wahrhaft belustigten Grinsen. Upps, vom Schaf ins Jenseits bugsiert. Die Sonne brannte auf meinen Wangen, auch wenn sie sonst nicht gerade wärmte, und zusammen mit dem böigen Wind, der ständig an mir riss, war es eine merkwürdige Kombination. Ich streckte den Hals, um noch einige Sonnenstrahlen einzufangen. Es hieß, dass Bewegung und Licht halfen. Meine persönliche Erfahrung war da gegenteilig. Wenn ich mich dazu zwang, vor die Tür zu gehen oder ins Fitnesscenter, um Sport zu betreiben, dann fühlte ich mich danach eher wie durch die Mangel gedreht, ganz gleich wie gut oder schlecht das Wetter war. Auch Gesellschaft, Gespräche oder sonstige Geselligkeit taten mir nun mal nicht gut. Ich fühlte mich danach stets — und zwar ausnahmslos — wie gerädert.

Ich atmete tief ein, genoss das würzige Aroma, lauschte der Brandung unter mir und lockerte meine Finger um den Gurt meiner Tasche. War vielleicht ganz gut, wenn man sie hier oben fand, dann wusste man, dass etwas passiert war, auch wenn meine Leiche nicht so bald an Land gespült werden sollte. Mein Fuß schob sich langsam vor, ich spürte, wie das Erdreich unter ihm nachgab und abbröckelte. Ein Ende. Den Kopf in den Nacken legend, beugte ich mich vor. Es tat so gut, es war so befreiend, dass ich hätte lachen mögen. Endlich, nach über drei Jahren spürte ich wieder so etwas wie Glück. Noch einen kleinen Schritt und ich verlöre das Gleichgewicht.


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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Mehr aus der Eine Hochzeit in den Highlands-Reihe:
Ein Schotte im Bett (Band 1)
Ein Schotte zu viel (Band 2)
Ein Schotte wider Willen (Band 3)

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