Mord für Feinschmecker – Darina Lisles fünfter Fall

Stuttgart, März 2018. Kuschelkrimi? Irgendwie schon. Der Erzählstil und das gemächlichere Erzähltempo, die dichte Atmosphäre und auch der Lokalkolorit – all das macht einen Cosy-Crime-Roman aus. Die Spannung wird in diesen Krimis weniger durch actionreiche Szenen aufgebaut. Es sind die eher schrulligen Protagonisten, die sich in ihrer Lebens- und Arbeitswelt in Fälle verstricken.

Ermittlerfigur Darina Lisle, Protagonistin in Janet Laurence Mord für Feinschmecker, ergeht es in ihrem fünften Fall genauso: Als die Meisterköchin Darina Lisle den Auftrag bekommt, ein Kochbuch für ‚Finer Foods‘ zu schreiben – ein Familienunternehmen, das Delikatessen aus dem Fernen Osten und anderen Regionen importiert –, erscheint ihr dies zunächst als interessante Herausforderung. Doch Darina entdeckt bald, dass Finer Foods Probleme hat: Die Gewinne gehen zurück und der Geschäftsführer, Lebemann Joel Madoc, steht auf persönlicher und professioneller Ebene mit dem Vorstand auf Kriegsfuß. Das Unglück kommt erst richtig in Fahrt, als ein Angestellter von Finer Foods ums Leben kommt. War es ein Unfall oder ein hervorragend geplanter Mord? Während die polizeilichen Ermittlungen ihren Lauf nehmen, wird Darina mehr und mehr in die Vorgänge bei Finer Foods verwickelt und nur die schnelle Auffassungsgabe ihres Verlobten William Pigram verhindert um Haaresbreite einen zweiten Todesfall. Schafft es Darina, die dunklen Geheimnisse um Finer Foods aufzuklären?

Download Pressemitteilung: PM 03-2018_dp_Digital Publishers_Mord für Feinschmecker

Gefährliche Delikatessen und dunkle Geheimnisse – Hobbydetektivin Darina Lisle ermittelt auch in ihrem neuen Fall mit exzellenter Spürnase, Finesse und klassisch britischem Humor.

Mord für Feinschmecker: Darina Lisles fünfter Fall

Kapitel Eins

Feindseligkeit knisterte am Tisch wie das Karamell auf einer Crème brûlée. Dies war keine Häufung geschäftlicher Meinungsverschiedenheiten, dies waren Machtkämpfe persönlicher Art. Darina Lisle wünschte sich, woanders zu sein.

Christen, die in einer römischen Arena wilden Löwen ins Auge blicken, hätten vermutlich dieselbe makabere Faszination geboten. Hier aber war es unmöglich zu entscheiden, wer die Christen und wer die Löwen waren.

Gegenüber am Tisch saß Marian Drax, vermutlich keine Löwin. Eine magere Frau Anfang Fünfzig, die irgendwann einmal attraktiv gewesen sein mochte, doch das Leben hatte ihr die Kraft ausgesaugt und sie ausgetrocknet zurückgelassen. Blaue Augen, so blass wie gebleichter Jeansstoff, und Haut wie roher Blätterteig. Das verblichene, blonde Haar wirkte in ihrer Hochsteckfrisur zu schwer für den schmalen Hals, und ihre Stimme hatte kaum mehr Kraft als das Rascheln toten Laubes. Einmal hatte ihr dürftiger Körper vor zurückgehaltener Wut gezittert, mit gefährlich tränenden Augen, doch ihr Groll brach lediglich im Ton einer gekränkten Beschwerde aus ihr hervor, ohne jedes Anzeichen christlicher Hingabe. „Du leitest diese Firma, Joel, als wärst du ein Sultan, der seinen Harem herumkommandiert.“

„Nur verständlich, wenn man bedenkt wie er Geschäftsführer geworden ist“, warf Anna Drax schleppend vom anderen Ende des Mittagstisches ein. Ihren Kopf, mit der geschmeidigen Haube aus kastanienbraunem Haar, hielt sie leicht schräg, ihre achatgrünen Augen schimmerten vor Vergnügen und Bosheit. Sie strahlte Energie und Machtbewusstsein aus, definitiv eine Löwin. Dennoch zeigte sie auch den Eifer religiösen Glaubens.

Marian Drax blickte flüchtig nach rechts, zu dem Mann am Kopf des Tisches; ihre dünnen Lippen verzogen sich unbehaglich und ihr Körper zuckte vor Elend. „Oh, ich meinte nicht, also, lass uns fair bleiben, Anna.“

„Ja“, sagte der Gastgeber mit einem urbanen Charme, der deutlicher von Gefahr zeugte, als offene Feindseligkeit es getan hätte; er hatte sicherlich das Potenzial zum Löwen, aber auch etwas anderes, das auf ein viel verschlageneres Tier hindeutete. „Absolut, lass uns fair bleiben, Marian. Lass uns zum Beispiel darüber sprechen, warum du so lange brauchst, um eine Entscheidung über die Digitalisierung der Geschäftskonten zu fällen. Man könnte fast glauben, du würdest befürchten, dass ein effizientes System enthüllen könnte – nun, was könnte es enthüllen?“ Mit dem Anschein aufrichtiger Wissbegierde ließ er seinen Blick um den Tisch wandern.

„Um Himmels willen, Joel, du kannst doch nicht unterstellen, dass etwas mit Marians Abrechnungssystem nicht stimmt“, polterte der Verkaufsleiter zu Darinas Rechten. In einer nervösen Geste schloss er die linke Manschette seines feinen Batisthemdes, dabei kamen in Gold gefasste Manschettenknöpfe mit Amethysten zum Vorschein. Der Mann, etwa im Alter der Buchhalterin, hatte sich bis jetzt aus dem Streit herausgehalten. Darina fragte sich, ob Michael Berkeley gezögert hatte, eine Seite zu wählen, oder ob er sich einfach lieber aus der Schusslinie hielt.

Die letzte Person am Mittagstisch war kein bisschen zögerlich gewesen. Anfang Dreißig, nüchtern gekleidet, das schüttere, blonde Haar nach hinten aus seinem verschlossenen Gesicht gekämmt; es war Peter Drax, der die Aufmerksamkeit von der Essensauswahl auf die fehlenden Gewinne der Firma gelenkt hatte.

„Ich würde gerne die Frage nach unserem Gewinnrückgang aufwerfen“, hatte er gesagt. Jedes Wort hatte er mit einer derart präzisen Sorgfalt ausgewählt, dass der Eindruck eines Eiferers entstand, der mehr Reife zu vermitteln suchte, als sein Alter ihm zugestand. „Ich habe mitbekommen, dass unsere Dividende stark sinken wird. Ich hoffe, das ist nur eine vorübergehende Erscheinung und kein Trend, der sich fortsetzen wird. Wenn dem doch so ist …“ Er hob die Hand um voreilige Zwischenreden zu unterbinden, obwohl niemand Anstalten machte. „Wenn dem so ist, hätte ich gerne eine Erklärung.“

Alle Augen richteten sich auf den Geschäftsführer, Joel Madoc, und von diesem Moment an schien Darinas Anwesenheit vergessen.

„Du hättest Hirnchirurg statt Allgemeinmediziner werden sollen, Peter. Du triffst den Nerv der Sache. Lass uns deine Schwester fragen. Also, Anna, was ist deine Erklärung als Marketing-Leiterin?“

Christen und Löwen waren dann dazu übergegangen, gegenseitig ihr Fleisch in grobe, blutige Fetzen zu reißen, während die Argumente im Zickzack über den Tisch flogen. Auf die Zuschauertribüne verdammt, bemühte Darina sich, ihre Aufmerksamkeit mehr dem Essen zu schenken als den Beschuldigungen und Gegenvorwürfen. Dafür war sie immerhin hier.

Der Tisch war mit verschwenderischer Großzügigkeit gedeckt. Die Gerichte schienen die Beute eines ausgedehnten Raubzuges durch ein erstklassiges Feinkostgeschäft zu sein und hätten für weit mehr als sechs Personen gereicht. Vorzüglicher Schinken, gut gewürzte Würstchen vom Festland und köstliche eingelegte Heringe in verschiedenen Soßen, dazwischen jene Sorte Salat, der Darina gewöhnlich keine große Beachtung schenkte. Konservengemüse und Trockenfrüchte waren in fantasievollen Kombinationen stilvoll angerichtet und überraschend schmackhaft. Gleich welche Vorbehalte sie auch gegenüber der Firma an diesem Mittagstisch hatte, sie galten nicht dem Essen.

Was verwunderlich war, denn ursprünglich hatte sie sehr zögerlich darauf reagiert, sich für solche Speisen engagieren zu sollen.

Charles Johnson, ihr Verleger, hatte angeregt, dass sie sich dafür interessieren könnte.

Finer Foods plant eine Werbekampagne“, hatte er beiläufig gesagt, als sie gerade eine Besprechung über das Titelbild von Darinas neuem Kochbuch beendet hatten. „Als Teil der Neudefinition ihrer Position am Markt wollen sie ein Taschenbuch herausgeben. Sie kennen das, eine Anleitung, wie ihre Produkte zu verwenden sind. Etwas, das die Vielseitigkeit ihrer Feinkostprodukte zeigt und ihre Qualität unterstreicht, mit vielen ansprechenden Rezepten. Illustriert mit stimmungsvollen Strichzeichnungen, haben wir uns gedacht; Exklusivität ohne die Kosten von Fotografien.“ Er machte sich einige Notizen und schaute sie dann an. „Wären Sie interessiert, oder haben Sie schon etwas Anderes am Laufen?“ Er hätte auch fragen können, ob sie schon entschieden hatte, was es zum Abendessen geben würde.

„Nur Ideen“, hatte Darina eingestanden.

„Also, wie wäre es hiermit? Ein Thema, dem Sie sich annehmen könnten?“ Es steckte kein Druck hinter dieser Frage.

Darina betrachtete ihn nachdenklich, während er mit der Rückenlehne nachlässig an das überquellende Bücherregal in seinem Büro stieß. Eine Fliege in Paisleymuster schmückte den Kragen seines Viyella-Hemdes und eine lange, zugeknöpfte Strickjacke reichte bis über seine gutsitzende, graue Hose; halbrunde Brillengläser und blondes Haar, das einen Schnitt vertragen konnte, milderten die Strenge seines knochigen Gesichts und gaben ihm den Anschein eines Gläubigen, der beschlossen hatte, die Mönchszelle sei zu unbequem. Sie kannte ihn jetzt seit einigen Jahren, bewunderte seine Fähigkeit, sich ein Manuskript in fertiger Form vorzustellen, und war begeistert davon, wie er ihr eigensinniges Schreibmaschinenmanuskript in einen gedruckten Entwurf verwandelt hatte, den man mit Freude anschauen und lesen konnte.

Sie hatte sich auch an seine besonnene Herangehensweise gewöhnt, bei Themen, die ihm am Herzen lagen. Sie fragte sich, was ihn an diesem speziellen Projekt begeisterte. Natürlich kannte sie die Produkte von Finer Foods, hauptsächlich Gourmet-Artikel: getrocknete Lebensmitte, Fleisch vom Festland, Obst und Gemüse in Konserven, Eingemachtes, urtümliche Soßen, alles von exzellenter Qualität, doch was er gerade beschrieben hatte, klang wie eines der regelmäßig anfallenden, fremdfinanzierten Bücher; kaum die Art Buch, die sein Verleger-Adrenalin in Wallung brachte.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das meine Art zu Kochen ist“, sagte sie vorsichtig.

„Joel Madoc, der Geschäftsführer, ist mein Freund“, sagte Charles mit wegwerfender Sachlichkeit. „Ich würde gerne sehen, dass die Firma mal etwas Neues hervorbringt. Mir kam in den Sinn, dass Sie die optimale Wahl sein könnten. Ihre Gabe, ansprechende, aber leicht zugängliche Rezepte mit dem Hauch von Außergewöhnlichem zu entwickeln, ist genau, was die brauchen.“

„Mit Schmeicheleien erreicht man alles“, sagte Darina. Aber sie war dennoch erfreut.

„Oder erscheint Ihnen die Aussicht auf Hülsenfrüchte, Backpflaumen und Parmesan unbeschreiblich langweilig?“

„Das ist zu gemein“, protestierte sie. „Ich habe mehrere Artikel von Finer Foods in meinem Regal.“

„Nur für den Notfall?“

„Nein, gar nicht.“ Wenn sie darüber nachdachte, benutzte sie sogar viele ihrer Produkte regelmäßig; etwa Dosentomaten, die mehr Aroma hatten als die meisten frischen aus England, getrocknete Hülsenfrüchte für eine Vielzahl von Gerichten, Trockenfrüchte für die unterschiedlichsten Zwecke, nicht zu vergessen mehrere aus der umfangreichen Auswahl chinesischer und indischer Produkte. Es gab keinen Grund, sich dieser Firma gegenüber elitär zu geben. „Wie viele Seiten und wie ist der Zeitplan?“

„Nur ein dünnes Buch, und sie wollen es um diese Zeit im nächsten Jahr herausbringen.“ Er blickte sie mit vogelartiger Lebhaftigkeit über seine halbrunden Brillengläser an. „Ich brauche, wenn möglich, bis Januar ein vollständiges Manuskript.“

„Aber das gibt mir nur drei Monate!“, rief Darina aus. Doch wenn es das Thema schon nicht tat, die Dringlichkeit des Projektes reizte sie. Also stimmte sie zu, Charles’ Freund, den Geschäftsführer Joel Madoc, zu treffen, und ein Mittagessen bei Finer Foods wurde arrangiert.

Die Firma lag bei Marlborough, in der Nähe der M4, höchstens dreißig Minuten Fahrt von Darinas Haus in Somerset entfernt. Sie war in einem großen, viktorianischen Haus untergebracht, das in Büroräume umgewandelt worden war und einen unauffälligen Anbau hatte, der, wie Joel Madoc ihr erklärte, mal einen Tennisplatz und einen Krocketrasen beherbergt hatte.

„Manchmal wünschen sich einige Firmenmitglieder, es gäbe sie noch. Die Arbeitsmoral lässt hier im Moment zu wünschen übrig.“ Die beißende Schärfe in seiner Stimme hätte sie warnen sollen, dass ihr Mittagessen nicht unbedingt angenehm werden würde.

Joel Madoc sah aus wie eine Bulldogge nach einer Gesichtsstraffung. Tadellose Körperpflege gaben dem strengen Kinn und den quadratischen Lippen einen sanften Charme. Ergrauendes Haar mit kräftigen Locken im Bürstenhaarschnitt betonten den markanten Kopf. Sein schlanker Körper war in einen Anzug von atemberaubend zurückhaltender Eleganz gekleidet. Darunter stach ein Hemd hervor, das nach Bestätigung schrie, mit Streifen in einer betörenden Mischung aus Terrakotta, Blau und Aprikose, denen zur vollen Würdigung des Effektes nur die italienische Sonne fehlte.

Er hatte ihre Hand mit beiden Händen gefasst und mit dringlicher Wärme gedrückt, während toastbraune Augen tief in die ihren blickten – unbeeindruckt davon, dass sie ihn mit ihren ein Meter achtzig und hohen Absätzen ein gutes Stück überragte. „Charles hat mir viel von Ihnen erzählt und ich freue mich so auf das Erscheinen ihres Buches, Kochen für zwei ist genau, was ich brauche.“ Seine Stimme hatte eine flüssige Schwere, die sich über Darina ergoss wie Karamellsoße über Eiscreme.

Einigermaßen benebelt hatte sich Darina in einem kurzen Rundgang durch die Büroräume von Finer Foods führen lassen. Moderne Effizienz im Anbau und weitläufiger Charme im ursprünglichen Haus, wo sich das Konferenzzimmer und das Chefbüro befanden. Der Rundgang schloss eine reizvolle Küche ein, die in die frühere Bibliothek eingepasst war, und laut Geschäftsführer für Experimente mit neuen und laufenden Produkten genutzt wurde.

Endlich hatte Joel Madoc die Tür zum Speisesaal der Firma geöffnet, um Darina den anderen Vorstandsmitgliedern vorzustellen.

Plötzliche Stille erfüllte den Raum, als sie eintraten. Die Gruppe aus zwei Frauen und einem Mann stand betreten am Kamin, wie Kinder die bei etwas Verbotenem erwischt worden waren. Dann bewegte sich Anna Drax Johnson sanft vorwärts und Darina vergaß diesen ersten Eindruck. Beinahe sofort danach hatte Peter Drax mit Entschuldigungen für seine Verspätung den Raum betreten und die Gesellschaft war komplett.

Anna, die Marketingleiterin, Marian, die Buchhalterin und Michael, der Verkaufsleiter, waren Darina vorgestellt worden. Als Peter Drax an der Reihe war, wurde ihr kein erläuternder Titel genannt; er musste zum Aufsichtsrat zu gehören.

Seit seiner Anfrage zur finanziellen Situation der Firma schienen alle Vorstandsmitglieder den Gast am Mittagstisch vergessen zu haben, und als die Machtkämpfe in Fahrt kamen, fragte Darina sich, ob Charles Johnson wusste, dass Finer Foods finanzielle Probleme hatte. Er hatte ihr gegenüber diese Möglichkeit gewiss nicht erwähnt. Er hatte nur gesagt, dass die Firma angesichts erhöhter Konkurrenz den Bedarf sah, ihr Profil als Marktführer bei Gourmet-Lebensmitteln zu stärken.

Es schien allerdings, als hätte die Firma ernstere Probleme als die Ausbreitung von Konkurrenzprodukten.

Als Marketingleiterin lieferte Anna ihre Situationsanalyse mit leidenschaftlicher Überzeugung und mit scharfem Sarkasmus für das, was sie als Joels Ignoranz empfand. Ihrer Meinung nach lag die Antwort auf die Schwierigkeiten darin, die Firma in Supermärkten zu etablieren. „Das könnte unsere Verkaufszahlen deutlich erhöhen. Unsere Zukunft liegt dort, wo der moderne Kunde sein Essen kauft. Die Tage, um Lebensmittelläden und Feinkostgeschäfte vor Ort zu fördern, sind vorbei, für diese Art des Einkaufes hat niemand mehr Zeit.“

Finer Foods hat seinen Ruf auf Exklusivität aufgebaut, auf der Loyalität zu Gourmet-Verkaufsstellen“, sagte Joel schnell.

„Die meisten davon gehen den Bach runter.“

„Dann wäre da noch die Präsentation der Waren, wir hätten keine Kontrolle darüber, das könnte desaströs sein.“

„Wenn du dich je bequemt hättest, in einen modernen Laden zu gehen, hättest du gesehen, dass deren Auslage mindestens genauso ansprechend ist, wie die in deinen sogenannten exklusiven Lebensmittelläden, oft sogar deutlich ansprechender. Sie haben Theken für Feinkost und frischen Fisch, ihre Fleischereien sind marktführend und wer stellt seinen Kunden neues Obst und Gemüse vor? Nicht dein örtlicher Gemüsehändler.“

„Hast du ihre nachlassenden Wachstumskurven in letzter Zeit nicht gesehen? Den Profitzwang, die Zunahme von lagerhausartigen Billigläden? Ist es das, wo du Finer Foods sehen willst? Ich weiß, dass du wenig Verständnis für unsere Produkte als Lebensmittel hast, aber …“

Anna feuerte einen Blick voller Bosheit und Missgunst auf ihn ab und unterbrach ihn, ehe er sie weiter schlechtmachen konnte. „Ich weiß weitaus mehr über unsere Produkte als du, und ich bin über jeglichen Zweifel erhaben, wenn ich sage, dass deine Idee von einer Feinkostkette uns in den Bankrott treibt, noch bevor der erste Laden aufmacht.“

Zu dem Zeitpunkt mischten sich das gegenseitige Angiften von Marian und Peter in Annas Auseinandersetzung mit dem Geschäftsführer.

Darina kam nicht umhin, Joel Madocs Selbstbeherrschung zu bewundern. Wie persönlich die Beleidigungen auch wurden, er erhob nie die Stimme und behielt sein gelassenes Auftreten. Je haarsträubender die Anschuldigung, desto ruhiger wurde er. Doch als Michael Berkeley Marian Drax zur Seite sprang, indem er nahelegte, sie könnte ein anderweitiges Motiv für ihr Zögern in der Computerentscheidung haben, legte Joel Messer und Gabel so bedächtig zur Seite, wie ein Boxer, der vor seinem Kampf den Mantel ablegt.

„Lasst mich eine Sache völlig klarstellen. Der Rückgang der Firmenprofite bereitet mir ebenso viele Sorgen wie jedem von euch. Als Neueinsteiger kann ich dafür keine Verantwortung übernehmen, aber ich bin entschlossen, die Ursache zu finden. Eure Zahlen, Anna und Michael, legen nahe, dass es sich nicht um einen markanten Umsatzeinbruch handelt. Ich habe mir auch die anderen Zahlen angeschaut, die Marian zur Verfügung gestellt hat, aber zurzeit gibt es zu wenig Informationen, um sich auf irgendetwas festzulegen.“

Er blickte einmal um den Tisch herum, in die argwöhnischen Gesichter, die ihn betrachteten. „Ohne eine detaillierte Statistik mit neuesten Daten sind wir verloren. Deshalb bin ich so erpicht darauf, diesen Albtraum durchzustehen, und ich verstehe“, sagte er an Marian Drax gewandt, „dass die Digitalisierung der Konten für dich genau das sein muss. Aber die Alternative muss ein noch größerer Albtraum sein, sowohl für dich, als auch für die Firma. Wenn du nicht in der Lage bist, bis zum Ende des Monats einen Computer auszuwählen und zu bestellen, werden wir einen Buchhalter einstellen, der es kann.“

Bestürzte Stille. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, wer Christ und wer Löwe war. Marian Drax saß nur da, die letzte Farbe wich aus ihrem Gesicht. Ihre Lippen öffneten und schlossen sich wie die eines Fisches, schnappten wortlos nach Luft. Sie blickte zu Anna Drax Johnson, in der Hoffnung auf Unterstützung. Und bekam sie.

„Das kannst du nicht machen, Joel. Dies ist ein Familienbetrieb, Marian ist nicht nur Buchhalterin, sondern auch Anteilseignerin.“

„Bis du für mehr als fünfzig Prozent der Anteile sprechen kannst“, sagte er seidig sanft, „denke ich, dass meine Entscheidungen maßgeblich sind.“

Anna biss sich auf die Lippe und eine geballte Faust presste sich fest auf den polierten Mahagoni-Tisch.

„Wenn du nur unsere Abfindung akzeptieren würdest, Joel, dann wären deine Probleme gelöst.“

„Hoffnungslos, meine Liebe. Ich habe diese Firma geerbt und ich werde sie führen.“

„Auch in den Bankrott?“

Es war Peter Drax, der die Situation entschärfte. „Ich muss gestehen, Anna, dass ich mit Joel übereinstimme und nicht verstehen kann, worüber Marian sich so aufregt. Bei uns in der Praxis läuft alles über Computer und es ist beeindruckend, wie das alle möglichen Situationen für uns vereinfacht hat. Wir wissen genau, wie viel jeder Aspekt der Arbeit kostet und können die aktuellen Zahlen mit denen von vor einer Woche, einem Monat oder einem Jahr vergleichen.“ Er lehnte sich zu der blassen Frau an seiner Rechten. „Ich weiß, dass du all die Jahre wunderbare Arbeit geleistet hast, Marian, aber die Zeiten ändern sich.“

Sie erwiderte seinen Blick, in ihren blassblauen Augen lag eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Kummer, sie versuchte zu sprechen, fand nicht die nötige Beherrschung, ließ ihre Serviette auf den Teller fallen und verließ eilig den Tisch.

Michael Berkeley erhob sich. Anna legte eine Hand auf seinen Arm. „Lass sie gehen, du kannst ihr nicht helfen.“ Er sank zurück in seinen Stuhl.

Joel schien sich endlich wieder an seinen Gast zu erinnern. „Liebste Darina, wie unmanierlich von uns, all unsere schmutzige Wäsche vor Ihren Augen zu waschen. Diese Angelegenheiten gehören in den Konferenzraum, nicht an den Mittagstisch. Ich traue mich kaum noch zu fragen, ob Sie bereit sind, diesen Auftrag zu übernehmen.“

„Ich glaube, es ist unmöglich, etwas zu schreiben, das Sie alle zufriedenstellt“, sagte Darina langsam und an den ganzen Tisch gerichtet. „Es scheint zu viele verschiedene Zukunftsperspektiven zu geben.“

„Machen Sie sich keine Sorgen um mich“, sagte Anna mit hochrotem Gesicht, geradezu schmerzhaft aufrecht und beherrscht dasitzend. „Ich habe dem Plan zugestimmt, als er das erste Mal erörtert wurde. Tatsächlich ist das einer der wenigen Pläne, denen ich zurzeit zustimme.“

„Genau!“, sagte Michael Berkeley herzlich und stürzte sich damit hoffnungsvoll auf das unstrittige Thema. „Ich sage schon seit einer Weile, dass wir genau so ein Buch brauchen, etwas, das unser Qualitätsversprechen unterstreicht, das erklärt, dass unsere Produkte …“, er zögerte und blickte hilfesuchend zu Anna.

Die Hilfe kam unerwarteterweise vom Geschäftsführer. „Etwas, das erklärt, dass unsere Produkte für die gehobene Küche genauso brauchbar sind wie frisch geerntetes Gemüse oder gut abgehangenes Fleisch; dass sie essenziell für die Küche eines jeden guten und experimentierfreudigen Kochs sind. Das ist die Botschaft, die wir vermitteln wollen. Michael, führe Miss Lisle ins Konferenzzimmer und sieh mit ihr unser Sortiment durch.“ Er wandte sich an Darina. „Ich werde dafür sorgen, dass man Ihnen dort Kaffee bringt.“ Es war eher ein Befehl als ein Vorschlag.

Ob sie wollte oder nicht, Darina würde mehr über Finer Foods und seine Produkte erfahren.

Kapitel Zwei

Michael Berkeley führte Darina durch den Empfangssaal ins Konferenzzimmer.

Es hatte einen guten Schnitt, an den Wänden war in aufgereihten Vitrinen das Sortiment der Firma ausgestellt, auf allen Produkten prangte das charakteristische Logo von Finer Foods.

Der Verkaufsleiter öffnete einen Schrank und nahm einige Broschüren heraus. „Die Firma begann ihren Betrieb im neunzehnten Jahrhundert als Lebensmittelfachhandel“, erklärte er.

Doch Darina hörte nicht zu. Sie bewegte sich zum Kopf des langen Mahagoni-Tisches, zog den schweren Lehnstuhl hervor, der offensichtlich für den Vorsitzenden einer Besprechung vorgesehen war, und setzte sich. „Ich denke, Sie setzen mich lieber darüber ins Bild, warum genau dem Geschäftsführer das Vertrauen seiner Vorstandsmitglieder zu fehlen scheint.“

Er zögerte, seine schmalen Schultern im fachmännisch gepolsterten Jackett sanken herab. „Ich glaube nicht …“, setzte er an.

„Schauen Sie, Joel Madoc hätte die Aufführung da drin stoppen können, ich kann nicht behaupten, dass es zu irgendeiner Zeit eine Diskussion gewesen ist. Offensichtlich will er, dass ich alles über die Firma und seine Rolle darin erfahre. Warum sonst wurden wir beide hier hergeschickt?“

Das Gesicht des Verkaufsleiters verlor seine angenehme Liebenswürdigkeit; es war, als fände er sich plötzlich in einem mündlichen Examen wieder, für das er nicht vorbereitet war. Er deutete mit einer halbherzigen Handbewegung auf die Vitrinen, straffte seine Schultern, rückte die Schulterpolster zurück und zog einen Stuhl in der Mitte des Tisches hervor. Er setzte sich, nahm die Brille ab, säuberte sie und setzte sie wieder auf seine gerade, wohlgeformte Nase. Die Firmenbroschüren ließ er vor sich auf das polierte Holz fallen und fummelte so lange an ihnen herum, bis sie in einem ordentlichen, parallel zur Tischkante ausgerichteten Stapel vor ihm lagen. Darina wartete geduldig.

„Lassen Sie mich helfen“, sagte sie schließlich, denn er schien nicht in der Lage, einen Anfang zu finden. „Wann und wie wurde Joel Madoc Geschäftsführer von Finer Foods?“

Der Verkaufsleiter hatte noch immer Schwierigkeiten. Er legte seine Arme behutsam auf den Tisch, faltete die Hände, sah nach unten, nahm die Hände wieder auseinander, drehte seinen Siegelring und sagte endlich: „Es war der Wunsch seiner Frau, Eleanor Drax.“ Er sah zu Darina auf. „Sie hat Finer Foods wirklich aufgebaut. Ihr Vater, Harvey Drax, erwarb die Firma nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Seine Stimme gewann allmählich an Selbstvertrauen. „Er erweiterte das Sortiment und fing damit an, chinesische Restaurants zu beliefern – die noch immer einen beträchtlichen Teil unseres Geschäftes ausmachen. Aber es war Eleanor, die das Markenimage entwarf, das Verkaufspersonal antrieb und die Inspiration für die blühende Firma lieferte, die wir heute sind.“

Eine gut geprobte, kleine Rede, dachte Darina, die ihr nicht besonders half, die Ereignisse vom Mittagessen zu verstehen.

„Eleanor Drax? Wie sind Marian, Peter und Anna mit ihr verwandt?“

„Marian ist ihre Schwester, Peter und Anna ihre Kinder.“ Micheal Berkeley legte ziemlich unbeschwert die Fakten vor.

„Aber Joel Madoc ist nicht ihr Vater.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Die unterschiedlichen Nachnamen bedeuteten für sich genommen nichts, zumal sich sogar seine Frau Drax genannt zu haben schien. Aber der Geschäftsführer sah aus, als wäre er fast fünfzig, und Anna Drax ging stark auf die vierzig zu, während ihr Bruder wahrscheinlich etwa fünf Jahre jünger war.

Michael Berkeley fuhr mit einem Finger an der Kante seines ordentlichen Broschürenstapels entlang. „Annas und Peters Vater starb vor etwas über zwanzig Jahren, da war Anna um die achtzehn.“

„Ein schwieriges Alter, um als Mädchen seinen Vater zu verlieren.“ Darina wusste genau, wie schwierig es war. „Kannten Sie ihn?“

„Nicht wirklich, ich war noch nicht lange in der Firma und Patrick Cavanagh hat sich fast nie im Büro blicken lassen.“

„Cavanagh? Hat Eleanor Drax auch den Namen ihres ersten Ehemannes nicht angenommen?“

„Ich konnte mir zusammenreimen, dass es eine Bedingung ihres alten Herrn war. Patrick Cavanagh, nun, sagen wir, er war kein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Und Harvey Drax hatte wenig Zeit für Versager.“ Er schaute flüchtig zum Bild über dem Kamin. Darina folgte seinem Blick. Ein Mann mit schweren Gesichtszügen und kalten Augen sah zu ihr herüber. Die entschlossenen Lippen hatte seine Enkelin geerbt. Darina spürte, wie die Luft ein wenig kühler wurde.

Dann bemerkte sie ein anderes Porträt, das Eleanor Drax darstellen musste. Selbst unter Berücksichtigung der künstlerischen Freiheit, war sie eine atemberaubend schöne Frau gewesen. Ganz wie ihre Schwester, das gleiche blonde Haar, ein ovales Gesicht und der gleiche schlanke Hals. Aber sie strahlte die Lebensfreude ihrer Tochter aus, die ihrer Schwester fehlte, oder die sie über die Jahre verloren hatte. War es diese Lebensfreude oder das Aussehen, das sie einen weitaus jüngeren Mann erobern und halten ließ? Vielleicht war es die Kombination, die sie so verführerisch machte.

„Also war Joel Madoc der zweite Ehemann von Eleanor Drax. Wann haben sie geheiratet?“

Micheal Berkeley dachte einen Augenblick nach. „Muss vor ungefähr sechzehn Jahren gewesen sein.“

„Sechzehn?“ Darina konnte die Überraschung in ihrer Stimme hören.

„So etwas in der Art. Aber er ist erst seit Kurzem in der Firma involviert.“

„Noch ein Versager?“, murmelte Darina. Aber das konnte nicht der Grund gewesen sein. Was Joel auch sonst sein mochte, sie konnte ihn sich nicht als irgendeine Art von Versager vorstellen. Selbstvertrauen und Macht standen ihm, wie sie nur einem routinierten Eroberer stehen konnten, oder vielleicht einem erstklassigen Hochstapler. Wo war dieser Gedanke jetzt hergekommen? Er was so fremdartig, dass Darina über sich selbst staunte.

„Joel Madoc war recht erfolgreich“, bestätigte Michael Berkeley. „Er hat seine eigene Firma für Herrenmode aufgebaut und letztes Jahr verkauft; sehr gewinnbringend, wie ich glaube.“

„Warum hat er verkauft?“ Darina fragte sich, ob das Geld ihn angezogen hatte.

„Eleanor wollte ihn in der Firma. Sie war krank, ich glaube, sie wusste, dass sie sterben würde.“ Michael Berkeley zögerte einen Augenblick. „Aber ich denke, sie glaubte, mehr Zeit zu haben; dass sie ihn sicher an der Spitze sehen würde, ehe sie aufgeben müsste. Aber es ergab sich …“, er räusperte sich und fummelte wieder an den Broschüren herum, „dass sie ins Krankenhaus kam, kurz nachdem sie ihn zum Geschäftsführer ernannt hatte. Sie starb wenige Wochen darauf. Das war vor sieben Monaten, ein schrecklicher Schock für uns alle. Und als das Testament verlesen wurde, stellte sich heraus, dass sie ihm ihre Anteile hinterlassen hatte.“

Ein kurzes Schweigen entstand. Darina dachte an die zwei Frauen, die sie an diesem Tag getroffen hatte, Eleanors Schwester und Tochter. „Wie lange arbeiten Marian und Anna schon in der Firma?“, fragte sie.

Der Verkaufsleiter seufzte. „Marian ist die jüngere Tochter von Harvey Drax. Anscheinend bestand er darauf, dass sie in die Finanzabteilung kam, sobald sie die Fachhochschule verlassen hatte. Sie studierte Unternehmenspraxis und Buchhaltung, ist aber keine voll ausgebildete Buchhalterin. Trotzdem hat sie hervorragende Arbeit geleistet, seit sie nach dem Tod ihres Onkels übernommen hat“, fügte er hastig hinzu. „Wir hatten nie Probleme mit den Rechnungsprüfern.“ Darina fragte sich, was das in finanzieller Hinsicht bedeutete und wartete darauf, dass er fortfuhr.

„Anna stieß vor etwa sechs Jahren zu uns“, sagte er nach einem Augenblick. „Ursprünglich lernte sie im Modebereich, war Einkäuferin für eines der größten Geschäfte. Nach der Geburt ihrer Töchter hat sie die Arbeit aufgegeben. Und nach ihrer Scheidung schlug Eleanor ihr vor, in die Firma zu kommen. Sie sagte, wir bräuchten jemanden mit Annas Sinn für Design und Verkaufserfahrung für die Marketingabteilung.“

„Aber als ihr klar wurde, dass sie Finer Foods nicht mehr selbst würde leiten können, holte sie ihren Ehemann in die Firma, anstatt sie ihrer Schwester oder Tochter zu übergeben?“

Michael Berkeley sagte nichts – er musste es nicht. Darina fragte sich, ob Eleanor Drax noch ausreichend Kraft gehabt hatte, um die potenziell explosive Situation zu entschärfen, die ihre Entscheidung verursacht hatte. Falls ja, war ihr Versuch, dem Mittagessen nach zu urteilen, erfolglos geblieben. Ging es dann hier um persönliche Rache, einen Machtkampf oder handelten Anna und Marian im besten Interesse der Firma?

„Wie viel Erfahrung hat Joel Madoc?“

„Wie ich schon sagte, er hat mit einigem Erfolg seine eigene Firma geleitet, aber ich glaube nicht, dass er geschäftlich mit Lebensmitteln zu tun gehabt hat, ehe er hier anfing.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem ironischen Lächeln. „Er betrachtet sich selbst als so etwas wie einen Lebemann, obwohl er einfach nur Gefallen an gutem Essen findet.“

Als Lebemann konnte man auch jemanden bezeichnen, der Gefallen an anderen sinnlichen Freuden als dem Essen fand, überlegte Darina still und sagte dann: „Und seine Frau hätte ihm ohne Zweifel über die Jahre einiges über Finer Foods berichtet.“

Micheal Berkeley rutschte in seinem Stuhl herum.  „Ich schätze, er wird irgendwo irgendwas über das Geschäft erfahren haben. Er hat sich auf jeden Fall wichtiggemacht, also, er schien zuversichtlich, seit er die Leitung übernommen hat.“

„Aber wenn ich das beim Mittagessen richtig verstanden habe, hat Finer Foods Probleme. Sollen das vorgeschlagene Buch und die Werbekampagne noch einen drastischeren Effekt erzielen, als nur das Image der Firma aufzubessern?“

Der Verkaufsleiter rückte seine Seidenkrawatte zurecht und richtete sich etwas auf.

„An unserem Image gibt es nichts zu bemängeln, was ein paar zusätzliche Verkäufer nicht ausbügeln könnten. Anstatt Geld für Feinkostläden und die für Supermärkte benötigte Verpackung auszugeben, sollten wir lieber mehr Vertreter einstellen.“

Darina legte den Kommentar gedanklich bei den anderen ab, die sich beim Streit am Mittagstisch gesammelt hatten. Sie wollte Michael Berkeley fragen, wie er zu all dem stand, aber sie wusste, dass der Versuch unnötig aufdringlich wäre. Da er es geschafft hatte, sich das ganze Essen über nicht auf eine Seite zu schlagen, würde er ihr gegenüber jetzt nicht einknicken.

Stattdessen fragte sie, was er von der Firma hielt.

Michael Berkeleys Gesicht hellte sich auf. „Bevor ich hier anfing, war ich ein erfolgreicher Geschäftsmann, aber ich fand nie eine wirkliche Beziehung zu meinen Produkten. Finer Foods war eine Offenbarung.“ So hätte Sir Galahad vielleicht auch vom Heiligen Gral gesprochen.

„Sie interessieren sich für Lebensmittel?“

Darina musste nicht weiter fragen. Sie hörte mit interessierter Anteilnahme zu und tarnte sorgfältig ihre Belustigung darüber, wie er die Rolle beschrieb, die Lebensmittel in seinem Leben spielten.

Es stellte sich heraus, dass seine Mutter weit gereist war, erst mit seinem Vater, dann mit seinem Stiefvater, beide Bautechniker. Sie hatte es genossen, die Küche jedes Landes zu studieren, in dem sie sich gerade aufhielt.

„Ich lernte die Welt durch Lebensmittel kennen“, sagte Michael Berkeley träumerisch. „Indien war für mich Gewürz. China unterteilte sich in regionale Küchen. Brasilien war Kaffee, Schokolade und Maniok – ein Knollengemüse, das dort Grundnahrungsmittel ist und zu Brot verarbeitet oder wie Kartoffeln gekocht wird. Das finden Sie hier drüben nicht, vielleicht zu fad für den westlichen Geschmack, und es gibt nicht genug Einwanderer, die einen eigenen Markt bilden würden. Aber meine Mutter liebte es, damit zu experimentieren.“

Darina dachte, eine Frau gefunden zu haben, mit der sie sich identifizieren konnte. Sie fragte, ob sie noch lebte, und überlegte, ob sie sie wohl treffen könnte.

„Ja, aber wir haben nicht viel miteinander zu tun.“ Er blickte aus dem Fenster auf die herbstlichen Büsche. „Ich hasste meinen Stiefvater, das beruhte auf Gegenseitigkeit, und ich glaubte, meine Mutter würde sich mehr um meinen Stiefbruder kümmern, als um mich. Sobald ich erwachsen war, habe ich alle Beziehungen abgebrochen.“

Darina stellte fest, dass Michael Berkeley trotz seiner versöhnlichen Herangehensweise genauso zu tief verwurzelten Vorurteilen fähig war wie jeder andere am Mittagstisch.

„Doch nach dem Tod meines Stiefvaters habe ich wieder ein bisschen was von ihr mitbekommen. Sie lebt jetzt in Suffolk.“ Seine Stimme klang abweisend und Darina wurde klar, dass es keinen Sinn hatte, ihre Neugier nach dieser Frau zu verfolgen, die so viel über fremdländisches Essen wusste. Sie fand es bedauerlich, dass Mutter und Sohn ihre gemeinsame Begeisterung nicht besser nutzen konnten, um ihre Differenzen zu überwinden. Dann fragte sie sich, wie wohl Annas Beziehung zu ihrer Mutter gewesen war. Wie sehr hatte die Feindseligkeit zwischen ihr und Joel die Mutter-Kind-Bindung vergiftet? Und was stand überhaupt hinter dieser Feindseligkeit? Eine weitere Frage, die sie dem Mann vor ihr nicht zu stellen brauchte.

„Verbringen Sie viel Zeit mit Reisen, um neue Produkte zu entdecken?“, fragte sie, um die Unterhaltung wieder auf Finer Foods zu lenken.

Michael Berkeley schenkte ihr ein ironisches Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, so arbeiten wir nicht. Als ich anfing, habe ich von regelmäßigen Reisen ins Ausland geträumt, aber wir verlassen uns hauptsächlich auf ausländische Agenten, die uns Ideen bringen, Lieferanten finden und die Qualitätskontrolle in der Produktion sicherstellen.“ Darina hörte sich die Details darüber an, wie Finer Foods dafür sorgte, nur Produkte in bester Qualität zu vermarkten, wie strikt ihre Standards und wie detailliert die Anforderungen an ihre Lieferanten waren, und wie sie mittlerweile sogar so weit wie möglich ökologische Überlegungen in Produktion und Verpackung einbezogen.

„Wie wäre es, wenn Sie die verschiedenen Produktlinien mit mir durchgingen?“, schlug sie schließlich vor. Michael Berkeley reichte ihr die erste seiner Broschüren herüber, sichtbar erleichtert, von den finanziellen und personellen Problemen der Firma loszukommen.

***


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.


Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

Janet Laurence – Mord für Feinschmecker

Das E-Book kaufen.

Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Später zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

Mehr zu Darina Lisle:
Band 1: Mord extra scharf
Band 2: Mord gut abgeschmeckt
Band 3: Mord Well Done
Band 4: Mord nach Rezept

Du möchtest über Neuerscheinungen, Aktionen und Gewinnspiele rund um die Darina Lisle-Reihe  informiert werden? Dann melde dich für unsere exklusive Mailing-Liste an.


Mord nach Rezept – Darina Lisles vierter Fall

Stuttgart, Januar 2018. Das wichtigste bei einem Cosy-Crime-Roman? Die Ermittlerfigur – die darf gerne originell und schrullig sein. Auf Brutalität und großes Blutfließen wird in dem Genre Cosy Crime verzichtet. Es geht vielmehr beschaulich zu, gerne auch humorig. Passiert ein Mord, wird er nicht im Detail beschrieben – aber natürlich wird nach dem Mörder gesucht und das vor allem unkonventionell. Ermittlerfigur Darina Lisle, Protagonistin in Janet Laurence Mord nach Rezept, kann das in ihrem bereits vierten Fall wieder ganz ausgezeichnet: Bei einem erlesenen Kochwettbewerb sitzt Darina Lisle, Köchin und Hobbydetektivin aus Leidenschaft, unter den Juroren. Die Einladung der Siegerin, ein Wochenende auf deren Landsitz zu verbringen, kommt ihr gelegen und sie nimmt ohne Bedenken an. Dort erwartet sie allerdings nicht das versprochene warme Büffet, sondern ein eiskalter Mord. Schnell vergeht ihr der Appetit an den kulinarischen Leckereien, die dem Opfer zum Verhängnis wurden. Doch Darina wäre nicht Darina, wenn sie nicht sofort die ersten Ermittlungen aufnehmen würde …

Download Pressemitteilung: PM 01-2018_dp_Digital Publishers_Mord nach Rezept

9783960872863

Eiskalter Mord statt warmem Büffet: Darina Lisle löst auch ihren vierten Fall mit feiner Spürnase und klassischem, britischem Humor – amüsant, ein wenig schrullig, mit Charme und jeder Menge Cleverness.

Mord Well Done – Darina Lisles dritter Fall

Stuttgart, Januar 2018. Der Krimi Mord Well Done von Janet Laurence gehört ganz klassisch dem Genre Cosy Crime an. Wie seine Vorgänger auch, verzichtet er auf Brutalität und übermäßiges Blutfließen. In Mord Well Done geht es daher etwas beschaulicher, aber umso humorvoller zu. Das wichtigste bei Cosy-Crime-Romanen ist ohnehin immer die Ermittlerfigur – die darf gerne originell und schrullig sein. So wie Darina Lisles, die dieses Mal bereits ihren dritten Fall aufklärt: Gerade erst Mitbesitzerin eines Hotels auf dem Lande geworden, ist Darina voll und ganz mit Planen und Umgestalten beschäftigt, bevor aus der Mischung von angestaubtem Prunk und Hässlichkeit ihr Traum von einem Hotel wirklich wahr wird. Viel zu beschäftigt für den Geschmack ihres Freundes Inspektor William Pigram, der in der Nähe des Hotels in einem Mordfall ermittelt. Das ändert sich erst, als ein zweiter Toter sämtliche Bewohner und Gäste des Hotels zu Verdächtigen macht. Darinas kriminalistischer Spürsinn ist erwacht: Gemeinsam mit William stellt sie dem Doppelmörder nach.

Download Pressemitteilung: PM 01-2018_dp_Digital Publishers_Mord well done

Darina Lisle_Teil 3_klein

Auf den Spuren eines Doppelmörders: Hobbydetektivin Darina Lisle ermittelt in ihrem dritten Fall wieder mit Herz und britischem Humor – verlässlich amüsant, schrullig, mit Charme und jeder Menge Cleverness.