Halt die Wolken fest

Verhandlungssache

Harper fand ihren Vater auf der Terrasse beim Pool, wo er den Börsenbericht in der Zeitung studierte.

„Ta-daa!“ Harper knallte die Mappe vor ihn auf den Tisch. Die Eiswürfel in seinem Glas klirrten.

Anderson Kelly knickte am Rand der Zeitung herunter und lugte darüber.

„Ist das das Bonham-Geschäft?“

„Du hast es erfasst.“ Harper drückte ihrem Vater zwei Küsse auf die Wangen und setzte sich zu ihm.

„Die Unterschrift hat mich Nerven gekostet. Bonham ist ein echter Stinkstiefel. Ich kam mir vor wie ein Little League Trainer in Gehaltsverhandlungen mit einem Major League Baseball-Profi. Der Typ hat mich überhaupt nicht ernst genommen.“

„Tja, da hat er sich aber verschätzt. Du kennst das Business besser als der alte Wichtigtuer.“

„Ich habe von den Besten gelernt.“ Harper zwinkerte ihrem Vater zu.

„Danke, Krümel. Das sind jedenfalls großartige Nachrichten. Gratuliere.“ Harper zog einen Schmollmund. Sie hasste diesen Spitznamen. Ihr Vater lachte.

„Harper, ich bin stolz auf dich. Du bist wirklich reif für den Chefsessel.“

Mr Kelly legte die Zeitung beiseite, griff nach der Mappe und blätterte in den Vertragsunterlagen. Nach einer Weile runzelte er die Stirn.

„Sechs Wochen, Harper?“ Er sah auf und fixierte seine Tochter. „Du weißt, dass wir für einen Auftrag in dem Umfang definitiv länger brauchen.“

„Was sollte ich machen? Er war nicht davon abzubringen. Tja, Missy. Da werden wir aber noch an der Terminschraube drehen müssen. Die Konkurrenz garantiert mir Lieferung binnen sechs Wochen. Die Missy hätte nicht übel Lust gehabt, ihm sein blödes Grinsen aus dem Gesicht zu treten. Aber das Geschäft ist zu verlockend, um es an die Konkurrenz zu verlieren.“

Der Ärger auf Bonham und seine herablassende Art brodelte wieder an die Oberfläche und mischte sich mit Enttäuschung über die Reaktion ihres Vaters.

„Ich weiß, die Konkurrenz kriegt das nur hin, weil die bei der Fertigung schludern und bei der Montage sparen. Aber bitteschön, wenn der Typ Pfusch will, soll er eben Pfusch kriegen“, fauchte Harper.

„Harper!“, donnerte Mr Kelly. Er knallte die Mappe zurück auf den Tisch und stieß dabei beinahe den Eistee um. „So fangen wir gar nicht erst an. Wir liefern gleichbleibende Qualität. Bei uns muss niemand Angst haben, dass ihm die Leinwand bei einem kräftigen Wind auf die Bühne kracht.“

Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und rieb sich den Nacken.

„Wenn wir den Auftrag in sechs Wochen durchprügeln wollen, müsste ich Corey und Jean den Urlaub streichen.“

„Wir können später liefern. Der Vertrag lässt mir genug Spielraum.“ Harper verschränkte die Arme vor der Brust. „Rechtlich kann Bonham mir gar nichts.“

Es war ihrem Vater anzusehen, dass er alles andere als glücklich war. Seine Halsmuskeln traten deutlich hervor und seine Kiefer mahlten.

„Gut, dann liefern wir eben in sechs Wochen. Das ist machbar. Wenn Bonham Schnelligkeit wichtiger ist als ordentliche Arbeit …“

„Wenn Bonham schnell und billig will, soll er sich sein Geld in die Haare schmieren und zur Konkurrenz gehen!“, brummte ihr Vater. „Der Name Kelly steht für Qualität. Man kann nur zwei aus drei haben. Das ist Projektmanagement für Anfänger, das muss ich dir doch wohl nicht noch erklären. Qualität geht entweder teuer und schnell oder günstig – dann dauert es halt länger.“

„Ich weiß.“ Harper reckte trotzig das Kinn nach vorne. „Wer so unmögliche Forderungen stellt, will doch quasi beschissen werden.“

„Harper!“ Die Adern an Mr Kellys Schläfen pochten gefährlich. „An unserem guten Ruf habe ich über dreißig Jahre hart gearbeitet. Du wirst ihn nicht aufs Spiel setzen, nur um auf Biegen und Brechen einen Deal abzuschließen! Völlig gleich, wie viel Spielraum dir der Vertrag gibt. Du hast Bonham dein Wort gegeben. Dein Wort und ein Handschlag müssen mehr wert sein als jeder Vertrag.“

„Dad, Bonham ist glitschig wie ein Aal. Wenn es umgekehrt wäre, würde ich nicht die Bohne auf sein Wort geben.“

„Ein finanzieller Bankrott wäre mir allemal lieber als ein moralischer Ausverkauf, Harper. Das mag gegen den Zeitgeist sein, aber das ist mir egal. Es gibt noch genug Leute, die Verlässlichkeit und Qualität zu schätzen wissen.“

Mr Kelly zog die Augenbrauen zusammen und sah seine Tochter scharf an. „Vielleicht irre ich mich und du bist doch noch nicht reif, das Ruder zu übernehmen.“

„Dad! Mom reißt mir den Kopf ab, wenn du weitermachst.“ Harper wusste, wie erleichtert ihre Mutter gewesen war, als ihr Vater nach dem Herzinfarkt die Geschäftsleitung vorübergehend an seinen Stellvertreter Eli Bergstein abgegeben hatte.

„Eli macht seine Sache gut und er hat mein Vertrauen. Er kann den Laden auch noch ein paar Jahre weiter schmeißen, bis du wirklich bereit bist.“ Anderson Kelly zuckte mit den Schultern.

„Aber ich bin bereit!“ Harper sprang auf. „Vielleicht bin ich nicht perfekt, so wie du es gerne hättest, aber ich bin definitiv bereit.“

„Hör zu, Harper. Natürlich hoffe ich, dass der Betrieb in Familienhand bleibt. Zeig mir einfach, dass du verinnerlicht hast, wofür wir stehen. Ansonsten habe ich auch kein Problem damit, Eli die Geschäftsleitung dauerhaft zu übertragen.“ Harpers Vater schob die Mappe mit den Vertragsunterlagen über den Tisch. „Die Bonham-Sache bügelst du selbst aus. Außerdem wirst du Corey und Jean anrufen und ihnen die frohe Botschaft überbringen. Du wirst dich entschuldigen und ihnen versichern, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Die beiden haben sicher schon Pläne gemacht. Schließlich haben sie Familie.“
„Aber Dad, ich …“

„Nein, Harper. Das ist nicht verhandelbar. Du hast Bonham sechs Wochen zugesagt, wir liefern in sechs Wochen. Das geht nur mit mehr Personal. Und du hältst dein Gesicht bitteschön selbst in den Sturm.“

Eine Zornesfalte bildete sich zwischen Harpers Augenbrauen. Gerade noch war sie so stolz auf ihren Deal gewesen und jetzt ließ ihr Vater sie auflaufen wie eine Anfängerin.

„Kann ich es dir jemals rechtmachen? Überschreib Eli doch gleich die Firma!“

Anderson Kellys Gesichtszüge wurden weicher.

„Hör zu, Krümel. Ich bin stolz auf dich. Du schaffst das schon. Aber du bist erst Mitte zwanzig und vielleicht fehlen dir Geduld und Lebenserfahrung. Und ehrlich gesagt, manchmal frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn du dich ein bisschen ausgetobt hättest. Du warst so verflucht zielstrebig. Vielleicht kommst du mal an den Punkt, an dem du es bereust.“

Harper blies sich wütend eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Soll ich zur Spring Break nach Cancun fliegen, mich ins Koma saufen und ein paar originelle Geschlechtskrankheiten mitbringen? Wäre dir das lieber?“

„Harper, du bist ehrgeizig und möchtest dich beweisen. Das verstehe ich. Doch ich mache mir Sorgen, dass du manchmal etwas zu … na ja, verbissen bist.“ Mr Kelly presste die Lippen aufeinander. „Pass auf. Ich gebe dir den SONBIZZ-Deal.“

Harper riss die Augen auf. „Das New York-Geschäft? Das ist ein ziemlich dicker Fisch.“

„Ich weiß.“ Mr Kelly beugte sich vor und legte seine Hand auf Harpers. „Und wenn jemand ihn an den Haken bekommt, dann du. Aber denk dran: Qualität und Verlässlichkeit sind unser Aushängeschild. Mache niemals Zusagen, die du nicht halten kannst. Das könnte der Beginn einer dauerhaft lukrativen Geschäftsbeziehung werden. Vermassel es nicht.“

Harper schlang von hinten die Arme um seine Schultern und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Garantiert nicht, Dad!“

If I can make it there …

„Verdammt, verdammt, verdammt! Macht schon, macht schon, macht schon!“ 
Harper wippte auf den Fußballen und beobachtete die Koffer, die auf das Gepäckkarussell purzelten. Doch ihren roten Trolley konnte sie nirgends entdecken. Sie schaute sich um. Einer nach dem anderen ihrer Mitreisenden klaubte sein Gepäck vom Band und strebte Richtung Ankunftshalle. „Bitte nicht!“, flehte Harper.

Der Flieger hatte bereits zwei Stunden Verspätung gehabt und ihre großzügige Zeitplanung war dahin. Mit einem zunehmend unguten Gefühl beobachtete Harper, wie sich das Gepäckkarussell leerte und schließlich der nächste Flug auf der Tafel angezeigt wurde.

„Verdammt! Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Mit ihrem Bordcase hetzte sie zum Lost & Found-Schalter und kramte im Laufen den Gepäckabschnitt aus der Handtasche.

„Könnten Sie mir bitte helfen? Mein Gepäck war nicht auf dem Band.“

„Lassen Sie mich mal sehen.“ Die Dame am Schalter nahm den Schein entgegen. „American Airlines, Flug 271 von Los Angeles?“

Harper nickte. Die Dame tippte etwas in den Computer und griff zum Telefonhörer.

„Hören Sie, es tut mir aufrichtig leid“, wandte sie sich anschließend an Harper. „Der Koffer muss im falschen Flieger gelandet sein. Die Gepäckabfertigung befindet sich im Streik. Dadurch kommt es leider hin und wieder zu Unregelmäßigkeiten.“

Sie tippte weiter auf ihrer Tastatur.

„Und was mache ich jetzt? Mein Kostüm und meine Schuhe sind im Koffer und ich habe einen wichtigen Termin.“

Harper blickte an sich hinunter. Zur Not würde der schwarze Hosenanzug gehen, doch für den Flug hatte sie bequeme Segeltuchschuhe angezogen. Das sähe unmöglich aus.

„Einen Augenblick, bitte. Wenn ich Ihre Daten eingegeben habe, bekommen Sie eine Tracking-Nummer. Mit dieser Nummer und Ihrem Namen können Sie sich bei der Hotline identifizieren. Wir versuchen, Ihr Gepäckstück so schnell wie möglich für Sie wiederzufinden und mit dem nächstmöglichen Flug nach New York zu schicken. Denken Sie bitte daran, die Belege aufzubewahren, wenn Sie Ersatz kaufen. Bis zu einem gewissen Höchstbetrag erstattet die Fluglinie die Kosten.“

„Sie sind gut! Für Shopping habe ich doch überhaupt keine Zeit.“, fluchte Harper.

„Es tut mir wirklich leid, dass Sie Unannehmlichkeiten dadurch haben, Madam. Doch das ist im Augenblick leider das Einzige, was ich für Sie tun kann.“

„Schon gut. Sie können ja nichts dafür.“ Harper seufzte, griff nach dem Computerausdruck und steckte ihn in die Handtasche.

Ihr fiel der Schuhladen im Meatpacking District ein, von dem ihre Freundin Brooke geschwärmt hatte. Harper zückte ihr Handy und wurde schnell fündig.

Na dann: spontane Planänderung. Taxi zum Hotel, einchecken, kurz frisch machen, mit dem Taxi zum Schuhladen und von dort direkt zu SONBIZZ.

 

Nun standen sie bestimmt schon fünf Minuten und es bewegte sich nichts. Das Hupkonzert draußen wurde immer lauter. Harper blickte nach vorne.

„Was zum Teufel ist denn da los?“

Der Fahrer trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. „Irgend so ein Depp parkt da vorne mit seinem verfluchten Lieferwagen in zweiter Reihe.“

Harper sah besorgt auf die Uhr.

„Wie weit ist es denn noch?“

„Die Adresse ist gleich hier um die Ecke, die übernächste Querstraße. Soll ich Sie hier rauslassen?“

Harper bezahlte und rutschte von der Rückbank. Na bravo! Heute ging aber auch einfach alles daneben. Sie lief eilig an der Schlange hupender Autos vorbei. Hatte er nun die nächste oder die übernächste Querstraße gesagt? Harper drehte sich um und legte den Kopf in den Nacken, um das Straßenschild lesen zu können, als sie plötzlich gegen einen Widerstand stieß.

„Hey! Vorsicht, Lady!“

„Oh, Verzeihung.“ Harper drehte sich um und blickte in das Gesicht eines jungen Mannes mit kinnlangen, braunen Haaren, die ihm strähnig in die Stirn hingen. Wangen und Kinn versteckten sich unter einem Fünftagebart. Er zog einen Rollkoffer hinter sich her und unter seinem Arm klemmte ein Bündel Holzlatten.

„Macht fast gar nichts. Wollte gerade abhauen, sieht nach Regen aus.“ Sein Blick wanderte nach oben. „Hören Sie, Lady, hätten Sie vielleicht mal einen oder zwei Dollar für mich? Ich könnte echt was zu essen vertragen.“

„Dann suchen Sie sich einen Job wie jeder normale Mensch“, zischte Harper. „Ich hab’s eilig.“

Während sie weiterhetzte, klatschten bereits die ersten Tropfen auf ihren Kopf.

„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ Sie begann zu rennen. Zum Glück war die nächste Querstraße tatsächlich die Washington Street. Nach wenigen Metern erkannte Harper das Schild des Schuhladens. Keuchend stolperte sie hinein.

Na prima! Jetzt war sie auch noch nass, ihre Haare strähnig und bestimmt verlief das Make-up.

„Könnte ich vielleicht einmal die Toilette benutzen?“, wandte sie sich an die Verkäuferin, die ihr den Weg zur Kundentoilette wies.

Harper föhnte Haare und Kleidung notdürftig mit dem Händetrockner und frischte das Make-up auf. Okay, das musste reichen. Jetzt aber erst einmal passende Schuhe finden.

 

Kurze Zeit später stand Harper an der Straße und hielt nach einem Taxi Ausschau. Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen. Als sie ein freies Taxi entdeckte, reckte sie den Arm in die Höhe, doch es brauste vorüber.

„Mist!“ Harper wandte sich um, während ihre Augen die Straße absuchten. Ein plötzlicher, heftiger Ruck an ihrer Schulter brachte sie aus dem Gleichgewicht. Der Riemen ihrer Handtasche rutschte von ihrer Schulter, dann stürzte sie nach vorn und konnte sich gerade noch mit den Händen abfangen. Im Fallen konnte sie kurz das mit einem Schal verdeckte Gesicht des Mannes auf dem Motorroller sehen. Hektisch rollte sie sich von der Fahrbahn auf den Bürgersteig, um nicht unter die Räder zu geraten und sah den Taschenräuber noch eben mit seinem bunt bemalten Roller davonbrausen.

„So ein verdammter Mist!“ Harper biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen.

„Brauchen Sie Hilfe?“
Instinktiv griff sie nach der Hand, die ihr entgegengestreckt wurde und ließ sich auf die Füße helfen.

Überrascht blickte sie zum zweiten Mal an diesem Tag in das Gesicht des jungen Mannes mit dem Fünftagebart.

„Das freut Sie jetzt sicher“, brummte Harper, untersuchte ihre aufgeschürften Handflächen und klopfte den Dreck von ihrem Hosenanzug.

„Was soll mich freuen? Dass Sie gestürzt sind?“

„Ich bin nicht gestürzt, ein Typ auf einem Motorroller hat mir die Tasche weggerissen und ich bin zu Boden gegangen. Es freut Sie bestimmt, wenn mein Karma mich umgehend niederstreckt.“

Der Mann kniff die Augen zusammen und fixierte Harper. „Warum glauben Sie, mich so genau zu kennen?“

„Das tue ich doch überhaupt nicht“, widersprach Harper und klaubte die Einkaufstasche mit den neuen Schuhen vom Boden. „Ich will Sie auch überhaupt nicht kennen, vielen Dank.“

„Trotzdem glauben Sie zu wissen, dass ich nicht nur faul bin und keine Arbeit habe, sondern auch noch gehässig.“

Der Mann starrte sie immer noch an, als teste er, wie lange sie seinem Blick standhielte. In seinem von struppigem dunkelbraunem Haar umrahmten Gesicht stachen die erstaunlich hellen blauen Augen besonders hervor. Harper kämpfte gegen den Impuls, wegzusehen. Doch von diesem Herumlungerer würde sie sich nicht kleinkriegen lassen.

„Um zu wissen, dass Sie keine Arbeit haben, brauche ich Sie nur anzusehen – und zu riechen.“ Sie rümpfte die Nase.

Der Mann hob den Arm, schnupperte und verzog das Gesicht.

„Okay, Punkt für Sie. Ich habe zurzeit keine feste Bleibe, komme mal hier mal da unter und habe zwei oder drei Tage nicht geduscht. Aber Sie können überhaupt nicht beurteilen …“

„Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Ihrer schweren Kindheit!“, stöhnte Harper.

„Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, vielen Dank. Sehen Sie? Sie wissen gar nichts über mich.“ Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust.

„Hören Sie, bestimmt haben Sie eine herzerweichende Geschichte und es wäre sicher interessant, sie zu hören, aber ich habe im Moment weiß Gott andere Probleme. Wenn ich nicht in einer halben Stunde bei meinem Termin bin und eine perfekte Präsentation abliefere, geht mir mit großer Wahrscheinlichkeit das größte Geschäft meiner Karriere durch die Lappen. Aber ich könnte nicht einmal das Taxi bezahlen und damit fangen meine Probleme erst an.“

„Sie könnten doch hinfahren und die das Taxi bezahlen lassen.“ Der Dunkelhaarige zuckte mit den Schultern.

„Was macht das denn für einen Eindruck? Und selbst wenn … meine Präsentation ist auf dem Stick und der ist in der Handtasche.“

„Das ist blöd.“ Der junge Mann verzog den Mund und nickte.

„Blöd? Das ist eine Katastrophe. Vielleicht können Sie das nicht begreifen, weil Sie noch nie einen wichtigen Job …“

„Hey, Lady! Vorsichtig! Sie tun es schon wieder. Wenn Sie möchten, dass ich Ihnen helfe …“

„Wer sagt, dass ich das möchte?“, wehrte Harper ab. „Sie können mir nicht helfen. Oder können Sie vielleicht meine Handtasche herzaubern?“

„Möglich …“

Harper legte die Stirn in Falten „Möglich? Hängen Sie da etwa mit drin?“

„Nein. Aber Sie sagen, ein Typ mit einem Motorroller hat Ihnen die Tasche weggerissen?“

„Ja“, bestätigte Harper.

„Ist Ihnen an ihm irgendetwas aufgefallen?“, wollte der Mann wissen.

„Der Roller sah aus wie handbemalt. Ziemlich bunt, irgendwie wie diese Seemanns-Tattoos.“

Die Augenbrauen des Mannes hoben sich.

„Hatte der Typ hinten so ein Rockabilly Pin-Up auf der Jacke?“

„Hm“, überlegte Harper. „Da war irgendwas drauf. Ein großer Kreis mit einem Bild drin. Ich habe es nicht so genau gesehen. Doch jetzt wo Sie es sagen … es könnte eine Frau drauf gewesen sein. Kennen Sie den Typ etwa?“

„Kennen wäre übertrieben. Aber wenn ich Glück habe, kann ich Ihnen die Tasche wiederbringen.“

Harper blieb skeptisch.

„Wie wollen Sie denn das anstellen? Der Typ ist bestimmt schon meilenweit weg.“

Ihr Gegenüber legte den Kopf schräg.

„Ich habe so meine Mittel und Wege.“

„Na, worauf warten Sie denn dann noch?“, drängte Harper. „Ohne den Stick bin ich aufgeschmissen.“

„Na ja, ganz umsonst mache ich das nicht“, entgegnete der Mann und zwinkerte ihr zu.

„Aha! War ja klar, dass es Ihnen nur ums Geld geht“, zischte Harper. „Wenn ich meine Tasche wiederbekomme, gebe ich Ihnen einen angemessenen Finderlohn.“

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

„Sie tun es schon wieder.“

„Was tue ich schon wieder?“

Harper verlor langsam die Geduld.

„Sie stellen schon wieder Mutmaßungen über mich an.“ Herausfordernd schaute ihr Gegenüber sie an.

„Na, Sie haben doch gerade selbst gesagt …“

Der Mann hob die Hand.

„Ich habe nicht von Geld gesprochen. Wer in dem Laden einkauft, hat genug davon.“ Er deutete auf die Papiertasche aus dem Schuhgeschäft. „Nein, es soll Sie wirklich etwas kosten. Ich möchte Ihren Respekt.“

„Bitte – den können Sie haben: Ich respektiere Sie.“ Harper verdrehte die Augen.

„Nein, nein, nein. So einfach ist das nicht“, protestierte der Mann. „Ich möchte, dass Sie einen Tag mit mir verbringen und zwar auf Augenhöhe. Sie werden sich Mühe geben, mich wirklich kennenzulernen. Deal?“

Er streckte ihr seine Hand hin, die – wie Harper nun bemerkte – reichlich schmutzig aussah.

„Schön. Deal. Aber wenn ich nicht in einer halben Stunde bei meinem Meeting bin, brauche ich die Tasche auch nicht mehr“, sagte Harper. Sie machte keine Anstalten, seine Hand zu ergreifen.

„Geben Sie mir fünfzehn Minuten.“ Er hielt die Hand weiter ausgestreckt, bis Harper sie schließlich widerwillig schüttelte.

„Ich bin übrigens Mason. Mason Fisher.“

„Harper Kelly“, entgegnete Harper knapp. „Fünfzehn Minuten.“

„Fünfzehn Minuten“, wiederholte der Mann, drehte sich um und joggte davon.

Harper schaute ihm nach und wischte die Handfläche an ihrem Hosenanzug ab. Sie wünschte sich sehnlichst die Desinfektionstücher aus ihrer Handtasche herbei. Sie beschloss, die Zeit zu nutzen, um noch einmal die Örtlichkeiten in dem Schuhgeschäft aufzusuchen und ihren Hosenanzug notdürftig zu reinigen. Sie rechnete nicht damit, dass dieser Mason tatsächlich wieder auftauchen würde und fragte sich, wo er den Koffer und seinen übrigen Klüngel gelassen hatte, wenn er doch – wie er behauptet hatte – keine feste Bleibe hatte. Harper schüttelte den Kopf. Nicht ihr Problem.


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Dorothea Stiller machte ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche mit Kurzgeschichten und Fan-Fiction. Ihr Debütroman Conny und die Sache mit dem Hausfrauenporno, eine romantische Komödie erschien 2014 bei Forever by Ullstein. Es folgten weitere romantische Komödien sowie ein Jugendbuch für Mädchen im Kosmos-Verlag. Ihre große Liebe gilt der englischen Sprache und Literatur. Seit über 25 Jahren beschäftigt sich die Autorin auch mit Tarot und seinen vielfältigen Anwendungen, speziell für kreative Prozesse. Am liebsten schreibt die Westfälin bei einer schönen Tasse Kaffee. Deswegen hat sie einen kleinen Tassen-Tick und hat einige hübsche oder originelle Exemplare angesammelt.

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