Der Tod von Dr. Watson

„… Mord, begangen zur Nacht, Verrat, am Tage vollbracht …“
Rudyard Kipling

 

Anfänge

Der Mann auf der Parkbank fröstelte und stellte den Kragen seines Mantels hoch. Abermals warf er einen Blick auf die Taschenuhr in seiner behandschuhten Hand. Halb drei. Wo blieb sie? Er stand auf, schritt auf und ab, vorbei an dem Knäuel entenfütternder Kinder und schnalzte bei ihrem Kreischen und Plappern mit der Zunge. Beim Gehen warf er auf seltsam rührende Weise die Beine und schob den Bowler tiefer in die Stirn. Noch einmal ließ er den Sprungdeckel hochschnellen. Zwei Minuten waren vergangen. Im Geist legte er sich schon die Geschichte zurecht, die er bei Munyon’s erzählen würde. Es hatte einen Verkehrsunfall gegeben. Ein Pferd war zu Fall gekommen, sodass die Straßenbahn sich verspätet hatte. Ob das einleuchtend klang? Er stampfte mit den Füßen und ging entschlossen zur Bank zurück. Zum Glück waren die Kinder weitergelaufen.

Dann endlich kam sie, nahte mit ihrem unverwechselbaren Schritt, leichtfüßig, beschwingt, das Haar unter dem bebänderten Hut aus dem jungenhaften Gesicht zurückgekämmt. Er stand auf, tippte an seinen Bowler, und sie hängte sich bei ihm ein. Er reckte sich hoch und küsste sie. Sie lächelte und sagte, er solle sich benehmen. Sie schritten unter den Ulmen am Ufer des Sees entlang. Ihr Atem kräuselte sich in der kalten Luft, während sie zerstreut über dies und das plauderte.

„Ethel“, unterbrach er sie. „Sie droht damit, mich zu verlassen.“ Das Mädchen blieb stehen und blickte ihn prüfend an. „Das ist nichts Neues.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber ich glaube, dieses Mal meint sie’s ernst. Sie fängt an, unser Geld abzuheben. Unsere Ersparnisse. Sie sind alles, was wir auf der Welt haben.“ „Aber sie gehören dir“, sagte Ethel.

„Ein Teil davon, ja. Sieh mal, Ethel, wir werden eine Weile aufhören müssen … uns zu sehen. Ich kann’s mir nicht leisten …“

„Peter, ich bin deine Sekretärin“, unterbrach sie ihn. „Wie sollen wir aufhören, einander zu sehen?“

„Du weißt, was ich meine“, sagte er. „Ich verfüge nur über meine Provisionen … die Hotelrechnungen …“

„Peter!“ Sie riss sich brüsk von ihm los, und ihr gedämpfter Aufschrei erregte die Aufmerksamkeit des ältlichen Pärchens auf seinem Nachmittagsspaziergang durch den Park. Sie kam näher und beugte sich so tief herab, dass ihrer beiden Augenpaare auf gleicher Höhe waren. „Ich habe die Hotels satt. Heimliche Treffen wie dieses. Behandelt zu werden, als sei ich eine Art Aussätzige. Du musst etwas unternehmen, Peter. Entweder ich oder sie.“ Er zauderte. Seine riesigen Augen blinzelten in der Kälte hinter den goldgefassten Brillengläsern. „Das ist schwierig …“ „Du bist Arzt, du lieber Gott“, zischte sie. „Nun, ich habe nie richtig praktiziert …“

„Zum Üben hast du keine Zeit, Peter. Du musst es beim ersten Mal gleich richtig machen.“

„Ethel …“ Er griff nach ihren kleinen Brüsten unter ihrem Umhang. „Oh nein, nicht, bevor du etwas unternommen hast. Ich weiß nicht, was. Ich will nicht wissen, was. Aber solange es nicht getan ist, Peter, sind wir beide nichts als Arbeitskollegen. Ich werde deine Briefe tippen, und das ist alles.“

Sie wirbelte den Hügel hinauf und verschwand im Januarnebel. Er stieg in den erstbesten Bus und ließ sich gedankenlos durch die Straßen kutschieren, ehe ihm klar wurde, wo er war. Dann stieg er aus, ging an seinem Büro in Albion House vorbei zur Apotheke der Messrs. Lewis & Burrows.

„Das haben wir leider nicht vorrätig, Sir“, sagte der Apotheker zu ihm. „Aber wir können es binnen zwei Tagen besorgen. Besteht nicht viel Nachfrage nach Hyoscin, wissen Sie. Ist das recht?“ Der Kunde war ganz woanders. „Was?“

„Ich sagte, es wird in zwei Tagen da sein. Würden Sie sich jetzt

vielleicht in das Verzeichnis eintragen?“

„Verzeichnis?“, wiederholte er verständnislos.

„Ja, Sir. Das Giftverzeichnis. Bloß eine Formsache, wissen Sie.“

„Ah … ja … ja, natürlich.“

Und er zwang seine Hand zur Ruhe, so gut es ging, um die Wörter hinzumalen – „Dr. H. H. Crippen“.

In der wärmsten Ecke des Restaurants Warschau schlürfte der elegant gekleidete Gentleman sein soundsovieltes Glas Tee. Draußen in Osborne Street zog das tägliche Treiben von Whitechapel an ihm vorbei. Von Zeit zu Zeit winkte er einem vorübergehenden Gannef zu oder lächelte stillvergnügt in der Erinnerung an einen Spaß oder an bessere Zeiten. Er überprüfte seinen Schnurrbart in einem kleinen Spiegel, den er bei sich trug und eilig verschwinden ließ, für den Fall, dass einer seiner Kumpane seine Eitelkeit bemerkte. „Abend, Leon.“ Eine Stimme brachte ihn zurück in die Gegenwart, und ein massiger, dunkler Körper versperrte ihm den Blick aus dem Fenster.

„Steinie.“ Leon streckte eine Hand aus. „Ist lange her … Wochen … Tee?“

„Warum nicht?“ Steinie setzte sich, ein hünenhafter, junger Mann in makellosem, grauem Anzug und dazu passender Melone. „Hübsch.“ Leon strich mit der Hand über den Stoff. „Deiner?“ Leon nickte strahlend. „Und das auch.“

Er legte einen in Papier gewickelten Gegenstand auf den Tisch. Der ältere Mann sah ihn mit nachsichtigem Lächeln aus seinen dunklen, unergründlichen Augen an. Kein Grund, ihm zu trauen, vielleicht eher, vorsichtig zu sein. „Was ist es?“

„Leon, was die Miete angeht …“ Die beiden Männer in der verschwiegenen Ecke fuhren auseinander, als ein dritter sich zu ihnen gesellte.

„Sol, mein Lieber“, begrüßte ihn Leon mit der ganzen Jovialität

einer Viper. „Ist schon ’ne ganze Weile her, oder?“

Sol quetschte sich wie ein feudaler Lehnsmann, der seine Reverenz

erwies, neben seinem Hausherrn zusammen. „Ich weiß, glauben Sie

mir, ich weiß“, bejahte Sol. „Aber es sind die Geschäfte. Niemand

kauft in diesen Zeiten Lattkes.“

„Nicht zu deinen Preisen“, bemerkte Steinie.

Sols Grinsen wurde säuerlich. „Hallo, Steinie. Ich hatte dich gar

nicht bemerkt.“

„Und ich bin der Onkel eines Rabbis“, sagte Steinie. „Wo sind meine drei Schillings?“

„Drei Schillings sagte der Mann!“ Sol hob die Hände zum Himmel. „Ich bin fast ruiniert, und er will drei Schillings!“

„In Ordnung, Solly, du hast Zeit bis Donnerstag.“ Sol stöhnte erleichtert.

„Nur bis Donnerstag, denk dran … oder ich schicke Steinie vorbei, damit er dir Beine macht.“

„Sie sind ein Heiliger, Leon Beron, ein Heiliger.“ Beinahe hätte Sol seinem Hausherrn die Hand geküsst.

„Was soll das heißen, mich zu einem Goi zu machen? Raus!“ Sol hastete zur Tür.

„Klar, er hat ’ne hübsche Tochter“, sagte Leon und strich sich den sauber gewachsten Spitzbart.

Steinie schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge.

„Und du bist alt genug, um ihr Großvater zu sein.“

„So alt bist du doch auch noch nicht.“ Leon schenkte Tee ein. „Was

ist in dem Paket?“

Steinie schlug heftig auf Leons Hand, und seine Finger krachten auf das braune Papier. Leons Augen wurden größer, und er begriff. Rasch zog er seine Hand weg. „Es ist ein Revolver“, flüsterte er, als raubten ihm die Worte den Atem.

Steinie nickte. „Ein Webley. Mit vierundvierzig Patronen. Willst du sie zählen?“

Leon rückte vom Tisch ab. „Warum sollte ich sie zählen wollen? Warum hast du dir das Ding besorgt?“

Steinie beugte sich vor. „Das Geschäft mit den Brüchen ist nicht mehr das, was es mal war, Leon, alter Freund. Es wird immer schwieriger. Ich werde auch nicht jünger. Du sprachst von einer Sache in Lavender Hill …“

Leon schnaubte: „Das ist ’ne Nummer zu groß für uns, Steinie …“

Der jüngere Mann hob einen Finger an die Lippen und ließ ihn auf das Paket fallen. Er schüttelte den Kopf. „Nicht mit dem Ding da, Leon.“

Leon schüttelte betrübt den Kopf. „Du wirst mich noch mal ins Grab bringen, Steinie Morrison“, flüsterte er.

Den ganzen Tag über waren die Umzugsleute in dem großen, komfortablen Haus Nr. 63, Tollington Park, London N4, ein- und ausgegangen. Der neue Eigentümer überwachte jeden ihrer Schritte und wies seine Familie an, ihnen nicht im Weg zu stehen. Es war fast

dunkel, als sie fertig waren und der älteste der vier Männer auf dem

Bürgersteig an ihn herantrat, die Mütze in der Hand.

„Das wärs dann, Sir. Alles fertig.“ Und er hustete laut.

Sein Auftraggeber blickte ihn an. „Warten Sie auf ein Trinkgeld?“

fragte er mit seinem abgehackten Lancashire-Akzent.

„Nun, Sir, ich …“

„Junger Mann“, begann er unmissverständlich, wenn auch unpräzise, denn der Umzugsmann war gut und gern fünfzehn Jahre älter als er, „ich bin Bezirksleiter der London und Manchester Industrial Assurance Company. Für diese Firma habe ich mehr als zwanzig Jahre gearbeitet. Und ich bin nicht dorthin gekommen, wo ich heute bin, indem ich Leuten wie Ihnen Geld nachgeworfen habe. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Vollkommen … Sir“, knurrte der Londoner und fuhr fort, den Inhalt eines Ascheimers auf die Türschwelle seines Auftraggebers zu kippen.

„Kommen Sie her!“, schrie der neue Eigentümer, dessen Akzent durch seine Verärgerung noch breiter wurde. Aber die Umzugsmänner waren mit ihrem Wagen bereits auf und davon und deckten ihn wegen der schlechten Behandlung mit Flüchen ein. „Was ist los, Fred?“ Seine Frau erschien in der Tür. „Nichts!“ Fred trat im Vorbeigehen gegen den Eimer. Vielleicht ein schlechtes Omen. „Kümmere dich um deine Angelegenheiten, Margaret. Und wo steckt dieses verrückte Hausmädchen?“ „Pst! Fred, sie kann dich hören!“ Margaret war ihres Gatten Mangel an Diskretion peinlich.

„Es ist mir egal, ob die ganze verdammte Straße mich hört. Ihr Bruder und ihr Vetter sitzen hinter Schloss und Riegel. Und es wird nicht lange dauern und sie wird ihnen Gesellschaft leisten!“ „Was ist los?“ Eine große, schlampig aussehende Frau kam um die Hausecke gewieselt.

„Aha, da sind Sie ja.“ Fred riss sich ein bisschen zusammen, weil ihm plötzlich einfiel, dass es notwendig war, in seinem neuen Heim Würde an den Tag zu legen. „Fegen Sie diesen Dreck zusammen“, knurrte er sie an.

Sie machte einen Knicks und fing an, die Asche mit den Fingern zusammenzukratzen.

„Sieh dir das an“, flüsterte er seiner Frau zu. „Total verrückt.“ Und er zog sie ins Haus.

„Nun, meine Liebe“ – die Floskel hing wie Eis in der Luft – „das ist es. Vierzehn Zimmer.“ Er schlenderte durch die Halle und nahm seine neue Behausung in Augenschein. „Das vordere Erdgeschoß werde ich in ein Büro umwandeln. Im Wintergarten kannst du ein paar Pflanzen ziehen. Das große Hinterzimmer oben werden wir aufteilen. Großvater William kann mit den Jungen die eine Hälfte haben – da fällt mir ein, ich muss ihre Miete auf sechs Schilling erhöhen. Die kleinen Burschen essen wie die Scheunendrescher. Die andere Hälfte können die Mädchen haben, zusammen mit dieser Irren.“ Er deutete auf das Hausmädchen, das sich immer noch auf der Schwelle abmühte. „Bleibt die zweite Etage. Vier Zimmer. Für die müssten wir ein paar Schilling kriegen. Und wir haben keinen Grund, damit zu warten. Ich werde morgen eine Anzeige in den Standard setzen lassen.“

Und er war ein Mann von Wort. Die Anzeige lautete: „Wohnung in der zweiten Etage zu vermieten. Vier geräumige Zimmer. Mit allem Komfort. Geeignet für alleinstehende Dame aus besseren Verhältnissen.“

Seine Frau war überrascht, dass er sich bei der Zeitung nicht über den Preis der Anzeige beklagte. Sie war unterzeichnet: „Anfragen an Mr. & Mrs. Frederick Seddon“.

An jenem Nachmittag schritten Mr. und Mrs. Rose durch die schweigenden Räume der National Gallery. Sie verstand wenig von Malerei, wohl aber ihr Gatte. Die meiste Zeit verbrachte sie damit, ihn hingerissen anzuschauen. Er war großgewachsen, fast hager, mit hohen Wangenknochen und trug einen prächtigen Schnurrbart wie ein respektabler Gentleman. Was sie wirklich fesselte, waren seine Augen.

Kalt, durchdringend, grau wie ein Schlachtkreuzer und beinahe hypnotisierend. Er lächelte sie von oben an, deutete hin und wieder auf ein Bild und sagte: „Ja, das gefällt mir. O ja. Rubens.“ „Tizian“, sagte ein vorüberschlendernder Aufseher. „Was Sie nicht sagen!“, sagte Mr. Rose mit zusammengebissenen Zähnen. Und scheuchte seine Frau weiter.

„George?“, fragte sie.

„Ja, mein Herz?“

„Du weißt, dass ich meine ganzen Ersparnisse bei der Post abgehoben habe?“

„Ja, mein Herz.“ Er lächelte gütig.

„Und dass ich die paar Staatspapiere verkauft habe, die ich zurückgelegt habe? Für schlechte Zeiten, weißt du?“

„Ja, mein Herz.“

„Und wann wirst du nun den Antiquitätenladen kaufen, von dem du gesprochen hast? Es ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, dass so viel Geld herumliegt. Ist es denn sicher?“

„Absolut sicher, Liebste“, sagte Mr. Rose. „Gefällt dir das Bild da?“ Er versuchte das Gespräch wieder auf bemalte Leinwand zu lenken.

„O ja. Von wem ist es?“

„Äh … von Rubens“, sagte Mr. Rose.

„Sie haben ’ne Menge Rubens hier, nicht wahr?“

„Ja, ich denke, irgendjemand hat sie im Ramsch gekauft. Sollen wir uns ein paar für unseren Antiquitätenladen besorgen, Liebste?“

„Ach, wie hübsch sich das anhört, George. Unser Antiquitätenladen. Das klingt hübsch.“

„Damit wird’s noch ein bisschen dauern, Sarah“, sagte er besänftigend und tätschelte ihre Hand. „Solche Dinge brauchen Zeit. Und wenn meine Tante Lucy, die Herzoginwitwe, wie ich dir sagte, mir etwas vermacht, werden wir eine Kette von Antiquitätenläden haben.“

„Ich will keine Kette, George“, seufzte Sarah Rose und blickte zu ihm auf. „Ich will bloß dich.“

Er beugte sich herab, um sie auf die Wange zu küssen. „Zunächst müssen wir ein paar Dinge für das Haus anschaffen. Ein neues Bad vielleicht?“

„Wie wärs mit einer von diesen Duschvorrichtungen. Sie sollen der letzte Schrei sein.“

„Neumodischer Kram“, bemerkte George. „Ich bin einer von der altmodischen Sorte, Liebste. Ich ziehe Badewannen vor.“

„Natürlich, Liebster“, lächelte sie. „Eine Badewanne ist das Richtige.“

„Da wir gerade davon sprechen“, sagte George, „ich muss mal wohin, meine Liebe.“ Er hüpfte von einem Bein aufs andere. „Hältst du bitte meinen Hut? Es wird nicht lange dauern.“ Und er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Sarah Rose, frisch verheiratet und zum ersten Mal in ihrem Leben unsterblich verliebt, wanderte durch die widerhallenden Räume und hielt den schimmernden Zylinder liebevoll in der Hand. George Rose, zum dritten Mal frisch verheiratet, nahm einen Bus nach Clapham und verkaufte die Möbel seiner Frau und ihre gesamte Habe.

Mrs. Rose hielt noch immer den Hut, als man sie zum Gehen aufforderte, da man jetzt schließen müsse. Nein, es befinde sich außer dem Personal niemand mehr im Gebäude. Nein, man habe die Toiletten überprüft. Leer. Der Gentleman müsse wohl weggerufen worden sein. Sarah Rose wanderte durch die Straßen, und Tränen liefen über ihre Wangen. Durch den Tränenschleier entzifferte sie zufällig den Namen im Schweißband. George musste versehentlich den falschen Hut erwischt haben. Der Namen lautete George Joseph Smith.

Es war kein guter Tag gewesen für Alfred Bowes. Seit fast zwei Stunden wartete er im Vorzimmer des Amtes für Transportwesen. Seine Füße taten weh und er fror, trotz aller Anstrengungen des Kohlenfeuers, dem schmucklosen Raum Wärme zu vermitteln. Das Klopfen eines Bleistifts an einem Schalter brachte ihn auf die Beine.

„Mr. Bowes?“, fragte der Beamte.

„Das bin ich.“ Bowes versuchte so heiter wie möglich zu klingen. Immerhin kam er aus Acton.

„Wie ich höre, haben Sie um eine Lizenz als Taxifahrer ersucht.“

„Ja, hab ich.“ Bowes richtete seinen Schlipsknoten.

„Ihr Antrag ist leider abgelehnt“, sagte der Beamte.

Bowes blinzelte. „Abgelehnt?“, wiederholte er.

„Abgelehnt.“ Der Beamte klappte unmissverständlich sein dickes

Buch zu.

„Warum?“ Bowes wurde ungehalten.

„Warum?“, wiederholte der Beamte. „Warum wohl ist es Ihnen unmöglich, Taxifahrer zu werden? Weil Sie nicht fahren können, Mr. Bowes. Sie haben die Prüfung nicht bestanden.“

„Niemand sonst muss eine Prüfung machen“, fauchte Bowes. „Privatpersonen nicht. Wenn ich das sagen darf, auch dieser Tag wird kommen. Doch wenn Sie mit einer Lizenz in London zu arbeiten wünschen, müssen Sie die Prüfer zufriedenstellen …“

„Was ist, wenn ich ohne Lizenz fahre?“ Bowes sah einen Weg aus dem Dickicht des Bürokratismus, das ihn umgab.

„Dann werden Sie festgenommen.“ Der Beamte war einerseits die Geduld selbst, andererseits fast eine Verkörperung des Bürokratismus.

„Von wem?“

Der Beamte blickte ihn an. „Von der Polizei“, sagte er, der festen Überzeugung, dass der abgewiesene Bewerber bestenfalls ein Schwachsinniger, schlimmstenfalls vielleicht gar ein Sozialist sei. „Es sollte mich nicht wundern, wenn Mr. Edward Henry das selbst besorgte. In diesem Gebäude war früher Scotland Yard untergebracht. Passen Sie auf, dass Sie sich nicht dort wiederfinden, wo er jetzt residiert.“

„Edward Henry? Wie nennt er sich denn in seinen eigenen vier Wänden?“ Der Mann aus Acton wurde frech. „Vermutlich Edward Henry. An seinem Arbeitsplatz jedoch ist er Assistant Commissioner der Metropolitan Police.“ „Ist er das?“ Bowes schien fassungslos. Den Beamten überraschte das nicht. „Na dann“, er ließ seine Faust auf den Schalter hinunterkrachen. „Der verdammte Mr. Edward Henry wird mich nicht daran hindern, eine Lizenz zu kriegen. Ich werde ihn stoppen. Sie werden sehen!“, brüllte er, als er an der Tür war. „Ich werd’s ihm zeigen!“

Der verdammte Mr. Edward Henry klapperte am folgenden Morgen zu seiner üblichen Zeit über das Kopfsteinpflaster von Scotland Yard. Wie immer pünktlich auf die Minute, strafte der kleine, braunhäutige Mann sein Alter Lügen und sprang und eilte die Treppe zum Seiteneingang hinauf. Eine Meute von Constables salutierte, eine gemütliche Plauderei brach plötzlich ab, und eine exakt bestimmte Abordnung beeilte sich, ihm die Tür zum Fahrstuhl zu öffnen.

„Heute Morgen nicht, Gentlemen. Mrs. Henry sagt, dass ich zunehme. Die Treppe.“

Und seinen Worten die Tat folgen lassend, sprang er, immer zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinauf. Das war nur gut, denn der Aufzug war an diesem Morgen von der moribunden Masse Superintendent Frank Froests okkupiert, der sich schwitzend bemühte, seinem Chef auf dem Weg ins Büro zuvorzukommen. „Wieder mal zu spät, Frank?“, war alles, was er hörte, als ein kleiner brauner Wirbelwind auf dem Treppenabsatz an ihm vorüberhuschte.

Froest schlug die verzierten Gittertüren hinter sich zu und sah sich einem sarkastischen Lächeln gegenüber, das, irgendwo zwischen einem Bowler und dem hochgestellten Kragen eines Donegal, durch den Flur auf ihn zukam.

„Nicht ein Wort, Lestrade“, knurrte Froest. „Nicht ein verdammtes Wort.“

Lestrade hob in gespielter Unterwerfung die Hände. „Frank“, sagte er, „ich wäre an Ihrer Stelle nicht so garstig. Immerhin sind Sie heute Mittag im Horse’s Collar dran, einen zu spendieren. Da möchte ich lieber nichts riskieren.“

„Wie meinen?“ Beide Männer sprachen, während sie aneinander vorbeigingen und sich voneinander entfernten. „Nichts. Es ist nur so, dass Sergeant Horner seit seiner Zeit als Grünschnabel beim Yard auf einen Drink von Ihnen wartet. Er wird morgen pensioniert.“ Lestrade war um eine Ecke verschwunden, als Froests Bowler durch die Luft zischte, nur um den erwähnten Sergeant ins Gebiss zu treffen.

Lestrade zielte stattdessen mit seinem Bowler auf einen Constable, ließ seinen Donegal folgen und brüllte: „Tee!“ Ein dampfender Becher besagten Gebräus erschien neben ihm, während er sich über einen Ablagekorb beugte, dessen Inhalt einen schwächeren Mann als ihn unter sich begraben hätte. Er blickte den Constable an. „Sind sie da?“, fragte er. „In Ihrem Vorzimmer, Sir.“

Lestrade starrte den jungen Burschen an. Hätte er dem alten Sprichwort über Polizisten, die jünger aussahen als man selbst, Glauben geschenkt, wäre er schon vor Jahren in Pension gegangen. Als er einen Blick auf die Formulare in dreifacher Ausfertigung warf, fragte er sich aufs Neue, warum er es nicht getan hatte. „Gut.“ Er griff nach seinem Becher, den Sprünge und Risse zierten.

Er war zwar Superintendent, doch eine richtige Porzellantasse bekamen nur die Commissioners und ihre Stellvertreter. Andererseits war eine Untertasse doch nur hinderlich. Sie passte nicht dazu, wenn man bohrte, Verdächtige befragte oder Schurken unter Druck setzte.

Lestrade hatte es zu etwas gebracht. Sein Büro lag in der dritten Etage, weit genug von der Fingerabdruckabteilung und den Quartieren der Sergeants im Erdgeschoß entfernt, vorausgesetzt natürlich, man ließ das verrückte Treiben der Special Branch im Dachgeschoß außer Acht. Lestrade war davon überzeugt, dass sie bis zur Dämmerung wie eine Kolonie von Fledermäusen zirpend an den Dachsparren hingen und ihren Untergebenen auf die Köpfe schissen.

„Gentlemen!“ Lestrade hatte eine Vorliebe für plötzliche Auftritte. „Nein, bleiben Sie sitzen. Das macht die Konzentration zunichte. Meine Güte. Wie ich unser Geplauder einmal im Monat liebe. Walter, Sie als erster, denke ich.“

Chief Inspector Walter Dew rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.

„Nicht viel, Sir“, sagte er. „Wir überwachen immer noch die Burschen im Hafengebiet, aber jetzt ist jeden Tag drüben bei den Blauen was los.“

„Lady Whitridge?“, fragte Lestrade.

„Oh, sie hat ausgepackt“, sagte Dew. „Verlangte, dass weitere dreiunddreißig Fälle von bewaffnetem Raubüberfall berücksichtigt werden.“

Lestrade schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. „Und bei ihr bloß vierundsechzig“, sagte er.

„Nun, das ist das Verblüffende“, sagte Dew. „Niemand rechnet damit.“

„Wie bei der Inquisition“, bemerkte der zweite Mann neben Lestrade.

„Ich denke, diese römisch-katholischen Analogien können wir aus dem Spiel lassen, Eli. Was gibt’s Neues?“

Inspector Elias Bower schlug seinen Aktendeckel auf. „Sehr wenig, Sir. Sieht so aus, als wär uns Ambrose durch die Lappen gegangen,

aber die Pinkertons werden ihn auf der anderen Seite in Empfang nehmen.“

„Auf der anderen Seite? Sie sind also ein Spiritualist wie die Katholiken?“

„Stellt euch vor“, gluckste der nächste. „Von den Pinkertons in Empfang genommen! Unsinn!“

„Heute Morgen sind wir großzügig, Alfred. Was haben Sie in der Sache der Belmont-Diamanten unternommen?“ „Ja …“ Alfred Ward wurde so rot, wie nur ein rotblonder Mann mit einem Schuldkomplex rot werden kann. „Ich fürchte, da haben wir wohl eine Niete gezogen, Sir.“

„Wir?“ Lestrades bissige Frotzelei stammte aus der Schule von Meiklejohn, McNaghten und Frost. Selbst „Dolly“ Williamson hatte anerkannt, wie viel er in seinen ersten Jahren Lestrade zu verdanken gehabt habe. Nur das alberne Geschmiere des guten Doktor Watson und Conan Doyle’s hatten den Eindruck vermittelt, Lestrade sei alles andere als ausgekocht. „Gewiss, Sir – ich.“

„Aha“, sagte Lestrade. „Der Pater war also …“

„Benito Garcia, wie Sie vermuteten.“

Zufrieden stellte Lestrade seinen leeren Becher ab.

„Und als letzter, aber auf gar keinen Fall zu vergessen, Sie, John“,

sagte Lestrade.

John Kane sagte zwei Worte, als ihn seine Kollegen auch schon niederbrüllten. „Theokratische Vereinigung.“

„Aber, aber.“ Lestrade hob die Hand. „Gentlemen, machen Sie sich nicht lustig über Verschwörungen. Schon gar nicht über religiöse. Eine von denen hätte mir vor ein paar Jahren fast den Hals gebrochen. Haben Sie etwas Neues über die Burschen, John?“ Kane seufzte. „Nein, Sir. Nichts.“

„Wäre vielleicht ein Fall für …“ Lestrade deutete fragend an die Zimmerdecke. „… für die da oben.“

Ein allgemeines unwilliges Gemurmel war die Antwort: „Gott behüte!“ „Nie und nimmer.“ „Keinesfalls.“

„Nun dann, Gentlemen.“ Lestrade fuhr über seine Nase und suchte wie gewöhnlich nach seiner fehlenden Nasenspitze. „Also ist alles ruhig? Sie versprachen mir ein friedliches Jahr, wie? Dieses Jahr des Herrn 1910? Hoffen wir, dass Sie recht haben.“

Es war kurz vor Mittag, und Lestrade hatte weniger als ein Drittel seines Papierkrams erledigt, als der Frieden des neuen Jahres zerstört wurde. Der Constable aus seinem Vorzimmer öffnete die Tür. „Eine Miss Bandicoot möchte Sie sprechen, Sir.“ Lestrade stand überrascht auf, als ein schüchternes Mädchen in weinrotem Samt in sein Büro eilte. Sie sah verschreckt aus, ihre grauen Augen hatten einen kummervollen Ausdruck, doch sie beherrschte sich, bis Lestrade den Constable entließ. Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, barg sie ihr Gesicht an Lestrades Schulter und schluchzte krampfartig. „Na, na“, tröstete er, streichelte ihr goldfarbenes Haar und ihre nassen Wangen. „Hier …“ Er fummelte ein Taschentuch hervor. „Jetzt mal tüchtig schnäuzen. Ja, so ist es recht. Constable!“, brüllte er, „eine Tasse Tee für Miss Bandicoot. Und eine für mich.“ „Sehr wohl, Sir.“

Lestrade verfrachtete Miss Bandicoot auf einen Stuhl, gegenüber dem Seinen. Er hob ihr Kinn hoch und lächelte in die riesigen, grauen Augen. Er blickte auf ihre Nase, die von der Januarkälte und vom Weinen gerötet war.

„Jedes Mal, wenn ich dich sehe, siehst du deiner Mutter ähnlicher“, sagte er. „Also“, wurde er wieder sachlich, „was ist los?“ „Oh, Papa.“ Miss Bandicoots Lippen zitterten, als sie mit den Worten kämpfte. „Es ist etwas Schreckliches passiert.“ „Verstehe“, sagte Lestrade. „Dann erzählst du mir besser alles.“

 

Die verschwundenen Jungen

So kam es, dass Superintendent Lestrade nicht dabei war, als im Horse’s Collar auf Frank Froests Rechnung getrunken wurde. Doch andererseits hatte er nicht viel versäumt. Die hartgesottenen Polizisten, die sich im Nebenzimmer des Lokals versammelt hatten, waren nämlich einhellig der Meinung, dass man vor einigen Jahren nicht Froest, sondern Lestrade die Leitung der Abteilung Schwerverbrechen hätte übertragen müssen. Doch die älteren unter ihnen wussten, dass Lestrade niemals der Liebling Edward Henrys gewesen war, und gerade in diesem Jahr des Herrn 1910 war das von Bedeutung. Man durfte nicht vergessen, dass da die merkwürdige Sache mit der Krönung des Königs gewesen war, der Lestrade, so wurde gemunkelt, seine Beförderung verdankte. Und Walter Dew die Seine. Doch keiner dieser beiden rangältesten Würdenträger, dieser Stützen der Gesellschaft, deren Arm so weit reichte, ließ sich ein Wort darüber entlocken.

Inspector Alfred Ward sog heftig an seiner Meerschaumpfeife und blies Kringel an die Decke. „Miss Bandicoot?“, fragte er.

„Das ist der Name, den sie nannte.“ Bower tauchte aus der Schaumkrone seines Biers auf. „Ein toller Feger, sagte der Diensthabende.“ „Zu Diensten, schöne Frau.“ Kane machte einen Kratzfuß. „Das reicht“, schalt Dew. Er war der Rangältere, ein alter Hase, der länger im Geschäft war als die Inspectors. Er und Lestrade hatten gemeinsam einen langen Weg zurückgelegt. Zwar war er jetzt selbst Chief Inspector, doch Lestrade war immer noch sein Chef. „Kommen Sie schon, Walter“, drängte ihn Ward. „Wer ist sie? Und wohin ist der Chef gegangen?“

„Wenn Sie’s unbedingt wissen wollen – sie ist seine Tochter.“ „Tochter?“

„Der Schlag soll mich treffen!“

„Jetzt hören Sie aber auf“, war Bowers Kommentar. „Ich wusste

nicht, dass der alte Lestrade verheiratet war.“

„Er ist Witwer“, sagte Dew. „Und damit haben wir für heute mehr

als genug getratscht, Gentlemen. Trinken wir auf Superintendent

Froest.“ Er hob sein Glas. „Möge er auch weiterhin so großzügig

sein.“ Und er leerte sein Glas.

„Wozu soll das alles gut sein?“, fragte Kane.

„Was?“

„Dass Frank eine Runde spendiert hat.“ „Oh, da wüsste ich eine Geschichte zu erzählen.“ „Über Lestrade wollen Sie uns nichts erzählen, aber es macht Ihnen nichts aus, über Froest herzuziehen?“, zog Kane ihn auf. „Das ist was anderes. Für Frank ist das ein besonderer Jahrestag. Ihr müsst wissen, es gab da mal eine Revuetänzerin …“ Und die Inspectors der alten Abteilung H steckten in den Rauchschwaden des Horse’s Collar die Köpfe zusammen, um Dews Geschichte von Mord, Körperverletzung, Gier und Wollust zu lauschen … bevor sie heftig und ausgiebig Pfefferminz „extra stark“ zu lutschen begannen, damit der Alkoholdunst während des Nachmittags nicht zu Mr. Henrys Büro hinaufstieg.

Der Superintendent und seine Tochter reisten mit dem Zug nach Westen bis Taunton und fuhren von dort mit einer Gig nach Huish Episcopi, seit der Eroberung der Landsitz der Bandicoots. Die Eroberung datierte aus dem Jahr 1791, als ein gewisser Alaric Bandicoot die damalige Lady des Herrenhauses, Eleanor Fitzmaurice, erobert hatte. Nicht dass Harry Bandicoot mit seinen Vorfahren geprotzt hätte. Die Familie seiner Frau hatte in der Tat blaues Blut, und Harrys Stammbaum ließ sich erst nach einiger Mühe im Debrett finden, und Burke’s wäre vielleicht angemessener gewesen. Es war ein klarer, kühler Abend, als der Polizist und seine Tochter unter den Sternen von Somerset ihr Ziel erreichten. Irgendwo bellten Hunde, und im Hause gingen die Lichter an. Ein großer, vierschrötiger Mann mit immer noch blondem, lockigem Haar und blitzenden blauen Augen wirbelte die Treppe hinunter, als wolle er Emma erdrücken.

„Emma, wo hast du gesteckt? Letitia und ich … Sholto?“

Der große Mann spähte in das Dunkel, um sicherzugehen. Er erblickte einen blässlichen, rattengesichtigen Mann mit dunklen, traurigen Augen, alten Narben, einem Walrossbart, inzwischen grau durchzogen, und einer Nase, der die Spitze fehlte. „Sholto! Sind Sie’s?“ Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und schlugen einander auf die Schultern, bis der Staub, der aus Lestrades Donegal aufstieg, ihnen zu viel wurde. „Was Sie brauchen, ist eine ordentliche Frau, Sholto“, lachte der größere Mann. „Nettles.“ Er wandte sich an einen wartenden Lakaien. „Bezahlen Sie diesen guten Mann“, sagte er und deutete auf den Kutscher des Einspänners, „und sagen Sie ihm, er könne sich wieder auf den Weg machen.“ Er legte einen Arm um Lestrade, als ihm das Mädchen einfiel, und er reichte Emma den Arm. „Also, Emma, als wir heute Morgen merkten, dass du fort warst, waren Tante Letitia und ich voll Sorge …“

„Seien Sie nicht zu streng mit ihr, Harry“, sagte Lestrade. „Sie hat richtig gehandelt, als sie zu mir kam.“ „Mein lieber Freund.“ Und Harry umarmte sie beide. Am oberen Ende der Treppe wurde Lestrade fast von einem uralten Bernhardiner umgeworfen, der ihn von früheren Besuchen kannte. Ein riesiges Tier, das auf eine sabbernde Art zutraulich, sich seiner eigenen Kraft aber gänzlich unbewusst war. Lestrade hatte nie zu jenen Männern gehört, die sich elegant aus der Affäre ziehen konnten, und so wurde er von einer feuchten, rauen Zunge getroffen, die seinen Bowler zu demolieren drohte, und erhielt zugleich einen lüsternen Stoß in die Kniekehlen, den ihm das Hinterteil des Tieres versetzte, sodass ihm nur noch eins übrigblieb: Er duckte sich und ließ sich unter dem massigen Leib hervorziehen. „Man sollte nicht glauben, dass er das immer noch drin hat, nicht wahr?“ Lestrade tat sein Bestes, um freundlich zu sein. „Tut mir leid, Sholto.“ Harry bürstete den Superintendenten ab. „Nettles, gießen Sie dem Hund einen Eimer Wasser über den Wanst. Emma, hole Tante Letitia. Wo steckt sie denn bloß?“ Lestrade wurde in die Große Halle geleitet. Die enormen Ausmaße der Wohnsitze des Landadels hatten ihn immer überwältigt, und die Erhöhung der Erbschaftssteuer seitens der Konservativen Partei hatte den strahlenden Glanz von Bandicoot Hall um kein Jota gemindert. Eine strahlende Lady im Samtkleid schritt die Treppe herab, um ihn zu begrüßen. Beide sprachen kein Wort, sondern umarmten sich bloß.

„Sholto“, sagte sie schließlich. „Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind.“ Und sie schluchzte still an seiner Schulter. Ein riesiges Glas Brandy verschwand unter Lestrades Schnurrbart, von seinem Gastgeber zum Empfang kredenzt. Letitia führte die protestierende Emma fort und ließ die Männer am krachenden Feuer des Tudor-Kamins zurück.

„Sie hat Ihnen natürlich alles erzählt?“ Harry starrte in die Flammen.

Lestrade nickte. „Nun hätte ich gern Ihre Version.“ „Nun, es ist schwierig, einen Anfang zu finden.“ Harry nahm in einem Ledersessel Platz und bot Lestrade einen zweiten an. „Warum nicht mit dem Anfang beginnen, Harry?“ Lestrade rieb den Rand seines Glases.

„Oh, macht ihr es beim Yard immer noch so?“, fragte Bandicoot. „Wir haben vielleicht jetzt eine Abteilung für Fingerabdrücke und eine Dunkelkammer, aber ein paar Dinge ändern sich nie.“ „Ganz recht. Es war Binky Hobsbaum, denke ich.“ „Hobsbaum?“

„Ein alter Schulkamerad. Wohnt nicht weit von hier in Charlton Mackrell. Stammt aus einer alten Seefahrerfamilie.“ „Wirklich? Hätte eher angenommen, Hobsbaum stamme von Miles End Road.“

„Aber, aber, Sholto, plebejischer Snobismus ist fehl am Platze. Einige von Etons berühmtesten Familien sind von ausgesuchter Herkunft. Rothschilds, Buchhalters, Gulbenkians …“ „Und Hobsbaums.“

„Binky hat eine Yacht, nun, eigentlich hat er drei. Eine davon liegt vor Minehead. Ich habe ihn kürzlich getroffen, und wir hatten Weihnachten so eine Art Familientreffen – nicht, dass das ein Fest wäre, von dem Binky Notiz nähme, natürlich nicht. Nun, eins kam zum anderen, und Binky lud uns zu einer Segelpartie ein. Nun, ich habe nichts gegen so eine altgriechische Seereise, aber irgendwas kam dazwischen, und Letitia und ich konnten nicht kommen. Emma war, wie Sie wissen, in der Schweiz, in Monsieur Petomaines Mädchenpensionat, also gingen die Jungen allein.“ „Rupert und Ivo? Niemand sonst?“

„Nein. Sie sind inzwischen siebzehn, Lestrade. Alt genug, um auf sich aufzupassen …“, Harry brach ab und starrte abermals ins Feuer, „… dachte ich jedenfalls.“ „Was passierte?“

„Es gab eine Art Unfall. Vorgestern. An Deck ein paar Grünschnäbel. Ein oder zwei Ältere dabei. In einer schweren See gab irgendwas in der Takelage nach und … Rupert und Ivo gingen über Bord. Desgleichen Holliday. Und Ballard Hook.“ „Was sind das für Leute?“

„Hook war in Eton, natürlich ein paar Jahre vor Rupert und Ivo. Er sprang als erster ins Wasser und versuchte, sie zu retten. Wäre er nicht gewesen … ja, dann wäre jetzt niemand übrig.“ „Er kam davon?“

„Ja. Schwimmt wie ein Fisch. Royal Navy, verstehen Sie?“ Lestrade verstand nicht. Die wenigen Seeleute, die er kannte, konnten gar nicht schwimmen. „Und Holliday?“

„Sie konnten seine Leiche nicht finden. Er war George Septimus Holliday, Rektor von Eton College. Zu Lebzeiten ein altes Ekel, doch jetzt kurz vor der Emeritierung und sehr distinguiert. Hatte als Wissenschaftler einen europäischen Ruf. In den Korridoren der Macht hatte man eine hohe Meinung von ihm.“ Lestrade wusste, dass er eines Tages herausfinden musste, wo diese Korridore waren. „Weiter.“

„Nein, ich meine das im Ernst.“ „Ich meine die Geschichte.“

„Oh, verstehe.“ Bandicoot füllte Lestrades Glas nach. „Wie es scheint, hatten sie schwere See. Binky war am Ruder und hatte alle Hände voll zu tun, das Schiff vor dem Wind zu halten. Man fürchtete, alle seien ertrunken. Kein Körper zu sehen. Dann, als sie die Spitze bei der Parrett-Flussmündung umrundeten, sahen sie in der Gischt zwei Gestalten, die sich verzweifelt aneinanderklammerten. Ivo und Hook.“ „Ivo?“

Bandicoot blickte seinen alten Chef an. „Wir glauben es. Letitia sagt, sie sei sicher.“ „Und Sie?“ „Ach, Sholto.“ Bandicoot schritt auf und ab. „Meine Jungen sind so gut wie Zwillinge. Rupert wurde eine halbe Stunde vor Ivo geboren. Ein Vater ist seinen Söhnen nie so nahe wie eine Mutter. Sie hatten verschiedene Gewohnheiten und Eigenarten, aber Ivo …“ „Ich weiß, Emma hat’s mir erzählt – der Schlag gegen den Kopf.“ „Der Arzt sagt, dass er mehrere Male gegen die Felsen geschmettert wurde. Er kann von Glück sagen, dass er lebt. Wir müssen dankbar sein.“ Und er leerte rasch sein Glas, darauf bedacht, dass Lestrade sein Gesicht nicht sah. „Holliday?“

„Sie haben es gewiss in der Zeitung gelesen“, schniefte Bandicoot. „Sein Leichnam wurde gestern bei Parrett an Land gespült.“ Schweigen. „Und Rupert?“

Bandicoot schüttelte den Kopf. „Es war sehr lieb von Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich war wütend über Emma, als sie so einfach fortlief …“

„Sie glaubt nicht, dass es ein Unfall war, Harry“, sagte Lestrade.

„Was?“ Bandicoot sah auf.

„Sie glaubt, jemand wünschte Ruperts Tod.“

Bandicoot raffte sein letztes bisschen Verstand zusammen. „Das ist

doch absurd“, stotterte er schließlich. „Er war erst siebzehn Jahre

alt.“

„Der Schwarze Prinz hat sich seine Sporen schon mit vierzehn verdient.“ Lestrade förderte die Fragmente seiner Bildung aus längst vergangenen Tagen auf der Schule von Blackheath zutage. „Ihn müssen ein paar tausend Franzosen gehasst haben.“ „Sie glauben, dass die Franzosen hinter allem stecken?“ Bandicoot war völlig verwirrt.

„Nein, Harry, das nicht.“ Lestrade tätschelte seinen Arm. „Ich weiß nur, dass, als meine Sarah starb, zwei der liebsten Freunde, die ich auf der Welt habe, alles, was von ihr geblieben war, zu sich nahmen, die kleine Emma. Sie haben sie zu einer feinen Dame erzogen, Harry. Sie und Letitia. Das mindeste, was ich tun kann, ist, jetzt ein wenig von dieser Freundlichkeit zurückzugeben. Kann ich Ivo sehen?“

Bandicoot nickte, und die beiden Männer stiegen die Treppe hinauf.

Ivo Bandicoot saß dicht am Kamin, seine Mutter neben ihm. „Ivo“, flüsterte sie. „Da ist …“

Lestrade gebot ihr mit einer Handbewegung zu schweigen. Er nahm die Petroleumlampe vom Nachttisch und näherte sein Gesicht dem des Jungen.

„Hallo, Ivo“, sagte er. „Wie geht es dir?“

„Gut, Sir“, sagte der Junge. „Von den Kopfschmerzen abgesehen.“

Lestrade bemerkte den Verband und den geistesabwesenden Ausdruck in den großen Augen. Er kannte diesen Jungen, seit Ivo ein Baby gewesen war. Es kam ihm merkwürdig vor, ihn so still und leblos zu sehen. Er machte Harry und Letitia ein Zeichen und schickte sie aus dem Zimmer. Dann blickte er dem Jungen in die Augen.

„Kennst du mich, Ivo?“, fragte er.

Der junge Bandicoot beugte sich angestrengt vor, als rühre sich irgendwo in der Ferne eine Erinnerung. Dann verschwand sie wieder, und er sackte in den Sessel zurück. „Nein, Sir“, sagte er.

Lestrade wühlte in seinen Taschen und zog ein Paar Handschellen heraus. Er trug sie gewohnheitsmäßig bei sich, wenngleich er sich inzwischen aufgrund seines Alters und Ranges gezwungen sah, mehr Zeit hinter dem Schreibtisch zu verbringen, als ihm lieb war. Sie erinnerten ihn an die Straßen, in denen er sich wirklich zu Hause fühlte. Sie sahen genauso aus wie jenes Paar, das er vor Jahren den Bandicoot-Jungen geschenkt hatte, und manches Mal dachte er an die fröhliche Stunde, die er im Obstgarten, an einen Apfelbaum gekettet, verbracht hatte; immer wieder rief er und bat, ihn loszumachen, doch Emma und die Jungen hatten ihn vergessen und waren fischen gegangen.

Abermals schien es Ivo zu dämmern. „Sie sind ein Polizist!“, rief er.

Lestrade lächelte. „Die richtigen Schlüsse kannst du also immer noch ziehen. Das ist gut. Der verstorbene Mr. Sherlock Holmes wäre stolz auf dich gewesen.“ „Sherlock Holmes? Der große Detektiv?“

„Ja, der große Detektiv.“ Lestrade verzog das Gesicht. „Ich bin natürlich tief verletzt, dass du dich an ihn erinnerst – an einen Mann, der schon tot war, als du geboren wurdest – und dass dein alter Onkel Sholto dir gleichgültig ist.“

„Sholto? Onkel Sholto?“ Ivos Gesicht erhellte sich. „Das tut mir leid. Das wird eine Weile brauchen. Vater hat so oft von Sherlock Holmes gesprochen. Es scheint, dass ich mich an die entfernten Dinge erinnern kann. Bloß an die naheliegenden kann ich mich überhaupt nicht …“

„Ich weiß“, sagte Lestrade und klopfte ihm auf die Schulter, „an den Unfall …“

„Ich hab’s versucht, Onkel Sholto, wirklich. Ich erinnere mich, dass mir kalt war. Es war dunkel, und ich war müde … schrecklich, schrecklich müde. Seit es passiert ist, habe ich mir so viele Male darüber den Kopf zerbrochen, mit Mutter, Vater, Emma und allein. Sie haben mir gesagt, Rupert sei tot. Ist das wahr, Onkel Sholto?“ Lestrade blickte dem Jungen fest in die Augen. Diese Rolle hatte er viele Male gespielt. Wie kam es bloß, dass der Tod erst wirklich wurde, wenn ein Polizist ihn bestätigte? „Ja, Ivo“, sagte Lestrade. „Ich fürchte, dass es so ist.“ Ivo starrte ausdruckslos ins Feuer.

„Nun“, sagte Lestrade sich losreißend, „es ist spät geworden. Du brauchst deinen Schlaf. Wir werden morgen früh weiterreden.“ Doch am nächsten Morgen sah er Ivo nicht. Stattdessen zwängte sich der Superintendent, angetan mit Harrys Autopelz und Handschuhen, in den Beifahrersitz von Harrys ‚Silver Ghost‘, mehr dem inständigen Drängen Emmas als seinem eigenen Verstand folgend, und vertraute sich zähneknirschend den Fahrkünsten seiner Tochter an. Es war eine Höllenfahrt, und als sie Bridgewater erreichten, hatte Lestrade mit dem Leben abgeschlossen. Sie ratterten und donnerten durch die winterliche Landschaft, sausten an zugefrorenen Ententeichen vorbei, unter öden, kahlen Bäumen hindurch, bis sie schließlich mit quietschenden Bremsen in den gewundenen Gassen des kleinen Dorfes Lilstock zum Stehen kamen. Emma zog die Bremse an und sprang auf die Straße. Lestrade, der in ihrem Kielwasser vorwärtstappte, versuchte zu vermeiden, dass sein Pelzwerk durch die Eislachen schleifte.

„Nach dem, was Ballard uns sagte“, meinte Emma, „muss es da drüben, vor Blue Ben, gewesen sein, wo Binkys Boot in Schwierigkeiten kam.“

Lestrade starrte durch die Gläser seiner Schutzbrille auf das große, graue, ruhelose Meer.

„Die Flut hätte eingesetzt, sagte Ballard, und trieb sie an der Küste entlang auf diese schlammigen Untiefen zu. Ballard fürchtete, sie könnten bei Gore Sand auf Grund laufen – das ist die Sandbank da drüben.“

Lestrade lächelte seine Tochter an. Obgleich sie sein Fleisch und Blut war, kannte er sie überhaupt nicht. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie von den Bandicoots aufgezogen worden, und seit ihrem siebten Lebensjahr hatte sie diese als ihre wirklichen Eltern betrachtet. Er hatte noch immer Zweifel, ob er ihr die Wahrheit hätte sagen sollen. Aber das Leben eines Polizisten machte es schwer, allein ein Kind aufzuziehen. Emma war in der Obhut der Bandicoots und Monsieur Le Petomaines gewesen. Bis jetzt, wo der knapp vermiedene Schiffbruch von Binkys Boot ihr Leben zu zerstören drohte. „Wo sind nach Ballards Meinung die Jungen über Bord gespült worden?“, fragte er sie.

„Hinter der Landzunge, bei Hinkley Point.“ Sie deutete auf die niedrigen, grasigen Klippen zu ihrer Rechten. „Wie weit?“

„Etwa zwei Meilen, denke ich“, sagte sie.

„In Ordnung, mein Schatz, zurück zum Wagen. Aber, Emma, gemach, wenn ich bitten darf. Dein alter Vater ist nicht mehr so jung wie er mal war. Ich möchte meine Pension genießen.“ Sie puffte mit ihrem Muff sein gefrorenes Ohr, und er hörte fast, wie der Eiszapfen herunterfiel. Er zog seine Schutzbrille herunter, damit sie nicht sehen konnte, dass er die Augen schloss, und sie donnerten los, dem Meeresarm entgegen.

„Warte hier“, sagte er zu ihr. „Es ist nicht nötig, dass wir beide runtersteigen.“

„Sei vorsichtig, Papa. Was suchst du denn?“, rief sie ihm nach. „Ein paar Piaster!“, schrie er zurück, als er die bröckeligen Klippen aus rotem Sandstein herunterkrabbelte. Als er unten ankam, war Ebbe. Solch heftige Winde waren ihm neu, die durch die Klappen von Harrys Automütze pfiffen, und es dauerte eine Weile, bis er einen Mann rufen hörte.

„Was zum Teufel machen Sie da?“ Eine vierschrötige, kleine Gestalt, in Ölzeug gehüllt, schlidderte wie ein Krebs über den Sand.

„Ich geh bloß ein bisschen spazieren“, sagte Lestrade.

„In einer Minute könn’ Se versoffen sein“, sagte der Ölzeug-Mann.

„Seh’n Se das?“ Er deutete zu Boden.

Da er offenbar dem Dorftrottel gegenüberstand, beschloss Lestrade, die Sache heiter zu nehmen. „Ja“, sagte er. „Was iss ’n das?“

„Sand?“ Schließlich hatte Lestrade den Vorteil, auf der Penne von Blackheath und 34 Jahre beim Yard gewesen zu sein. „Schlamm“, korrigierte ihn der Idiot. „Hab schon viele Männer drin versaufen sehn. Iss ’n schrecklicher, abscheulicher Tod das.“ Plötzlich begriff Lestrade, dass dieser Mann alles andere als ein Idiot war, bevor dessen nächste Bemerkung die Sache wieder unklar machte. „Seh’n Se das?“, fragte er.

„Die Landzunge?“ Lestrade war stolz auf sein Anpassungsvermögen.

„Das iss Brean Down“, sagte er.

„Aha“, bemerkte Lestrade, als sei ihm das Geheimnis des Universums enthüllt worden. „Sie sind von dem Verein, nich?“

„Verein?“ Lestrade roch Verschwörungen, als er dieses Wort hörte.

„Dieser Verein, wo Vögel schützen will.“ „Nein, ich …“

„Ja, wo den Meeresarm haben will. Soll ’n Vogelgebiet werden, der River Parrett und alles.“ Und er tanzte wie ein Vogel über den Schlamm.

Lestrade beschloss, es sei das Beste, das Thema zu wechseln. „Wie tief ist der Schlick?“, fragte er.

„Wer weiß? Tät mich nich wundern, wenn er bis zur Hölle reicht. Warum wollt ihr Vogelleute denn da raus?“ „Ah … nach Nestern gucken.“ Am Meer war Lestrade hilflos. „Nester?“ Der Mann im Ölzeug blickte ungläubig. „Sie sind ja bekloppter als ich dachte. Iss Januar. Gibt im Januar keine Nester.“ „Nein, nein.“ Lestrade versuchte sich herauszureden. „Im Januar nicht. Ich bin hier, um … alles vorzubereiten … für Februar.“ Es trat eine Stille ein. Lestrade hoffte, den richtigen Monat getroffen zu haben, und der Mann im Ölzeug fragte sich, von wo Lestrade entsprungen sein mochte.

„Dann brauchen Sie mein Pferd“, sagte er.

„Pferd?“ Lestrade suchte den Strand nach dem Tier ab. „Nein, ich glaube, zu Fuß fühle ich mich sicherer.“

„Hab Ihnen doch gesagt, dass Sie versaufen würden“, fauchte der Mann. „Schneller, als Sie gucken können.“

Und er zog unter einem kieloben am Strand liegenden Ruderboot einen hölzernen Rahmen mit Seilen und Drähten hervor. „Iss ’n Watt-Pferd.“ Er stemmte seine Ellenbogen in die seitlichen Stützen. „Da halten Sie sich dran fest. Wenn Sie’s loslassen, iss das das Letzte, was Sie tun. Und nich zu lange draußen bleiben. Die Flut kommt.“

Und der Ölzeug-Mann verschwand brabbelnd über dem Sandsteingrat in den Wind. Lestrade prüfte vorsichtig das Watt-Pferd und nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er seine Ellenbogen in die Halterungen stemmte. Vor ihm lag ein klobiger Hummerkorb, und das ganze Gerät stank wie Billingsgate im Hochsommer. Sonderbar, es gab ihm ein heimatliches Gefühl. Er stieß sich vom trockenen Sand ab und marschierte auf die Sandbank los, die Emma Gore Sand genannt hatte. Er wusste eigentlich überhaupt nicht, wonach er suchte. Vielleicht gab es irgendeine Spur. Irgendwas Greifbares, das mit Ruperts Leichnam zu tun hatte. Mit jedem Schritt wurde es schwerer, als der saugende Schlamm an seinen Fersen, Knöcheln und Waden zerrte. Harrys schwerer Pelz drohte ihn noch tiefer einsinken zu lassen. Er hatte weniger als die Hälfte der Strecke bis zur Sandbank zurückgelegt, als ihm das Entsetzliche seiner Lage ganz bewusst wurde. Wie der Ölzeug-Mann vorausgesagt hatte, begann die Flut in der Tat aufzulaufen, und zu seiner Linken und Rechten schoss die eisige Gischt an den Stert-Untiefen entlang. Er drehte sein Watt-Pferd herum, um zurückzukehren, doch das verdammte Ding stak fest im Schlamm. Eine halbe Meile entfernt sah er den winzigen Fleck: Emma, die wie eine Verrückte winkte. Er sah, wie sie Klippen hinuntereilte, um ihm zu Hilfe zu kommen, und brüllte ihr zu, stehenzubleiben, doch er wusste, dass der Wind seine Stimme verschluckte. Voller Verzweiflung ließ er das Watt-Pferd zurück und watete weiter. Ein Schritt, zwei. Es war, als bewege er sich durch Melasse. Beim dritten Schritt versackte er bis zu den Hüften in der glitschigen Masse.

Die Stationen seines Lebens tanzten vor seinen Augen. Der Baker-

Fall, der Knutt-Fall, alles flutete vorbei. Und er wünschte, er hätte das Wort „fluten“ vermieden. Die Gischt brauste um seine Hüften, während er sich drehte und zappelte. Ruhig bleiben, sagte er sich. Bleib ruhig. Was würde Frank Froest in dieser Situation tun? Ersaufen, weil er zu fett war. Edward Henry? Höchstwahrscheinlich würde er die Fingerabdrücke eines vorüberfahrenden Schiffes nehmen. Keine Hilfe weit und breit. Was war mit Harry Bandicoot? Und während er die Liste seiner Freunde und Kollegen überflog, ergriff Emmas Hand die seine. „Los, Papa, zieh!“

„Emma, verschwinde“, bellte er, als die Gischt seine Achselhöhlen peitschte. „Wie, um Gottes willen, bist du hergekommen?“ „Ich bin leichter als du. Kannst du den Mantel loswerden?“ Sie half ihm, sich von dem schweren Pelz zu befreien. „Das wird mir Onkel Harry nie verzeihen.“

„Er wird mir nie verzeihen, wenn ich meinen Vater ertrinken lasse“, rief sie.

„Festhalten.“ Von irgendwo hatte sich Emma ein starkes Seil beschafft, das sie um Lestrades Körper schlang.

„Woher hast du das?“, keuchte er, während er die Wirkung der Kälte zu spüren begann.

„Gehört zur Grundausstattung eines Autos“, knurrte sie, während sie einen jener akkuraten Knoten machte, die nach Meinung von Monsieur Le Petomaine ein charakteristisches Merkmal der Erziehung einer jungen Dame darstellten. „Warte hier.“ „Verlass dich drauf, dass ich nirgendwo hingehen werde, Emma“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Um Himmels willen, mach, dass du zum Strand zurückkommst.“

„Nicht ohne dich, Papa. Nun sei still und spare deine Kräfte.“ Lestrades Mund öffnete sich, und die Brandung spülte hinein. Emma verschwand hinter ihm, und er erkannte, dass er nicht einmal mehr den Kopf drehen konnte. Minutenlang tauchte er unter, doch sie war wieder da und mühte sich mit schmerzenden Beinen ab, das Watt-Pferd zu bewegen. Als sie daran zerrte, glitt das Gerät durch das schäumende Wasser, und das Seil straffte sich. „Ein bisschen Hilfe wäre nicht schlecht“, keuchte sie nach Atem ringend. Mit einem schmatzenden, ploppenden Geräusch verschwanden Lestrades Kopf, Mütze und Brille im Schlamm. Im nächsten Augenblick tauchte er wieder auf, und der Sog der Flutwelle zog alles nach vorn: das Watt-Pferd auf einem Wellenkamm, Emma, die sich mit den Beinen eingehängt hatte, um den Zug zu vermindern, und Lestrade, der wie eine Schildkröte am Haken durch den Sog mitgerissen wurde, um sich schlagend und keuchend, als er Wasser ausspie.

Als die Welle sie auf den trockeneren Schlamm schleuderte, brachen der Superintendent und seine Tochter auf dem Watt-Pferd in einem graugrünen Haufen zusammen, lachend zwischen Husten und Spucken.

„Emma“, sagte er, „du bist ein bemerkenswertes Mädchen. Du hast deinen alten Vater gerade vor einem Schicksal bewahrt, das schlimmer ist als der Tod.“

„Gibt es ein schlimmeres Schicksal als den Tod?“ Sie wurde plötzlich ernst.

„O ja“, sagte er und wischte den Schlamm von seiner Brille. „Da oben zu sein“, und er deutete zum Himmel, „und zuzuhören, wie Frank Froest und Walter Dew sich über mein Hinscheiden kaputtlachen. Komm, ich werde eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen müssen, um Onkel Harry einen neuen Mantel zu kaufen.“

Nachdem Lestrade gebadet und einige Terrinen von Letitias Kraftbrühe geleert hatte, griff er nochmals auf Bandicoots Kleiderschrank zurück. Diesmal entlieh er eine Smoking-Jacke und eine mit Quasten geschmückte Mütze mit dem feierlichen Versprechen, er werde darin nicht zum Krabbenfischen gehen, und wärmte seine Rückseite gemütlich am Kaminfeuer in Harrys Bibliothek. „Lieutenant Hook, Mr. Bandicoot.“ Harrys Diener meldete den Gast.

„Ballard, lieber Junge.“ Harry schüttelte dem Mann die Hand. „Mr. Bandicoot.“ Lieutenant Hook war ein Bild von einem Mann, so groß wie Bandicoot, doch in der Uniform der Königlichen Marine ein wenig schlanker.

„Darf ich Sie mit einem alten Freund bekannt machen, Superintendent Sholto Lestrade?“

„Lestrade vom Yard?“ Hook ergriff Lestrades Hand. Der Superintendent verbeugte sich.

„Eine Ehre, Sir. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Superintendent.“ „Haben Sie sich durch Harrys übertriebene Geschichten nicht gelangweilt gefühlt?“, fragte Lestrade.

„Gelangweilt, nein. Übertrieben – ich bezweifle das“, sagte Hook, „obwohl ich als Junge Ihr Bild im Strand Magazine im Allgemeinen ein wenig verzerrt fand.“

„Aha“, sagte Lestrade. „Ein Mann mit Durchblick.“ „Ballard, Brandy?“, fragte Bandicoot. „Danke, ja, Sir.“

„Sind Sie auf Urlaub, Mr. Hook?“, fragte Lestrade. „Mein Schiff wird in Plymouth überholt, Sir“, sagte Hook, „aber ich habe andere Verpflichtungen und muss morgen wieder fort. Ich kam vorbei, um mich nach Ivos Befinden zu erkundigen.“ „Es geht ihm allmählich besser“, sagte Bandicoot. „Ich hörte, Sie haben ihm das Leben gerettet?“, fragte ihn Lestrade.

„Ich tat, was ich konnte“, erwiderte Hook. „Sie wissen, wie tückisch dieser Teil der Küste sein kann.“

„Ich habe Ballard erzählt, was heute Nachmittag passiert ist, Papa.“ Emma kam hereingeschwebt, ein hinreißender Anblick im Schein des Kaminfeuers. Sie hakte sich beim Lieutenant ein. Lestrade hatte keine Ahnung, dass Hook bei seiner Tochter vor Anker gegangen war. Das war für ihn eine neue Erfahrung. Natürlich fragte er sich flüchtig, wer diesen jungen Mann fragen würde, ob er ernste Absichten habe – er oder Harry.

„Sie haben Glück gehabt, dass Sie mit dem Leben davongekommen sind, Sir“, sagte Hook.

„Glück hat dabei keine Rolle gespielt.“ Lestrade tätschelte den Arm seiner Tochter.

„Noch einen Brandy, Ballard? Der Arm des Yard ist weit.“

Das war vermutlich ein Scherz, der mit dem Yard und dem Arm des

Gesetzes zusammenhing, doch niemand verstand ihn.

„Was hofften Sie auf den Stert-Untiefen zu finden, Mr. Lestrade?“,

fragte Hook.

Lestrade seufzte. „Ich weiß es nicht. Irgendwas …“ „Gentlemen, Emma.“ Hook verkündete mit ernstem Gesicht: „Ich fürchte, wir alle müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen. Rupert ist tot. Nichts bringt ihn mehr zurück.“

Emma barg ihr Gesicht an Hooks Schulter. Harry und Lestrade blickten sich an. Für keinen war es eine Enthüllung.

Am nächsten Morgen brachte Emma ihren Vater zum Bahnhof nach Taunton. Ivo ging es ein bisschen besser. Letitia hatte sich einigermaßen erholt, und Frühling schien in der Luft zu liegen. „Papa.“ Sie hielt seine Hand, als der Zug pfeifend und prustend auf Bahnsteig 3 einlief. „Ich … ich mag Ballard Hook sehr gern.“ „Das habe ich gesehen“, sagte Lestrade.

„Ich halte große Stücke auf ihn, doch in einem Punkt irrt er sich. Ich glaube, dass Rupert noch lebt, Papa. Und ich glaube nicht, dass das, was auf Binkys Yacht passierte, ein Unfall war. Glaubst du’s?“ „Hör mal, Emma …“, fing er an.

Sie legte ihm ihre Finger auf die Lippen. „Ich weiß. Ich bin ein albernes Mädchen, das nicht weiß, wovon es spricht. Aber ich bin Lestrades Tochter. Und etwas ist faul an dieser ganzen Sache.“ Die Flagge und die Trillerpfeife des Stationsvorstehers beendeten ihre Unterhaltung. Ihre Hände lösten sich voneinander. Sie warf ihm eine Kusshand zu. Er versprach zu schreiben; etwas, das nicht gerade seine Stärke war.

Er saß im Abteil und starrte auf ein Plakat mit der Aufschrift ‚Kommen Sie ins sonnige Minehead‘. Für Emma Bandicoot-Lestrade war also an der Sache etwas faul. Sei’s drum. Er würde die Augen offenhalten, weiter schuften, seinen Finger am Puls und an anderen Teilen seiner Anatomie, die da waren, wo sie hingehörten. Mit siebenundfünfzig Jahren ließ sich wohl kaum noch etwas anderes mit ihnen anfangen.


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M. J. Trow stammt aus Wales, studierte Geschichte am Londoner King’s College und ist bekennender Fan des viktorianischen Zeitalters. Er verfasste spannende und humorvolle Kriminalgeschichten um Inspektor Lestrade, der in den Geschichten von Arthur Conan Doyle oft mit seinem Zeitgenossen Sherlock Holmes aneinandergerät.

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