Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte wider Willen

Prolog

Mein Wecker schrillte. Automatisch schlug ich auf die Schlummertaste und hielt den Atem an. Hatte der Alarm auch Torin aus dem Schlummer gerissen? Vorsichtig drehte ich mich, um mich zu vergewissern, dass mein Mann noch schlief. Obwohl es Torin war, der am Morgen das Haus verlassen musste, und nicht ich, hasste er es, von meinem Wecker geweckt zu werden.

Noch immer die Luft anhaltend, rutschte ich aus dem Bett und huschte durch das dunkle Zimmer. Die schwarzen Blenden vor den riesigen Fenstern ließen kaum Licht durch, Torin konnte nicht schlafen, wenn es zu hell war. Oder zu laut. Oder zu warm, zu kalt, zu irgendwas. Er war sehr speziell. Leider auch unordentlich, weshalb ich stolperte und in voller Länge auf dem Boden aufschlug. Das Gegenstück zu dem Schuh, der mich zu Fall gebracht hatte, bohrte sich nun in meinen Bauch. Ich stöhnte leise, rieb mein Kinn, mit dem ich aufgeschlagen war, und betete stumm, dass ich Torin nicht geweckt hatte.

„Daingead, Weib!“, brüllte der aber auch schon und ließ mich zusammenzucken. Am frühen Morgen, da fing der Tag gleich prima an.

„Entschuldige“, flüsterte ich, wissend, dass es ohnehin nichts änderte. „Ich wollte nicht …“

„Ist es zu viel verlangt, dass du etwas Rücksicht nimmst!“

Ich rappelte mich auf, schob seine Schuhe zusammen und zu ihm hin. „Nein. Es tut mir leid, Torin, ich werde leiser sein.“

Er grollte etwas. Schritte näherten sich mir und ich wich schnell aus. Die Tür schlug zu. Einen Moment gönnte ich mir, in meiner Erleichterung zu baden, allerdings nur einen ganz kurzen, dann sprang ich auf und lief durch den engen Flur in den Wohnbereich. Die Edelstahloberflächen der offenen Küche begrüßten mich funkelnd. Es war eine Heidenarbeit, sie glänzend zu halten und es gab Tage, da hasste ich sie richtiggehend. Der Wassertank der Kaffeemaschine war leer und ich musste ihn auffüllen, was mich kostbare Sekunden kostete, außerdem zitterten meine Hände und mir fiel die Kapsel runter.

„Wo ist mein Frühstück?“, hisste Torin in meinem Rücken und schob mich zur Seite.

„Braucht noch einen Augenblick. Möchtest du dein Ei …?“ Sein Blick brachte mich zum Schweigen — und zum Zittern. Es fehlte nicht mehr viel, das sah man ihm an.

„Wo ist mein Kaffee?“

Mein Blick zuckte zur Maschine, die gurgelnd das geforderte Getränk bereitete. Das frische Aroma erfüllte bereits den Raum und machte die Frage unnötig.

„Noch nicht fertig?“, fragte er betont ruhig. Obwohl ich damit rechnete, traf mich sein Schlag, bevor ich ausweichen konnte. Er warf mich gegen die Kochinsel, an der ich mir die Hüfte prellte, so dass ich mir schnell auf die Lippe biss, um den Schmerzensschrei zu unterdrücken. „Es tut mir leid“, keuchte ich stattdessen. „Setz dich doch schon einmal, ich bringe dir den Kaffee und die Morgenzeitung.“ Die ich erst holen musste. Innerlich stöhnte ich. Ich befand mich auf verflucht dünnem Eis.

Torin trat auf mich zu, verstellte mir den Ausweg und zwang mich, zu ihm aufzusehen, indem er mein Kinn umfasste und es anhob. „Warum musst du so verflucht unzulänglich sein?“

Was mir auf der Zunge lag, schluckte ich schnell wieder herunter. Er hatte ja recht. Wie schwer konnte es sein, seinen Wünschen Folge zu leisten und ihn schlafen zu lassen, bis ich sein Frühstück gerichtet hatte, um ihn dann mit einer Tasse frischem Kaffees zu wecken und ihm derweil die Kleidung bereitzulegen? So manches Mal kam ich mir wie seine Leibeigene vor, dabei war ich die Tochter eines Dukes und er nur ein schottischer Baron. Vor hundert Jahren hätte man noch von einer Mesalliance gesprochen, so unvorteilhaft hatte ich mich verheiratet. Nun, meiner Mutter zufolge, war ein Baron besser als nichts, und unverheiratet zu bleiben wäre meine einzige Alternative gewesen.

Als er mich losließ, tat er es mit einer ruckartigen Bewegung, die mir eine Zerrung im Nacken zufügte.

„Du vernachlässigst einmal mehr deine Aufgaben. Ich frage mich, was du den ganzen Tag treibst, dass du es nicht schaffst, hier Ordnung zu halten.“ Er stieß den Früchtekorb um, während er um die Kochinsel herumging.

„Ich war … nachlässig, verzeih mir.“ Unauffällig reckte ich meine Schultern, aber die schmerzhafte Verspannung blieb. Torin setzte sich an den Tisch.

„Meinen Kaffee!“

Eilig kam ich seiner Forderung nach und stellte die Tasse vor ihm ab, um durch die Wohnung zu flitzen, um die Zeitung zu holen. Dann machte ich mich augenblicklich daran, ihm seine Frühstückseier zu bereiten.

„Heute noch?“

„Natürlich!“ Fast wäre das Ei auf dem Boden gelandet, in meiner Hast es auf seinem gebutterten Toast abzulegen. Sein Blick glitt über mich und ich machte mich auf eine Beleidigung gefasst, weil seine Lippen sich geringschätzig verzogen.

„Du bist schlampig! Herrje, was hat mich nur geritten, dich zu heiraten?“

Eine zugegeben hervorragende Frage, die ich mir oft genug selbst stellte.

„Da fällt mir ein …“

Ich war bereits auf dem Rückzug und stoppte schnell.

„Daingead, was ist das für ein Fraß!“ Der Teller segelte mit Schwung zu Boden und zerbarst vor meinen Füßen. Splitter rissen meine Haut auf, aber ich wagte nicht, zurückzuweichen. Er käme ohnehin nach. Torin sprang auf und ragte über mir auf. Er war bullig und größer als ich. Nicht selten flößte er mir eine ungeheure Furcht ein. Sein Blick legte sich schneidend auf mich und seine Faust ballte sich. Bitte nicht. Aber es hatte selten einen Nutzen, eine Bitte an irgendwen zu richten. Das Unvermeidliche ließ sich nicht aufhalten. Seine Faust traf meine Schulter. Immerhin nicht mit voller Wucht, trotzdem torkelte ich rückwärts und stieß erneut gegen die Kochinsel, dieses Mal jedoch mit meinem Hinterteil.

Seine Faust hob sich wieder. Es gab nichts, was mich retten konnte, also schloss ich die Augen. Lange stellte ich mir die Frage schon nicht mehr, warum er mich schlug, oder warum ich es zuließ. In mir herrschte resignierte Stille, bis die Schmerzen mich durchzuckten.

Ein Klingeln rettete mich. Das Telefon. Ich spürte den Sockel der Kochinsel in meinem Rücken.

„Galloway?“, grunzte er in den Hörer. Er stand an der gläsernen Kommode neben dem offenen Durchgang zum Flur und starrte an die Wand. „Heute? – Wann? Wenn es sein muss.“

Vorsichtig rappelte ich mich auf und schob dabei die Scherben zusammen.

„Mach hier sauber!“, verlangte er harsch, nachdem er aufgelegt hatte. „Wenn ich wiederkomme …“

„Ja.“ Nur ein Wispern, aber er erwartete keine Antwort von mir, das tat er nie. Seine Erwartungen an mich waren, einfach und klar umrissen: nicht auffallen und ihm das Leben so angenehm wie nur möglich machen.

Ich kauerte am Boden, bis die Tür des Apartments hinter ihm zufiel, dann ließ ich die aufgeklaubten Reste seiner Mahlzeit fallen und kippte schlicht zur Seite. Noch in meinem Nachthemd auf den gewienerten, glänzendweißen Fliesen, Ei im Haar und Butter an der Wange, starrte ich vor mich hin. Das war also mein Leben. Ich war die Tochter eines Dukes, hatte ein nettes Vermögen mit in die Ehe gebracht und nur diesen einen Wunsch: Unsichtbar zu sein.

Das Gefühl blieb, selbst eine Dusche, kuschelige Kleidung und ein kleines Frühstück konnte nichts daran ändern. Immerhin schaffte ich es, das Chaos zu beseitigen und schrubbte gerade auf allen vieren den Boden, als es an der Tür klingelte.

Da ich nur selten Besuch bekam, machte es mich jedes Mal nervös, die Tür zu öffnen.

„Islay!“ Mein Cousin grinste mich an, was bereits bemerkenswert war. Dass er mich in den Arm nahm, zog mir fast den Boden unter den Füßen weg. Ich stöhnte auf, als sich seine starken Arme um mich schlossen.

„Catriona, ich musste es versuchen, bist du allein?“ Er ließ mich wieder los und strahlte mich an. Irritierend, denn glücklich wirkte Islay eigentlich nie. „Ich muss dir unbedingt Sina vorstellen.“ Er schob mich zurück und damit in den Flur hinein. Er streckte den Hals und sah hinter mich. „Du bist doch allein?“

Es war kein Geheimnis, dass Torin nicht wollte, dass ich Besuch bekam. Er verlangte, dass man sich vorher anmeldete und fand meist einen Grund, das Treffen abzusagen.

„Ja, Torin ist wie gewohnt früh raus.“ Ich räumte verdutzt den Weg und bemerkte nun, dass mein Cousin nicht allein gekommen war, weil er sich umdrehte und die Hand nach seiner Begleitung ausstreckte.

„Ich möchte dir Sina vorstellen, wenn wir schon mal in der Gegend sind.“ Er zog eine große Blondine näher und legte den Arm in ihren Rücken. „Sina, meine Cousine Catriona.“

Sie lächelte mich an. „Hallo.“

„Hàlo.“

Islay schob sie weiter und schloss dann die Tür. „Sie bevorzugt Kaffee.“

„So?“ Ich folgte ihm den Flur entlang bis in die Küche, wo er Sina den Stuhl hervorzog.

„Du übertreibst es wieder“, flüsterte sie und berührte ihn vertraut an der Wange. Ein leichtes Lächeln flackerte auf ihren Lippen, dass sich auf Islays widerspiegelte.

„Ich bin etwas überrascht …“ Gelinde gesagt, schließlich kam Islay sonst allein und warnte mich zumindest vor.

„Ich wollte die Chance nutzen.“ Er setzte sich an den Tisch. „Komm setz dich.“

Schön, Widerstand war zwecklos, also fügte ich mich und sank auf den Stuhl, den er mir bereitstellte, dann setzte er sich zu uns und ergriff Sinas Hand. „Du warst nicht auf der Hochzeit und wurdest vermisst“, offenbarte er angespannt. Nach einem Räuspern und einem Seitenblick fuhr er fort: „Du hast einiges verpasst.“

„Vielleicht nicht der beste Einstieg, Islay?“, mahnte Sina, wozu sie sich vorbeugte, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern.

Islay schoss Farbe ins Gesicht. „Ich stehe zu meinen Fehlern.“ Er begegnete meinem Blick. „Ich habe mich nicht mit Ruhm bekleckert und ich fürchte, Lachlan will mich erst einmal nicht mehr sehen.“

Ich stutzte, im ersten Moment verwirrt, denn niemand nannte  meinen älteren Bruder Kendrick bei seinem Taufnamen Lachlan.

„Tante Mairi …“ Er brach ab und konnte auch meinem Blick nicht mehr standhalten. Typisch Islay. Ich streckte die Hand aus und legte sie auf seine.

„Will dich auch nicht mehr sehen?“

Seine schweren Schultern hoben sich zu einem knappen Zucken. „Nein, aber damit können wir leben.“

Dieses Mal war ich es, die Sina einen Blick zuwarf. Meine Frage stand mir sicher auf der Stirn geschrieben: Was hatte sie damit zu tun?

„Sina hat die Hochzeit geplant und ich habe sie sabotiert.“

Dieses Eingeständnis hätte mich fast meine gute Erziehung vergessen lassen, allerdings war diese tief in mir verankert. Meine Mutter hatte da gute Arbeit geleistet und mich zu einer folgsamen, gewissenhaften, vornehmen Dame geformt, was Angesicht meiner ungestümen Art bemerkenswert war. Allerdings hatte ich, anders als meine älteren Geschwister, auch viel mehr Zeit zu Hause verbracht und war ihr damit voll und ganz ausgeliefert gewesen. Selbst nach meiner Volljährigkeit war ich ihr nicht entkommen und man konnte sagen, dass sich dieser Zustand noch immer nicht geändert hatte. Bei jedem falschen Schritt gellte mir ihre Stimme im Ohr. Bei jedem ketzerischen Gedanken stand sie mir vor Augen, und selbst wenn ich der Meinung war, alles getan zu haben, wie sie es wünschte, bekam ich die Furcht nicht in den Griff, sie könnte unzufrieden mit mir sein. Lustigerweise unterschied sich dies nicht von meinen Sorgen bezüglich meines Ehemanns.

„Es klingt sehr drastisch“, sprang Sina ein, als müsse sie Islay verteidigen. Sie rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn, richtete sich dabei kerzengerade auf und hob das spitze Kinn, um an ihrer Nase entlang auf mich herabzusehen. „Es war nicht schwerwiegend und weder seine Idee gewesen, noch allein seine Schuld.“ Sie nahm sich zurück, wurde wieder weicher in ihrer Haltung und setzte ein Lächeln auf, das ich als entschuldigend wertete. „Ich möchte nicht impertinent wirken, Mrs Galloway, aber Islay nimmt es sich zu sehr zu Herzen und am Ende waren alle Bemühungen ihrer Gnaden ohnehin wirkungslos. Kein Omen der Welt könnte einen Keil zwischen Lachlan und Carolina treiben.“ Sie lachte auf, als wäre die Vorstellung absurd.

„Ich fürchte, ich kann nicht folgen“, gestand ich ein und zog die Hand zurück, um sie fein übereinanderzulegen. Haltung, Schein, Lüge: wie tief steckte es in mir drin, stets die feine Lady zu sein?

Islay räusperte sich, setzte an, etwas zu sagen und klappte den Mund dann wieder zu, um sich umzusehen. „Dein Personal ist ziemlich nachlässig, oder?“

Mein Zucken war offenbarend.

„Bei einer Tasse Kaffee ließe sich alles viel angenehmer besprechen.“

Sina verdrehte die Augen und schob ihren Stuhl zurück. „Mylord, was darf ich Ihnen kredenzen?“ Ihre Stimme troff vor Belustigung.

„Nein, nein!“ Islay kam so schnell auf die Füße, dass sein Stuhl ins Schlingern geriet. „Natürlich bin ich in der Lage, mir selbst … uns selbst …“

Sina winkte ab. „Mrs Galloway, Sie erlauben, dass ich mich in Ihrer Küche betätige?“

Ich war viel zu verblüfft von Islays Reaktion, als dass ich antworten konnte.

„Wir sind erwachsene Menschen, nicht wahr? Wir schaffen es doch, eine Maschine mit Wasser und Kaffeepulver zu befüllen und einen Knopf zu drücken?“ Ihr Lächeln war vermittelnd, auch wenn ihre Worte eher einem Affront gleichkamen. Bei meiner Mutter wäre sie … ah. Mein Nicken setzte sie in Bewegung, noch bevor ich selbst aufstehen konnte. Dadurch war sie um die Kücheninsel herum, bevor ich auch nur ein weiteres Wort von mir geben konnte und stolperte fast über meinen Eimer und die Bürste.

„Nanu!“

Isaly folgte ihr besorgt. „Nachlässig ist gar kein Ausdruck.“

Er bezog sich auf das nicht vorhandene Dienstmädchen und mir schoss heiße Röte ins Gesicht, weil mir auf die Schnelle keine Erklärung einfiel, warum der Eimer noch hier stand. Denn einzugestehen, dass ich meinen Haushalt selbst bestreiten musste, war indiskutabel!

„Oh, Islay, weißt du, was zauberhaft wäre?“ Mein Cousin war gleich Feuer und Flamme und eilte zu ihr. „Um die Ecke ist doch diese Confiserie …“

„Wundervolle Idee! Ich besorge uns eine kleine Auswahl!“ Er drückte ihr noch einen Schmatzer auf die Wange und eilte durch den Flur. Die Tür fiel zu, als Wasser in die Spüle plätscherte und mich wieder ablenkte.

Sina befüllte den Wassertank der Kaffeemaschine. „Ihm fehlt es leider an Feinfühligkeit.“

„Wie meinen?“

Sina sah mich kurz prüfend an. „Sie sind zwar akkurat gekleidet, aber man sieht Ihnen dennoch an, dass sie vor unserem Eintreffen nicht die Füße hochgelegt haben. Ich gehe also davon aus, dass es kein Personal gibt und die Familie es nicht wissen soll.“

Sie hatte mich überrascht, das gab ich gerne zu. Um es zu überspielen, beschäftigte ich mich schnell mit der Auswahl an Kaffee. „Milchkaffee? Mokka, oder lieber mild?“

„Jetzt haben Sie sich verraten. Um den Schein zu wahren, hätten Sie mich zurechtweisen sollen und mir eine Lüge auftischen müssen, à la das Mädchen ist mit einem dringenden Botengang beschäftigt.“ Sie lachte auf. „Verzeihen Sie, ich habe nicht vor, mich in Ihre Belange einzumischen. Islay war nur sehr mitteilungsbedürftig, als er darauf drängte, Sie zu besuchen.“

Innerlich stöhnte ich. Diese Frau war eine Gefahr.

„Er ist besorgt.“ Sie streckte die Hand nach dem Milchkaffee aus. „Islay bevorzugt den hier, welchen möchten Sie?“

„Ebenfalls den Milchkaffee.“ Die Tassen hingen neben der Maschine und sie bediente sich wie selbstverständlich. Irgendwie war ich beeindruckt von ihrem Selbstvertrauen. Ich könnte niemals jemanden besuchen und dermaßen unbekümmert die Aufgaben der Gastgeberin an mich reißen.

„Ich weiß, dass auch Ihr Bruder beunruhigt ist.“ Wieder dieser prüfende Blick, während sie weiter die Maschine bediente. „Und Carolina auch, deswegen hielt ich es für eine gute Idee, herzukommen.“

„Völlig unnötigerweise.“ Auch wenn mir der Mund trocken wurde, ließ ich mir mein Unbehagen nicht ansehen, dachte ich zumindest.

„Das glaube ich nicht.“

„Miss …“ Hatte Islay ihren Namen erwähnt? Sina und weiter?

„Es geht mich nichts an, richtig, aber ich werde Islay nicht beruhigen können, wenn ich nicht selbst davon überzeugt bin, dass er sich unnötig Sorgen macht.“ Sie stellte die zweite Tasse beiseite und wechselte die Kapsel. „Und Sie sind nicht sonderlich überzeugend.“

„Wie meinen?“ Ich sollte verärgert sein, meine Mutter wäre es, aber ihre Impertinenz verschlug mir schlicht die Sprache.

„Ihr Makeup verdeckt den blauen Fleck an ihrer Wange und dem Kinn, aber nicht den kleinen Riss an ihrer Lippe. Ich habe kürzlich selbst Blessuren verstecken müssen, da ich durch einen Unfall recht malträtiert aussah.“ Sie lächelte bitter. „Ich arbeite mit engem Kundenkontakt und habe mich schlaumachen müssen, wie man Blessuren abdeckt. Als Hochzeitsplanerin muss man auf sein Äußeres achten.“

Meine Finger glitten verräterisch über den kleinen Huckel an meiner Lippe. Sollte ich behaupten, es sei Herpes? Oder ich hätte mich irgendwie, irgendwo gestoßen? „Ich …“ Die Türglocke riss mir die Lüge von den Lippen. Ich rannte förmlich weg. Natürlich musste ich Islay wieder hereinlassen, aber so eilig war es dann doch nicht.

Er grinste gutgelaunt und hielt mir die Platte unter die Nase. „Ich hoffe, ich habe auch für dich das richtige dabei. Wenn nicht, schick mich einfach noch mal los.“ Er war schon halb den Flur hinab, bevor ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte. Das war sicher nicht mein Cousin, der Viscount of Kinross! Herrje, er war doch kein Botenjunge, den man … Und ich war weder ein Hausmädchen noch eine Leibeigene. Langsam folgte ich ihm und bekam das Lob Sinas mit.

„Wow, du hast an alles gedacht, ich bin beeindruckt.“ Islay strahlte regelrecht. Sina hatte den Kaffee bereitgestellt und wieder auf ihrem Stuhl Platz genommen. Ein schneller Blick zur Küchenzeile versicherte mir, dass sie allen Unrat fortgeräumt hatte und alles so aussah, als sei die Küche unbenutzt. Ich war gegen meinen Willen erneut von ihr angetan.

Ich holte die Teller und Gäbelchen aus dem Schrank, bevor ich mich zu ihnen setzte.

„Und ist für dich etwas dabei?“

Einen Moment blieb ich ratlos.

„Ich hole dir auch … Ich hätte vorher fragen sollen, entschuldige …“

„Nein!“ Schnell musterte ich die Platte, um eine Entscheidung zu fällen. Ginger Bites, Oatcakes, Karamelltorte mit Baiserhaube, Empire Biscuits, natürlich Shortbread, an dem kam ein Schotte nicht vorbei, aber auch Scones mit herrlicher Clotted Cream und Marmeladendeckel. Eine Schande, dass ich die Hälfte davon nicht essen durfte. „Es ist eine hervorragende Auswahl Islay und ich wäre mit jedem Teil zufrieden.“

„Dann bitte, wähle eines aus.“

Beide beobachteten mich, also hatte ich keine Wahl, obwohl ich mir schwertat mit schnellen Entscheidungen.

„Also, wo waren wir stehengeblieben?“, fragte Islay, als er sich an einem großen Stück Sahnetorte bediente. „Die Hochzeit, nicht wahr? Jemine, da hast du wirklich was verpasst!“

„Ja.“ Wieder spann mein Kopf Ausreden zusammen. Eine plötzliche Krankheit? Autopanne? Moment, wie war meine Erklärung an meinen Bruder gewesen, dass mein Mann und ich nicht hatten zur Hochzeit kommen können?

„Sie war ein Traum!“

Sina schnaubte verdrossen, was mich abstieß. Wie gewöhnlich. Moment? Hochzeitsplanerin, aktiv? Dann war sie nicht von Adel. Mutter musste entzückt sein!

„Sie war ein Alptraum, explodierende Toilettenhäuschen, Brände und Stromausfälle, ich wäre beinahe verzweifelt.“

„Oh nein, du hast alles mit einem Fingerschnippsen geregelt. Ausfall der Busse? Schwupps standen Kutschen parat. Das Zelt steht in Flammen und der Ausgang ist blockiert? Sina schneidet einfach ein Loch in die Seitenplane und alle sind gerettet …“

Klang ganz danach, als hätte ich einiges verpasst. „O mo creach! Das klingt tatsächlich schauderhaft.“

„Carolina bewertete die Feier als traumhaft“, stellte Sina trocken fest und brach in Gelächter aus, weil ich fassungslos drein sah. Die Beschreibung klang alles andere als traumhaft.

„Vielleicht sollten wir von vorn beginnen, Islay, was meinst du? Also, aus meiner Sicht war es von vornherein …“

Ihre Erzählung fesselte mich und ich bereute, nicht dort gewesen zu sein. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass es für mein Fernbleiben mehr als nur einen Grund gegeben hatte. Mir gegenüber konnte ich eingestehen, dass es nicht an Torin gelegen hatte, aber auch nicht an meiner Furcht. Farquhar. Ein Schauder lief über meinen Rücken und nicht, weil Sina soeben von der Feuersbrunst berichtete, die das McDermittzelt niedergebrannt hatte, in dem sich noch ein Haufen meiner Verwandtschaft befunden hatte.

„Catriona?“ Mein Cousin musterte mich irritiert. „Stimmt etwas nicht? Du zitterst ja.“

Tränen sprengten meine Augen und verwischten meine Sicht. Oh, Islay, wenn du wüsstest!

Was wäre, wenn ich es ihm erzählte? Alles anders. Aber konnte ich das? Wollte ich es?

Es war unmöglich, meine Situation zu ändern. Ich war verheiratet, eine Scheidung kam nicht infrage und es war auch albern. Es war meine Schuld, dass meine Ehe so schlecht lief. Ich war unzulänglich, war es immer schon gewesen, und hatte mit meiner Hochzeit den einen Kritiker nur durch den anderen ersetzt. Ich war gefangen und nichts und niemand konnte mir helfen.


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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.

Mehr aus der Eine Hochzeit in den Highlands-Reihe:
Ein Schotte im Bett (Band 1)
Ein Schotte zu viel (Band 2)