Reaktor – Der unsichtbare Mörder

1

Das war ein guter Ort zum Sterben. Wenn er sich jetzt hinsetzte, würde er nie wieder aufstehen. Chris Bernasconi ging trotzdem auf die Holzbank zu.

   Sein Körper schmerzte, als würde er von innen zerfressen, in seinem Kopf hämmerte es wie in einem aktiven Bergwerk.

   Chris Bernasconi atmete tief aus und setzte sich. Er spürte das warme Holz der Bank und blickte auf den endlos erscheinenden Baikalsee. Das Wasser funkelte in der Sonne. Es roch nach Fisch und Meer, auch wenn Letzteres im Grunde nicht sein konnte.

   Aber in diesem Land war ohnehin alles anders, als er erwartet hatte.

   Die meisten Klischees über Russland stimmten nicht, das galt erst recht für Sibirien. So brannte auf seiner von Ekzemen übersäten Haut die Sonne und statt von Schneeflocken wurde er von Schnaken umschwärmt.

   Sie stachen ihn gleich zu mehreren, doch Chris Bernasconi wehrte sich nicht. Es war sinnlos, die Schnaken zu töten, wahrscheinlich würden sie es ohnehin nicht überleben, wenn sie von seinem Blut tranken.

   Außerdem hatte er keine Kraft mehr, sie zu verjagen.

   Er hatte einen der größten Umweltskandale der Neuzeit aufgedeckt, doch das war nichts gegen das, was noch kommen würde.

   Die Menschheit musste gewarnt werden.

   Was, wenn es Darius nicht schaffen würde?

   Wenn sie ihn vorher abfingen?

   Gemeinsam hatten sie jahrzehntelang für höhere Sicherheitsvorkehrungen gekämpft, für funktionierende Notfalllösungen, für echte Alternativen.

   Doch für sich selbst hatten sie darauf verzichtet.

   Mit zittrigen Händen nahm Chris Bernasconi ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche. Er atmete schwer, jede Bewegung schmerzte, sogar das Anknipsen des Kugelschreibers.

   Es ging um die Wahrheit.

   Er wusste, die Menschen wollten die Wahrheit gar nicht hören, sondern das, was gut klang, was in ihr Weltbild passte.

   So wie die Legende, dass die Amerikaner für die Mondlandung Millionen Dollar für die Entwicklung eines Kugelschreibers ausgegeben hatten, der in der Schwerelosigkeit schreiben konnte, während die Russen einfach Bleistifte verwendet hatten.

   Die Geschichte klang gut, fußte auf bekannten Vorurteilen und war massenhaft verbreitet worden. Doch sie war von vorn bis hinten erfunden. Fake News.

   Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

   Die Menschen glaubten nur das, was sie glauben wollten.

   Und was sie nicht sahen, das gab es nicht.

   Obwohl es die größte Gefahr von allen war.

   Doch er musste die Menschen warnen, selbst wenn es nur ein Teil von ihnen verstehen würde.

   Unter Schmerzen strich Chris Bernasconi das Papier glatt, setzte zu schreiben an und spürte wieder dieses wahnsinnige Hämmern unter seiner Schädeldecke.

   Ein Tropfen Blut fiel auf die Spitze des Kugelschreibers und benetzte das Papier darunter. Chris Bernasconi fasste sich an die Nasenflügel, betrachtete seine blutverschmierte Hand und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Konzentrier dich!

   Der Kugelschreiber versagte, ließ ihn die Worte ins Leere schreiben.

   Er drehte das Papier um, drückte den Kugelschreiber fester, doch er schrieb nicht und das Blut tropfte weiter.

   Chris Bernasconi wollte aufstehen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Er sackte zur Seite, riss noch einmal die Augen auf, doch als er auf dem harten Boden aufschlug, bemerkte er es schon nicht mehr.

2

Mia Adam hing am Kühlturm eines Atomkraftwerks auf hundertzwanzig Metern Höhe und fragte sich, warum von allen Aktivistinnen ausgerechnet sie nicht mit einem Polizeieinsatz gerechnet hatte.

   Weil sie ausnahmsweise auf der anderen Seite stand? Weil Nick sie mit seinem Charme überredet hatte, bei der Aktion       dabei zu sein, da er drei Mitstreiter ersetzen musste?

   Also hatte sie mitgemacht, obwohl sie Polizistin war.

   »Ohne dich muss ich die Aktion abblasen«, hatte er erklärt und hinzugefügt, dass sich die Polizei die letzten Male immer zurückgehalten habe. »2014 haben wir mit über hundert Aktivisten das AKW Beznau geentert, sind am Reaktorgebäude hochgeklettert und niemand hat uns daran gehindert.« Er hatte ihr versprochen, dass niemand erfahren würde, wer diese kleine, junge, hübsche Aktivistin mit dem rothaarigen Bubikopf war.

   Das Wörtchen ‚hübsch‘ hatte den Ausschlag gegeben und sie verfluchte sich dafür.

   Dieser Sommermorgen wäre ideal für ein entspanntes Picknick im Grünen gewesen, doch stattdessen war sie schon um vier Uhr morgens aufgestanden, vom Treffpunkt nach Däniken gefahren worden und hing jetzt am Kühlturm, ausgestellt wie ein Orang-Utan-Weibchen im Zoo. Neben Mia prangte ihr Plakat, mit der wenig diplomatischen Aufschrift: ‚Atomkraft ist scheiße, in Japan gibt’s Beweise‘.

   Unten am Kühlturm standen ein paar Sicherheitsleute des Kraftwerks und Dutzende Polizisten.

   Die Polizei war eben nie dort, wo man sie brauchte.

   Und gerade jetzt konnte Mia die Kollegen überhaupt nicht brauchen.

   Einer der Polizisten schrie etwas in ein Megafon, aber sie verstand kein Wort.

   Sie blickte zu den anderen Aktivisten, Ratlosigkeit stand in ihren Gesichtern. Und dann gab Nick das Signal zum Abseilen.

   Sie schaute ihn voller Unverständnis an, doch er schien entschlossen, aufzugeben.

   Aber Mia war nicht hier um aufzugeben, sie war hier, um zu kämpfen. Wenn sie festgenommen wurde und Bundespolizeichef Graf das mitbekam, dann konnte sie ihre Marke abgeben.

   Und wie sollte Graf es nicht mitbekommen, wenn die Polizisten sie verhafteten?

   Nick seilte sich ein paar Meter ab und alle anderen folgten ihm.

   Bis auf Mia.

   »Was ist?«, rief er und blickte nach oben zu ihr. »Wir müssen runter!«

   »Warum?«, entgegnete sie und kannte doch die Antwort schon.

   »Wir haben keine Chance.« Er deutete auf die Polizisten unter ihnen. »Außerdem ist unser Ziel erreicht. Wenn sie uns festnehmen, kommen wir bestimmt in die Tagesschau.«

   Alles, nur das nicht, dachte Mia und hielt sich weiter am Seil fest.

3

Montage hatten etwas Bedrückendes an sich, aber der erste Tag nach dem Urlaub war noch viel deprimierender. Fiel beides zusammen, fühlte sich der Morgen wie eine kleine Katastrophe an. Das Lebenswerte trat in den Hintergrund und der Zwang in den Vordergrund.

   Als Erik Lindberg nach dem Aufstehen in den Spiegel schaute, sah er nicht – wie die Kolleginnen immer meinten – Jude Law mit Anfang dreißig, sondern einen übermüdeten Kommissar mit Ringen unter den Augen.

   Als er später einen der dunkelblauen Anzüge anlegte, die er normalerweise auf der Arbeit trug, kam dieser ihm zentnerschwer vor. Klar war es schön, Kolleginnen wie Mia Adam und Katharina Zach wiederzusehen, auf andere wiederum hätte Erik Lindberg noch jahrelang verzichten können.

   Zu letzteren zählte sein Vorgesetzter, Bundespolizeichef Beat Graf.

   Lindberg fuhr zur Arbeit und war keine fünf Minuten anwesend, da zitierte Graf den Kommissar schon zu sich.

   Kurz darauf saß Lindberg auf diesen unbequemen Besucherstühlen in Grafs Büro und sah dem Bundespolizeichef zu, wie der sich einen Espresso aus seiner persönlichen Kaffeemaschine eingoss. Natürlich, ohne Lindberg einen anzubieten.

   »Während Ihrer Abwesenheit hat sich einiges getan.« Graf strich sich über die polierte Glatze und fragte nicht mal anstandshalber, wie denn Lindbergs Urlaub verlaufen war.

   »Gibt es einen neuen Fall?«, fragte Lindberg, obwohl er sich sicher war, dass er davon aus der Presse erfahren hätte.

   Graf schüttelte den Kopf. »Ich hatte Kontakt mit den Kollegen vom Landeskriminalamt in Berlin.« Er legte eine genüssliche Pause ein, nippte an seinem Espresso – und in dem Moment wurde Lindberg klar, dass es heute nicht bei einer kleinen Katastrophe bleiben würde.

   »Ich hab mich schon immer gewundert, wie Sie diesen Wohlers so schnell wieder fassen konnten, nachdem er aus dem Gefängnis entflohen war.« Graf blickte Lindberg überheblich an.

   »Das war ein mehrfacher Mörder«, erwiderte Lindberg. »Meine Freundin lag wegen ihm monatelang im Koma, erst jetzt, während meines Urlaubs, konnte sie auf eine Aufwachstation verlegt werden, sie muss jedes Wort einzeln lernen, sie kann noch wieder nicht laufen …«

   »Rache war noch nie ein guter Ratgeber«, unterbrach ihn Graf.

   »Ich habe mich nicht gerächt«, sagte Lindberg. »Ich habe Wohlers nur dorthin gebracht, wo er hingehört: ins Gefängnis.«

   »Genaugenommen hat das die Kollegin Adam erledigt.« Graf runzelte die Stirn. »Wo steckt die eigentlich?«

   »Ich habe keine Ahnung«, antwortete Lindberg und auch wenn er hoffte, dass das Thema Berlin damit erledigt war, ahnte er, dass der Bundespolizeichef ihm diesen Gefallen nicht tun würde.

   »Zum Dienstbeginn um acht Uhr war niemand in ihrem gemeinsamen Büro.« Graf schüttelte ungehalten den Kopf.

   »Wenn wir einen Fall haben, arbeiten wir dafür am Wochenende oder nachts.«

   »Oder Sie fliegen mal eben nach Berlin.«

   Lindberg schluckte.

   »Den Kollegen dort ist aufgefallen, dass der Schlüssel zur Asservatenkammer fehlt. Also haben die eine Inventur der Beweismittel gemacht und dabei festgestellt, dass ein Sudoku-Heft des besagten Herrn Wohlers ausgetauscht wurde.«

   Lindberg schloss die Augen, doch er spürte förmlich, wie Grafs Blicke ihn durchbohrten.

   »Jedenfalls stammt das Sudoku-Heft, welches in der Asservatenkammer lag, aus dem letzten Jahr, Wohlers hingegen ist viel früher festgenommen worden. Also kann es sich nicht um das Heft handeln, welches konfisziert worden ist.« Er grinste herablassend. »Es sei denn, Wohlers hat eine Zeitmaschine erfunden.«

   Lindberg schluckte noch mal. Er hatte das Heft bei seinem Besuch in Berlin entwendet, weil Wohlers es nach seinem Gefängnisausbruch von ihm erpressen wollte. Also musste das Heft ein Geheimnis tragen. Zusammen mit seinem Freund Gehirnklitschko hatte Lindberg schließlich herausgefunden, dass in den Sudoku-Zahlen die Kontonummer für ein Schweizer Nummernkonto verschlüsselt war, auf dem die Beute aus vorherigen Raubzügen von Wohlers lagerte. Daraufhin hatte er Wohlers in der Bank eine Falle gestellt. Dieser hatte sie leider gewittert, war am Ende aber mit Mias Hilfe festgenommen worden.

   Soweit perfekte Polizeiarbeit, auf die man hätte stolz sein können, wäre da nicht das illegal entwendete Beweismittel gewesen.

   »Was Sie vielleicht nicht wussten«, sagte Graf und trank mit Genießermiene seinen Kaffee aus. »In der Asservatenkammer in Berlin gibt es neuerdings eine Überwachungskamera.«

   Lindberg blickte seinen Vorgesetzten mit großen Augen an. Er wusste, wie sich unbedarfte Verdächtige verhielten, und hatte gerade jeden derer Fehler begangen. Das musste selbst Graf auffallen.

   »Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten«, sagte Graf. »Ich kündige Sie fristlos …« Er machte eine Pause und ließ den Satz wirken.

   Fassungslos schaute Lindberg ihn an. Du mieser, dreckiger Bastard.


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Thomas Kowa, geboren 1969, wohnt in Bern und Mannheim. Er hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitete über zwanzig Jahre in der Pharmaindustrie. Nebenbei ist er Musikproduzent, manchmal Weltreisender und Mitglied der Schweizer Fußballnationalmannschaft der Autoren. Mit dem Pharmathriller Remexan – Der Mann ohne Schlaf führte er die Figur des Erik Lindbergs in die Köpfe der Leser. Nach dem zweiten und ebenso spannenden Fall Redux – Das Erwachen der Kinder folgt nun der dritte Band Reaktor – Der Mann ohne Gewissen.