Die Morde von Cornwall

Der neue Besen

Seit seinem ersten Gehversuch hatte Sholto Lestrade bewunderungswürdige Fortschritte gemacht. Doch mittlerweile war er fast vierzig. Er stellte fest, dass er an diesem Morgen seine Füße mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete. Der alberne Punch hatte wieder einmal die Metropolitan Police Ihrer Majestät lächerlich gemacht, und der größte Teil des Witzes war natürlich nicht über das Gossen-Niveau hinausgelangt – an den Haaren herbeigezogene Scherze über die großen Plattfüße der Polizisten. Ich finde nicht, dass meine Füße zu groß sind, dachte Lestrade.

»Morgen, Sir.« Dixons herzliche Begrüßung ließ Lestrade aufblicken.

»Sergeant«, erwiderte Lestrade seinen Gruß. »Gibt’s heute irgendwas für mich?«

»Seine ’zellenz«, sagte Dixon mit einer Kopfbewegung nach oben, »möchte Sie sprechen, falls Sie einen Augenblick Zeit haben.«

»Zellenz?«, fragte Lestrade.

»Der Assistant Commissioner persönlich, Sir. Mächtig feiner Herr.«

Lestrade marschierte zur Treppe, dann dachte er daran, das könne möglicherweise schlecht für seine Füße sein, und nahm stattdessen den Lift. Dieser neumodische Apparat, weniger als drei Jahre alt, trug ihn ehrwürdig surrend und klappernd in die zweite Etage, wo Lestrades palastgleiches Büro lag, eingeklemmt zwischen einem Besenschrank und einer Latrine. Constable Dew erwartete ihn mit einem Becher Tee in der Hand.

»Heute Morgen nicht, Dew, mir ist der Appetit vergangen.«

»Woran könnte es liegen, Sir? An Mrs. Manchesters Cremetörtchen?«

Doch Lestrade war gegangen, und Walter Dew sah sich einmal mehr jenem unvermeidlichen Schweigen gegenüber, in das sich der Inspector, je nach Laune, gewöhnlich zu hüllen berechtigt glaubte. Die Tür, die für Lestrade immer noch die von McNaghten war, stand rechteckig und massiv vor ihm.

»Herein.«

McNaghten war nicht mehr da. Er hatte vor einem Monat sein Amt aufgegeben. An seinem Platz stand der größte Mann, den Lestrade je gesehen hatte. Nach Lestrades Schätzung wog er nahezu neunzehn Stones, und der größte Teil davon befand sich irgendwo zwischen seiner Brust und seinen Knien. Er hatte den Gesichtsausdruck einer läufigen Bulldogge, rotunterlaufene Augen und weiche, zitternde Lippen. »Inspector Lestrade, Sir. Sie wollten mich sprechen?«

»Ja.«

Die Bulldogge kam knurrend hinter ihrem Schreibtisch hervor. »Mein Name ist Frost. Nimrod Frost.« Die Bulldogge umkreiste Lestrade, und ihre Masse schwankte vor ihm wie ein Gemüsekarren in Covent Garden. »Assistant Commissioner. Der neue Leiter des Criminal Investigation Department.« Jedes Wort wurde mit Präzision und Behagen ausgesprochen. Lestrade versuchte aus der Redeweise auf die Person zu schließen. Dixon lag falsch: Woher immer dieser Bullenbeißer stammte, er war kein feiner Herr. Die Stimme war trainiert, von einem Mann geformt worden, der gewartet und gelauert hatte, bis er von unten hochgekommen war. Es gab keinen härteren Polizisten. »Sie werden in der kommenden Zeit eine Menge von mir hören.« Der Bullenbeißer beschloss seinen Rundgang und nahm seinen Platz wieder ein.

»Sholto Joseph Lestrade.« Frosts Augen verengten sich über dem Stummel, der seine Nase war. »Bachelor.« Er sprach das Wort wie eine Anklage aus. Frost schien auf ein Zeichen der Zustimmung zu warten. »Geboren in Pimlico. Januar 1854. Vater: Police Constable Joseph Lestrade, Metropolitan Police. Mutter: Martha Jane Appleyard, Wäscherin.« Der Bullenbeißer wartete abermals auf ein erklärendes Wort. Vergebens. »Ältestes von drei Kindern, die anderen starben im Säuglingsalter. Schulbildung …« Frost hielt inne. »Hm. Schule in Blackheath. In Ordnung, das reicht erst mal.« Der Bullenbeißer tappte wieder durch das Zimmer. Hin und wieder ließ er seine Blicke zum Fenster und über die sonnenvergoldeten Skulpturen des Parlamentsgebäudes wandern.

»Lestrade«, sagte er unvermittelt, »das ist ein ausländischer Name, nicht wahr?«

»Ein hugenottischer Name, Sir, soweit ich weiß.«

»Ein Franzmann, wie?«

»Schon lange her, Sir. Während meiner Schulzeit bei Mr. Coulson in Blackheath habe ich aufgeschnappt, dass am Ende des siebzehnten Jahrhunderts eine große Zahl hugenottischer Weber in dieses Land kam. Mein Großvater sagte immer, die Lestrades seien aus La Rochelle gekommen und hätten sich in Spitalfields niedergelassen …«

»Vielen Dank für die Geschichtsstunde, Lestrade.« Der Bullenbeißer hatte anscheinend mehr zu schlucken bekommen, als er verdauen konnte. »Warum sind Sie Polizist geworden?« Er wandte sich wieder Lestrades Personalakte zu.

»Damals hielt ich es für eine gute Idee.« »Recht so. Klagen?«

»Über den Yard? Nein, Sir. Das hängt immer von einem selbst ab.«

»Recht so. McNaghten hielt viel von Ihnen. Sie haben einen ganz ordentlichen Schnitt.«

Lestrade war im ersten Augenblick über dieses Kompliment überrascht. »Ich denke, Eleganz und Tüchtigkeit lassen sich unter einen Hut bringen, Sir«, sagte er, doch dann ging ihm auf, dass Frost die Zahl seiner Verhaftungen, nicht die Eleganz seines Anzuges gemeint hatte.

»Was ich an Detective Inspector nicht mag«, knurrte der Bullenbeißer, »ist Sinn für Humor. Er passt nicht zu ihnen.« Eine gewichtige Pause, dann ein neuer Anlauf. »Ist Ihnen das letzte Papier des Innenministeriums, die Metropolitan Police betreffend, bekannt, Inspector?«

Fehlanzeige.

»Das dachte ich. Junge Polizisten, ob gut, schlecht oder gleichgültig, pflegen solche Dinge nicht zu lesen. Ein Jammer. Es ist keine schlechte Sache, die Ansichten jener Männer zu kennen, die uns Lohn und Brot geben.«

Lestrade hatte einen anzüglichen Vergleich auf den Lippen, behielt ihn jedoch für sich.

Frost beförderte einen Stapel amtlich aussehender Dokumente zutage, räusperte sich und las laut vor: »Allen denjenigen, die sich durch unerfreuliche Ereignisse gezwungen sehen, polizeiliche Hilfe zu suchen, erscheint ein Inspector wie ein Wächter, Beschützer und Schiedsrichter. Anders als in der Vergangenheit muss ein Inspector ein Mann von Bildung« – der Bullenbeißer machte eine bedeutungsvolle Pause – »und Urteilsvermögen sein; die Öffentlichkeit muss ihm gegenüber Vertrauen empfinden. Nun, Lestrade, sind Sie dieser Mann?«

Ein Finger stach dramatisch in die Luft, nur ein paar Zoll von Lestrades Gesicht entfernt. »Guter Gott, Mann.« Frost war plötzlich verblüfft. »Sie haben ja keine Nasenspitze!«

»Ein Stück davon liegt vermutlich noch immer auf einem Bürgersteig in Cambridge. Es passierte im Dienst. Ein größeres Stück ist auf dem Friedhof von Highgate beerdigt. Das war eine Privatsache. »

»Sehr rätselhaft«, knurrte die Bulldogge, aber Lestrade wusste, dass sie das nicht lustig fand.

»Dem Department«, fuhr Frost fort, »stehen personelle Veränderungen bevor. Die Leute haben Jack the Ripper nicht vergessen.« Das galt auch für Lestrade. »Oder die Struwwelpeter-Morde.«

Auch Lestrade hatte sie nicht vergessen.

»Der Punch« – es war, als habe Frost die Gedanken gelesen, die Lestrade heute auf dem Weg zum Yard gehabt hatte – »fährt fort, uns ›Defekt-‹ statt Detective-Abteilung zu nennen. Das ist nicht komisch, Lestrade, überhaupt nicht komisch.« Seine Stimme verlor an Lautstärke, der er sich bislang befleißigt hatte. »Sir Melville McNaghten sprach von Ihnen als seinem besten Mann.«

»Das ist sehr schmeichelhaft, Sir.«

»Ja, ist es das? Aber ich will wissen, ob es stimmt. Ich will keine Primadonnen in meiner Abteilung, Lestrade. Ich will ein Team von einsatzfreudigen, zuverlässigen Beamten.« Er fing wieder an herumzuwandern. »Ich hätte da eine kleine Aufgabe für Sie …«

»Oberjäger«, so nannte Sergeant Dixon bald den neuen Chef des Criminal Investigation Department wegen seines Vornamens, doch nur hinter dessen Rücken und mit gesenkter Stimme. Der neue Besen fegte durch die staubigen Korridore von New Scotland Yard, kehrte die Scharen von Sergeants vor die Tür, die nahezu drei Jahre lang im Kellergeschoß gelauert hatten, bestand darauf, dass Inspector Athelney Jones die schlechtsitzende Uniformjacke, die er und seine Männer sechzehn Jahre lang getragen hatten, durch eine andere ersetzte, und war immer und überall präsent. Jedenfalls verlangsamte sich die Nachrichtenübermittlung in dem weitläufigen Gebäude, da die Aufzüge, die ursprünglich acht Personen trugen, jetzt fünf Personen und Assistant Commissioner Frost beförderten. Es tat den anderen drei gut, die Treppen hinauf- und hinunterzurennen. Jedenfalls tat man gut daran, in Form zu bleiben.

Doch Inspector Lestrade bekam wenig davon mit. Am Tag nach seiner ersten Unterredung mit Nimrod Frost war er unterwegs nach Swindon. Als er das letzte Mal diese Strecke befuhr, hatte er wegen der verdammten breiten Brunel’schen Spur umsteigen müssen. Inzwischen hatte die Eisenbahngesellschaft Vernunft bewiesen und diese Gleise abgebaut. Trotzdem musste er wegen Gleisarbeiten in Swindon umsteigen, und der Tee und die Sandwiches am Great-Western-Buffet waren genauso ekelerregend, wie er sie in Erinnerung hatte.

Mrs. Manchester hatte ihn gebeten, ein paar von ihren Pasteten mitzunehmen, doch da er nach Cornwall unterwegs war, hätte ihn das ein wenig an Kohle und Newcastle erinnert. Er blätterte die Zeitschriften in der Auslage von W. H. Smith durch und schauderte, als seine Finger ein Exemplar des Strand Magazine zu fassen bekamen. Für einen Augenblick fragte er sich, ob Watson, dieser Idiot, Conan Doyle immer noch mit diesen lächerlichen Geschichten über Sherlock Holmes fütterte, obgleich der Mann inzwischen schon anderthalb Jahre tot war.

Er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzusinnen, weil die Lokomotive pfiff. Er flitzte durch den Dampf, um den Zug zu erwischen, der zwanzig nach zwei nach Exeter abfuhr.

In der Nacht, warm für April, leistete ihm das Glockengeläute der Kathedrale Gesellschaft. Lestrade war nicht das, was man gemeinhin einen Romantiker nennt, doch die gewaltigen grauen Steine und der feierliche Glockenklang sorgten ganz von selbst für eine betörende Stimmung. Nach dem Abendessen, das, angesichts der kärglichen Spesen, die Frost ihm zugestanden hatte, bescheiden genug ausfiel, schlief er friedlich.

Am folgenden Nachmittag überschaute Inspector Lestrade, begleitet von einem Sergeanten und zwei Constables der Cornwall Constabulary, den Helford-Fluss. Hinter ihnen war der riesige, stumme Erdwall, der die kleine Kirche von Mawnan umgab. Durch die teilweise sonderbar verkrüppelten Bäume konnten die Polizisten das Meer sehen, dessen graue Fläche sich hob und senkte, unablässig auf der Suche nach dem Ufer. Es herrschte eine Stille, die Lestrade bemerkenswert vorkam. Im lärmenden Getriebe der Stadt war er immer noch am glücklichsten, wenn er auch bei seiner Geburt die Glocken von Mary le Bow nicht hatte hören können. »Sie sagten, dort wäre es gesehen worden?«

Der Sergeant nickte, und indem er versuchte, Lestrade zuliebe sein breites Cornwall-Idiom ein wenig zu mäßigen, sagte er: »Dreimal, Sir. Einmal dort im Wald. Einmal am Ufer hinter uns, und der Pfarrer hat’s in der Krypta gesehen.«

»In der Krypta?«, fragte Lestrade ungläubig.

»Da ist er übrigens.« Der Sergeant deutete auf einen älteren Herrn, der mit Hilfe eines Stockes beherzt über den Erdwall schritt. »Neolithikum«, rief der Vikar.

»Lestrade«, erwiderte der Inspector.

»Ach ja. Mein Name ist Ashburton.« Lestrade musste wohl eben etwas falsch verstanden haben. »Ja, dieser Erdwall«, fuhr der Vikar fort. »Jungsteinzeit, wissen Sie. Wo jetzt die Kirche steht, befand sich vermutlich einmal eine keltische Befestigung von beträchtlicher Größe, meinen Sie nicht?«

Lestrade stimmte ihm zu.

»Wenn Sie mit den Constables fertig sind, Inspector, kann ich Ihnen alles zeigen. Und anschließend sind Sie herzlich eingeladen, uns beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Meine Teure macht eine wundervolle Pastete.«

Diese war zwar wundervoll, doch der Brandy des Vikars war besser. Im heimeligen Studierzimmer des Pfarrhauses fühlte sich Lestrade an diesem Abend mit jeder Minute heimeliger. Aber er hatte einen Auftrag durchzuführen.

»Können wir alles noch einmal durchgehen, Sir?«

»Gewiss, Inspector, aber sagen Sie mir, ob Ihnen Gilbert White aus Seiborne ein Begriff ist?«

»Gilbert White, der Fälscher?«

Der Vikar lächelte. »Nun, das ist er vielleicht gewesen, aber als Naturforscher ist er besser bekannt. Lange Zeit vor all dem Blödsinn, den die Darwins und Huxleys verzapfen, sammelte der Reverend White Exemplare aller Arten und fertigte von der Flora und Fauna seines Geburtsortes Seiborne Zeichnungen an. Mit weit weniger Kunstfertigkeit habe ich hier in Mawnan versucht, etwas Ähnliches zu machen. Ringsum sehen Sie die Früchte meiner Bemühungen.«

Lestrade war die Unmenge von Vogeleiern, ausgestopften Wassermolchen und aufgespießten Schmetterlingen im Besitz eines anglikanischen Geistlichen ein wenig zu zoologisch vorgekommen, aber es musste auch solche Leute geben.

»Ich kenne mich mit allen Lebewesen aus, Inspector, die es in Cornwall und Devon gibt, aber so etwas wie die Kreatur, die ich letzte Woche auf meinem Kirchhof sah, habe ich noch nie zu Gesicht bekommen.«

»Was für ein Tier war das?«

»Ich sagte bereits, dass es dämmrig war. Ich hatte gerade die Glocken geläutet. Sind Sie Campanologe?«

»Politik ist beim Yard nicht gefragt, Sir.«

Ashburton warf Lestrade einen befremdeten Blick zu. »Jedenfalls durchquerte ich das Südtor – ich meine, den Eingang zum Alten Fort –, als ich diesen … ja, unirdischen Schrei hörte. Durch die Tatsache ermutigt, dass der Herr mit mir war, ging ich der Sache nach. Damals hatte ich einen kräftigen Knotenstock bei mir. Ich hörte Geräusche im Gebüsch und sah eine Gestalt – riesengroß.« Der Vikar schwenkte seinen Brandy. »Es war ein Löwe, Lestrade.«

»War ein Wanderzirkus bei Ihnen vorbeigekommen?«

»Äh … Ich weiß nicht. Ich kümmere mich nicht um solche Dinge. Falls ein Zirkus da war, dürfte er sein Zelt eher in Exeter aufgeschlagen haben. Sie glauben, das Untier sei aus einem Zirkus entkommen?«

»Es sei denn, Sie oder Gilbert White wissen von Löwen in Mawnan oder Seiborne, Sir. Ich muss einfach zu diesem Schluss kommen. Was ich nicht verstehen kann, ist, warum ich hierhergeschickt wurde.«

»Inspector«, sagte Reverend Ashburton, das Glas des Inspectors aufs Neue füllend, »obgleich ich es vor einer lebenden Seele nicht wiederholen möchte, so habe ich nicht gerade die beste Meinung von der County Constabulary. Ich war es, der sich mit Scotland Yard in Verbindung setzte, wenngleich ich einräumen muss, dass ich nicht glaubte, dass jemand kommen würde. Über dreißig Schafe sind abgeschlachtet worden, Inspector. Die meisten meiner Pfarrkinder sind Bauern. Was dort im Hochmoor vergossen wird, ist ihr Lebensblut.«

Eine Bewegung in der Halle brachte beide Männer auf die Beine. Sergeant Winch von der Cornwall Constabulary fiel sozusagen mit der Tür ins Haus. »Tut mir leid, Sir, Mr. Ashburton, Sie stören zu müssen. Inspector, Sie sollten besser mitkommen. Das Biest hat wieder zugeschlagen, drüben in Constantine.«

Lestrade blickte den Vikar fragend an.

»Ein Dorf, vier Meilen von hier. Wir können meinen Einspänner nehmen.«

»Nicht nötig, Sir. Ich habe die Revierdroschke mit«, lud sie der Sergeant ein.

In dieser Nacht war es kälter. Schließlich war es April. Winch, Lestrade und der Vikar wurden im trostlosen Inneren des Gefährtes gegeneinandergeschleudert. Zu mitternächtlicher Stunde rumpelten sie durch das schlafende ländliche Cornwall, durch die ausgestorbene Hauptstraße des Dorfes mit dem komischen Namen Constantine zum Schauplatz des Gemetzels.

»Ich hoffe, Sie haben einen kräftigen Magen, Inspector«, war die letzte boshafte Bemerkung Winchs, als er aus der Droschke sprang. Im Licht von Blendlaternen stolperte die kleine Gesellschaft fluchend dahin – sich andauernd beim Vikar entschuldigend.

»Hier rüber!«, rief eine Stimme in der Dunkelheit.

Lestrade und sein Gefolge quälten sich durch das Heidekraut auf eine zusammengekrümmte Gestalt zu.

»Gütiger Gott!« Der Vikar bekreuzigte sich. Eine ziemlich katholische Geste, dachte Lestrade.

Auf der Böschung ausgestreckt lag der Körper eines Mannes. Im flackernden Licht der Blendlaternen war deutlich zu sehen, dass seine Kehle herausgerissen war. Überall war Blut, vom Kinn bis zur Hüfte.

»Sie sagten mir, ein Lamm sei getötet worden.« Der Sergeant ging um die zusammengekrümmte Gestalt herum. »Sie haben nichts von einem Menschen gesagt.«

»Nein, nein, Sie Vollidiot«, fauchte der andere zurück. »Ich sagte Ihnen, Lamb sei getötet worden. William Lamb, mein Schäfer.«

»Wer sind Sie?«, fragte Lestrade, froh, die Untersuchung der Leiche verschieben zu können. William Lamb würde nirgendwo mehr hingehen.

»Wer sind Sie?« Der andere Mann war ebenso direkt.

»Inspector Lestrade, Scotland Yard.«

»Oh«, lenkte er ein. »Ich bin John Pemberton. Mir gehört dieser Bauernhof. William Lamb, er arbeitet … hat für mich gearbeitet.«

»Was ist passiert?«

»Ich war auf meinem Rundgang. Wenn die Schafe lammen, ist immer viel zu tun. Die meisten haben schon geworfen, aber es zahlt sich aus, wenn man aufpasst bei all den Krähen und Füchsen. Nun, ich wollte gerade nach Hause gehen, als ich dieses Fauchen und Schnappen hörte, dann einen Schrei. Mein Pony scheute, und als ich schließlich hier ankam, lag William schon so da wie jetzt.«

»Tot?«

»Nein. Aber er lag im Sterben.« »Hat er etwas gesagt?«

»Nun, es war schwer zu verstehen … aber …«

»Aber? Kommen Sie, Mann. Raus damit.«

»Er sagte ein Wort, Inspector: Tiger

Lestrade blickte einem nach dem anderen in der Runde an, als suche er eine Bestätigung dessen, was er gerade gehört hatte. »Tiger, Tiger, grelle Pracht«, sagte der Reverend Ashburton zu sich selbst.

»In den Dickichten der Nacht,

Wes unsterblich Aug’ und Hand

Wohl dein furchtbar Gleichmaß band?«

»Ein Tiger?«, wiederholte Lestrade.

»Es könnte einer gewesen sein«, antwortete der Vikar. Instinktiv drängten sich die Männer an der Böschung dichter zusammen. Die Blendlaternen warfen Lichtsäulen auf die Heide und die Grasbüschel.

»Was immer es war, es ist längst verschwunden«, sagte Pemberton mit einer Bewegung zu den geisterhaft grauen Figuren der Schafe, die in der Entfernung ruhig und selbstvergessen wiederkäuten.

»Trotzdem sollten wir es besser nicht riskieren, eine Nacht im Freien zuzubringen.« Lestrade hatte Heimweh nach der Enge der Stadt. »Sergeant, holen Sie die Decke aus der Droschke. Wir werden die Leiche zum Revier bringen. Mr. Pemberton, wir brauchen ein Protokoll Ihrer Aussage. Und, Sergeant …«

»Sir?«

»Morgen früh werden Sie Ihrem Chief Constable eine Nachricht überbringen. Wir werden Gewehre an Ihre Leute ausgeben müssen.«

Sie legten William Lambs Leichnam, nicht gerade unpassend, auf den Arbeitstisch in der Dorfschlachterei. Der Fleischbeschauer ließ sich ohnehin selten genug blicken, und außerdem war Sonntag, ein Tag, an dem niemand Fleisch kaufte. Als die Glocke der Kirche von Mawnan die Gläubigen unter der feierlichen Schirmherrschaft des Reverend Ashburton zur Andacht rief, stand Lestrade neben dem Verblichenen.

Er war an solche Anblicke gewöhnt. Als hartgesottener Polizist hatte er schon alles gesehen. Vergiss, dass es ein Mensch ist, sagte er sich zum wiederholten Male. Es ist ein Job. Das ist alles. Bring’s hinter dich. Er legte seinen Bowler über die Halswunde. Er passte genau. Da mussten ziemlich kräftige Pranken am Werk gewesen sein. Tiger? Vielleicht. Löwe? Vielleicht. Über Brust und Gesicht zogen sich parallellaufende Kratzspuren. Da war noch etwas. Haare. Nicht von Lamb. Zu groß, zu hell. Eher braun. Er hielt sie ins Licht. Hellbraun mit einer Spur von Dunkelbraun an einem Ende. Er näherte sich dem Leichnam mit seiner Nase. Ein Geruch von feuchtem Gras und von Schaf (der Geruch, der Lestrade seit seiner Ankunft verfolgte) und noch etwas anderes. Schnüffelte er etwa Tigerduft? Oder war es Löwe?

Immer wieder der gleiche Teufelskreis. Die schlichte Wahrheit war, dass die Männer vom Yard nicht sonderlich gut ausgerüstet waren, um die Spuren von Großkatzen zu verfolgen. Ihre Ausbildung vermittelte ihnen nicht den Spürsinn, dem Ruf der Wildnis zu folgen. Leichenfledderer in Seven Dials. Trickdiebe in Whitehall. All das war tägliche Routine, aber Tiger in Cornwall? Nein, das ging über sein Vorstellungsvermögen. Es passte einfach hinten und vorn nicht.

Er legte Lambs Arme, aus denen die Leichenstarre gewichen war, über dem zusammen, was von der Brust übriggeblieben war. Er blickte kurz in das Gesicht des Toten. Er war ein alter Mann. Klein, schwächlich. Eine sonderbare Narbe lief über seine Stirn und durchquerte das linke Auge. Das war nicht die Spur des Tieres. Die Narbe war alt. Jahre alt.

Auf dem Polizeirevier von Mawnan gab es keinen Fotoapparat. Er zweifelte, ob Platz genug war, ein Stativ aufzustellen. Wegen des Apparates hatte er sich mit Falmouth in Verbindung gesetzt. Ein Fotograf würde kommen und die Verletzungen aufnehmen. Lestrade trank mit Sergeant Winch einen Becher Tee, bevor er zum Pfarrhaus zurückkehrte. Er hinterließ auf dem Revier die Anordnung, eine Meldung an den Yard zu schicken und Frost von der Entwicklung zu informieren. Seine Rückkehr würde sich verzögern. Auf dem Weg begegnete der Inspector den Gläubigen, die fassungslos und schnatternd von der Kirche zurückkehrten. »Inspector«, begrüßte ihn Ashburton. »Sind Sie seit gestern vorangekommen?«

»Ein bisschen, Sir.«

»Darf ich Ihnen meinen Bruder Percival vorstellen?« Lestrade blinzelte ungläubig. Die beiden Männer vor ihm waren nahezu identisch. Percival war ein bisschen größer, magerer und sonnengebräunter.

»Sir.« Lestrade nahm sich zusammen.

»Ja, so wirken wir auf die meisten Leute. Percival ist gerade aus Australien zurückgekommen. Schafzüchter.«

Lestrade hatte wirklich keine Zeit für Höflichkeiten. »Habe ich in Ihrem Arbeitszimmer nicht ein Mikroskop gesehen, Mr. Ashburton?«

»Ja, stimmt, Inspector. Möchten Sie’s benutzen? Haben Sie eine Spur?«

»Wir haben beim Yard solche Dinger, Sir. Unglücklicherweise habe ich keine Ahnung, wie man damit umgeht.«

»Das ist kein Problem, Inspector. Seien Sie mein Gast. Aber sagen Sie doch: Was haben Sie gefunden?«

Lestrade zog das Haarbüschel aus dem Papierbeutel in seiner Tasche. »Das hier.«

Die Brüder Ashburton beäugten das Fundstück eingehend. Percival empfahl sich, ein wenig überstürzt für Lestrades Geschmack. »Muss gehen, Thomas, Inspector«, und er tippte an seinen Hut.

»Ach, wirklich? Vergiss nicht, heute Abend zu kommen. Dinner nach der Abendandacht. Der Inspector wird ebenfalls da sein, nicht wahr, Inspector?«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir, aber ich möchte mich nicht aufdrängen …«

»Unsinn, Inspector. Kommen Sie. Die moderne Wissenschaft erwartet uns«, sagte der Vikar, nahm Lestrade beim Arm und schritt am neolithischen Erdwall entlang auf das Pfarrhaus zu.

An diesem Abend war Percival Ashburton beim Brandy des Vikars ausgesprochen wortkarg. Das war offensichtlich, mochten auch ein paar harte Jahre der Dürre und endlose Überfälle von Dingos nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein. Lestrade brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass die Alice Springs, die Ashburton zurückgelassen hatte, keine alte Liebe war. Doch der Abend verstrich, und die Unterhaltung drehte sich um die Kirche, man sprach über die Bedeutung des Efeus in Holman Hunts Das Licht der Welt und diskutierte, warum Kardinal Manning so weit gegangen war, was dem Inspector entschieden zu viel wurde. Er empfahl sich und beschloss, zu Fuß zu dem Gasthof zu gehen, in dem er untergekommen war. Es war eine kühle Nacht nach einem warmen Tag, und der volle Mond warf seinen Silberschein über das Band der Straße, das sich vor ihm hinzog. Hunde bellten in der Nähe, auf die wie im Traum der ferne Ruf der Brachvögel und das Säuseln des Meeres antworteten. Aus allen Geräuschen hörte Lestrade nur Gebell heraus, und er mochte keine Hunde. Das Mikroskop des Reverend Ashburton war nicht sehr hilfreich gewesen. Es hatte das gezeigt, was Lestrade erwartet hatte – ein sehr großes Büschel Haare. Aber der Antwort auf die Frage, von welchem Tier es stammte, war er kein Stück näher gekommen, geschweige denn hatte er es gefangen. Und welcher Teufel hatte Nimrod Frost geritten, ihn auf diesen aussichtslosen Fall zu hetzen? Oder etwa nicht? Gedankenverloren, wie er war, dauerte es ein wenig, ehe Lestrade ihn bemerkte. Es war einzig der Mond, der ihm seine Anwesenheit verriet, denn er machte kein Geräusch: Eine verhutzelte kleine Gestalt, nicht größer als ein Affe, kam auf der Straße auf ihn zugezockelt. Als sie näherkam, sah Lestrade, dass sie keine Schuhe trug. Er sah auch, dass sie wirres, struppiges Haar hatte und einen Knochen durch die Nase trug.

Schwerlich ein Eingeborener Cornwalls, dachte Lestrade und begrüßte das Männchen. Dies blieb stehen und richtete sich auf, wobei seine Nase gerade bis zur Höhe von Lestrades Schlipsknoten reichte. Es grinste breit, wobei eine Reihe gelber Zähne in seinem erdbraungebrannten Gesicht zum Vorschein kam. »’allo, Boss.«

Einen Akzent wie diesen hatte Lestrade nie zuvor gehört. »Wer sind Sie?«, fragte er.

»Uku, Boss. Mister Ashburtons Abo.«

»Abo?« Lestrade war perplex.

»Sein Diener, Boss. Sein Sklave.«

»Sklave?«

»Ja. Boss. Ich arbeiten für ihn.«

Lestrade begann ein Licht aufzugehen. »Sie sind ein Aborigi… ein Ureinwohner Australiens?«

»Australien. Ja, Boss. Ich bin mit Mr. Ashburton hergekommen. War Jäger im Busch.«

»Tatsächlich?« Lestrades Aufmerksamkeit war geweckt. »Können Sie eine Spur für mich verfolgen?«

»Spur? Was für Spur, Boss?«

»Weiß ich nicht«, räumte Lestrade ein.

»Sie verrückt, Boss.«

»Vermutlich. Wohin gehen Sie jetzt?«

»Nachricht für Mister Ashburton, Boss. Bringen zu Haus von seinem Bruder.«

»In Ordnung … äh … Uku, richtig? Wenn du morgen früh hierherkommst, wenn es dämmert, möchte ich, dass du für mich eine Spur verfolgst … Ich gebe dir dafür« – er fummelte in seiner Hosentasche – »einen Schilling.«

Der Abo schnappte sich die Münze, biss hinein und ließ sie in seiner Tasche verschwinden. »In Ordnung, Boss. Sonnenaufgang. Hier. Aber du verrückt, Boss. Kein Dingo hier.« Und er tappte so geräuschlos, wie er gekommen war, wieder in die Nacht.

Wirklich kein Dingo? Nach der Unterhaltung, die er im Pfarrhaus geführt hatte, schien es, als könnten die australischen wilden Hunde ein Schaf mit Leichtigkeit zur Strecke bringen. Und einen Menschen? Besonders wenn es ein alter Mann war, nicht mehr schnell auf den Beinen, schwach und möglicherweise ein bisschen taub? Ja, das war denkbar. Doch zuerst musste er ins Pfarrhaus zurück. In die Bibliothek des Vikars. Er musste dort etwas nachprüfen. Der Vikar hatte mit Sicherheit ein Buch darüber.

»Mein lieber Inspector, die Nächstenliebe beginnt zwar an der eigenen Schwelle, aber es ist jetzt fast« – der Reverend warf einen Blick auf seine Taschenuhr – »halb drei. Entgegen der landläufigen Meinung arbeite ich auch an anderen Tagen, nicht nur am Sabbat, müssen Sie wissen.«

»Verzeihen Sie mir, Sir. Ich habe Ihre Gastfreundschaft allzu lange in Anspruch genommen, doch ich denke, ich habe gefunden, was ich suchte.« Und mit diesen Worten ließ er den letzten einer ganzen Reihe von dicken Bänden zuknallen. »Eine Erklärung für Lambs Tod?«

»Vielleicht.« Mit einer feierlichen Handbewegung beschwichtigte Lestrade den aufgeregten Ashburton. »Wie Sie sagten, Sir, es ist spät. Und was ich im Augenblick habe, ist nichts als eine weit hergeholte Spekulation. Und es ist schon eine nicht unbeträchtliche Leistung, das um halb drei in der Frühe sagen zu können.«

Es war lange her, seit Lestrade einen Sonnenaufgang auf dem Land erlebt hatte. Er war müde und fröstelig, und das Bett im Gasthaus was alles andere als bequem gewesen. Als er um die Ecke kam, wartete der Abo auf ihn, zusammengekrümmt und den Wind schnüffelnd.

»’allo, Boss.« Das gleiche irrsinnige Grinsen. Lestrade starrte auf den Knochen, der zwischen den Nasenlöchern durch den langen fleischigen Teil der Nase hindurchgetrieben war. »Was wir jagen?«

»Was?« Lestrade riss sich zusammen. »Ach ja. Kannst du einen Dingo für mich aufspüren?«

Der Abo lachte. Es war ein kurzes, scharfes Gackern, das eher von einem Rieseneisvogel stammen konnte, über den Lestrade gestern Nacht in der Bibliothek des Vikars etwas gelesen hatte. »Dingo, Boss? Hier? Sie wirklich verrückt.«

»Sieh dir das an.« Lestrade zeigte ihm das Haarbüschel. »Dingo, Uku?«

Der Abo besah das Haar, befühlte es und schnupperte an den Fasern. Er machte einen verblüfften Eindruck. »Nein, Boss, nicht Dingo.« Dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Kein Dingo, Boss. Tammannwoll.«

»Tammannwoll?« Lestrade war wieder bei seiner üblichen Wiederholung.

»Haben Glück, Boss. Ich bin Tammann. Jetzt keine Abos mehr dort. Habe Tammannwoll gesehen.«

»Kannst du ihn für mich finden?«

»Sicher, Boss. Gehen wir gleich.« Und er nahm die Beine in die Hand, entfernte sich mit mäßiger Geschwindigkeit, und Lestrade folgte stolpernd in seinem Kielwasser. Er folgte vermutlich, dachte Lestrade, der langen weißen Wolke. Oder war es etwas anderes? Die Sonne begann höher zu steigen, als der Abo ins Hochmoor vordrang, stumm durch die gelben Senffelder rund um das Dorf und zu den grauen Hügeln hinauftappte, die hier und da vom Weiß der Heide und dem Gelb und Grün des Stechginsters gefleckt waren. Lestrade brüstete sich damit, ein durchtrainierter Mann zu sein, doch er hatte das Gefühl, seine Schläfen und Lungen würden zerplatzen. Doch die kleiner werdende Gestalt des Abos vor ihm war wie eine Nadel in seinem Fleisch, die ihn weitertrieb. Gütiger Gott, dachte Lestrade, der schwarze Bastard geht tatsächlich bis nach Constantine. Vier Meilen. Er wird doch wohl nicht geradewegs nach Australien laufen? An der Hüfte hing ihm in lächerlicher Weise ein Hemdzipfel aus der Hose. Längst hatte er seinen Bowler verloren, und sein Kragen stand schräg vom Hals ab. Er flehte zu Gott, dass er niemandem begegnete, der wusste, dass er ein Detective Inspector vom Yard war, denn diesen Eindruck würde er nie mehr korrigieren können.

Da bemerkte er, dass der Abo stehengeblieben war. Er kauerte wie eine gespannte Feder zwischen den kurzen, krummen Stämmen unterhalb von Mawnan Church, wo der Vikar vor Wochen seinen Löwen gesehen hatte. Der Bastard war noch nicht einmal außer Atem, und Lestrade befand sich auf allen vieren und kämpfte darum, der Schmerzen in seinen gemarterten Lungen Herr zu werden.

»Da, Boss, Tammannwolls Loch.« Der Abo deutete nach vorn auf einen überwachsenen Ausbiss des neolithischen Erdwalls. Lestrade sah nichts außer einem Stückchen neolithischen Erdwalls, doch der Abo war unerbittlich, und Lestrade folgte ihm durch das Unterholz zu der verborgenen Öffnung. Selbst die Nase eines Stadtpolizisten, an Landgerüche nicht gewöhnt und nun aufgrund der Anstrengung des Laufs geweitet, konnte nicht umhin, den Gestank zu bemerken. Lestrade, der beinahe würgte, wich zurück. Der Abo grinste und schien seinen Spaß daran zu haben. »Tammannwoll«, sagte er triumphierend.

»Gut, wo ist er?«

»Jetzt nicht hier, Boss. Weggegangen. Wir finden ihn.« Und er sprang auf die Füße.

Lestrade ergriff den dunklen, sehnigen Arm. »Wird er zurückkommen, der Tammannwoll?«

»O ja, Boss. Spät abends. Er kommt hierher zurück.«

»Dann werden wir warten«, sagte Lestrade energisch. »Du wirst jetzt nach Hause gehen, Uku. Erzähle niemandem etwas von unserer Jagd heute Morgen. Verstehst du? Keinem Menschen.« Es konnte nicht sehr gebieterisch geklungen haben, obgleich Lestrade seine Fassung wiedererlangt hatte. Das Wrack eines Mannes, der der Länge nach im Unterholz lag, flößte wenig Vertrauen ein. Aber der Abo war verschwunden.

Lestrade war allein hingegangen. Normalerweise hätte er Constables mitgenommen. Sergeant Winch wäre an seiner Seite gewesen. Aber die ganze Sache war zu absonderlich. Zu spekulativ. Er hatte immer Nimrod Frosts Worte im Hinterkopf: »Die Leute haben den Ripper und die Struwwelpeter-Morde nicht vergessen.« Lestrade war McNaghtens bester Mann, und irgendwie stand bei dieser Jagd auf Dingos in der Wildnis von Cornwall seine ganze Karriere auf dem Spiel.

Also war er allein. Der Mond war nicht herausgekommen, um ihm heute Nacht zur Seite zu stehen. Zumindest verbargen ihn die Wolken, die verschwörerisch über den Himmel huschten. Lestrade mochte keine Hunde, ganz gleich, ob sie groß oder klein waren. Und jetzt kauerte er im Dickicht unterhalb von Mawnan Church, um einen zu fangen. Entsprechend der Gemächlichkeit, mit der es bei der Cornwall Constabulary zuging, hatte der Chief Constable bis jetzt noch nicht auf Lestrades dringendes Gesuch geantwortet, Feuerwaffen zu bewilligen. Zum Glück hatte sich Lestrade von Farmer Pemberton ein Gewehr, Kaliber 12, leihen können, das nun in seiner Armbeuge lag. Lestrade fühlte sich mit einem Gewehr dieses Kalibers von jeher unwohl. Oft genug hatte er selbst gesehen, was bei sorglosem Laden herauskam, und schließlich trug er selbst die Narben von einem verunglückten Schuss an der Schulter. Er hantierte mit den Patronen. Eine. Zwei. Das Schloss rastete ein. Jetzt hieß es warten.

Hinter ihm ragte die Schwärze des Erdwalls von Mawnan auf, stumm wie die Gräber, die dahinter lagen. Morgen würde man William Lamb begraben. Wenn Lestrade heute Nacht Glück hatte, würde man den Mörder vielleicht noch vorher begraben. Die Eulen flatterten umher und pfiffen, wenn sie über Feld und Wald herabstießen. In der Dämmerung hatte Lestrade eine gesehen, ein unheimlich weißes Geschöpf, das in geisterhafter Stille auf der Suche nach Beute über die Heide strich.

Polizisten – jedenfalls solche, die Detective werden – haben einen sechsten Sinn. Nicht dass Lestrade ein naturverbundener Mensch gewesen wäre. Doch da war etwas, das ihn mit angelegter Flinte herumfahren ließ. Weder ein Geräusch noch sonst etwas hatte ihn gewarnt. Über ihm auf dem Erdwall befand sich ein Tier, das er noch nie gesehen hatte und nie wieder sehen würde. In den Sekundenbruchteilen, bevor er feuerte, sah er seine schimmernden Zähne, die heraushängende Zunge und seine kleinen Schweinsäuglein im fuchsähnlichen Kopf. Seine Finger drückten beide Abzüge, und das krachende Mündungsfeuer erhellte die Büsche. Er fiel zurück, da er nicht auf den Rückstoß vorbereitet war, und rollte zwischen Bäumen hindurch, ehe er sich hochrappelte. Hatte er das Vieh getroffen? Fiel es ihn an? War er schneller auf den Beinen? Nach heute Morgen bestimmt nicht. Konnte es auf Bäume klettern? Konnte er’s? Doch die Panik in seinem Inneren ließ nach. Nichts bewegte sich, nichts war zu hören. Er fischte das Gewehr aus den Blättern und lud nach. Er musste es getötet haben. Beide Läufe aus kürzester Entfernung abgefeuert. Er musste es getötet haben. Er irrte.

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M. J. Trow – Inspektor Lestrade: Die Morde von Cornwall

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M. J. Trow stammt aus Wales, studierte Geschichte am Londoner King’s College und ist bekennender Fan des viktorianischen Zeitalters. Er verfasste spannende und humorvolle Kriminalgeschichten um Inspektor Lestrade, der in den Geschichten von Arthur Conan Doyle oft mit seinem Zeitgenossen Sherlock Holmes aneinandergerät.