Chef, ich bin dann mal Windeln wechseln

 Meine Frau ist noch mal schwanger. Siebente Woche. Ja doch, es war geplant.

Doch plötzlich gibt es Schwangerschafts­komplikationen bei ihr und es besteht die große Gefahr, das Kind zu verlieren!

Meine Frau muss ruhig liegen. Den ganzen Tag. Die ganze Woche. Vermutlich die ganze Schwangerschaft über!

Auf einen Schlag bin ich quasi alleinerziehend – und völlig ausgeliefert. Plötzlich stehe ich vaterseelenallein in der Arena! Vor mir das Hufe scharrende Böckchen – und ich bin das rote Tuch.

Für meine Arbeitszeit haben wir eine Tagesmutter gefunden, doch danach bin ich dran. Bis es dunkel wird. Bis ich leblos ins Bett falle.

Und morgens von Neuem.

Schraubstockchef – Kind – Haushalt. Und die Kleine will alles, nur nicht auf Decken in Parks liegen! Nie. Keine Sekunde. Mit ihrer Energie ließe sich der Strombedarf einer mittleren Kleinstadt decken. Davon hat mir meine Frau nichts erzählt. Ich bewundere alle Mütter. Ich vergöttere Alleinerziehende, die länger als zwei Wochen überleben.

Um meinem Umfeld den Grund für mein zweifellos baldiges Ableben zu dokumentieren, muss ich Tagebuch führen. Das glaubt mir sonst kein Mensch!

03.05. Graue Haare

Schleppe mich morgens ins Bad. Aus dem Spiegel glotzt eine sabbernde Bulldogge mit zerknautschtem Gesicht. Ich weiß nicht, was Schönheitschirurgie heutzutage vermag, aber sie würde Grenzen ausloten müssen. Moment mal, was glänzt da so silbern an meiner Schläfe? Das sind graue Haare! Und gleich ein ganzes Büschel! Jetzt ist es endgültig so weit. Anschnallen und beige Strickjacke überziehen – Eintritt in die Seniorenumlaufbahn. Ab auf die Spur rechts außen zu den Brummifahrern und Leuten, die ihre Zähne nachts im Glas lagern. Ich habe schon so was geahnt.

Gestern im Supermarkt wurden alle Kunden vor mir von der Kassiererin mit „Hallo“ begrüßt. Als ich dran war, musterte sie mich, überlegte kurz und sagte schließlich „Guten Tag.“ Ich habe mich noch nie so alt gefühlt.

Zu meinem Entsetzen fallen die grauen Haare auch noch aus! Reiße die zugeschwollenen Augen auf. Moment mal, das ist … Gott sei Dank. Es ist nur Lametta!

Lametta?!

Wie verdammt kommt dieses Zeug in mein Resthaar? Mitten im Mai! Dafür gibt es nur eine Erklärung.

Da schreit sie auch schon aus der Küche. Es ist dieses durch­dringende Schreien, das gar nicht besonders laut ist – ich bin mir sicher, unsere Nachbarn bekommen nichts davon mit – aber es ist wirksam, da es gerichtet ist. Und zwar an mich. Nur an mich. Es ist eine einfache, aber perfide Methode, die letztlich immer wieder funktioniert. Und nur ich kann das Schreien abstellen, und das ist der Absenderin selbstverständlich mehr als bewusst. Sie ist 28. Genauer gesagt 28 Monate.

Pumpe noch mal die Lungen durch. Im Spiegel ist nur mein Kopf zu sehen. Ich habe Angst, nach unten zu gucken. Befürchte, dass da nichts mehr ist. Selbst ein Schluck Wasser müsste sich nach mehr anfühlen. Zur Eindämmung meiner Körperverwahrlosung bleibt keine Zeit. Ich muss in die Schlacht, es nützt nichts.

Der nächste Schrei erwischt mich im Mark. Ich stürme zum Epizentrum der Schallwellen und sehe noch, wie mein kleines Urknällchen der Schüssel, die gerade abwägt, ob sie an der Tischkante verbleiben soll oder nicht, die Entscheidung abnimmt. Der Müsli-Himbeer-Milchbrei ergießt sich klatschend über Mobiliar und Boden und gibt ein schmatzendes Geräusch unter ihren Füßen, die nun vom Schlachtfeld in den Flur und schließlich ins Schlafzimmer flüchten, wo die zweite Person, die direkt mit für die Existenz des kleinen Koboldes verantwortlich ist, reglos auf dem Bett zu liegen pflegt.

Nun ist Liegen sicherlich nicht die schlechteste Position. Für die Liegende. Zumindest wenn sie weiß, dass es für einen begrenzten Zeitraum ist und sie jemanden um sich hat, der den Bedürfnissen des Tages nachkommt. Des 24-Stunden-Tages genauer gesagt. Nur eben für jene letzte Person, also mich, sieht die Lage nicht ganz so glücklich aus und weit und breit kann ich niemanden erkennen, der mir im Rahmen des mir verfügbaren Bestechungskontingentes dieses Schicksal abnehmen würde.

15.06. Hilferuf 3.Versuch

Setze Annonce für Haushaltshilfe ins Internet. Sollte einladend klingen.

„Alleinstehender junger Mann mit nettem Kleinkind sucht Hilfe für leichte Tätigkeiten im Haushalt sowie Kinderbetreuung in Teilzeit. Gute Bezahlung.“

Na ja, Letzteres ist nur ein Joke. Lasse es aber stehen. Und das mit dem „alleinstehend“ stimmt ja auch nicht wirklich, das fällt gleich auf. Gut, jung bin ich auch nicht, erst recht nicht im Moment. Aber sonst kann ich die Anzeige so lassen. Wobei „leichte Tätigkeiten“ meiner Arbeit hier alles andere als gerecht werden.

Ändere die Anzeige zu: „Verheirateter Mann im fortgeschrittenen Alter sucht kräftige Hilfe mit stabiler Psyche für schwere Arbeit am Kind.“ So müsste es passen.

 01.07. Kindersprache: Kryptologie für Väter

Es regnet. Habe sowieso keine Lust schon wieder auf den Spielplatz zu gehen.

„Was woll’n wir spielen?“, frage ich das Koboldchen zu Hause.

„Was neten, was neten!“

„Okay, was kneten. Gut, soll ich dir wieder eine Schnecke machen? Mit Blau?“, frage ich.

„Keine Schnecke!“

Ja gut, keine Schnecke, was dann?

„Keine Schnecke!“

„Keine Schnecke, ich denke, das habe ich jetzt, aber was denn dann?“

„Keine Schnecke, keine Schnecke!“ (Wird immer lauter.)

„Ja, aber keine Schnecke ist ja nichts Konkretes, was soll ich denn stattdessen kneten?“

„Nich droße Schnecke, keine Schnecke!“

„Ach, du meinst keine große, sondern eine kleine Schnecke!?“

„Jaaa, keine Schnecke!“

Mein Gott, jetzt haben wir’s. Also gut, ich knete eine kleine Schnecke.

„Paul!“, schreit sie jetzt.

„Ach, für deinen Freund Paul soll die werden?“

„Nein!“

„Für wen dann?“

„Nich schwazz, Paul!“

„Ach, du meinst nicht schwarz, sondern blau?“

„Jaaa, Paul!“

„Aha, du willst also wie immer eine blaue Schnecke.“

„Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa, keine Schnecke, Paul!“

Meine Rede.

05.07. Sechsfach-Impfung

Ich sitze mit meinem kleinen potentiellen Krankheitsherdchen beim Kinderarzt. Was bis zum heutigen Tage meiner Frau oblag, soll heute zum ersten Mal unter meiner Aufsicht vonstattengehen: Das Schutzimpfen. Nachdem mein kleines Siebchen bereits ein paar Einstichlöcher gesammelt hat, ist heute eine Sechsfach-Impfung dran! Ich finde es absolut in Ordnung zu impfen, allerdings nimmt die Anzahl dieser Vorkehrungen scheinbar von Generation zu Generation deutlich zu, sodass in einiger Zeit den Kleinkindern wahrscheinlich gleich ein Dauerzugang gelegt wird, über den sie dann wöchentlich den jeweils aktuellen Wirkstoff zugeführt bekommen. Einschließlich gegen Bedrohungen wie Zugluft und Schrumpelhaut beim Baden.

Habe nicht allzu viel über den Ablauf der bisherigen Injektionsmaßnahmen aus meiner Frau herausbekommen können. Ich nehme an, aus taktischen Gründen. Mir blieb jedoch nicht verborgen, dass sie jedes Mal etwas blass von diesen Terminen zurückkam und unsere Tochter seltsam still im Schlepptau hatte.

Nun ist es so weit. Mache meiner kleinen Bazille Mut, dass es überhaupt nicht schlimm sei. Es würde nur kurz piksen und wir würden uns dabei ein Buch zusammen anschauen. Plötzlich reißt die Ärztin ihren Sprechzimmerverschlag auf und ruft mit scharfer Stimme: „Jetzt wird’s ernst!“

Aha, denke ich, Psychologie war zu Zeiten ihrer Ausbildung Wahlfach.

Schmitt steht auf ihrem Namensschild. Ein gewöhnlicher deutscher Name. Klingt bissl wie Messerschmitt. Egal, ich bin nicht wirklich verunsichert und immer noch frohgemut.

„Legen Sie ihr den Oberschenkel frei, sonst wird das nix!“, pfeift sie mir befehlend entgegen. Mir wird mulmig. Das merkt die Nadelführerin und brüllt unvermittelt: „Contenance!“

Ich zucke sichtbar zusammen. Und wieder ertönt eine scharfe Salve aus dem Spritzen… äh, Schützengraben: „Contenance!“

Jetzt habe ich richtig Angst. Und meine Tochter kann mich auch nicht trösten. Frau Stabsarzt wird immer barscher und mein kleines Folteröpferchen krampft auf meinem Schoß.

„Still gesessen!“

Endlich vollzieht die Militärärztin, die zweifellos kürzlich aus einem Feldlazarett in Afghanistan eingeflogen wurde, das Martyrium. Packe meine kleine Geplagte und renne, ohne mich zu verabschieden, mit heruntergelassener Hose bis auf die Straße. Also ihrer Hose. Meine ist, so glaube ich, in ordnungsgemäßer Höhe. Boah, geschafft. Meine kleine Geplagte entspannt sich ebenfalls wie auf Knopfdruck, und es ist überstanden. Ich weiß nicht, wie es ihr geht, ich jedenfalls habe keine Lust, noch einmal hierher zurückzukommen. Da lasse ich lieber Mumps und Masern durch meine Familie kreisen. Das ist erträglicher.

Ich komme etwas blass nach Hause und habe meine Tochter im Schlepptau, die wie immer nach diesen Terminen keinen Mucks sagt. Jetzt weiß ich, was mir meine Frau verschwiegen hat. Ich bete, dass sie bald wieder auf die Beine kommt.

Unbenannt

16.07. Die Zähne kommen – Martyrium für die ganze Straße

Meine Frau ist für drei Tage im Krankenhaus. Sie ist nun im sechsten Monat und eventuell bestehen Chancen, dass sie demnächst wieder aufstehen kann. Ich bete darum, denn meine Kräfte schwinden.

Nachdem meine Frau nun weg ist, hat man sich wohl gedacht: Schick seiner Tochter doch die letzten Backenzähne, da ist er abgelenkt.

Hätte nie geglaubt, dass mich der Zahnschmerz in dreierlei Form im Leben heimsucht, neben dem Herausbrechen aus meinem Kiefer und der Abgabe beim Kiefernchirurgen nun also noch in Form von Ohrenschmerzen vom Geschrei meiner kleinen Zahnenden.

Natürlich kommen die Zähne nachts, wann sonst? Man könnte sie zwar auch diskret morgens durch den Briefschlitz werfen oder ein hübsches Päckchen mit rosa Schleifchen schnüren – aber nein, sie kommen mit Krawumm und Gekreisch, mit Spießgebrüll im Dauerton. Meine Frau muss das geahnt haben und hat sich schön bei Vollpension in einem ruhigen Zimmer im Hospital verschanzt.

Dieses Schreien ist das Schlimmste, was ich akustisch in meinem Leben bisher erleiden musste. Ausgenommen eines Livekonzerts von Dieter Bohlen mit seiner Band Blue System auf einem Kleinstadtfest.

Ich verabreiche meiner Leidenden das noch verfügbare Schmerzmittel. Es hilft so gut wie gar nicht, sie schreit unbeeindruckt weiter. Das Schreien hallt durch das angekippte Fenster in die Straße. Der Ruf des rohen Fleisches hat es nicht weit, bis er auf der gegenüberliegenden Häuserseite Gesellschaft findet.

„Ruhe, verdammt noch mal! Man sollte das Jugendamt rufen!“, brüllt es krächzend mit der ganzen Wut eines enttäuschten und unerfüllten Sozialhilfelebens zurück.

Ich bin kurz konsterniert. Klar hat die Frau recht, aber trotzdem. Dann wird mir bewusst, dass es dieselbe Stimme ist, die seit Wochen fast jeden Abend ihrem Mann lautstark Prügel androht. Darauf würde ich es ankommen lassen. So viel zur familienfreundlichen Gesellschaft. Ich öffne das Fenster ganz. Alle Fenster. Sollen die ruhig mein Leid teilen und damit ihren Beitrag zu einem kinderreicheren Deutschland liefern.

30.07. Erschöpfung III

Wieder zwei Nächte nicht geschlafen. Der wochenlange Erholungsentzug hat seinen Tribut gezollt. Meine permanenten Schmerzen und Taubheitsgefühle bleiben.

Jetzt hab ich also die Quittung. Werde zwar (noch) nicht in die Klapse, aber in eine neurologische Klinik überwiesen.

07.08. Visite

Ich schrecke von einem Knall hoch. Nehme verstört wahr, dass es die Tür war, die aufgeflogen ist. Es muss Nacht sein, keine Ahnung wie spät. Auf jeden Fall bevor ein gesunder Mensch aufstehen würde. Ich spüre, wie man mich am Arm fesselt. Bevor ich mich zu wehren versuche, ahne ich, dass es sich um eine Blutdruckmessung handeln muss. Die Tür fliegt zu.

Kurz danach geht sie wieder auf.

Eine Schwester stürmt herein. Diesmal wird das eben gemessene Blut gleich mitgenommen. Wahrscheinlich, um die Blutdruckmessung im Labor in Ruhe zu wiederholen. Da hätten sie auch gleich draufkommen können. Es dauert keine zehn Minuten, da geht die Tür wieder auf und ein Staubsauger schiebt sich jaulend durchs Zimmer. Mein Ruf einer leichten Unordentlichkeit scheint mir also schon nach kurzer Zeit zu folgen.

Die abwechslungsreiche Show ist jedoch noch lange nicht zu Ende. Wieder klappt die Tür auf und es betritt diesmal ein ganzes Ensemble die Bühne. Die dargebotene Szene nennt sich Visite und beginnt mit einem Monolog eines Ensemblemitgliedes. Er handelt von mir und meinen Symptomen. Im zweiten Akt werde ich befragt und die Mienen der Mimen wetteifern um den besten Ausdruck von Ratlosigkeit, als stünden sie in einem Wettbewerb in dieser Disziplin. „Schwindel, Ziehen? Was ist das denn für eine Diagnose?“, schnattert eine Ärztin mittleren Alters.

„Haben Sie Kinder?“, frage ich Verständnis suchend in die Runde, doch man ignoriert mich. Ich bin für sie kein Mensch. Ich bin ein Fall. Ich existiere nur als Symptom.

Ein älterer Weißkittel, wahrscheinlich der Chef, meint, wenn ich schon mal hier sei, könnten sie auch ein paar Messungen machen. Irgendwas wird sich schon finden lassen.

Die Gruppe verlässt die Bühne, der Vorhang fällt. Der Kasache knetet liebevoll die Zimmerantenne des TV-Gerätes.

Nachmittags: Alles in Butter

Anruf von zu Hause. Alles in Butter. Ich warte auf ein aber, irgendwelche Probleme, wenigstens ein kleines Problemelchen – nichts. Seit ich weg bin, läuft’s.


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Mats Federberg arbeitete neben dem Biologiestudium u.a. als freier Journalist für die sächsische Zeitung. Als Wissenschaftler verfasste er zahlreiche internationale Publikationen, bevor es ihn 2012 zum literarischen Schreiben zog. Er verfasste Kurzgeschichten und Gedichte, die er in Anthologien veröffentlichte. Derzeit ist er Lehrer, Autor und Familienvater in Leipzig, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt.