Der Tod kennt keine Grenzen

1

 Am Sonntag, 12. Dezember, stieg ein junger Mann im Bahnhof Bern aus dem Cisalpino von Milano. Auf dem Bahnsteig 5 setzte er sich auf seinen schweren Koffer und schaute erst einmal auf die Uhr. Alle Fahrpläne waren an diesem Tag geändert worden – endlich wurde in der Schweiz wieder einmal etwas Neues eingeführt.

Es schien niemand auf ihn zu warten, um ihn in Empfang zu nehmen. Oder war etwa der Cisalpino heute zu früh in Bern angekommen? So etwas war ihm jedenfalls in Neapel in seinem 30-jährigen Dasein noch nie passiert.

Seufzend erhob er sich und zog seinen schweren Koffer wie einen störrischen Hund hinter sich her. So eilten Herr und Koffer hintereinander die steile Rampe vom Bahnsteig 5 zur unterirdischen Bahnhofshalle hinunter. Sie bogen nach rechts ab.

Der Mann ging mit vorgebeugtem Oberkörper, den Koffer steif hinter sich herziehend, die Nase weit nach vorn gestreckt.

Auf einmal stach ihm der Geruch von Kebab in die Nase. „Napoli, Berna, Istanbul, dove sono in questo momento?“

Dann ging er vorbei an Pizza, McDonald, Nordsee und dem Kebab-Stand am Ende der lang gezogenen Bahnhofunterführung. Vor der Statue des heiligen Christophorus blieb er wie angewurzelt stehen.

„Madonna, auch in der Schweiz kennen sie den Christophorus! Und auch die Schweizer kauen sich die Fingernägel ab. Aber dieser Christophorus hatte besonders großen Hunger und hat sich sogar die Arme abgebissen!“

Dann wandte er sich nach links und suchte die Rolltreppe ins Freie. Sie funktionierte nicht.

„Komisch, dass in der Schweiz am Sonntag sogar die Rolltreppen stillstehen.“

Mühsam schleppte der Mann seinen schweren Koffer die lange Treppe zur Loeb-Ecke am Bahnhofplatz hinauf. Fast wäre ihm dabei der Schirm abhandengekommen, den er in seiner Linken trug. Draußen regnete es in Strömen.

„Mamma mia, der Himmel weint, anche questo.“ Nun stach ihm ein heimatlicher Geruch in seine Spürnase: verbrannte Marroni. Er entdeckte den Stand vor dem Warenhaus Loeb. Aus seiner Manteltasche klaubte er einen Zettel und fragte den Verkäufer nach der Adresse. „Ig nid wissen“, beteuerte dieser in gebrochenem Deutsch. „Ig sein aus Rumänien!“

Auf einmal hörte er hinter sich eine Frauenstimme:

„È lei, Beppe Volpe?“

Beppe drehte sich um. So hatte er sich die Frau während seiner Reise in die Schweiz nicht vorgestellt. Er hatte gedacht, sie sei eher dicklich und mit einem prüden Auftreten. Eben genau so, wie man sich in Neapel Schweizerinnen in Chefpositionen vorstellt. Mit ihren langen blonden Haaren und ihrer Figur ähnelte sie eher einem Model von Giorgio Armani.

„Habe ich etwa ein Rendezvous mit Michelle Hunziker?“

„Scherz beiseite! Mein Name ist Katharina Tanner, Kommissarin bei der Berner Kripo. Willkommen bei uns im Corps, Signor Beppe Volpe!“

Eine Weile schaute Beppe in ihr schönes Gesicht.

Dann sagte er erfreut: „Piacere, signora!“

2

 „Steigen Sie ein und machen Sie es sich bequem!“

„Was, ins Polizeiauto, schon jetzt, wollen Sie etwa auch die Sirene einschalten?“

Die Kommissarin schenkte Beppe Volpe ein Lächeln und sah aus wie ein TV-Star im italienischen Fernsehen, Televisione della mamma. Dabei strich sie ihr blondes langes Haar lässig nach hinten und warf einen seitlichen Blick auf Beppes Hände. Beppe zückte sofort Daumen und Zeigefinger und ahmte damit eine Pistole nach: „Gibt es überhaupt Verbrecher hier in Bern?“ Dabei drückte er von oben mit dem Daumen auf den ausgestreckten Zeigefinger und schoss eine Kugel durch die Windschutzscheibe. Dann blies er den Rauch vom Zeigefinger weg. „Sie werden hier in Bern schon noch genug zu tun bekommen, Beppe, mindestens so viel wie in Neapel, wenn nötig mit einer richtigen Pistole! Gleich kommen wir zum Hotel Arabella in der Länggasse. Drei Nächte von Ihrem Aufenthalt werden von der Stadtpolizei übernommen, den Rest bezahlt Ihr Staatschef und Beschützer Silvio Berlusconi, oder etwa nicht?“

„Chiaro, der würde mir noch viel mehr bezahlen, nur um mich loszuwerden!“

„Warum denn Beppe, hat Berlusconi bereits genug von Ihnen?“

„Forse, ich war in Napoli nämlich auf dem besten Weg herauszufinden, wie die Banda del Buco das Geld der Banca Santo Spirito wusch. Zusammen mit zwei

Kollegen war ich nahe daran, drei Geldwäscher festzunehmen.“

„Aber dann sollte die Regierung doch stolz auf Sie sein!“

„Die Regierung? No, signora. So einfach läuft das nicht bei uns.“

„Und wie läuft es denn bei euch?“

„Als die Regierung merkte, dass ich und meine zwei Kollegen die Sache ernst nahmen und in Kürze den Boss der Banda del Buco auf frischer Tat ertappt hätten, wurden wir alle drei promoviert.“

„Das heißt, ihr wurdet befördert?“

„Ja, meine beiden Kollegen in die Provinz Agrigento in ein Dorf mit knapp 1200 Seelen und ich zu Ihnen, Frau Kommissarin, in die Hauptstadt der Schweiz, als Assistent, finanziert vom EU-Förderprogramm der italienischen Regierung.

„Sie sind wirklich nicht zu beneiden, lieber Beppe. Aber bei mir sind Sie vorläufig sicher. Ich setze Sie jetzt vor dem Hotel Arabella ab. Sehen Sie daneben die Confiserie Glatz? Da treffen wir uns morgen um neun Uhr, d’accordo?“

„Sì signora, ho capito.“

„Allora a domani, Beppe, Ciao!“

3

 „Goldregen in der Schweiz“, las Beppe Volpe in den Schlagzeilen der Berner Zeitung, während er im Café Glatz auf die Kommissarin wartete.

Er war bereits um acht Uhr vom Hotel Arabella in die Confiserie gegangen, weil er die Schweizer Pünktlichkeit fürchtete und beim ersten Rendezvous auf gar keinen Fall zu spät kommen wollte.

„Ich möchte bei dieser Dame immer bella figura machen“, sagte er zu sich selbst und strich seine Haare glatt nach hinten. Dabei schaute er selbstzufrieden in den Spiegel an der Wand gegenüber.

Dann vertiefte er sich in den Zeitungsartikel und entzifferte den Text. Es ging um die Goldreserven im Wert von 25 Milliarden Schweizer Franken, welche die Schweizerische Nationalbank verkaufen wollte. Staunend las er, dass die Schweizer offenbar zu viel Gold hatten und es nun loswerden wollten. Warum arbeiten die Schweizer immer noch wie verrückt, wenn sie doch so reich sind? – 25 Milliarden als Bescherung zu Weihnachten? – Ich wusste gar nicht, dass hier der Weihnachtsmann so viel tüchtiger ist als in Italien, dachte Beppe erstaunt.

Weiter las er, dass offenbar ein wilder Streit darüber entbrannt war, wer das Geld erhalten sollte. Woher das Gold stammte, schien niemanden zu interessieren. Jedenfalls las er nichts davon. Eines wusste er aber ganz sicher: In Neapel gab es nie Geld für die Regierung und die Bevölkerung, weil alles immer schon vorher unter ein paar wenigen ‚Familien‘ aufgeteilt wurde. Die Schweiz war in dieser Hinsicht für ihn wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Beppe erhob sich, ging hinüber zum Tresen und kaufte einen Schokobären.

„Schon aufgestanden, Beppe?“

„Bekomme ich dafür einen Goldbarren?“

Kommissarin Katharina Tanner stand lachend vor ihm und überreichte ihm tatsächlich einen Goldbarren.

„Grazie mille, signora, ich liebe die Schweizer Goldschokolade. È molto buona!“

Die Kommissarin schlug Beppe vor, zuerst die Stadt zu besichtigen und anschließend in ihr Büro zu gehen.

„Das Auto lassen wir lieber stehen! Zu Fuß haben wir in einer Stunde bereits das Wichtigste gesehen. Bern ist eine kleine Stadt.“

„Die Distanzen sind viel kürzer als in Neapel“, stellte Beppe fest, als sie nach knapp zehn Minuten bereits bei der Großen Schanze vor dem alten Hauptgebäude der Universität ankamen.

Draußen trafen schon die ersten Studentinnen und Studenten ein, teilweise mit verschlafenen Augen, offenbar vom Partywochenende. Am Montag waren Langeweile und Frust bei den jungen Leuten deutlich sichtbar. Das kam Beppe von seinem eigenen Studium bekannt vor, der erste Uni-Tag nach dem freien Wochenende war immer der mühsamste gewesen.

Diejenigen, die mit den Fahrrädern gekommen waren, stellten sie bei den Unterständen ab und begaben sich mit gesenktem Haupt in das Gebäude, als kehrten sie von einer verlorenen Schlacht heim. Die Mehrzahl der Studierenden wirkte auf Beppe ziemlich distanziert, man hörte nur wenige reden und lachen. Ganz anders in Neapel, da war bereits früh am Morgen ein Geschnatter und Gelächter beim Eintreffen der Studenten vor der Universität wie sonst nirgendwo auf der Welt.

„Die Temperaturen machen halt viel aus, ohne Sonne wäre auch ich kühler“, sagte Beppe zur Kommissarin, und sie nickte zustimmend.

Auf der Großen Schanze betrachteten sie das Panorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau.

„Das sieht ja genauso aus wie auf den Ansichtskarten“, freute sich Beppe und war insgeheim froh, dass die Berge mit so viel Schnee ziemlich weit entfernt waren, denn ein wenig ungeheuerlich erschienen sie ihm, dem gebürtigen Neapolitaner, schon.

Als er ein Kind gewesen war, hatte es in Neapel einmal geschneit. Es hatte damals nur fünf Zentimeter Schnee auf der Straße gelegen, trotzdem hatte ihn seine Mamma nicht in die Schule geschickt, weil sie fand, das sei zu gefährlich.

Mit dem Lift fuhren sie von der Großen Schanze in das Untergeschoss des Bahnhofs, erneut vorbei an den Gerüchen der verschiedenen Stände und Fressbuden. Vor dem heiligen Christophorus salutierte Beppe kurz, bevor sie beide die Rolltreppe zur Loeb-Ecke hinauffuhren. Diesmal funktionierte sie, es war schließlich Montag, ein ganz normaler Arbeitstag.

Vor dem Bundeshaus begegnete ihnen ein gepflegter Herr.

„Guten Tag Herr Couchepin“, begrüßte ihn die Kommissarin erfreut, als wäre er ein alter Bekannter.

„Bonjour Madame“, erwiderte der Herr höflich und eilte davon.

„Voulez-vous Couchepin avec moi?“, witzelte Beppe. Die Kommissarin warf ihm einen ernsten Blick zu.

„Lassen Sie das, Beppe, das war soeben unser Bundesrat, Herr Pascal Couchepin.“

Beppe duckte sich wie ein geschlagener Hund.

„Na und, ich konnte doch nicht wissen, dass ein solcher Riese bei euch im Bundeshaus sitzt. Schließlich ist Berlusconi bei uns in Italien nur halb so groß! Trotz der neuen transplantierten Haare auf seiner Glatze.“

Jetzt musste auch die Kommissarin lachen, und gut gelaunt schlenderten sie noch ein wenig durch die Lauben der Berner Altstadt. Beppe schlug vor, einen Espresso zu trinken.

„Den können wir in meinem Büro trinken, kommen Sie, wir gehen zum Hauptkommissariat!“

Beim Waisenhausplatz mussten sie sich durch eine lange Schlange von Wartenden ins Hauptgebäude der Polizeiwache kämpfen.

„Was wollen all diese Leute hier? Gibt es Gratissuppe wie bei uns in Neapel?“

„Alles Klienten, die wegen einem Diebstahl oder einem anderen Delikt kommen.“

„Allora, dann gibt es für die Berner Polizei ja viel zu tun! – Mamma mia, ich glaubte, hier in die vacanze zu kommen, und was ist: Eine 20 Meter lange Schlange voller Probleme!“


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Der Schweizer Autor Daniel Himmelberger ist nicht nur für seine fantasievollen Kriminalromane, sondern auch für sein feines Gespür zur poetischen Klaviermusik bekannt. Seine Romane spielen einerseits in der beschaulichen Schweiz, darüber hinaus aber auch grenzüberschreitend in Italien, Chile oder Deutschland, wo das Verbrechen keinen Halt macht.

Der italienischstämmige Autor Saro Marretta ist in Sizilien aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Die Heimat Sizilien spiegelt sich in seinen Gedichten, Romanen, Ratekrimis sowie im Spaghettibuch, das mit farbigen Illustrationen von Ted Scapa zu einem Bestseller wurde. Saro Marrettas Werk wurde u.a. mit dem Goldoni Preis in Venedig ausgezeichnet.

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