Fitnessbitch

Von Diätdrinks zur Hantel

Der erste Schritt zum richtigen Abnehmen war Recherche. Ich war schon vor Jahren aus dem Diätgeschäft ausgestiegen. Meine Magersucht in den Teenagerjahren hatte mich gelehrt, mit solchen Dingen mehr als vorsichtig zu sein oder besser noch: grundsätzlich die Finger davon zu lassen. Denn entweder sie funktionierten nicht, man übertrieb es und wog wie ich schließlich nur noch fünfzig Kilo, oder aber man nahm erfolgreich ab und scheiterte dank des Jo-Jo-Effekts beim Versuch, das Gewicht zu halten. Was ich suchte, war also keine Smoothie-Entschlackungskur und auch kein nach frischen Erdbeeren schmeckender Diätdrink. Dass so frische Erdbeeren schmeckten, glaubten doch ohnehin nur diejenigen, die dachten, Fleisch wachse in der Kühltruhe.

Ich googlete nach neuen, erfolgreichen Methoden, die möglichst schnell – denn meine Geduld war bei restriktivem Essverhalten, das nicht mal die erhoffte Wirkung zeigte, nicht sonderlich groß – und möglichst langanhaltend funktionierten. Und landete doch bei einem Abnehmgetränk.

Der Hersteller hatte sich bei der Verpackung nicht sonderlich viel Mühe gegeben, sie sah geradezu fad aus, was mein Vertrauen weckte. Nur wer keinen Inhalt bietet, braucht aufwendige Werbung. Gute Produkte sprechen für sich selbst. Oder?

Der Drink würde in den ersten drei Tagen zunächst alle Mahlzeiten ersetzen, die dann aber Phase für Phase langsam wiederum den Drink ablösten, sodass man nach der Diät wieder ganz normales Frühstück, Mittag- und Abendessen zu sich nehmen würde. Ohne Jo-Jo-Effekt versteht sich. Während dieser Zeit, in der ein Shake mindestens eine Mahlzeit am Tag ersetzte, purzelten die Pfunde ohne Hungern zu müssen – angeblich hielt das Zeug ganze vier Stunden satt.

Ich konnte mir kaum vorstellen, wie ein Getränk mich so lange satt halten würde. Ich war eine dieser Personen, deren Magen so groß war, dass darin zwei Pizzen bequem Platz fanden. Und dann gesellte sich noch ein Eis dazu. Und ein Bier. Oder zwei.

Aber damit war jetzt Schluss. Fatty Poletti konnte keinen super Typen aufreißen. Skinny Bikini dagegen schon.

Um das Zeug herzustellen, musste man das Pulver nur in der entsprechenden Menge mit Wasser oder Milch mischen und zwei Teelöffel Öl hinzufügen. Klang ekelhaft, aber einfach. In den Foren, die ich durchsuchte, war die Meinung dazu durchweg positiv: Alle Frauen – und ein paar Männer – hatten bereits in den ersten Wochen Abnehmerfolge von mehreren Kilos vorzuweisen und schworen darauf, sie nach der Diät nicht wieder zugelegt zu haben. Wobei „nach der Diät“ gänzlich falsch war, denn das absolute Absetzen des Drinks war vom Hersteller natürlich nicht vorgesehen.

„Wenn Sie Ihr Wunschgewicht erreicht haben, empfehlen wir Ihnen, weiterhin einen Drink am Tag, ergänzend zu Ihren normalen Mahlzeiten, einzunehmen.“

Aha. Nun ja, jeder will so viel von seinem Produkt verkaufen wie nur irgend möglich, das akzeptierte ich. Und wenn sogar empfohlen wurde, selbst nach der Diät noch diese zusätzlichen zweihundert Kalorien im Drink zu sich zu nehmen – um sein Gewicht nur zu halten und nicht zu reduzieren wohlgemerkt –, musste ja irgendwas an dem Zeug dran sein.

Das Geheimnis sollte darin liegen, dass die tolle, einzigartige Zusammensetzung der Inhaltsstoffe, die allesamt, wie mehrfach betont wurde, natürlichen Ursprungs waren, dafür sorgte, dass der Körper nicht wie gewohnt auf Sparflamme umschaltete, wenn man ihn auf Nahrungsentzug stellte. Stattdessen würde der Stoffwechsel sogar angekurbelt und die Muskelmasse, die ja bekanntlich sehr viele Kilokalorien verbrennt, bliebe erhalten.

Normalerweise ist sie genau aus diesem Grund das Erste, was bei restriktiven Diäten abgebaut wird. Der Körper versucht sich an die geringere Kalorienzufuhr anzupassen und seinen Energieverbrauch auf diese Weise zu verringern. Die gut gelagerten Fettdepots sollen dagegen so wenig wie möglich angerührt werden. Ist ja für schlechte Zeiten.

Ich hatte schlechte Zeiten. Und zwar wegen der Fettdepots, die sich rund um mein Hinterteil, Oberschenkel und Bauch angesetzt hatten. Kritisch drehte ich mich mit dem Rücken zum Spiegel, um die Butter auf dem Brötchen unter normalen Lichtbedingungen betrachten zu können. Man kannte ja die unvorteilhaften Leuchten in Umkleidekabinen.

Oh Gott. Beim Umdrehen schwappte eine Fettwurst meines Rückens über den Hüftspeck und bildete eine Hautfalte. Meine Arschbacken hingen mir gefühlt bis in die Kniekehlen und hatten den Kampf gegen die Schwerkraft schon aufgegeben. Große Masse bedeutete große Erdanziehungskraft. Ich wackelte mit meinem Arm. Natürlich. Was wäre eine Schwabbelparty ohne den VIP-Gast Winkewinkearm. Ich hasste diesen Körper. Er passte nicht zu dem lustigen, intelligenten und sympathischen Bild von mir selbst. Er sah er aus wie der Körper von jemandem, der den ganzen Tag auf der Couch rumfläzte, stupide Serien glotzte, über Werner-Comics lachte und zu allen Themen dasselbe zu sagen hatte: „Wenn das so ist, dann ist es halt so.“ Mit einer Stimme, die sich anhörte wie die deutsche Synchronstimme von Sylvester Stallone. Das war nicht ich. Angewidert von mir selbst setzte ich mich an den Laptop und bestellte fünf Packungen des Wunderdrinks.

 

***

 

Hölle. Hölle, Hölle, Hölle, Hölle. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Am liebsten hätte ich meine Finger gegessen oder Haare oder sonst irgendwelche Körperteile, die einfach mit meinem Mund zu erreichen waren, so hungrig war ich. Und es war erst Tag eins der Diät. Brav hatte ich alles so zusammengerührt, wie es empfohlen wurde, und drei von diesen dicklichen, gelben Getränken in mich hineingeschüttet. Geschüttet deshalb, weil der Geschmack dermaßen abartig war, dass jeder normale Mensch lieber an einem Stück Pappe gelutscht hätte, als diesen Mist zu trinken, also nur schnell runter damit. Ich stellte mir vor, dass so in Wasser gerührte Speisestärke schmecken musste.

Nach dem „Genuss“ machte sich jedes Mal ein öliger Film im Gaumen breit und reizte mich, alles wieder ins Glas zu erbrechen. Inzwischen war es Abend und ich lag wie ein toter Käfer auf meinem Bett, hatte Bauchschmerzen vor Hunger und träumte davon, ein Stück Brot zu essen. Nur ein kleines, trockenes Stückchen Brot. Mit knackiger Kruste und weicher Krume. Am liebsten Weizenmisch, mit Roggen und Dinkel konnte ich mich nicht so recht anfreunden.

Aber Essen war absolut tabu. Wenn man den Plan nicht exakt durchführte, minderte es den Abnehmeffekt, sagten die Forumsbeiträge mehrerer Kunden und wenn ich schon durch die Hölle ging, dann wollte ich auch das Maximum aus meinem Leidenspfad herausholen. Außerdem war es bei großem Hunger nur ein winziger Schritt von „nur ein bisschen“ zu „ICH FRESS DAS GANZE DING“. Deswegen war meine Wahl auch nicht auf den Diätklassiker „Friss die Hälfte“ gefallen. Von wegen: Friss die Hälfte. Was sollte man dann mit der anderen Hälfte machen, die einen vom Teller aus anstarrte? Etwa wegschmeißen?! Ich war ein Kind der Nachkriegsgeneration und ich war Schwäbin. Bei uns zu Hause wurde überhaupt nichts Essbares weggeworfen. Wenn irgendwo Schimmel zu sehen war, wurde der abgeschnitten. Fertig. Wieder essbar! Dementsprechend widerstrebte es mir auch aufs Äußerste, den Teller nicht leer zu essen. Wahrscheinlich nicht gerade die gesündeste Eigenschaft in Zeiten des Überflusses, aber nur die Hälfte zu essen, kam mir vor wie ein Verrat an allen anderen, die weniger oder gar nichts zu essen hatten. Einfach immer nur einen kleineren Teller zu essen, klang zwar einfach und logisch, war aber nicht umsetzbar. Es war ohnehin schon schwer, Singleportionen zu kochen und allem voran Lebensmittel in den entsprechenden Größen und Mengen zu finden, und dann sollte man sie auch noch teilen?! Und den Rest dann statt zwei gleich viermal aufwärmen?! Sicher nicht.

Außerdem zählte ich mich nicht zu denjenigen mit einem stählernen Willen ausgestatteten Leuten, die sich von einer Schokoladentafel ein Rippchen abbrachen und sie dann in aller Ruhe mit den Worten „Das reicht mir schon“ weglegen konnten. Meine Superkraft bestand eher darin, Schokoladentafeln quasi inhalieren zu können, ohne dass sich irgendwann ein Fünkchen Genugtuung einstellte.

Also lieber liegen bleiben, gar nichts essen und schön weiter Wasser trinken. Oder Tee. Der war auch noch erlaubt. Natürlich ungesüßt und nur Kräutersorten. Kamille, Fenchel, Pfefferminze – ich hasste sie alle.

Sowieso hasste ich gerade die ganze Welt. Aber am allermeisten hasste ich mich. Diese Fettpolster, Cellulite und Hautfalten. Die gehörten nicht zu mir und mussten weg. Die anfängliche Aufgabe der bloßen Eroberung Johannes‘ hatte sich längst vergrößert: Ich wollte mich wieder wohlfühlen und zu meinem Wunschkörper finden, der weit weg war von achtundsechzig Komma fünf Kilo.

Diese Unglückszahl hatte die Waage heute Morgen angezeigt und mir damit beinahe einen Todesschock beschert. Das war absolutes Kampfgewicht. Aber ich war bereit, den Kampf aufzunehmen.

 

***

 

Tag sieben. Der Wecker klingelte und ich hatte Bock.

Schwachsinn.

Ich hatte natürlich keinen Bock. Ich hatte nicht einmal die Kraft, ihn auszuschalten, und ließ ihn stattdessen volle drei Minuten fünfundvierzig The Beautiful People von Marilyn Manson spielen. Niemand klopfte an die Tür. Meine Mitbewohner hatten eine engelsgleiche Geduld. Schade eigentlich. So dauerte es ganze zehn Minuten, bis ich mich im Schneckentempo aus dem Bett hievte. Erst die Beine von der Matratze auf den Boden rutschen lassen, dann den Oberkörper aufrichten und schließlich den schwierigsten Teil in Angriff nehmen: vom Bett aufstehen.

Meine Knie knackten. Mein Kopf war völlig leer. Diese Diät machte mich fertig.

Am Waschbecken brauchte ich erst noch Sekunden, bis sich mein Arm dazu durchgerungen hatte, dem Befehl von oben zu gehorchen und zur Zahnbürste zu greifen. Ich konnte froh sein, dass das Becken auf meinem Zimmer war. Das Tempo, das ich bei meiner Morgenwäsche vorlegte, lag außerhalb jeglicher noch so engelsgleicher Mitbewohnergeduld.

Fast noch langsamer zog ich mir eines meiner flattrigen Kleider über und stieg in meine Strumpfhose. Für einen Probelauf in meinen engen Jeans war die Zeit noch nicht reif, entschied ich. Dafür musste ich das mühselige Hineinzwängen in Nylon in Kauf nehmen. Als ich komplett angezogen war, fühlte ich mich wie die Gewinnerin eines Marathons und mixte mir zum Frühstück meinen Diätshake. An den Geschmack hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. Vermutlich waren einfach alle meine Geschmacksnerven inzwischen abgestorben. Ich schob mir einen Menthol-Kaugummi in den Mund, Tränen stiegen mir in die Augen. Nein, alles noch da.

Gestern hatte ich eine ganze Packung Kaugummis gekaut, und damit meinte ich nicht einen dieser Riegel, sondern wirklich eine ganze Packung mit allen Riegeln. FrankaB72 hatte im Forum geraten: „Wenn mich der Heißhunger überkommt, kaue ich einfach zuckerfreien, scharfen Kaugummi.“ FrankaB72 hatte aber vermutlich nicht damit gerechnet, dass es auch Leute wie mich gab, denen bei Hunger jegliches Gefühl für eine angemessene Menge abging und die dann auf schmerzliche Weise lernen mussten, dass die Warnung „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken“ sehr wohl dem Verbraucherschutz diente. Vielleicht war Franka aber auch einfach nur bescheuert. Ihr zweiter Tipp war gewesen, an Schokolade zu riechen, statt sie zu essen. Ich stellte mir vor, wie sich eine Mittvierzigerin einen Schokoriegel kaufte, ihn genüsslich auspackte, daran schnüffelte und ihn dann in die Tonne kloppte. Wenn das kein gestörtes Verhältnis zu Essen war, dann wusste ich auch nicht. Davon wollte ich mich so weit wie möglich fernhalten.

Ganz davon abgesehen kennt ja jeder die Situation, wie man auf dem Weihnachtsmarkt am duftenden Waffelstand vorbeischlendert und denkt: Jetzt bin ich aber satt. Frankas Hilfestellungen entbehrten einfach jeglicher praktischen Logik.

Wenigstens konnte ich jetzt wieder ein festes Abendessen zu mir nehmen. Phase zwei war eingeleitet worden: zwei Shakes, ein Essen. Da ich leider noch nie der große Chef de la Cuisine war und unsere kleine WG-Küche auch nicht gerade dazu einlud, kulinarische Experimente zu wagen, besann ich mich auf die einfachen Rezeptvorschläge des Diätdrink-Herstellers. Ein paar Auberginen, Paprika, Zucchini und Möhren bekam sogar meine Wenigkeit noch geschnipselt und zu einem Ratatouille verarbeitet. Es hätte ehrlich gesagt auch nur eine Kartoffel sein können, trotzdem hätte ich die willkommene Abwechslung und Energie wie nichts anderes herbeigesehnt.

Vorerst füllte ich aber das Trockenpulver für mittags in eine kleine Plastikbox; in eine leere Plastikflasche kam das Öl. So konnte ich meinen Drink selbst an der Uni planmäßig einnehmen. Dass diese Prozedur für alle Außenstehenden lächerlich wirken musste, war mir schnuppe. Denn mein erster Versuch, den Drink vorher anzumischen und in einer Flasche zur Uni mitzunehmen, war fatal in die Hose gegangen. Offensichtlich hatte das Pulver die Eigenschaft, in Flüssigkeit aufzugehen wie ein verrückter Hefeteig, und meine Vorlesung hatte damit geendet, dass ich versuchte, mein Tascheninneres vom Inhalt der explodierten Flasche zu befreien. Den restlichen Tag mit knurrendem Magen zu überstehen und nicht in einem Anflug der Schwäche die Mensa aufzusuchen, kostete mich so viel Nerven, dass ich heulte wie ein Baby als ich wieder zu Hause war. Die Tasche war mir scheißegal.

Den heutigen Vormittag verbrachte ich, wie auch die letzten sechs, in völliger Trance. Zur Uni, sitzen, Information rein, Information raus, aufstehen, aufs Klo gehen. Das ständige Pinkeln ging mir langsam auf den Geist. Nicht nur, dass das Wasser scheinbar durch mich hindurchlief wie durch ein Sieb, mein Urin hatte auch eine alarmierend neongelbe Farbe angenommen. Angeblich war das aber rechter Dinge: „Alles nur überschüssige B-Vitamine im Shake, die wieder herausgeplätschert werden“, schrieb Ulrike54. Ich glaubte Ulrike54 nicht ein Wort. B-Vitamine konnten im Dunkeln sicher nicht leuchten.

Zu meiner Konzentrationslosigkeit hatten sich pochende Kopfschmerzen gesellt. Jetzt wusste ich wenigstens, dass da oben noch was drin war und ich es nicht bei einem meiner unzähligen Klogänge ausgeschieden hatte. Ich versuchte dagegen anzutrinken, Wasser war ja bekanntlich das Wundermittel gegen alle Schmerzen, allen voran denen im Kopf. Als ich nach meinem „Mittagessen“ zur Arbeit stiefelte, fühlte ich mich fast schon fit. Soll heißen die Kopfschmerzen waren verschwunden, die Leistungsfähigkeit meines Gehirns aber ebenfalls. Genauso wie die meines Körpers. Ich erwischte mich dabei, wie ich minutenlang im Foyer herumstand und vor mich hinstarrte. Zwischen mir und meinem Büro hatte sich ein Hindernis aufgetan, dessen bevorstehende Überwindung mich ernsthaft überlegen ließ, mich nicht einfach krank zu melden: Der Aufzug war kaputt. Ich starrte das Treppenhaus hinauf. Zwei Stockwerke. Vier Mal eins, zwei, drei, … ach was weiß ich wie viele Treppen. Meine Hand glitt übers Geländer. Du bist ja wohl keine Memme, dachte ich und ging los.

In Zeitlupe quälte ich mich die Treppe hinauf, die ich noch vor einer Woche hoch gesprintet war. Auf dem zweiten Absatz blieb ich schnaufend stehen, ich war total alle. Es fühlte sich an, als versuchte ich den Körper von Reiner Calmund diese verfluchte Treppe hinaufzuschleppen. Eine Kollegin passierte mich.

„Hey, Luisa! Na, wie geht’s?“

Sie erwartete offenbar, dass ich ihr folgte. Ich machte keine Anstalten.

„Heeey, Britta … alles ganz wunderbar. Ich komme gleich“, antwortete ich und täuschte vor, etwas in meiner Tasche zu suchen, um Zeit zu gewinnen. In meiner Brust hämmerte mein Herz immer noch marathonmäßig. Ich hatte Angst, nach den ersten Stufen in Ohnmacht zu fallen. In dieser blöden Tasche war doch bestimmt noch irgendwas Unauffindbares, was ich bei der Gelegenheit nun auffinden könnte. Sichtlich irritiert wandte Britta sich um und machte sich leichten Fußes auf den Weg nach oben. Ich hasste sie dafür.

Fünf Minuten später kam auch ich im Büro an und ließ mich mit einem längst vergessenen und nun in einer Seitentasche wiederentdeckten Lippenstift in der Hand auf meinen Stuhl fallen. Er war bockelhart. Am liebsten wäre ich für immer auf diesem Stuhl sitzen geblieben.

„Louisa, du siehst heute komisch aus“, tönte es vom anderen Ende des Raumes. Britta lugte hinter ihrem Bildschirm hervor. Ich hatte große Lust, ihr zu antworten, schwieg aber lieber.

„Irgendwas an deinem Gesicht ist seltsam.“

Ich wusste, dass sie es nur gut meinte. Seit ich angefangen hatte, an der Universität zu arbeiten, war sie mir die liebste Kollegin gewesen. Mit ihrer lockeren Art und den Geschichten über ihre früheren Arbeitsplätze und Kollegen konnte sie mich immer aufheitern. Britta war wirklich open-minded, unkompliziert und hatte Humor.

Einmal hatte am späten Freitagnachmittag ein hochrangiger Professor, Doktor, Ehrendoktor, Vorstand von Blablabla in unserem Büro angerufen und unglücklicherweise nur noch mich erreicht. Das brachte ihn so in Rage, dass er mich nicht nur unpfleglich beschimpfte – das vermutete ich zumindest, denn sein Dialekt und die Lautstärke, mit der er mich durch den Hörer anbrüllte, machten es mir unmöglich, ihn genau zu verstehen –, sondern auch versuchte, die private Telefonnummer meiner Vorgesetzten sofort, aber wirklich SO-FORT zu erpressen. Es war Freitagnachmittag. Und wir waren die Verwaltungsstelle der Universität. Ich wusste nicht, wem er versuchte, da etwas vorzumachen. Dass ich für die Drohungen eines unverschämten, alten Mannes reichlich unzugänglich war, der sich statt meines Nachnamens nur meinen vermeintlichen Vornamen gemerkt hatte und dauernd „LARISSA, ICH WARNE SIE“ brüllte, machte die Sache nicht leichter für ihn. Für mich umso mehr: „Herr …“

„FÜR SIE IMMER NOCH HERR PROFESSOR DOKTOR!“

Es wurde immer einfacher.

„… ich hätte da eine Nummer, auf der Sie es versuchen könnten.“

Mein Blick schweifte aus dem Fenster und blieb auf dem Sprinter von Farids fixer Gebäudereinigung hängen, die einen 24-Stunden-Service versprachen.

„Schreiben Sie bitte mit: Null, sechs, zwei, zwei, eins, …“

Er wartete nicht, bis ich die Nummer zur Sicherheit noch mal wiederholt hatte, sondern legte direkt auf. Ich verließ sofort das Büro und entschuldigte mich innerlich hundertmal bei Farid.

Das ganze Wochenende quälte mich der Gedanke, dass Britta am Montag ein sehr, sehr böser Anruf von Herrn Professor, Doktor, Ehrendoktor, Vorstand von Jähzornig Incorporations erwartete. Als ich so früh ich konnte – zehn Uhr – ungeplant im Büro aufkreuzte und reumütig Britta meinen kleinen, aber nicht ganz so feinen Scherz beichtete, schaute sie mich nur unbeeindruckt an und sagte dann trocken: „Mach dir nichts draus. Der ist immer so.“ Deswegen mochte ich Britta sehr.

Heute, an jenem verheißungsvollen siebten Diättag, an dem mein Nervenkostüm so dünn wie Butterbrotpapier war, konnte sie es einfach nicht lassen. Ich wünschte mir so sehr, sie hätte es einfach lassen können. Aber sie kam herübergestapft und beugte sich zu mir herunter. Mit zusammengekniffenen Augen studierte sie meine Visage, und ich dachte, das sei echt gefährlich nah.

„Du hast vergessen, dein rechtes Auge zu schminken.“

Ich schluckte.

„Weißt du, da muss ich jetzt die ganze Zeit drauf schauen. Das irritiert mich total!“

Ich schluckte noch mal. Es half nichts.

„Das ist mir SCHEIß-E-GAL, Britta! Was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen? Mir mit einem Edding mein rechtes Auge anmalen? Geht’s dir dann besser?“

Für einen kurzen Moment ging es zumindest mir besser. Aber als sich meine Kollegin wortlos wieder hinter ihren Bildschirm trollte, wollte ich alle gesagten Worte wieder einfangen und wieder zurück schlucken. Ich mochte doch Britta sehr. Mich dagegen nicht mehr so sehr.

Zu Hause. Tasche am Boden. Ich gleich mit. Ich lag auf den zwei Quadratmetern freiem Boden in meinem winzigen WG-Zimmer und starrte das Waschbecken von unten an. Bräunliche Make-up-Wasser-Schlieren zogen sich über den äußeren Beckenrand bis hinunter zum Ablauf, wo sie sich überm Dichtungsring sammelten. Ich sollte mal mein Waschbecken von außen putzen.

Die Sonne ging langsam unter, warf ihre Strahlen durch meine Fensterfront und blendete mich ins linke Auge. Auf mein rechtes fiel der Schatten meines Schreibtisches. Ich rückte mit dem Kopf nach rechts und dachte: Noch nicht. Noch bin ich nicht bereit aufzustehen. Augenblicke später fand ich mich selbst lächerlich. Wie ich hier völlig kraftlos und halb verhungert am Boden lag und versuchte, mich selbst zu bemitleiden, und mir eigentlich selbst dazu die Kraft fehlte. Ich war doch sonst nicht so ein Weichei. Stöhnend richtete ich mich auf. Ich werde jetzt etwas essen, dachte ich. Etwas richtig Verbotenes. Und dann werde ich mir Gedanken machen, wie ich meinen Abnehmplan optimieren kann. Leider hatte ich nichts Verbotenes im Haus. Schon wieder hatte FrankaB72 es geschafft, mir ans Bein zu pissen: „Werft am besten alles Essbare weg, was euch in Versuchung führt, und kauft auch nur die Lebensmittel ein, die ihr am selben Tag zu einem der vorgeschlagenen Gerichte zubereitet! So verhindert ihr in schwachen Momenten, zu Ungesundem greifen zu können oder zu viel zu essen!“

So geschwollen, wie Franka daherschrieb, vermutete ich langsam, sie würde von den Diätdrink-Herstellern geschmiert, die ihr die „hilfreichen Tricks“ vorformulierten. Wahrscheinlich war sie in Wirklichkeit selbst die mehrfach prämierte Chemikerin hinter diesem Getränk und schrieb sich unter einem Pseudonym nicht nur alle positiven Bewertungen von eigener Hand, sondern gab auch Tipps, die ihre Kunden in eine Produktabhängige Essstörung leiteten und die sie deswegen nicht von offizieller Seite geben konnte. Ob Paranoia in der Liste der Nebenwirkungen aufgeführt wurde?

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Aber nicht bevor ich mich in die Küche gestohlen und meinem Mitbewohner sein Nutellaglas stibitzt hatte. Kurz hatte ich überlegt, auch noch das große Stück Parmesan aus dem Kühlschrank zu entwenden, fand das dann aber doch ein wenig übertrieben. Nutella und fettiger Käse würden die mit allen Nerven und Willenskraft bezahlten letzten Ergebnisse komplett ausradieren, also ließ ich es gut sein.

Mit extralangem Latte-Macchiato-Löffel, passend zum extragroßen Glas der Nussnougatcreme, das zum Glück nur noch halbvoll war, saß ich dann vor meinem Laptop und googelte gezielt nach Misserfolgen des Diätdrinks. Lange musste ich nicht suchen. Ich fragte mich, warum ich es eigentlich nicht schon eher getan hatte. Wahrscheinlich war der kurzfristige Erfolg einfach zu überzeugend gewesen. Die vier Kilo, die ich inzwischen weniger auf die Waage brachte, hatten mich eingelullt. Dass davon mindestens zwei einfach nur Wasser und Darminhalt waren, war mir durchaus bewusst – aber selbst dann war es immer noch eine recht erfolgreiche Bilanz. Immerhin rückte die Party, auf der ich mit meinem neuen Ich glänzen und mir Johannes angeln wollte, immer näher. Ich rief mir sein zwinkerndes Gesicht vor Augen und musste automatisch grinsen wie ein zwölfjähriger Teenager, der das Poster seines Lieblingsstars anhimmelt. Vielleicht stimmte mich aber auch nur der plötzliche Rausch aus Zucker und Fett so überemotional. Ich musste auf jeden Fall mein Bestes geben. Johannes war es wert. Ich war es wert. Davon war ich überzeugt.

Ich klickte auf ein Video, dessen Titel Die große Lüge der Diätdrinks – eine Abrechnung! lautete.

Zu meinem Erstaunen erschien ein braungebrannter Muskelprotz auf meinem Bildschirm. Er saß auf der Couch seines Wohnzimmers und filmte sich mit einem Kamerastativ selbst. Das war ganz und gar nicht die investigativ aufklärende Ärztin oder Chemikerin, mit Brille und seriösem, ernstem Blick, die ich eigentlich erwartete hatte und die mir etwas von den negativen, rückwirkenden Schäden von Radikaldiäten erzählen sollte.

„Glaubt nicht, was diese Diätdrink-Idioten euch sagen. Natürlich nimmt man ab, wenn man seinem Körper nur diese sechs- bis siebenhundert Kalorien in Form von Getränken zuführt, statt der zwei- bis dreitausend, die er braucht. Aber genauso könnt ihr dreimal am Tag Suppe essen – das kostet euch nicht so viel Geld und ist genauso wirksam!“

Richtig.

„Aber das ist nicht gesund! Ihr wollt doch nicht etwa so aussehen?!“

Der Muskelmann zeigte auf den Bildschirm seines Handys, wo ein äußerst unvorteilhaftes Bild einer abgemagerten Fußballerehefrau prangte und geriet jetzt erst richtig in Fahrt mit seiner „Abrechnung“. Was für ein ungesundes Bild von Frauen die Diätindustrie befördere, nur um uns glauben zu machen, so dürr müsste eine Frau aussehen. So würden Frauen immer wieder zu langfristig nicht erfolgsversprechenden Diäten gedrängt, die selbstverständlich einen Jo-Jo-Effekt nach sich zögen und es der Industrie nur einfacher machten, uns das nächste Crash-Diät-Produkt anzudrehen.

So wie er in die Kamera brüllte, fühlte ich mich geradezu ertappt. Wie leichtsinnig von mir. Natürlich wollte ich schlank und gleichzeitig gesund sein – wie konnte ich da nur auf die Werbeversprechen von irgendwelchen Diätdrink-Herstellern reinfallen, die allen Ernstes behaupteten, in einem Getränk, das de facto nur einen Bruchteil des Tagesbedarfs an Kalorien deckte, seien alle wichtigen Nährstoffe in ausreichender Menge enthalten? Ich klickte gleich auf sein nächstes Video: Meine ultimativen Tipps für den Traumbody. Dann lass mal hören.

„Der einzige gesunde Weg abzunehmen ist und bleibt einfach Sport und gesunde Ernährung“, leitete der Muskel-Typ ein, der sich nun als ausgebildeter Fitnesstrainer ausgab und diesmal wesentlich seriöser hinter einem Schreibtisch saß. Im Hintergrund war mit Tortendiagrammen und Statistiken die Wand tapeziert.

Ugh. Meine anfängliche Begeisterung war verflogen. Mit diesem Geheimtipp hatte ich nun nicht gerechnet. Sport und gesunde Ernährung als Alternative hätte mir auch jeder noch so laienhafte Hausarzt als Abnehmprogramm vorschreiben können. Für mich klang dieses Lebensgewohnheiten-grundsätzlich-umstellen-Ding aber nach viel zu viel Arbeit für karge – oder wie sie es nannten „langfristige“ – Ergebnisse.

Mit Sport hatte ich mein letztes Hühnchen gerupft. Neben Muskelkater und Nahtoderfahrungen hatte es keinen merklichen Effekt gehabt. Die Vorstellung, mich körperlich wieder ins Zeug zu legen und wieder nichts als Schmerzen zu kassieren, schien mir daher alles andere als erstrebenswert.

„Und wenn ich Sport sage, dann spreche ich nicht von Joggen oder dem Cross-Trainer oder irgendwelchen bescheuerten Tanzkursen, bei denen ihr fröhlich herumhopst! Ich meine damit, dass ihr richtigen Muskelaufbau betreibt, an die schweren Gewichte und Geräte geht und es in kürzester Zeit zu eurer Top-Form schafft!“

Ich wurde hellhörig. Kein Ausdauer-Training? Top-Form in kürzester Zeit? Zugegeben, mit richtigem Krafttraining hatte ich es bisher noch nicht versucht. Zwar war ich früher auch Mitglied in einem Fitnessclub gewesen. Die einzigen Geräte, die ich dort aber mit mehr als einem halbgaren Versuch, sie zu betätigen, gewürdigt hatte, waren natürlich die Cross-Trainer, Stepper und Laufbänder gewesen. Damals hieß es noch, ein gutes Ausdauertraining mache schlank. Und ich war der beste Beweis dafür, dass das eine glatte Lüge war.

Hier dagegen schien alles Sinn zu machen: Muskelaufbau und Muskelerhalt kosteten den Körper zusätzliche Energie, die in Form von Fett abgebaut werden würde. Schöner Nebeneffekt: Alles wird straff und knackig, statt ungesund und mager. Sein Totschlagargument hatte sich der muskulöse Typ bis zum Schluss aufgehoben:

„Wer den Fitness-Lifestyle pflegt, muss nie wieder hungern.“

Stattdessen würden eine ausreichende Nährstoffzufuhr und eine Proteinhaltige Ernährung für ein optimales Muskelwachstum und einen gesunden, fitten Körper sorgen. Zwar gab es mehrere Wege, die zum Ziel führten, der effektivste sei aber seiner Expertenmeinung nach eine Low-Carb-Ernährung. Bei wem also in wenigen Wochen die Bikinisaison anstand, der solle lieber so wenige Kohlenhydrate wie nur möglich zu sich nehmen, am besten nur morgens. Noch besser gar nicht.

Protein dagegen ging ganz viel. Unendlich viel. Eine Grenze nach oben gebe es beim Muskelaufbau quasi nicht, denn Eiweiß sei der essentielle Baustein für Muskeln. Je mehr desto besser. Überschüssiges würde einfach ausgeschieden. Außerdem mache Eiweiß länger satt und habe dennoch nicht so hohe Kilokalorien auf hundert Gramm wie etwa Kohlenhydrate. Und schon gar nicht wie Fett. Der Fitness-Instructor rollte mit den Augen. Zwar sei Fett auf jeden Fall wichtig, aber nur in Maßen. Wer sich die Avocados reinschmeiße wie Smarties, der brauche sich nicht wundern, dass er nicht abnehme. Ich hatte bisher nicht mal gewusst, dass Avocados eine so fettige Frucht waren. Ganz nebenbei hasste ich Avocados. Sie schmeckten für mich wie ranzige Kartoffeln. Das wäre also nicht das Problem.

Problematisch könnte es eher werden, auf nicht-ranzige Kartoffeln, Nudeln, Reis und Brot verzichten zu müssen. Mit meinem Nutellaglas in der Hand kam mir Brot zwar nicht mehr ganz so verlockend vor wie noch wenige Stunden vorher, aber bis auf ein frühmorgendliches Porridge – für das der Fitnessguru natürlich ein eigenes Tutorial abgefilmt hatte – ganz auf Kohlenhydrate zu verzichten? Ich schluckte schwer.

Andererseits hatte ich nicht mehr so viel Zeit: Sechs Wochen waren es noch bis zur WG-Party. Und ich sah nicht, wie ich unter den bisherigen Bedingungen weitermachen konnte. Nicht ohne in einer fehlgeleiteten Fressattacke, allen Warnungen auf der Verpackung zum Trotz, den gesamten Kaugummivorrat des Supermarkts um die Ecke zu plündern und dann die ganze Nacht auf der Toilettenschüssel zu verbringen, um meine Eingeweide auszukacken. Oder schlimmer: mein Vorhaben aufzugeben.

Ich wollte nicht aufgeben. Ich hatte diesen Speckrollen den Kampf angesagt, also musste ich auch kämpfen.

Und wenn das bedeutet, dass ich Gewichte stemmen und tonnenweise Protein essen muss, dann bitte, dachte ich. Sechs Wochen waren zwar recht kurz, um abzunehmen, aber auch absehbar genug, um durchzuhalten – was auch immer da auf mich zukam.

Ich googlete die nächsten Fitnesscenter in meiner Nähe und fuhr sofort los. Mit dem Auto versteht sich.

Zum Glück war es bereits dunkel, als ich auf dem Weg nach draußen das leere Nutellaglas im Container entsorgte.


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Emma Simon will weder die Welt bewegen, noch das Sprachrohr ihrer Generation sein. Von vielen Dingen hat sie keine Ahnung und zu noch mehr Dingen nur gefährliches Halbwissen. Und wenn ihr etwas auf den Zeiger geht, dann sind es schwulstige Umschreibungen. Nachdem man eines ihrer Bücher gelesen hat, ist man vermutlich nicht sonderlich schlauer, aber wenigstens war man ein paar Stunden bestens unterhalten.

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