Secret Desires – Eisblaue Versuchung

Ich ziehe den Koffer hinter mir her und trete durch die Glastür des Ankunftsterminals. Ein wenig Herzklopfen habe ich jetzt doch. Ich habe es tatsächlich durchgezogen. Vielleicht war es ein wenig feige, Lucas vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch je mehr die Erkenntnis bei mir durchsickert, dass für mich ein neuer, aufregender Abschnitt meines Lebens beginnt, desto befreiter fühle ich mich. Natürlich haben meine Eltern recht. Es war übereilt und planlos und ich bin in der Tat etwas nervös, was mich erwartet, doch ich verwirkliche mir einen Traum.

Ein Jahr Schottland!

Ich kann noch gar nicht fassen, dass ich wirklich hier bin. Der Druck, der auf mir lastete und in den vergangenen Monaten immer stärker wurde, fällt plötzlich von mir ab und ich fühle mich seltsam gelöst. Nach dem Examen schien alles so vorherbestimmt. Referendariat – natürlich nur, wenn Lucas eine Stelle in der Nähe gefunden hätte. Zweites Staatsexamen, feste Stelle und dann … Verlobung, Heirat, Kinder? Die Schienen waren gelegt, die Weichen gestellt und ich? Ich saß in diesem Zug, der ohne mein Zutun dahinraste, während die Landschaft an mir vorbeiflog. Soll das wirklich mein Leben sein? Will ich das?

Ein wenig tut es weh, an Lucas zu denken, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich befreit fühle. Womöglich war er der Richtige. Womöglich werde ich diese Entscheidung später bereuen. Doch gleichzeitig ist da das Gefühl, etwas zu verpassen, nicht genug erlebt zu haben, um mich jetzt schon auf Jahre oder Jahrzehnte festzulegen. Ich habe mich unglaublich alt gefühlt. Mit fünfundzwanzig Jahren! Und wenn ich mich später dafür in den Hintern beiße, ich muss diese Erfahrung machen, den Kopf freibekommen, mir klarwerden, was ich vom Leben will. Einmal noch etwas Unvernünftiges tun. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Jetzt bin ich aber erst einmal verdammt gespannt auf meinen Arbeitgeber. Ich schaue mich um. Ob er die Kleine gleich mitgebracht hat? Hinter der Absperrung entdecke ich ein Pappschild mit meinem Namen. Mein Herz klopft schneller, während ich auf das Schild und den großen, braunhaarigen Mann in dem kurzärmligen blauen Hemd zusteuere, der es hält. Na, der sieht doch ganz nett aus. Ein wenig jung vielleicht für den Vater einer vierjährigen Tochter. Er lächelt mich an. Mit der großen, schwarzgerahmten Brille sieht er ein wenig aus wie der Klassenstreber, aber nett.

»Mr Carlyle?«, frage ich hoffnungsvoll. Der Mann lacht und schüttelt den Kopf.

»Ich dachte nur, weil Sie …« Ich deute auf das Schild in seiner Hand. Eine zweite Julia Blumberg wird es hier doch wohl nicht geben.

»Sie sind Ms Blumberg?« Der Mann mustert mich mit unverhohlener Neugier. Ich nicke. Jetzt bin ich verunsichert.

»Ich bin Craig. Mr Carlyles persönlicher Fahrer. Darf ich Ihr Gepäck nehmen?«

Persönlicher Fahrer? Jetzt bin ich baff. Das kann ja interessant werden. Davon war in den Unterlagen keine Rede gewesen. Ich habe das Angebot so kurzentschlossen angenommen, dass ich bisher nur mit der Dame von der Agentur telefoniert habe. Ich weiß, dass die Familie mit Nachnamen Carlyle heißt, dass ich für die Betreuung ihrer vierjährigen Tochter Edyth zuständig sein soll und dass sie etwas außerhalb von Aberdeen wohnt. Das ist aber auch schon alles. Ich habe nicht einmal versucht, die Familie zu googlen. Bei dem häufigen Nachnamen hätte das vermutlich auch keinen Sinn gehabt. Dass dieser Mr Carlyle offenbar so wohlhabend ist, dass er einen eigenen Chauffeur hat, ist mir neu. Doch ich werde mich sicher nicht darüber beschweren.

Craig nimmt meinen Koffer und ich trotte hinter ihm her zum Parkplatz, wo er auf ein ziemlich nobel aussehendes anthrazitfarbenes Auto zusteuert. Ich stutze. Nicht, dass ich etwas von Autos verstehen würde, aber diese langgezogene, eckige Schnauze, den Kühlergrill, die geflügelte Dame auf der Motorhaube, das erkenne ja sogar ich.

»Ist … ist das etwa ein Rolls-Royce?«, entfährt es mir.

Craig lacht und schüttelt amüsiert den Kopf.

»Ein 2016 Rolls-Royce Phantom, um genau zu sein. Gefällt er Ihnen?«

Mir hat es die Sprache verschlagen – was nicht häufig vorkommt. Ich nicke nur stumm und lasse mich von Craig in den Fond des Wagens bugsieren, während er das Gepäck einlädt. Der Innenraum ist nicht minder elegant und ich mache mir Sorgen, meine brandneue Dark-Denim-Jeans könne auf die hellgrauen Ledersitze abfärben. Craig klettert auf den Fahrersitz – rechts natürlich – und startet den Wagen.

Während wir durch die Landschaft rollen, schießen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf, von meiner völlig unangemessenen Studentinnengarderobe über Horrorszenarien von einem Jahr mit einem völlig verzogenen Rotzgör in Gucci und Armani bis zu Fantasien von einem Jahr Luxus mit Poolbar und Butler. Was ist dieser Carlyle für ein Typ? Ich überlege kurz, ob ich mein Handy zücken und meinen Arbeitgeber noch einmal versuchen soll zu googlen, aber dazu müsste ich seinen Vornamen oder einen weiteren Anhaltspunkt haben. Schließlich gibt es in Schottland – und auch in Aberdeen – eine Menge Carlyles. Oder sollte ich Craig fragen? Nein. Es wäre mir peinlich zuzugeben, wie unvorbereitet ich in diese Sache hineingestolpert bin.

Die Gegend draußen wird immer ländlicher. In den Unterlagen der Agentur stand »etwas außerhalb von Aberdeen«. Nun, »etwas« ist wohl relativ. Craig biegt auf eine rechts und links von Schafweiden gesäumte Straße ein, die kaum breiter als ein Feldweg ist. Hinter der nächsten Biegung passieren wir zwei massive Steinpfeiler, die den Weg auf eine lange, von knorrigen alten Kastanien gesäumte Allee freigeben. Dann kommt das Haus in Sicht. Ich schlucke. Haus ist vielleicht nicht das richtige Wort. Anwesen trifft es wohl eher. Ein riesiges, graues Gebäude im neugotischen Stil mit lauter Erkern und Türmchen, das aussieht, als gebe es dort versteckte Zimmer hinter Tapetentüren, ein geheimes Verlies im Keller oder mindestens ein bis zwei Gespenster.

***

»Wir sind da. Willkommen auf Dewberry Hall.« Es ist offensichtlich, dass Craig – nach meiner Reaktion auf den Rolls – nur darauf wartet, dass ich in Ehrfurcht erstarre. Er grinst mich herausfordernd an, doch ich beschließe, nicht zu liefern.

»Hübsch«, sage ich knapp und löse den Gurt. Craig springt aus dem Wagen, um mir die Tür zu öffnen.

»Ihren Koffer werde ich gleich aufs Zimmer bringen. Am besten, ich stelle Sie erst einmal Mrs Pemberton vor.«

Mrs Pemberton? Wer ist das nun wieder? Ich verkneife mir die Frage und folge Craig. Wir lassen das große Hauptportal rechts liegen und gehen links um das Haus herum durch einen Seiteneingang.

»Mrs Pemberton?«, ruft Craig in den langen Flur zu unserer Rechten und ich erwarte fast eine gestrenge Erscheinung mit Dutt, gestärkter Schürze und Häubchen. Aus dem Flur taucht eine ältere Dame mit einem jugendlich wirkenden Kurzhaarschnitt auf. Sie trägt einen dunkelblauen, knielangen Rock und ein schlichtes Oberteil in einem ähnlichen Farbton, dazu eine Kette aus großen, goldenen Perlen, die mich entfernt an Oliven erinnern.

Entgegen meiner Erwartung hat Mrs Pemberton ein offenes, freundliches Gesicht mit vielen kleinen Lachfältchen. Zur Begrüßung ergreift sie meine Hand mit beiden Händen und drückt sie herzlich.

»Ms Blumberg. Wie schön, Sie hier zu haben. Edie ist schon ganz aufgeregt. Sie war gestern kaum ins Bett zu bekommen. Derzeit ist sie noch mit der Nanny unterwegs, aber sie werden sicher gleich zurückkommen, dann können Sie die Kleine kennenlernen.«

»Die Nanny?«, frage ich verwirrt. »Ich dachte, ich …«

»Gemma ist schon seit Edies Geburt bei uns. Sie wird sich auch weiter um Edyth kümmern, sie morgens wecken, anziehen, ihr Frühstück machen und sie abends ins Bett bringen. Ihre Aufgabe, Ms Blumberg, wird es sein, tagsüber mit der Kleinen Zeit zu verbringen und Deutsch mit ihr zu sprechen. Mr Carlyle legt Wert darauf, dass sie es nicht verlernt. Ihre Mutter war … ist Schweizerin, wissen Sie? Unternehmen Sie etwas Nettes mit ihr, fahren Sie an den Strand, zu Doonies Farm, gehen Sie spazieren oder spielen Sie mit ihr. Wichtig ist, dass Sie dabei ausschließlich Deutsch mit ihr sprechen. Sie wird schnell versuchen, auf Englisch auszuweichen, weil es für sie bequemer ist. Da müssen Sie stur bleiben.« Sie lacht. »Die Kleine hat ihren eigenen Kopf, aber keine Angst, sonst ist sie ein kleines Engelchen.«

Ich bin einigermaßen geplättet. Zusammengefasst gesagt, werde ich ein Jahr lang in einem riesigen Haus wohnen, in dem es offenbar Personal für alles Mögliche gibt und bekomme ein Taschengeld von neunzig Pfund pro Woche allein dafür, dass ich mit einem kleinen Mädchen Ausflüge mache und spiele? Nun denn, es hätte mich schlimmer treffen können. Ich folge Mrs Pemberton den Flur entlang.

»Hier waren früher die Dienstbotenquartiere. Aber heute wohnt hier niemand mehr. Wir gehen alle am Ende des Arbeitstages heim zu unseren Familien.« Sie zwinkert mir zu. »Das Gebäude mag aus dem späten 18. Jahrhundert stammen, aber nicht unsere Arbeitsverträge. Heute haben der Verwalter und ich hier unsere Büros. Gemmas Zimmer befindet sich im Obergeschoss direkt neben Edies. Sie werden im Aprikosenzimmer wohnen.«

»Aprikosenzimmer?«

»Nun«, Mrs Pemberton lächelt. »Alle Gästezimmer haben unterschiedliche Farbkonzepte. In Ihrem dominiert die Farbe Apricot, deswegen nennen wir es so. Es ist hübsch und freundlich. Es wird Ihnen gefallen.«

Das tut es in der Tat. Die Einrichtung liegt irgendwo zwischen modern und klassisch-elegant. Mein Herz jubelt beim Anblick des kleinen Betthimmels aus hellem, aprikosenfarbenem Stoff am Kopfende des Bettes. Ich werde mich fühlen wie eine Prinzessin. Das Fenster zeigt zum Garten hinaus – ein Traum von einem englischen Garten mit ordentlich gestutzten symmetrisch angelegten Rasenflächen, üppigen Blumenrabatten und einem mit Blauregen überrankten Wandelgang. Ich blinzle. Also, mit so etwas hatte ich nun weiß Gott nicht gerechnet.

Aus dem Flur sind aufgeregte Stimmen und das Gepolter flinker Kinderfüße zu hören.

»Warte, Edyth!«

Die Tür fliegt auf und ein kleines Mädchen mit einem wirren dunklen Lockenkopf und von Aufregung geröteten Wangen platzt herein.

»Bist du Julia?«, fragt sie in fast akzentfreiem Deutsch. Ihre runden, erstaunlich blauen Augen mustern mich neugierig.

Ich gehe in die Hocke und strecke die Hand aus.

»Ja. Genau. Und du bist Edyth? Schön, dich kennenzulernen, Edyth.«

»Du kannst Edie zu mir sagen. Alle meine Freunde nennen mich so.«

Eine junge, rothaarige Frau mit einem freundlichen runden Gesicht kommt hinter Edie ins Zimmer und schüttelt lachend den Kopf. Das wird sicher Gemma sein, das Kindermädchen.

»Gut, Edie. Ich freue mich schon sehr darauf, mit dir zu spielen.«

Das kleine Mädchen strahlt mich an und nickt.

»Dad sagt, du fährst mit mir zu Codonas. Da gibt es eine Achterbahn, die sieht aus wie eine Raupe. Und ein gaaanz großes Riesenrad.«

»Natürlich. Bestimmt. Wenn du das gerne möchtest.«

»Edie, Ms Blumberg ist gerade erst angekommen. Lass sie sich bitte erst einmal einrichten, ja?« Die junge Frau streckt mir die Hand hin. »Ich bin Gemma, Edies Nanny.«

»Julia.«

»Komm, Edie. Wir spielen noch ein bisschen mit deinem Kaufladen. Du siehst Julia später beim Abendessen. Sie muss ja erst einmal auspacken und mit deinem Dad sprechen.«

Die Kleine zieht eine Schippe und verschränkt die Arme, folgt Gemma aber trotzdem aus dem Raum. Im Flur dreht sie sich noch einmal um und winkt mir.

»Ciao, Julia. Bis später!«

Ich winke ihr zurück.

»Craig kommt sicher gleich mit dem Koffer. Richten Sie sich erst einmal in Ruhe ein. Ich komme in einer Stunde wieder und bringe Sie dann direkt zu Mr Carlyle«, verabschiedet sich Mrs Pemberton.

Craig bringt mir nicht nur mein Gepäck, er verrät mir dankenswerterweise auch das W-LAN-Passwort. Ich rufe zunächst meine Eltern an, um ihnen Bescheid zu geben, dass ich gut angekommen bin. Dann packe ich aus und mache mich frisch. Auf dem kleinen Sekretär finde ich eine lederne Briefpapiermappe, wie sie oft in Hotelzimmern zu finden sind. Isaac Carlyle – Carlyle International Hotels steht dort in goldener Prägeschrift. Ha! Endlich ein Anhaltspunkt, um meinem mysteriösen neuen Arbeitgeber einmal auf den Zahn zu fühlen, bevor ich ihn gleich persönlich kennenlerne. Rasch klappe ich den Laptop auf, wähle mich ein und starte eine Suche. Seine Tochter kann er schon einmal nicht verleugnen, denke ich, als mir ein dunkelhaariger Mann mit ernstem Blick aus der Bildersuche entgegenstarrt. Er hat dieselben stechend blauen Augen wie Edie. Streng und forschend blicken sie in die Kamera. Die gewölbten schwarzen Augenbrauen lassen seinen Blick leicht ironisch wirken. Sein scharf geschnittenes Gesicht, die leichten Geheimratsecken, die gerade Nase mit der steilen Zornesfalte darüber und die schmale Oberlippe verleihen seinen Gesichtszügen eine Härte, die nur das leichte Lächeln, die tiefen Grübchen in den Wangen und der ausgeprägte Amorbogen seiner Lippe etwas abzumildern vermögen. Puh! Verdammt attraktiv der Kerl. Aber anlegen möchte ich mich nicht mit ihm. Er sieht aus wie jemand, der es gewohnt ist, sich durchzusetzen. Ich rufe die Websuche auf. Wow! So viele Artikel. Hauptsächlich auf Webseiten diverser Klatschblätter und Hochglanzmagazine. Neugierig klicke ich mich durch die Seiten. Isaac Carlyle, 45, alleiniger Erbe einer großen internationalen Hotelkette. Wurde als einer der begehrtesten Junggesellen Großbritanniens gehandelt. Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich gar nicht erst versucht habe, ihn zu googlen. Doch wer hätte ahnen können, dass sich hinter diesem Allerweltsnachnamen eine Jetsetgröße mit hunderten von Interneteinträgen verbirgt? Partys, Gerüchte über Sex- und Drogenexzesse, Affären, zuletzt mit dem Schweizer Model und It-Girl Valerie Gerber. Valerie ihrerseits Armschmuck einer Reihe wechselnder mächtiger und reicher Männer: Politiker, Topmanager, Fußballer und Firmenbosse. Überraschende Verlobung, schließlich Geburt der Tochter Edyth Louise vor vier Jahren. Streit, Trennungsgerüchte, Versöhnung. Ich runzle die Stirn. Vor eineinhalb Jahren verschwindet Valerie Gerber urplötzlich während eines Party-Wochenendes bei einem befreundeten Ehepaar an der Côte d‘Azur. Vermisstenmeldung, großangelegte Suche, Valerie bleibt verschwunden. Gerüchte, Carlyle könnte mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Verlobten etwas zu tun haben, können von der Polizei nicht bestätigt werden. Na wunderbar! Womöglich hat der Typ seine Verlobte um die Ecke gebracht und ich werde ein Jahr unter einem Dach mit ihm leben. Erste Zweifel beschleichen mich, ob das alles wirklich so eine gute Idee war.

***

Mit einem entsprechend mulmigen Gefühl folge ich Mrs Pemberton später in den Flur.

»Ähm, ich habe gelesen, Edies Mutter wird seit über einem Jahr vermisst? Das muss schrecklich sein für ein so kleines Kind. Wie verkraftet sie es?«

Mrs Pemberton fährt herum und ergreift meinen Oberarm. Sie senkt die Stimme fast zu einem Flüstern.

»Über Edies Mutter sprechen wir in diesem Haus nicht. Mr Carlyle kann sehr ungehalten reagieren, wenn man Ms Gerber erwähnt. Ich bitte Sie also um entsprechende Zurückhaltung, auch Edie gegenüber.«

Verdattert schweige ich und nicke. Eine schreckliche Vorstellung, dass über die Mutter der Kleinen nicht einmal gesprochen werden darf. Das Mädchen tut mir auf einmal fürchterlich leid.

»Edie war erst zweieinhalb. Sie kann sich an ihre Mutter nicht erinnern«, erklärt Mrs Pemberton mit einem resignierten Schulterzucken, so als ob das eine ausreichende Entschuldigung wäre. Grübelnd folge ich ihr die Treppe hinunter. Wir durchqueren die achteckige Halle, in der sich das zentrale Treppenhaus befindet, und laufen durch einen sonnenlichtdurchfluteten Raum mit Parkettboden. Außer zwei runden Loungesitzgruppen, über denen jeweils ein riesiger moderner Hängeleuchter aus Glas und Metall hängt, zwei eleganten Wandkonsolen mit großen Spiegeln darüber und einem offenen Kamin an der Stirnseite, ist der Raum leer und hat die Dimension eines Ballsaales – was er vermutlich früher auch einmal gewesen ist. Die hohen, weißgerahmten Flügeltüren führen auf die Terrasse und den Garten hinaus und lassen viel Licht herein. Am Ende des Saales bleiben wir vor einer schweren Tür aus dunklem Holz stehen. Mrs Pemberton klopft, und ich versuche, meinen Atem zu beruhigen. Ich hoffe, dass Mr Carlyle netter ist, als meine kleine Recherche und Mrs Pembertons Warnung vermuten lassen.

»Ja, bitte?« Eine erstaunlich tiefe, männliche Stimme dringt durch die Tür.

Mrs Pemberton öffnet und steckt den Kopf hinein.

»Ms Blumberg für Sie, Mr Carlyle.«

Sie hält die Tür für mich auf und bedeutet mir, einzutreten. Mein Herz trommelt gegen meine Rippen. Vor weißen deckenhohen Bücherregalen steht ein großer, eleganter Schreibtisch und dahinter sitzt, in einem roten Ledersessel, Mr Carlyle, der sich nun erhebt und mir die Hand reicht. Er ist erstaunlich groß und ich muss zu ihm aufschauen, als ich danach greife und sie schüttle.

»Ms Blumberg. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.«

Sein Lächeln erreicht nur einen Mundwinkel und wirkt eher spöttisch als freundlich.

»Vielen Dank, ja. Ich habe auch Edie bereits kennengelernt. Sie …«

»Sie sind reichlich jung.« Die stahlblauen Augen mustern mich kritisch, und ich fühle mich plötzlich wie in einem dieser Träume, in denen man feststellt, dass man vergessen hat, sich anzuziehen. Seine Augenbraue wandert nach oben und er macht ein schnalzendes Geräusch mit dem Mundwinkel, wobei er leicht den Kopf schüttelt.

»Ich habe Sie mir älter vorgestellt.«

Langsam verdrängt Ärger meine Nervosität. Blöder, reicher Schnösel! Warum stellt er mich dann ein? Mein Alter stand schließlich in der Bewerbung.

»Fünfundzwanzig. So steht es auch in meinen Bewerbungsunterlagen. Sie haben …«

»Edie hat Sie eingestellt. Ich habe lediglich eine kleine Vorauswahl getroffen. Ihr Bild hat ihr gefallen.«

So einer ist das also. Einer von diesen Kerlen, die meinen, einer Frau über den Mund fahren zu müssen. Und dann sucht er seine Angestellten anscheinend nach dem Foto aus. Ich kann nicht verhindern, dass sich mein Ärger in meiner Mimik spiegelt. So etwas wie ein Lächeln erscheint auf Mr Carlyles Gesicht.

»Mir im Übrigen auch. Die kurzen Haare stehen Ihnen. Nehmen Sie doch Platz, Ms Blumberg.« Ich lasse mich auf dem roten Besuchersessel vor dem Schreibtisch nieder, in dem ich förmlich versinke. Mr Carlyle umrundet den Schreibtisch und setzt sich vorne auf die Tischkante.

»Entschuldigen Sie meine Direktheit, Ms Blumberg. Natürlich hat mich nicht nur Ihre sympathische Erscheinung für Sie eingenommen. Ihr Lebenslauf liest sich auch sehr interessant. Sie haben offenbar einige Praktika in Kindergärten und Erziehungseinrichtungen absolviert. Ich denke, das kann nicht schaden. Allerdings brauche ich keine Gouvernante. Edie hat bereits ein hervorragendes Kindermädchen. Sie …«

Ich nicke. Jetzt bin ich einmal dran, ihm ins Wort zu fallen.

»Ich habe Gemma bereits kennengelernt, Mr Carlyle.«

Seine Brauen ziehen sich zusammen. Es gefällt ihm nicht, unterbrochen zu werden. Doch er fährt mit einem kleinen, schwer zu deutenden Lächeln fort.

»Wunderbar. Dann wissen Sie wahrscheinlich bereits, dass es mir hauptsächlich darum geht, dass Sie mit Edyth Zeit verbringen und Deutsch mit ihr sprechen. Ich selbst spreche leider nur Französisch, Spanisch und Russisch und hatte nie Zeit, es ausreichend zu lernen.«

Ach, nur! Angeber.

»Vielleicht wissen Sie, dass Edies Mutter Schweizerin war. Sie hat in den ersten Lebensjahren mit der Kleinen Deutsch gesprochen und ich möchte nicht, dass sie es vollkommen verlernt.«

»Ja, das kann ich verstehen. Es ist großartig, zweisprachig aufzuwachsen.«

»Ich möchte aber nicht, dass Sie Edie gegenüber ihre Mutter erwähnen. Sie hat keine Erinnerungen an sie und das ist auch gut so.« Sein Gesicht nimmt wieder diesen harten Ausdruck an, den ich bereits von dem Foto aus dem Netz kenne.

»Meinen Sie nicht, es wäre vielleicht …«

Er beugt sich plötzlich vor und stützt sich auf die beiden Armlehnen meines Sessels. Erschrocken presse ich mich gegen die Rückenlehne. Sein Gesicht ist kaum eine Handbreit von meinem entfernt, seine blauen Augen bohren sich in meine. Ich schlucke.

»Hören Sie, Ms Blumberg. Was Edie angeht, dulde ich keinen Widerspruch.« Ich merke, wie mein Mund trocken wird und mein Herz in meinem Brustkorb flattert wie ein aufgeschreckter Vogel. Mein Nacken prickelt und ich kann den Blick nicht von seinen bohrenden blauen Augen abwenden. Ein Hauch von seinem Parfum kitzelt meine Nase. Ein angenehm dezenter Zitrusduft mit einer Spur von Gewürzen und Moschus. Trotz allem bin ich beinahe versucht, mich vorzulehnen und an seinem Hals zu schnuppern.

»Ich liebe meine Tochter über alles und ich möchte nicht, dass sie sich unnötig aufregt. Sie hat kaum eine aktive Erinnerung an die Zeit mit ihrer Mutter und ich dulde nicht, dass jemand die Wunden wieder aufwühlt. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Ich schlucke und nicke. »Natürlich.«

Doch ich kann nicht umhin, mich zu fragen, ob er tatsächlich nur seine Tochter schützen möchte, oder ob andere Gründe dahinterstecken, dass er seine Ex-Verlobte nicht erwähnen will.

»Wunderbar. Ich wusste, wir verstehen uns.«

Er lächelt kurz und richtet sich wieder auf.

»Kommen Sie, das Abendessen wird sicher bereits fertig sein«, sagt er beiläufig, als sei nichts weiter geschehen. Ich nicke stumm und gebe mir Mühe, nicht allzu unelegant zu wirken, während ich mich aus dem weichen Sitzpolster stemme.

Ich muss zugeben, er ist schon eine imposante Erscheinung in seinem sportlich geschnittenen grauen Anzug mit der dunklen Krawatte. Schlank mit einem kräftig wirkenden Oberkörper, schätzungsweise knapp einen Meter neunzig groß – und dann diese intensiv blauen Augen. Kein Wunder, dass ihm offenbar die Damenwelt zu Füßen liegt.


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Lia Bergman lebt und arbeitet in einer kleinen Stadt im Münsterland und schreibt Romane über Liebe, Lust und Leidenschaft. Lia ist ausgebildete kaufmännische Assistentin für Fremdsprachen, hat Anglistik und Germanistik studiert und arbeitet als Autorin, Übersetzerin, Lektorin und Sprachlehrerin.

Das Herz der reiselustigen Autorin schlägt vor allem für die britischen Inseln und Skandinavien und eine sinnliche Atmosphäre und interessante Kulisse sind für sie wichtige Bestandteile einer fesselnden Geschichte. Erfahre mehr im Interview mit Lia Bergmann.

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