Lügen haben Männerbeine

Ich würde alles auf der Welt tun, um meine Jugend wiederzuerlangen,

außer Sport treiben, früh aufstehen oder ehrbar werden.

Oscar Wilde

01

 

»Mit zwanzig kann man jede Nacht durchmachen, mit dreißig verzeiht der Körper nichts mehr und ab vierzig geht er von allein kaputt«, sagt Sandy und beugt sich näher zu mir. »Daher will ich niemals vierzig werden.«

Ich lächle unbeholfen und blicke auf den Speeddating-Fragebogen mit den Daten der Teilnehmer. Sandy ist vierundzwanzig und sie wird ihre Meinung wahrscheinlich noch so häufig ändern wie ihre Haarfarbe.

»Und, wie alt bist du?«, fragt sie und legt einen ihrer beiden Heidi-Klum-Gesichtsausdrücke auf. Das soll wohl entschlossen wirken, aber tatsächlich sieht es so aus, als müsse sie mal für kleine Supermodels.

   Warum dürfen Frauen jeden Mann nach seinem Alter fragen, aber umgekehrt ist es eine Indiskretion? Wir Männer haben doch auch Gefühle!

Selbst wenn wir sie nie zeigen.

Das ist wahrscheinlich auch besser so, denn Männer jammern viel erbärmlicher als Frauen. Hört man einem erkälteten Mann zu, könnte man glauben, jeder Schnupfen führe unweigerlich zu einer doppelseitigen Lungentransplantation.

»Was ist?«, fragt Sandy und blickt mich zu meiner Überraschung tatsächlich entschlossen an. »Hast du dein Alter vergessen?«

Einerseits bin ich von autoritären Frauen meist dermaßen beeindruckt, dass ich unweigerlich tue, was sie wollen. Ich will ihr schon die Wahrheit sagen, da halte ich inne. Denn andererseits war ich auf dieser Singlebörse im Internet, die ich vor dem Speeddating ausprobiert habe zu hundert Prozent ehrlich gewesen. Trotzdem wurde ich immer nur dann von Frauen kontaktiert, wenn zufällig mein Abonnement auslief. Wahrscheinlich dachte jede potentielle Partnerin, wenn ich angebe, ich sei neununddreißig, hätte noch alle meine roten Haare und eine normale Figur, dass ich in Wirklichkeit dreiundfünfzig, aufgedunsen und glatzköpfig bin. Oder Boris Becker.

Ich schaue Sandy in die Augen. Ihr Blick ist immer noch entschlossen. »Ich werde morgen vierzig«, sage ich schließlich.

Sandy steht augenblicklich auf, beugt sich zu mir, ihre langen, blonden Haare schwingen in meine Richtung. Will sie mir einen Kuss geben? Mitten im Speeddating? Ich meine, ich sehe trotz meiner roten Haare nicht unattraktiv aus, aber das ist mir noch nie passiert, ein Kuss, neunzig Sekunden nachdem ich eine Frau kennengelernt habe. Oder zahlt sich meine Ehrlichkeit endlich aus?

Langsam öffnen sich ihre Lippen.

Weil man das in Hollywoodfilmen so macht, beuge ich mich nun auch vor und öffne meine Lippen.

»Ich geh schon mal eine rauchen«, sagt Sandy und stolziert auf ihren High Heels davon. Ein echter Sex-Torpedo. Schlank, zielsicher, doch drückt man die falschen Knöpfe, verschwindet sie auf Nimmerwiedersehen.

Und ich bin ein Meister darin, die falschen Knöpfe zu drücken.

Normalerweise würde ich jetzt tagelang meine Fehler analysieren, doch beim Speeddating bleiben mir nur drei Minuten, bis der Dating-Gong ertönt und die nächste Frau an meinen Tisch kommt.

Ich sitze hier, weil auf meiner morgigen Geburtstagsparty ein massiver Frauenmangel herrscht und ich möglichst viele Speeddaterinnen einladen möchte.

Wenn ich nebenbei eine tolle Frau kennenlerne, würde ich mich auch nicht beschweren.

Trotz des Debakels eben stehen die Chancen dafür gar nicht so schlecht, denn unter den Teilnehmerinnen ist eine, die mir extrem gut gefällt: Miss Pagenschnitt.

So habe ich sie jedenfalls genannt, als sie den Raum betrat, denn sie trägt eine weiße Bluse, einen schwarzen Rock, passende Stilettos und – wer hätte das gedacht – einen schwarzen Pagenschnitt. Obwohl ich noch kein Wort mit ihr gewechselt habe, weiß ich jetzt schon, dass sie clever ist, warmherzig und selbstbewusst. Bei manchen Frauen sieht man das einfach.

Das Problem ist nur der Typ, der ihr gegenübersitzt.

Schrotkorn.

Ein Arbeitskollege von mir, jedenfalls wenn man ein von McKinsey eingeschleustes U-Boot so nennen kann, das in jeder Abteilung einen auf Kollegialität gemacht hat, um zu erfahren, wo die Schwachstellen liegen. Anschließend hat er diese an meinen Chef statt an McKinsey verraten und wurde dafür mit einer Abteilungsleiterstelle belohnt, die Schwachstellen hingegen mit ihrer Entlassung.

Kurz und gut, Schrotkorn besteht nur aus Schleimspur, Alphamännchenallüren und seinem Jaguar-Schlüssel.

Letzteren holt er nun schon bei der dritten Frau hintereinander wie zufällig aus seiner Anzughose und spielt damit zwischen seinen Fingern.

Ich konnte das nur deshalb beobachten, weil die Frauen, die mir gegenübersaßen, jedes Mal aufgestanden sind, sobald ich von meinem bevorstehenden Geburtstag erzählte.

Bei Schrotkorn hingegen musste man die Frauen stets von seinem Tisch wegzerren, sobald der Gong zum Partnerwechsel ertönte.

Vielleicht sollte ich auch wie er im Boss-Anzug dasitzen und mit einem Jaguar-Schlüssel wedeln?

Denn das Aussehen kann es nicht sein. Okay, Schrotkorn hat eine Jahreskarte im Sportstudio, die er tatsächlich benutzt, aber ein Schmiss zieht sich über seine rechte Backe und seine blonden Locken haben in mindestens drei Tuben Gel gebadet. Andererseits, ich sitze im Poloshirt da und in meiner Hose zwickt kein Jaguar-Schlüssel, sondern der meines Mountainbikes.

Zwar ist Schrotkorn erst dreißig, aber er ist eine Afteröffnung und ich bin ein Kerl, den alle nett finden.

Vielleicht ist genau das mein Problem.

Gerade als ich mich frage, ob Speeddating das Richtige für mich ist, ertönt der Dating-Gong. Alle Frauen stehen auf, bis auf Miss Pagenschnitt, die sich wie ihre Vorgängerinnen nicht von Schrotkorn lösen kann.

In dem Moment wird mir klar, dass ich sie retten muss. Sonst verplempert sie sinnlos ihre besten Jahre mit jemandem, für den Frauen nichts anderes sind als lebende Spermaauffangbecken.

Da ist sie auf alle Fälle besser dran, wenn sie ihr Leben mit mir verplempert.

Und ich auch.

Leider kann ich den Gedankengang nicht weiter ausführen, denn die nächste Frau stöckelschuht gerade an meinen Tisch.

 

 

 

 

Auch mit sechzig kann man noch vierzig sein – aber nur noch eine halbe Stunde am Tag.

Anthony Quinn

02

 

Ich werfe meiner nächsten Kandidatin einen kurzen Blick zu und beschließe spontan, meine Taktik radikal zu ändern. Ich werde es mit ein wenig Aufschneiderei à la Schrotkorn versuchen. Sonst bin ich völlig desillusioniert wenn Miss Pagenschnitt an meinen Tisch kommt.

»Ulrich von Abus«, stelle ich mich vor und gebe meinem neuen Gegenüber die Hand. Sie ist dürr wie Stroh, hat aber ein nettes Lächeln.

»Bist du adelig?«, fragt sie.

Ich nicke wie beiläufig, obwohl ich das von gerade meinem Namen hinzugedichtet habe. »Ich versuche das eigentlich zu verheimlichen«, sage ich. »Understatement und so.«

»Die kenne ich gar nicht«, sagt sie. »Understatement? Ist das ’ne Band?«

Jetzt wäre der Moment, selbst aufzustehen, aber da auf meiner Geburtstagsparty, wie gesagt, noch Frauenmangel herrscht und wahrscheinlich auch ein paar Männer kommen, deren Lift nicht ins oberste Stockwerk fährt, bleibe ich sitzen. »Wir modernen Millionäre stehen nicht auf Statussymbole«, erkläre ich. »Daher habe ich meinen Lamborghini daheim gelassen und meinen Brioni-Anzug gegen das Poloshirt eingetauscht.«

Sie lächelt, doch ihre Augen blicken mich so leer an, als befände sich hinter ihnen nur Luft. »Ist ja toll, was du für Fremdwörter kennst.« Sie blickt auf meinen Fragebogen. »Und Kinder hättest du auch gern. Toll.«

»Morgen feiere ich übrigens meinen Geburtstag«, sage ich. »Wenn du willst, kannst du auch kommen.«

»Echt? Wie alt wirst du denn?«

Die übliche Frage, denn ich habe in weiser Voraussicht mein Alter freigelassen. Ich zögere einen kurzen Moment, dann beschließe ich, genug aufgeschnitten zu haben und sage: »Vierzig.«

Ihr Mund, der eben noch ein Lächeln geformt hat, bleibt ein paar Sekunden offen stehen. »Mein Vater ist neununddreißig«, sagt sie schließlich und lässt mich sitzen.

Ist es wirklich mein Alter?

Okay, die Frauen hier sehen alle jünger aus als ich, aber das ist nun mal das klassische Beuteschema. Und zwar weltweit. Außerdem ist das hier kein U-40-Dating und selbst wenn, wäre ich noch voll in der Zielgruppe. Jedenfalls noch ganze achtundzwanzig Stunden lang.

Irgendwann schlägt der Dating-Gong und dann erst sehe ich, wer an meinen Tisch kommt.

Miss Pagenschnitt.

Hastig blicke ich auf den Fragebogen mit den Daten und Antworten der Teilnehmer. Miss Pagenschnitt heißt Amelie. Bei der Frage: Was wäre der perfekte romantische Moment für Dich?, steht bei ihr: Ein Verehrer, der mir ein Gedicht schreibt.

Das könnte ein wenig knapp werden, denn sie steht schon vor mir. Aus der Nähe sieht sie noch umwerfender aus, ein Gesicht fein wie Porzellan, tiefschwarze Haare, ihre Kleider stilvoll, mit Liebe zum Detail.

Sie setzt sich und lächelt mich an. »Hallo, ich bin Amelie.«

»Ich bin Uli«, antworte ich. »Und ich werde morgen dreißig.«


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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer, Musikproduzent und manchmal Weltreisender. Während in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist es ihm in seinen absurd-komischen Romanen trotz mehrfacher Versuche noch nicht gelungen, jemanden umzubringen.