Eine Hochzeit in den Highlands geht in die zweite Runde

Stuttgart, September 2017. Mit dem rechten Fuß zuerst sollte die Frau das Haus verlassen, ein Sixpence im Schuh der Braut soll Glück bringen und wenn die Braut in das Auto steigt, wirft ihr Vater eine Handvoll Münzen, die Kinder aufsammeln können – ein Brauch für finanzielle Absicherung – und in Fife, Schottland, ist es zudem üblich, sich als Braut in einer Badewanne sitzend, die Beine mit Fett, Asche und Ruß beschmieren zu lassen. Eine nette Gegend mit Hochzeitsbräuchen, die neugierig machen, oder?

In ihrem zweiten Band Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte zu viel erzählt Katherine Collins die Geschichte um Weddingplanerin Sina, die nun für ihre beste Freundin Liny in den schottischen Highlands die Hochzeit ausrichten soll – komplett mit schottischen Wettkämpfen, Kilts und Schafen. Sinas ehrgeiziger Plan, sich selbständig zu machen, um ihrem Ex und cholerischen Chef bei der Agentur zu entkommen, gestaltet sich als schwierig. Ihr Ruf steht aufgrund einer Reihe von Pannen und mysteriösen Unfällen auf der Kippe. Auch ihr Tischpartner Islay Campbell erweist sich als äußerst ungalanter Begleiter. Keine Chance, dass Sina mit ihm als Partner bei den Highland-Games das Preisgeld gewinnt, so schlecht wie die beiden miteinander auskommen. Sollte Sina sich doch lieber für den charmanten, aber aufdringlichen Ian McDermitt, Duke of Skye, entscheiden? Wenn da nicht immer dieses leise Kribbeln wäre, jedes Mal wenn sie in Islays Nähe ist – und bei den Highland-Games muss man ganz schön auf Tuchfühlung gehen …

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Die Liebesgeschichte auf Schottisch erlebt endlich eine Fortsetzung: Der Roman Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte zu viel von Katherine Collins ergänzt die Reihe mit einer romantischen Geschichte um Sina und ihre Verehrer. Für wen wird sie sich entscheiden – für Islay Campbell oder Ian McDermitt, den Duke of Skye? Der Roman erscheint Ende September bei dp DIGITAL PUBLISHERS.

Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte zu viel

Kapitel 1

Ich drückte Linys Schulter. Meine beste Freundin war außer sich, hatte bereits gläserne Augen und stand so offensichtlich kurz davor, in haltlose Tränen auszubrechen, dass ich etwas unternehmen musste, bevor die Stimmung umschlug. Sie war zwar sonst nicht nahe am Wasser gebaut, aber seit ich auf Farquhar war, bekam ich eine neue Seite an meiner jahrelangen Freundin präsentiert. „Tief durchatmen. Alles ist halb so schlimm“, versicherte ich also und grinste in den Spiegel, obwohl ich mindestens so angespannt war wie sie. Diese Hochzeit war nicht die erste, die ich organisierte, schließlich arbeitete ich seit acht Jahren als Weddingplanerin in einer Agentur, und doch stellte mich dieses Event heute immer wieder vor unerwartete Herausforderungen. Trösten von tränennahen Bräuten zählte normalerweise nicht dazu.

„Es passt nicht“, wiederholte sie, während die schottische Stylistin an der Verschnürung der Korsage zerrte. Es ergab ein recht lächerliches Bild bei dessen Betrachtung man sich fragte, ob die Korsage tatsächlich noch enger geschnürt werden musste. Liny war schlank und auch hochgewachsen, anders als die pummlige Schneiderin, die an ihr arbeitete, als quetschte sie sich selbst in das zu kleine Kleid. „Uff.“ Sie tat ihr Bestes, um das Kleid zu schließen, das musste man ihr lassen, aber in diesem Punkt hatte Liny unbestreitbar recht.

„Wie kann es nicht passen? Die letzte Anprobe war doch erst vor zwei Wochen!“

Die Situation ging offenbar mehr und mehr den Bach runter, was konnte die Braut davon abhalten, in haltlose Tränen auszubrechen? Falsche Frage, was konnte Liny dazu bringen, die Haltung zu wahren? Schließlich war meine Freundin Liny dafür bekannt, sarkastische Kommentare abzugeben und sich nicht aus der Ruhe bringenzulassen. So hatte sie auch ihren Zukünftigen kennengelernt, Lachlan McDermitt, den Sohn des Duke of Skye. Bei der Planung der Hochzeit seines Bruders hatten sie sich vor zwei Jahren kennengelernt: Auf einer Schafswiese. Damals waren Liny und ich noch Kolleginnen in der Agentur gewesen. Und nun ging sie mit einem schottischen Adeligen vor den Traualtar.

 Schon besser. Zwei Dinge halfen bei ihr immer: Konfrontation und Überraschung. „Hm, woran mag das liegen?“ Ich zwinkerte mit einem bedeutenden Blick auf ihren Bauch und erreichte, was kein Trost oder Zureden vollbracht hätten. Linys Augen klärten sich schlagartig, wurden größer und spiegelten Hoffnung wieder.

„Unsinn“, murmelte sie, trotz ihres Wunsches, schwanger zu werden, und strich sich dabei über den flachen Bauch, den sie zusätzlich einzog.

Auf den Weg gebracht, trieb ich es voran, alles war besser, als eine Braut, die jeden Moment die Fassung verlor und losheulte wie ein Schlosshund. „Ach ja? Da sagt ein bekanntes Klatschblatt aber etwas völlig anderes.“

Besagte Klatschzeitung spekulierte bereits seit der Bekanntgabe der Eheschließung zwischen meiner Freundin Liny und dem schottischen Adeligen, Lachlan Kendrick McDermitt, über die Gründe und einer davon war eine mögliche Schwangerschaft. Ich gab schon lange nichts mehr auf die Berichte, obwohl ich zu Beginn jede Ausgabe gekauft und verschlungen hatte, schließlich sah ich Liny so gut wie gar nicht mehr, seit sie sich nach Farquhar, dem Herrenhaus der McDermitts in den Highlands, zurückgezogen hatte: vor mehr als eineinhalb Jahren. Zwar telefonierten wir regelmäßig, immer noch, aber es war doch etwas anderes, nachdem wir ein Jahr lang zusammengearbeitet und dabei fast den ganzen Tag miteinander verbracht hatten. Ich vermisste sie, das gab ich gerne zu.

Liny drehte sich, um mich vis-á-vis anzusehen. „Ich bin definitiv nicht schwanger.“

„Also, wenn du mich fragst …“ Ich brach unter ihrem feurigen Blick ab und hob die Hände. „Schon gut, ich halte den Mund.“ Ich konnte mir weitere Provokationen sparen, Liny hatte sich wieder in der Gewalt. Sie strich das Kleid glatt, erst am Bauch, dann an den Seiten und drehte sich zum Ärger der Stylistin vor dem Spiegel hin und her, bis diese etwas Harsches sagte, was ich nicht verstand. Gälisch und vermutlich eine freundliche Bitte, stillzuhalten, aber in meinen Ohren klang jedes gälische Wort nach einer Beleidigung.

„Was wäre dabei?“, mischte sich Carmen, Linys Schwester, ein und enthob mich der Notwendigkeit, sie bei Laune zu halten. Gut so, denn eigentlich hatte ich genug anderes zu tun. Nachrichten abzurufen zum Beispiel. Iain, der Bruder des Bräutigams, spammte mich mit Nachrichten zu. Keine von ihnen war irgendwie relevant, was mich gehörig ärgerte, schließlich hatte ich keine Zeit, die ich mir mit dummen Geschwätz vertreiben könnte. Neben Liny hatte ich noch eine Menge anderer Dinge im Auge zu behalten: Pastor, Verpflegung, Gästezahl und Anwesenheit, Blumen, Deko … Die Liste war endlos.

Wie weit ist Lachlan?, tippte ich schnell und warf Liny dabei einen Blick zu. Du kannst dich auf den Weg machen, Liny sollte in fünf Minuten bereit sein.

Wenn nicht, musste Ian halt vor der Tür warten. Mich interessierte momentan ohnehin viel mehr, ob der Geistliche mittlerweile eingetroffen war, hatte ich ihn doch den ganzen Morgen über nicht erreichen können. Was tat so ein schottischer Geistlicher wohl an einem Morgen, an dem er zwei Menschen vermählen sollte, dass er nicht zu erreichen war?

Ich schob den Gedanken und meinen aufwallenden Ärger darüber, dass noch immer keine positive Nachricht zum Verbleib des Pastors eingegangen war, beiseite. Gab es Alternativen? Da war doch etwas, was ich irgendwo mal gehört hatte, in Bezug auf Schottland und Hochzeiten, aber es wollte mir partout nicht einfallen.

„Ziehen Sie den Bauch ein, Madame!“, wies die Stylistin an und zog mit Gewalt an der Verschnürung. „Jetzt!“

Liny keuchte. „Sie bringen mich um!“

„Zu!“, stellte die dralle Stylistin zufrieden fest und trat von der Braut zurück.

„So geht das nicht!“

Was für eine Dramaqueen, aber zumindest das hatte sie mit allen Bräuten gemeinsam. „Atme einfach flacher. Es geht, glaub mir.“ Ich übernahm den Platz der Stylistin in Linys Rücken und lockerte die Verschnürung wieder. „Besser.“

„Ist es zu?“ Sie drehte sich bei dem Versuch, die Schnürung in ihr Blickfeld zu bekommen und glich damit einem Hund, der seinen eigenen Schwanz jagte. Putzig, wie aufgeregt sie war, und so untypisch für sie.

„Es ist alles bedeckt, was bedeckt sein soll“, versicherte ich. „Du bist wunderschön.“

„Pfft. Ich passe nicht in mein Kleid!“

Ich überging den Hinweis, legte den Arm um ihre Mitte und wies sie an, langsam und flach zu atmen. Wir übten es zwei Atemzüge lang zusammen. „Sieh es so, Lachlan werden die Augen rausfallen, wenn er dich zu Gesicht bekommt, das ist es doch wert, oder?“

Linys Augen begannen zu strahlen und aller Frust wich von ihr. „Ja, das ist es wert.“ Alles an ihr unterstrich ihre Worte. Es machte mich fassungslos. Das, oder dass sich tatsächlich leiser Neid in mir regte. Liny hatte unverschämtes Glück mit ihrem Lachlan, aber sie hatte es auch verdient, dass sie bewundert und geliebt wurde. Wusste sie eigentlich wie sehr? Ich hatte in den vergangenen Wochen sehr viel mit Lachlan gesprochen, mehr als in den zwei Jahren zuvor, und war immens beeindruckt von seiner Hingabe für Liny.

„Miss, die Tiara.“

Eine Nachricht ging ein und ich checkte sie schnell, mich auf meine Aufgabe konzentrierend. Es war nicht der richtige Augenblick, um zu sinnieren, zu hadern oder dem Schicksal böse zu sein, weil es zu mir nicht so gut war, wie zu Liny.

Der Pastor war da und damit war alles bereit. Ich schloss erleichtert die Augen. Wie hätte ich dagestanden, wenn die Zeremonie ohne Geistlichen hätte stattfinden müssen? Wie in Deutschland war es natürlich eine Pro Forma Sache, ein Gimmick, wenn man so wollte, die eigentliche Eheschließung wurde durch einen Standesbeamten vollzogen. Nur so war sie tatsächlich gültig, dennoch hatte es bedeutend mehr Flair, mit Gottes Segen getraut zu werden. Zumindest war dies die offizielle Erklärung für die doch sehr ausgedehnte Feier, die uns erwartete. Ich wusste allerdings, dass es weder dem Wunsch des Bräutigams, noch dem der Braut entsprach, so einen Aufwand zu betreiben. In dem Zusammenhang war sogar Las Vegas gefallen, aber letztlich hatte sich Liny dem Etikett gebeugt und damit dem Willen der zukünftigen Schwiegermutter.

„Wir liegen hervorragend in der Zeit, falls es jemanden interessiert, und ich habe auch noch keine Hiobsbotschaften bekommen.“ Nicht ganz die Wahrheit, aber schließlich ging es mir darum, Liny zu beruhigen. Irgendwie war sie mehr als nur durch den Wind in letzter Zeit, hatte sogar die Planung ihrer eigenen Hochzeit völlig aus der Hand gegeben, was ich ihr nie zugetraut hätte. Schließlich hatte sie durch unsere Zusammenarbeit bei WeddingDreams mehr als genug Erfahrung gesammelt, mir nicht selten beigestanden und hatte ihre Aufgaben immer gut gemeistert. Vermutlich lag es an Lachlans Einfluss, dass sie einsah, wenn etwas nicht gut für sie war. Wie die nervenaufreibende Planung einer riesigen Hochzeit, die, obwohl Liny es nicht ahnte, anders verlaufen sollte, als ich es ihr geschildert hatte. Wieder vibrierte mein Handy und ich überflog Iains Nachricht. Bla, bla, bla – ich bin da.

Vielleicht sollte ich den Hinweis fallenlassen, wie sehr ich Gradlinigkeit schätzte? Ian war das komplette Gegenteil zu seinem Zwillingsbruder. Er redete gern und viel und am liebsten mit Frauen, was dazu geführt hatte, dass seine Ehe mit dem berühmten It-Sternchen Cheyenne Boularouse genau sechs Monate gehalten hatte. Seitdem brauchte er keine Rechenschaft mehr über seine Flirts abzulegen, was er nur zu offensichtlich genoss. Es verging keine Woche, in der er nicht mit einer neuen, blonden Sexbombe in den Klatschblättern abgelichtet wurde. Hin und wieder — und das regte Liny und Lachlan häufig auf — auch mit Liny. Eigentlich war Liny mit Lachlan auf Reisen und meist nicht einmal in England, oder gar London, aber wann immer man Lachlan ablichtete, hielt man ihn für seinen dekadenten Zwilling. Dies war einer der Gründe, warum die Beiden völlig zurückgezogen auf dem abgelegenen Gut Farquhar in den schottischen Highlands lebten und sich selten in der Gesellschaft zeigten.

Ich ging zur Tür, um sie zu öffnen. „Ah! Sehr schön!“ Ian Fergus McDermitt glich seinem um wenige Minuten jüngeren Zwillingsbruder bis aufs schwarze, getrimmte Haar, besonders, da sich der Bräutigam zum Anlass der Eheschließung seinen Bart abrasiert hatte, auf den Ian stets verzichtete. Seine hellen Augen strahlten eine Lebensfreude aus, die einen neidisch machen musste, auch, wenn man selbst kein Trauerkloß war. Seine Aufmachung war ebenso beeindruckend, wie seine Körpermaße. Er war schick der schottischen Tradition nach im Kilt erschienen, trug weiße Socken hochgezogen bis zu den Knien, ein blütenweißes Hemd und eine formelle zum Kilt passende Jacke. Gewöhnungsbedürftig für mich Deutsche, aber es hatte durchaus auch seinen Reiz. Zumal Ian großgewachsen war und einen Schulterumfang hatte, der jeden Bär neidisch machte. Mir kamen eher andere Gefühle hoch. Spott, schließlich kannte ich Ian sonst eher modisch und vor allem zeitgemäß gekleidet.

Dafür, dass er mich wie wild zuspammte, ließ er mich erstaunlich links liegen. Seine gesamte Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Liny. „Mo creach, letzte Chance.“ Er griff nach ihrer Hand, als sie zögerte.

„My Laird, Ihr Anliegen schmeichelt mir, aber ich sehe mich außerstande, Ihnen eine positive Antwort zu geben“, gab sie hochtrabend von sich und machte dabei einen passablen Knicks.

Ian pfiff. „Jetzt klingst du schon ganz wie unsere Mutter. Du musst dir nur noch diesen Blick angewöhnen und Lachlan behält recht.“

„Womit?“

„Dass du perfekt bist.“ Ian verstand es, einer Frau Honig um den Bart zu schmieren, aber das wunderte mich nicht. Ich hatte ihn schon einige Male in Aktion erlebt und war immer wieder beeindruckt von seinem Fingerspitzengefühl.

„Klar bin ich das. Carmen, kannst du Vater anrufen?“ Linys Schwester Carmen blockte das sofort ab und so ging die Bitte an mich weiter. „Sina?“

„Er übernimmt dich erst für den Gang zum Altar.“ Das hatte ich ihr schon einige Male vorgebetet, aber sie war schlicht zu aufgedreht, um daran zu denken. „Ian, wenn ich bitten darf.“ Ich bedeutete ihm, seines Amtes zu walten, und lauschte mit meinem Handy beschäftigt ihrem Geplänkel.

„Gern, also, wie gesagt, letzte Chance: Heiratest du lieber meinen Bruder, den brummigen Schafhirten, oder den äußerst charmanten zukünftigen Duke of Skye? Denk an all die Juwelen, die ich …“

„Schafhirte. Definitiv und unter allen Umständen.“

Ian lachte auf und ich verlor den Faden. Zusätzliche Gäste? Ich las den Eintrag erneut, wobei mir ganz flau wurde. Lachlan hatte am Vorabend angedeutet, dass nicht alle geladenen Gäste ihr Kommen bestätigt hatten, aber davon auszugehen sei, dass sie dennoch kämen. Allein deswegen hatte ich am Morgen panisch nach Erweiterungen des Menüs herumtelefoniert. Aber nun sollten noch mehr uneingeladene Gäste bewirtet werden? Das war ein Scherz! Abgesehen von den Lebensmitteln, musste auch das Personal aufgestockt werden, um die Mengen an Personen zu bewirten. Ersteres war nicht zwangsläufig ein Problem, hatte ich doch auf einen Vorrat für die anstehende Woche bestanden, und alternative Speisen konnten zubereitet werden. Hungern musste also niemand, so sich Leute fanden, die sich an den Herd stellten und sich die Gäste nicht zu fein waren, sich am Büfett zu bedienen. In Anbetracht dessen, dass wir uns hier nicht auf einer stinknormalen Hochzeitsfeier befanden, sondern der des Sohnes eines britischen Dukes, wagte ich, diese Bereitschaft zu bezweifeln.

Ich stolperte den anderen hinterher, fassungslos und mit brennendem Magen. Der wichtigste Tag im Leben meiner Freundin und ich versaute ihn. Dabei unterschlug ich, dass es fünf weitere Tage voller Feierlichkeiten gab, aus deren Planung ich aber größtenteils raus war. Ich musste hauptsächlich anwesend sein und bei der Organisation helfen, soweit es mir möglich war, um Liny Freiraum zu geben.

Nach dieser Hochzeit benötigte ich vermutlich drei Monate Erholungsurlaub, dumm nur, dass dies bereits mein Urlaub war und ich George nie und nimmer dazu brächte, mir auch nur einen weiteren Tag zu gewähren. Seufzend schob ich den bitteren Gedanken an meinen Chef weit von mich, wobei ich absichtlich alles andere ausklammerte, was in den letzten zwei Jahren zwischen uns vorgefallen war.

Die Sonne strahlte regelrecht und blendete mich, als ich aus dem Haus trat, weshalb ich das drohende Unheil zuerst hörte.

 „Mäh!“

Ich blinzelte und hob die Hand, um fassungslos das gehörnte Untier anzustarren, das auf uns zumarschiert kam.

„Oh, nein! Sheamus, was zum Henker machst du hier?“ Der Schafsbock Sheamus, der für seine Anhänglichkeit bekannt war, und Liny bei unserer Ankunft vor zwei Jahren gleich zu Boden geschubst hatte, blökte erneut und stapfte die unteren Stufen des Herrenhauses hoch. Das kleine Schloss hatte mehrere Eingänge, aber dieses war der Haupteingang und daher mit einer breiten Freitreppe versehen, an deren beiden Enden Löwen mit Wappentafeln Wache hielten. Hinter uns befand sich die riesige, uralte Halle und an den Seiten waren seit einigen hundert Jahren Anbauten leicht schräg nach hinten gezogen, dass es von Oben wie ein Kelch aussah. In ihnen befanden sich gute hundertfünfzig Räume, die sich nun wieder in ihrem alten Glanz sonnten. Das war bei unserem ersten Besuch nicht so gewesen. „Warum bist du nicht im Stall, wo du hingehörst?“

Liny sprach mit dem Tier, als wäre es ein geliebtes Familienmitglied, ein Hund oder so etwas. Bemerkte nur ich, wie merkwürdig sie sich benahm, als sie auch noch in der Landessprache auf ihn einredete und dabei sein Maul kraulte?

„Es reicht jetzt! Sguir dheth! Thalla!“

„Määähhh!“

Ich blinzelte voller Unglaube, als das Vieh tatsächlich die Stufen herabstapfte und sich dann zu uns umsah, als wartete es auf unsere Begleitung. Unheimlich, und das nicht wegen der gedrehten Hörner, dem gelben Starren und dem aberwitzigen Bärtchen.

Liny sah sich um. „Wo ist der Wagen?“

Ich hatte ihr erzählt, dass die kirchliche Trauung in der Kathedrale zu Inverness stattfände, weil Lachlan sie überraschen wollte und meine Deckung erbeten hatte. Es war wesentlich leichter gewesen, Liny abzulenken, als ich es für möglich gehalten hatte. „Wir gehen zu Fuß, Liny.“ Es war nämlich nicht weit zu der riesen Überraschung, die Lachlan verdammt nervös machte, ohne dass ich den Grund dafür verstand, selbst als er versuchte, es zu erklären. Ein besonderer Ort. Ich verdrehte die Augen und nahm meine Führungsrolle ein, dafür musste ich irgendwie an dem Vieh vorbei. „Komm, wir wollen doch nicht in Verzug geraten.“

„Daingead!

Dieses Wort hatte ich mittlerweile so oft vernommen, dass ich es einordnen konnte. Ein Fluch, so etwas wie Scheiße oder Verdammt. Ich drehte mich, wie alle anderen auch, um die Störung in Augenschein zu nehmen und konnte nicht verhindern, dass mir der Mund aufklappte.

Ein großer, rothaariger Mann im edlen, aber dreckstarrenden Aufzug kam uns entgegen mit einer dermaßen um Verzeihung heischenden Miene, dass man automatisch an einen Dackel dachte. Es fehlte nur noch das leise Fiepen.

„Verzeihung“, murrte er und versuchte wohl, unauffällig etwas von dem Stroh von seinem Kilt zu streichen. Ian brach in schallendes Gelächter aus und japste nur noch unverständliche Worte.

„Ein Malheur, es tut mir leid, Carolina.“ Er trat vor und streckte die Hand aus, ließ sie aber gleich wieder fallen. Keiner von uns wollte genau wissen, was ihm an den Fingern klebte, die er schnell hinter sich versteckte. Meine Augen folgten ihnen in abartiger Faszination. Er hatte große Hände, die über und über mit Matsch bedeckt waren – und ich ignorierte mein besseres Wissen, dass es Kot war, geflissentlich. Alarmsirenen schrillten in meinem Kopf, denn er sprach mit eben jenem Akzent, den ich hier jeden Tag vernahm. Er war Schotte, trug eindeutig feierliche Kleidung — auch wenn ich mich nur schwer an die Röcke gewöhnen konnte — und redete ziemlich vertraut mit Liny. Eins plus Eins sind …

„Ich fürchte, ich muss um ein paar Minuten Aufschub bitten.“

„Bitte, sagen Sie mir, dass Sie nicht einer der Trauzeugen sind.“ Meine Stimme war so verdammt schrill, dass sie mir selbst in den Ohren schmerzte. Was durchaus beachtlich war, schrillten dort doch immer noch besagte Glocken in nicht gerade tiefem Ton. Wenn ich mich nicht irrte, war mein Zeitplan soeben in Dung begraben worden. Kam man hier mit einem Trauzeugen weniger aus? Herrje, wer brauchte schon fünf berockte Männer, um sich an ein Eheversprechen zu erinnern?

„Nur bis ich …“ Er sah an sich herab und lief dabei rot an, was sich fürchterlich mit seiner Haarfarbe und seinem Bärtchen stach. „Es tut mir leid, ja, ich bin Islay Campbell.“

Ich konnte mir nicht helfen, ein recht peinlicher Laut rollte in meiner Kehle und ich spürte einen Anflug von Panik. Ein Trauzeuge wälzte sich im Dreck, während der andere die Braut bezirzte. Was zum Teufel war mit diesem Volk los, dass sie einen besonderen Tag nicht mit dem nötigen Respekt begingen? Allerdings war da noch etwas, was mich aus der Bahn warf. Mein Blick fiel an ihm herab. Er war groß, nahm es locker mit Ian und Lachlan auf, auch in der Breite seiner Brust, obwohl er schlanker schien, schlacksiger, irgendwie unfertig. Das mochte aber an all dem Dreck liegen, der ihn wirken ließ, wie einen Bub, der gerade sein Schlammbad beendet hatte. Sein Frack hatte übel gelitten, aber wirklich auffällig wurde es an den Beinen. Die Strümpfe, die bei Ian penibel weiß strahlten, hatten bei ihm Klumpen von Dung anhaften. Der Kilt, der anders als Ians in blauen, gelben und grünen Karos unterteilt war, war nicht weniger strohig und dabei blendete ich den Kot einmal mehr freudig aus. Selbst im flammend roten Haar befanden sich Halme. Einer hing ihm sogar in die Stirn. Er bemerkte es, während ich ihn anstarrte und zupfte ihn schnell ab. Dabei fing er meinen Blick auf und hielt ihn für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er seinen zu Boden richtete. Ich konnte nicht wegsehen und das lag nicht daran, dass er schon grotesk aussah, für einen Trauzeugen. Da war etwas anderes, etwas albernes, weshalb ich es eigentlich nicht in Betracht ziehen sollte. Ein Kribbeln im Magen.

„Du chrashst Kennys Hochzeit!“, gackerte Ian, was ich dermaßen daneben fand, dass es mich wachrüttelte. Panik war keine Option. Wie konnte ich das Desaster abwenden? Eine kleine Verschiebung einbauen, einen anderen Trauzeugen wählen? Ach, wozu, schließlich gab es davon eine ganze Herde.

„Das wird er nicht“, beschied Liny überraschend kühl, obwohl sie ihr Gegenüber anlächelte und sogar knickste. „My Laird, so leid es mir tut, du wirst nun auf der Stelle deinen Platz am Altar einnehmen.“

Ihm sackte das Kinn herab und überspielte es dann geschickt mit einem Räuspern. „Carolina, ich kann unmöglich in diesem Aufzug … das verstehst du doch.“

„Das hätten du bedenken sollen, bevor du was auch immer anstelltest. Was hattest du im Stall zu suchen?“

Islay lief pink an und suchte nach Hilfe. Ian hob die Hände, um anzudeuten, nicht mit hineingezogen werden zu wollen. „Ein Unfall“, bot er als Erklärung an und bemerkte wohl, wie dürftig das war, noch bevor Liny es zerschmetterte.

„Wäre mir Sheamus heute Nacht in unserem Zimmer begegnet, hätte ich das nicht lustig gefunden!“ Das war wirklich eine abwegige Idee, fand ich, stand damit aber so ziemlich alleine da, denn Ian murmelte etwas, was fast nach Bedauern klang, dass der Schafsbock entwischt war. Männer.

„Wir dachten nur …“, murmelte Islay, wobei seine Gesichtsfarbe noch dunkler wurde.

„Schäferstündchen, ja ist angekommen. Trotzdem: nicht witzig!“

Dem konnte ich nur zustimmen. Schäferstündchen, was für eine abgeschmackte Anspielung.

„Zur Strafe hast du die Wahl, der Trauung fernzubleiben oder so zu erscheinen.“

Das Schrillen war augenblicklich zurück, denn da gab es eine winzige Kleinigkeit, die Liny völlig zu vergessen schien. „Tu mir das nicht an“, hisste ich atemlos. „Er ist mein Tischpartner!“ Da George sich standhaft geweigert hatte, mich zu begleiten, und ich offiziell Single war, hatte ich kaum eine Wahl gehabt, als an Begleitung zu nehmen, was da war. Ich hatte nur eine Ausnahme gemacht, denn mit Ian wollte ich nicht den ganzen Abend verbringen, so charmant er auch sein konnte. Nun jedoch bereute ich meine Entscheidung. Lieber Ians Gesäusel, als der Gestank von Schafsdung!

„Sie schaffen es doch in …“, quietschte ich, nach Linys Fingern greifend und fest zudrückend, „… zehn Minuten?“

Ian lachte, trat zu dem bedröppelten Schotten und schlug ihm auf die Schulter, dass er schwankte. „Schau Islay, selbst die gutmütige Liny bringst du auf die Palme.“

„Ich …“ Er fing sich und wieder begegneten sich unsere Blicke. Mir wurde augenblicklich warm in der Magengegend und ich war froh, dass er den Kontakt direkt wieder abbrach.

„Ja, ich …“

„Na komm, ich helfe dir. Ich fürchte, du wirst die McDermitt-Farben tragen müssen.“ Ian lachte wieder und legte den Arm um den anderen Mann, um ihn anzuschieben. Ich sah ihm nach, konnte mich einfach nicht von seinem Anblick losreißen.

„Islay? Was ist das für ein Name?“

„Ein schottischer vermutlich.“

„Und er ist?“

„Ein Cousin mütterlicherseits.“

„Ah.“ Jetzt wusste ich genauso viel wie zuvor. Natürlich war er ein Verwandter, schließlich waren unter den Trauzeugen nur Verwandte. „Er sieht jung aus.“

„Ist er.“

Zumindest lenkte mich ihre Knappheit von der Tür ab. Sie war merkwürdig kurz angebunden. Wurde sie nun wieder nervös? Innerlich seufzend nahm ich meine Aufgabe wieder wahr und versuchte es mit einer flapsigen Ablenkung. „Und wie alt genau? Muss man sich Sorgen machen?“

„Warum sollte …“

„Also, wie alt?“

„Fünfundzwanzig, also bist du auf der sicheren Seite.“

Merkwürdig was diese Worte in mir anrichteten. „Ach, was dir wieder durch den Kopf geht.“ Aber so weit hergeholt war es gar nicht. Ich drehte den Gedanken hin und her. Schön, da lief etwas mit meinem Chef, George, aber irgendwie war es nichts, was man Beziehung nennen konnte. Herrje, er begleitete mich nicht einmal auf die Hochzeit meiner Freundin, obwohl ich sehr deutlich gemacht hatte, wie wichtig mir die Feier war und dass ich gerne in Begleitung wäre. George hatte sich in einen cholerischen Anfall geflüchtet und am Ende war ich mehr als froh gewesen, allein fahren zu können.

Das letzte, was ich hier gebrauchen konnte, war, mich mit Georges Gemüt zu beschäftigen, oder der Zähmung selbigem.

Sah ich mich also als Single? Hatte ich es endlich aufgegeben, meinem gutaussehenden Chef imponieren zu wollen, und war nach guten vier Jahren endlich frei für etwas Neues?

Ein Telefon spielte einen Lovesong und riss mich von den absolut nebensächlichen Gedanken fort. Liny fuhr aufgeschreckt herum.

„Carmen, mein Handy, schnell! – Hàlo.“ Sie wandte sich ab und ich ließ ihr den Moment der Ungestörtheit, auch wenn es nicht der Sitte entsprach, dass Braut und Bräutigam vor der Hochzeit miteinander sprachen. Tja, eines der Dinge, die hier in Schottland anders gehandhabt wurden, als bei uns in Deutschland.

Mein Handy vibrierte und ich checkte schnell die Nachricht. George. Irritiert las ich die SMS gleich zwei Mal und konnte es trotzdem nicht fassen, was dort stand. George wies mich an, nach Lands End zu reisen, um mich um eine Hochzeit zu kümmern, die bereits am Ende der Woche stattfinden sollte. Es sei wichtig und hätte oberste Priorität. Ich starrte auf das Display. Ich hatte Urlaub. Er wusste, wo ich war, welche Aufgabe ich hatte – als Trauzeugin – und wie wichtig es mir war, dies mit Liny zu erleben. George erwartete doch nicht ernsthaft, dass ich hier alles stehen und liegen ließ …

Ich war sprachlos. War es nun einfach nur dreist oder unglaublich egoistisch?

Sollte ich anrufen? Ignorieren konnte ich es nicht, schließlich war er mein Arbeitgeber. Ich musste es zumindest absprechen, beziehungsweise deutlich machen, dass ich meinen Urlaub nicht abbrechen wollte.

Die Antwort auf meine Nachricht kam prompt.

Dein Urlaub ist gestrichen.

Dieses Mal fehlten mir sogar die Worte, um meinen Frust innerlich zu formulieren. Meine Hand schloss sich fester um mein Smartphone. Damit hätte ich rechnen können, es war schließlich nicht das erste Mal, dass er mich aus meinem Urlaub zurückbeorderte, aber bisher war es nur dann passiert, wenn ich ohnehin zu Hause geblieben war und es kein Drama gewesen war. Nun befand ich mich aber am anderen Ende der Insel – leicht übertrieben, gut – und nicht ein paar Häuserblocks entfernt.

Ich bin in Schottland, nahe Inverness, damit fahre ich gut acht bis zehn Stunden, je nach Verkehrslage, zurück nach London, wo ich meine Arbeitsmaterialien habe und weitere Stunden bis nach Lands End. So ich meinen Urlaub einfach abbrechen könnte.

Oder auch nur bereit wäre es zu tun. Verflixt! Aber ich haderte bereits. Ich mochte meinen Job und, auch wenn es nicht immer leicht war, für George zu arbeiten, ich hatte mich im Lauf der Jahre daran gewöhnt. Zum Teil wohl auch, weil ich so lange an ein Happy End für uns geglaubt hatte und dafür meine eigenen Ziele hintenangestellt hatte. Möglicherweise hatte ich auch auf eine berufliche Partnerschaft gehofft, obwohl es nie im Raum gestanden hatte.

„Nanu, jetzt ist die Braut ohne mich durchgebrannt?“ Ian schob mich zur Seite, stand ich doch mitten vor dem großen Portal des steinernen Herrenhauses und blockierte es damit für die beiden alles andere als schmächtigen Männer.

Ich schnappte zwei Dinge auf: Durchgebrannt und Islays Blick.

„Ach herrje, gerade war sie doch noch hier“, griff Carmen auf, die mich völlig aus der Bahn warf, schließlich hatte ich für einen Moment völlig vergessen, wo ich war. Ich rief mir also die Details mühsam zurück: Liny – Hochzeit – Durchgebrannt.

„Was?!“ Ich fuhr herum. Mein Blick flitze über den Hof. Die säuberlich gekieste Auffahrt mit dem Blumenrondell, die im Wappen der McDermitts angeordnet waren, der Stall versteckt hinter dicken Efeuranken, die Straße und zwei Wege, die um das Haus herumführten. Erst mein zweiter Versuch, das Rätsel um Linys Abwesenheit zu lösen, erbrachte einen Hinweis. Weiße, satinbezogene Pumps lagen einsam einige Meter entfernt achtlos im Gras.

Nun, ich hatte sie gewarnt, dass ein Sixpence als Glücksbringer im Pumps vielleicht traditionell war, aber sicherlich nicht bequem. Von der Braut fehlte jede weitere Spur.

„Nur gut, dass wir die Schuld auf den Kleinen hier schieben können.“ Ian griff seinem Cousin in den Nacken und drückte ihn runter. „Sprich schon mal dein letztes Gebet, Kenny wird dich lynchen.“

Ich ließ die Männer stehen, schließlich führten sie sich auf wie raufende Buben, und waren damit eher hinderlich, als hilfreich. Carmen sah sich ebenso ratlos um, wie sie dreinschaute, also war es auch müßig Informationen von ihr einholen zu wollen. Blieben die Schuhe übrig, die immerhin in der richtigen Richtung verloren gegangen waren. Hatte Liny schlicht die Geduld verloren und war schon einmal ums Haus herum?

Ich folgte beunruhigt der Eingebung, schließlich hatte ich einiges in Kauf genommen, um Lachlans Überraschung zu decken, die nun vermutlich aufgeflogen war. Ein Blick um die Ecke des Hauses bewies, wie richtig ich mit meiner Befürchtung lag. Liny stand mittig auf der Wiese und starrte die Wimpel an, die im Wind flatterten – die Banner der Highland-Clans, die an den Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit einer der Söhne des Duke of Skyes teilnahmen.

Damit war meine Lüge wohl vorzeitig aufgedeckt und Liny ahnte nun zumindest, dass die Eheschließung nicht in dem erwarteten kleinen Familienrahmen stattfinden würde, wie ich es ihr gegenüber behauptet hatte.

 Siebzehn Clans waren angereist, und obwohl viele von ihnen in irgendeinem Grad mit den McDermitts verwandt waren, würde es sicherlich keine intime Familienfeier werden.

Lachlan eilte auf seine Braut zu und war lang vor mir bei ihr angelangt, schließlich musste er sich auch nicht in Pumps auf Rasen fortbewegen. Er nahm sie in den Arm und sie sprachen leise miteinander. Ihre Vertrautheit war megasüß und doch gab es zumindest bei uns in Deutschland den Brauch, dass Braut und Bräutigam erst vor dem Altar aufeinandertrafen.

„Liny! Verdammt, du kannst doch nicht einfach … und du solltest sie gar nicht sehen!“

„Dummer Aberglaube“, griff Ian auf, der Carmen am Arm hatte. Islay hielt sich bedrückt im Hintergrund. „Aber wir sollten màthair nicht länger warten lassen, sie verliert langsam die Geduld mit uns.“

„Liny, du weinst doch nicht!“ Das Unglück ließ ja nicht lang auf sich warten. „Dein Make-up!“

„Ian, du musst die Verwandtschaft ablenken. Gib uns eine halbe Stunde Vorsprung“, bat Lachlan, ohne Liny aus den Armen zu lassen. „Islay, du fährst uns, wo ist dein Wagen?“

Es sirrte ziemlich schrill in meinen Ohren.

„Was?“, entwich es mir entsetzt. Ich zog an Linys Arm. „Okay, das ist normal, nennen wir es Hochzeitskoller, aber jetzt alles platzenzulassen, wegen dummer Angst, ist doch idiotisch!“

„Du willst abhauen? Fein, dann heirate ich deine perfekte Braut, schlimmer als mit Cheyenne kann es auch nicht laufen.“

Lachlan verunglimpfte ihn und setzte eine Warnung hintendran, besser einen großen Abstand von Carolina zu halten.

„Entscheide dich, bràthair, willst du sie oder nicht. Unsere Familie wartet darauf, dass du eine bessere Wahl triffst, als ich.“

Ian war keine Hilfe, aber so weit war ich heute bereits gewesen. Wenn die Hochzeit nicht den Bach runtergehen sollte, musste ich nun schnell für Beruhigung sorgen. „Lachlan, Liny ist manchmal etwas stürmisch und unbedacht, aber herrje, sagtest du nicht, dass du sie liebst? Dass du sie glücklich machen willst? Dann tu es auch. Verdammt, ja es ist eine beängstigende Angelegenheit, aber ihr wart euch doch so sicher!“ Ich rang die Hände und mein Hirn gleich mit. Was konnte ich sagen, damit er zur Vernunft kam? Verflixt, damit hatte ich einfach nicht gerechnet, alles schien so perfekt bei ihnen zu laufen, warum kam der große Knall ausgerechnet fünf Minuten vor der Trauung? „Liny ist kein schlechter Mensch und sie liebt dich aufrichtig. Meinungsverschiedenheiten …“

„Miss“, unterbrach Islay mich und räusperte sich unter meinem irritierten Blick erst einmal. Miss. Wie unpersönlich und distanziert war das denn? „Ich glaube, die wollen zusammen weg. Gretna Green, nehme ich an.“

Ich konnte mir nicht helfen, mir klappte der Mund auf, merkte es und konnte doch lange Sekunden nichts an meinem sicherlich dämlichen Gesichtsausdruck ändern. Ian brach erneut in Gelächter aus und Carmen wusste nichts damit anzufangen. Sie sah ratlos in die Runde.

„Du heiratest, Mann!“, japste Ian. „Alles ist vorbereitet, die Familie ist d´accord und anwesend und du willst durchbrennen und deine Braut in Gretna Green heiraten? Du bist etwas zu versessen auf die Vergangenheit, weißt du das?“ Er schlug Lachlan auf die Schulter. „Komm, lass den Quatsch und lass uns màthair beruhigen, sie läuft bereits Amok, weil es zu einigen Minuten Verspätung kam.“

„Nein. Liny möchte lieber fahren.“ Er küsste die Stirn seiner Braut, die völlig selbstvergessen in seinen Armen kuschelte, als ginge sie die Diskussion gar nichts an. „Also verschieben wir es.“

„Ich will gar nichts verschieben! Lachlan, mir ist alles völlig egal, Hauptsache, ich habe mich nicht umsonst in dieses Kleid gezwängt. Das ist Folter, weißt du.“

Er schob mich ein Stück weiter von sich, um sie einen langen Moment anzusehen. „Du bist wunderschön, Carolina.“

Oh Mann, schön, sollte er Liny bewundern, aber das war doch nun wirklich nicht Priorität!

„Dann hat sich das ja gelohnt.“

Er grinste. „Wie wollen wir es durchziehen? Aufregend oder klassisch?“

„Klassisch“, beschied ich schnell, um das ganze abzukürzen, und bekam Zustimmung von Carmen und Ian.

„Na ja, ich bin für aufregend.“ Islay korrigierte sich schnell unter meinem feurigen Blick. „Natürlich klassisch.“

Mann, was war der für ein Kindskopf?

„So, da das geklärt ist“, griff ich auf, damit sich niemand mehr umentschied und mein Zeitplan nicht völlig den Bach runterging, und lächelte dabei in die Runde. „Mr Campbell, sorgen Sie doch dafür, dass der Bräutigam, wie es sich gehört, am Altar auf die Braut wartet.“

Islay trat vor, aber Lachlan behielt mich seelenruhig im Arm und wiederholte seine Frage. „Wie möchtest du zu Lady McDermitt werden?“

Ich warnte Liny innerlich, keinen Unsinn anzustellen und machte mich bereit, es auch verbal zu formulieren – höflicher.

„Du hast dir viel Mühe gegeben, nicht wahr? Und es ist dir bestimmt nicht leichtgefallen, den Garten zu öffnen.“

„Sie kennt dich zu gut, Kenny!“

„Wir bleiben und haben einen wundervollen Tag, einverstanden? Ach, und sollten wir Schafe in unserem Schlafzimmer vorfinden …“ Sie warf Islay einen warnenden Blick zu. „Wird uns bestimmt die passende Reaktion darauf einfallen, meinst du nicht?“

Lachlan grinste und es schien, als hätten sie alles um sich herum vergessen. „Als wären wir das nicht gewohnt.“

Ich entließ angespannt den angehaltenen Atem. Waren wir an der Klippe gerade noch drumherum geschippert? Keine Fluchtgedanken mehr? Manchmal kam ich nicht ganz hinterher, bei Linys Meinungsumschwüngen und gerade in dieser Situation war es nicht ratsam, die Zügel aus der Hand zu geben.

Ian feixte, als er sich zu mir beugte. „Ein lustiges Paar, was? Man weiß nie, was sie sich nun wieder einfallen lassen, um uns alle zu verblüffen.“

Er lenkte mich ab, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, in der ich ihm seufzend beipflichtete. Dann setzte ich dem Geturtel ein Ende. „Mr Campbell, seien Sie so gut und übernehmen nun Ihren Posten?“ Genaugenommen die Braut, aber das wusste er auch so. Allerdings setzte er sich zwar in Bewegung, blieb dann aber neben den Turteltauben stehen, und sah sich um wie Falschgeld.

„Liny, die Gäste warten. Wenn es dir recht ist, machen wir jetzt weiter.“ Im Gegensatz zu Islay hatte ich keine Probleme damit, dem Paar auch physisch nahezukommen. Ich wrang Liny aus Lachlans Umarmung und schob sie eher grob dem Trauzeugen zu. „Mr Campbell …“

Traditionell bekam ich Lachlans Begleitung, war ich schließlich nicht bloß die Planerin des Events, sondern auch noch erste Brautjungfer und Trauzeugin. Damit war ich verflixt tief in diese Geschichte involviert und konnte gar nicht alles stehen- und liegenlassen, wie George es von mir verlangte. Schnell schob ich den unerfreulichen Gedanken beiseite. Es konnte noch so viel schiefgehen, als dass ich mich ablenken lassen durfte. Mein Handy schwieg und ich hoffte, es bedeutete, dass keine weiteren Katastrophen auf mich warteten. Lachlan führte mich vor der Gruppe Richtung geheimen Garten, Liny und Islay folgten, während Carmen und Ian die Nachhut bildeten.

„Mann, kannst du bitte aufhören, mir das Leben extra schwer zu machen? Durchbrennen! Jetzt!“

Kapitel 2

Eine etwas andere Trauung

Ich wusste, wie es weiterginge, und war doch überrascht, als die Dudelsäcke zu spielen begannen. Es war ein majestätischer Klang, der durch die Szenerie noch unterstrichen wurde. Aufgereiht an beiden Seiten des Hauptweges, der einen Kreis durch den sonst verschlossenen Garten von Farquhar zog, standen kräftige Männer in Tartan und einer Backpipe und spielten gemeinsam eine gewaltige Melodie. Es war ohrenbetäubend, ja, aber ebenso herrlich, durch das Spalier zu schreiten. Hinter Ian und Carmen schlossen sich die Männer an und folgten uns in einer lauten Prozession. Der ummauerte, geheime Garten umfasste einige urige Bäume, Rosenbeete und einen romantischen, kleinen See. Er war bedeutend kleiner als er wirkte, denn während wir langsam dem Weg folgten, erschien es wie eine abgeschiedene Welt und man konnte nachvollziehen, warum es so in Lachlans Interesse lag, diesen Ort zu schützen. Er hatte etwas. Vielleicht nichts Magisches, wie Liny immer behauptete, aber er hatte Charme.

Maximal zwei Minuten bis zum kleinen See, an dem die Trauung vollzogen werden sollte, genug Zeit, Lachlan noch einmal ins Gewissen zu reden. „Sie bemüht sich, perfekt zu sein.“

Lachlans durchdringender Blick legte sich mit einer Irritation auf mich, die mich fast zum Verstummen brachte. „Sie ist perfekt.“

„Sie …“

„Sina, Carolina bemüht sich, aber nicht um Perfektion, sondern, um den Erwartungen meiner Eltern gerecht zu werden. Dessen bin ich mir bewusst. Meine Eltern wollen keinen zweiten Eklat, wie bei Ian. Sie haben genug von seinen Sperenzchen, legen ihm Daumenschrauben an und versuchen es zugleich auch bei mir. Sie werden schon einsehen, dass Carolina nicht Cheyenne ist. Da fällt mir ein, gegenüber meinen Eltern sprichst du bitte nicht von Liny. Sie meinen, es sei gewöhnlich und meiner Gattin nicht angemessen.“ Er verzog das Gesicht. „Sorry, aber das Zugeständnis war nötig, um zumindest die Abwehr zu überbrücken.“

Er legte seine Hand auf meine. „In meinen Augen ist Carolina perfekt, wie sie ist.“

Bisher hatte ich Islays Worte einfach abgetan, aber jetzt bekam ich doch das Gefühl, er könne richtig liegen. „Du wolltest mit ihr durchbrennen?“

Er zuckte die massigen Schultern. „Das hier ist genau, was ich verabscheue. Das Aufgebot, das Gedränge, das Einmischen Dutzender in Belange, die sie nichts angehen, die Öffentlichkeit, die ständige Bewertung. Carolina weiß das, deswegen hat sie es wohl vorgeschlagen.“

Ich lachte auf, ungewollt, aber es brach aus purer Erleichterung aus mir heraus. Die beiden waren das verschrobenste Paar, das ich je gekannt hatte und sowas von widersprüchlich, weil beide anders als erwartet agierten, wenn sie der Meinung waren, der jeweils andere wünsche es so. Das wirklich Merkwürdige: Es funktionierte.

„Aber du hast dir doch so viel Mühe gegeben, alles geheim zu halten und diese Überraschung zu planen.“

„Ich war mir aber nie sicher, ob es ihr auch gefallen würde. Ich habe immer noch das Gefühl, dass es den Ort entweiht.“ Er brummte die Worte mit einem düsteren Blick.

„Ich finde es urromantisch und ich bin mir sicher, sie weiß die Geste zu schätzen.“ Das hatte ich ihm jedes Mal versichert, wenn er Zweifel bekam und wie immer murmelte er eine Zustimmung und seufzte.

Der kleine See kam in Sicht und mir stockte der Atem. Eine Art Steg war über den vorderen Teil errichtet worden, auf dem der Geistliche mit roten Wangen und auf den Fußballen wippend, bereits auf das Brautpaar wartete. Er war klein, rundlich und erstaunlich heiter, selbst für ein so freudiges Ereignis. Lachlan beherrschte sich, obwohl er deutlich schneller voranschritt und ungeduldige Blicke zurück zu seiner Braut warf. Wir befanden uns auf dem Steg wie auf dem Präsentierteller und wurden auch bereits kräftig mit Blitzlicht beschossen, obwohl die allgemeine Anweisung hieß, das Fotografieren auf das Notwendige zu beschränken. Schließlich kannte ich Lachlans Phobie und war auch hautnah Zeuge gewesen, wie Paparazzi einem das Leben vermiesen konnten. Einst hatte einer dieser Haie ein anzügliches Bild von Lachlan und Liny in Flagranti geschossen und es in der Sun, dem bekanntesten britischen Klatschblatt, veröffentlicht. George war wutschnaubend aufgetaucht und hatte Liny eiskalt rausgeschmissen. Allerdings war ein anderes Detail damals wichtiger gewesen: Die Verwechslung der Zwillinge. Die Sun hatte behauptet, Liny hätte den zukünftigen Bräutigam Ian verführt, was dessen damalige Verlobte Cheyenne auf den Plan gerufen hatte. Das Chaos war perfekt gewesen, weil Liny in ihrem abgrundtiefen Schock, so von Lachlan hintergangen worden zu sein, abreiste und von Lachlan nichts mehr hatte hören wollen. Es genügte wohl zu sagen, dass Paparazzi, Fotografen und Reporter auf dieser Hochzeit daher nicht gern gesehen waren. Weshalb die von mir beauftragten Hochzeitsfotografen die strikte Anweisung hatten, sich zurückzuhalten und es nicht zu übertreiben. Sie waren jetzt die einzigen, die etwas auf diese Anweisung gaben und reagierten verwirrt. Ich gab ihnen einen unauffälligen Wink, und zumindest einer von ihnen verstand es und hob die Kamera. Lachlan atmete tief ein und drehte sich um. Ich blieb, wo ich war, obwohl ich eigentlich auf die andere Seite des Brautpaares musste, aber ich wollte den Fotografen nicht im Weg stehen. Ich brauchte perfekte Bilder für die Dankeskarten und gerade dieser Moment schien dafür besonders geeignet. Beide strahlten sich an, als wären sie soeben vermählt worden.

„Miss. Miss!“, hisste Islay und bedeutete mir wenig unauffällig mit ihm den Platz zu tauschen, was ich noch einen Moment länger ignorieren wollte, um möglichst viele Bilder vom Brautpaar zu ermöglichen. Romantische Aufnahmen zum Dahinschmelzen.

Islay griff nach mir und zog mich mit einem Ruck zu sich. So unerwartet, wie es war, ließ es mich torkeln und ich landete in seinen Armen. Einen Augenblick hing ich an ihm, an seiner Brust, spürte den weichen Stoff seines Tartans an meiner Wange und das Stechen der Clansbrosche — einem distelumkränzten Schwert — noch dazu. Ich atmete seinen männlichen Duft ein und spürte die Hitze seines Körpers und seine Kraft.


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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Eine Hochzeit in den Highlands

Kapitel 1: Die unerwartete Reise

 

»Also?«, fragte Sina angespannt und warf mir einen schnellen Blick zu. Ich schüttelte den Kopf.

»Keine Ahnung.« Ich drehte den Plan in meinen Händen. »Ich glaube, wir haben uns verfahren.«

Sina schnaubte. »Versuch es mit dem Handy.«

»Das kostet ein Vermögen«, murrte ich, zog aber mein Telefon aus der Tasche und wartete geduldig, dass es online ging.

»Mann, was hast du für einen Knochen!«

»Schau auf die Straße!« Noch immer hatte sich die Seite nicht aufgebaut und ich seufzte. »Das ist echt ein Knochen.«

Sina lachte auf. »Nimm meines. Hinter dir, in der vorderen Tasche.«

Ich entsperrte das Display. Und wartete. »Funkloch«, stellte ich dann fest und hielt es ihr entgegen, damit sie mich nicht in Zweifel zog. Ich sah aus dem Fenster. Wir folgten einer engen, geschlängelten Straße. Um uns herum Gestein. Na ja und Wiese. Aber selbst die war gesprenkelt von Geröll. Wir befanden uns im tiefsten Hinterland Schottlands – oder, wie ich es gern bezeichnete: am Ende der Welt. Natürlich hatte es auch was für sich. Das letzte Jahr in London war ein sehr tristes gewesen, sogar noch grauer, als die Steinwand zur linken, schließlich hatte sich keine Gelegenheit ergeben, die überbevölkerte Stadt zu verlassen. Ich sollte froh sein, endlich mal wieder etwas Natur vor Augen zu bekommen. Vermutlich war ich es auch, musste mich nur erst an die neuen Begebenheiten gewöhnen.

»Scheiße«, lachte Sina und zuckte die Schultern. »Tja, drehen könnten wir hier eh nicht!« Dafür war die Straße bei Weitem zu eng. »Sieh es als nette Tour durch die Highlands!«

Ich schnaubte gespielt verdrossen und unterdrückte ein Grinsen. Sina tadelte mich zwar gern, ich sei verschlossen und mürrisch, aber ich wusste auch, dass sie mich ganz amüsant fand. Eben weil ich gerne das Negative künstlich aufbauschte. »Ich genieße dann mal die botanischen Highlights. Oh, warte – hier gibt es keine! Dann vielleicht das exzellente Panorama – ups, Berge und Unkraut«, spottete ich also, weil ich sie ungern enttäuschte.

Sina lachte auf und schlug nach mir. Ihre Finger streiften mich nur. »Stell dich nicht so an!«

»Es wird ständig regnen«, warnte ich, schließlich hatte ich mich vor Antritt der Reise nicht nur über Lage und Gebräuche informiert, »und wir werden in einer alten Bruchbude gefangen sein, in der es müffelt und wo wir uns nicht trauen werden, uns auch nur umzudrehen, aus Angst, etwas Kostbares umzustoßen!« Eine simple Tatsache, wenn man der Wettervorschau und dem Portal für schottische Bauwerke vertraute. »Dann die versnobten Herrschaften, die uns von oben herab behandeln werden.« Ich warf ihr einen prüfenden Blick zu. Ertrug sie noch mehr Pessimismus? »Ich habe jetzt schon genug!«

Wieder lachte Sina auf. Ihre Fröhlichkeit tat mir gut, auch wenn sie für gewöhnlich nicht auf mich abfärbte. Ich konnte mich aber mit meiner Griesgrämigkeit besser abfinden, wenn ich Sina zum Lachen brachte. Zumindest eine Person, die mich schätzte, ganz gleich wie ich war.

Du wolltest doch nicht mehr an ihn denken! Leider war es leichter gesagt, als getan und mein Ex Christoph verhagelte mir immer noch viel zu oft die ohnehin gedrückte Laune.

»Ein schlimmes Vorurteil, Liny! Vielleicht verliebst du dich auch Hals über Kopf in seinen Bruder! Oder in ihren Bruder oder …«

»… in den Gärtner!«, unterbrach ich sie grummelnd. Ich hatte sicherlich nicht vor, mich in irgendwen oder irgendwas zu verlieben. Das brachte nur Ärger mit sich, Diskussionen und am Ende den unausweichlichen Schlag ins Gesicht: der Betrug. Ich knibbelte unglücklich an meinem Nagelbett. Nicht an Christoph denken. »Nein, danke.«

»Du musst zurück in den Sattel, Liny!«, mahnte Sina fröhlich. »Es wird Zeit, sonst trocknest du da unten ein!«

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. »Es ist noch kein Jahr.«

»Willst du ihn etwa zurück, Carolina?« Zur Abwechslung klang Sina mal grimmig und auch ihr Blick war bedeutend düsterer als sonst. »Er ist ein Idiot und du hast Besseres verdient.«

Ich seufzte schwer.

»Untreue Dummköpfe gibt es wie Sand am Meer. Die Kunst ist es, die Perlen zu finden.«

Ich konnte nicht anders, ich lachte auf. Es war ein ungewohnter Laut, tat ich es doch nicht mehr häufig.

»Ist so«, beharrte Sina. »Glaub mir, es gibt sie, die tollen Exemplare Mann. Und wer weiß, vielleicht verstecken sie sich hier in den Highlands.« Sina sah sich bedeutsam um. Ich tat es ihr demonstrativ nach.

»Hm«, murmelte ich betont düster. »Dann verstecken sie sich gut.«

Sina lachte und wir fuhren schweigend weiter, bis die Straße breiter wurde und zumindest meine Seite nicht mehr mit einem Abhang drohte.

»Tja«, machte Sina und ließ den Wagen ausrollen. »Ich hasse Olga.« Ihr Navigationsgerät, das ausgerechnet heute den Geist aufgeben musste. »Vielleicht sollten wir fragen?«

Ich vollbrachte ein Kunststück, indem ich mich in dem engen, kleinen Cooper zu ihr umdrehte. Um uns herum war schlicht Wildnis und lediglich ein paar blökende Rasenmäher knabberten am Unkraut. »Wen? Meinst du, das Schaf dort kann uns den Weg weisen?«

Sina bedachte mich mit einem Augenaufschlag, der mir deutlich sagte: Jetzt pass mal auf, Mädchen! »Ich dachte an den Typen da!« Ich folgte ihrem ausgestreckten Finger. Tatsächlich stand ein dunkelhaariger, recht breit gebauter Mann mitten auf der abfallenden Wiese zu meiner Rechten. Er wandte uns den Rücken zu und sah über die Klippe. Wie hatte ich den übersehen können? Gut, er trug grünbraun gemusterte Kleidung, was in dieser Umgebung Tarnfarbe bedeutete und trotzdem hätte ich ihn sehen müssen. Allerdings mied ich den zu genauen Blick aus meinem Seitenfenster seit wir die Straße befuhren. Der Abhang war viel zu nah und beim ersten Blick hatte ich das Gefühl gehabt, er zöge mich in sich hinein. Also ließ ich es.

»Schön, geh fragen.« Ich hatte keinerlei Drang dazu, den Klippen näher zu kommen als ohnehin schon. Oder den ersten Kontakt mit einem Schotten herzustellen, nachdem ich mich gerade erst daran gewohnt hatte, rund um die Uhr englisch sprechen zu müssen. Zugegeben, in London, dem Nabel der Welt, leben und arbeiten zu können, war schon ein Traum, allerdings brachte es auch eine Menge Umstände mit sich, über die man sich oft keine Gedanken machte. Ich sprach die Landessprache flüssig, hatte einige Diplome, die mich auszeichneten und doch strengte es manchmal an. Noch immer erwischte ich mich dabei, wie ich Briefe in Deutsch aufsetzte, oder in meine Muttersprache zurückfiel, wenn es hektischer wurde. Trotzdem wollte ich nichts an meinem derzeitigen Lebensstil ändern, ganz gleich, wie sehr Sina sich über meine Enthaltsamkeit mokierte. Ich war glücklich in meiner Miniwohnung, meinem Job, wo ich mit meiner besten Freundin zusammenarbeiten konnte und auch damit, Christoph endlich aus meinem Leben und meinen Gedanken vollständig gestrichen zu haben. Na ja. Meist.

Sina lenkte mich ab. »Liny, du trägst Sneaker.«

»Und?«

»Ich Absätze!«

Dieses Mal war mein Blick der genervte. »Warum fährt man auch mit Pumps?«

»Geh und frag, wie wir nach Farquhar kommen!«

Ich presste die Lippen aufeinander. Wie dumm, dass Sina nicht nur meine Freundin war, sondern bei diesem Auftrag auch noch meine Chefin. »Fein!« Ich riss die Tür auf und schlug sie laut knallend wieder zu. Der Klang hallte über das Land, aber der Mann rührte sich nicht. Schwerhörig, stellte ich gedanklich fest und machte mich bereit, brüllen zu müssen, denn die Küste unter uns und der Wind an ihr brachte schon eine rechte Geräuschkulisse mit. Mein Herz schlug immer härter in meiner Brust und Schweiß brach mir aus, aber ich kämpfte mich wacker weiter.

Es ist sicher, Lina. Er steht da, ohne sich in die Hosen zu machen, dann schaffst du das auch. Es sind schließlich noch etliche Meter bis zum Abhang.

Ich stapfte durch das kniehohe Gras und wich einem Bock aus, der mich aus seinen gelbbraunen Augen anstarrte. Schafe gehörten definitiv nicht zu meinen Lieblingstieren. Obwohl sich das gar nicht wirklich sagen ließ, stand ich doch zum ersten Mal in meinem Leben vor einem realen, lebendigen Schaf. Wollig war es und schlecht gelaunt, denn es blökte wieder.

»Entschuldigung!«, rief ich laut und ging weiter auf die mir abgewandte Gestalt zu. »Hallo?!« Lediglich der Bock gab mir Antwort und verfolgte mich, wobei er den Kopf schwang und mich nahezu vor sich hertrieb.

»Hallo Sie!« Musste ich tatsächlich bis an die Klippe gehen, verfolgt von einem gehörnten Ungeheuer, das aussah, als wolle es mich in den Abgrund treiben? Mir wurde recht mulmig bei dem Gedanken, denn Höhen im Allgemeinen waren nicht ganz mein Ding. Fehlten auch noch ein Geländer oder andere Sicherheitsmaßnahmen, konnte ich durchaus eine gesunde Panik entwickeln. »Entschuldigung!« Ich stoppte und sah zur Straße zurück, das Schnurren des Motors war problemlos zu hören. Der Typ musste taub sein! Der Bock stieß mich an und ließ mich verdrossen weiterstapfen. Warum musste der Kerl auch so nah am Abhang stehen? Das machte ihn doch bereits verdammt unangenehm im Umgang. Keine Meter, sondern kaum einen Schritt entfernt von der tosenden Schlucht, wer machte so was? Ich fluchte innerlich, bereits am Ende meiner Nerven. Ich konnte damit leben, im schottischen Hinterland verschütt zu gehen, auch damit, dass dieses stinkende Tier mich anknabberte – ich schob den Kopf des Schafbocks weg – aber mich zu zwingen, bis an die Klippen zu gehen, war unmenschlich. Ich kann dich absolut nicht ausstehen und dabei habe ich nicht einmal ein Wort mit dir gewechselt!

Ich wagte mich vorsichtig weiter vor. »Entschuldigung!« Ich schloss zu ihm auf. Er war einen guten Kopf größer als ich und scheinbar Stammkunde im Fitnessclub, denn was aus der Entfernung massig wirkte, war eigentlich gestählte Muskelmasse. Meine Schenkel kamen nicht auf den Durchmesser seiner Oberarme. Er war auch deutlich jünger, als zunächst angenommen, demnach also nicht taub, sondern schlicht unhöflich! Er starrte in die Ferne.

»Entschuldigung!«, brüllte ich und bekam endlich eine Reaktion: Er drehte den Kopf. Der Blick seiner kristallklaren blauen Augen war hart und seine Lippen verzogen sich bei meinem Anblick. Ich ballte die Hände und streckte mein Kinn vor. Verstockt nannte es meine Mutter, ich hingegen selbstbewusst. »Wir haben uns verfahren«, hob ich fest an. »Können Sie mir sagen, wie wir nach Farquhar kommen? Es muss eines dieser imposanten Herrenhäuser sein.«

Er machte keine Anstalten zu antworten.

Ich runzelte die Stirn und legte den Kopf zur Seite. »Sie wissen schon: Steinalt, Jahrhunderte im Familienbesitz und seitdem auch nicht mehr renoviert.«

Seine Augen verengten sich.

Gut, zumindest eine Reaktion, wenn auch nicht die von mir gewünschte.

Konnte nicht einmal etwas leicht sein?

»Kennen Sie sich hier aus?« Oder war er einfach nur eine weitere verirrte Seele in diesem Hinterland?

»Aye.«

Aye? Ich zog die Nase kraus. Ausländer. Nun, war ich auch, daran gab es sicherlich nichts auszusetzen, aber die Kommunikation war damit reichlich erschwert. Ich senkte den Blick auf das Gras zu unseren Füßen. Damit konnte ich umgehen, also hob ich meinen Blick. Er war verdammt gestählt und der Wind schien ihm trotz seiner mangelnden Schutzbekleidung nicht viel auszumachen. Wer ging bei dem Wetter – und es konnte schließlich jeden Moment regnen – ohne Jacke aus dem Haus?

Der Pullover spannte über seiner Brust und raffte sich dafür locker in den Hüften. Die Cordhose lag ebenso straff an seinen Oberschenkeln an. Wahnsinn. Ich riss mich zusammen, schließlich hatte ich kein – absolut nicht das geringste – Interesse an irgendwelchen Männern.

»Sprechen Sie Englisch?«

»Aye.«

Ich blinzelte, es musste ziemlich dumm wirken – was mir völlig egal war – ich ärgerte mich nur über die Verständigungsprobleme. »French? Deutsch? Italiano? Espaniol?« Damit hatten sich meine Sprachkünste auch schon, aber die Beherrschung von vier Fremdsprachen war doch schon nicht übel.

»Aye.« Zumal er nicht einmal Englisch drauf hatte. Wieder starrte ich ihn einen Augenblick sprachlos an.

»Na hervorragend!«, brummte ich schließlich und sah hadernd zur Straße zurück. Sollte ich es einfach bewenden lassen und gehen, oder weiter versuchen, eine Antwort – eine brauchbare Antwort – aus ihm hervorzulocken? »Können Sie auch was anderes sagen als aye?« Wurde ich nun ungerecht?

»Aye.«

Ich stöhnte laut. Ich stemmte die Hände in die Hüften und sah auf meine Turnschuhe herab. Was blieb schon anderes übrig, als es mit Händen und Füßen zu versuchen?

»Farquhar«, wiederholte ich also und achtete auf eine deutliche, langsame Aussprache. »Großes Haus.« Ich malte mit den Händen ein großes Gebäude in die Luft. »Wo?« Ich hob die Hände und zuckte die Achseln. Er starrte mich an, sein Ausdruck war nicht zu lesen, aber sicherlich fand er mich abgrundtief dämlich.

Ich seufzte schwer und sah ein, dass dies ein verlorener Posten war. Eine Hilfe war er nicht und ein anderer Aktionsweg musste her. In der nächsten Stadt konnten wir einen aktuellen Stadtplan kaufen oder einen Einheimischen fragen. »Inverness?« Nach einem Moment, in dem er mich schlicht anstarrte, als wäre ich verrückt, drehte er sich und streckte den Arm aus.

»Straße nach Inverness?«, fragte ich nach und nickte hoffnungsvoll. Zugestanden, mein Lächeln war recht starr und mein Ton sicherlich auch nicht gerade freundlich.

»Aye.« Das war verdammt frustrierend.

»Vielen Dank. Einen schönen Tag noch.« Ich könnte ihm auch die Sintflut wünschen, er verstände es ohnehin nicht. Ich stapfte zurück, ärgerlich, weil ich mich völlig umsonst bis an den Rand der Klippe gewagt hatte!

Das Schaf blökte mich an und folgte mir. Auf halber Strecke überholte es mich und verstellte mir den Weg. Seine gelben Augen legten sich gespenstisch intensiv auf mich.

»Mäh.«

Ich machte einen Schritt zur Seite. Waren Schafe gefährlich? Seine Hörner schienen zu wachsen, während ich sie anstarrte, und auch sein Maul wuchs beständig.

»Määäh.« Er kam auf mich zu, drängte mich zurück und ließ mich straucheln, so dass ich ausgestreckt im Gras landete. Ich schrie, weil der Bock nicht den Anstand hatte, zu bleiben, wo er war. Sein Maul kam auf mich zu und er blökte mir seinen schalen Atem ins Gesicht. Ich hob abwehrend die Arme, durchaus belustigt, schließlich war dies wieder eine Geschichte, die so daneben war, dass man sie auf keiner Party als Anekdote erzählen durfte: Von einem riesigen Schaf in der wilden Einöde Schottlands niedergetrampelt, während ein griesgrämiger Einsiedler frohlockend dabei zusah.

»Mäh.« Es knabberte an meinem Mantel und zog meinen Arm dabei weg. Mir stockte das Herz. Und du Dummkopf hattest Angst, womöglich über die Klippen zu gehen!

Unverständliche Worte würgten meinen panischen Schrei ab – oder das peinliche Krächzen, das stattdessen meinen Mund verlassen hatte. Ich wagte einen Blick. Der schweigsame Mann sprach offensichtlich lieber mit Schafen als mit Frauen. Er gab dem Bock einen Schubs und hob die Arme, als der zurück wollte. Einen Moment starrten sich Bock und Mann an, dann trollte sich das Tier. Sein Mäh wurde von einigen Worten begleitet, die ich nicht übersetzen konnte. Kein Englisch, definitiv.

Der Typ stemmte die Arme in die Hüften und sah auf mich herab. Er brauchte dringend eine Rasur und noch dringender eine Lektion in Manieren. Ich rappelte mich auf, schließlich erwartete ich keine Hilfe dabei aus seiner Richtung.

»Danke.« Ich klang nicht sonderlich freundlich.

Seine schwarzen Brauen hoben sich.

O komm schon, dieses eine Wort wirst du doch verstehen!

Ich schüttelte den Kopf und senkte dabei den Blick, um mich von der Gestalt abzulenken, die mich doch anzusprechen schien, oder war es tatsächlich Furcht, die mein Herz noch immer wie verrückt klopfen ließ? Ich hob die Hand, machte einen Wink und stapfte weiter, seinen Blick auf mir spürend und mir versagend, zu ihm zurückzusehen.

Er hätte dir aufhelfen können, das wäre nett gewesen. Vermutlich war es sein ungezähmtes Tier. Er hätte sich entschuldigen müssen.

Ich stoppte mein Lamentieren, verhagelte es mir doch nur zusätzlich die Laune, riss die Tür auf und warf mich in den Beifahrersitz.

»Und?«

»Aye!«, knirschte ich und warf dem Typ einen grimmigen Blick zu. Er hatte mir tatsächlich hinterhergesehen und tat es noch. Selbst über die Distanz war es ein merkwürdiger Blick. Was dachte er wohl?

»Aye?«

Ich zuckte zusammen. Wovon sprachen wir? Ach ja. »Das einzige Wort, das er drauf hat«, murrte ich und schnallte mich an. »Aber die Straße muss ja irgendwo hinführen. Früher oder später landen wir in einer Stadt oder finden eine Tankstelle.«

Sina lachte vergnügt. »Recht haste und zumindest hast du mal mit einem Y-Chromosomträger gesprochen!«

»Aye!«, wiederholte ich kopfschüttelnd. »Wie ein Papagei, immer nur aye, aye, aye!«

»Wie gesagt, immerhin hattest du Kontakt!«

Ich warf ihr einen Blick zu und kramte nach meinem Handy. »Fahr!« Ich hatte noch immer keinen Empfang.

»Wenn du so lieb fragst«, säuselte Sina und drückte das Gaspedal durch, dass die Reifen quietschten. Ich lehnte den Kopf an und sah hinaus. Grau, grün, blau, was für eine Tristesse. Allerdings hatte es etwas Beruhigendes an sich. Hinter dem nächsten Hügel gabelte sich die Straße und ein Schild gab die Richtungen an.

»Schau mal, dort!« Sina streckte den Finger aus. Ein einsamer Briefkasten stand am Wegesrand, auf ihm mit goldenen Lettern das Wort Farquhar. Ich seufzte erleichtert.

»Und ich hatte fast befürchtet, den ganzen Tag nach dem vermoderten Steinhaufen suchen zu müssen«, unkte ich. Sina lachte und meine Lippen zuckten ebenfalls amüsiert. Egal was vor uns lag, ich war froh, dass Sina bei mir war. Mit ihr waren sogar die ersten Tage nach der Trennung von Christoph zu überleben gewesen, auch wenn ich sicherlich keine angenehme Gesellschaft gewesen war. Dafür liebte ich sie und war gerne bereit gewesen, mein bisheriges Leben zurückzulassen, um mit ihr fernab der Heimat zu arbeiten. Ich hatte keinen Grund, diese Entscheidung zu bereuen – ganz im Gegenteil.

***

Ich sah mich um. Wie erwartet lag ein modriger Geruch in der Luft und die Einrichtung war deutlich von anno dazumal. Der Perserläufer war an einigen Stellen bereits recht fadenscheinig. Diese mächtigen, gerahmten Ölgemälde, die Ganzkörperporträts zeigten, Landschaften, Tiergemälde oder Stillleben bedeckten die Wände. Kandelaber beleuchteten sie und urige, alte Kirschholzkommoden standen hier und da herum. Das Haus war tatsächlich ein Relikt aus der Vergangenheit. Ich blieb stehen und betrachtete eines dieser Porträts. Eine blonde Frau mit großen blauen Augen und einem hübschen Lächeln. Sie strahlte regelrecht, aber vielleicht lag dies auch am einfallenden Licht.

»Liny?« Sina gesellte sich zu mir und warf lediglich einen flüchtigen Blick auf das Gemälde. »Und, wie ist dein Eindruck?«

»Grauenvoll.«

Sina lachte auf und hängte sich bei mir ein. »Warum habe ich das nur erwartet?« Sie zog mich mit, die Stufen hinunter. »Ich habe etwas entdeckt, was deine Meinung vielleicht ändern wird.«

»Den Gärtner?« Ich verdrehte die Augen, musste aber grinsen, schließlich war Sina so durchschaubar!

»Nein, bisher hat sich der vor mir versteckt.« Sie kicherte und drückte meinen Arm. »Und ich habe beschlossen, dir die erste Wahl zu lassen.«

»Sina, ich habe kein Interesse …«

»Du sollst ja auch nicht gleich heiraten. Aber ich glaube, ein Abenteuer täte dir gut.« Ihre blauen Augen musterten mich. »Du arbeitest zu viel.«

Da wären wir wieder beim Thema. Seit ich in London war, bekniete sie mich, Christoph zu vergessen und mich mehr meinem Privatleben zu widmen, als rund um die Uhr mit der Arbeit beschäftigt zu sein. Ich seufzte unterdrückt, schließlich hatte sie recht. »Wie du meinst, nach acht Stunden Arbeit am Tag mach ich Schluss und vertrödle den Rest meiner Zeit mit …«

Sina kniff mir in den Oberarm.

»Au!«

»Lass das Gezicke. Arbeite, aber gönne dir auch etwas Spaß!« Wir nahmen die Treppe zum Erdgeschoss, verließen das Haus durch den Vordereingang und umrundeten es. »Der Schäfer muss doch in der Nähe wohnen.«

Ich konnte nicht folgen und runzelte die Stirn.

»Aye«, gab Sina den Hinweis.

Das Lachen brach nur so aus mir heraus. »Du hast echt einen an der Waffel! Der versteht kein Wort von dem, was ich sage!«

»Perfekt«, behauptete Sina zufrieden und grinste. Ich wusste, was folgen sollte und richtete meinen Blick schon mal in den grauen Himmel.

»Lass deinen Körper sprechen. Die Signale sind in allen Sprachen gleich.«

Ich korrigierte sie nicht, schüttelte nur den Kopf. Sina lachte und zog mich weiter. Ein weitläufiger Park lag vor uns und im hinteren Bereich schloss sich ein ummauertes Gärtchen an. Sina deutete auf das verwitterte Törchen und grinste verschmitzt, als erwarte sie meinen Zuspruch. Also spähte ich durch das vergitterte Sichtfenster der Pforte und entdeckte einen verwilderten Rosengarten.

»Wow!« Ich war gefesselt. Zwar war alles ziemlich zugewuchert, aber in seiner Urtümlichkeit auch anziehend. Bezwingend. Ich spürte süße Aufregung durch meine Adern strömen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich etwas Natur so beleben könnte. »Daraus lässt sich was machen.«

»Fein!«, frohlockte Sina. »Wenn dich die Muse geküsst hat, lasse ich dich besser arbeiten!« Sie zwinkerte mir zu. »Ich schaue mal, wie wir an den Schlüssel kommen.«

»Ich komme mit rein und hole meine Kamera«, schloss ich mich an, bereits in der groben Planung vertieft. Mein ganzer Körper prickelte und mir schossen die Ideen nur so durch den Kopf. Es war schon eine Weile her, dass ich mich so gefühlt hatte. Eine ganz schön lange Weile, wenn man es genau nahm und ich genoss es. Die Aufregung, das Prickeln. Selbst die Luft schmeckte süß.

Sina warf mir einen wissenden Blick zu. »Du willst die Zeremonie in den Garten verlegen, richtig?«

»Wesentlich romantischer, als alles was ich sonst gesehen habe«, murmelte ich und das war schlicht eine Tatsache. Lassen wir mal beiseite, dass mich der Rest des Hauses noch nicht wirklich überzeugt hatte. Wenn es meine Hochzeit wäre, ich hätte mir einen anderen Ort ausgesucht. »Wann kommen Braut und Bräutigam?«

»Rechne nicht mit ihnen.«

Ich stockte mitten im Schritt und hastete ihr dann nach. »Keine Aufnahmen vom Hochzeitspaar?« Das war ungeheuerlich. Ich runzelte die Stirn. Meine Ideen verpufften eine nach der anderen. »Das wird eine sehr öde Präsentation.«

Sina seufzte gedehnt. »Noch stehen die Zusagen aus, was soll ich tun? George kümmert sich aber drum.«

George, der Leiter der Agentur, über die sie derzeit arbeitete. Er war nicht gerade der sanfte Typ und meine Hochzeit würde ich sicherlich nicht in seine Hand legen, aber er hatte tatsächlich volle Auftragsbücher von zahlenden Kunden. Ich brummelte etwas, als wir das Haus wieder betraten und Sina pfiff. Sie ging einen Schritt vor mir und blieb stehen, so dass ich in sie hineinlief.

»Huch! Sorry.« Ich stolperte zurück und umrundete sie.

»Ah, Miss Conrad, Miss Hildebrick, darf ich Sie mit Mr Kendrick bekannt machen?« Die Haushälterin, die uns selbst erst vor wenigen Stunden begrüßt hatte, schob einen kräftigen Kerl in unseren Fokus. Nun, er schaffte es eigentlich von selbst, zumindest meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich presste die Lippen aufeinander, als seine Augen ebenso überheblich über mich hinwegglitten, wie bei unserer ersten Begegnung. Sina trat vor und reichte ihm ihre Hand.

»Mr Kendrick, hallo. Ich bin Sina Conrad und dies ist meine Kollegin Liny Hildebrecht.« Sie drehte sich mit einem Zwinkern zu mir um. »Sind Sie der Gärtner?«

»Sina, das ist der wortkarge Typ, der mir den Weg nicht erklären wollte«, korrigierte ich sie in unserer Muttersprache. Sina drehte sich wieder dem Kerl zu, der mich immer noch anstarrte. Blödmann! Tief in meinem Inneren wusste ich natürlich, das meine Wut ungerechtfertigt war. Er war Ausländer, hatte mich einfach nicht verstanden und zumindest die richtige Richtung angegeben.

»Mr Kendrick verwaltet Farquhar für seinen Eigentümer. Er kennt sich hier aus, wenn Sie also Fragen haben, wenden Sie sich an ihn.«

»Oh, wie wunderbar!«, flötete Sina. »Ich bin mir sicher, dass Sie uns eine große Hilfe sein werden!«

Da könnte sie sich nicht mehr irren. Ich stemmte die Hand in die Hüfte und verlagerte mein Gewicht. Sina strahlte den Verwalter immer noch an, als sei er eine Offenbarung. Ich sah zwischen den beiden hin und her. Sina war eine sinnliche Schönheit mit Kurven so scharf wie ihr Verstand, trotzdem schien Mr Kendrick nicht übermäßig von ihr angetan. Er sah ebenso mürrisch an ihr herab, wie einige Stunden zuvor an mir. Sina hingegen gefiel durchaus, was er zu bieten hatte. Irritiert musterte ich ihn. Groß, muskelbepackt und haarig. Über Geschmack ließ sich streiten. Ich fing seinen Blick auf. Seine Augen hatten was und mein Puls verdoppelte sich.

Was ist denn das für ein bescheuerter Gedanke?

»Der Garten, Sina.« Es klang wie Pistolenschüsse und ich zuckte zusammen. Wie peinlich, andererseits war es mir egal, was er von mir hielt.

»Oh, natürlich«, zwitscherte Sina und flatterte mit den Wimpern. »Mr Kendrick, wir haben da gleich ein Anliegen. Wir haben einen hübschen Garten entdeckt, aber der Zugang ist versperrt.«

Lass das, Sina. Ich kniff die Lippen zusammen. Es war egal, sollte sie ruhig mit ihm flirten. Wenn er so viel Interesse in ihr weckte, sollte sie ihn haben. Ich konnte ohnehin nichts mit ihm anfangen.

»Die Damen sind für die Vorbereitung der Hochzeit von der Agentur Weddingdreams geschickt worden«, erklärte Mrs Collum schnell und lächelte in die Runde.

Die Miene Kendricks verdüsterte sich nur noch mehr. Vermutlich verstand er schlicht kein Wort. Ich brach den Blickkontakt mit ihm, nicht sicher, ob ich ihn bemitleiden sollte oder eine Lanze für ihn brechen. Es war doch wahrlich undurchdacht, jemanden einzustellen, der kein Wort verstand.

»Nay«, bockte Kendrick. »Der Garten bleibt geschlossen.«

Ich zuckte zusammen. Ups, da musste ich meine Vorstellung wohl revidieren.

Sina legte den Kopf zur Seite und sah neckisch zu ihm auf. Sie griff wirklich tief in die Trickkiste und ich spürte einen kleinen Stich. Neid?

»Mr Kendrick, eine unserer Aufgaben besteht darin, ein Hochzeitsvideo und eine Collage zu erstellen, die während der Feierlichkeit abgespielt wird. Dafür brauchen wir besonders schöne Aufnahmen.« Sie lächelte, klimperte mit den Wimpern und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Der Rest des Anwesens ist eher verstaubt, baufällig und hässlich.« Ich klappte schnell den Mund wieder zu, erschrocken über meine eigenen Worte. Das war rüde und machte mich bei Mr Kendrick sichtlich unbeliebt. Sein Blick durchbohrte mich feurig und raubte mir den Atem. Ich wollte, konnte mich aber nicht entschuldigen. Mir fehlten die Worte und die Luft, um sie auszusprechen. Sina sah mich nicht weniger mordlüstern an als der Verwalter, war aber deutlich zu sehr Geschäftsfrau. Sie lachte geziert und streckte die Hand nach ihm aus.

»Oh, Liny! Manchmal ist mehr einfach notwendig.« Sie legte Kendrick die Hand leicht auf den Arm und lenkte ihn endlich von mir ab. »Was meine Kollegin sagen wollte, ist, dass das Gebäude recht düster und geschichtsträchtig ist, unsere Klientin aber ein farbenfrohes, fröhliches Video erwartet.«

Ich keuchte und wollte es wieder gutmachen, aber leider sagte ich das erste, was mir in den Sinn kam: »Genaugenommen überladen von Romantik und Kitsch. Der Garten gibt das her, das Haus nicht.« Mein Herz fror ein. Das hatte ich nicht gesagt! Nicht so. »Ich …«, wollte meine Worte revidieren, aber Kendrick unterbrach mich ebenso rüde, wie ich wohl geklungen hatte: »Sie haben keine Ahnung, was dieses Haus hergibt! Ich schlage vor, Sie schauen sich genauer um!« Sein Blick wanderte an mir herab.

Mein Gott, der hasst mich. Was natürlich völlig egal war. Ich mochte ihn auch nicht. Spontane Antipathie auf den ersten Blick. So etwas gab es. Oh Gott, ich fühlte mich schlecht und hatte es auch nicht anders verdient. Das machte mich ärgerlich und das war nicht gut. Ich wurde häufig störrisch, wenn ich ärgerlich wurde und verrannte mich leicht.

»Ich riskiere einen zweiten Blick«, knirschte ich. Lina, ruhig Blut. Ich musste ihn nicht lieben, ich musste nur zwei Wochen mit ihm auskommen. Das schaffe ich. Lächeln, Mund halten, wenn ich auf ihn treffe und alles wird gut. Das schaffe ich doch!

»Ich bin sicher, irgendwo wird sich etwas Romantik und Kitsch verstecken.« Besser, ist doch ganz einfach.

Kendricks Augen verengten sich.

Da hatte ich mir einen Freund gemacht. Ich seufzte leise. Sollte ich es noch einmal mit einer angedeuteten Entschuldigung versuchen? Ich räusperte mich. »Es ist ein altes Haus. Es wird seinen Charme haben.« Das klang jetzt nicht besser, also klappte ich den Mund schnell wieder zu und trat mir gedanklich in den Hintern. Das machte es doch nur noch schlimmer.

»Dieses Haus hat Charme.« Den Rest sagte sein Blick.

Oh ja, der hasst dich. Nur gut dass du ihn eh nicht leiden kannst.

Kendrick ließ uns stehen und stampfte davon.

»Liny, du bist keine Hilfe!«, zischte Sina und stieß mich an.

»Tschuldigung.« Ich atmete tief ein. »Ich habe Mist gebaut und weiß es.«

Sina schüttelte den Kopf. »Zuckerbrot statt Peitsche.« Sie hakte sich bei mir ein und zog mich zur Treppe. »Dass du immer gleich mit der Tür ins Haus fällst!«

»Es tut mir leid.«

»Ruiniere hier nicht alles. Das ist ein sehr wichtiger Auftrag für George.«

»Ich weiß. Hör zu. Ich schnappe mir meine Kamera und sehe zu, dass ich so viele Fotos wie möglich mache, bevor er merkt, dass ich mich über sein Gebot hinwegsetze.« Nicht die feine englische Art, aber nötig, denn der Garten war magisch. »Versuch du doch abzulenken?« Darin war sie ohnehin hervorragend.

Sina sah mich beredt an, ging aber auf mich ein. Sie wusste wohl, dass ich nicht unkte. Der Garten war bei Weitem das Schmuckstück des Anwesens. Sie nickte und drehte sich breit lächelnd der Haushälterin zu, die uns neugierig beäugte. Nun, es war wohl unhöflich, in einer fremden Sprache zu sprechen, die die anderen nicht verstanden. Ich nickte ihr zu und ließ Sina bei Mrs Collum zurück. Durch meine vorherige Erkundung fand ich mein Zimmer problemlos wieder. Nun, es war auch nicht sonderlich schwer. Man nahm die Haupttreppe bis zum Giebel, stieß sich dann dreimal den Kopf an einem niedrigen Balken und stand dann vor einer schmalen Tür mit abblätternder Farbe. Voilà. Ich riss die Tür auf und warf sie hinter mir zu. Meine Tasche stand noch gepackt am Fußende des Bettes, meine Ausrüstung darauf. Für erste Aufnahmen brauchte ich nicht mein Spitzengerät, schließlich wollte ich mir zunächst nur einen groben Überblick verschaffen. Also holte ich die Spiegelreflex aus meiner Reisetasche. Meine erste Kamera und längst nur noch privat im Gebrauch, aber dienlich für Exkursionen wie jene, die ich nun geplant hatte. Ich drehte mich zufrieden um und riss an der Klinke. Mein Grinsen purzelte aus meinem Gesicht, wie der Spiegel an der Innenseite der Tür bezeugte. Ich machte eine recht drollige Fratze, zugegeben, aber das ärgerte mich nur noch mehr. Ich riss erneut an der Klinke, mit demselben Ergebnis: die Tür blieb geschlossen.

Ich rüttelte, zerrte, besah mir das Schloss, aber letztlich bewegte sich nichts. Die Tür zu meinem schmalen Kämmerchen blieb geschlossen.

»Mist!« Ich presste mein Ohr an das kratzige Holz. Nichts, trotzdem klopfte ich und rief um Hilfe. Es gingen einige Türen von dem schummrigen Flur ab, also war durchaus anzunehmen, dass nicht nur Sina und ich hier oben untergebracht waren. »Hallo!«, schrie ich, so laut ich konnte und lauschte dann angestrengt. Nichts. Ich drehte mich in den Raum. Sina. Ich schüttete meine Tasche auf dem Bett aus und wühlte nach meinem Telefon, um verdutzt zu stocken, denn es war nicht unter meinem Krimskrams. Erneut durchstöberte ich den Inhalt meiner Handtasche, fand das Ladekabel, die Ohrhörer sogar die Powerbank, aber nicht mein Handy selbst. Ich stockte. Wann hatte ich mein Telefon zuletzt in der Hand gehabt? Im Auto.

Ich schloss die Augen. Ich hatte das schmiedeeiserne Tor zur Auffahrt nach Farquhar öffnen müssen und mein Handy dazu natürlich zur Seite gelegt. Auf den Sitz genaugenommen, wo es mit ziemlicher Sicherheit immer noch lag. Hervorragend! Ich sah zur Seite. Das Zimmer bestach durch ein Guckloch, rund und spinnwebenverhangen. Ich machte ein Bild von seinem gegenwärtigen Zustand, denn es schrie geradezu danach, in meinem Blog aufzutauchen. Kategorie: schauderhafte Plätze. Da ich schon dabei war, nahm ich mir die Zeit, auch den Rest des Interieurs aufzunehmen, bevor ich mich wieder meinem Problem zuwandte. Immerhin wesentlich ruhiger. Angeekelt entfernte ich mit einem Stück Papier die Spinnweben und schrie spitz auf, als die Bewohnerin mir entgegensprang. Ich schleuderte das Papier zur Seite, nicht sicher, ob ich noch etwas darauf herumstapfen sollte. Nicht, dass mir das achtbeinige Monster noch einmal über den Weg lief. Jedoch wäre sie sicherlich auch ein interessantes Model. Nur um den Charakter dieser Bruchbude in ihrer Vollkommenheit abzubilden. Der bitterböse Gedanke ließ mich auflachen und zog mich weit genug aus meinem Selbstmitleid, um mich weiter mit meiner Befreiung zu beschäftigen.

Seufzend widmete ich mich dem Fenster, das sich zumindest öffnen ließ und sah für vielleicht eine Sekunde hinaus, dann schwindelte mir. Ich schloss die Augen und stützte mich an der Wand ab. Die Tapete fühlte sich rau und klamm unter meiner Hand an und ich riss die Lider wieder auf und die Hand weg. Wie widerlich!

Ich wich zurück. Zwar war das Fenster groß genug, um hinauszuklettern, aber das war sicherlich keine Option. Eher hirnrissig tödlich. Selbst, wenn ein Fenster der Nachbarzimmer offen stünde, könnte ich es nicht erreichen. Ich plumpste auf das Bett. Gefangen in einem modrigen Horrorkabinett! Ich ließ mich zurückfallen und starrte an die niedrige Decke. Womit hatte ich das nur verdient?

***

Ich wartete geduldig. Nun, zumindest, wenn ich nicht gerade lauthals schrie und gegen die Tür bollerte, bis ich keine Luft mehr bekam. Ich begann mich zu fragen, was Sina trieb, besonders da es langsam dunkler wurde. Ich saß sicherlich bereits Stunden hier fest und sie suchte mich nicht? Da hatte ich ja eine ausgesucht tolle Freundin!

»Hilfe!« Es waren doch sicherlich nicht nur Sina und ich hier untergebracht worden. Oder vielleicht doch? Zweifel nagten an mir. Es war ein großes Haus mit unzähligen Räumen und wie viele konnten davon belegt sein? Mal abgesehen davon, dass ich nicht einmal sicher wusste, wie viele Menschen sich überhaupt im Haus aufhielten.

Mittlerweile nahe einer Panik – nicht nur Höhen reizten meine Fantasie zu ausgeprägten Horrorszenarien, sondern auch enge und verschlossene Räume – trat ich gegen die Tür, bis mir die Zehen schmerzten, und schrie schließlich unartikuliert. Warum zum Teufel passierte mir das?

Karma. Ich wandte mich ab, kurz davor, es mit brachialer Gewalt zu probieren. Ich wollte hier endlich raus. Ich sah mich um, aber es gab nicht einmal einen Stuhl. Nur das Bett. Der Schrank war in die Wand eingelassen. Ich saß in der Falle.

Keine Panik, früher oder später fällt meine Abwesenheit auf. Vermutlich positiv, so wie ich mich heute aufgeführt habe, aber sie fällt auf und dann sucht man nach mir und findet mich auch. Kein Grund zu wildem Aktionismus.

Trotzdem schlug ich erneut gegen das Holz und fluchte. Die Tür ratterte. Oh Gott sei Dank! Ich lehnte mich dagegen und presste die Wange an die kratzige Oberfläche. »Sie klemmt. Ich komme nicht raus!«

Tja. Im nächsten Moment stand mir Mr Wortkarg gegenüber. »Offen.«

Er ließ mich stehen und ich haderte. Aber letztlich bestand die Gefahr, mich immer wieder hier einzuschließen, also folgte ich ihm in den Flur und sah zu, wie er die Tür gegenüber öffnete. Na toll. Ich räusperte mich, deutlich das Gefühl, dass mir wieder jedes Wort quer im Hals hängen bliebe.

»Mr Kendrick, wen spreche ich an, um ein anderes Zimmer zu bekommen?«

Seine Tür schlug zu. »Verdammt!« Ich biss die Zähne zusammen. Was nun? Mrs Collum? Ich hatte wahrlich keine Lust, das Haus nach ihr abzusuchen. Oder nach Sina, dem untreuen Huhn. Ich trat wieder in mein unerwünschtes Zimmer, stemmte die Hände in den Hüften ab und sah mich um. Ich steckte hier womöglich immer wieder fest. Vielleicht in der Nacht, wenn ich dringend das stille Örtchen aufsuchen musste. Unhaltbar! Ich schnappte mir mein Equipment und füllte schnell meine Handtasche. Als ich mich aufrichtete, schrie ich auf. Meine Tasche purzelte wieder auf das Bett und ich presste meine Hand auf die Brust. »Herrje!« Ich schloss kurz die Augen, um mich zu beruhigen, und begann bereits: »Verdammt noch mal, warum schleichen Sie sich so an!« Gut, der Zug war abgefahren. Nachdem ich ihn nach meiner Rettung wieder anmotzte, konnte ich mir jeden Dank und jede Bitte um Vergebung ohnehin sparen. Wie hieß es so schön? War der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Kendricks Augen waren verengt, als er mich musterte, vermutlich sollte ich mich daran gewöhnen, so von ihm betrachtet zu werden. Er deutete aus dem Raum. »Sie wollten ein anderes Zimmer! Herrgott!« Er ließ mich stehen und knallte die Tür ins Schloss.

Ich schrie auf und eilte hinterher. Wie vermutet, ließ sie sich nicht öffnen und ich gurgelte verzweifelt. Das durfte nicht wahr sein. Gerettet und wieder eingeschlossen in weniger als fünf Minuten, gab es einen größeren Pechvogel als mich? »Lassen Sie mich raus! Bitte!«

Er öffnete erneut mühelos die Tür. Ich gaffte ihn an. Das war doch ein Witz. Ich griff nach der Klinke und schob ihn hinaus, um die Tür zu schließen. Öffnen konnte ich sie aber auch von außen nicht.

Kendrick fasste an mir vorbei, drehte den Knauf und stieß sie auf. Problemlos. Ich atmete tief ein.

»Ich brauche ein anderes Zimmer«, stellte ich betont neutral fest. Meine Einschätzung war richtig, mit diesem Zimmer wäre ich ständig eingeschlossen. »An wen kann ich mich da wenden?« Freundlich klang ich trotz meiner redlichen Bemühungen nicht.

»Nehmen Sie das.«

Ich folgte seinem Fingerzeig. Sein Quartier. Oh. »Ihres?«

»Die Auswahl ist derzeit bescheiden, Miss Hillebick.«

»Hildebrecht«, korrigierte ich automatisch. Kaum jemand in England sprach meinen Namen richtig aus, selbst nach mehrmaliger Wiederholung und eigentlich hatte ich es aufgegeben, jeden zu korrigieren und bot generell an, zum Vornamen zu wechseln. Die Vorstellung, von ihm Liny genannt zu werden, weckte ein verstörendes Prickeln.

»Wollen Sie es, oder nicht?«

Ich atmete tief ein. »Ja.« Ich schliefe sogar im Keller mit weiteren achtbeinigen Mitbewohnern, wenn ich nur kommen und gehen konnte, wie ich wollte. »Danke sehr.« Ich senkte den Blick, plötzlich unangenehm nervös. Kendrick ließ mich stehen. Er schleppte seine Tasche herein und ließ sie polternd fallen, auf das Blatt Papier, mit dem ich meine Mitbewohnerin vertrieben hatte. Nun, sein Karma.

Ich schnappte mir meine Ausrüstung, meine Handtasche und versuchte, auch meinen Reisekoffer hinter mir her zu ziehen, eckte aber an der Tür an und er kippte. Ich hatte Mühe, ihn wieder aufzurichten und bollerte mit meinen Koffer über den Flur. Ich schleuderte ihn in den Raum, der zumindest frei von Staub und Spinnweben war. Ich drehte mich und stand ihm schon wieder gegenüber. Zwei Wochen Tür an Tür mit ihm? Na vielen Dank auch, Schicksal!


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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Als passionierte Leseratte kam sie schon in ihrer Jugend zum Schreiben. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Angefangen mit Verzeih mir, mein Herz! hat sie bereits elf Veröffentlichungen, unter anderem bei Ullstein-Forever und dem Latos-Verlag, vorzuweisen.

Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind. Dabei liegt ihr Fokus auf den Beziehungen ihrer Protagonisten.

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