Heiße Nächte in Valencia

Tatsächlich habe ich nach Chrissies kleinem Auffrischungskurs das Gefühl, mich nicht vollkommen blamieren zu müssen. Der kleine Tanzclub befindet sich in einer unscheinbaren Seitenstraße in der Nähe des Fußballstadions des FC Valencia. Das Publikum erscheint mir im Durchschnitt erschreckend jung. Ich fühle mich an Pascal erinnert. Doch die lateinamerikanischen Rhythmen versöhnen mich bald mit der Situation und ich sage mir, dass man schließlich immer nur so alt ist, wie man sich fühlt.

Christine kommt mit zwei Gläsern von der Bar zurück, von denen sie mir eines in die Hand drückt. Ich nippe.

»Holla! Was ist das?«, brülle ich ihn ihr Ohr.

»Agua de Valencia. Gin, Wodka, O-Saft und Sekt«, flötet Chrissie in mein Ohr. »Damit du dich auch auf die Tanzfläche traust.«

Ich muss lachen und nehme noch einen tiefen Schluck. Wir arbeiten uns durch die Menge zur Tanzfläche vor und ich lehne mich an einen Pfeiler am Rand, um erst einmal zuzuschauen und in Ruhe meinen Drink zu schlürfen. Auf der Tanzfläche umkreisen sich Paare mit wiegenden Hüften zum Klang der Merengue. Mein Blick wandert zur gegenüberliegenden Seite und bleibt an einem dunkelhaarigen Mann in weißem Hemd hängen, der lässig an der Bar lehnt und mich unverwandt ansieht. Er ist groß und hat erstaunlich helle Augen, die sogar über die Distanz aus seinem Gesicht leuchten. Die Situation erinnert mich an meine Fantasie und es fühlt sich an, als ob mein Herz einen kurzen Augenblick stolpert. Ein Kribbeln durchläuft meinen ganzen Körper. Automatisch bewegen sich meine Mundwinkel nach oben und ich versuche, mein Lächeln hinter dem Glas zu verbergen. Der beinahe unverschämt intensive Blick des Dunkelhaarigen und meine Reaktion darauf treffen mich vollkommen unvorbereitet. Er verzieht den Mund ebenfalls zu einem leichten Lächeln und starrt mich weiter mit unverhohlenem Interesse an. Aus Verlegenheit leere ich mein Glas und stelle es auf einem Bord an der Wand hinter mir ab. Als ich mich wieder zur Bar drehe, ist der Mann verschwunden. Enttäuscht suche ich die Menge an der Bar nach ihm ab.

»Me concede el placer«, höre ich plötzlich eine tiefe, warme Stimme hinter mir und eine Hand greift nach meiner.

Ich wirbele herum. Es ist mein Bewunderer von der Bar, der offenbar die Gunst der Stunde genutzt hat, zu uns herüberzukommen. Ich schaue mich nach Christine um, kann sie aber nicht entdecken. Leider habe ich nicht verstanden, was der Mann zu mir gesagt hat.

Doch mit einer schnellen Kopfbewegung deutet er auffordernd auf die Tanzfläche und ich lasse mich an seiner Hand zwischen die Paare leiten.

Vor Aufregung bin ich zunächst etwas hüftsteif, doch schon bald hat der Rhythmus mich ergriffen und ich schaukle meine Hüften im Takt. Meine Hand liegt leicht auf seiner Schulter, die nackte Haut unserer Arme berührt sich. Im Rücken spüre ich warm seine Hand durch den dünnen Stoff des Tops und lasse mich sanft von ihm führen. Nach den ersten, noch etwas unsicheren, Schritten, werde ich mutiger und lasse mich von ihm drehen. Von Nahem betrachtet ist das intensive Blaugrau seiner Augen noch strahlender und schlägt mich sofort in seinen Bann. Als die Musik schneller wird, hält er mich enger in seinen Armen. Bei der Drehung schiebt sich sein Bein zwischen meine. Obwohl er mich dabei kaum berührt, zieht sich mein Unterleib sehnsüchtig zusammen und ein elektrisierendes Kribbeln breitet sich in mir aus. Die erotisch aufgeladene Spannung zwischen unseren Körpern ist beinahe wie in meinem Traum heute Nacht und ich bin erstaunt, dass diese Begegnung tatsächlich noch eine solche Lust in mir entfachen kann. Sein Blick bohrt sich in meinen, so als ob er meiner Seele ihre tiefsten Geheimnisse zu entreißen sucht. Fest zieht er mich in seinen Arm, um mich dann wieder sanft wegzuschieben und die Distanz zwischen uns zu vergrößern. Als er mich wieder an sich zieht, pralle ich kurz gegen seinen muskulösen Oberkörper. In seinen Armen beginnt der Club um mich herum zu verschwimmen. Es gibt nur uns beide, den Rhythmus, seine Augen und unsere Körper, die miteinander in ihrer eigenen Sprache sprechen.

Als er mich aus einer Drehung zurück in seine Arme zieht, streicht er einmal sachte mit dem Handrücken über meine Wange und streift mit dem Zeigefinger meine Lippen, die sofort zu kribbeln beginnen.

Die wiegenden Bewegungen meiner Hüften lockern mein Becken und Wärme breitet sich in meinem gesamten Unterleib aus. Mein Tanzpartner zieht mich plötzlich ganz eng an seinen Körper, sein Schenkel presst sich zwischen meine und das Kreisen wird kleiner, intimer und Wellen der Lust durchströmen mich. Hungrig möchte ich meinen Unterleib gegen seinen pressen und widerstehe nur mit Mühe der Versuchung, den Tanzabstand noch weiter zu verringern und mich an ihm zu reiben.

Plötzlich fühle ich seine kühlen Lippen auf meinen und ein Schauer jagt meine Wirbelsäule hinab. Sachte zupft er an meiner Unterlippe, öffnet meine Lippen und tastet sich mit seiner Zunge in meinen Mund.

Immer noch wiegen wir uns im Takt der Musik. Meine Hand wandert von seiner Schulter zu seinem Nacken, vergräbt sich in den dunkelbraunen Locken, und ich ziehe ihn hungrig tiefer in den Kuss.

Er schmeckt aufregend, süß und fremd und ich schmecke den Hauch von etwas Bitterem. Ungestüm erobert seine Zunge meinen Mund, während seine Arme mich fest an seinen Körper pressen und unsere schaukelnden Hüftbewegungen kleiner und kleiner werden, bis sich unsere Unterleiber gegeneinander reiben. Durch den dünnen Stoff seiner Anzughose spüre ich, wie ihn unser Tanz und der feurige Kuss erregen. Tausend Gedanken und Fragen wirbeln durch meinen Kopf, aber keinen davon kann ich lange genug fassen. Alles wird sofort von der überschäumenden Lust weggespült und mein Kopf ist wie leergefegt. Mein Leben in Deutschland, der Club, die Menschen um uns herum – nichts existiert mehr außer dem unstillbaren Hunger, der im Rhythmus meines Herzschlags durch meinen Körper pulsiert.

Ich atme, ich lebe, und mein Körper erblüht unter seinen Berührungen.

Nur wir beide und eine wunderschöne Stadt

Atemlos lösen wir unsere Lippen voneinander und er führt mich an der Hand von der Tanzfläche.

Während wir auf den Rand zusteuern, suche ich nach Christine, kann sie aber nirgends entdecken.

Mein Tanzpartner raunt mir etwas ins Ohr, das ich nicht verstehe. Reflexartig antworte ich auf Deutsch, doch er zieht die Schultern hoch und schüttelt lächelnd den Kopf.

»Inglès?«, versuche ich es. Er nickt lächelnd und antwortet mir in fließendem Englisch.

»Wollen wir ein bisschen rausgehen?«

Ich ergreife seine ausgestreckte Hand. Noch immer fühle ich mich, als sei meine Haut elektrisch aufgeladen. Mein ganzer Körper prickelt bis in die Haarspitzen. So habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt und ich bin vollkommen perplex, dass ich noch so empfinden kann. Wie selbstverständlich verschränkt er seine Finger mit meinen und zieht mich Richtung Ausgang.

Wir lassen die vor der Tür versammelten Rauchergrüppchen hinter uns und lehnen uns ein Stück weiter an eine Hauswand. Tausend Fragen und Gedanken schwirren mir durch den Kopf und ich sage schließlich das erstbeste, das mir in den Sinn kommt.

»Ich bin völlig …«

Er schüttelt leise den Kopf und legt kurz seinen Zeigefinger auf meine Lippen.

»Okay, aber ich möchte doch bloß wissen …«

Weiter komme ich auch dieses Mal nicht, denn er lehnt sich vor und küsst mich. Sachte streichen seine Lippen über meine, saugen zart an meiner Unterlippe. Ich spüre seine Hand auf meiner Taille. Die andere streicht zärtlich über meine Wange. Er lächelt, als seine Lippen sich von meinen lösen.

»Sag mir wenigstens …«, versuche ich es noch einmal.

»Mein Name ist Joan«, entgegnet er mit einem amüsierten Lächeln. »Oder war das nicht, was du fragen wolltest?« Er zwinkert.

»Nein.« Ich muss lächeln. »Nein, genau das wollte ich fragen. Joan. Das ist ein schöner Name. Ich heiße Nicole.«

»Nicole. Bist du Französin?«

»Deutsche. Und du? Kommst du aus Valencia?«

»Nein. Ich komme aus Castellón und besuche hier Verwandte. Ich bin gerade heute Nachmittag angekommen.«

»Erwarten deine Verwandten nicht, dass du Zeit mit ihnen verbringst?«

Er legt den Kopf schräg und grinst.

»Die alten Herrschaften gehen früh ins Bett. Und der Abend ist zu schön, um allein in meinem Zimmer zu hocken. Außerdem hatte ich so ein Gefühl …«

Er nimmt meine Hände und haucht auf jede einen zarten Kuss.

»Ein Gefühl, dass mir heute etwas Wunderbares widerfahren wird.«

»Du bist ein talentierter Schauspieler.« Ich muss grinsen.

Mit dem Zeigefinger zeichnet er den Bogen meiner Oberlippe nach.

»Aber es ist wahr. Und als ich dich gesehen habe, wusste ich gleich, dass mein Gefühl mich nicht belogen hat. Du bist eine Frau, die auf der Suche ist. Das habe ich in deinen Augen gesehen.«

»Willst du mir damit sagen, ich sehe verzweifelt aus?«, kontere ich mit einem herausfordernden Lächeln.

Er lacht. »Nein. So habe ich das nicht gemeint. Nicht notwendigerweise auf der Suche nach einem Mann. Eher auf der Suche nach dir selbst. Nach etwas, das du glaubst, verloren zu haben.«

Es klingt kitschig und wahrscheinlich hat er es aus irgendeinem Film, allerdings trifft diese Aussage bei mir voll ins Schwarze.

»Oder passiert dir das öfter, dass du einen Mann küsst, ohne auch nur seinen Namen zu kennen?« Er zieht eine Augenbraue hoch, was ihm einen verschmitzten Ausdruck verleiht.

»Nein, eigentlich nicht«, gebe ich zu. »Eigentlich bin ich …«

Wieder schüttelt Joan den Kopf und drückt einen Kuss auf meine Lippen.

»Wenn es da bei dir zu Hause jemanden gibt, dann möchte ich das lieber gar nicht wissen. Heute Abend soll es kein Gestern und kein Morgen geben, nur uns beide und diese wunderschöne Stadt.«

Auch das klingt wieder, als stamme es aus einem Drehbuch, doch ich beschließe, meinen Zynismus in den Urlaub zu schicken. Denn ich weiß, was ich eben auf der Tanzfläche gefühlt habe und das war echt, roh und unverfälscht. Und schon wieder hat er recht. Ich möchte nicht darüber nachdenken, was war und was sein wird. Ich will diesen Mann und ich möchte mit ihm die Nacht erobern, frei von Alltag und Verpflichtungen.

Beim Stichwort Verpflichtungen fällt mir allerdings Christine wieder ein und die goldene Freundinnenregel. Asche auf mein Haupt. Die Sache mit Joan hat mich so eiskalt erwischt, dass ich meine Freundin einfach habe stehen lassen!

Ich entschuldige mich bei Joan und zücke mein Handy, auf dem bereits eine Nachricht von Christine wartet.

Drücke mich an der Bar herum. Wollte dir etwas Privatsphäre lassen. Alles gut bei euch? Brauchst du mich? Sonst nehme ich mir ein Taxi und fahre nach Hause. Chrissie xxx

 

Schnell tippe ich eine kurze Nachricht.

Alles gut. Fahr ruhig. Ich schätze, es wird spät. 😉

 

Gerade als ich das Handy wieder wegstecken will, kommt Christines Antwort.

Regeln wie immer. Codewort genau wie damals. 😀

 

Ich muss lachen. Früher, bevor ich Heiko kennenlernte, sind Chrissie und ich oft zusammen losgezogen und hatten dafür einige Sicherheitsvorkehrungen entwickelt. Stets hatte ich mich aus dem Bett gequält, um spätestens um neun Uhr Christine anzurufen und Entwarnung zu geben. Dabei hatten wir uns sogar ein Codewort überlegt, für den Fall, dass jemand uns nötigen würde. Zugegeben, sehr ausgeklügelt war das alles nicht gewesen. Doch besser, als die Freundin einfach zurückzulassen und sich nicht darum zu scheren. Der gedankliche Ausflug in meine wilde Jugendzeit mit Chrissie lässt für einen Augenblick Schmetterlinge in meinem Bauch aufflattern. Ich lasse das Handy in der Tasche verschwinden, schlinge die Arme um Joans Nacken und ziehe ihn an mich, vergrabe die Finger in seinen Haaren und schließe die Augen.

Seine Zunge öffnet meine Lippen und erobert meinen Mund. Als er seinen kräftigen, warmen Körper an mich presst und seine Hände zu meinem Po wandern, beschleunigt sich mein Herzschlag und pumpt das Blut heiß durch meine Adern. Meine Haut glüht förmlich und ich spüre die angenehme Kühle der Wand in meinem Rücken. Ich kann nicht abwarten, seine Haut unter meinen Fingerspitzen zu fühlen, zupfe das Hemd aus seiner Hose und lasse die Hände darunter schlüpfen.

Sachte lasse ich meine Fingernägel an seinen Seiten aufwärts streichen und entlocke ihm damit ein tiefes Knurren. Als meine Hände über seine Brust gleiten, stelle ich freudig überrascht fest, dass sie rasiert ist. Unter meinen erkundenden Fingern fühlt sie sich warm, glatt und kräftig an.

Meine Zunge tastet sich in seinen Mund vor, lockt und neckt ihn und meine Hände setzen ihre Erforschung des unbekannten Terrains fort, tasten über die Muskeln seiner Schultern und seines Rückens, streichen abwärts und umfassen seinen Po, der sich durch den dünnen Stoff fest und muskulös anfühlt.

Joan stöhnt leise in meinen Mund und drängt sich gierig an mich, streicht mit der Hand an meinem Bein aufwärts, lässt sie unter meinen Rock wandern. Seine Erregung ist deutlich spürbar. Warm und hart drückt seine Männlichkeit gegen meinen bloßen Schenkel. Mein Rock ist unzüchtig nach oben gerutscht doch es ist mir vollkommen egal.

Sein leichter Dreitagebart reibt über meine Haut und ich weiß, dass mein Kinn morgen früh empfindlich und rot sein wird. Doch auch das ist mir einerlei. Tief taucht meine Zunge in seinen Mund, lockt ihn und fordert ihn heraus. Die Küsse werden rauer, atemloser. Er schiebt eine Hand unter mein Top und knetet meine Brüste, lässt seinen Daumen um meine harten Brustwarzen kreisen, rollt sie zärtlich zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich stöhne leise auf und schiebe mein Becken vor, um mich an seine harte, pochende Männlichkeit zu pressen. Seine Lippen wandern zu meinem Hals und zupfen an meinem Ohrläppchen.

»Vielleicht sollten wir uns ein privateres Plätzchen suchen? Wenn wir so weitermachen, werden wir noch verhaftet«, wispert er in mein Ohr.


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Lia Bergman lebt und arbeitet in einer kleinen Stadt im Münsterland und schreibt Romane über Liebe, Lust und Leidenschaft. Lia ist ausgebildete kaufmännische Assistentin für Fremdsprachen, hat Anglistik und Germanistik studiert und arbeitet als Autorin, Übersetzerin, Lektorin und Sprachlehrerin.

Das Herz der reiselustigen Autorin schlägt vor allem für die britischen Inseln und Skandinavien und eine sinnliche Atmosphäre und interessante Kulisse sind für sie wichtige Bestandteile einer fesselnden Geschichte. Erfahre mehr im Interview mit Lia Bergmann.

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