Thriller Autorin Caroline de Vries über ihr neues E-Book

ichkiewdachterrasse 

Caroline de Vries in Kiew

Worum geht es in deinem neuen E-Book Kiew Contract – Im Namen meines Vaters?

Für die junge Journalistin Katharina geht es um die Frage, wofür es sich im Leben zu kämpfen lohnt. Gibt es Situationen, in denen sie ihre persönlichen Befindlichkeiten zugunsten einer größeren Sache zurückstellen, vielleicht sogar ihr Leben aufs Spiel setzen muss? Im Hintergrund spielen Korruption und Politik eine Rolle, aber auch Liebe, Zusammenhalt und Vertrauen.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Mehrere Jahre, aber das liegt daran, dass ich das Buch wegen anderer Tätigkeiten nur ab und zu im Urlaub weitergeschrieben habe.

 

Wie ist die Idee zu deinem E-Book entstanden? Gab es eine Art Initialerlebnis?

Ein Freund von mir ging damals in die Ukraine, als politischer Berater. Das hat mich animiert, mich mit dem Land auseinanderzusetzen und später auch dort Journalistentrainings zu geben.

 

Was reizte dich daran, Katharina Iswestjas Geschichte zu schreiben?

Mir macht schreiben einfach Spaß, so wie andere Fußball gucken oder Doppelkopf spielen.

 

Du bist selbst Journalistin – Wie viel von dir und deinen persönlichen Erfahrungen steckt in Reporterin Katharina?

Als Journalist ist man oft frustriert, wenn man Dinge weiß oder ahnt, sie aber nicht so gerichtsfest belegen kann, dass man sie veröffentlichen kann. Die Ereignisse und Personen in Kiew Contract sind alle fiktiv, aber die Umstände sind so wie beschrieben.

 

Wie sah die Recherchearbeit für dein E-Book aus?

Ich war vor Ort und habe mit vielen Journalisten und Fachleuten gesprochen, mich mit dem Phänomen Korruption auseinandergesetzt und viel zu den Themen Ukraine, Oligarchen und Medien gelesen.

  

Das Image der Medien ist derzeit ja angekratzt (Fake-News, „Medienmanipulation“ etc.). Ist Kiew Contract ein Plädoyer für die Wichtigkeit von guten Journalismus?

Als ich das Buch schrieb, war das noch gar nicht so aktuell. Ich finde guten Journalismus seit jeher wichtig und ärgere mich sehr darüber, dass viele Menschen jetzt irgendwelchen Verschwörungstheoretikern glauben. Natürlich gibt es gute und schlechte Journalisten. Aber mit ein wenig Verstand kann man die unterscheiden. Was mir auffällt ist, dass in Ländern, in denen es keine gute Regierung gibt, die Menschen Medien und gute Berichterstattung sehr schätzen.

 

Was war das spannendste Erlebnis in deiner journalistischen Laufbahn?

Da gibt es viele. Die Begegnung mit beeindruckenden Persönlichkeiten in Afrika, kleine berührende Dinge, Reisen in wilde Gegenden.

Dazu gehört bestimmt der Besuch der African Leadership Academy, in der junge hochbegabte Afrikaner mit Hilfe von Stipendien ausgebildet werden. Ich war schwer beeindruckt von ihrer extremen Scharfsinnigkeit und dem hohen moralischen Niveau, auf dem diese 17-jährigen sich bewegten. Bei dem Unterricht hätten deutsche Abiturienten nicht mithalten können. Begegnungen mit Menschen in Afrika, die unter so harten Bedingungen überleben und dann nach Hause kommen in unsere gegen alles versicherte Gesellschaft ist immer wieder ein Erlebnis.

Auch Interviews mit Flüchtlingen in der Ostukraine, Flüchtlinge von beiden Seiten, die ähnliches Leid erlitten haben und doch auf verfeindeten Seiten stehen.

 

Du gibst Lehrveranstaltungen für NGOs im Bereich Nachhaltigkeit und Entwicklungshilfe, außerdem bist du im Vorstand für die Aus- und Weiterbildung des „Netzwerk Weitblick e.V.“ – kannst du uns etwas darüber erzählen?

Ich setze mich mit meinen Mitteln für eine bessere und gerechtere Welt ein. Ich möchte Menschen zum Nachdenken, Handeln und Verantwortung übernehmen anregen.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Aufräumen. Alles andere lasse ich auf mich zukommen.

 

Was liest du selbst gerne?

Gut geschriebene Bücher mit interessanten Gedanken, die meinen Horizont erweitern.

 

Welche anderen Autoren magst du?

Ross Thomas, Jonathan Safran Foer, Richard Powers, Schiller, Henning Mankell, Chimamanda Ngozi Adiche und viele andere mehr.

 

Hast du ein Lieblingsbuch?

Der Klang der Zeit von Richerd Powers, Alles ist erleuchtet von Jonathan Safran Foer und Die Entdeckung des Himmels von Harry Mulisch.

9783960871354_150dpi

Caroline de Vries ist das Pseudonym einer Hamburger Journalistin. 1963 in Friesland geboren, verbrachte sie mehrere Jahre auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in Frankreich und im südlichen Afrika. Ihre ersten Schreiberfahrungen sammelte sie dabei mit Vorläufern der heutigen Blogs: Tagebuchartige Briefe an Freunde über ihr Leben als Blondine an der Cote d’Azur und über Begegnungen mit Freiheitskämpfern und Söldnern in Namibia.

Hier geht’s zur Leseprobe von Caroline de Vries‘ neuem E-Book Kiew Contract – Im Namen meines Vaters.

Kiew Contract – Im Namen meines Vaters

Grigorij Iswestja

Kiew, August 1993

Grigorij nahm ein Taxi, das ihn vor einem kleinen, schäbigen Hotel absetzte. Im Zimmer angelangt zog er als erstes die zerschlissenen Gardinen zu. Die eine riss dabei noch weiter ein. Wahrscheinlich war Zar Nikolaus noch nicht einmal gezeugt worden, als sie gewebt wurde, dachte er spöttisch.

Grigorij stellte sich seitlich an das Fenster und sah durch einen kleinen Schlitz zwischen Gardine und Wand hinaus. Die Straße war leer. Keine Verfolger. Es hatte zu regnen begonnen und der Schnee verwandelte sich in grauen Matsch. Grigorij musste sich beeilen.

Er ging schnell die schmale Holztreppe hinunter, um den Besitzer der Pension aufzusuchen. Der saß in seinem Wohnzimmer, das direkt vom Eingangsflur abging. Der Fernseher lief mit so einer Lautstärke, dass er Grigorij erst hörte, als dieser vernehmlich hustete.

„Was ist los, fehlt was?“

„Nein danke, alles bestens. Nur … könnte ich einmal telefonieren?“

Der Mann wies mit einem Kopfnicken auf das Telefon.

Grigorij wählte und wartete.

„Iswestja?“ Er hörte an Irinas Stimme, dass sie Angst hatte.

„Ich bin’s“, sagte er. „Ich wurde aufgehalten. Fahre einfach vor, ich komme nach.“

Irina verstand.

„Pass auf dich auf“, sagte sie und legte auf. In ihren Worten schwang keine Liebe mit.

Grigorij drehte sich um. „Wir wollen auf die Krim und mich halten hier die Geschäfte länger auf, als ich dachte. Ich hoffe nur, sie vergisst nicht, meine Badesachen einzupacken.“

Der Mann nickte geistesabwesend.

 

Grigorij stand wieder neben dem Fenster. Das Zimmer war klein, feucht und kalt. Er fröstelte.

Ihm war klar, dass er in höchster Gefahr war. Wenn Abramow ihn fand, war er tot.

Ich muss das Paket aus dem Versteck holen und sehen, was es enthält, dachte er. Vielleicht hätte ich es bei mir behalten sollen. Aber wenn Abramows Männer mich erwischt hätten, wäre alles umsonst gewesen.

Grigorij fragte sich, ob es klug gewesen war, nur Mandelow einzuweihen. Es war jedoch schon oft vorgekommen, dass sogar der standhafteste Journalist seinen Kollegen verriet. Aus Angst. Wer politische Angelegenheiten recherchierte, geriet schnell in Lebensgefahr. Man wurde ermordet oder landete im Gefängnis. Irgendein Grund fiel dem bestochenen Richter schon ein.

Grigorij wusste um die Last des Mitwissens. Er kannte die panische Angst. Nicht nur um das eigene Leben, auch um das seiner Familie. Auf der anderen Seite standen die Verlockungen, denen ein Verräter ausgesetzt war: bessere Jobs, mehr Geld. So mancher war schon der Versuchung erlegen.

Darum vertraute Grigorij nur Mandelow. Je weniger Kollegen von einer Sache wussten, desto geringer war die Gefahr, dass jemand nicht dichthielt.

Grigorij musste das Päckchen holen und ins Ausland fliehen. Dorthin, wo auch Irina und Katharina waren. Er hoffte, dass sie rechtzeitig hatten verschwinden können, bevor Abramows Männer vor der Wohnung Position bezogen hatten.

Er legte sich auf das Bett. Es quietschte. Die Matratze war durchgelegen. Fröstelnd zog er sich die dünne Bettdecke bis unter das Kinn und schloss die Augen. Bevor er einschlief, schickte er noch ein Stoßgebet los, nicht ohne schlechtes Gewissen, denn es war nicht in Ordnung, nur in existentiellen Situationen auf Gott zurückzugreifen.

Ein paar Stunden später, es war noch Nacht, ging er zu Fuß in Richtung der Wohnung, die er hoffte leer vorzufinden. Er hatte Angst ein Taxi zu nehmen, denn wahrscheinlich hatten seine Gegner überall ihre Spitzel. Die Straßen waren menschenleer, nur ab und zu torkelte ein Betrunkener an ihm vorbei, oder ein junges Paar lief eng umschlungen einer unsterblichen Nacht entgegen.

Hier, in den traurigen Schluchten der Hochhaussiedlung, auf ein ungewisses Schicksal zusteuernd, verfluchte Grigorij sich selbst und wünschte, dass er einfach nur Schichtarbeiter geworden wäre. Dann wäre er jetzt auf dem Weg nach Hause, wie jeder andere auch. Ein verlockender Gedanke – so ein komplett anderes Leben. Ihm wurde wehmütig ums Herz. Aber dann riss er sich zusammen. Er hatte sich für seinen Beruf entschieden. Und er war klug genug, zu wissen, dass ihn so ein alltägliches und unpolitisches Leben nicht zufrieden stellen würde.

In sicherer Distanz zu seinem Wohnblock versuchte Grigorij herauszufinden, ob er erwartet wurde. Die Wohnung war dunkel. Wäre Irina noch da, würde das Licht brennen, sie würde im Wohnzimmer sitzen, in dem alten Sessel, lesend – oder vorgebend zu lesen – während ihre Gedanken um ihn kreisten, voller Sorge und voller Wut.

Grigorij näherte sich vorsichtig der Haustür und hielt sich dabei im Schatten. Sie stand wie immer offen. Keiner der Hausbewohner machte sich je die Mühe, sie zu schließen. Da das Schloss ohnehin dauernd kaputt war, hatte irgendwann ein besonders bequemer Mensch sie an der Wand festgehakt, so dass man jetzt einfach hineinspazieren konnte.

Der Hausflur war leer. Sie wären auch schön dumm gewesen, ihn bereits dort abzufangen. Grigorij hatte nicht vor, durch das dunkle Treppenhaus nach oben in den fünften Stock zu gehen und sich dort überfallen zu lassen. Die anderen Hausbewohner würden ihm nicht helfen. Wenn irgendwo Lärm war, schob man den Riegel vor die Wohnungstür und schloss Augen und Ohren. Zu groß war die Gefahr, dass man sich selbst auf die falsche Seite stellte. Dabei zählten weder Gut noch Böse, die falsche Seite war einfach die des Schwächeren.

Grigorij ging hinunter in den Keller. Dort hatte er eine Tasche mit dem Nötigsten deponiert: Pass, Geld, Scheckkarte, Unterwäsche zum Wechseln, ein Ersatzhandy mit einer Nummer, die nur Mandelow kannte und weitere Pässe mit falschen Namen. Mit der Tasche unter dem Arm schlich er vorsichtig aus dem Haus und eilte dann durch die Morgendämmerung mehrere Straßen entlang, während er sich ständig umsah.

Er erreichte den Wagen, den seine Redaktion dort für ihn geparkt hatte, für Notfälle, wenn er sein eigenes Auto aus Sicherheitsgründen nicht benutzen konnte. Marke und Farbe wechselten regelmäßig. Er stieg ein und ließ den Motor an. Ein Schatten schoss blitzschnell im Rückspiegel hoch.

Grigorij spürte kaltes Metall im Nacken. Seine Muskeln verhärteten sich und binnen Sekunden brach ihm kalter Schweiß aus. Sein Atem bahnte sich zitternd einen Weg in die Lungen. So fühlt sich das Ende an, dachte er. Seine Umgebung wurde ganz klar, wie zu Eis gefrorene Luft. Die grauen Häuser, die abblätternden Fassaden, ein paar Lichter brannten schon, die Bewohner drinnen hatten keine Ahnung, was sich draußen abspielte. Sie kochten Tee und schmierten Wurstbrote für die Mittagspause. Er schloss die Augen, atmete tief ein und spürte, wie sehr er an seinem Leben hing. Es gab noch so viel zu tun. Und so viel zu sagen. Katharina.

„Ruhig, dann geschieht dir nichts“, flüsterte jemand hinter ihm. „Steig aus.“

Grigorij tat wie ihm geheißen. Der Unbekannte stieß ihm die Pistole in den Rücken und wies ihn an, in eine Nebenstraße abzubiegen. Dort stand ein Wagen mit laufendem Motor. Der Unbekannte öffnete die Hintertür. Ein harter Gegenstand traf Grigorij auf den Kopf. Bevor alles schwarz wurde, merkte er noch, wie ihn jemand auf die Rückbank stieß.

 

 

Katharina Iswestja

Kiew, 5. Mai 2004

Helles Licht drang durch einen Spalt zwischen den Gardinen und schien direkt auf mein Gesicht. Ich wehrte mich dagegen, aufzuwachen, denn ich spürte dumpf, dass jede Zelle meines Gehirns voll Wodka war. Wenn ich die Augen öffnete, würden sie explodieren. Ich ließ meine Lider geschlossen und fiel in einen Dämmerzustand, der durchdrungen war von unangenehmen Gedanken.

 

Als ich sechzehn war, fand ich auf der Suche nach einer Schere im Schreibtisch meiner Mutter zufällig Briefe meines Vaters. Ich hatte Scheu, sie zu öffnen, aber ich sah am Stempel, dass einige jüngeren Datums waren. Ein Foto rutschte heraus. Schwarzweiß. Unsere Familie in Kiew. Mein Vater. Etwas kleiner als meine Mutter, offene, helle Augen, eher interessant als schön aussehend, dichtes schwarzes Haar, dandyhaft gekleidet, ein weißer Schal locker um den Hals geworfen. Lachend hatte er den Arm um meine Mutter gelegt. Sie guckte fröhlich, war eng an ihn geschmiegt. Eine schöne Frau mit langen, kräftigen Haaren. Das Foto musste aufgenommen worden sein, als ich etwa drei Jahre alt war. Ich trug ein kariertes Kleid und eine passende Mütze. Eine glückliche, gut situierte junge Familie.

Ich fragte meine Mutter nach den Briefen.

„Vergiss ihn endlich“, sagte sie wütend. „Sein Ehrgeiz hat uns fast das Leben gekostet. Er ist ein egoistischer, rücksichtsloser Mensch.“

Als ich die Briefe dann doch heimlich lesen wollte, waren sie verschwunden, aber meine Neugier war geweckt. Ich wollte wissen, was mein Vater getan hatte.

Ich erwog damals, Tante Lisa zu fragen. Ich wusste nicht, warum meine Mutter ihrer Schwägerin weiterhin schrieb. Vielleicht hatte sie Sehnsucht nach einer Familie, denn Lisa und deren Tochter Anna waren unsere einzigen Verwandten. Meine Mutter war Waise.

Doch auch gegenüber Lisa erwähnte sie meinen Vater nie und fragte auch nicht nach ihm. Lisa akzeptierte das. Eine Zeit lang recherchierte ich – eher halbherzig – im Internet. Dort tauchte der Name meines Vaters nur selten auf. Grigorij Iswestja. Der Journalist, der aus der Ukraine fliehen musste, nachdem er offenbar auf eine brisante Geschichte gestoßen war. Aber niemand wusste, was wirklich dahinter steckte. Die meisten ukrainischen Zeitungen unterstellten ihm, dass er kriminell und korrupt gewesen sei. Autoren westlicher Zeitungen stellten dagegen einen Zusammenhang mit den damaligen Präsidentschaftswahlen her. Sie spekulierten, dass er das Land hatte verlassen müssen, weil er etwas aufgedeckt hatte, was bestimmten Personen ungelegen gekommen wäre. Ich fand eine ganze Reihe derartiger Artikel. Aber dann hörten sie abrupt auf, so waren die Medien eben: Sobald eine neue Sensation auftauchte, war die alte vergessen.

Ich tat nichts weiter, um mehr von ihm zu erfahren. Es war einfacher für mich, nicht über ihn nachzudenken. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass er nicht da war.

Eines Tages, es war der Tag meines Abiturs und Auma und ich verglichen gerade unsere Noten, stand er vor meiner Schule.

„Katharina“, hörte ich eine vertraute Stimme sagen.

Ich drehte mich um und da stand er.

„Katharina, mein Kind“, sagte er und sah mich an. Seine Stimme klang löchrig. Löchrig wie eine ukrainische Dorfstraße.

Ich erkannte ihn sofort. Ich trat unwillkürlich einen Schritt auf ihn zu. Wir sahen einander an. Seine Augen wurden feucht. Eine Szene aus meiner Kindheit kam mir in den Sinn.

 

Mein Vater und ich sitzen auf einer Bank, in einem Park, hoch über dem Dnjepr. Er hat seinen Arm um mich gelegt und ich kuschle mich an ihn. Ich bin lieber mit ihm zusammen, als mit meiner Mutter, die immer herumschreit.

„Ist sie nicht schön, unsere Heimatstadt?“, fragt er.

 

Auma trat neben mich. „Wer ist das?“, fragte sie misstrauisch.

„Keine Ahnung“, sagte ich und ließ ihn stehen.

„Katharina!“, rief er noch einmal. Ich drehte mich nicht um.

Ein bleiernes Gefühl stieg damals in mir hoch, es kam langsam, tief aus dem Bauch und blieb in meiner Kehle stecken. Es nahm mir die Luft zum Atmen und ich schluckte es wieder hinunter, zusammen mit meinen Tränen. Für immer. Ich war jung und nicht bereit zurück zu schauen, in eine Vergangenheit, die ich nicht zu verantworten hatte.

Ich ging an diesem Abend nicht zur Abifeier am Elbstrand, auf der sich meine Klassenkameraden betranken, voller froher Zuversicht auf eine Zukunft, in der ihnen die Welt zu Füßen lag. In dieser Nacht spürte ich erneut die Einsamkeit, die der Gewissheit entsprang, anders zu sein. In dieser Nacht beschloss ich, endgültig einen Schlussstrich zu ziehen. Ich wollte von jetzt an unbeschwert sein, so wie die anderen.

Ich begann meinen Vater zu hassen. Ein Hass, der diesmal nicht von meiner Mutter auf mich übertragen wurde, sondern der aus mir selbst entsprang. Wie konnte mein Vater es wagen, mich mit seinem Leben zu belasten? Wie konnte er es wagen, sich so viele Jahre, nachdem er uns im Stich gelassen hatte, mitten in mein Leben zu stellen und mich womöglich um Verzeihung zu bitten?

 

Ich öffnete die Augen. Jetzt, nach meinen Erlebnissen in Kiew, sah ich Vater mit anderen Augen. Jedenfalls war ich inzwischen bereit dazu, mehr über ihn zu erfahren, ihn vielleicht etwas besser zu verstehen.

Obwohl ich am liebsten liegen geblieben wäre, schob ich die kuschelige Bettdecke zur Seite. Ich hatte einen vollen Terminkalender und musste bis zum Mittag auschecken. Ich erhob mich ganz vorsichtig, um jede Erschütterung zu vermeiden, und schlich ins Bad. Dort nahm ich zuerst zwei Paracetamol. Dann duschte ich lange heiß und kurz kalt. Das hatte keine positiven Folgen, aber mir blieb die Luft weg. Es half nichts. Bevor die Tabletten nicht wirkten, würde ich mich mies fühlen.

Meine Stimmung stieg in den folgenden Minuten in dem Maße, in dem meine Kopfschmerzen nachließen. Ich würde heute Abend nach Hause fliegen. Ich würde das Durcheinander an Eindrücken, Gefühlen und Bekanntschaften aus sicherer Distanz sortieren können. Während ich meinen Koffer aufs Bett schmiss und meine Sachen hineinlegte, stellte ich mir vor, wie ich mit Auma in der Filmhauskneipe sitzen und bei Salat und Rotwein von meinen Erlebnissen berichten würde. Von meiner heilen Welt in Hamburg aus würde es sich interessant und abenteuerlich anhören und nicht mehr bedrohlich.

Ich rief Auma an, um sie zu fragen, ob sie mich abholen würde.

Erleichtert, bald abzureisen, zog ich den Koffer hinter mir aus dem Zimmer und ließ die Tür zufallen. Endgültig, wie ich glaubte.

Ich fuhr im Fahrstuhl hinunter ins Erdgeschoss und betrachtete mich frohgemut im Spiegel. Ich hatte eine enge hellblaue Jeans angezogen und trug meine hellbraunen Stiefel. Mein Outfit sollte zu der neuen Armani-Jacke passen. Und das tat es. Ich fühlte mich herrlich und allen Herausforderungen gewachsen.

Selbst die Hexen an der Rezeption konnten mir die Laune nicht vermiesen, auch wenn sie es mit ihren betont zeitlupenartigen Bewegungen versuchten. Dieses Mal gewann ich den unterschwelligen Kampf, indem ich sie die ganze Zeit anlächelte.

Ich beglich die Rechnung und gab meinen Koffer im Aufbewahrungsraum ab. Vor meinem Abflug wollte ich noch das Höhlenkloster besuchen, ein paar Kirchen und vor allem – als allererstes – die Zeitung, in der mein Vater gearbeitet hatte.

 

 

Katharina Iswestja

Kiew, Höhlenkloster, 5. Mai 2004

„Komm“, sagte Boris.

Das Gelände des Höhlenklosters war groß und unübersichtlich. Pilger aus aller Welt verloren sich in dem Gewirr der hügeligen Kopfsteinpflasterwege, die sich zwischen Büschen, Blumenbeeten und Bäumen entlangschlängelten. Immer wieder blitzten hinter den Rosenhecken und Mauern kleine Kirchen und Kapellen hervor, dann wiederum öffnete sich eine Aussicht über den Fluss. Die Sonne reflektierte von den glänzenden Kuppeln und ich genoss das Gefühl, eine von vielen Touristen zu sein. Vor allem, weil ich gleich zurück nach Hamburg reisen würde.

Boris half mir, den Platz zu finden, an dem mein Vater immer gern gesessen hatte, mit einer grandiosen Aussicht über den Fluss. In der Mitte des Platzes thronte eine riesige weiße Kirche, die über und über mit goldenen Ornamenten und kirchlichen Motiven bemalt war – ukrainischer Barock.

Ein Mönch in brauner Kutte lief an uns vorbei zur Pforte des Klostergartens. Er verschwand in einem Schuppen und kam mit einer Wasserkanne wieder heraus. Bedächtig goss er die Blumen und Kräuter. Ich trat an den Gitterzaun und blickte auf den Dnjepr mit seinen Brücken und Inseln hinab, hinter denen die Plattenbausiedlungen am Stadtrand im Morgennebel verschwammen. Wie friedlich. Ich verstand, warum mein Vater so gern hier gewesen war.

Boris Handy klingelte. Er sah auf sein Display. „Ich muss mal kurz weg“, sagte er dann. „Bin gleich wieder da.“

Bevor ich etwas sagen konnte, lief er, das Handy am Ohr, in Richtung eines kleinen Weges seitlich der Kirche und verschwand.

Ich setzte mich auf eine niedrige Mauer und beobachtete den Mönch. Wie weit er wohl vom weltlichen Leben entfernt war? Bekam er mit, wie die Verhältnisse hier im Land waren? Interessierte es ihn überhaupt? Oder lebte er nur für die christliche Wahrheit, die in dem Kloster seit Jahrhunderten gepredigt wurde? War diese Lehre, die die Ewigkeit überdauerte, das eigentlich Wichtige in der Welt? Oder spielte sich das wirklich Entscheidende in meiner Welt hier draußen ab und der Mönch machte sich etwas vor, floh nur in eine heile Scheinwelt?

„Katharina Iswestja?“

Ich fuhr herum. Der Typ vor mir war so unscheinbar, dass man ihn schon vergaß, während man ihn anschaute. Graubraune Haare, Hautfarbe, Kleidung. Nur dass in seinem Gesicht die nackte Angst stand.

„Mandelow“, sagte er.

Ich ergriff seine ausgestreckte Hand nicht. Sie zitterte.

„Wer sind Sie?“ Natürlich wusste ich, wer er war.

„Ich bin ein ehemaliger Kollege deines Vaters.“

„Woher wissen Sie …“

„Das wissen hier viele. Mehr als dir recht sein kann.“

Mir fiel auf, dass er sich die ganze Zeit umsah. Seine Augen wanderten von rechts nach links, sahen an mir vorbei zu dem, was sich in meinem Rücken abspielte, so dass ich den Drang verspürte, mich umzudrehen, um selber nachzuschauen.

„Was wollen sie von mir?“

„Ich habe eine Nachricht von deinem Vater.“

Mir zitterten die Knie. Mein Vater. Es schien an der Zeit zu sein, dass er in mein Leben zurückkam, ob ich es wollte oder nicht. Als ob meine Reise nach Kiew die Gespenster der Vergangenheit geweckt hätte.

„Von meinem Vater? Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Und ich kenne Sie nicht.“ Jetzt drehte ich mich tatsächlich um. Doch da war niemand, nur eine Touristin, die ein Foto von der Kirche schoss. Sie hatte sich fast auf den Boden gelegt, wohl damit sie das riesige Gebäude ganz aufs Bild bekam.

„Du erinnerst vielleicht meinen Namen , von früher“, sagte er ruhig. „Ich war oft bei euch.“

„Ich kenne den Namen Mandelow“, sagte ich. „Aber ich weiß nicht, ob Sie es sind. Jeder könnte sich für ihn ausgeben.“ Ich sah an ihm vorbei. Wo blieb Boris nur?

„Ich habe gewartet, bis dein Begleiter wegging.“

Ich trat einen Schritt zurück, wandte mich in die Richtung, in der Boris verschwunden war, und ertappte mich dabei, wie ich die Gegend nach etwaigen Verfolgern absuchte.

„Hör mir bitte zu. Dein Vater lässt dir ausrichten, du sollst dich von Abramow fernhalten.“

„Abramow?“ Erschrocken drehte ich mich zu ihm zurück.

Mandelow nickte.

„Du solltest sofort das Land verlassen. Du bist in großer Gefahr. Ich kann dir helfen.“

„Was wissen Sie über Abramow? Und Tatjana Setschenka?“

Mandelow wich einen Schritt zurück. „Was weißt du?“, fragte er erschrocken.

„Nichts weiter. Nur dass mich hier alle möglichen Leute deswegen verfolgen. Was ist damals geschehen?“

Er sah mich mit aufgerissenen Augen an. „Darüber kann ich nicht sprechen.“

„Ich muss es aber wissen. Wenn ich mehr weiß, kann ich auch besser auf mich aufpassen.“

„Tut mir leid“, sagte er müde. „Das geht nicht.“

„Dann verschwinden Sie. Und keine Sorge, ich fahre heute ab“, sagte ich und ging weg, in die Richtung, die Boris eingeschlagen hatte.

„Wer ist der Mann, der dich begleitet? Sei vorsichtig!“, hörte ich noch.

Im Nachhinein denke ich oft, dass ein paar gute Menschen heute vielleicht noch leben würden, wenn ich ihn nicht weggeschickt hätte.


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.


Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

 

9783960871354_150dpi

Das E-Book kaufen.

Caroline de Vries ist das Pseudonym einer Hamburger Journalistin. 1963 in Friesland geboren, verbrachte sie mehrere Jahre auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in Frankreich und im südlichen Afrika. Ihre ersten Schreiberfahrungen sammelte sie dabei mit Vorläufern der heutigen Blogs: Tagebuchartige Briefe an Freunde über ihr Leben als Blondine an der Cote d’Azur und über Begegnungen mit Freiheitskämpfern und Söldnern in Namibia.

Caroline de Vries im Interview zu ihrem neuen E-Book Kiew Contract – Im Namen meines Vaters.