Scherbenfrau

Als Emily zu Hause ankam, gab’s eine faustdicke Überraschung. Vor dem Haus stand ein Möbelwagen. Ein kleiner Möbelwagen, aber eben doch: ein Möbelwagen. Sie hatte keine Idee, was das bedeuten sollte. Die Flügeltür hinten stand offen, ebenso wie die Haustür, aber niemand war zu sehen, viele Möbel waren nicht mehr im Wagen. Dann kam Vera aus dem Haus, im Schlepptau zwei Möbelpacker.

„Nun haben wir es ja gleich geschafft“, meinte sie aufmunternd. Dann erst nahm sie Emily wahr. „Hallo, Emily.“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. Um den Kopf hatte sie ein buntes Tuch geschlungen. Emily dachte, dass das wahrscheinlich rustikal wirken sollte, es an Vera aber aussah, als sei sie soeben einer Modezeitschrift entsprungen. Dazu trug sie eine Jeans, die sie verdammt an die von Kris erinnerte. Dass die beiden Kerle ziemlich unverfroren ihren kleinen runden Hintern anstarrten, war nicht weiter erstaunlich. Und Emily hatte auch nicht das Gefühl, dass Vera dies unbedingt störte.

„Was findet denn hier statt?“, fragte Emily grußlos.

Eine Antwort wartete sie nicht ab, sondern eilte ins Haus, um mit ihrem Vater zu reden. Auf seine Erklärung war sie gespannt. Sie konnte nicht fassen, dass er Vera hier einziehen ließ, ohne vorher mit ihr darüber gesprochen zu haben. Sie rief nach ihm, aber es kam keine Antwort. War er gar nicht zu Hause? Emilys Gefühle schwankten zwischen Wut und Hilflosigkeit, entschieden sich schließlich für das Erste.

„Was machst du hier?“, rief sie, als sie wieder draußen war.

„Ich ziehe ein“, sagte Vera. Für Emily klang es wie: Ihr habt den großen Preis gewonnen!

Vera stand vor dem Möbelwagen und gab den Packern Instruktionen.

„Was ist mit deiner Wohnung in Oldenburg?“

„Gekündigt.“

„Weiß mein Vater davon?“, wollte Emily wissen. Sie hörte ihre Stimme zittern.

Vera sah sie an, als verstehe sie die Frage nicht.

„Du musst doch mit ihm darüber gesprochen haben“, rief Emily. Jetzt erst schien Vera zu begreifen.

„Ja“, sagte sie, „natürlich haben wir darüber gesprochen.“

„Und er hat Ja gesagt?“ Emily konnte es einfach nicht glauben. Die beiden Männer trugen eine antike Kommode ins Haus. Vera folgte ihnen mit besorgter Miene, die eher der Kommode galt als Emilys Frage.

„Vorsicht“, sagte sie. „Stoßen Sie nirgends an. Es ist ein äußerst kostbares Stück.“

„Was ist nun?“, wiederholte Emily. „Hat er Ja gesagt?“

„Nicht direkt“, meinte Vera. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt weiter Packern und Kommode.

„Was soll das heißen?“ Mit einem Ruck drehte Emily sie an der Schulter zu sich und erschrak. Veras Blicke stachen wie Pfeile in ihre Augen. Unwillkürlich fuhr sie einen halben Schritt zurück. So hatte sie die Geliebte ihres Vaters noch nie gesehen. Das Sanfte in ihren Augen war völlig verschwunden.

„Eins rate ich dir“, zischte sie bedrohlich. „Fass mich nie wieder so an. Nie wieder, hörst du?“

Dann verwandelte sie sich sekundenschnell zurück in die Vera, die Emily kannte.

„Und zu deiner Frage“, säuselte sie. „Dass ich schon heute einziehe, ist eine Überraschung für Paul. Aber im Prinzip ist natürlich alles geklärt.“

Bevor sie im Haus verschwand, warf sie Emily noch einen ihrer sanften Blicke zu. Die stand da wie ein begossener Pudel mit dem Gefühl, unbedingt etwas tun zu müssen, hatte zugleich aber keine Ahnung, was das sein könnte. Sie entschied sich, zu telefonieren und zog sich mit Handy in den Garten zurück.

Ihr Vater war noch im Verlag. Nach dem zweiten Klingeln hob er ab. Plötzlich wusste Emily nicht mehr richtig, wie sie anfangen sollte.

„Wer ist denn da?“, fragte er gereizt.

Emily hatte sogar vergessen, sich zu melden. Noch immer war sie wie hypnotisiert von Veras Blicken. Deren Worte hallten in ihrem Kopf nach: Nie wieder, hörst du? Nie wieder! Es klang, als solle sie sich grundsätzlich nie wieder in ihre Angelegenheiten mischen. Machte sie das aber gerade jetzt in diesem Augenblick nicht schon wieder?

„Entschuldige“, sagte Emily. „Ich bin’s. Die Verbindung war gestört.“

„Was gibt es, Emily?“ Ihr Vater klang nicht mehr gereizt, aber auch nicht so erfreut, wie er es normalerweise bei ihren Anrufen war. „Ich bin mitten in einer wichtigen Besprechung. Hat es nicht Zeit?“

Ganz langsam kehrte ihr Selbstbewusstsein zurück.

„Weißt du“, fragte sie, „was Vera gerade macht?“

„Keine Ahnung. Bei mir ist sie nicht. Aber sie kommt heute Abend zu uns. Hat das nicht bis dahin …“

„Irrtum“, erklärte Emily. „Sie kommt nicht erst heute Abend. Sie ist schon da.“

„Ach so. Dann sag ihr, dass ich noch ein, zwei Stunden brauchen werde.“

„Sie ist mit einem Möbelwagen vorgefahren.“ Emily sah, dass die Packer soeben die Flügeltür zumachten. „Das heißt, der Wagen fährt gerade wieder ab. Aber die Möbel sind alle hier. In unserem Haus.“

Ihr Vater zögerte mit einer Antwort. Emily konnte sich sein Gesicht vorstellen. Er versuchte, sein Gefühl für die Wirklichkeit nicht zu verlieren.

„Emily“, sagte er dann, „wenn du mich auf den Arm nehmen willst, ist das nicht der richtige Moment.“

„Das finde ich auch“, sagte sie. „Bis nachher also.“ Sie beendete das Gespräch, ohne eine weitere Reaktion ihres Vaters abzuwarten.

 

Keine halbe Stunde später war er zu Hause. Das von Emily erwartete Donnerwetter blieb aus. Als er sich an Veras Möbeln vorbei zur Küche vorkämpfen musste, sagte er nichts. Vera empfing ihn mit ihrem strahlendsten Lächeln.

„Hallo, Paul. Das meiste ist schon im Keller. Die paar Sachen hier müssen wir noch irgendwo im Haus verteilen.“

„Aber, was ist … äh, ich meine …?“

Emily erkannte ihren Vater nicht wieder. Noch nie hatte sie ihn so unsicher erlebt. Er stammelte wirres Zeug.

„Keine Sorge“, fiel Vera ihm ins Wort. „Das kriegen wir schon noch unter. So viel ist es ja nicht.“

„Wieso sind deine Möbel hier?“

Immerhin, ein vollständiger Satz, dachte Emily.

„Ich meine, was ist mit deiner Wohnung?“

„Gekündigt“, erklärte sie stolz. „Gleich nachdem wir neulich drüber geredet hatten.“

Sie legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn. Er war zu unkonzentriert, um darauf eingehen zu können.

„Nachdem wir worüber geredet hatten?“ Er schien nicht glauben zu können, was er erlebte, obwohl es offensichtlich war.

„Über unser Zusammenziehen natürlich.“ Sie strahlte ihn an und sah glücklich aus. „Worüber denn sonst?“

Sein Gesicht blieb regungslos. Als Vera das erkannte, verschwand schlagartig auch aus ihrem Gesicht das Lächeln, verzog sich dann sogar ins Weinerliche. Emily war verblüfft, dass ein Gesichtsausdruck sich so blitzartig in sein absolutes Gegenteil verkehren konnte. Veras plötzlich zusammengepresste Lippen stießen einen enttäuschten Satz hervor: „Du willst es gar nicht.“

Unwillkürlich spürte Emily einen Hauch Erleichterung in sich aufsteigen. Nun brauchte ihr Vater nur noch sagen: Du hast recht. Ich will es nicht. Dann würde Vera sicher noch eine Runde heulen, aber morgen ihre Sachen wieder packen. Bestimmt war es noch nicht zu spät, die Kündigung der Wohnung rückgängig zu machen. Dann erkannte Emily, dass ihre Erleichterung verfrüht war.

„Doch, natürlich will ich es“, sagte er und nahm Vera in den Arm. Sie schmiegte sich an ihn, verbarg ihr Gesicht in seinem Pullover.

„Wir haben doch darüber gesprochen.“ Ihre Stimme verriet, dass sie nun tatsächlich weinte.

„Natürlich haben wir das“, tröstete er sie und streichelte ihren Rücken. „Natürlich. Es kam gerade nur etwas überraschend für mich. Das ist alles.“

„Aber freust du dich denn gar nicht?“

„Doch, natürlich freue ich mich.“

„Ist es denn keine schöne Überraschung für dich?“

„Die schönste, die ich mir vorstellen kann.“

Er machte ein Gesicht, als sei er der glücklichste Mann der Welt. Emily verstand die Welt nicht mehr, jetzt hätte sie heulen können.

„Wir wollen doch sowieso bald heiraten“, sagte Vera. „Da ist es doch nur gut, wenn ich schon hier wohne. Oder nicht?“

„Doch, ganz sicher.“

„Wir wollen doch Kinder haben.“

Emily konnte nicht glauben, was sie da hörte. Vorsichtig schlich sie sich aus dem Haus. Die Tür hinter sich zog sie so leise ins Schloss wie sie noch nie in ihrem Leben eine Tür ins Schloss gezogen hatte.

 


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Olaf Büttner – Scherbenfrau

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Olaf Büttner wurde 1956 in Wilhelmshaven geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Drehbuchautor an der Medienakademie Ludwigshafen. Sein Roman Sommersturm erhielt den DeLiA-Literaturpreis. Die Bücher um seinen Privatdetektiv Reent Reents erscheinen im emons Verlag. Neben seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit arbeitet der Autor als Sozialpädagoge mit behinderten und verhaltensauffälligen Jugendlichen.