Mein heißer Toyboy

1 Kapitel

Mittwoch

Eigentlich hätte ich von Anfang an Nein sagen sollen. Gleich bei seiner Frage, ob er mir ein Bier spendieren dürfe. Und das Rauchen habe ich doch schon vor langer Zeit aufgegeben.

Trotzdem lache ich gerade viel zu laut über seinen Witz und lege dabei meine Hand auf seinen Unterarm. „Ich mag deinen Humor.“

„Du weißt gar nicht, wie viel ich an dir mag.“

Das Lachen vergeht mir. Ich ziehe an meiner Zigarette. „Du kennst mich nicht.“

„Ich habe vor, das in den nächsten Stunden zu ändern.“ Seine Augen blitzen auf, während er seine Brauen kurz nach oben zieht.

Ein paar Sekunden lang lasse ich den Gedanken zu, dass er die Wahrheit sagt, dass er tatsächlich an mir interessiert ist. „Wie alt bist du eigentlich?“

„Spielt das eine Rolle?“, fragt er zurück.

„Für mich schon.“

„Dreiundzwanzig.“ Er sagt das so leicht dahin, doch ich zucke zusammen.

Dieser attraktive Mann ist zwanzig Jahre jünger als ich. Schon beim Hereinkommen ist er mir aufgefallen. Sein zerzaustes, etwas zu langes Haar, das ausdrucksstarke, sonnengebräunte Gesicht, die Muskeln auf seinem Oberkörper, die sich unter dem Shirt bewegen. Bei meinem Eintreten hat gerade eine kurvige Blondine erfolglos versucht, bei ihm zu landen. Und dennoch hat er sich vor ein paar Minuten neben mich auf den Barhocker geschoben. Dank guter Karten im Gen-Poker werde ich oft für jugendlicher gehalten, als ich bin. „Solltest du nicht lieber eine der anderen Frauen hier anbaggern?“

„Ich mag Frauen, die Dank ihrer Erfahrung genau wissen, was sie wollen.“

Die perfekte Antwort. Und ich will ihm glauben. Ich verliere mich im Blick in seine braunen Augen. Eine Mischung aus Karamell und dunkler Schokolade. Die hellen Flecken in seiner Iris scheinen zu funkeln. „Wie heißt du eigentlich, Romeo?“

„Louis“, antwortet er. „Nicht verwandt mit de Funès.“

„Bist du nicht zu jung, um den Komiker noch zu kennen?“ Sein auf meine Frage folgendes Lachen sendet ein Kribbeln über meine Haut. Es klingt so rau, so dunkel, so voller Versprechen.

„Du scheinst mich zu unterschätzen, Julia.“

Ich öffne den Mund, um ihn zu korrigieren. Aber muss er meinen wahren Namen überhaupt kennen? Ist dieser Moment nicht zu magisch, um ihn mit der Realität in Berührung kommen zu lassen?

Seine Augen scheinen zu leuchten, als er sich näherbeugt. „Warum bist du heute alleine hier, Julia? Weshalb hat mich nicht schon längst der Mann deines Herzens dafür verprügelt, dass ich mit dir flirte?“

„Vielleicht ist dein Charme nicht so offensichtlich, wie du glaubst.“

„Das wäre eine Schande. Lass mich anders fragen: Wieso sitzt eine wunderschöne Frau wie du an einem Wochentag abends in dieser Bar?“

Die Frage ist berechtigt. Ich weiß selbst nicht genau, warum ich auf dem Heimweg hier eingekehrt bin. Das Lokal wirkt von innen nicht einladender als von draußen. Das Licht ist schlecht. Die Barhocker sind abgenutzt. Die meisten Besucher finden vermutlich nicht mehr alleine nach Hause. In meinen schwarzen Jeans und der weißen Bluse passe ich nicht zu den anderen Gästen. Und dennoch erschien es mir eine gute Idee, hier drinnen ein Bier zu bestellen, statt heimzufahren.

„Ich wollte nicht alleine sein“, gestehe ich. „Der Gedanke an meine stille Wohnung ist schuld daran, dass ich hier gelandet bin.“

„Dann habe ich unglaubliches Glück gehabt.“ Er zwinkert mir zu. „Normalerweise trinke ich mein Feierabendbier lieber in der Bar an der Ecke, aber dort hat sich heute eine geschlossene Gesellschaft eingemietet.“

„Das Glück scheint auch auf meiner Seite zu sein“, wage ich eine kecke Antwort. Nach einem letzten Zug von meiner Zigarette dämpfe ich sie im Aschenbecher vor mir aus. „In netter Gesellschaft schmeckt dieses Bier gleich noch viel besser.“

„Darf ich dir ein Geheimnis verraten?“

Nach einem kurzen Zögern nicke ich.

Er rückt näher an mich heran, streicht mir eine Strähne meines langen Haares hinters Ohr. Als er sich vorbeugt, um mir ins Ohr zu flüstern, streift sein Atem über meine Wange. Es verursacht einen Schauer auf meiner gesamten Haut.

„Das Gefühl von Einsamkeit ist mir wohlbekannt. Eine Unterhaltung alleine vertreibt es nicht. Aber ich kenne eine Möglichkeit, wie man sich einem anderen Menschen ganz schnell nahe fühlen kann.“

Natürlich ist mir bewusst, warum er mich angesprochen hat. Ich bin nicht so naiv, von ihm keine Hintergedanken zu erwarten. Aber wenn er jetzt einen plumpen Annäherungsversuch starten oder gar eine schnelle Nummer vorschlagen sollte, wäre ich mehr als enttäuscht.

„Und worum handelt es sich?“

„Nichts stellt so einfach eine Verbindung her wie ein Kuss. Eine Berührung von Lippen. Atem, der getauscht wird. Vertrautheit, die ganz plötzlich entsteht.“ Er berührt mit dem Mundwinkel meine Wange.

Ich muss die Augen schließen. In meinem Magen entsteht eine Hitze, die die Zeit verlangsamt. Mein Mund ist mit einem Mal wie ausgetrocknet. Meine Lippen prickeln. Ich glaube, den Kuss bereits zu spüren.

Die Beschreibung von Louis löst etwas in mir aus. Lange schon habe ich derartiges Begehren, eine solche Sehnsucht nach Nähe nicht mehr empfunden. Schon vor meiner Scheidung ist Sex nicht mehr sonderlich wichtig für mich gewesen. Doch nun erinnere ich mich allzu deutlich an den Zauber, der dem Anfang innewohnt.

„Ich würde dich sehr gerne küssen“, flüstert er. Seine Lippen berühren mein Ohrläppchen.

Ein Hitzepfeil schießt durch meine Mitte. Verlangen bringt die Muskeln in meinem Becken dazu, sich zusammenzuziehen. Gott, ich habe nicht damit gerechnet, so etwas noch einmal zu fühlen. In meinem Alter wird Rationalität und Vernunft von mir erwartet. Und trotzdem will ich gerade nichts mehr, als mit diesem jungen Mann von hier zu verschwinden und richtig unvernünftige Dinge zu tun. Der Duft seines Aftershaves steigt mir in die Nase und verdreht mir zusätzlich den Kopf.

„Darf ich?“, setzt er nach.

„Du solltest nicht … Ja.“ Immer noch sind meine Augen geschlossen. Ich wage nicht, mich zu bewegen, als er die Luft scharf einsaugt. Die Aufregung lässt mein Herz beinahe explodieren.

Er legt seine Hand an meine Wange und verändert seine Sitzposition. Sein Mund ist meinem so nahe, dass ich seine Wärme spüren kann. „Die Vorfreude ist etwas ganz Besonderes. Aber ich weiß schon jetzt, dass es dieser Kuss auch sein wird.“ Und dann streift Louis‘ Unterlippe meine.

Gott, wenn er mich noch länger warten lässt, übernehme ich das Ruder!

Sanft tanzen seine Lippen über meine. Er verstärkt den Druck, bevor er sich wieder zurückzieht. Seine Zähne knabbern an meiner Oberlippe. Dann leckt er darüber, als müsse er die Stelle kühlen.

Wie erstarrt lasse ich diese Nähe zu. Ich genieße diese intime Berührung. Wenn er im Bett nur annähernd so zärtlich und vorsichtig ist, wie er küsst, bringt er seine Partnerin vermutlich um den Verstand.

Er löst sich von mir und geht auf Abstand.

Endlich öffne ich die Augen. Mit einem Mal sehe ich mein Leben in einem anderen Licht. Immer nehme ich auf die Bedürfnisse von anderen Rücksicht. Ständig stelle ich meine Wünsche hinten an. Meine Familie steht immer an erster Stelle. Sogar jetzt noch versuche ich, es meinem Exmann recht zu machen. Doch das hier … Ich will mehr davon und werde es mir holen.

Mir ist egal, was meine Familie von mir denken würde, wenn sie mich jetzt sehen könnte. Es zählt nicht, dass wir in dieser Bar Zuschauer haben. Jetzt bin ich an der Reihe.

Ich lege meine Hand in Louis‘ Nacken und ziehe seinen Kopf wieder zu mir heran. Sein Haar fühlt sich weich unter meinen Fingern an.

Unser erster Kuss ist zurückhaltend, sanft gewesen. Jetzt lehne ich meinen Oberkörper an ihn. Ich presse meinen Mund auf seinen, gleite mit meiner Zunge über den Spalt zwischen seinen Lippen, erobere seine Mundhöhle. Da ist ein Feuer in mir, das mein altes Ich auslöscht und das mich zu einem anderen Menschen macht.

Louis erwidert meinen Kuss leidenschaftlich. Der Zufall hat uns zusammengeführt. Doch nun verbindet uns das Verlangen.

Keuchend löse ich mich von ihm, weil es nicht reicht. Ein Typ zwei Hocker entfernt von uns grölt. An einem Tisch in der Nähe lacht jemand. Ich verschwende keinen weiteren Gedanken an sie.

„Wohnst du in der Nähe?“, erkundige ich mich atemlos.

„Ich … Vielleicht zehn Minuten Autofahrt. Willst du …?“ Die hellen Flecken in seinen Augen schmelzen. Zurück bleibt dunkle Schokolade.

„Du hast doch keine Freundin, Louis?“

Er schüttelt den Kopf. „Glaubst du, dann hätte ich dich angemacht?“, fragt er fast beleidigt.

„Warum sollte ich dich für den treuen Typ halten? Wir kennen uns nicht. Noch nicht. Lass uns gehen.“ Ich stehe auf und schnappe mir meine Tasche. Mit der freien Hand greife ich nach seinen Fingern und ziehe ihn zum Eingang.

Draußen bleibe ich stehen. „Wo ist dein Auto?“

Er deutet in die Richtung, bewegt sich aber nicht von der Stelle. „Nur damit das klar ist: Auch wenn mein Auftreten da drinnen sehr direkt war, bin ich ein netter, ehrlicher Kerl. Ich habe dich nicht angesprochen, weil ich gehofft habe, es könnte sich so etwas ergeben. Ich fand dich sofort sympathisch und …“

„Ja, klar“, unterbreche ich ihn. „Du hast mich doch schon rumgekriegt. Lass uns ein wenig Spaß haben.“

Nach einem Nicken bringt er mich zu seinem Wagen und öffnet mir die Beifahrertür. Was für ein Gentleman. Als er sich auf den Fahrersitz geschoben hat, umfasse ich noch einmal sein Gesicht mit beiden Händen und küsse ihn. Er legt eine Hand an meinen Hinterkopf und vertieft den Kuss.

Irgendwie finde ich ihn total süß. Er scheint genau zu wissen, was er will und wie er es bekommt. Gleichzeitig wirkt er wie ein normaler, bodenständiger Kerl. Ein Mann, wie man ihn sich vermutlich als Schwiegersohn wünscht. Aber heute Nacht gehört er mir.

Er löst sich von mir und startet den Wagen. Während er zu seiner Wohnung fährt, versuche ich meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich bin nervöser als bei meinem ersten Date mit Peter. Mein Ex und ich haben es damals langsam angehen lassen. Unsere Beziehung hat sich gemächlich entwickelt. Doch Louis will etwas anderes von mir. Ich sitze neben ihm in diesem Auto, weil wir Sex haben werden. Meine Erfahrungen sind beschränkt. Ob ich wirklich in der Lage bin, mich in dieses Abenteuer zu stürzen? Nein, solche Zweifel werde ich nicht zulassen!

In meiner Ehe bin ich zurückhaltend, beinahe bieder gewesen. Nun werde ich in eine andere Rolle schlüpfen. Ich habe vor, diesen Abend, diesen Urlaub von meinem Leben zu genießen. Für ein paar Stunden werde ich fordernd, sündig und leidenschaftlich sein. Danach wartet ohnehin mein alter Trott auf mich.

„Wie weit ist es noch?“, erkundige ich mich und schicke meine Hand auf Wanderschaft. Louis‘ Oberschenkel fühlt sich muskulös an. Ich fahre mit den Fingernägeln darüber und spüre, wie er erzittert.

„Nicht mehr lange.“

Aber das ist mir nicht schnell genug. Ich schiebe meine Hand höher in seinen Schritt. Als ich die Ausbeulung in seiner Hose mit leichtem Druck massiere, stöhnt er laut. Seine Härte fühlt sich verboten gut an. Ungeduldig nestle ich am Reißverschluss und versuche sie zu befreien.

„Wenn du so weitermachst, schaffe ich es nicht bis zu mir nach Hause“, keucht er. „Ich kann mich nicht konzentrieren.“

„Sieh es als Übung für deine Ausdauer.“ Endlich gelingt es mir, eine Hand in seine Shorts zu schieben. Sein Schaft liegt seidig schwer in meiner Hand und zuckt freudig, als ich ihn umfasse.

Neuerlich stöhnt Louis. „Schlimmes Mädchen.“

Oh ja. Heute Nacht beabsichtige ich, ein richtig böses Mädchen zu sein. Eine Sekunde überlege ich, ihn mit meinen Lippen zu kosten, lasse dann aber davon ab. Ich will ihm nicht zu sehr einheizen, sonst endet unser Ausflug noch im Straßengraben.

Mit quietschenden Reifen bleibt er stehen, parkt den Wagen ziemlich schief in einer Parklücke und springt dann aus dem Auto.

Ich steige ebenfalls aus. Louis schließt seine Hose und den Wagen ab, bevor er nach meiner Hand greift. Ich folge ihm zum Eingang eines Hochhauses. Auf dem Herweg habe ich auf die Umgebung gar nicht geachtet. Keine Ahnung wo genau in Wien wir uns befinden und wie ich wieder zu meinem Auto gelange. Um dieses Problem werde ich mich später kümmern.

Jetzt betreten wir ein älteres Gebäude. Louis ruft den Lift. Sobald sich die Kabinentüren hinter uns schließen, drängt er mich gegen die Wand und küsst mich.

Keine Spur mehr von Zurückhaltung. Stattdessen gleitet er mit seinen Lippen ruhelos über meine. Seine Zunge neckt mich hungrig nach mehr. Er presst seinen Oberkörper an mich. Sein Knie zwängt sich zwischen meine Beine. Als er dabei über meine Mitte reibt, stöhne ich auf. Ich schlinge ihm die Arme um den Hals und will ihm noch näher sein.

Er streicht über meine Seite, knetet meinen Po, was mich seufzen lässt. Der Knoten in meinem Magen erwärmt sich immer mehr, schickt Hitze durch meinen ganzen Körper. Wie ausgehungert nach physischer Nähe ich bin. Ich würde mich von ihm auch hier in diesem Lift nehmen lassen.

Bevor wir in eine verfängliche Situation geraten können, öffnen sich die Lifttüren. Louis lässt mich abrupt los und macht einen Schritt von mir weg.

„Guten Abend, Louis“, grüßt eine junge Frau grinsend und steigt ein.

Louis greift wieder nach meiner Hand und zieht mich aus der Kabine. „Schönen Abend, Jana.“ Dann trägt der Lift Louis‘ Bekannte nach unten.

Mein Gesicht wird heiß. „Eine Nachbarin?“

Er nickt. „Du musst dir keine Gedanken wegen ihr machen. Die Wände sind dick, und sie kommt ohnehin erst spät wieder zurück.“

„Aha.“ So viele Informationen wären gar nicht notwendig gewesen.

Wir gehen ein Stück den Gang runter. Dann sperrt Louis seine Wohnungstür auf. Ich schmiege mich währenddessen an seinen Rücken. Aus irgendeinem Grund gelingt es mir nicht, meine Finger von ihm zu lassen.

Als wir seine Wohnung betreten, sehe ich mich kurz um. Im Vorraum gibt es nicht viel zu entdecken. Eine Garderobe, ein Schuhregal, eine schmale Kommode. Die Wände weiß gestrichen. Der Boden heller Laminat. Mehr darf man in einer Junggesellenbude auch nicht erwarten. Nachdem ich aus meinen Schuhen geschlüpft bin, stelle ich meine Tasche daneben ab.

„Willst du etwas trinken?“, fragt Louis.

Ich schüttle den Kopf und lasse mich auf meine Knie nieder. Der Reißverschluss seiner Jeans lässt sich nicht leicht nach unten ziehen. Anscheinend hat er vorhin ein Stück Stoff seines Shirts eingeklemmt. Während ich mich mit dem Verschluss abmühe, streife ich immer wieder über seine Härte.

Louis stöhnt. „Sag mir, wie du heißt“, bittet er mit rauer Stimme.

„Wozu?“

„Ich will deinen Namen seufzen können.“

Diese Worte bringen mein Herz zum Explodieren. Das ist so … heiß. „Monika“, flüstere ich und wünsche mir einen exotischeren, aufregenderen Namen.

„Monika“, wiederholt er. Und mit einem Mal klingt das Wort unglaublich erotisch.

Endlich gibt der Reißverschluss seiner Jeans nach. Ich ziehe sie mitsamt seiner Boxershorts nach unten und schiebe sein Shirt nach oben. Nach einem Kuss auf seinen Bauch lasse ich meinen Mund weiter nach unten wandern. Bewusst quäle ich ihn ein wenig, indem ich ihn nur meinen warmen Atem spüren lasse, bevor ich meine Lippen um seine Männlichkeit schließe.

Er schmeckt unglaublich gut. Ich errege ihn, bis er zu zittern beginnt. Mit einer Hand umfasse ich seinen Schaft, um sein Vergnügen noch zu erhöhen. Die freie kralle ich in seinen Po, damit ich das Gleichgewicht nicht verliere.

In meinem Mund wächst er weiter an. Ich kann es kaum erwarten, ihn woanders zu spüren. Meine Bemühungen werden energischer, als ich mir vorstelle, wie es sich anfühlen wird, wenn er …

„Nicht so“, keucht er. Schwer atmend stoppt er mich und zieht mich vom Boden hoch.

Nach einem zittrigen Kuss macht er einen Schritt vorwärts. Seine Jeans, die ihm bis zu den Knöcheln runtergerutscht ist, scheint im Weg. Er steigt aus der Hose und führt mich zu einer der Türen im Gang. Dahinter liegt ein kleines Schlafzimmer. Ein bequem wirkendes Bett und ein Kasten nehmen den meisten Platz in dem Raum ein. Die Helligkeit, mit der die mehrflammige Leuchte jeden Winkel des Zimmers ausstrahlt, behagt mir nicht.

„Können wir das Licht nicht auslassen?“, bitte ich.

„Ich will dich doch anschauen.“ Während Louis meinen Hals küsst, öffnet er den ersten Knopf meiner Bluse.

Er muss nicht alles von mir sehen. Anscheinend ist ihm immer noch nicht klar, wie alt ich bin. Bestimmt fühlt sich meine Haut ohnehin nicht mehr jugendlich straff an. „Vielleicht hast du eine Lampe, die nicht so grell ist“, schlage ich vor.

Als er über die Stelle unter meinem Ohrläppchen leckt, die so empfindlich ist, stöhne ich laut. Noch ein Knopf springt auf. Der BH, für den ich mich heute Morgen entschieden habe, zählt nicht zu meiner verführerischsten Unterwäsche. Aber wie hätte ich ahnen können, dass sie außer mir noch jemand zu Gesicht bekommen würde?

„Louis, bitte“, murmle ich, als seine Finger am nächsten Knopf nesteln.

Er holt tief Luft. Dann läuft er zum Bett und knipst das kleine Nachtlicht an. Sobald die helle Deckenleuchte ausgeschaltet ist, fühle ich mich wohler. Um mich zu bedanken, gehe ich zu ihm und reibe mich an ihm. Mit meinen Händen streife ich über seine Oberschenkel und umfasse seine Härte.

„Ich kann mich nicht mehr gedulden“, gesteht er. „Wenn ich noch eine Sekunde länger warten muss, verliere ich den Verstand.“ Er beißt in meine Schulter und öffnet meine Bluse zur Gänze …


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Bettina Kiraly wuchs im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich die Texte von Bettina Kiraly mit der Frage: Warum handeln Menschen, wie sie es tun? Die Autorin schreibt Romane über starke, außergewöhnliche Charaktere, die um ihr Stück vom Glück kämpfen.

Bettina Kiraly im Interview zu Mein heißer Toyboy.

Mehr zur Secret Desires-Reihe.

Bettina Kiraly über ihren neuen Erotikroman

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Worum geht es in deinem Buch Mein heißer Toyboy?

Die 44 jährige Monika lernt in einer Bar einen attraktiven, jungen Mann kennen. Sein Interesse schmeichelt ihr, ist ihre Ehe doch wegen der Affären ihres Mannes mit jüngeren Frauen in die Brüche gegangen. Die leidenschaftliche Begegnung mit Louis lässt Monika erkennen, dass sie ganz vergessen hat, sich über ihre eigenen Bedürfnisse klar zu werden. Obwohl nur eine gemeinsame Nacht mit Louis geplant war, laufen sie sich völlig unerwartet wieder über den Weg. Und das bringt Monikas Gefühlswelt ganz schön durcheinander.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Die Geschichte habe ich während einer Schreibblockade begonnen. Ich war zwischendurch nicht sehr produktiv. Doch Monika und Louis sind so spannende Charaktere, dass sie mich aus dem Schreibtief geholt haben. Danach war das Buch innerhalb von drei Wochen fertig.

 

Wie kamst du dazu, einen Erotikroman zu schreiben?

Mein heißer Toyboy ist nicht mein erster Erotikroman. Mit der Adolescentia Aeterna-Reihe habe ich vor einiger Zeit eine Erotikromanreihe unter einem Pseudonym veröffentlicht. Leidenschaftliche Szenen gibt es allerdings in fast allen meinen Büchern. Gute Sexszenen zu schreiben ist eine große Herausforderung, macht aber unglaublich viel Spaß.

 

In wieweit hat sich die Arbeit an einem Erotikroman von der Arbeit an Ich träumte von deiner Liebe unterschieden?

Sowohl in Mein heißer Toyboy als auch in Ich träumte von deiner Liebe lernen sich zwei Menschen kennen und versuchen herauszufinden, was sie verbindet. Ich mag besondere Helden und außergewöhnliche Beziehungskonstellationen. Insofern war die Arbeit an beiden Geschichten nicht allzuviel anders. Aber natürlich müssen in einem Erotikroman nach Möglichkeit zwischen den Protagonisten gleich von Anfang an die Funken sprühen.

 

Was macht für dich einen guten Erotikroman aus?

Für mich muss auch in Erotikromanen eine spannende Geschichte erzählt werden. Natürlich steht die Leidenschaft im Vordergrund, aber die Charaktere dürfen nicht sinnbefreit von Bett zu Bett hüpfen. Und die Sexszenen müssen geschmackvoll sein. Ich mag detaillierte, ausführliche Beschreibungen. Dennoch achte ich auf eine niveauvolle, sinnliche Sprache.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Derzeit schreibe ich an einer Reihe mit risikoliebenden, sexy Helden und besonderen, starken Heldinnen. Ich freue mich schon darauf, dieses Projekt gemeinsam mit dp Digital Publishers in die Tat umzusetzen. Zwei weitere Veröffentlichungen sind für dieses Jahr fix geplant. Und ich habe noch so unendlich viele Ideen. Ich muss sie „nur“ noch schreiben 😉

 

Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden?

Eigentlich war ich das Schreiben betreffend eine Spätstarterin. Ich habe mir schon immer zu gelesenen Büchern Fortsetzungen oder Abwandlungen ausgedacht. Ideen zu Romanen habe ich als Teenager sogar notiert. Aber den ersten Roman fertiggestellt habe ich erst mit ungefähr 24. Danach konnte ich nicht mehr mit dem Schreiben aufhören. Diesen Herbst feiere ich mein zehnjähriges Veröffentlichungsjubiläum mit über zwanzig erschienenen Büchern.

 

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Das Autorendasein besteht nicht nur aus Schreiben. Da gibt es noch Sachen wie Überarbeiten, Social Media, Korrespondenz … Damit beschäftige ich mich am Vormittag. Die zweite Hälfte des Tages gehört meinen Kindern. Da wird gelernt, gespielt, gebastelt. Zum Lesen komme ich viel zu selten. Für Hobbys bleibt mir eigentlich gar keine Zeit.

 

Wo ist dein Lieblingsplatz zum Schreiben?

Ich habe mir letztes Jahr zum Geburtstag einen Schreibtisch gewünscht. Einen fixen Schreibplatz zu haben, hilft mir, mich zu konzentrieren. Davor habe ich hauptsächlich auf der Couch geschrieben. Aber im Sommer sitze ich auch hin und wieder in unserem Garten im Pavillon.

 

Hörst du eine bestimmte Musik, die dich in Schreib-Stimmung versetzt?

Ich habe im Hintergrund immer Musik laufen. Zu manchen Büchern gibt es einen Soundtrack, damit ich mich in die richtige Stimmung versetzen kann. Manchmal passt das Musikgenre nicht zum Buchgenre. Im Augenblick höre ich viel Countrymusik. Aber ich mag auch Jazz oder besondere Stimmen und Melodien.

 

Welches Genre liest du selbst gerne?

Ich lese hauptsächlich Liebesromane mit einem Spannungsanteil, die gerne humorvoll sein dürfen. Ich mag historische Liebesromane und Abenteuergeschichten.

 

Hast du eine Buchempfehlung für uns?

Es gibt so viele tolle Bücher, die mir aus unterschiedlichen Gründen viel bedeuten. Es erscheint mir unmöglich, eines davon besonders hervorzuheben. Aber ich möchte allen Lesern gerne meine Autorenschwestern von der Romance Alliance ans Herz legen. Wir haben viele unterschiedliche Liebesromane veröffentlicht. Uns verbindet die Liebe zu guten Liebesgeschichten.

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Geboren 1979 als Bettina Slaby wuchs Bettina Kiraly im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich die Texte von Bettina Kiraly mit der Frage: Warum handeln Menschen, wie sie es tun? Die Autorin schreibt Romane über starke, außergewöhnliche Charaktere, die um ihr Stück vom Glück kämpfen.

Hier geht’s zur Leseprobe von Mein heißer Toyboy.

Bettina Kiraly über ihren neuen Liebesroman

Bettina KiralyWorum geht es in deinem Buch Ich träumte von deiner Liebe?

Der Roman ist die Geschichte von einer Liebe, die eigentlich nicht sein kann. Rebecca erwacht im Krankenhaus mit der festen Meinung, nur einige Tage bewusstlos gewesen zu sein. Doch ihre Schwester und das Krankenhauspersonal versuchen ihr klar zu machen, dass sie vier Jahre im Koma gelegen ist. Rebecca weigert sich, ihnen zu glauben. In den letzten vier Jahren hat sie doch mit Daniel zusammengelebt, ihn geheiratet, ein glückliches Leben geführt. Soll das alles nur in ihrer Fantasie stattgefunden haben?

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Ich hatte die Idee zu der Geschichte Ende 2014 und habe damals die erste Szene grob skizziert. Vor dem NaNoWriMo, dem National Novel Writing Month, im November 2015 habe ich endlich die Details zur Handlung überlegt, eine Inhaltsangabe verfasst und dann während des Wettbewerbs den Großteil des Buches geschrieben. Im Oktober 2015 konnte ich den Roman endgültig fertigstellen. Seither hat die Geschichte auf den richtigen Moment gewartet, um sich den Lesern zu präsentieren.

 

Wie kamst du auf die Idee, gab es eine Art Initialerlebnis?

Wie bei den meisten Büchern startete die Idee zum Buch mit einer einzelnen Szene in meinem Kopf. Die Heldin erwacht aus dem Koma und führt mit ihrer Schwester ein Gespräch, das sie immer mehr verwirrt. Diese Frau sollte während ihres Komas ein Leben mit ihrem Traummann geführt haben und nach dem Aufwachen alles in Frage stellen müssen. Ich fand die Überlegung spannend, wie sie damit umgehen wird. Fünf Versionen, wie die Geschichte enden könnte, habe ich notiert, bevor ich mit dem Schreiben begonnen habe. Die Handlung, die jetzt den Weg ins Buch gefunden hat, fühlte sich für mich schlussendlich richtig an.

 

Was reizt dich daran, Liebesgeschichten zu schreiben?

Die Begegnungen mit anderen Menschen verändern uns wie sonst nichts auf der Welt. Manchmal sind die Auswirkungen sofort sichtbar, manchmal schleichen sie sich in unser Leben. Wir alle sehnen uns mehr oder weniger verzweifelt nach jemandem, der uns versteht, uns mit all unseren Fehlern liebt. Deshalb kommt es bei unserer Suche manchmal zu den verrücktesten Situationen. Von einem Aufeinandertreffen von zwei Personen ausgehend eine Geschichte zu stricken, macht mir unheimlich viel Spaß.

 

Was macht für dich eine gute Liebesgeschichte aus?

Es ist mir wichtig, dass einem die Helden sofort ans Herz wachsen, dass man sich mit ihnen ein wenig identifizieren kann. Das Paar soll sich Hindernissen gegenübersehen, aber immer wieder zusammenfinden. Man muss die Handlungen der Charaktere nachvollziehen können, auch wenn sie das Falsche aus den richtigen Gründen tun. Und auch wenn Romantik nicht fehlen darf, mag ich es nicht, wenn es zu kitschig wird.

 

Du hast schon zahlreiche Bücher veröffentlicht – wie fühlt es sich an, wenn ein Buch ‚endlich’ erschienen ist und gelesen werden kann?

Ich träumte von deiner Liebe ist inzwischen meine zweiundzwanzigste Veröffentlichung (Anthologiebeiträge nicht mitgezählt). Aber der Erscheinungstermin ist immer noch ein Tag, an dem ich mich nervös frage, ob alles klappen wird, an dem ich mit klopfendem Herzen auf die ersten Reaktionen warte und wie hypnotisiert den Verkaufsrang anstarre. Es ist ein Augenblick voller Angst und Freude. Ich liebe es und bin froh, dass ich mich anscheinend nie daran gewöhnen werde!

 

Wie versetzt du dich in die richtige (romantische) Stimmung zum Schreiben?

Meine Geschichten lassen mich auch nicht in Ruhe, wenn ich meinen Arbeitsplatz verlasse. Die Handlung spukt in meinem Kopf herum. Die Charaktere flüstern mir Ideen zu. Darum komme ich sehr schnell wieder in die richtige Stimmung. Außerdem habe ich bei den meisten Büchern eine Playlist, die im Hintergrund läuft. Aber nichts hilft so sehr wie die Tatsache, dass das Schreiben ein fixer Teil meines Tages ist und ich mich daher nicht erst zum Kreativsein motivieren muss, sondern mich ganz in die Geschichten hineinfühlen kann.

 

Wie viel von dir steckt in deinen Geschichten?

Gerne würde ich sagen, es ist alles nur ausgedacht. Aber selbst wenn die Heldinnen meiner Geschichten ein ganz anderes Leben führen als ich, benutzen sie manchmal die gleichen Lieblingswörter wie ich, reagieren sie auf Unerwartetes so wie ich es tun würde oder haben zu bestimmten Dingen die gleiche Einstellung wie ich. Manchmal versuche ich meine Probleme versteckt in einem Buch aufzuarbeiten. Ich versuche mit diesem Wissen im Hinterkopf dennoch besondere Charaktere mit ganz eigenen Fehlern zu erschaffen.

 

Welche Projekte planst du für die Zukunft?

Es liegen noch fertige Geschichten in der Schublade, die ich veröffentlichen möchte. Meine Liste mit Ideen ist noch lange. Dem Liebesroman-Genre werde ich jedenfalls treu bleiben, auch wenn im Sommer eine Kurzkrimisammlung von mir erscheinen wird. Und dann wäre noch diese Zukunftsroman-Reihe, die ich unbedingt schreiben möchte, die Fortsetzung zu mehreren bereits erschienenen Büchern, der Pilot, der sich auf der Suche nach seinem Glück machen will, oder dieses eine Märchen, weil ich noch nie eines geschrieben habe, und … 🙂

 

Was liest du selbst gerne?

Ich lese gerne Romane, in denen Liebe, Spannung, Humor und jede Menge Konflikte enthalten sind. Während des Lesens will ich genreunabhängig in Geschichten abtauchen, die ich nie erleben würde. Für den Kauf entscheide ich mich meistens aufgrund des Covers und des Klappentextes. Leider komme ich auch nicht mehr so viel zum Lesen wie früher. Mein inzwischen ausgebildetes Autorengehirn ist auch viel strenger als mein altes Lesergehirn, weshalb ich die Geschichten manchmal am liebsten umschreiben und anders enden lassen würde.

 

Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?

Als Teenager habe ich Gedichte geschrieben, weil ich dadurch meine Gefühle ausdrücken konnte. Mit ungefähr achtzehn habe ich einen ersten Roman begonnen, aber erst viele Jahre später fertiggestellt. Ich habe bei gelesenen Büchern oft gewünscht, sie würden anders ausgehen. Deshalb wollte ich einfach selbst ausprobieren, das Schicksal von mehreren Menschen zu beeinflussen. Zuerst fand ich es nur faszinierend, mir selbst Geschichten auszudenken. Doch dann wurde das Schreiben so viel mehr. Ich konnte das Schreiben nicht mehr ruhen lassen ohne dass es mir gefehlt hätte. Es bedeutete mir mehr als ein Hobby. Und inzwischen darf ich es meinen Beruf nennen.

 

Welche anderen Autoren magst du?

Das ist eine ganz gemeine Frage. Meist handelt es sich um ein bestimmtes Buch eines Autors, das mir zusagt. Aber ohne Shanna von Kathleen E. Woodiwiss oder die Romane von J.D. Robb oder Das Geisterhaus von Isabell Allende oder Die Wand von Marlen Haushofer (ich fürchte, diese ordentlich durchgemischte Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen) wäre ich niemals zum Schreiben gekommen.

 

Hast du ein Lieblingsbuch?

Da muss ich zwei Bücher nennen, die mir einfach ans Herz gewachsen sind, weil sie für mich mit Stationen meines Lebens zusammenhängen. Rebecca von Daphne du Maurier und Fürst der Finsternis von Anne Rice. Beide haben mich ein Stück meines Lebens begleitet und stehen für mich für mehr als bloß eine Geschichte.

 

Was tust du, wenn du nicht am Schreiben bist?

Sowas wie Freizeit habe ich eigentlich fast nicht. Ich befasse mich mit den notwendigen Erledigungen für den Haushalt und beschäftige mich mit meinen Töchtern. Mit ihnen bastle ich gerne und spiele, um den Kopf frei zu kriegen. Zu viel mehr bleibt mir eigentlich keine Zeit, weil sich das Schreiben in fast jeden Aspekt meines Lebens schleicht.

Bettina Kiraly – Ich träumte von deiner Liebe

Geboren 1979 als Bettina Slaby wuchs Bettina Kiraly im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich die Texte von Bettina Kiraly mit der Frage: Warum handeln Menschen, wie sie es tun? Die Autorin schreibt Romane über starke, außergewöhnliche Charaktere, die um ihr Stück vom Glück kämpfen.

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Ich träumte von deiner Liebe

1. Kapitel

Samstag, 23. Mai 2015

Ich pirschte mich leise an. Daniel war in die Zeitung vertieft und merkte nicht, wie ich die Müslischale vor ihm zur Seite schob. Schließlich musste ich ihm die Zeitung aus der Hand nehmen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

„Was …?“ Er wandte sich mir zu. Sein Blick glitt über das schwarz-rote Spitzenkorsett an meinem Körper, das ich gestern erst gekauft hatte. Das aufblitzende Verlangen in seinen Augen wich allerdings schnell Bedauern. „In nicht mal einer Viertelstunde muss ich los.“

„Dann lass uns keine Zeit verschwenden.“ Ich setzte mich auf den Küchentisch und spreizte die Beine. „Ein spontaner Quickie.“

„Becca …“

„Du wirst vier Tage unterwegs sein. Vier Tage!“ Ich strich über seine Wange, zog ihn näher. Der herbe Geruch seines Aftershaves stieg mir in die Nase und verwirrte meine Sinne. „Ich will dich. In letzter Zeit bist du ständig müde, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst.“

„Es ist grad viel los.“

Ein verführerisches Lächeln auf den Lippen legte ich den Kopf schief. „Muss ich dich wirklich an deine ehelichen Pflichten erinnern?“

„Wenn ich tonnenschwere Ladung durchs ganze Land transportiere, muss ich ausgeruht sein.“ Er stand auf.

Meine Finger krallten sich in sein Shirt und zerrten ihn an mich heran. Mein Oberkörper rieb sich an ihm. Ich war so ausgehungert, dass das Blut heiß durch meine Adern floss. Wie sehr ich ihn wollte! Ich brauchte ihn. „Wie munter du erst sein wirst, wenn du mich hier auf dem Küchentisch …“

„Wenn ich zurückkomme. Versprochen.“ Er schob mich vehement von sich.

„Nur einen Kuss.“ Vergeblich versuchte ich, seine Lippen zu erreichen.

„Rebecca, schalte einen Gang zurück.“

„Nur weil ich meinen Mann begehre …“

„Ich habe jetzt keine Lust. Darüber will ich nicht streiten. Wie du schon sagtest: Ich werde vier Tage mit dem Lastwagen unterwegs sein.“

Diese energische Ablehnung kränkte meinen Stolz. Obwohl ich es nicht persönlich nehmen sollte, wenn er seinen Job an erste Stelle setzte. Schließlich hielt ich es mit meinem nicht anders. Doch wie sollte ich nicht tief getroffen sein, wenn er meinen dargebotenen Körper abwies?

Ich starrte ihn wütend an. Dann wandte ich mich um, lief die Stufen hoch ins Schlafzimmer und schlug die Tür mit einem lauten Knall zu.

Schwer atmend hoffte ich auf das Geräusch seiner Schritte, die mir nachkamen. Er brauchte sich nicht zu entschuldigen. Es würde reichen, wenn er mich in den Arm nahm und mir versicherte, wie sehr er mich liebte.

Von unten klang das Knallen der Haustür zu mir. Es dauerte, bis ich begriff, was das bedeutete.

Daniel hatte das Haus verlassen. Er war einfach gegangen, ohne sich zu verabschieden, ohne den Streit zu klären.

Meine Augen brannten, aber ich hielt die Tränen zurück. Ich hatte Erfahrungen mit unerwartet verschwindenden Männern. Eine Überraschung, Daniel dazu zählen zu müssen. Nein, eine Enttäuschung. Nun schmerzte auch mein Herz.

Ich riss die Haken an meinem Korsett auseinander, wobei einer kaputt ging. Vermutlich würde ich das Spitzending ohnehin nicht mehr benötigen.

„Ich verspreche dir, mit dieser Beziehung niemals leichtfertig umzugehen.“

Weshalb stand er nicht zu diesem Schwur, den er mir vor knapp drei Jahren in der Hochzeitskapelle in Las Vegas gegeben hatte? Seine Worte nahm ich sehr ernst. Obwohl sie von ihm stammten, waren sie auch zu meinem Motto geworden.

Nur mit einem Slip bekleidet lief ich nach unten ins Wohnzimmer, wo mein Handy lag. Ich würde ihn anrufen und die Angelegenheit klären.

An der Haustür erklang das Geräusch eines sich herumdrehenden Schlüssels im Schloss. Als ich herumwirbelte, kam Daniel vom Gang herein. Er betrachtete mich in meinem Aufzug mit geweiteten Augen.

„Du bist zurückgekommen!“ Mit einem Aufschrei lief ich auf ihn zu.

Er streckte die Arme aus, um mich aufzufangen.

Ich schlang ihm die Arme um die Schultern und sprang an ihm hoch. Erleichtert bedeckte ich sein Gesicht mit Küssen. „Bei einem Anruf wollte ich mich entschuldigen. Wie ich es hasse, wenn wir streiten.“

„Tut mir leid, dass ich es verbockt habe, Becca. Ich hätte nicht davonlaufen dürfen.“

„Nein, das hättest du tatsächlich nicht.“

„Nenn mich einen Idioten. Ich beschwere mich, während jeder andere Mann mich für deine Heißblütigkeit beneiden würde.“

In seinen Augen lag Liebe und schlechtes Gewissen. Doch letzteres quälte auch mich. „Wenn ich nicht so offensiv gewesen wäre … Ich habe Angst, uns zu verlieren.“

„Wir werden daran arbeiten. Gleich wenn ich zurück bin.“

Seine Hände lagen auf meinen Pobacken. Als er die Finger spreizte, musste ich mir auf die Lippen beißen, um nicht aufzustöhnen. Ich drängte die hochkochende Leidenschaft zurück. Das musste bis zu seiner Rückkehr warten. „Ich liebe dich.“

Er küsste mich sanft. Die zarte Berührung seiner Lippen machte es mir nicht leicht, geduldig zu bleiben. Er unterbrach den Kuss und lächelte. „Ich liebe dich. Und wenn ich nicht dringend weg müsste …“

Langsam glitt ich an seinem Körper hinunter. „Schon klar. Was mache ich nur so lange ohne dich?“

„Du könntest dich um Valentin kümmern. Er hat Liebeskummer. Die Frau, für die er sich interessiert, nimmt ihn gar nicht wahr. Ich fürchte, es hat ihn diesmal ziemlich schlimm erwischt.“

„In Ordnung. Schließlich ist dein bester Kumpel auch für uns immer da. Und jetzt geh endlich. Sonst musst du die verlorene Zeit mit Rasen einholen. Das wäre nicht gut für meine Nerven.“

„Ich weiß, wie schwer die letzte Zeit für dich war. Wenn ich wieder zurück bin, dann …“ Er zögerte. „… dann basteln wir an unserem ersten Kind.“

„Du musst mir keine Versprechungen machen, die …“

Er schüttelte den Kopf. „Ich will das genauso sehr wie du. Mein Gehalt wird nicht ausreichen, um als Alleinverdiener unseren momentanen Lebensstandard zu erhalten. Aber ich habe überlegt, Vaterschaftsurlaub zu nehmen. Wir können …“

Ich umarmte ihn stürmisch, bis ihm keine Luft zum Weiterreden blieb. „Unser gemeinsames Baby!“

„Unser ERSTES gemeinsames Baby“, korrigierte er. „Wir haben diesen riesigen Garten nicht umsonst. Ich werde dich unterstützen, so gut ich kann. Das mit dem Vaterschaftsurlaub wird sicher kein Problem. Dann kannst du rasch wieder arbeiten gehen.“

„Ich brauche keinen Luxus, wenn ich dich habe. Wir besitzen ein Haus, in dem wir zufrieden sind. Wenn hier noch das Lachen von Kindern erklingt, bin ich die glücklichste Frau der Welt“, versicherte ich.

„Dann ist es beschlossene Sache. Ein Baby, das aussieht wie du.“

Ich schüttelte den Kopf. „Eines, das aussieht wie wir beide. Das Beste von uns beiden. Mehr kann ich nicht verlangen.“

Dienstag, 26. Mai 2015

Mit einem großen Becher Kaffee in der Hand eilte ich die Straße hinunter. Ich war spät dran. Dieser dämliche Besichtigungstermin ruinierte alles. Nach einem Blick auf die Uhr beschleunigte ich noch einmal mein Tempo.

Ich hasste es, mich unvorbereitet mit Kunden zu treffen. Weder besaß ich genaue Infos zu dem Pärchen noch zu der Wohnung, die ich ihnen zeigen sollte. Wäre mein Kollege bei seiner Besichtigung nicht aufgehalten worden, wäre ich jetzt schon zuhause. Ich könnte jetzt bereits in der Küche stehen und Vorbereitungen für ein Festmahl treffen.

In zwei Stunden kam Daniel zurück.

Ich wollte ihm einen besonderen Empfang bereiten. Im ganzen Wohnzimmer standen Kerzen. Eine gute Flasche Wein wartete gekühlt. Dazu sollte es Hühnchen mit Curry-Gemüse und Reis geben. Ich war zwar keine besonders gute Köchin, aber das hätte ich hingekriegt. Wenn mir genug Zeit dafür geblieben wäre.

Jammern half nichts. Daniel freute sich bestimmt auch über eine Pizza, die ich beim Heimfahren besorgen konnte.

Die U-Bahn-Station kam in Sicht. Verdammt, ich war mit Gewissheit zu spät. Selbst wenn mit viel Glück sofort eine U-Bahn einfahren sollte.

Mein Fuß befand sich auf der ersten Stufe, als ich eine Frau entdeckte, die sich mit ihrem Kinderwagen abmühte. Die junge Frau hatte sich aus unverständlichen Gründen dagegen entschieden, den Fahrstuhl zu benutzen. Sie versuchte, eine Stufe nach der anderen zu überwinden, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Nicht sonderlich erfolgreich. Außer mir befand sich niemand auf der Treppe. Mein Gewissen und mein Pflichtbewusstsein lieferten sich einen lautstarken Streit in meinem Kopf.

„Warten Sie. Ich helfe Ihnen“, murmelte ich seufzend. Ich lief ein paar Stufen nach unten, bis ich bei der Frau angelangt war, und warf einen Blick in den Wagen. Das Baby mit der blauen Mütze und dem rosigen Gesicht schlief trotz des Geruckels tief und fest. Kurz spürte ich einen Stich in der Herzgegend. Durfte ich bald auch so ein kleines Wunder im Arm halten? Ich warf meine Tasche über die Schulter und klemmte den Kaffeebecher mit der linken Hand fest. Mit einem Griff um den unteren Rahmen hob ich den schweren Kinderwagen an. Dann trug ich alles rückwärts die Treppen hinunter.

Wir kamen natürlich langsam voran, und ich unterdrückte ein Seufzen, denn jetzt würde ich bestimmt die nächste Bahn verpassen. Ein Jugendlicher überholte uns, aber sonst war niemand zu sehen, den ich um Unterstützung hätte bitten können. Warum hatte ich mich auch verantwortlich dafür gefühlt, der Frau zu helfen?

„Können wir etwas schneller machen?“, bat ich.

Das Gesicht der Frau war vor Anstrengung verzerrt. „Ich weiß nicht …“

„Ich muss dringend weiter.“

„In Ordnung.“ Die Frau hob ebenfalls den Wagen an. So fiel es leichter, den Kinderwagen nach unten zu transportieren. Nur mehr ein paar Stufen.

Eine einzige Sekunde lang war ich unachtsam. Mein Fuß fand plötzlich auf der rutschigen Treppenstufe keinen Halt, und ich spürte, wie ich nach hinten kippte. Ich ließ den Kaffeebecher fallen und tastete nach dem Geländer. Gleichzeitig klammerte ich mich an den Rahmen des Kinderwagens.

Dem Baby durfte nichts passieren. Ich musste es beschützen.

In diesem Moment verlor ich endgültig den Kampf mit dem Gleichgewicht. Ich fiel! Mit dem Rücken krachte ich auf den Boden und spürte einen Schlag gegen die Rippen. Dann knallte auch mein Kopf auf den Boden. Ein Poltern ließ mich befürchten, das Baby nicht gerettet zu haben. Dass es ebenfalls auf den Boden aufgeschlagen war.

Diese Art zu sterben konnte nur als Ironie bezeichnet werden. In den Tod gestoßen von meinem größten Wunsch. Wehe, wenn das das Ende war! Um mich herum wurde es dunkel.

2. Kapitel

Samstag, 30. Mai 2015

Mein Kopf pochte, als würde ein kleines Männchen mit einem Hammer von innen gegen meine Stirn klopfen. Ich presste die geschlossenen Augen zusammen, als könnte ich dadurch den Schmerz loswerden, aber es fiel mir schwer, meine Augenlider zu bewegen.

Jemand hantierte an meiner Kleidung. Da wurde gezogen, gerafft, glattgestrichen. Man setzte mich auf und legte mich auf eine Seite. Das ganze Prozedere war mir unangenehm. Warum konnte ich mich nicht dagegen wehren?

Ich schluckte, aber mein Mund schien viel zu trocken. Meine Zunge blieb beinahe am Gaumen kleben. Ich räusperte mich.

Das Gezerre hörte auf, als ich die Augen mühsam öffnete. Ich befand mich in einem Krankenzimmer. Vermutlich hatte ich mich bei dem Sturz von der Treppe verletzt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, hierhergekommen zu sein. Mein Körper fühlte sich seltsam schlapp an. Doch ich konnte zum Glück meine Arme und Beine bewegen, wenn auch nur mühsam. Ich rollte mich auf den Rücken.

Die Krankenschwester, die gerade den Krankenhauskittel in meinem Rücken geschlossen hatte, starrte mich unhöflich mit offenem Mund an. Der geschockte Gesichtsausdruck wäre höchstens angebracht gewesen, wenn ich eine Gruselmaske von Halloween tragen würde.

Ich wollte nach einem Glas Wasser bitten. Doch ich brachte kein Wort heraus, nur ein Stöhnen.

Die Schwester richtete sich auf und drückte einen Alarmknopf.

Neuerlich versuchte ich die Bitte um Wasser über die Lippen zu bringen, scheiterte jedoch. Mit großer Anstrengung hob ich meine Hand. Irgendetwas stimmte nicht mit meinem Hals. Als ich danach tastete, spürte ich unter meinen Fingern irgendeinen Schlauch aus Kunststoff. Ich zog daran, doch das fühlte sich wie ein Pfeil an, der sich durch meinen Hals bohrte.

„Nicht doch“, tadelte eine Stimme. Neben der Krankenschwester tauchte eine Ärztin auf. „Mein Name ist Birken. Ich bin Assistenzärztin und werde Ihnen helfen.“ Die hübsche junge Frau kam lächelnd näher.

Während sie das Ding, das sich als Intubationsschlauch entpuppte, aus meiner Kehle entfernte, schossen mir Tränen in die Augen. Warum hatten sie mir das Ding überhaupt in den Hals gesteckt?

„Geht es?“, fragte die Ärztin.

Als ich mich bedanken wollte, brannte meine Kehle. Mehr als ein Krächzen kam nicht über meine Lippen. Sogar das bloße Drehen meines Kopfes verursachte Schwindel.

„Ihre Stimme ist bald wieder da. Geben Sie ihr etwas Zeit.“ Die Ärztin lächelte mich wieder an. Vermutlich sollte mich das beruhigen. „Erschrecken Sie nicht. Ich werde ein paar Untersuchungen machen.“

Sie zog die Bettdecke weg, tastete mit kalten aber sanften Fingern meine Beine und meine Arme ab, fragte mich, ob ich die Berührungen spüren würde, ob ich Schmerzen habe.

Ich antwortete verwundert mit Nicken und Kopfschütteln. Während der Untersuchung bemerkte ich, wie schwach ich mich fühlte. Jede Bewegung zeigte mir deutlich, dass ich nicht die vollständige Kontrolle über meinen Körper besaß. War bei dem Sturz mein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden? Als die Frau sich wieder aufrichtete, wartete ich bang auf ihr Urteil.

„Sehr schön.“

„Ist …“ Ich räusperte mich. „Ist alles in Ordnung?“ Gott sei Dank kam meine Stimme wieder. Sie hörte sich fremd an.

„Sieht ganz so aus. Den Rest erklärt Ihnen Herr Doktor Gebhard, mit dem ich Rücksprache halten werde.“ Nach einem letzten Lächeln wandte sie sich ab und verließ mein Zimmer.

„Aber …“ Ich hätte auch ein paar Fragen gehabt.

Die Krankenschwester tätschelte meine Schulter. „Annie, ihre Schwester, wird gleich hier sein. Wir haben sie angerufen. Ich hole in der Zwischenzeit den Herrn Primar.“

Erschöpft nickte ich. Mehrmals versuchte ich mich aufzusetzen, aber mein Körper gehorchte mir kaum. Die Minuten verstrichen. Ich lag reglos im Bett und fragte mich, warum ich mich so erschöpft fühlte. Der Sturz hatte meinen Körper offensichtlich sehr mitgenommen. Doch langsam begann ich zu befürchten, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Eilige Schritte kamen näher. „Ich kann es nicht glauben“, murmelte jemand, und Annie, meine Schwester, betrat den Raum. Sie sah viel dünner aus, als ich sie in Erinnerung hatte. War sie dermaßen in Sorge um mich gewesen? Aber warum hatte sie meinen Krankenhausaufenthalt dann für einen Besuch beim Frisör genutzt? Ihre Haare waren bei unserem letzten Treffen noch länger gewesen. „Oh, mein Gott! Danke, Gott!“ Annie umarmte mich stürmisch.

„Es ist in Ordnung.“ Meine Stimme klang kratzig. „Tut mir leid, dir wieder mal Sorgen bereitet zu haben.“

„Du hast ja keine Ahnung. Ich wollte gerade das Krankenhaus verlassen, als man mich anrief. Jetzt bist du endlich wach.“

Ich löste mich von Annie. „Weiß Daniel schon Bescheid? Kommt er her?“

„Welcher Daniel?“

„Na, Daniel … mein Mann.“ Annies verwirrter Gesichtsausdruck gab mir Rätsel auf. „Egal. Ich rufe ihn selbst an.“

„Du bist durcheinander, Schatz. Leg dich lieber wieder hin.“ Annie rückte die Polster zurecht. „Wie fühlst du dich?“

„Ich habe Durst.“

„Natürlich. Du bekommst gleich ein Glas Wasser.“ Annie schlüpfte aus ihrer Jacke und legte ihre Handtasche zur Seite. Dann verschwand sie im Badezimmer. Das Glas, das sie mitbrachte, leerte ich in einem Zug, obwohl mein Hals brannte, und ließ es mir von Annie abnehmen.

„Danke. Schon wieder ein Unfall. Ich sollte nie mehr das Haus verlassen.“

„Schon wieder?“

„Ja, der Autounfall vor vier Jahren und jetzt das mit der U-Bahntreppe. Dämlich, mir jedes Mal den Kopf anzuschlagen.“

„Jetzt?“, echote Annie. „Und was für eine U-Bahntreppe?“

„War ich etwa ein paar Tage im Koma?“ Der Gedanke gefiel mir nicht. „Das kann für meinen Verstand nicht gut sein.“

Annie plumpste auf den Stuhl neben dem Bett. „Ein paar Tage?“

Über mir schlug eine Welle von Frustration zusammen. „Warum plapperst du mir alles nach? Ich glaube, wir sollten deinen Kopf zuerst untersuchen lassen.“

Annie griff nach meiner Hand. „Rebecca, du hast vier Jahre lang im Koma gelegen.“

„Ziemlich spät für einen Aprilscherz. Zu einer Kranken sollte man höflicher sein.“ Ich wollte nach dem Wasserglas greifen, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Das, was von meinen Armen nicht mit den Ärmeln meines Nachthemdes bedeckt war, wirkte unglaublich dünn. Was war nur mit mir los? „Kannst du mir noch etwas zu trinken bringen?“

Sie ignorierte meine Bitte. „Ich habe nicht gewusst, ob du jemals wieder aufwachen würdest. Trotzdem habe ich dich die letzten vier Jahre so oft besucht, wie es möglich war.“

Ihre Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. „Lass den Scheiß. Langsam wirst du mir unheimlich.“

Meine Schwester begann zu weinen. Sie wirkte verzweifelt. „Nein, du machst mir Angst. Du bist 2011 von einem Auto angefahren worden und hast seitdem dieses Zimmer nicht mehr verlassen.“

„Unsinn. Ich glaube, du bist zu schnell gerannt.“ Ich lachte gezwungen.

„Die Ärzte können dir bestimmt helfen. Es ist sicher schwer zu begreifen, wieviel Zeit du verloren hast.“

Sie redete Unsinn. Was war nur mit ihr los? Ich versuchte zu Annie durchzudringen. „2011 durfte ich nach zwei Wochen wieder nach Hause. Warum willst du mir etwas anderes weismachen? Wenn Daniel bloß hier wäre.“

„Ich kenne keinen Daniel.“

Was zum Teufel war hier los? „Dein Schwager! Wir hatten den Unfall 2011 gemeinsam. 2012 habe ich ihn geheiratet. In Las Vegas. Du warst doch dabei.“

Annie ließ meine Hand los. „Du bist nicht verheiratet. Nach dem Unfall hast du das Bewusstsein nicht wiedererlangt.“

„Ich habe das Gefühl, ich renne gegen eine Wand an“, seufzte ich.

„Du sagst, Daniel ist der Mann, mit dem du bei dem Autounfall unterwegs warst? Bei deinem … ersten Unfall?“

Ich nickte.

„Er hat dir das Leben gerettet. Ohne ihn hättest du den Zusammenstoß nicht überlebt.“

„Siehst du? Dann kennst du ihn doch.“

„Nein, Süße.“ Annies Gesichtsausdruck war ernst. „Er hat die ganze Wucht des Aufpralls abgekriegt. Er ist 2011 gestorben.“

Das Krankenzimmer drehte sich. War Annie verrückt? Wie konnte sie so einen Quatsch behaupten? Ich sollte vier Jahre im Koma gelegen haben? Daniel tot sein? „Wir haben geheiratet, in Daniels Haus in Sissendorf gelebt, uns geliebt. Ich habe mir das doch nicht eingebildet.“

„Es tut mir leid, Rebecca.“

„Was tut dir leid? Dass die Liebe meines Lebens angeblich nicht existiert?“ Ich wurde wütend. „Dass ich schon jetzt jemanden vermisse, mit dem ich nicht zusammengelebt habe, wie du behauptest? Dass ich die ideale Beziehung mit dem perfekten Mann gar nicht geführt habe? Oder dass du mich anlügst?“

„Rebecca …“

„Nein“, unterbrach ich. „Nein. Ich habe genug gehört.“

„In Ordnung. Verschieben wir das auf später.“ Annie stand auf. „Ich bringe dir noch etwas zu trinken.“

Ich wandte den Kopf ab und starrte aus dem Fenster. Das hier musste ein Albtraum sein. Vielleicht sollte ich versuchen zu schlafen. Danach würde ich aufwachen, und alles wäre wieder wie vorher.

Während Annie noch im Badezimmer das Glas nachfüllte, öffnete sich die Tür des Zimmers. Ich drehte den Kopf.

„Mein Name ist Doktor Gebhard“, meinte ein grauhaariger Mann, und kam näher. „Fühlen Sie sich gut?“

Ich lachte trocken auf. „Ehrlich gesagt, fühle ich mich wie in einem schlechten Film. Sind Sie gekommen, um diesen fehlgeleiteten Aprilscherz aufzuklären?“

„Welchen Scherz?“

„Annie will mir einreden, ich wäre vier Jahre lang im Koma gelegen.“

Doktor Gebhard runzelte die Stirn. „Ihre Schwester hat es Ihnen schon gesagt? Sie hätte auf mich warten sollen. Wir alle sind erfreut, weil Sie endlich aufgewacht sind.“

„Endlich?“ Meine Stimme klang schrill. „Nein!“

„Wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht. Sie waren ziemlich lange bewusstlos. Ihr Körper wird noch eine Weile damit zu kämpfen haben. Aber wir kriegen Sie schon wieder fit.“

Eine Träne lief mir über die Wange.

„Na, na. Freuen Sie sich doch.“ Der Arzt lächelte mich aufmunternd an.

Annie kehrte aus dem Badezimmer zurück und trat neben das Bett. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, etwas stimmt mit meiner Schwester nicht.“

„An der Formulierung musst du noch arbeiten“, blaffte ich.

„Sie ist der Meinung, nicht vier Jahre im Koma gelegen zu haben. Sie denkt, sie wäre vier Tage nach dem Unfall aufgewacht und hätte sich dazwischen verliebt und geheiratet. Vielleicht sind das Folgen des Unfalls oder der Kopfverletzung …“

„Oder vielleicht ist das hier der Albtraum, aus dem ich erwachen muss.“ Ich ballte die Hände zu Fäusten. Wären die Schmerzen an meinem Hals nicht so real, könnte ich mich an diese fadenscheinige Erklärung klammern.

Der Arzt setzte ein nachdenkliches Gesicht auf, für das ich ihn hasste. „Eine interessante Komplikation. Aber Sie waren lange nicht bei Bewusstsein. Sie hatten wirre Träume. Ich bin sicher, nach ein wenig Ruhe und Erholung gelingt es Ihnen, sich in der Realität zurechtzufinden.“

In einer Realität, in der Daniel nicht existierte? Das schien mir unsinnig.

„Ich bin nicht verrückt!“

„Natürlich nicht. Sie sind lediglich ein wenig durcheinander. Versuchen Sie bitte, sich aufzusetzen.“

„Was hat das jetzt mit meinen angeblichen Wahnvorstellungen zu tun?“, wollte ich wissen.

„Tun Sie mir einfach den Gefallen.“

Verärgert zog ich meine Augenbrauen zusammen. Widerwillig kam ich seiner Aufforderung nach. Ich setzte mich auf, versuchte mich zu drehen, um die Beine über den Bettrand schieben zu können. Meine Muskeln waren nicht in der Lage, meine Beine anzuheben. „Verflixt, was soll das?“, brummte ich.

„Sie haben vier Jahre lang im Koma gelegen. Die mangelnde Bewegung hat Muskelabbau verursacht. Aber das bekommen wir mit Reha und Training wieder hin.“

Blinzelnd starrte ich meine dünnen Beine an. Wäre ich tatsächlich nur vier Tage ohnmächtig gewesen, wäre mein Körper nicht so stark verfallen.

„Ich mache ein paar Untersuchungen, bevor wir Sie schlafen lassen.“ Der Arzt lächelte. „Danach sieht die Welt bestimmt schon anders aus.“


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Bettina Kiraly – Ich träumte von deiner Liebe

Geboren 1979 als Bettina Slaby wuchs Bettina Kiraly im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich die Texte von Bettina Kiraly mit der Frage: Warum handeln Menschen, wie sie es tun? Die Autorin schreibt Romane über starke, außergewöhnliche Charaktere, die um ihr Stück vom Glück kämpfen. Hier geht’s zum Interview mit Bettina Kiraly.

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