Mord extra scharf

Der Kopf blickte Darina unheilvoll an. Seine Ohren waren gespitzt, und zwischen den scharfen weißen Zähnen klemmte ein glän­zender roter Apfel. Genauso könnte es aus­gesehen haben, als Rotkäppchen im Maul des bösen Wolfes verschwand. Armes, wehrloses Schwein, dachte Darina. Ich habe dich so verkleidet und dein Aussehen so sehr verändert, dass niemand glauben wird, dass du nichts Schlimmeres getan hast, als in deinem Koben herumzuwühlen. Sie platzierte den fettglänzenden Kopf auf dem dafür vorgesehenen Ständer. Dann trat sie einen Schritt zurück, um ihre Arbeit zu begutachten.

Der lange Refektoriumstisch bog sich fast unter der Last der Speisen. Sie ging langsam um ihn herum und be­trachtete das Festgelage.

Mittelalterliche Zwiebelkuchen aus Englands erstem Kochbuch standen neben Platten mit mariniertem Hering. Pepys hatte marinierten Hering geliebt. Das mit Kräutern und Gewürzen zubereitete Rindfleisch war ein altes Melton-Mowbray-Rezept, und Darina konnte schon fast hören, wie man sich später über die Zusammensetzung der Ge­würze den Kopf zerbrechen würde. In der Küche stand noch das Lamm Monchelet – ein altes Eintopfrezept, das aus der gleichen Quelle wie der Zwiebelkuchen stammte. Kurz bevor das Fest begann, würde es zusammen mit einem Spanferkel und einer ganzen Rinderlende auf den Tisch kommen.

Die Yorkshire-Weihnachtspastete stand bereits auf ihrem Platz. Darina sah sie zärtlich an, denn dieses Gericht liebte sie ganz besonders. Ein Huhn war mit einer Taube gefüllt und dann in eine Ente gesteckt worden, welche wiederum eine Gans füllte, die in einen Truthahn passte. Das Geflü­gel steckte in einer Hülle aus Pastetenteig, der wundervoll geformt und dekoriert worden war.

Über den ganzen Tisch verstreut standen kleine Paste­ten, Flammeris, in Butter gedünstete Orangen, Sillabubs und Fruchtcremes. In der Küche dampften Ragouts aus Steak-, Nieren- und anderen Zutaten. Die einzige große Aufgabe, die ihr jetzt noch bevorstand, war das Arrangement der Salmagundis, den kunstvollen Salaten aus dem achtzehnten Jahr­hundert, die an beiden Enden des langen Tisches einen hübschen Akzent setzen würden.

Vierzig Mitglieder der Gesellschaft für historische Koch­kunst würden sich an diesem Wochenende hier zu ihrem zweiten jährlichen Treffen versammeln. Es würde Vor­träge, Diskussionen und endlose Festessen geben. Ob man sich wohl von dem, was sie da aufgetischt hatte, beeindruckt zeigen würde? Und was noch wichtiger war: Würde es genug für alle sein? Diese Leute gehörten nicht zu denen, die ständig auf ihre Taille achteten und nur an den Spei­sen naschten – diese Gourmets besaßen die Aufnahme­fähigkeit von Hausschweinen nach einer langen Hunger­periode. Immer wieder würde man zum Büffet gehen. Jedes Gericht würde probiert, in seine Bestandteile zerlegt werden – sowohl verbal als auch auf dem Teller. Man würde sich streiten, welche Zutaten benutzt worden waren, ob das Essen angemessen präsentiert wurde und ob man es schon einmal besser gegessen hatte. Wie würde wohl das letzt­endliche Urteil lauten?

Im letzten Jahr hatte Darina nur bei der Vorbereitung der Festessen geholfen. Verantwortlich war eine berühmte Köchin gewesen – der die Belastung fast zu viel geworden war, und Darina hatte damals mehr Zeit damit verbracht, das Selbstbewusstsein der Köchin zu stärken als mit dem Kochen. Nach der gründlichen Inquisition durch grim­mige Experten musste die berühmte Köchin erst einmal mit erheblichen Mengen Maltwhisky wiederbelebt werden. Nie wieder, hatte sie danach geschworen. Kein noch so großes Lob für ihr Essen konnte sie dazu bewegen, sich noch einmal solch bohrender Kritik auszusetzen. Wer fragte schon danach, ob das Mehl für feine Weißbrötchen sorgfältig aus Vollkornmehl zu vollendeter Weiße gesiebt worden war oder ob es aus einem Paket gebleichten Weiß­mehls stammte? Die Gesellschaft für historische Kochkunst tat es. Für sie waren Authentizität und Geschmack un­trennbar miteinander verbunden.

Doch für Darina stellte es eine Herausforderung dar, die sich wohltuend von der Herstellung vollendeter kleiner Meisterwerke der Haute Cuisine unterschied, die immer stärker dem Einfluss der Nouvelle Cuisine unterlag, egal, ob es sich um eine Karotte oder um eine kalorienarme Sauce handelte. Und das alles nur für gelangweilte Gast­geberinnen in Mayfair oder stressgeplagte Direktoren, die wahrscheinlich sowieso lieber Lammkoteletts mit Kartof­felbrei gegessen hätten. Aber Essen war mittlerweile zum Statussymbol geworden, und deshalb konnte man Brot­pudding seinen Gästen erst wieder anbieten, nachdem Anton Mosimann eine verfeinerte Variante davon im Dorchester serviert hatte. Nun galt Brotpudding als »chic«. Und ein gegrilltes Kotelett musste dadurch vor der Lächerlich­keit bewahrt werden, dass man es mit mehrfarbigen Sau­cen und einem sorgfältig akzentuierten Klecks frischen Frucht-Chutneys verzierte.

Aber dieses Essen hier, dachte Darina und blickte zu­frieden über den Tisch, war richtiges Essen. Sie war auf De­batten über Zutaten, Methoden und Zubereitungsweise vorbereitet. Und sie war bereit, ihre Gerichte zu verteidi­gen. Eigentlich freute sie sich sogar auf Wortgefechte dar­über, dass es doch eigentlich unmöglich war, die Zutaten und die Bedingungen zu schaffen, die für die Speisen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts erforderlich waren – ganz zu schweigen von den Gerichten des Mittelalters oder der Stuart-Zeit. Das gehörte alles zu den Freu­den, die dieses Wochenende bieten sollte.

Die schwere Eichentür an einem Ende der Halle öffnete sich, und der Vorsitzende der Gesellschaft trat ein.

»Darina, Liebes!« Er umarmte sie herzlich und hielt sie dann auf Armeslänge von sich weg. Sie blieb regungslos stehen und ließ sich von Digby Cary ausführlich mustern.

»Ich weiß nicht, was ich zuerst vernaschen soll – dich oder dein Essen!« sagte er.

Darina seufzte. Sie machte sich keine Illusionen über ihr Aussehen. Zum einen war sie zu groß – fast eins achtzig. Ihre Mutter war eine zierliche, zerbrechliche Erscheinung mit blonden Haaren, Porzellanhaut und so zartem Kör­perbau, dass alle Männer herbeieilten, um sie vor den Stür­men des Lebens zu schützen. Niemand eilte herbei, um Darina zu beschützen – man bewunderte sie wahrschein­lich eher wegen ihrer Fähigkeit, einen Reifen zu wechseln oder einen schweren Einkaufskorb zu heben. Ihre Haare waren zwar blond, weigerten sich aber standhaft, sich zu locken. Wie oft hatte ihre Mutter geseufzt, wenn sie die Lockenwickler aus dem Haar ihrer Tochter nahm und die schweren Haare wieder glatt den Rücken herunterhingen. Inzwischen verzichtete Darina auf jeglichen Aufwand und hielt ihr Haar nur mit einer einfachen Spange ordentlich zurück, sodass es wie Sahne ihren Rücken hinabfloss.

Ihre Mutter sah auch in Darinas regelmäßigen Ge­sichtszügen keinerlei Vorteile. »Männer beten eine kleine Stupsnase oder Grübchen einfach an, Liebling. Aber deine Wangenknochen sind einfach zu kräftig, deine Nase ist zu gerade – und musst du dein Kinn immer so energisch vor­strecken? Zumindest ist deine Haut rein – man kann sie mit gutem Gewissen als Pfirsichhaut bezeichnen, aber lei­der sind graue Augen völlig unromantisch. Wenn du dich nur ab und zu ein bisschen mehr aufregen würdest – dann werden sie nämlich beinahe grün. Ein wenig mehr Tem­perament täte dir nur gut, Liebling.«

Aber Darina hatte aus nächster Nähe beobachten kön­nen, was Temperament den Menschen antun kann, die einem nahestehen. Sie hatte zugesehen, wie ihr Vater sich hinter einer Mauer aus Höflichkeit zurückzog und immer seltener zu Hause war – was nicht schwierig für einen viel­beschäftigten Landarzt ist. Nein, Temperament war nichts für sie. ‚

Sie sah zu Digby auf – es gab nicht viele Männer, bei denen sie das tun konnte, aber der Vorsitzende der Ge­sellschaft war in jeder Hinsicht herausragend. Nur ein bös­williger Mensch würde Darinas gute Figur als ungeschlacht bezeichnen, aber niemand würde wohl je zögern, Digby riesig zu nennen. Mit seinen ein Meter neunzig und sei­nem Löwenkopf überragte er jeden. Durch das Fernsehen war sein Gesicht so bekannt wie das eines Filmstars – und er war ebenso attraktiv. Sein dauernder Kampf gegen sein Übergewicht war bis jetzt erfolgreich verlaufen, und seine Persönlichkeit war ebenso beeindruckend wie seine Kör­pergröße.

Das Lächeln, mit dem er jetzt auf Darina hinunterblickte, war charmant und voller Gutmütigkeit. Sein Gesicht legte sich in unzählige, tiefe Lachfältchen, und die hellgrünen Augen zwinkerten ihr herzlich zu. Sein Blick wurde aller­dings etwas kühler, als sie sich aus seinen Armen wand und auf den Tisch deutete.

»Was meinst du, Vetter Digby, wird das Festmahl die Prü­fung bestehen, wird es bei den Mitgliedern der Gesellschaft Begeisterung hervorrufen?«

Die Lachfältchen wurden zu Falten, als er die Stirn run­zelte. Er weigerte sich, dem Büffet auch nur einen Blick zu schenken. »Warum nennst du mich Vetter Digby, Darina, Liebes?«

»Ich halte es für sehr passend – zumindest an diesem Wo­chenende. Es klingt so schön nach achtzehntem Jahrhun­dert. Und schließlich muss ich immer, wenn ich dich sehe, daran denken, dass ich deine einzige noch lebende Ver­wandte bin.«

»Nun ja, wenn du damit einverstanden wärest, dass Vet­ter und Cousine sich küssen, dann würde dieser Titel eines gewissen Charmes nicht entbehren!« Als sie ungeduldig einen weiteren Schritt zurückwich, hob er die Hand. »Ich weiß, ich habe versprochen, nicht wieder damit anzufan­gen, aber du siehst unwiderstehlich aus, wenn du Mehl auf der Nase hast.«

Er zog sein Taschentuch heraus und wischte ihr das Ge­sicht ab. Darina musste unwillkürlich lächeln, als er ihr mit dem Tuch einen zärtlichen Stups auf die Nase gab. »So ist es besser«, sagte er und ließ das Taschentuch wieder in sei­nem Ärmel verschwinden. Er sah ihr noch einen Augen­blick lang tief in die Augen und wandte sich dann dem Tisch zu.

Die Yorkshire-Weihnachtspastete fiel ihm sofort ins Auge. »Das ist also dein Chef d’œvre? Ich muss dir ein Kom­pliment machen, meine Liebe – das ist ein Kunstwerk.« Der neckende Ton war aus seiner Stimme verschwunden, jetzt sprach er von Profi zu Profi. »Und dieser Eberkopf ist su­perb!«

Digby ging um den Tisch herum, begutachtete den ma­rinierten Hering, schnitt sich ein winziges Stück von dem gewürzten Rindfleisch ab und prüfte den Geschmack mit der Sorgfalt eines Weinkenners auf einer Weinprobe. Mit dem Ausdruck höchster Anerkennung auf seinem Gesicht bewegte er sich auf die in Butter gedünsteten Oran­gen zu. »Es ist zu traurig, dass man all diesen süßen Krea­tionen abschwören muss. Ich sähe es lieber, wenn jeder die­ses verführerische Gift links liegen ließe, aber zwei­fellos wird das meiste einfach verspeist werden, ohne dass man den üblen Wirkungen auch nur einen Gedanken wid­met.«

Darinas Körper war vor Nervosität ganz angespannt, während sie ihn beobachtete, wie er um den Tisch herumwanderte. Das war vor allem darauf zurückzuführen, dass sie Digbys Urteil ziemliches Gewicht beimaß. Schließlich richtete er sich auf. »Ich bin stolz auf dich, meine Liebe. Ich selbst hätte es nicht besser machen können.«

Darina entspannte sich – das war kein leeres Kompli­ment. Der Vorsitzende der Gesellschaft war nicht nur der Autor unzähliger Kochbücher – nein, er hatte auch für ein paar historische Fernsehserien das Essen zubereitet. »Ich wusste, dass ich recht hatte, als ich dich letztes Jahr enga­gierte und dieses Jahr darauf bestanden habe, dir allein die Verantwortung zu übertragen – obwohl man mich ange­fleht hat, doch jemanden zu wählen, der sich bereits einen Namen gemacht hat.«

Darina sonnte sich einen Augenblick lang in seinem Lob. »Es hat mir Spaß gemacht«, bekannte sie ehrlich. »Danke, dass du mir diese Chance gegeben hast.«

Als Digby weiter nur dastand und sie mit jenem Lächeln ansah, das die Zuschauer seiner Fernseh-Kochkurse so liebten, wich Darinas Befriedigung über sein Lob einem Gefühl des Unbehagens. »Komm und schau dir die Küche an«, schlug sie vor, drehte sich um, führte ihn aus dem Refektorium mit der hohen Decke aus dem fünfzehnten Jahrhundert, dann an dem Paravent aus durchbroche­nem Holz vorbei und schließlich durch eine Ecktür. Ein kurzer Flur mündete in eine Treppe, von der ein weite­rer Gang abging, an dessen Ende eine massive Holztür zu sehen war, die wiederum in die riesige Küche führte. Eine hohe vom Rauch der Jahrhunderte dunkle Decke und geräumige Regale, in denen Steingutgeschirr und Kochutensilien standen, erfreuten zwar das Herz eines jeden Menschen, der sich mit historischer Kochkunst befasste, brachten aber jeden modernen Koch zur Verzweif­lung.

Aus den Tiefen eines riesigen Warmhalteofens zog Darina eine große Pfanne, die mit dampfendem Wasser ge­füllt war. In der Pfanne standen die Steak- und Nierenra­gouts. Digby konnte ihre Anzahl nur schätzen. Aber er kreischte fast vor Entzücken, als sie das Spanferkel aus dem Ofen zog, dessen Schwarte gerade goldbraun wurde. Aus einem elektrischen Backofen daneben nahm Darina eine riesige Rinderlende und pinselte das rosige Fleisch und das cremige Fett mit heißer Butter ein. »Wundervoll!« rief er. »Es tut mir nur leid, dass wir kein offenes Feuer mit Spieß aufgetrieben haben. Wir müssen nächstes Jahr daran den­ken. Fleisch, das auf diese Weise geröstet wird, ist unver­gleichlich.«

An einem großen Kieferntisch in der Mitte der Küche arbeitete Darinas Assistentin. Sie arrangierte gerade ver­schiedene kleingeschnittene Fleischstücke und Salatzuta­ten um einen Reisberg. Die wechselnden Farbschattierun­gen aus hellem und dunklem Grün, rosigem Braun und warmen Cremefarben verliefen bis zur Mitte des Reishü­gels, dessen Spitze eine Zitrone und ein großer Rosmarin­zweig krönten. Zwei identische Schüsseln mit Salmagundi wurden auf ähnliche Weise arrangiert.

Digby sah zu, wie die geschickten Hände die vielfarbigen Ringe mit Ringelblumenblüten verzierten. Sein Blick ruhte auf dem ernsten Gesicht, den schwarzen Locken und den straffen Brüsten, die sich unter dem weißen Overall wölb­ten. »Was für ein kunstvolles Arrangement, meine Liebe«, flüsterte er in das rosige Ohr. Das Mädchen lief rot an und ließ eine Blüte fallen.

Digby wandte sich wieder Darina zu. »Ich sehe, dass für unser Fest alles in Ordnung ist. Aber wie steht es mit mei­nem Büro? Ist das bereits organisiert?«

Darina führte ihn aus der Küche, durch den Flur in einen Raum, der sonst das Zimmer der Haushälterin war. In Glas­schränken standen Gläser mit Eingemachtem. Auf einem bemalten Schränkchen befanden sich ein paar Küchen­utensilien: eine Gewürzmühle, eine altertümliche Eiscre­memaschine und ein kleines Wunder viktorianischer In­genieurskunst – eine Maschine, die Äpfel schälte. Auf den Regalen prangte eine Sammlung schimmernder Kupfer­töpfe.

Vor einem hohen, schmalen Fenster stand ein Tisch. Darauf befanden sich eine Schreibmaschine, Kartons voller Bücher und Papiere und eine Ansammlung langer blauer Pappkästen unterschiedlicher Größe. Digby öffnete den kleinsten und packte sehr scharfe Küchenmes­ser aus. Er zog eins heraus, schaute sich um und legte es dann auf einen kleinen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Das wiederholte er auch bei den anderen Schachteln, sodass schließlich ein halbes Dutzend Messer unterschiedlicher Größe auf dem Tisch lagen.

Darina nahm eines auf, prüfte, wie gut es in der Hand lag und fuhr dann mit dem Daumen über die Schneide. »Was für herrliche Messer!« rief sie.

Digby lächelte zufrieden. »Bester deutscher Edelstahl, meine Liebe, kalt gehärtet, mit einem guten Anteil Mo­lybdän, pflegeleicht und wundervoll im Gebrauch.«

Darina musste grinsen. »Du klingst wie ein Werbespot.«

Er nahm ihr das Messer aus der Hand und legte es wie­der zu den anderen. »Ich biete den Mitgliedern die ein­malige Gelegenheit, diese Messer von hoher Qualität, die es nicht auf dem freien Markt zu kaufen gibt, zu erwerben, und das auch noch zu einem sehr vorteilhaften Preis. Sie sollten mir alle sehr dankbar sein.« Er drehte sich um, riss das Packpapier von einem großen Paket herunter und ent­nahm ihm ein paar Exemplare eines Buches mit glänzen­dem Einband. Eins reichte er Darina.

Das Schatzkästlein des Konditors lautete der Titel. Er war in schwarzen Lettern auf ein farbiges Titelbild gedruckt, auf dem reichgeschmückte Kuchenformen, kleine Pasteten und Torten zu sehen waren. In kleineren Buchstaben er­klärte ein Untertitel, worum es sich bei dem Buch handelte, nämlich um Eine Geschichte der Kuchen und Torten in England vom Mittelalter bis zur Moderne. Darauf folgte in Großbuch­staben der Name des Autors.

»Mein neuestes Werk«, erklärte Digby unnötigerweise mit bescheiden gesenkter Stimme.

Darina blätterte das Buch durch. »Es sieht toll aus«, sagte sie ehrlich. »Es ist alles so detailliert. Woher in aller Welt nimmst du die Zeit für deine Forschungen? Bei deinen Fernsehserien, Zeitungskolumnen und den ganzen Vor­führungen dürftest du eigentlich keine freie Minute mehr haben.«

»Ach, dafür interessiere ich mich doch schon ein Leben lang, ich musste es nur niederschreiben«, erwiderte Digby leichthin. Er nahm ihr das Buch ab, schrieb etwas auf das Deckblatt und gab es ihr wieder. »Für die liebste Darina von ihrem ergebenen Bewunderer Digby« stand jetzt dar­auf.

Darina wurde rot. »Danke«, sagte sie und sah dabei so aus, als hätte sie das Buch am liebsten wieder zurückgege­ben. »Ich nehme an, du hoffst, die anderen Exemplare an die Mitglieder zu verkaufen?«

Digby legte ein paar aufgeschlagene Bücher auf die Bücherstapel, mit denen er die Messer umgeben hatte. »Mit einer Widmung des Autors sollten sie eigentlich weg­gehen wie warme Semmeln.« Er sah mit strahlendem Be­sitzerstolz auf den Tisch. »Ich werde die Mitglieder mor­gen hierherführen. Wenn sie positiv reagieren, könnte man daran denken, nächstes Jahr ein paar Stücke mehr an­zubieten.«

»Es überrascht mich, dass du nie ein Fachgeschäft für Küchenzubehör aufgemacht hast«, erklärte Darina trocken.

Digby grinste. »Das wäre eine Überlegung wert, meine Liebe. Also – würdest du gerne als Teilhaberin in dieses Unternehmen einsteigen?« Er trat einen Schritt vor und legte seine großen gutgeformten Hände auf ihre Schul­tern. Dabei blickte er sie unsicher an, was völlig untypisch für ihn war. »Du weißt, was ich für dich empfinde, meine Liebe. Und da ich jetzt ein freier Mann ohne Bindungen bin – Gott schenke der Seele der armen Sarah Frieden –, warum sollte aus uns nicht ein Team werden? Stell dir nur vor, was wir zusammen erreichen könnten, was wir der Welt geben könnten!« Die grünen Augen tauchten tief in ihre grauen hinab. Dann neigte er den Kopf und küsste sie.

Darina stand steif und regungslos da, ihre Arme hingen schlaff herunter, ihre Lippen waren fest zusammengepresst. Nach einem Augenblick seufzte der große Mann und gab sie frei. Seine Lippen pressten sich zusammen, und seine Augen wurden schmal, als sie sofort zwei Schritte zurücktrat und sich so außer Reichweite begab.

»Es ist nicht nötig, so auf mich zu reagieren, meine Liebe«, meinte er leichthin, aber Darina überlief unwill­kürlich ein Schauer, als sie den drohenden Unterton in sei­ner Stimme hörte. »Wir wollen doch nicht vergessen, wer dich bei der Gesellschaft für historische Kochkunst einge­führt und dich zu einer Größe auf der kulinarischen Land­karte gemacht hat. Denke dran – ich kann eine Reputation nicht nur schaffen, sondern auch zerstören.«

Darina reckte das Kinn und erwiderte seinen Blick kühl. »Ich weiß, wie einflussreich du bist, Digby, und ich habe auch gesehen, wie zersetzend die Kritik sein kann, die aus deiner Feder kommt – aber bisher nur denjenigen gegen­über, die deinen kulinarischen Ansprüchen nicht genüg­ten. Aus purer Rachsucht hast du bis jetzt, soweit ich weiß, noch niemanden in die Pfanne gehauen. Schließlich hast du eben erst gesagt, dass das Essen deine Zustimmung fin­det.« In ihrer Stimme lag eine Spur Verachtung.

Er sah sie abschätzend an. Dann lächelte er plötzlich, ein strahlendes, treuherziges Lächeln voll verbindlichen Charmes. Es zerstreute die bedrohliche Atmosphäre, die in dem Zimmer entstanden war.

»Wie gut du mich doch kennst, meine Liebe. Dein Ruf ist für dieses Wochenende gesichert. Aber wer weiß, wel­che Gelegenheiten ich in Zukunft nutzen könnte oder nicht, um deinen Weg zu lenken.«

»Ach, Digby«, seufzte jetzt Darina, »glaub nicht, dass ich dir nicht dankbar für das bin, was du für mich getan hast. Oder dass ich dich nicht bewundere. Ich halte dich für einen der größten lebenden Kochbuchautoren unserer Zeit. Ich bin stolz darauf, dass wir miteinander verwandt sind, aber …« Sie hielt inne und suchte nach den passen­den Worten.

»Ich weiß«, erwiderte er sanft, »du möchtest, dass wir gute Freunde bleiben, ja?«

Sie lächelte dankbar.

»Nun, meine Liebe, genau das werden wir sein. Und wer weiß – mit der Zeit wirst du vielleicht merken, dass aus der Freundschaft mehr geworden ist. Aber ich werde dir den nächsten Schritt überlassen.« Er drehte sich würdevoll um und begann, die Bücher und Messer neu zu arrangieren.

Darina sah, wie seine Hand leicht zitterte. Sie wollte noch irgendetwas sagen, aber ihr fiel nichts ein, also ging sie zur Tür.

»Ach, Darina«, vernahm sie Digbys Stimme, »ich hätte beinahe vergessen dir zu sagen, dass jede Minute ein Fern­sehteam hier eintreffen wird.«

»Fernsehen?«

»Nur der Lokalsender, aber sie sind sehr daran interes­siert, eine Sendung über dieses Wochenende zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass es an der Zeit ist, der Gesellschaft noch etwas Profil zu verleihen, und vielleicht wird die Re­portage ja auch landesweit ausgestrahlt.« Digby fuhr sich jetzt vollkommen ruhig mit einer Hand durch seine Löwen­mähne.

»Und Nicholas hat zugestimmt?« fragte Darina erstaunt.

»Ach, Nicholas! Wir beide wissen doch, was unser guter Professor von jeder Art Publicity hält! Aber zurzeit bin ich der Vorsitzende, und ich habe diese Entscheidung getrof­fen. Ach ja«, fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, »die Leute vom Fernsehen möchten vor dem Dinner ein paar Aufnahmen vom Tisch machen – du sorgst besser dafür, dass Nicholas Bescheid weiß.«

Digby wandte sich jetzt seinem Schreibtisch zu, spannte ein Blatt Papier in die Schreibmaschine, schlug einen No­tizblock auf, setzte sich hin und fing an zu tippen. Das Ge­spräch war beendet.

Darina musste sich dazu zwingen, die Tür leise zu schließen. Am liebsten hätte sie sie laut zugeknallt, um der Mischung aus Verärgerung, Mitleid, Schuldgefühl und Ab­scheu, die Digby seit neuestem stets bei ihr erzeugte, Luft zu machen. So war es nicht immer gewesen. Als sie er­wachsen wurde, war er für sie der glänzende, aufregende Held gewesen, dieser Vetter, der immer größeren Erfolg in jener Welt hatte, die immer anziehender für sie wurde, als sie selbst mit dem Kochen begann. Eine Zeit lang hatte sie ihn schwärmerisch geliebt, aber damals hatte er von sei­ner schlaksigen Cousine nur wenig Notiz genommen und sie nur mit ihren ersten Kochversuchen geneckt. Wann hat­ten sich ihre Gefühle ihm gegenüber gewandelt? Nach dem Tod ihres Vaters, als er seine Besuche sofort eingestellt hatte? Oder als sie ihn als Erwachsene in London wieder­sah und er mit Sarah verheiratet war?

Während sie über den Flur an der Küche vorbei und die Treppe hinaufging, versuchte Darina zu analysieren, welche Gefühle sie für Digby hegte. Der Grund für ihre Ab­neigung lag sicher in der Art und Weise, wie er Sarah be­handelt hatte. Aber warum hatte sie trotzdem Mitleid mit diesem Mann, der so viele Gesichter hatte und auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand? Dafür konnte sie keine logische Erklärung finden. Es konnte höchstens mit den Schuldgefühlen zusammenhängen, die sie empfand, weil sie ihre Teenagerliebe nicht wiederbeleben konnte. Aber sie war inzwischen neunundzwanzig und ein völlig ande­rer Mensch. Auch Digby hatte sich geändert. Mit vierzig traten die dunklen Facetten seines Charakters stärker zu­tage als zu der Zeit, als er mit seinem Onkel, der für ihn so etwas wie ein Ersatzvater gewesen war, über die Feldwege spaziert war. Ach, wenn Sarah doch nicht gestorben wäre, war Darinas letzter Gedanke, als sie durch das Refektorium ging, um Professor Turvey zu suchen.

In der Haupthalle des Konferenzzentrums der Abtei stand Professor Turvey und studierte sei­nen Klemmhefter. Obenauf lag eine Liste mit Namen, von denen die meisten ordentlich mit einem roten Stift durchgestrichen waren. Der rote Kugelschreiber klemmte daneben.

Der Mitbegründer der Gesellschaft für historische Koch­kunst war extrem dünn. Nur die Tatsache, dass er auch ex­trem groß war, verhinderte es, dass die beiden leitenden Mitglieder der Gesellschaft den Anblick eines Komiker­duos boten, wenn sie nebeneinanderstanden. Abgesehen von der Größe hatten sie keinerlei Ähnlichkeit miteinan­der. Während auf Digbys Kopf ein dichter Schopf wuchs, kämmte Nichola Turvey einzelne Strähnen über die kahlen Stel­len, in dem immer verzweifelteren Versuch, diese zu über­decken. Während die Falten Digby ein würdevolles Ausse­hen gaben, glich Nicholas eher einer Karikatur: Eine hohe Stirn verengte sich auf geradezu lächerliche Weise bis hin zu einem fliehenden Kinn. Der Kopf schien nur durch die abstehenden Ohren zusammengehalten zu werden. Die Wärme in seinen haselnussbraunen Augen gab ihm das Aussehen eines pfiffigen Streifenhörnchens. Doch viel zu häufig wich dieser Gesichtsausdruck einer Mischung aus Verblüffung und Zorn.

Als Darina aus dem Refektorium trat, erhellte sich das Gesicht des Professors. »Wie geht es mit dem Essen voran?« Die Kiefer des Streifenhörnchens mahlten voller Vor­freude.

»Alles unter Kontrolle. Was ist mit den Mitgliedern? Sind alle eingetroffen?«

Der Professor warf einen Blick auf den Klemmhefter. »Bis auf zwei sind alle da. Es ist so ärgerlich, dass sie zu spät kommen. Eigentlich sollte ich jetzt schon bei den Mitglie­dern sein.« Unbewusst strich er mit einer Hand das Revers seiner samtenen grünen Smokingjacke glatt. Dann rückte er noch die gelbe Fliege in Paisleymuster gerade, ehe seine Hand wie ein herumirrender Schmetterling nach seinem roten Kugelschreiber griff.

Darina holte tief Luft und richtete ihm Digbys Botschaft über das Fernsehteam aus.

»Fernsehen?« Nicholas fuhr auf. Seine Nüstern bebten wie bei einem wilden Tier, das Gefahr wittert. »Welcher Sender?«

»Offenbar der lokale Fernsehsender, und Digby sagt, dass sie vor dem Essen Aufnahmen vom Tisch machen wol­len. Wussten sie denn nicht, dass sie kommen?«

Der kleine Mund verzog sich, und zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Nase bildeten sich weiße Flecken. »Diese ganze Publicity ist so gefährlich. Erst gestern ist im Independent ein Artikel erschienen. Haben Sie ihn gelesen? Es war ein Interview mit Digby, das die Leser angeblich über unsere Gesellschaft und über dieses Wochenende in­formieren sollte. Aber wurde ich etwa darin erwähnt? Wurde etwa meine Arbeit erwähnt?« Nicholas presste die Lippen zusammen und holte tief Luft. Etwas ruhiger fuhr er fort: »Digby merkt anscheinend nicht, dass wir die Kon­trolle über die Gesellschaft verlieren könnten, denn die unpassendsten Leute könnten auf einmal den Wunsch ver­spüren, Mitglied zu werden. Also wirklich, er hat nicht das Recht, so etwas zu organisieren und mir kein Wort davon zu sagen. Fernsehen – das ist die Höhe.«

Und ebenso war es die Höhe, dass Digby es ihr überlas­sen hatte, ihm diese Nachricht zu überbringen, dachte Darina. Er sollte seine Drecksarbeit lieber selbst machen.

»Und zuzulassen, dass sie vor dem Essen filmen – unge­heuerlich! Das wird alles verzögern, und das Essen wird ver­derben!« Die schmalen Schultern krümmten sich, und der lange Körper verkrampfte sich.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, beruhigte ihn Darina. »Ich werde sehen, was wir tun können, um alles ein wenig zurückzuhalten. Und Sie können dem Filmteam ein zeitli­ches Limit setzen.«

»Guten Abend, Mr. Turvey«, erklang eine sanfte Stimme mit bäuerlichem Dialekt von der reichgeschnitzten Holz­treppe. Eine kleine, untersetzte Gestalt erschien. Ihr brau­nes Haar mit den grauen Strähnen war zu einem hübschen Pagenkopf geschnitten, die bemerkenswert breiten Schul­tern steckten in einem Kleid in heidefarbenem Fischgrät­muster. Hinter einer Nickelbrille musterten selbstbewusste, braune Augen die große junge Frau und den noch größe­ren Mann. »Wie schön, Sie wiederzusehen. Ich bin sicher, dass dieses Wochenende ebenso schön wird wie das im letz­ten Jahr.«

Nicholas streckte die Hand aus, und ein herzliches Lächeln erhellte sein Gesicht. »Miss Makepeace! Haben Sie sich schon eingerichtet?«

»Es ist alles sehr hübsch, danke.« Miss Makepeace hielt inne, und ihre klaren Augen, die hinter den dicken Bril­lengläsern leuchteten, blickten an dem Professor vorbei. »Ist Mr. Cary in der Nähe?«

Nicholas Turvey presste die Lippen zusammen, und er verkrampfte sich wieder. Darina eilte ihm zu Hilfe. »Er ar­beitet gerade in seinem Büro.«

Die breiten Schultern strafften sich, und einen Augen­blick lang glaubte Darina, dass Miss Makepeace sie nach dem Weg dorthin fragen würde. Stattdessen machte sie ein energisches Gesicht, umfasste ihre große Lederhand­tasche etwas fester und sagte vorsichtig: »Er wird bestimmt später Zeit für mich haben.«

»Warum gehen Sie nicht hinunter an die Bar?« schlug Darina ihr vor. »Ich bin sicher, dass Sie dort Freunde tref­fen werden, die sie noch vom letzten Jahr kennen. Die Bar ist da hinten«, fügte sie hinzu, als Miss Makepeace nicht zu wissen schien, in welche Richtung sie gehen sollte. Sie zö­gerte wieder einen Augenblick, doch dann wandte sich die untersetzte Frau energisch um und schritt zielbewusst zu der Tür, die Darina ihr gezeigt hatte. Die Tür befand sich am anderen Ende der Halle, und als sie sie öffnete, wehte das Lachen und Schwatzen der Menschen, die schon in der Bar waren, zu ihnen herüber.

»Die liebe Miss Makepeace«, murmelte der Professor, »man würde sie auf den ersten Blick gar nicht für eine Fein­schmeckerin halten. Aber wie ernst sie alles nimmt! Das letzte Mal rannte sie ständig hinter Digby her und ver­suchte, ihn zu einer Diskussion über die mittelalterlichen Torten von Parys zu bewegen, wenn mich meine Erinne­rung nicht trügt. Schließlich konnte sie ihn bei seiner Ab­reise auf der Treppe festnageln. Ich frage mich, wie lange es ihm diesmal gelingen wird, ihr zu entwischen!« Dieser Gedanke erzeugte bei ihm eine gewisse Heiterkeit, die je­doch schnell wieder verflog, als sich die massive Eingang­stür öffnete und ein paar Leute hereinkamen, bei denen es sich nur um das Fernsehteam handeln konnte.

Die Gruppe bestand aus vier kräftigen, jungen Männern, die alle Jeans und Sweatshirts trugen und mit einer Ansammlung von Taschen, Kameras, Beleuchtungs­utensilien und ein paar Aktenkoffern beladen waren, die zum Bersten voll zu sein schienen. Sie setzten alles in der Halle ab. Dann verschwanden sie wieder nach draußen. Ihre Bewegungen waren knapp und geschäftsmäßig. Nur eine Frau blieb in der Halle stehen. Sie hielt ein Klemm­brett in Händen, das mit so vielen Blättern bestückt war, dass das Blatt auf Nicholas Hefter dagegen wie ein Herbst­blatt wirkte, das der kleinste Windstoß wegpusten konnte.

Sie ging auf ihn zu und streckte die Hand aus. »Ich bin Linda Stainmore, und Sie müssen Professor Turvey sein. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen. Ich bin eine große Bewunderin Ihres Werkes Überblick über die archäologischen Fundstellen in England. Wenn ich reise, ist dieses Buch eine Art Bibel für mich.« Leicht vorstehende hellblaue Augen hielten seinen erschrockenen Haselnussaugen mit durch­dringender Intensität stand. Ihre schwarzen Haare glänz­ten wie die einer Chinesin. Die Designerstrickjacke und die cremefarbenen Jeans unterstrichen, was allen bereits klar war – das war nicht die Produktionsassistentin, sondern die Produzentin.

Jemand stellte eine gummierte Reisetasche neben ihr auf den Boden. »Ich glaube, das ist Ihre Tasche, Linda.«

Sie warf einen kurzen Blick darauf und konzentrierte sich dann wieder ganz auf Nicholas. »Digby meinte, Sie wären so nett, mir ein Zimmer für das Wochenende zuzu­weisen. Die Crew wird heute Abend filmen, dann wieder gehen und morgen wiederkommen, aber ich möchte das Flair des Symposiums mitbekommen.«

Nicholas geriet in Panik. Er schaute sich nach der ent­schlossenen Crew um, die immer noch Gerätschaften hin­eintrug. »Ein Zimmer?«, rief er. Er blickte zunächst auf seine Unterlagen und starrte dann wieder Linda an. »Ein Zimmer?«, wiederholte er etwas hysterisch. »Digby hat mir nichts davon gesagt. Es tut mir leid, aber es geht nicht, wir sind völlig ausgebucht!«

Linda schien das nicht zu beunruhigen. »Oh, sicher trei­ben Sie irgendwo ein kleines Mauseloch für mich auf! Wo steckt Digby? Er schien keinen Zweifel daran zu haben.« Ihre Stimme klang befehlend, aber irgendwann schien man Linda Stainmore einmal gesagt zu haben, dass man mit einem Lächeln mehr erreichen konnte. Sie besaß zwar den Charme eines speichelleckenden Vampirs, aber bei Nicholas schien das zu wirken. Er blickte auf die schmale Hand mit den rotlackierten Fingernägeln, die auf seinem Arm lag, und dann in die blauen Augen.

»Ja, also …« Seine Stimme quiekte etwas, und er räus­perte sich und versuchte es noch einmal. »Dann wollen wir uns die Sache noch einmal anschauen.« Er studierte seine Unterlagen.

Linda wartet geduldig. Sie musterte Darina und sah in die Halle. Ihr Blick blieb an den Portraits an den Wänden hängen; die Gesichter unter dem dicken, alten Firnis wirk­ten anonym. Dann sah sie sich die Schnitzereien am Trep­pengeländer an und den schweren Eichentisch, auf dem eine mit Elefanten verzierte Kupferschale stand, die mit einer riesigen Aspidistra gefüllt war. Neben der Pflanze lag ein Stapel dünner Aktenordner, auf denen das Logo der Gesellschaft prangte – ein radschlagender Pfau auf einer großen Servierplatte.

Der rote Kugelschreiber machte ein paar Vermerke in der Anwesenheitsliste. »Da weder Charles Childe noch

Gray Wyndham bis jetzt eingetroffen sind, werde ich dein beiden das Doppelzimmer zuweisen und ihnen das dadurch frei­gewordene Zimmer geben. Es ist zwar klein und hat leider kein Bad, aber Sie werden sich sicher darin wohlfühlen.«

»Wundervoll. Ich wusste, dass Sie es einrichten würden.« Linda sah ihm wieder tief in die Augen, und das Gesicht des Professors überzog eine leichte Röte.

»Okay«, verkündete Linda in geschäftsmäßigem Ton. Ihre gedehnte Sprechweise hatte etwas beinahe Affektier­tes. »Das Zimmer kann warten. Ich würde jetzt gern die Festtafel sehen«.

»Natürlich«, Nicholas war jetzt sehr beflissen. »Das hier ist Darina Lisle, die Schöpferin der Versuchungen des heu­tigen Abends. Darina, meine Liebe, wären Sie wohl so freundlich, Miss Stainmore alles zu zeigen? Ich stoße zu Ihnen, sobald die beiden Nachzügler eingetroffen sind.«

Linda warf Darina einen flüchtigen Blick zu. »Okay, dann führen Sie mich zum Büffet. Und vielleicht kann je­mand Digby Cary auftreiben. Ich brauche ihn, wenn wir die Einleitung zu unserem Feature aufnehmen.«

Nicholas fuhr herum. »Digby bereitet gerade seine An­sprache für morgen vor. Ich bin sicher, dass ich Ihnen hel­fen könnte …« Er brach fragend ab.

»Sie sind sehr freundlich.« Linda versuchte, hilflos drein­zuschauen, was ihr aber völlig misslang. »Aber ich glaube, es muss Digby sein. Der Name, wissen Sie.«

»Auch Professor Turveys Name ist sehr bekannt«, schal­tete sich Darina ein.

»Natürlich, ja.« Linda betonte ihre Worte wie ein Kin­dermädchen, das versucht, einem etwas dümmlichen Kind Mut zu machen. »Aber ja. Aber wir brauchen die Verbin­dung zur Esskultur. In der Öffentlichkeit ist Digby Cary die Esskultur. Und wir sind am Essen interessiert und eigentlich nicht an dem historischen Aspekt. So interessant er auch sein mag«, fügte sie hastig hinzu.

Darina gab es auf und führte Linda in das Refektorium. Das Fernsehteam raffte die notwendigen Gerätschaften zu­sammen und folgte ihnen.

In der Empfangshalle versuchte Nicholas Turvey, den ungeheuren Zorn zu beherrschen, der in ihm aufstieg. Digby, Digby, immer ging es nur um Digby! Einen Moment lang hatte er geglaubt, die attraktive Produzentin würde ihn anziehend finden, und dann war Digbys Name gefal­len und hatte ebenso gewirkt wie seine leibhaftige Gegen­wart – wenn er dann wirklich zugegen war, würde der Ein­druck, den er, Nicholas, auf sie gemacht hatte, dahinschmelzen wie Gelato in der italienischen Sonne. Einen Augenblick lang lichteten sich die Wolken der Eifersucht, und er fragte sich mit der tiefen Neugier des Akademikers, wann die Bewunderung, Achtung und Sympathie, die er einmal für Digby empfunden hatte, in diesen alles zerset­zenden Neid und gelegentlich sogar in heftigen Abscheu umgeschlagen war. Was hatte der großgewachsene Mann ihm getan?

Alles Mögliche, schrie seine frustrierte Seele. Dieses Wochenendsymposium zum Beispiel. War es nicht ursprüng­lich Nicholas‘ Idee gewesen? Und war das erste Wochen­ende nicht ein triumphaler Erfolg gewesen? Warum also sollten bei dieser zweiten Wochenendveranstaltung Digbys Beiträge höher gewürdigt werden als seine? Und seine ganze Publicity! Er konnte klar erkennen, wer hier als der leuchtende Stern in der Gesellschaft für historische Koch­kunst und als einziger Ideengeber hingestellt werden sollte! Und das war einfach nicht fair. Nicholas zitterte vor Hass und eifersüchtiger Wut.

»’n Abend, Professor, weisen Sie uns unsere Zimmer zu?

Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, bin leider auf­gehalten worden.« Ein großgewachsener Mann war durch die große Eingangstür aus Eiche eingetreten. Die Fern­sehcrew hatte sie offengelassen, denn es war ein warmer Abend im Frühherbst.

Nicholas entspannte sich und ging ihm mit einem Lächeln entgegen, das nur einen winzigen Anflug von Boshaftigkeit hatte. »Wyndham, lieber Kollege, wie schön, dass Sie es noch geschafft haben. Zweifellos arbeiten Sie gerade hart an Ihrem Buch – wie geht es mit dem magnum opus voran?«

»Es wird«, erwiderte der Neuankömmling knapp.

»Und wer ist das?« Nicholas‘ Stimme klang spielerisch, als er auf Wyndhams Knie hinunterblickte.

Ein Hund stand neben den langen Beinen. Für Unein­geweihte ähnelte er einem Bettvorleger in einem beson­ders attraktiven Rot. Er hatte einen intelligenten, schma­len Kopf mit schwarzumrandeten Schlappohren. Am an­deren Ende des Bettvorlegers wedelte ein buschiger Schwanz, dessen Spitze ebenfalls schwarz war, während seinen topasfarbenen Augen sich auf den Professor richteten.

Er streckte die Hand aus. Der Hund kam näher und be­schnüffelte sie.

»Ach«, erwiderte sein Herr, »das ist Bracken. Ich hätte mich wohl kundig machen sollen, ob Hunde hier erlaubt sind, aber zur Not kann er im Auto schlafen. Er begleitet mich überallhin.«

»Ich bin sicher, dass wir einen passenden Schlafplatz für ihn finden können.« Der Hund hatte sofort Nicholas‘ Herz erobert, indem er seinen Kopf an den Beinen des Professors rieb und ihn mit sanft bittenden Augen ansah. Doch dann fiel ihm ein, welche Änderungen er im Bele­gungsplan hatte vornehmen müssen. »Aber ich habe Sie leider mit einem anderen Teilnehmer zusammenlegen müssen.«

»Solange Sie ein Zimmer für meinen Freund hier auf­treiben, stört es mich nicht, wo ich schlafe.« Er wollte noch etwas sagen, doch in diesem Augenblick ertönte von der Tür her eine Stimme, in der Verärgerung und Selbstmit­leid mitschwangen, die jedoch auch voll jugendlichen Ch­armes war. »Dieser Ort war wohl der abgelegenste, den Sie auftreiben konnten!«

Vielleicht lag es an der plötzlichen Störung oder am schrillen Ton der Stimme, oder vielleicht war es auch die Art, wie der Koffer hineingeworfen wurde, bevor sein Be­sitzer mit einer Umhängetasche die Halle betrat. Jedenfalls fuhr Bracken herum, jeder Muskel angespannt, die Ohren gespitzt und den Schwanz steil aufgerichtet. Dann drang ein tiefes, drohendes Knurren aus seiner Kehle.

Der Eigentümer des Koffers wich zurück. »Er will auf mich losgehen, halten Sie ihn zurück, halten Sie ihn zurück!«, kreischte er in höchsten Tönen.

Der Hund kam ein paar Schritte näher und bleckte die Zähne. Das Knurren wurde drohender. Aber jede weitere aggressive Handlung wurde durch seinen Herrn unter­bunden, der ihn am Nackenfell packte und ihn zurück­hielt. »Entschuldigen Sie«, sagte er zu dem Mann, der sich ängstlich an die Eingangstür drückte. »Wenn Sie mir aus dem Weg gehen, werde ich ihn nach draußen ins Auto schaffen.«

Schnell wurde die Bahn freigemacht und der Hund hin­ausgeführt. Als er am Objekt seiner Aggression vorbeigezerrt wurde, gebärdete er sich wie ein Wilder und bellte wütend.

Nicholas trat etwas zittrig vor. »Sie müssen Charles Childe sein«, sagte er. »Bitte, kommen Sie doch herein.«

Mit einem nervösen Blick auf die Einfahrt, von der aus immer noch protestierendes Bellen ertönte, ergriff Char­les Childe seinen Koffer und betrat mit angstgeweiteten Augen die Halle. Er stellte den Koffer hin und fuhr sich mit zitternder Hand durch seine zu langen, hellblonden Haare. Dann schloss er für einen Augenblick die Augen, wobei dunkle Wimpern einen Halbmond auf den Wangen bildeten. Während er darauf wartete, dass er sein inneres Gleichgewicht wiedererlangte, fragte sich Nicholas unsin­nigerweise, ob die Wimpern wohl gefärbt waren. Dann hoben sie sich wieder, und ein ungemein charmantes Lächeln wurde ihm zuteil.

»Was für ein Untier! Wie konnte man ihn nur frei her­umlaufen lassen? In aller Öffentlichkeit! Es gibt doch si­cher ein Gesetz dagegen?«

»Der Zwischenfall tut mir unsagbar leid«, entschuldigte sich der Eigentümer, der gerade wieder hereinkam. »Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist, normalerweise greift er nie Menschen an.« Er betrachtete sich den immer noch etwas erschütterten Mann näher. »Hatten Sie schon ein­mal Ärger mit Hunden?«

»Wenn Sie damit meinen, dass ich das Opfer von sinn­losen Attacken war – o ja! Eigentlich kann ich Hunde nicht ausstehen, sie machen mir Angst, seit ich als Kind einmal von einem Schäferhund gebissen wurde.«

»Das ist es also. Hunde spüren das. Sie reagieren nur auf Ihre Unsicherheit, Ihre Angst und Ihre Abscheu.«

»Wollen Sie damit etwa sagen, dass es meine Schuld war?« Die Wut ließ seine Stimme noch schriller werden.

»Leider ja«, entgegnete der andere Mann leichthin, »aber machen Sie sich keine Gedanken, ich werde darauf achten, dass er nicht in Ihre Nähe kommt. Gray Wyndham«, stellte er sich vor und streckte die Hand aus.

Nach kurzem Zögern ergriff der andere sie mit schlaf­fem Druck. »Charles Childe«, erwiderte er.

»Hm, ja«, schaltete sich Nicholas ein, der diese unange­nehme Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, »wie schön, dass Sie beide zusammen eingetroffen sind. Sie werden sich nämlich ein Zimmer teilen.«

Der blonde Mann blickte ihn entsetzt an. »Doch nicht mit dem Hund?«

»Nein, nein, mein Lieber«, verwahrte sich Nicholas ha­stig, »ich versichere Ihnen, dass wir für den Hund einen an­deren Schlafplatz finden werden.«

Nervös musterte er die beiden Symposiumsteilnehmer. Die ganze Sache verlief höchst unglücklich. Was dieses Wo­chenende so attraktiv gemacht hatte, war die Aussicht ge­wesen, dass jeder der Teilnehmer ein Einzelzimmer be­kommen sollte. Das war alles nur Digbys Schuld, dachte er voller Wut auf den Vorsitzenden der Gesellschaft. Wenn Digby der Fernsehproduzentin nicht ein Zimmer angebo­ten hätte, würde er diese beiden Männer nicht zusam­menpferchen müssen. Auch wenn man von dem Zwi­schenfall mit dem Hund einmal absah, handelte es sich bei den beiden sicher nicht um die idealen Zimmergenossen.

Charles Childe war von mittlerer Statur und sehr adrett ­gekleidet. Er trug ein Tweedjackett, dessen unkonventio­neller Schnitt von Giorgio Armani ersonnen war, was Nicholas natürlich nicht wusste, dazu eine cremefarbene Bundfaltenhose und ein lose fallendes, mokkafarbenes Sei­denhemd mit einer gestrickten Seidenkrawatte. Er sah aus, als sei er einer Modezeitschrift entsprungen, denn sogar seine Gesichtszüge hatten den nichtssagenden, glatten Ausdruck eines Dressman.

Gray Wyndham hingegen war die Lässigkeit selbst. Ob­wohl er nicht ganz so groß war wie Nicholas, überragte er den anderen Mann um Längen. Wirre braune Haare um­gaben seinen großen Kopf, und seine regelmäßigen Ge­sichtszüge wurden von einem Bart verdeckt, der – obwohl ordentlich zurechtgestutzt – sein unordentliches Erscheinungsbild nur noch unterstrich. Seine Nase war groß und leicht gekrümmt, und die braunen Augen unter dem wir­ren Haar waren von Tränensäcken umrandet. Sein schlan­ker Körper steckte in einem gut geschnittenen, aber alten, leichten Tweedjackett und Twillhosen, beides außerordentlich konventionelle Kleidungsstücke.

»Gut, dann werde ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen«, raffte sich Nicholas auf.

Beide Männer hoben ihr Gepäck auf und folgten ihm nach oben.

Den Kern des Konferenzzentrums bildete ein elisabethanisches Landhaus, das eigentlich eine umgebaute Abtei war. Vor über zwanzig Jahren war es nach einer buntbe­wegten Geschichte von den Eigentümern eines Firmen­konsortiums erworben worden und diente seither als Kon­ferenzzentrum. Die großen Empfangsräume waren umgebaut worden und dienten jetzt als Bar, Speisezimmer und Sitzungsräume. Zusätzliche Zimmer waren in einem dis­kreten Anbau untergebracht worden, der durch einen überdachten Gang mit dem Hauptgebäude verbunden war, und ein hervorragendes Personal sorgte für den nöti­gen Komfort.

Nicholas führte sie zu einem großen Zimmer, das im er­sten Stock links des alten Hauses lag. Es war wirklich sehr groß. Zwei Einzelbetten klammerten sich aneinander wie zwei Kinder, die sich in der Wüste verirrt haben. An der gegenüberliegenden Wand stand ein moderner, furnier­ter Kleiderschrank. Meilenweit davon entfernt stand ein Ankleidetisch, der ähnlich aussah. Um einen spindelbei­nigen Kaffeetisch am Fenster standen ein paar Sessel, die sehr unbequem aussahen. Aus einer großen Stuckrose an der Decke hing eine Lampe mit einem orangefarbenen Schirm.

Charles Childe schauderte zusammen. »Wer auch immer dieses Zimmer dekoriert hat, würde wahrscheinlich auch Wildlachs zu Fischfrikadellen verarbeiten!«

»Die Stuckarbeiten stammen aus dem siebzehnten Jahr­hundert!« bemerkte Gray Wyndham.

Nicholas nickte glücklich. »Einer von Oliver Cromwells Mitstreitern hat in der Zeit des Commonwealth eine Menge Geld dafür ausgegeben.«

Grays Interesse war geweckt. »Ich freue mich darauf, den Rest des Hauses zu sehen. Wie geht es weiter? Wird es heute Abend noch Vorträge geben?«

»Aber nein! Heute Abend wird gegessen! Es wurde ein Büffet mit Gerichten aus verschiedenen Perioden der Ge­schichte vorbereitet. Wir wollen zunächst über jedes ein­zelne Gericht diskutieren und klären, welche Epoche es re­präsentiert und aus welchen Bestandteilen es zusammen­gesetzt ist. Vielleicht kommentieren wir auch die Unterschiede, die es zwischen der damaligen und der heu­tigen Zubereitungsweise gibt. Erst morgen beginnen die Vorträge. Entschuldigen Sie, ich hätte Ihnen bei Ihrer An­kunft ein Programm geben müssen, aber durch den klei­nen Zwischenfall ist es mir entfallen. Auf dem Tisch neben der Haupttreppe liegt ein kleiner Stapel. Nehmen Sie sich einfach eins herunter, wenn Sie nach unten kommen.«

Danach verließ Nicholas das Zimmer.

Gray Wyndham warf seine Tasche auf eines der Betten und zog den Reißverschluss auf. Charles Childe stellte seine Gepäckstücke vorsichtig auf den Boden und musterte sei­nen unverhofften Zimmergenossen. »Sie entsprechen nicht gerade meiner Vorstellung von einem Gourmet. Was also hat sie zu diesem Wochenende der Völlerei geführt?«

Sein Gegenüber sah ihn belustigt an. »Völlerei? Ich dachte, es sollte eine Reihe gelehrter Ausführungen über die Geschichte der Speisen geben!«

»Nach dem, was ich gehört habe, ist das nur eine Ent­schuldigung für das viele Essen. Genau deshalb bin ich auch gekommen. Mir gehört ein Restaurant«, fügte er hinzu, als er sich in einen Sessel setzte, die Knie überschlug und wartete, welche Reaktion seine Feststellung auslöste.

»Servieren Sie alte Gerichte?«, fragte Gray Wyndham, der gerade den bescheidenen Inhalt seiner Reisetasche sorg­fältig einräumte.

»Nun, ich halte ein oder zwei traditionelle Gerichte, die an den modernen Geschmack angepasst sind, durchaus für eine gute Idee.« Charles wandte den Kopf, blickte aber nur auf Grays Rücken, weil dieser gerade Unterhosen und Socken in eine Schublade stopfte. »Ich denke, mit der nouvelle cuisine ist es langsam endgültig vorbei. Die Gäste wol­len jetzt etwas für ihr Geld bekommen. Besonders meine. Viele davon sind nämlich Schauspieler, wissen Sie. Sie kom­men nach der Vorstellung herein und sind buchstäblich am Verhungern. Ich war früher auch einmal Schauspieler, müssen Sie wissen.« Wieder machte er eine Pause, um die Reaktion seines Zuhörers abzuwarten.

»Ach ja?« Das war nicht gerade eine ermutigende Reak­tion, und Charles fiel etwas in sich zusammen.

Gray Wyndham schloss die Schublade, prüfte nach, ob seine Reisetasche auch wirklich leer war, warf sie oben auf den Kleiderschrank, musterte dann die Gestalt im Sessel und gab nach. »Besitzen Sie Ihr Restaurant schon lange?«, fragte er.

Charles wurde sofort wieder munterer. »Erst seit ein paar

Monaten. Es ist so aufregend! Natürlich braucht man Zeit, um das Geschäft aufzubauen, aber vor ein paar Tagen war Digby Cary bei uns. Aus diesem Grund bin ich eigentlich hier – er hat mir nämlich alles über dieses Wochenende erzählt, und es klang so interessant. Also, wenn wir jetzt noch in seiner Restaurantkolumne gute Besprechungen von ihm bekommen, sind wir gemachte Leute.«

Endlich hatte er die ganze Aufmerksamkeit seines Ge­genübers erregt.

»Digby Cary?«, fragte er andere Mann betont langsam. »Wollen Sie damit etwa sagen, dass er an diesem Fressgelage beteiligt ist?«

»Aber ja, wussten Sie das nicht? Er ist einer der Fixsterne hier.« Charles plapperte glücklich weiter, erklärte, welche Funktion der große Mann bekleidete und sprach über seine begnadeten Führungsqualitäten und seine Gelehr­samkeit. »Und er besitzt diese einmalige Fähigkeit, wirk­lich einflussreiche Menschen in seinen Bannkreis zu zie­hen. Einige der wirklich wichtigen Leute in der Gastrono­miebranche dürften an diesem Wochenende hier sein. Also, wenn ich nur ein paar von denen dazu bringen könnte, in mein Restaurant zu kommen …« Er brach ab, als er bemerkte, dass sein Gegenüber starr und unbeweg­lich dastand. »Stimmt etwas nicht?«, fragte er.

»Ich gehe hinunter und schaue nach meinem Hund«, entgegnete Gray kurz. »Bis später dann.« Ohne ein weite­res Wort zu sagen, stürmte er aus dem Zimmer.

»Mach, was du willst«, murmelte Charles vor sich hin, als die Tür zuknallte. Also, manche Menschen waren wirk­lich … Er stand auf, öffnete seine Reisetaschen, packte sorg­fältig seine Sachen aus und widmete sich der genussreichen Frage, was er wohl zum Abendessen anziehen sollte.


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Ein Darina Isle Krimi

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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. 1980 zog sie mit ihrem Mann nach Somerset und leitete dort Kochkurse. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.

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