Eine Hochzeit in den Highlands – Ein Schotte zu viel

Kapitel 1

Ich drückte Linys Schulter. Meine beste Freundin war außer sich, hatte bereits gläserne Augen und stand so offensichtlich kurz davor, in haltlose Tränen auszubrechen, dass ich etwas unternehmen musste, bevor die Stimmung umschlug. Sie war zwar sonst nicht nahe am Wasser gebaut, aber seit ich auf Farquhar war, bekam ich eine neue Seite an meiner jahrelangen Freundin präsentiert. „Tief durchatmen. Alles ist halb so schlimm“, versicherte ich also und grinste in den Spiegel, obwohl ich mindestens so angespannt war wie sie. Diese Hochzeit war nicht die erste, die ich organisierte, schließlich arbeitete ich seit acht Jahren als Weddingplanerin in einer Agentur, und doch stellte mich dieses Event heute immer wieder vor unerwartete Herausforderungen. Trösten von tränennahen Bräuten zählte normalerweise nicht dazu.

„Es passt nicht“, wiederholte sie, während die schottische Stylistin an der Verschnürung der Korsage zerrte. Es ergab ein recht lächerliches Bild bei dessen Betrachtung man sich fragte, ob die Korsage tatsächlich noch enger geschnürt werden musste. Liny war schlank und auch hochgewachsen, anders als die pummlige Schneiderin, die an ihr arbeitete, als quetschte sie sich selbst in das zu kleine Kleid. „Uff.“ Sie tat ihr Bestes, um das Kleid zu schließen, das musste man ihr lassen, aber in diesem Punkt hatte Liny unbestreitbar recht.

„Wie kann es nicht passen? Die letzte Anprobe war doch erst vor zwei Wochen!“

Die Situation ging offenbar mehr und mehr den Bach runter, was konnte die Braut davon abhalten, in haltlose Tränen auszubrechen? Falsche Frage, was konnte Liny dazu bringen, die Haltung zu wahren? Schließlich war meine Freundin Liny dafür bekannt, sarkastische Kommentare abzugeben und sich nicht aus der Ruhe bringenzulassen. So hatte sie auch ihren Zukünftigen kennengelernt, Lachlan McDermitt, den Sohn des Duke of Skye. Bei der Planung der Hochzeit seines Bruders hatten sie sich vor zwei Jahren kennengelernt: Auf einer Schafswiese. Damals waren Liny und ich noch Kolleginnen in der Agentur gewesen. Und nun ging sie mit einem schottischen Adeligen vor den Traualtar.

 Schon besser. Zwei Dinge halfen bei ihr immer: Konfrontation und Überraschung. „Hm, woran mag das liegen?“ Ich zwinkerte mit einem bedeutenden Blick auf ihren Bauch und erreichte, was kein Trost oder Zureden vollbracht hätten. Linys Augen klärten sich schlagartig, wurden größer und spiegelten Hoffnung wieder.

„Unsinn“, murmelte sie, trotz ihres Wunsches, schwanger zu werden, und strich sich dabei über den flachen Bauch, den sie zusätzlich einzog.

Auf den Weg gebracht, trieb ich es voran, alles war besser, als eine Braut, die jeden Moment die Fassung verlor und losheulte wie ein Schlosshund. „Ach ja? Da sagt ein bekanntes Klatschblatt aber etwas völlig anderes.“

Besagte Klatschzeitung spekulierte bereits seit der Bekanntgabe der Eheschließung zwischen meiner Freundin Liny und dem schottischen Adeligen, Lachlan Kendrick McDermitt, über die Gründe und einer davon war eine mögliche Schwangerschaft. Ich gab schon lange nichts mehr auf die Berichte, obwohl ich zu Beginn jede Ausgabe gekauft und verschlungen hatte, schließlich sah ich Liny so gut wie gar nicht mehr, seit sie sich nach Farquhar, dem Herrenhaus der McDermitts in den Highlands, zurückgezogen hatte: vor mehr als eineinhalb Jahren. Zwar telefonierten wir regelmäßig, immer noch, aber es war doch etwas anderes, nachdem wir ein Jahr lang zusammengearbeitet und dabei fast den ganzen Tag miteinander verbracht hatten. Ich vermisste sie, das gab ich gerne zu.

Liny drehte sich, um mich vis-á-vis anzusehen. „Ich bin definitiv nicht schwanger.“

„Also, wenn du mich fragst …“ Ich brach unter ihrem feurigen Blick ab und hob die Hände. „Schon gut, ich halte den Mund.“ Ich konnte mir weitere Provokationen sparen, Liny hatte sich wieder in der Gewalt. Sie strich das Kleid glatt, erst am Bauch, dann an den Seiten und drehte sich zum Ärger der Stylistin vor dem Spiegel hin und her, bis diese etwas Harsches sagte, was ich nicht verstand. Gälisch und vermutlich eine freundliche Bitte, stillzuhalten, aber in meinen Ohren klang jedes gälische Wort nach einer Beleidigung.

„Was wäre dabei?“, mischte sich Carmen, Linys Schwester, ein und enthob mich der Notwendigkeit, sie bei Laune zu halten. Gut so, denn eigentlich hatte ich genug anderes zu tun. Nachrichten abzurufen zum Beispiel. Iain, der Bruder des Bräutigams, spammte mich mit Nachrichten zu. Keine von ihnen war irgendwie relevant, was mich gehörig ärgerte, schließlich hatte ich keine Zeit, die ich mir mit dummen Geschwätz vertreiben könnte. Neben Liny hatte ich noch eine Menge anderer Dinge im Auge zu behalten: Pastor, Verpflegung, Gästezahl und Anwesenheit, Blumen, Deko … Die Liste war endlos.

Wie weit ist Lachlan?, tippte ich schnell und warf Liny dabei einen Blick zu. Du kannst dich auf den Weg machen, Liny sollte in fünf Minuten bereit sein.

Wenn nicht, musste Ian halt vor der Tür warten. Mich interessierte momentan ohnehin viel mehr, ob der Geistliche mittlerweile eingetroffen war, hatte ich ihn doch den ganzen Morgen über nicht erreichen können. Was tat so ein schottischer Geistlicher wohl an einem Morgen, an dem er zwei Menschen vermählen sollte, dass er nicht zu erreichen war?

Ich schob den Gedanken und meinen aufwallenden Ärger darüber, dass noch immer keine positive Nachricht zum Verbleib des Pastors eingegangen war, beiseite. Gab es Alternativen? Da war doch etwas, was ich irgendwo mal gehört hatte, in Bezug auf Schottland und Hochzeiten, aber es wollte mir partout nicht einfallen.

„Ziehen Sie den Bauch ein, Madame!“, wies die Stylistin an und zog mit Gewalt an der Verschnürung. „Jetzt!“

Liny keuchte. „Sie bringen mich um!“

„Zu!“, stellte die dralle Stylistin zufrieden fest und trat von der Braut zurück.

„So geht das nicht!“

Was für eine Dramaqueen, aber zumindest das hatte sie mit allen Bräuten gemeinsam. „Atme einfach flacher. Es geht, glaub mir.“ Ich übernahm den Platz der Stylistin in Linys Rücken und lockerte die Verschnürung wieder. „Besser.“

„Ist es zu?“ Sie drehte sich bei dem Versuch, die Schnürung in ihr Blickfeld zu bekommen und glich damit einem Hund, der seinen eigenen Schwanz jagte. Putzig, wie aufgeregt sie war, und so untypisch für sie.

„Es ist alles bedeckt, was bedeckt sein soll“, versicherte ich. „Du bist wunderschön.“

„Pfft. Ich passe nicht in mein Kleid!“

Ich überging den Hinweis, legte den Arm um ihre Mitte und wies sie an, langsam und flach zu atmen. Wir übten es zwei Atemzüge lang zusammen. „Sieh es so, Lachlan werden die Augen rausfallen, wenn er dich zu Gesicht bekommt, das ist es doch wert, oder?“

Linys Augen begannen zu strahlen und aller Frust wich von ihr. „Ja, das ist es wert.“ Alles an ihr unterstrich ihre Worte. Es machte mich fassungslos. Das, oder dass sich tatsächlich leiser Neid in mir regte. Liny hatte unverschämtes Glück mit ihrem Lachlan, aber sie hatte es auch verdient, dass sie bewundert und geliebt wurde. Wusste sie eigentlich wie sehr? Ich hatte in den vergangenen Wochen sehr viel mit Lachlan gesprochen, mehr als in den zwei Jahren zuvor, und war immens beeindruckt von seiner Hingabe für Liny.

„Miss, die Tiara.“

Eine Nachricht ging ein und ich checkte sie schnell, mich auf meine Aufgabe konzentrierend. Es war nicht der richtige Augenblick, um zu sinnieren, zu hadern oder dem Schicksal böse zu sein, weil es zu mir nicht so gut war, wie zu Liny.

Der Pastor war da und damit war alles bereit. Ich schloss erleichtert die Augen. Wie hätte ich dagestanden, wenn die Zeremonie ohne Geistlichen hätte stattfinden müssen? Wie in Deutschland war es natürlich eine Pro Forma Sache, ein Gimmick, wenn man so wollte, die eigentliche Eheschließung wurde durch einen Standesbeamten vollzogen. Nur so war sie tatsächlich gültig, dennoch hatte es bedeutend mehr Flair, mit Gottes Segen getraut zu werden. Zumindest war dies die offizielle Erklärung für die doch sehr ausgedehnte Feier, die uns erwartete. Ich wusste allerdings, dass es weder dem Wunsch des Bräutigams, noch dem der Braut entsprach, so einen Aufwand zu betreiben. In dem Zusammenhang war sogar Las Vegas gefallen, aber letztlich hatte sich Liny dem Etikett gebeugt und damit dem Willen der zukünftigen Schwiegermutter.

„Wir liegen hervorragend in der Zeit, falls es jemanden interessiert, und ich habe auch noch keine Hiobsbotschaften bekommen.“ Nicht ganz die Wahrheit, aber schließlich ging es mir darum, Liny zu beruhigen. Irgendwie war sie mehr als nur durch den Wind in letzter Zeit, hatte sogar die Planung ihrer eigenen Hochzeit völlig aus der Hand gegeben, was ich ihr nie zugetraut hätte. Schließlich hatte sie durch unsere Zusammenarbeit bei WeddingDreams mehr als genug Erfahrung gesammelt, mir nicht selten beigestanden und hatte ihre Aufgaben immer gut gemeistert. Vermutlich lag es an Lachlans Einfluss, dass sie einsah, wenn etwas nicht gut für sie war. Wie die nervenaufreibende Planung einer riesigen Hochzeit, die, obwohl Liny es nicht ahnte, anders verlaufen sollte, als ich es ihr geschildert hatte. Wieder vibrierte mein Handy und ich überflog Iains Nachricht. Bla, bla, bla – ich bin da.

Vielleicht sollte ich den Hinweis fallenlassen, wie sehr ich Gradlinigkeit schätzte? Ian war das komplette Gegenteil zu seinem Zwillingsbruder. Er redete gern und viel und am liebsten mit Frauen, was dazu geführt hatte, dass seine Ehe mit dem berühmten It-Sternchen Cheyenne Boularouse genau sechs Monate gehalten hatte. Seitdem brauchte er keine Rechenschaft mehr über seine Flirts abzulegen, was er nur zu offensichtlich genoss. Es verging keine Woche, in der er nicht mit einer neuen, blonden Sexbombe in den Klatschblättern abgelichtet wurde. Hin und wieder — und das regte Liny und Lachlan häufig auf — auch mit Liny. Eigentlich war Liny mit Lachlan auf Reisen und meist nicht einmal in England, oder gar London, aber wann immer man Lachlan ablichtete, hielt man ihn für seinen dekadenten Zwilling. Dies war einer der Gründe, warum die Beiden völlig zurückgezogen auf dem abgelegenen Gut Farquhar in den schottischen Highlands lebten und sich selten in der Gesellschaft zeigten.

Ich ging zur Tür, um sie zu öffnen. „Ah! Sehr schön!“ Ian Fergus McDermitt glich seinem um wenige Minuten jüngeren Zwillingsbruder bis aufs schwarze, getrimmte Haar, besonders, da sich der Bräutigam zum Anlass der Eheschließung seinen Bart abrasiert hatte, auf den Ian stets verzichtete. Seine hellen Augen strahlten eine Lebensfreude aus, die einen neidisch machen musste, auch, wenn man selbst kein Trauerkloß war. Seine Aufmachung war ebenso beeindruckend, wie seine Körpermaße. Er war schick der schottischen Tradition nach im Kilt erschienen, trug weiße Socken hochgezogen bis zu den Knien, ein blütenweißes Hemd und eine formelle zum Kilt passende Jacke. Gewöhnungsbedürftig für mich Deutsche, aber es hatte durchaus auch seinen Reiz. Zumal Ian großgewachsen war und einen Schulterumfang hatte, der jeden Bär neidisch machte. Mir kamen eher andere Gefühle hoch. Spott, schließlich kannte ich Ian sonst eher modisch und vor allem zeitgemäß gekleidet.

Dafür, dass er mich wie wild zuspammte, ließ er mich erstaunlich links liegen. Seine gesamte Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Liny. „Mo creach, letzte Chance.“ Er griff nach ihrer Hand, als sie zögerte.

„My Laird, Ihr Anliegen schmeichelt mir, aber ich sehe mich außerstande, Ihnen eine positive Antwort zu geben“, gab sie hochtrabend von sich und machte dabei einen passablen Knicks.

Ian pfiff. „Jetzt klingst du schon ganz wie unsere Mutter. Du musst dir nur noch diesen Blick angewöhnen und Lachlan behält recht.“

„Womit?“

„Dass du perfekt bist.“ Ian verstand es, einer Frau Honig um den Bart zu schmieren, aber das wunderte mich nicht. Ich hatte ihn schon einige Male in Aktion erlebt und war immer wieder beeindruckt von seinem Fingerspitzengefühl.

„Klar bin ich das. Carmen, kannst du Vater anrufen?“ Linys Schwester Carmen blockte das sofort ab und so ging die Bitte an mich weiter. „Sina?“

„Er übernimmt dich erst für den Gang zum Altar.“ Das hatte ich ihr schon einige Male vorgebetet, aber sie war schlicht zu aufgedreht, um daran zu denken. „Ian, wenn ich bitten darf.“ Ich bedeutete ihm, seines Amtes zu walten, und lauschte mit meinem Handy beschäftigt ihrem Geplänkel.

„Gern, also, wie gesagt, letzte Chance: Heiratest du lieber meinen Bruder, den brummigen Schafhirten, oder den äußerst charmanten zukünftigen Duke of Skye? Denk an all die Juwelen, die ich …“

„Schafhirte. Definitiv und unter allen Umständen.“

Ian lachte auf und ich verlor den Faden. Zusätzliche Gäste? Ich las den Eintrag erneut, wobei mir ganz flau wurde. Lachlan hatte am Vorabend angedeutet, dass nicht alle geladenen Gäste ihr Kommen bestätigt hatten, aber davon auszugehen sei, dass sie dennoch kämen. Allein deswegen hatte ich am Morgen panisch nach Erweiterungen des Menüs herumtelefoniert. Aber nun sollten noch mehr uneingeladene Gäste bewirtet werden? Das war ein Scherz! Abgesehen von den Lebensmitteln, musste auch das Personal aufgestockt werden, um die Mengen an Personen zu bewirten. Ersteres war nicht zwangsläufig ein Problem, hatte ich doch auf einen Vorrat für die anstehende Woche bestanden, und alternative Speisen konnten zubereitet werden. Hungern musste also niemand, so sich Leute fanden, die sich an den Herd stellten und sich die Gäste nicht zu fein waren, sich am Büfett zu bedienen. In Anbetracht dessen, dass wir uns hier nicht auf einer stinknormalen Hochzeitsfeier befanden, sondern der des Sohnes eines britischen Dukes, wagte ich, diese Bereitschaft zu bezweifeln.

Ich stolperte den anderen hinterher, fassungslos und mit brennendem Magen. Der wichtigste Tag im Leben meiner Freundin und ich versaute ihn. Dabei unterschlug ich, dass es fünf weitere Tage voller Feierlichkeiten gab, aus deren Planung ich aber größtenteils raus war. Ich musste hauptsächlich anwesend sein und bei der Organisation helfen, soweit es mir möglich war, um Liny Freiraum zu geben.

Nach dieser Hochzeit benötigte ich vermutlich drei Monate Erholungsurlaub, dumm nur, dass dies bereits mein Urlaub war und ich George nie und nimmer dazu brächte, mir auch nur einen weiteren Tag zu gewähren. Seufzend schob ich den bitteren Gedanken an meinen Chef weit von mich, wobei ich absichtlich alles andere ausklammerte, was in den letzten zwei Jahren zwischen uns vorgefallen war.

Die Sonne strahlte regelrecht und blendete mich, als ich aus dem Haus trat, weshalb ich das drohende Unheil zuerst hörte.

 „Mäh!“

Ich blinzelte und hob die Hand, um fassungslos das gehörnte Untier anzustarren, das auf uns zumarschiert kam.

„Oh, nein! Sheamus, was zum Henker machst du hier?“ Der Schafsbock Sheamus, der für seine Anhänglichkeit bekannt war, und Liny bei unserer Ankunft vor zwei Jahren gleich zu Boden geschubst hatte, blökte erneut und stapfte die unteren Stufen des Herrenhauses hoch. Das kleine Schloss hatte mehrere Eingänge, aber dieses war der Haupteingang und daher mit einer breiten Freitreppe versehen, an deren beiden Enden Löwen mit Wappentafeln Wache hielten. Hinter uns befand sich die riesige, uralte Halle und an den Seiten waren seit einigen hundert Jahren Anbauten leicht schräg nach hinten gezogen, dass es von Oben wie ein Kelch aussah. In ihnen befanden sich gute hundertfünfzig Räume, die sich nun wieder in ihrem alten Glanz sonnten. Das war bei unserem ersten Besuch nicht so gewesen. „Warum bist du nicht im Stall, wo du hingehörst?“

Liny sprach mit dem Tier, als wäre es ein geliebtes Familienmitglied, ein Hund oder so etwas. Bemerkte nur ich, wie merkwürdig sie sich benahm, als sie auch noch in der Landessprache auf ihn einredete und dabei sein Maul kraulte?

„Es reicht jetzt! Sguir dheth! Thalla!“

„Määähhh!“

Ich blinzelte voller Unglaube, als das Vieh tatsächlich die Stufen herabstapfte und sich dann zu uns umsah, als wartete es auf unsere Begleitung. Unheimlich, und das nicht wegen der gedrehten Hörner, dem gelben Starren und dem aberwitzigen Bärtchen.

Liny sah sich um. „Wo ist der Wagen?“

Ich hatte ihr erzählt, dass die kirchliche Trauung in der Kathedrale zu Inverness stattfände, weil Lachlan sie überraschen wollte und meine Deckung erbeten hatte. Es war wesentlich leichter gewesen, Liny abzulenken, als ich es für möglich gehalten hatte. „Wir gehen zu Fuß, Liny.“ Es war nämlich nicht weit zu der riesen Überraschung, die Lachlan verdammt nervös machte, ohne dass ich den Grund dafür verstand, selbst als er versuchte, es zu erklären. Ein besonderer Ort. Ich verdrehte die Augen und nahm meine Führungsrolle ein, dafür musste ich irgendwie an dem Vieh vorbei. „Komm, wir wollen doch nicht in Verzug geraten.“

„Daingead!

Dieses Wort hatte ich mittlerweile so oft vernommen, dass ich es einordnen konnte. Ein Fluch, so etwas wie Scheiße oder Verdammt. Ich drehte mich, wie alle anderen auch, um die Störung in Augenschein zu nehmen und konnte nicht verhindern, dass mir der Mund aufklappte.

Ein großer, rothaariger Mann im edlen, aber dreckstarrenden Aufzug kam uns entgegen mit einer dermaßen um Verzeihung heischenden Miene, dass man automatisch an einen Dackel dachte. Es fehlte nur noch das leise Fiepen.

„Verzeihung“, murrte er und versuchte wohl, unauffällig etwas von dem Stroh von seinem Kilt zu streichen. Ian brach in schallendes Gelächter aus und japste nur noch unverständliche Worte.

„Ein Malheur, es tut mir leid, Carolina.“ Er trat vor und streckte die Hand aus, ließ sie aber gleich wieder fallen. Keiner von uns wollte genau wissen, was ihm an den Fingern klebte, die er schnell hinter sich versteckte. Meine Augen folgten ihnen in abartiger Faszination. Er hatte große Hände, die über und über mit Matsch bedeckt waren – und ich ignorierte mein besseres Wissen, dass es Kot war, geflissentlich. Alarmsirenen schrillten in meinem Kopf, denn er sprach mit eben jenem Akzent, den ich hier jeden Tag vernahm. Er war Schotte, trug eindeutig feierliche Kleidung — auch wenn ich mich nur schwer an die Röcke gewöhnen konnte — und redete ziemlich vertraut mit Liny. Eins plus Eins sind …

„Ich fürchte, ich muss um ein paar Minuten Aufschub bitten.“

„Bitte, sagen Sie mir, dass Sie nicht einer der Trauzeugen sind.“ Meine Stimme war so verdammt schrill, dass sie mir selbst in den Ohren schmerzte. Was durchaus beachtlich war, schrillten dort doch immer noch besagte Glocken in nicht gerade tiefem Ton. Wenn ich mich nicht irrte, war mein Zeitplan soeben in Dung begraben worden. Kam man hier mit einem Trauzeugen weniger aus? Herrje, wer brauchte schon fünf berockte Männer, um sich an ein Eheversprechen zu erinnern?

„Nur bis ich …“ Er sah an sich herab und lief dabei rot an, was sich fürchterlich mit seiner Haarfarbe und seinem Bärtchen stach. „Es tut mir leid, ja, ich bin Islay Campbell.“

Ich konnte mir nicht helfen, ein recht peinlicher Laut rollte in meiner Kehle und ich spürte einen Anflug von Panik. Ein Trauzeuge wälzte sich im Dreck, während der andere die Braut bezirzte. Was zum Teufel war mit diesem Volk los, dass sie einen besonderen Tag nicht mit dem nötigen Respekt begingen? Allerdings war da noch etwas, was mich aus der Bahn warf. Mein Blick fiel an ihm herab. Er war groß, nahm es locker mit Ian und Lachlan auf, auch in der Breite seiner Brust, obwohl er schlanker schien, schlacksiger, irgendwie unfertig. Das mochte aber an all dem Dreck liegen, der ihn wirken ließ, wie einen Bub, der gerade sein Schlammbad beendet hatte. Sein Frack hatte übel gelitten, aber wirklich auffällig wurde es an den Beinen. Die Strümpfe, die bei Ian penibel weiß strahlten, hatten bei ihm Klumpen von Dung anhaften. Der Kilt, der anders als Ians in blauen, gelben und grünen Karos unterteilt war, war nicht weniger strohig und dabei blendete ich den Kot einmal mehr freudig aus. Selbst im flammend roten Haar befanden sich Halme. Einer hing ihm sogar in die Stirn. Er bemerkte es, während ich ihn anstarrte und zupfte ihn schnell ab. Dabei fing er meinen Blick auf und hielt ihn für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er seinen zu Boden richtete. Ich konnte nicht wegsehen und das lag nicht daran, dass er schon grotesk aussah, für einen Trauzeugen. Da war etwas anderes, etwas albernes, weshalb ich es eigentlich nicht in Betracht ziehen sollte. Ein Kribbeln im Magen.

„Du chrashst Kennys Hochzeit!“, gackerte Ian, was ich dermaßen daneben fand, dass es mich wachrüttelte. Panik war keine Option. Wie konnte ich das Desaster abwenden? Eine kleine Verschiebung einbauen, einen anderen Trauzeugen wählen? Ach, wozu, schließlich gab es davon eine ganze Herde.

„Das wird er nicht“, beschied Liny überraschend kühl, obwohl sie ihr Gegenüber anlächelte und sogar knickste. „My Laird, so leid es mir tut, du wirst nun auf der Stelle deinen Platz am Altar einnehmen.“

Ihm sackte das Kinn herab und überspielte es dann geschickt mit einem Räuspern. „Carolina, ich kann unmöglich in diesem Aufzug … das verstehst du doch.“

„Das hätten du bedenken sollen, bevor du was auch immer anstelltest. Was hattest du im Stall zu suchen?“

Islay lief pink an und suchte nach Hilfe. Ian hob die Hände, um anzudeuten, nicht mit hineingezogen werden zu wollen. „Ein Unfall“, bot er als Erklärung an und bemerkte wohl, wie dürftig das war, noch bevor Liny es zerschmetterte.

„Wäre mir Sheamus heute Nacht in unserem Zimmer begegnet, hätte ich das nicht lustig gefunden!“ Das war wirklich eine abwegige Idee, fand ich, stand damit aber so ziemlich alleine da, denn Ian murmelte etwas, was fast nach Bedauern klang, dass der Schafsbock entwischt war. Männer.

„Wir dachten nur …“, murmelte Islay, wobei seine Gesichtsfarbe noch dunkler wurde.

„Schäferstündchen, ja ist angekommen. Trotzdem: nicht witzig!“

Dem konnte ich nur zustimmen. Schäferstündchen, was für eine abgeschmackte Anspielung.

„Zur Strafe hast du die Wahl, der Trauung fernzubleiben oder so zu erscheinen.“

Das Schrillen war augenblicklich zurück, denn da gab es eine winzige Kleinigkeit, die Liny völlig zu vergessen schien. „Tu mir das nicht an“, hisste ich atemlos. „Er ist mein Tischpartner!“ Da George sich standhaft geweigert hatte, mich zu begleiten, und ich offiziell Single war, hatte ich kaum eine Wahl gehabt, als an Begleitung zu nehmen, was da war. Ich hatte nur eine Ausnahme gemacht, denn mit Ian wollte ich nicht den ganzen Abend verbringen, so charmant er auch sein konnte. Nun jedoch bereute ich meine Entscheidung. Lieber Ians Gesäusel, als der Gestank von Schafsdung!

„Sie schaffen es doch in …“, quietschte ich, nach Linys Fingern greifend und fest zudrückend, „… zehn Minuten?“

Ian lachte, trat zu dem bedröppelten Schotten und schlug ihm auf die Schulter, dass er schwankte. „Schau Islay, selbst die gutmütige Liny bringst du auf die Palme.“

„Ich …“ Er fing sich und wieder begegneten sich unsere Blicke. Mir wurde augenblicklich warm in der Magengegend und ich war froh, dass er den Kontakt direkt wieder abbrach.

„Ja, ich …“

„Na komm, ich helfe dir. Ich fürchte, du wirst die McDermitt-Farben tragen müssen.“ Ian lachte wieder und legte den Arm um den anderen Mann, um ihn anzuschieben. Ich sah ihm nach, konnte mich einfach nicht von seinem Anblick losreißen.

„Islay? Was ist das für ein Name?“

„Ein schottischer vermutlich.“

„Und er ist?“

„Ein Cousin mütterlicherseits.“

„Ah.“ Jetzt wusste ich genauso viel wie zuvor. Natürlich war er ein Verwandter, schließlich waren unter den Trauzeugen nur Verwandte. „Er sieht jung aus.“

„Ist er.“

Zumindest lenkte mich ihre Knappheit von der Tür ab. Sie war merkwürdig kurz angebunden. Wurde sie nun wieder nervös? Innerlich seufzend nahm ich meine Aufgabe wieder wahr und versuchte es mit einer flapsigen Ablenkung. „Und wie alt genau? Muss man sich Sorgen machen?“

„Warum sollte …“

„Also, wie alt?“

„Fünfundzwanzig, also bist du auf der sicheren Seite.“

Merkwürdig was diese Worte in mir anrichteten. „Ach, was dir wieder durch den Kopf geht.“ Aber so weit hergeholt war es gar nicht. Ich drehte den Gedanken hin und her. Schön, da lief etwas mit meinem Chef, George, aber irgendwie war es nichts, was man Beziehung nennen konnte. Herrje, er begleitete mich nicht einmal auf die Hochzeit meiner Freundin, obwohl ich sehr deutlich gemacht hatte, wie wichtig mir die Feier war und dass ich gerne in Begleitung wäre. George hatte sich in einen cholerischen Anfall geflüchtet und am Ende war ich mehr als froh gewesen, allein fahren zu können.

Das letzte, was ich hier gebrauchen konnte, war, mich mit Georges Gemüt zu beschäftigen, oder der Zähmung selbigem.

Sah ich mich also als Single? Hatte ich es endlich aufgegeben, meinem gutaussehenden Chef imponieren zu wollen, und war nach guten vier Jahren endlich frei für etwas Neues?

Ein Telefon spielte einen Lovesong und riss mich von den absolut nebensächlichen Gedanken fort. Liny fuhr aufgeschreckt herum.

„Carmen, mein Handy, schnell! – Hàlo.“ Sie wandte sich ab und ich ließ ihr den Moment der Ungestörtheit, auch wenn es nicht der Sitte entsprach, dass Braut und Bräutigam vor der Hochzeit miteinander sprachen. Tja, eines der Dinge, die hier in Schottland anders gehandhabt wurden, als bei uns in Deutschland.

Mein Handy vibrierte und ich checkte schnell die Nachricht. George. Irritiert las ich die SMS gleich zwei Mal und konnte es trotzdem nicht fassen, was dort stand. George wies mich an, nach Lands End zu reisen, um mich um eine Hochzeit zu kümmern, die bereits am Ende der Woche stattfinden sollte. Es sei wichtig und hätte oberste Priorität. Ich starrte auf das Display. Ich hatte Urlaub. Er wusste, wo ich war, welche Aufgabe ich hatte – als Trauzeugin – und wie wichtig es mir war, dies mit Liny zu erleben. George erwartete doch nicht ernsthaft, dass ich hier alles stehen und liegen ließ …

Ich war sprachlos. War es nun einfach nur dreist oder unglaublich egoistisch?

Sollte ich anrufen? Ignorieren konnte ich es nicht, schließlich war er mein Arbeitgeber. Ich musste es zumindest absprechen, beziehungsweise deutlich machen, dass ich meinen Urlaub nicht abbrechen wollte.

Die Antwort auf meine Nachricht kam prompt.

Dein Urlaub ist gestrichen.

Dieses Mal fehlten mir sogar die Worte, um meinen Frust innerlich zu formulieren. Meine Hand schloss sich fester um mein Smartphone. Damit hätte ich rechnen können, es war schließlich nicht das erste Mal, dass er mich aus meinem Urlaub zurückbeorderte, aber bisher war es nur dann passiert, wenn ich ohnehin zu Hause geblieben war und es kein Drama gewesen war. Nun befand ich mich aber am anderen Ende der Insel – leicht übertrieben, gut – und nicht ein paar Häuserblocks entfernt.

Ich bin in Schottland, nahe Inverness, damit fahre ich gut acht bis zehn Stunden, je nach Verkehrslage, zurück nach London, wo ich meine Arbeitsmaterialien habe und weitere Stunden bis nach Lands End. So ich meinen Urlaub einfach abbrechen könnte.

Oder auch nur bereit wäre es zu tun. Verflixt! Aber ich haderte bereits. Ich mochte meinen Job und, auch wenn es nicht immer leicht war, für George zu arbeiten, ich hatte mich im Lauf der Jahre daran gewöhnt. Zum Teil wohl auch, weil ich so lange an ein Happy End für uns geglaubt hatte und dafür meine eigenen Ziele hintenangestellt hatte. Möglicherweise hatte ich auch auf eine berufliche Partnerschaft gehofft, obwohl es nie im Raum gestanden hatte.

„Nanu, jetzt ist die Braut ohne mich durchgebrannt?“ Ian schob mich zur Seite, stand ich doch mitten vor dem großen Portal des steinernen Herrenhauses und blockierte es damit für die beiden alles andere als schmächtigen Männer.

Ich schnappte zwei Dinge auf: Durchgebrannt und Islays Blick.

„Ach herrje, gerade war sie doch noch hier“, griff Carmen auf, die mich völlig aus der Bahn warf, schließlich hatte ich für einen Moment völlig vergessen, wo ich war. Ich rief mir also die Details mühsam zurück: Liny – Hochzeit – Durchgebrannt.

„Was?!“ Ich fuhr herum. Mein Blick flitze über den Hof. Die säuberlich gekieste Auffahrt mit dem Blumenrondell, die im Wappen der McDermitts angeordnet waren, der Stall versteckt hinter dicken Efeuranken, die Straße und zwei Wege, die um das Haus herumführten. Erst mein zweiter Versuch, das Rätsel um Linys Abwesenheit zu lösen, erbrachte einen Hinweis. Weiße, satinbezogene Pumps lagen einsam einige Meter entfernt achtlos im Gras.

Nun, ich hatte sie gewarnt, dass ein Sixpence als Glücksbringer im Pumps vielleicht traditionell war, aber sicherlich nicht bequem. Von der Braut fehlte jede weitere Spur.

„Nur gut, dass wir die Schuld auf den Kleinen hier schieben können.“ Ian griff seinem Cousin in den Nacken und drückte ihn runter. „Sprich schon mal dein letztes Gebet, Kenny wird dich lynchen.“

Ich ließ die Männer stehen, schließlich führten sie sich auf wie raufende Buben, und waren damit eher hinderlich, als hilfreich. Carmen sah sich ebenso ratlos um, wie sie dreinschaute, also war es auch müßig Informationen von ihr einholen zu wollen. Blieben die Schuhe übrig, die immerhin in der richtigen Richtung verloren gegangen waren. Hatte Liny schlicht die Geduld verloren und war schon einmal ums Haus herum?

Ich folgte beunruhigt der Eingebung, schließlich hatte ich einiges in Kauf genommen, um Lachlans Überraschung zu decken, die nun vermutlich aufgeflogen war. Ein Blick um die Ecke des Hauses bewies, wie richtig ich mit meiner Befürchtung lag. Liny stand mittig auf der Wiese und starrte die Wimpel an, die im Wind flatterten – die Banner der Highland-Clans, die an den Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit einer der Söhne des Duke of Skyes teilnahmen.

Damit war meine Lüge wohl vorzeitig aufgedeckt und Liny ahnte nun zumindest, dass die Eheschließung nicht in dem erwarteten kleinen Familienrahmen stattfinden würde, wie ich es ihr gegenüber behauptet hatte.

 Siebzehn Clans waren angereist, und obwohl viele von ihnen in irgendeinem Grad mit den McDermitts verwandt waren, würde es sicherlich keine intime Familienfeier werden.

Lachlan eilte auf seine Braut zu und war lang vor mir bei ihr angelangt, schließlich musste er sich auch nicht in Pumps auf Rasen fortbewegen. Er nahm sie in den Arm und sie sprachen leise miteinander. Ihre Vertrautheit war megasüß und doch gab es zumindest bei uns in Deutschland den Brauch, dass Braut und Bräutigam erst vor dem Altar aufeinandertrafen.

„Liny! Verdammt, du kannst doch nicht einfach … und du solltest sie gar nicht sehen!“

„Dummer Aberglaube“, griff Ian auf, der Carmen am Arm hatte. Islay hielt sich bedrückt im Hintergrund. „Aber wir sollten màthair nicht länger warten lassen, sie verliert langsam die Geduld mit uns.“

„Liny, du weinst doch nicht!“ Das Unglück ließ ja nicht lang auf sich warten. „Dein Make-up!“

„Ian, du musst die Verwandtschaft ablenken. Gib uns eine halbe Stunde Vorsprung“, bat Lachlan, ohne Liny aus den Armen zu lassen. „Islay, du fährst uns, wo ist dein Wagen?“

Es sirrte ziemlich schrill in meinen Ohren.

„Was?“, entwich es mir entsetzt. Ich zog an Linys Arm. „Okay, das ist normal, nennen wir es Hochzeitskoller, aber jetzt alles platzenzulassen, wegen dummer Angst, ist doch idiotisch!“

„Du willst abhauen? Fein, dann heirate ich deine perfekte Braut, schlimmer als mit Cheyenne kann es auch nicht laufen.“

Lachlan verunglimpfte ihn und setzte eine Warnung hintendran, besser einen großen Abstand von Carolina zu halten.

„Entscheide dich, bràthair, willst du sie oder nicht. Unsere Familie wartet darauf, dass du eine bessere Wahl triffst, als ich.“

Ian war keine Hilfe, aber so weit war ich heute bereits gewesen. Wenn die Hochzeit nicht den Bach runtergehen sollte, musste ich nun schnell für Beruhigung sorgen. „Lachlan, Liny ist manchmal etwas stürmisch und unbedacht, aber herrje, sagtest du nicht, dass du sie liebst? Dass du sie glücklich machen willst? Dann tu es auch. Verdammt, ja es ist eine beängstigende Angelegenheit, aber ihr wart euch doch so sicher!“ Ich rang die Hände und mein Hirn gleich mit. Was konnte ich sagen, damit er zur Vernunft kam? Verflixt, damit hatte ich einfach nicht gerechnet, alles schien so perfekt bei ihnen zu laufen, warum kam der große Knall ausgerechnet fünf Minuten vor der Trauung? „Liny ist kein schlechter Mensch und sie liebt dich aufrichtig. Meinungsverschiedenheiten …“

„Miss“, unterbrach Islay mich und räusperte sich unter meinem irritierten Blick erst einmal. Miss. Wie unpersönlich und distanziert war das denn? „Ich glaube, die wollen zusammen weg. Gretna Green, nehme ich an.“

Ich konnte mir nicht helfen, mir klappte der Mund auf, merkte es und konnte doch lange Sekunden nichts an meinem sicherlich dämlichen Gesichtsausdruck ändern. Ian brach erneut in Gelächter aus und Carmen wusste nichts damit anzufangen. Sie sah ratlos in die Runde.

„Du heiratest, Mann!“, japste Ian. „Alles ist vorbereitet, die Familie ist d´accord und anwesend und du willst durchbrennen und deine Braut in Gretna Green heiraten? Du bist etwas zu versessen auf die Vergangenheit, weißt du das?“ Er schlug Lachlan auf die Schulter. „Komm, lass den Quatsch und lass uns màthair beruhigen, sie läuft bereits Amok, weil es zu einigen Minuten Verspätung kam.“

„Nein. Liny möchte lieber fahren.“ Er küsste die Stirn seiner Braut, die völlig selbstvergessen in seinen Armen kuschelte, als ginge sie die Diskussion gar nichts an. „Also verschieben wir es.“

„Ich will gar nichts verschieben! Lachlan, mir ist alles völlig egal, Hauptsache, ich habe mich nicht umsonst in dieses Kleid gezwängt. Das ist Folter, weißt du.“

Er schob mich ein Stück weiter von sich, um sie einen langen Moment anzusehen. „Du bist wunderschön, Carolina.“

Oh Mann, schön, sollte er Liny bewundern, aber das war doch nun wirklich nicht Priorität!

„Dann hat sich das ja gelohnt.“

Er grinste. „Wie wollen wir es durchziehen? Aufregend oder klassisch?“

„Klassisch“, beschied ich schnell, um das ganze abzukürzen, und bekam Zustimmung von Carmen und Ian.

„Na ja, ich bin für aufregend.“ Islay korrigierte sich schnell unter meinem feurigen Blick. „Natürlich klassisch.“

Mann, was war der für ein Kindskopf?

„So, da das geklärt ist“, griff ich auf, damit sich niemand mehr umentschied und mein Zeitplan nicht völlig den Bach runterging, und lächelte dabei in die Runde. „Mr Campbell, sorgen Sie doch dafür, dass der Bräutigam, wie es sich gehört, am Altar auf die Braut wartet.“

Islay trat vor, aber Lachlan behielt mich seelenruhig im Arm und wiederholte seine Frage. „Wie möchtest du zu Lady McDermitt werden?“

Ich warnte Liny innerlich, keinen Unsinn anzustellen und machte mich bereit, es auch verbal zu formulieren – höflicher.

„Du hast dir viel Mühe gegeben, nicht wahr? Und es ist dir bestimmt nicht leichtgefallen, den Garten zu öffnen.“

„Sie kennt dich zu gut, Kenny!“

„Wir bleiben und haben einen wundervollen Tag, einverstanden? Ach, und sollten wir Schafe in unserem Schlafzimmer vorfinden …“ Sie warf Islay einen warnenden Blick zu. „Wird uns bestimmt die passende Reaktion darauf einfallen, meinst du nicht?“

Lachlan grinste und es schien, als hätten sie alles um sich herum vergessen. „Als wären wir das nicht gewohnt.“

Ich entließ angespannt den angehaltenen Atem. Waren wir an der Klippe gerade noch drumherum geschippert? Keine Fluchtgedanken mehr? Manchmal kam ich nicht ganz hinterher, bei Linys Meinungsumschwüngen und gerade in dieser Situation war es nicht ratsam, die Zügel aus der Hand zu geben.

Ian feixte, als er sich zu mir beugte. „Ein lustiges Paar, was? Man weiß nie, was sie sich nun wieder einfallen lassen, um uns alle zu verblüffen.“

Er lenkte mich ab, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde, in der ich ihm seufzend beipflichtete. Dann setzte ich dem Geturtel ein Ende. „Mr Campbell, seien Sie so gut und übernehmen nun Ihren Posten?“ Genaugenommen die Braut, aber das wusste er auch so. Allerdings setzte er sich zwar in Bewegung, blieb dann aber neben den Turteltauben stehen, und sah sich um wie Falschgeld.

„Liny, die Gäste warten. Wenn es dir recht ist, machen wir jetzt weiter.“ Im Gegensatz zu Islay hatte ich keine Probleme damit, dem Paar auch physisch nahezukommen. Ich wrang Liny aus Lachlans Umarmung und schob sie eher grob dem Trauzeugen zu. „Mr Campbell …“

Traditionell bekam ich Lachlans Begleitung, war ich schließlich nicht bloß die Planerin des Events, sondern auch noch erste Brautjungfer und Trauzeugin. Damit war ich verflixt tief in diese Geschichte involviert und konnte gar nicht alles stehen- und liegenlassen, wie George es von mir verlangte. Schnell schob ich den unerfreulichen Gedanken beiseite. Es konnte noch so viel schiefgehen, als dass ich mich ablenken lassen durfte. Mein Handy schwieg und ich hoffte, es bedeutete, dass keine weiteren Katastrophen auf mich warteten. Lachlan führte mich vor der Gruppe Richtung geheimen Garten, Liny und Islay folgten, während Carmen und Ian die Nachhut bildeten.

„Mann, kannst du bitte aufhören, mir das Leben extra schwer zu machen? Durchbrennen! Jetzt!“

Kapitel 2

Eine etwas andere Trauung

Ich wusste, wie es weiterginge, und war doch überrascht, als die Dudelsäcke zu spielen begannen. Es war ein majestätischer Klang, der durch die Szenerie noch unterstrichen wurde. Aufgereiht an beiden Seiten des Hauptweges, der einen Kreis durch den sonst verschlossenen Garten von Farquhar zog, standen kräftige Männer in Tartan und einer Backpipe und spielten gemeinsam eine gewaltige Melodie. Es war ohrenbetäubend, ja, aber ebenso herrlich, durch das Spalier zu schreiten. Hinter Ian und Carmen schlossen sich die Männer an und folgten uns in einer lauten Prozession. Der ummauerte, geheime Garten umfasste einige urige Bäume, Rosenbeete und einen romantischen, kleinen See. Er war bedeutend kleiner als er wirkte, denn während wir langsam dem Weg folgten, erschien es wie eine abgeschiedene Welt und man konnte nachvollziehen, warum es so in Lachlans Interesse lag, diesen Ort zu schützen. Er hatte etwas. Vielleicht nichts Magisches, wie Liny immer behauptete, aber er hatte Charme.

Maximal zwei Minuten bis zum kleinen See, an dem die Trauung vollzogen werden sollte, genug Zeit, Lachlan noch einmal ins Gewissen zu reden. „Sie bemüht sich, perfekt zu sein.“

Lachlans durchdringender Blick legte sich mit einer Irritation auf mich, die mich fast zum Verstummen brachte. „Sie ist perfekt.“

„Sie …“

„Sina, Carolina bemüht sich, aber nicht um Perfektion, sondern, um den Erwartungen meiner Eltern gerecht zu werden. Dessen bin ich mir bewusst. Meine Eltern wollen keinen zweiten Eklat, wie bei Ian. Sie haben genug von seinen Sperenzchen, legen ihm Daumenschrauben an und versuchen es zugleich auch bei mir. Sie werden schon einsehen, dass Carolina nicht Cheyenne ist. Da fällt mir ein, gegenüber meinen Eltern sprichst du bitte nicht von Liny. Sie meinen, es sei gewöhnlich und meiner Gattin nicht angemessen.“ Er verzog das Gesicht. „Sorry, aber das Zugeständnis war nötig, um zumindest die Abwehr zu überbrücken.“

Er legte seine Hand auf meine. „In meinen Augen ist Carolina perfekt, wie sie ist.“

Bisher hatte ich Islays Worte einfach abgetan, aber jetzt bekam ich doch das Gefühl, er könne richtig liegen. „Du wolltest mit ihr durchbrennen?“

Er zuckte die massigen Schultern. „Das hier ist genau, was ich verabscheue. Das Aufgebot, das Gedränge, das Einmischen Dutzender in Belange, die sie nichts angehen, die Öffentlichkeit, die ständige Bewertung. Carolina weiß das, deswegen hat sie es wohl vorgeschlagen.“

Ich lachte auf, ungewollt, aber es brach aus purer Erleichterung aus mir heraus. Die beiden waren das verschrobenste Paar, das ich je gekannt hatte und sowas von widersprüchlich, weil beide anders als erwartet agierten, wenn sie der Meinung waren, der jeweils andere wünsche es so. Das wirklich Merkwürdige: Es funktionierte.

„Aber du hast dir doch so viel Mühe gegeben, alles geheim zu halten und diese Überraschung zu planen.“

„Ich war mir aber nie sicher, ob es ihr auch gefallen würde. Ich habe immer noch das Gefühl, dass es den Ort entweiht.“ Er brummte die Worte mit einem düsteren Blick.

„Ich finde es urromantisch und ich bin mir sicher, sie weiß die Geste zu schätzen.“ Das hatte ich ihm jedes Mal versichert, wenn er Zweifel bekam und wie immer murmelte er eine Zustimmung und seufzte.

Der kleine See kam in Sicht und mir stockte der Atem. Eine Art Steg war über den vorderen Teil errichtet worden, auf dem der Geistliche mit roten Wangen und auf den Fußballen wippend, bereits auf das Brautpaar wartete. Er war klein, rundlich und erstaunlich heiter, selbst für ein so freudiges Ereignis. Lachlan beherrschte sich, obwohl er deutlich schneller voranschritt und ungeduldige Blicke zurück zu seiner Braut warf. Wir befanden uns auf dem Steg wie auf dem Präsentierteller und wurden auch bereits kräftig mit Blitzlicht beschossen, obwohl die allgemeine Anweisung hieß, das Fotografieren auf das Notwendige zu beschränken. Schließlich kannte ich Lachlans Phobie und war auch hautnah Zeuge gewesen, wie Paparazzi einem das Leben vermiesen konnten. Einst hatte einer dieser Haie ein anzügliches Bild von Lachlan und Liny in Flagranti geschossen und es in der Sun, dem bekanntesten britischen Klatschblatt, veröffentlicht. George war wutschnaubend aufgetaucht und hatte Liny eiskalt rausgeschmissen. Allerdings war ein anderes Detail damals wichtiger gewesen: Die Verwechslung der Zwillinge. Die Sun hatte behauptet, Liny hätte den zukünftigen Bräutigam Ian verführt, was dessen damalige Verlobte Cheyenne auf den Plan gerufen hatte. Das Chaos war perfekt gewesen, weil Liny in ihrem abgrundtiefen Schock, so von Lachlan hintergangen worden zu sein, abreiste und von Lachlan nichts mehr hatte hören wollen. Es genügte wohl zu sagen, dass Paparazzi, Fotografen und Reporter auf dieser Hochzeit daher nicht gern gesehen waren. Weshalb die von mir beauftragten Hochzeitsfotografen die strikte Anweisung hatten, sich zurückzuhalten und es nicht zu übertreiben. Sie waren jetzt die einzigen, die etwas auf diese Anweisung gaben und reagierten verwirrt. Ich gab ihnen einen unauffälligen Wink, und zumindest einer von ihnen verstand es und hob die Kamera. Lachlan atmete tief ein und drehte sich um. Ich blieb, wo ich war, obwohl ich eigentlich auf die andere Seite des Brautpaares musste, aber ich wollte den Fotografen nicht im Weg stehen. Ich brauchte perfekte Bilder für die Dankeskarten und gerade dieser Moment schien dafür besonders geeignet. Beide strahlten sich an, als wären sie soeben vermählt worden.

„Miss. Miss!“, hisste Islay und bedeutete mir wenig unauffällig mit ihm den Platz zu tauschen, was ich noch einen Moment länger ignorieren wollte, um möglichst viele Bilder vom Brautpaar zu ermöglichen. Romantische Aufnahmen zum Dahinschmelzen.

Islay griff nach mir und zog mich mit einem Ruck zu sich. So unerwartet, wie es war, ließ es mich torkeln und ich landete in seinen Armen. Einen Augenblick hing ich an ihm, an seiner Brust, spürte den weichen Stoff seines Tartans an meiner Wange und das Stechen der Clansbrosche — einem distelumkränzten Schwert — noch dazu. Ich atmete seinen männlichen Duft ein und spürte die Hitze seines Körpers und seine Kraft.


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Katherine Collins lebt mit ihren zwei kleinen Töchtern in einem kleinen Dörfchen inmitten des Vest. Seit 2014 veröffentlicht sie historische Liebesromane sowohl in Verlagen, als auch als Selfpublisher. Unter dem Pseudoym Kathrin Fuhrmann schreibt die Autorin Liebesgeschichten, die mal mit Crime und mal mit Fantasy unterlegt sind.