Venus Undercover – Die Macht der Begierde

10

Venus klopfte an der Tür zu Dex’ Büro, und eine tiefe Stimme sagte: „Herein.“

Sie drehte an dem goldenen Knopf und stieß die Tür auf. Dex saß am Schreibtisch, die Hände flach auf die Tischplatte gelegt, als würde er sich darauf abstützen müssen.

Sie schob sich in den Raum und ließ die Tür lautlos ins Schloss gleiten. „Du wolltest mich sprechen, Chief?“

Dex legte den Kopf schief. Mit gesenkter Stimme sagte er: „Was soll das, Venus?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Du wolltest mir was über die Tote in San Diego erzählen.“

Er seufzte, dann drückte er die Arme durch und erhob sich aus seinem schwarzen Ledersessel. Langsam schlenderte er um den Schreibtisch herum auf sie zu. „Wo ist deine Partnerin?“

Venus musste lächeln. Wie immer, wenn Dex bei Venus auf dem Handy anrief und sie zu einer Besprechung bat, fand Nancy eine mehr oder weniger gute Ausrede, um die beiden bei ihrem „heißblütigen Tête-à-Tête“, wie sie es nannte, nicht zu stören. Denn einmal, ganz am Anfang, als Venus und Dex sich noch nicht so gut im Griff gehabt hatten wie jetzt, als es die geheimen Stunden in der Wohnung in Lomita noch nicht gegeben hatte, da war Nancy bei einem Treffen direkt zwischen die Fronten geraten. Eine Situation, die sie nachhaltig verstört hatte.

„Warum fickst du ihn nicht einfach?“, hatte sie damals von Venus wissen wollen, als sie das Büro des Chiefs wieder verlassen hatten. „Man kann eure Geilheit förmlich riechen. Ekelhaft. Es stinkt nach feuchten Heteroträumen. Igitt.“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, sagte Venus ausweichend.

„Na klar.“ Nancy schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht zwischen euch gestanden hätte, wäre er dir sofort an die Wäsche gegangen.“ Plötzlich änderte sich ihr Tonfall. „Mann, Venus! Das bringt doch alles nichts. So könnt ihr doch nicht arbeiten, mit so viel aufgestauter sexueller Energie. Und ich erst recht nicht. Das macht mich ja total … wuschig!“

Venus lächelte. „Du könntest also besser mit mir arbeiten, wenn ich mit unserem Chef schlafen würde?“

Nancy nickte bestimmt. „Oh ja. Und ihr könntet wieder gemeinsam in einem Raum sein, ohne euch unentwegt anzuschmachten. Also bitte, tu es für uns! Tu es für deine Partnerin, für das Büro, für die Vereinigten Staaten von Amerika, Herrgott. Bitte vögele mit Dex Fromm.“

Venus lachte. „Ist das ein Befehl?“

„Das ist eine freundschaftliche Anordnung.“ Nancy tat so, als würde sie sich mit einem kleinen Schlüssel die Lippen absperren. Danach schob sie sich das imaginäre Ding in den Ausschnitt. „Von mir erfährt niemand was.“

Seitdem hatte Venus sehr, sehr oft mit ihrem Vorgesetzten geschlafen. Viel häufiger, als Nancy mit ihrer Bitte gemeint haben konnte.

Dex blieb vor ihr stehen. Letztendlich war es ihm egal, wo Nancy war, das wusste sie.

„Schließ die Tür ab“, sagte er fast flüsternd.

Venus schüttelte den Kopf. „Das werde ich nicht tun. Nicht im Büro, Dex. Wir haben Regeln.“

Er griff an ihr vorbei zum Türgriff, gegen den sich Venus lehnte, wobei er mit seinem Atem ihren Hals streifte. Allein diese kleine Berührung ließ sie erzittern.

Verdammte sexuelle Anziehungskraft!

In ihr Ohr sagte er leise: „Diese Regeln haben wir schon so oft gebrochen, dass es auf das eine oder andere Mal mehr nicht ankommt.“

Es klickte, und Venus wusste, dass Dex den kleinen Knopf am goldenen Türknauf gedrückt hatte, der das Schloss verriegelte.

„Dex, lass das …“, begann sie, doch er brachte sie zum Schweigen, indem er sich gegen sie drückte und einen ihrer Oberschenkel zwischen seine Beine nahm. Sie spürte, dass er einen Ständer hatte.

„Hey, was ist denn los, um Himmels willen?“, lachte sie und schob ihn von sich weg. „Wir haben doch vereinbart, dass wir das Büro zur Tabuzone erklären. Außerdem haben wir eine Menge zu tun.“

Sie machte ein paar Schritte in den Raum, um Abstand von ihm zu gewinnen. Dann drehte sie sich um. Er stand immer noch gegen die Tür gelehnt und verfolgte sie mit hungrigen Blicken.

„Also, jetzt erzähl mir mal von der Toten in San Diego“, forderte Venus ihn auf und fuhr mit dem Finger die Schreibtischkante entlang.

Wie oft hatte sie schon an diesen Schreibtisch aus dunkler Eiche gelehnt, Dex’ Schwanz in sich gespürt? Venus spürte ein Ziehen zwischen ihren Beinen, und mit einem Mal fühlte es sich so an, als wenn sich die gesamte Energie ihres Körpers nur noch auf ihre Klitoris konzentrieren würde. Sie spürte beinahe, wie ihre Schamlippen anschwollen, wie sie, von rotem leidenschaftlichen Blut pulsierend, zu beben anfingen und feucht wurden.

Keep cool, mahnte sich Venus zur Ruhe. Provozier ihn jetzt nicht. Wenn du einknickst, ist die Sache gelaufen.

Sie hatte sich wenigstens noch ein bisschen unter Kontrolle. Meistens jedenfalls. Bei Dex war das anders. Wenn der einmal im Fahrt kam, dann gab es keinen Halt mehr, eine Notbremse schon gar nicht.

Venus entdeckte den schönen Füller von Mont Blanc auf dem Schreibtisch, den Letitia Ferrera ihrem Mann zum sechsunddreißigsten Geburtstag geschenkt hatte. So ein edles Geschenk würde Venus Dex nie machen können, jedenfalls nicht von den paar lausigen Kröten, die sie als Detective verdiente. Trotzdem, die Frau hatte Geschmack. Was sie nicht nur bei der Auswahl des Füllfederhalters bewiesen hatte.

Sie nahm den Füller und spielte mit ihm in den Händen. Dann schlenderte sie langsam wieder auf Dex zu. In ihrem Inneren schrillten die Alarmglocken. Eine Stimme in ihrem Kopf rief: Lass das, Venus, es gibt keinen Grund, das Glück herauszufordern!

Anstelle einer Antwort zog sich der Knoten, der irgendwo unter ihrem Venushügel lag, zusammen und fing an, elektrische Signale durch ihren Körper zu jagen.

Langsam lief sie auf ihn zu. Sie konnte ihm einfach nicht widerstehen. Nicht heute. Nicht diese Woche. Der Tod von Celine Miller setzte ihr mehr zu, als sie sich eingestehen wollte. Die junge Frau war in ihrem Alter gewesen, ihr ganzes Leben hatte noch vor ihr gelegen. Doch nun war sie tot, ermordet von einem wahnsinnigen Irren, vielleicht sogar von mehreren. Venus spürte intuitiv, dass sie einer ganz üblen Sache auf der Spur war, dass sie in naher Zukunft in Abgründe blicken würde, die sie erschaudern lassen würden. Und wie immer gab es nur eine Sache, die sie gegen diesen inneren Druck unternehmen konnte: Sie musste dafür sorgen, dass ein wenig von der Anspannung in ihr einen Weg nach draußen fand.

Dex’ Augen hafteten auf ihrem Mund, von dem er, wie sie wusste, so fasziniert war wie ein Dreijähriger von einem aufziehbaren Feuerwehrauto. Sie hatte volle Lippen mit einer scharfen Kontur. Wenn sie sie, was selten genug vorkam, schminkte, war Dex nicht der Einzige, der den Blick nicht von ihrem Mund abwenden konnte.

Als sie vor ihm stehen blieb, war ihre Entscheidung gefallen. In ihrem Inneren tobte ein Sturm, der nur durch eine Nummer mit Dex besänftigt werden konnte – notfalls eben in seinem Büro. Sie hatten schon viel gefährlichere Orte für ihre schmutzigen kleinen Stelldicheins gefunden. Und was sollte schon passieren? Im Dezernat zerrissen sich eh alle über sie das Maul. Gut, sie wussten nicht, dass ausgerechnet der Chief Venus’ Auserwählter war, sondern vermuteten in Toby von der Streife ihren Bettgefährten. Der hatte aufgeblasene Muskeln und ein Hirn so groß wie eine getrocknete Kichererbse – mit dem würde Venus sicher niemals ins Bett gehen. Aber wenn die anderen das glauben wollten, bitte. Und Toby war eitel genug, die albernen Anspielungen der Kollegen nicht abzustreiten.

Und überhaupt. Nancy war ja auch noch da. Die saß in dem Raum vor Dex’ Büro an ihrem Schreibtisch, der gegenüber von dem von Venus stand, und schrieb das Protokoll der Befragung von Mr Martinez. Vermutlich wieder mit AC/DC auf den Ohren, um „das Gerammel nicht hören zu müssen“ – aber besser als gar niemand, der Schmiere stand.

„Was möchtest du, dass ich mache?“, fragte Venus mit heiserer Stimme und ließ die Spitze des Füllers, den sie immer noch in der Hand hielt, langsam über Dex’ muskulöse Brust fahren. „Willst du mich …“ Sie kam näher, lehnte sich vor, bis ihre Lippen beinahe sein Ohrläppchen berührten, „… ficken?“

„Nein.“ Seine Stimme klang belegt, sein Atem kam stoßweise. „Nicht sofort.“

Venus wusste, dass Dex so scharf auf sie war, dass er im Nullkommanichts kommen würde, wenn sie ihm ihr blankes Hinterteil hinstrecken würde.

So haben wir aber nicht gewettet.

„Was möchtest du dann?“ Sie sah ihm in die Augen. „Willst du mich lecken?“

Er schüttelte den Kopf und senkte die Lider. Als er sie wieder aufschlug, wusste sie, was er sich wünschte.

„Oh, du hast Lust auf einen süßen kleinen Blowjob?“ Venus nahm den Füller und legte ihn auf ihre Lippen. „Möchtest du das?“

„Verdammt, ja!“, keuchte Dex, stürzte nach vorn und drückte seinen Mund auf ihren.

Seine Zunge schob sich zwischen ihre Lippen, und seine Hände umfassten mit festem Druck ihr Gesäß. Sie ließ den Füller auf den Boden fallen, stützte sich auf seinen Schultern ab und ließ sich von ihm hochheben. Die Beine schlang sie um seine schlanke Hüfte, wobei sie seinen harten und warmen Schwanz gegen ihr Schambein drücken spürte.

Er trug sie zum Schreibtisch, bedeckte ihren Hals, ihr Dekolleté mit wilden, stürmischen Küssen, massierte ihre Pobacken und flüsterte schließlich: „Auf dem Schreibtischstuhl.“

Das ließ sich Venus nicht zweimal sagen. Wenn Dex erst einmal gekommen war, würde er sie danach ganz in Ruhe vögeln können, so wie sie es mochte. Von hinten, im Stehen oder an den Schreibtisch gelehnt, vielleicht auch im Sitzen mit gespreizten Beinen, das würde sie, im wahrsten Sinne des Wortes, auf sich zukommen lassen.

Er setzte sie behutsam auf den Füßen ab und nestelte an seinem Gürtel herum. Venus drückte ihn in den schwarzen Lederstuhl, die Rollen quietschten auf dem Holzfußboden. Dex öffnete den Reißverschluss seiner Hose, und ehe Venus eine halbwegs bequeme Position auf den Knien vor dem Stuhl gefunden hatte, zog er seinen Schwanz aus der Hose.

Venus keuchte. Auf der roten, geschwollenen Eichel prangte ein durchsichtiger Tropfen. So weit war er also schon?

Schade, dann wird es ja gar nicht lange dauern.

Venus beugte sich nach vorn. Mit der rechten Hand umfasste sie den Schaft von Dex’ Schwanz. Er erzitterte unter ihrer Berührung. Sie sah nach oben, bedachte ihn mit einem koketten Augenaufschlag, dann öffnete sie, ohne den Blick von Dex’ pistaziengrünen Augen abzuwenden, den Mund und leckte mit ihrer Zunge einmal seinen Schwanz entlang.

Er unterdrückte ein lautes Stöhnen und umfasste die Lehnen seines Stuhls so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

„Hat dir das gefallen?“, fragte Venus scheinheilig, lehnte sich ein weiteres Mal nach vorne und leckte Dex’ Penis erneut vom Schaft bis zur Eichel ab.

Er keuchte wieder. „Venus …“, flüsterte er, und die Ader an seinem Hals trat hervor, wie immer, wenn er die Beherrschung verlor.

Venus schloss die Augen, dann öffnete sie wieder den Mund und ließ seine Eichel tief in das Innere ihres Mundes gleiten. Sie schmeckte ihn. Er schmeckte gut. Der Schwanz in ihrer Hand pulsierte. Venus legte die Lippen eng um den Schaft und begann, ihren Kopf langsam hoch und runter zu bewegen.

Er wurde noch härter. Und auch Venus gefiel, was sie tat, denn sie spürte, wie sich noch mehr Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln sammelte. Wenn sie mit ihm fertig war, würde sie sich zuerst von ihm mit der Zunge verwöhnen lassen, stellte sie sich vor. Es wurde noch wärmer in ihrer Unterhose. Sie stöhnte, im selben Takt wie Dex.

„Ich komme gleich“, keuchte er. „Ich … Ich …“

Gerade als Venus meinte, seinen warmen Samen in ihrem Mund zu schmecken, stieß er sie plötzlich von sich weg. Sie kippte nach hinten und zog gerade noch rechtzeitig den Kopf ein, bevor sie sich an der Schreibtischplatte stoßen konnte.

„He!“, protestierte Venus, doch in diesem Moment begriff sie, dass die Tür zum Büro nicht länger verschlossen war – dass sie wohl gar nicht richtig zugesperrt gewesen war, wie sie und auch Dex vermutet hatten. Das wusste sie deshalb so genau, weil sie, selbst aus ihrer mehr als delikaten Position unter dem Schreibtisch heraus, erkennen konnte, dass sie nicht mehr allein im Raum waren.

„Dex?“, flüsterte Venus und sah mit wachsender Verzweiflung zu ihm hoch.

Er starrte in die Mitte des Büros, glotzte fassungslos irgendjemanden an, dessen schlanke Waden in zwei zierlichen Füßen mündeten, die in hochhackigen schwarzen High Heels steckten, wie Venus erkennen konnte.

Doch Dex war wie gelähmt. Er stammelte: „Ich … Ich … kann das … erklären.“

Eine Frau lachte. Es war kein freundliches Lachen. Es klang eher amüsiert. Und überheblich.

„Bestimmt kannst du das“, sagte eine weibliche Stimme. „Ich bin mir sicher, du hast eine hervorragende und glaubwürdige Erklärung für den Umstand, dass du mit heruntergelassener Hose in deinem Büro sitzt und dir von einer deiner Untergebenen dein notgeiles Würstchen lutschen lässt.“

„Aber …aber Letitia …“

„Sie können ruhig rauskommen, Schätzchen“, sagte die Stimme in diesem Moment, eindeutig an Venus gewandt. „Ich bin mir sicher, ich sehe nichts, was ich nicht schon gesehen habe.“

 

11

So hatte Venus sich Dex’ Frau nicht vorgestellt. Nancy hatte ihr geraten, sich keine Bilder im Internet anzusehen, nicht zu wissen, wie Letitia Ferrera, rechtliche Vertreterin des Staates Kalifornien, aussah, und zu ihrer eigenen Überraschung hatte sich Venus an den Rat gehalten. Sie wollte gar nicht wissen, wie das Gesicht der Frau war, neben der Dex an fünf Abenden in der Woche einschlief.

Ausgemalt hatte sie sich natürlich, wie Letitia Ferrera sein könnte. In ihrer Vorstellung war sie eine dunkelhaarige Amazone, gertenschlank, durchtrainiert, vom Typ Marathonläuferin. Sehnig, diszipliniert, freudlos. Und trocken wie die Wüste Gobi. Wie konnte man einen Mann wie Dex so derartig untervögelt durch die Welt spazieren lassen? War doch klar, dass der früher oder später auf dumme Gedanken kam. Dex hatte nie viel über seine Ehe erzählt, aber Venus hatte genug herausgehört, um zu wissen, dass Letitia Ferrera vor allem eine Leidenschaft hatte: ihre eigene Karriere. Und eine Frau, die so tickte, die konnte in Venus’ Vorstellung nicht schön, nicht sinnlich, nicht begehrenswert sein.

Deswegen war sie umso erstaunter, als sie unter dem Schreibtisch hervorkrabbelte und sich mit der Hand verlegen die Bluse zuhielt, die Dex im Eifer des Gefechts aufgerissen hatte. Letitia Ferrera war schön. Sie war sogar sehr schön. Sie sah aus wie eine sehr gelungene Mischung aus dieser italienischen Schauspielerin, deren Name Venus im Moment nicht einfallen wollte, und Charlize Theron. Sie trug die dunklen Haare zu einem kurzen Bob geschnitten, was ihren schlanken Hals äußerst vorteilhaft betonte. Ihr wohlgeformter Körper steckte in einem schneeweißen eng anliegenden Kostüm, das ihre Rundungen bestmöglich in Szene setzte. Sie war die ideale Sanduhr, mit schmaler Taille und breiten Hüften – etwas zu breit, um ein Idealmaß zu haben, aber so gut proportioniert, dass Venus sich vorstellen konnte, wie sich Männer bei diesem Anblick wohl fühlten. Letitia Ferreras Augen waren von einem hellen, beinahe bernsteinfarbenen Ton, der sich auch in der Farbe ihrer Haut wiederfand. Sie war perfekt geschminkt. Mein Gott, hatte dieses göttliche Weib überhaupt so etwas Ordinäres wie Poren?

„So sehen Sie also aus“, sagte Dex’ Frau und musterte Venus mit ihrem Bernsteinblick von oben bis unten. „Interessant. Ich habe mich immer gefragt, ob er wohl diesmal seinem Typ treu bleiben würde.“

„Seinem Typ? Ich … verstehe nicht“, stammelte Venus und zog instinktiv einen Vergleich zwischen sich und Ferrera – bei dem sie unweigerlich den Kürzeren zog.

Wovon sprach die Frau? War das der Schock? Weil sie ihren Mann in flagranti mit einer Anderen erwischt hatte? Vermutlich. Oder war Ferrera wirklich so cool und distanziert, wie sie auf den ersten, den zweiten und leider auch auf den dritten Blick wirkte? Venus stellte fest, dass die Temperatur im Raum um ein paar Grad gesunken war, und das lag definitiv nicht an der offenstehenden Bürotür.

Sie rappelte sich vollends auf und strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht. Ihr Blick fiel auf Dex, der immer noch mit offener Hose auf seinem Schreibtischstuhl saß. Den Kopf ließ er genauso hängen wie seinen Schwanz. Ein trostloses Bild.

„Ich …“, setzte Venus an, dann besann sie sich aber eines Besseren. „Es tut mir leid“, sagte sie und hoffte, dass es ehrlich klang. „Das sieht jetzt bestimmt so aus, als hätten wir … Als würden wir … Aber ich kann Ihnen versichern, dass …“

„Ja?“ Letitia Ferrera legte den Kopf schief. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihren Mund. „Was versichern Sie mir, Schätzchen?“

Venus entschloss sich, die Karten auf den Tisch zu legen – zumindest halbwegs. Sie musste dieser Frau – Monica Belucci, endlich fiel ihr der Name der Schauspielerin wieder ein, der sie irgendwie ähnlich sah! – ja nicht brühwarm erzählen, dass sie und Dex es schon seit anderthalb Jahren miteinander trieben. Aber abzustreiten, wobei sie gerade gestört worden waren, wäre sicher mehr als albern. Immerhin hatte Venus vor gerade mal zweieinhalb Minuten noch den Penis ihres Gatten im Mund gehabt. Das wusste auch Ferrera. Da musste Venus nicht so tun, als hätten sie über einem besonders kniffligen Fall gebrütet. Oder ihre Kontaktlinse gesucht. Und er hatte ihr geholfen. Mit runtergelassener Hose …

„Nun, das war eine einmalige Sache“, sagte sie. „Ein Ausrutscher. Es wird nie wieder vorkommen.“

Venus verschränkte die Hände vor dem Bauch. Dass ihre Bluse immer noch offenstand und den Blick auf ihren Spitzen-BH freigab, na ja, das war jetzt auch schon egal. Dex’ Frau hatte sie bei einem Blowjob erwischt. In seinem Büro. Während der regulären Arbeitszeit. Da kam es auf ein paar offenstehende Knöpfe auch nicht mehr an.

Letitia Ferrera lächelte. Dann schlug sie sich plötzlich eine Hand vor den Mund. Venus meinte schon, dass jetzt vielleicht endlich die emotionale Reaktion kam, die sie von einer Spanierin wie Ferrera erwartet hätte. Würde sie toben? Handgreiflich werden vielleicht? Bestimmt würde sie laut werden. So wie Penelope Cruz in dem Film Vicky Christina Barcelona von Woody Allen. Das war der Ausraster der Filmgeschichte, einfach großartig! Wenn man nicht gerade das Objekt war, dass den Zorn dieser Heißblüterin auf sich zog.

Venus erwartete einen Orkan, der über sie hinwegfegte. Stattdessen beobachtete sie, dass die Schultern der Staatsanwältin zu zucken begannen. Lachte sie etwa?

„Ist … Ist irgendetwas komisch?“, wollte sie vorsichtig wissen.

Langsam, aber sicher, verstand sie gar nichts mehr. Wieso reagierte Dex’ Frau so seltsam distanziert? Wäre sie an ihrer Stelle, sie würde der Nebenbuhlerin die Augen auskratzen und das Geschlechtsorgan ihres Mannes mit einem Brieföffner perforieren.

Aber ja doch, sie lachte! Venus konnte ganz deutlich die glucksenden Geräusche hören, die hinter der vorgehaltenen Hand in den Raum drangen.

„Sie haben recht“, sagte Letitia Ferrera plötzlich, und mit einem Mal sah sie gar nicht mehr so amüsiert aus. „Das wird nie wieder vorkommen.“ Sie kam einen Schritt näher. „Sie werden meinem Mann nämlich nie wieder zu nahe treten. Nie wieder, verstehen Sie?“

„Letitia …“ Dex richtete sich ein wenig in seinem Stuhl auf, doch ein einziger Blick seiner Frau brachte ihn sofort zum Schweigen.

„Sei still“, zischte sie mit hasserfüllter Stimme. „Und pack deinen Pimmel wieder ein, bevor ich es selbst tue. Das ist einfach nur erbärmlich.“

Dann sah sie wieder Venus an, und mit einem Mal waren die ganze Wut, all der Zorn, die eben noch ihre ebenmäßigen Gesichtszüge verzerrt hatten, wie fortgeblasen.

„Wissen Sie“, ergriff sie wieder das Wort, und ihre Stimme klang so harmlos, als würde sie Smalltalk auf einer Party betreiben. „Ich bin ja nicht dumm. Nicht mal halb so dumm, wie Sie es sind. Ich weiß seit sehr langer Zeit, dass mein Mann mich betrügt. Eine Ehefrau spürt sowas.“

Diese Neuigkeit verblüffte Venus. Wenn Letitia Ferrera die ganze Zeit über gewusst hatte, was zwischen ihr und Dex lief, warum hatte sie dann nichts unternommen?

„Ich bin froh, dass er sich zumindest für ein halbwegs ansehnliches Exemplar meines Geschlechts entschieden hat. Sie sind ein hübsches Ding.“ Sie lächelte. Es wirkte nicht echt. „Nicht wieder so ein dummes Blondchen, das nicht mal seinen eigenen Namen buchstabieren kann.“

„Was?“ Venus konnte nicht glauben, was sie hörte. „Was heißt nicht wieder?“

Und von welchem Blondchen war hier die Rede? Dex hatte ihr hoch und heilig versprochen, dass er seine Frau noch nie betrogen habe, dass er ihr treu sei, seit so vielen Jahren, und nur weil sie ihrer Karriere immer den Vorzug gebe und ihn vernachlässigte, nur deswegen sei er bei Venus schwach geworden, aber eigentlich sei er ein Mann der Ehre, und Treue sei ihm sehr wichtig …

„Ach, Schätzchen.“ Ferrera zog eine Schnute und legte den Kopf schief. „Dachten Sie etwa, sie wären die Einzige? Hat er Ihnen das erzählt?“ Sie seufzte theatralisch. „Das war leider gelogen. Aber das kann er gut, unser Dex. Lügen.“

Ihr Blick fiel erneut auf ihren Ehemann, der es in der Zwischenzeit immerhin geschafft hatte, seine Hose wieder richtig anzuziehen. Immer noch schien er es nicht zu wagen, seiner Frau in die Augen zu blicken. Mit gesenktem Kopf saß er da und inspizierte seine Schuhspitzen.

Venus war zu überrumpelt von der ganzen Situation, um sich über sein Verhalten zu ärgern. Oder sich über irgendetwas zu wundern. Das Einzige, was sie spürte, war ein stechender tiefer Schmerz in ihrer Brust, der sich mit Lichtgeschwindigkeit bis in die kleinste Windung ihres Körpers ausbreitete.

Natürlich. Ich war nicht die Einzige. Dex ist ein notorischer Fremdgänger.

O Gott. Vermutlich hatte er sogar sie betrogen. Hatte in seiner Wohnung in Lomita nicht nur sie, sondern auch andere Frauen übernachten lassen. Seltsamerweise überwog der Schmerz über diesen Verrat den der Erkenntnis, dass die Sache zwischen ihr und Dex ein für alle Mal vorbei war.

Wie konnte ich nur so dumm sein?, fragte sie sich und wollte sich intuitiv an die Stirn schlagen. Wie konnte ich denken, dass das zwischen uns etwas Besonderes ist? Ein Band, wenn auch ein sehr körperliches, das unsere Beziehung zu etwas Außergewöhnlichem macht, zu mehr als nur einem … Sie zögerte. Nun musste sie das Kind beim Namen nennen: zu mehr als einer billigen Bettgeschichte.

„Mrs Ferrera“, setzte Venus an. Für Dex hatte sie kein Wort mehr übrig. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sehr sie sein Betrug verletzte. „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Aufrichtig.“

Sie streckte der Staatsanwältin die Hand hin, als Geste der Entschuldigung, als Zeichen, dass sie es ernst meinte. Doch Letitia Ferrera betrachtete ihre Hand wie ein ekliges Insekt, das es sich gerade auf einem dicken, fetten Scheißhaufen gemütlich machte.

„Lassen Sie das“, sagte sie barsch. „Ihre Entschuldigung ist wertlos, Miss … „

„Venus de Franco.“

Ein falsches Lächeln umspielte Letitia Ferreras Lippen. „Miss de Franco.“

„Aber ich meine es ernst …“

„Ich auch“, fiel Ferrera ihr ins Wort. „Ich auch, Schätzchen. Und wie ernst ich es meine, das werden Sie schon noch merken. Das verspreche ich Ihnen.“


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9783960871682

Joy Franklin ist das Pseudonym von zwei deutschen Autorinnen, die bereits in zahlreichen großen Publikumsverlagen veröffentlicht haben. In ihrem ersten gemeinsamen Roman Venus Undercover verbinden sie all das miteinander, was sie lieben: witzige und selbstbewusste Frauenfiguren, jede Menge Spannung und knisternde Erotik.

Hier geht’s zum ersten Teil und zum zweiten Teil von Venus Undercover.