Brathering Interruptus

VON KIFFENDEN RATTEN …

Das Thermometer auf der Terrasse stand bei kuscheligen 35°C und es ging kein Lüftchen. Ich schlürfte an einem halben Liter kühlem Bier, während meine bessere Hälfte sich einen selbstgemixten Cocktail gönnte. Die Zubereitungszeit dieses sehr obstlastigen und blasphemischerweise alkoholfreien Getränks dauerte meinem Gefühl nach länger, als es die Dinosaurier auf unserem schönen Planeten ausgehalten haben, aber das spielt hier keine Rolle.

Als Abkühlung diente uns ein Pool im Garten, der zwar nicht besonders groß, aber für gelegentliche Erfrischungen vollkommen ausreichend war. Selbstverständlich hätten wir uns auch ein riesengroßes Planschbecken in den Garten stellen können. Eines von der Sorte, welches die Nachbarn neidisch erzittern ließ. Hätten wir können!

Wenn einem eine solche Anschaffung aber erst in den Sinn kommt, nachdem es zwei Wochen lang gefühlte 60 °C heiß ist, ziehen die Preise – dem Kapitalismus sei Dank – natürlich an. Ende des vergangenen Sommers, als unser alter Pool sein Dasein beim Abbau beendete, hatte ich noch groß getönt: „Christina, Schatz! Den neuen Pool kauf ich im Winter! Da ist es günstiger. Das wird ein ganz Großer!“

Allerdings hatte ich weder im Winter noch im Frühling und auch nicht im Frühsommer irgendeinen Gedanken an den neuen Pool verschwendet. Als es, wie gesagt, heiß wurde, bezahlte ich zähneknirschend den dreifachen Preis für ein Drittel der Größe. Karl Marx hatte recht!

Okay, normale Menschen fuhren im Sommer auch in den Urlaub und fristeten ihr Dasein nicht auf der Terrasse. Wollten wir ja genauso machen, hatten geplant all-inclusive nach Thailand zu fliegen. Drei Wochen Cocktails mit Schirmchen, Strand und Meer. Da habe ich bei der Buchung im vergangenen Herbst mal ganz spendabel nicht auf den Euro geschaut und Christina ist regelrecht schwindelig geworden, als die Kreditkartenabrechnung im Briefkasten lag.

Aber es kam, wie gesagt, anders. Christinas Arbeitskollegin hatte sich ein paar Tage vor unserem Reiseantritt – beim Versuch, den nahegelegenen Kletter- und Erlebniswald ohne Sicherungsseil zu durchpflügen – einige Knochen verrenkt und war daraufhin zur weiteren Verwertung ins Krankenhaus gebracht worden. Christina durfte dann für „Kletterwaldmonika“, wie ich sie seitdem nenne, die Klienten der darauffolgenden Woche übernehmen. Nachdem der Ärger sich gelegt hatte, schlug ich vor, die restlichen zwei Wochen einfach zu Hause zu verbringen.

Die Hitze hatte, sofern man männlich war und so wie ich auf der Terrasse vor sich hinvegetierte, einen Vorteil: Die zehn Jahre alten Lieblingsshorts reichten als Bekleidung vollkommen aus! Christina sah das natürlich anders und war stets korrekt, wenn auch leicht bekleidet. Die einzige Ausnahme stellten ihre Besuche des Pools da, bei denen ich sie im Badeanzug bewundern durfte.

„Warum trägst du eigentlich keinen Bikini, Schatz?“, schlug ich – natürlich vollkommen uneigennützig – vor, als Christina sich mit einem Handtuch bewaffnet zum Schwimmbecken begab. Sie tippte sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. Ihr neuer vielfarbiger Badeanzug, der jedes Chamäleon in einen Burnout getrieben hätte, tat sich ein wenig schwer damit, ihren üppigen Busen zu verbergen. Ferner versuchte ihr hübscher Hintern permanent, den Stoff, der eigentlich über ihren Pobacken hätte liegen sollen, aufzufressen. Aber das konnte ja um Gotteswillen niiieeemals damit zusammenhängen, dass er eventuell doch eine Nummer zu klein war. Aber Hauptsache 50 % Nachlass im Outlet!

Nach ihrem Ausflug in den Pool, bei dem sie streng darauf achtete, dass ihre Haare nicht nass wurden, legte sie sich auf eine Sonnenliege und döste vor sich hin. Ich holte mir ein neues Bier und setzte mich wieder auf einen der von ihr vor kurzem erworbenen „Designer-Terrassensessel mit stufenlos klappbarer Lehne und farblich wunderbar passenden Kissen“. Sonderangebot von QVC, war ja klar! Selbige hatten, vier Stück an der Zahl, so viel gekostet wie mein Satz Alufelgen im letzten Frühling.

Hatte Christina noch die Hölle heraufbeschworen, als sie die vier Pakete in die Garage hatte schleppen müssen, weil ich nicht da war, wurde Kritik an den besagten Sitzgelegenheiten – ratet mal, wer sie zusammenbauen durfte – mit giftigem Blick im Keim erstickt. Noch heute klingelt es mir in den Ohren, dass die Standardfelgen doch auch ausgereicht hätten. Ich hätte sie natürlich genau jetzt mit dem dezenten Hinweis darauf, dass Plastikstapelstühle auf einer Terrasse auch ausreichten, an ihr Gemaule von damals erinnern können, verwarf den Gedanken aber sogleich.

Ich hatte eine bessere Idee!

„Schatz!?“, flüsterte ich.

Keine Reaktion.

„Schaaatz!?“, sagte ich etwas lauter, und sie nahm die Sonnenbrille ab und sah mich genervt an.

„Sebastian, was ist denn?“, fragte sie, und mir war klar, dass das der vollkommen falsche Moment für meine Eingebung war, aber egal.

„Sex?“

Christina richtete sich auf und schaute mich ungläubig an: „Wie bitte?“

„Sex!“, wiederholte ich dümmlich grinsend.

„Du spinnst doch!“, sagte sie, nahm ein Buch und legte sich wieder hin.

Wenn es darum ging, am Sonntagnachmittag ins Museum zu gehen oder anderweitig kulturelle Einrichtungen zu besuchen, war meine Spontaneität vorausgesetzt. Versuchte ich aber in einem Anflug von Selbstaufopferung, unsere Spezies nicht aussterben zu lassen, war das falsch. Ich musste es offenbar anders anstellen.

Nach einem großen Schluck Bier und einem liebevoll gehauchten Rülpser, stand ich auf und schlich, ohne Christina aus den Augen zu lassen, mit einem vagen Plan zum Pool. Sie reagierte nicht auf mich, war in ihr Buch vertieft und grinste amüsiert vor sich hin. Ich hielt kurz inne und schaute auf das Cover, welches ein Erdmännchen zeigte, das mit weit aufgerissenen Augen in einem Wanderschuh saß. Kackte das Vieh etwa da rein? Wer dachte sich so ein Cover aus? Was war das für ein Buch?

Auf dem Rückweg vom Pool peilte ich Christina an, stellte mich hinter sie und begann sanft ihren Nacken zu massieren.

„Das funktioniert so auch nicht!“, sagte sie grinsend, ließ mich aber gewähren. Schon hatte ich meine Lippen an ihrem Hals und damit den Hamster fast im Laufrad. Das Massieren ließ ich bald in ein Streicheln übergehen, welches sich aus dem Schulterbereich entfernte und ihr Dekolleté anstrebte. Langsam ließ sie das Buch mit dem drogensüchtigen Nager sinken und gab sich meiner erprobten Behandlung hin. Jetzt, da sich meine prämierten Künstlerhände ihren Brüsten näherten, war auch zu erkennen, dass es ihr gefiel, denn kalt war es definitiv nicht.

Mit einem geseufzten „Mhhh“, drehte sie ihren Kopf zu mir, lächelte mich an und flüsterte: „Wie schaffst du das nur immer?“

Übung Mädchen, jahrelange Übung! Denn ganz ehrlich, wenn ich immer warten würde, bist du mal Lust hast …, lag es mir auf der Zunge, aber stattdessen flüsterte ich ihr ins Ohr: „Genieß es einfach.“

Schon hatte sie sich aufgerichtet und ihren Du-hast-mich-fast-soweit-Blick aufgelegt, da klingelte es an der Tür.

ARSCHKACKSAUDRECKMISTSCHEISSE!, dröhnte es durch meine Hirnwindungen und ich zischte gendergerecht: „Ich werde ihn/es/sie/x/Innen/_innen töten!“

Während Christina sich ihr Kleid anzog und ins Haus ging, suchte ich nach etwas, an dem ich meine Wut abreagieren konnte. Da lernte das Erdmännchen fliegen.

Ein paar Minuten später erschien Christina mit einem jungen Mann auf der Terrasse, der weder nach der Deutschen Post noch nach den Zeugen Jehovas aussah – und Bofrost hatte andere Mützen. Als ich missgelaunt näherkam, erkannte ich Christinas kleinen Bruder Markus, der mich freundlich grüßte und von mir ein: ARSCHLOCH! Ich wollte Sex mit meiner Madame und ich hatte sie fast soweit. Raus aus meinem Haus und komm nie wieder hierher! Ich verfluche dich und alle deine Nachkommen!, verdient gehabt hätte. Doch ich schluckte meinen Ärger hinunter, grüßte zurück und fragte, ob Interesse am gemeinsamen Genuss eines kühlen Bieres bestand.

Während Markus und ich uns der Gerstenkaltschale hingaben, informierte mich Christina darüber, dass Markus ein paar Nächte bei uns pennen würde, da er sein Klassentreffen habe, aber ja  nicht mehr hier in der Gegend wohnen würde, und dass sie mir das schon am Vortag hatte sagen wollen, es aber vergessen hätte. Außerdem würde sie am kommenden Tag mit ihrer besten Freundin Franziska in ein Outlet fahren und das hätte sie mir auch vergessen zu sagen – oder doch nicht?

Aus meinen Ohren schien Blut zu fließen. Ich steckte die Finger hinein, um es zu überprüfen.

Christina stoppte ihren Redeschwall und fragte, was ich da täte. „Ich säubere meine Ohren“, sagte ich mit argloser Miene.

„Du bist ekelig!“, tadelte sie mich, drehte sich um und ging ins Haus.

Der restliche Nachmittag verlief wie folgt: Markus und ich: Bier. Christina: sauer. Markus und ich: noch mehr Bier. Christina: weigert sich zu kochen. Markus und ich: bestellen Pizza. Christina: isst provokativ Salat. (Mein Angebot, ihr ein paar meiner Sardellen als Deko für ihr Gemüse abzugeben quittiert sie mit einem bösen Blick.) Christina:  bietet Sex an, wenn ich das Trinken einstelle. Ich: zu betrunken. Christina: verschwindet gruß- und kusslos im Bett. Ich und Markus:  trinken noch ein paar Bier.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Christina schon auf dem 100.000-Kilometer-Trip in ihr geliebtes Fashion-Outlet und ich bewunderte, nachdem ich die Decke zurückgeschlagen hatte, respektvoll meine Morgenpracht …

Moment, da war doch noch was! Eine lustige Begebenheit des vergangenen Abends ist hier noch mitteilenswert. Während Markus und ich die Pizza inhaliert hatten, hatte mich Christina gefragt, ob ich ihr Buch gesehen hätte. Ich hatte mich mit unschuldigem Gesichtsausdruck am Kopf gekratzt, und sie wurde präziser: „Das von heute Nachmittag aus dem Garten, von Tommy Jaud!?“

„Dass mit der zugekifften Ratte? Nö!“, hatte ich gelogen und mit den Schultern gezuckt.

Aber wieder zurück zum von einem geschmeidigen Kater begleiteten Aufwachen. Vor der Espressomaschine lag ein Zettel von Christina, die mir mitteilte, dass ich vor 20:00 Uhr nicht mit ihr rechnen sollte. Salat und Hähnchenbrust seien im Kühlschrank, alternativ Pizza im Tiefkühler. Darunter stand: Ich finde es nicht schön, wenn du so viel trinkst. Wir sollten darüber reden. Bussi Christina. Daneben der Versuch eines Smileys.

Nachdem ich mir zwei Kaffee und eine Kopfschmerztablette in den Hals geworfen hatte, begutachtete ich das Haus und gab mich meinem Putzfimmel hin. Markus beschäftigte sich derweil damit, im Bett des Gästezimmers ein Sägewerk zu eröffnen, und schien sehr erfolgreich.

Ich putzte mich voller Elan durch das Haus. Im Schlafzimmer angekommen, dachte ich sehnsüchtig an Christina und grinste bei dem Gedanken daran, was wir hier schon so alles miteinander angestellt hatten.

Ich ließ meinen Blick durch das Zimmer streifen und entdeckte neben ihrem Schuhschrank eine Reisetasche, auf der ein Zettel mit dem Vermerk „aussortiert“ klebte. Neugierig öffnete ich die Tasche, und neben zwei Sommerkleidern, ein paar Freizeithosen, einem Jeansrock, einer Jacke und ein paar T-Shirts, blitzten mich verschiedene sexy Unterwäschekombinationen an.

Wahrscheinlich waren diese von ihr aussortiert worden, weil sie sich mit den Jahren von Konfektionsgröße 36 auf 40 hochgearbeitet hatte und diese hier allesamt ein S auf dem Schildchen trugen.

Neugierig leerte ich den Inhalt der Tasche auf dem Bett aus und begutachtete den kleinen Wäscheberg. Neben den bereits erwähnten Dingen lagen vor mir noch Socken, mehrere Negligés und Feinstrumpfhosen. Zu guter Letzt entdeckte ich einen schwarzen Nylon-Catsuit.

Diesen hatte ich ihr vor ein paar Jahren auf einer Erotikwebseite bestellt, für die ich – woher auch immer – einen Gutschein hatte.

Das fummelige Teil war von ihr aufgrund einer Öffnung an der zentralen Stelle als „plump“ abgelehnt worden. Mein Hinweis darauf, dass mir das beim Kauf nicht aufgefallen war, half herzlich wenig und so kam ich nie in den Genuss, sie darin zu bestaunen.

Warum ich hier so detailliert von dieser Tasche erzähle? Glaubt mir, der Inhalt selbiger wird noch für reichlich Irritationen sorgen, aber dazu später.

 

WER BIST DU?

Die nächsten zwei Tage plätscherten ohne großartige Vorkommnisse vor sich hin und am Freitagabend waren wir zu Frau Rengers Buchclubgelage geladen.

Ich beeilte mich, pünktlich um 16 Uhr zu Hause zu sein, kleidete mich an und saß zehn Minuten später geschniegelt und gebügelt in der Küche und wartete auf Christina, die eine Stunde vor mir mit dem Ankleiden begonnen hatte und immer noch nicht fertig war.

„Schaaatz?“, vernahm ich aus dem Schlafzimmer und trottete nach oben. „Geht das so?“, fragte sie und zuppelte skeptisch an ihrem Kleid herum.

„Du siehst toll aus!“, sagte ich.

Darauf folgte das obligatorische: „Das sagst du nur so, damit ich fertig werde“, und ich nickte.

Um 17:30 Uhr saßen wir endlich im Auto und begaben uns in das letzte Abenteuer der Menschheit: Feierabendverkehr in Frankfurt am Main. Ich hatte in der Zeit, die Christina noch zum Anziehen benötigt hatte, zwei Bier getrunken, und sie mit dem Verweis darauf fahren lassen. Großer Fehler!

„Christina? Was genau machst du?“, zischte ich, während sie mit Tempo dreißig über eine zweispurige und ausnahmsweise relativ freie Straße fuhr. Sie drehte den Kopf kurz zu mir, fixierte dann wieder die Straße und sagte kurz und knapp: „Auto fahren?!“

„Christina, das, was du hier machst, ist nicht Autofahren, sondern den Motor in einem gefühlt zweistelligen Drehzahlbereich bewegen. Der Motor geht kaputt, wenn man so fährt.“

Christina verzog kurz das Gesicht, trat dann voll auf die Bremse, stand quer über beide Fahrspuren und raunzte mich an: „Dann fahr du doch!?“

„Ich hatte zwei Bier!“, versuchte ich mich zu retten.

„Und darum fahre ich … so wie ich es für richtig halte! Beim nächsten Mal lass halt das Bier weg, dann kannst du selbst fahren!“

Ich sagte lieber nichts mehr, rutschte kleinlaut im Sitz nach unten und lauschte dem nun intensiver werdenden Hupen mehrerer Autos hinter uns.

Als wir definitiv zu spät ankamen, war der rote Teppich vor dem Kempinski, welcher übrigens grau war, bereits leergefegt. Als wir den Festsaal betraten, saßen bereits alle an ihren Tischen, und ich kam mir bei den vielen Blicken vor, wie ein seltenes Ausstellungsstück, das herumgereicht und bewertet wurde.

Rengers erkannte uns, winkte mir zu und brüllte: „Hey, Berger! Hierher!“, quer durch den Saal und wurde von seiner Frau gleich darauf zurechtgewiesen. Wir bahnten uns unseren Weg durch den Raum, vorbei an prachtvoll gedeckten Tischen, aufgebrezelten Damen und Herren. Zu meinem persönlichen Entsetzen hatten wir unsere Plätze direkt neben dem Ehepaar Rengers Junior. Franz Peter pfiff sofort nach dem Ober und orderte Whisky und Bier. Mein Smoking saß nicht wirklich gut und das Hemd schränkte meine Atmung ein. Davon abgesehen fühlte ich mich generell unwohl und unpassend in diesem Etablissement. Das Personal brachte unsere Getränke, Franz Peter und ich prosteten uns zu und leerten den Whisky schnell. Sowohl Frau Rengers, die übrigens Beate hieß, als auch Christina, schauten uns tadelnd an. Sowohl Horst Lüning als auch Heiko hätten diesen Frevel wahrscheinlich sofort mit bösen Worten bedacht, aber ich passte mich ja nur meinem Umfeld an. Gleich darauf hatten wir das Bier in der Hand und ernteten erneut böse Blicke unserer Frauen.

Ein Laudator trat auf die Bühne und leierte seinen Text über den Charity-Gedanken und die Verwendung der Spenden des Abends herunter. Plötzlich zupfte Christina an meinem Ärmel.

„Pssst!“, machte sie.

Ich unterbrach mein Gespräch mit Rengers und fragte: „Was denn?“

„Ist das nicht der Jaud?“, fragte sie und zeigte in Richtung Eingang.

„Wer jault?“, fragte ich.

„Jaud, Tommy Jaud!“, sagte Christina aufgeregt und zeigte erneut auf einen Mann mit hoher Stirn, modischer Brille und markantem Kinn.

„Kenn ich nicht!“, brummte ich und drehte mich wieder zu Rengers um.

Erneut zog Christina an meinem Ärmel. „Das ist er, ich bin mir sicher!“, flüsterte sie.

„Ja, meinetwegen. Ich unterhalte mich gerade!“, zischte ich, doch ehe ich mich wieder umdrehen konnte, flüsterte sie konspirativ: „Das Buch mit dem Erdmännchen! Das, was verschwunden ist. Das ist von ihm.“

„Dann kauf ihm halt ein Neues!“, sagte ich ärgerlich und versuchte mein Gespräch fortzusetzen. Christina ließ nicht locker.

„Nein, er hat es geschrieben!“, sagte sie.

„Herrgottssakrament!“, fluchte ich leise und sagte betont langsam: „Dann sag ihm doch, dass deins weg ist und ob er dir ein Neues geben kann!“

Christina kicherte erst übertrieben und sah mich dann ernst an. „Ich werde ja wohl nicht zu Tommy Jaud gehen und ihm sagen, dass ich sein Buch nicht mehr finde und gern ein Neues hätte!“

Ich zuckte mit den Schultern und betrachtete das Gespräch als beendet.

„Du gehst!“, sagte sie plötzlich.

„Was?“, fragte ich.

„Du gehst zu ihm und lässt dir ein Autogramm geben!“, sagte sie triumphierend.

„Ich soll zu Thomas Jaud gehen und dir ein Autogramm holen?“, fragte ich ungläubig.

„Tommy, nicht Thomas!“, korrigierte sie mich. Rengers hatte mittlerweile einen neuen Gesprächspartner gefunden und ich war ziemlich angepisst. „Bitte!“, flehte sie.

„Ich gehe ja schon!“, sagte ich, stand auf und stiefelte zum Eingang.

Herr Jaud begab sich gerade auf den Weg zur Toilette und ich folgte ihm, mehr oder weniger unauffällig. Ich betrat kurz nach ihm das WC, stellte mich etwas abseits und wartete. Nachdem er recht sorgsam seine Hände gewaschen hatte und gerade den Raum verlassen wollte, tippte ich ihn an.

„Sie sind doch …“

„Nein!“

„Aber sie haben doch …“

„Nein!“

„Sind sie sicher, dass …“

„Ja!“ Ja, leck mich doch!, dachte ich und sagte: „Ist mir ja auch scheißegal! Meine Frau will ein Autogramm, ich kenne Sie nicht mal.“

Er stutzte und musterte mich eigenartig.

„Und übrigens, eine kackende Ratte im Turnschuh … was für ein blödes Cover für ein Buch ist das denn?!“, bemerkte ich gehässig und ging zur Tür.

Jaud schnaufte laut und rief mir hinterher:  „Es ist ein ERDMÄNNCHEN! In einem WANDERSCHUH!“

Ich ging zurück an den Tisch, blickte in Christinas freudig erregte Augen und sagte: „Vollidiot!“ Sie schluckte herunter, was auch immer sie sagen wollte und ich suchte erneut Anschluss an Rengers.

Die Veranstaltung plätscherte dahin und irgendwann saß ich mit Franz Peter an einer der Bars, abseits der werten Damen und Herren des Buchclubs und seiner Freunde. Wir orderten Whisky. Nach dem zweiten Glas setzte sich jemand neben mich und ich drehte mich interessehalber zur Seite.

„Der schon wieder!“, sagten Jaud und ich gleichzeitig, und dann brachen wir in lautes Gelächter aus, sodass uns die Bardame ermahnte, leiser zu sein. Ich bestellte eine neue Lage, doch ehe diese auf dem Tresen stand, hatte sich Rengers unerlaubt von der Truppe entfernt – und Herr Jaud lehnte ab, er blieb bei Bier.

Juhu, mehr für mich!, freute sich meine Leber.

In der kommenden halben Stunde philosophierten wir, soweit ich mich erinnere, über die fränkische Küche und die besten Biere Deutschlands. Dann verabschiedete er sich und wünschte mir noch einen schönen Abend. Die Höflichkeit gebot es, ihm noch zu sagen, dass das mit der Ratte nicht so gemeint gewesen war. Er winkte beschwichtigend ab und entschwand.

Kurz nachdem er weg war stand Christina vor mir, stemmte ihre Hände in die Hüften und baute sich bedrohlich vor mir auf. „Ich suche dich überall und du kippst dir hier Whisky in den Schlund. Wir fahren nach Hause! Jetzt!“, ordnete sie an und ich war dankbar dafür, hier verschwinden zu können … und nebenbei auch ziemlich angesäuselt! Auf dem Weg nach draußen versuchte ich ihr zu erklären, dass ich gerade mit Tommy Jaud höchstpersönlich ein nettes Gespräch geführt hatte. Sie zeigte mir einen Vogel und meinte, dass dieser wohl Besseres zu tun hätte, als mit mir an der Bar zu sitzen und sich zu unterhalten.

Die Fahrt nach Hause gestaltete sich ebenfalls anstrengend, da ich ziemlich angetrunken und Christina ziemlich sauer war. Meine Tipps für Abkürzungen wurden ausdrücklich überhört. Wer war denn ständig in der Stadt unterwegs, kannte die Tipps und Tricks der Taxifahrer? Definitiv nicht Christina! Irgendwann, wir hatten uns bereits von mehreren Seiten aus an den Hauptbahnhof angeschlichen, die Galopprennbahn umrundet und zu meinem persönlichen Unmut verschiedene Fast-Food-Filialen nicht für einen kleinen Snack aufgesucht, kamen wir zu Hause an. Ohne mich auszuziehen, fiel ich ins Bett und schlief den Schlaf des Gerechten.

Am kommenden Morgen erinnerten mich meine Kopfschmerzen wieder einmal daran, dass ich mir eigentlich ein paar von Bernds finnischen Spezialpillen hatte mitnehmen wollen. Ich ging ins Bad, zog die Reste meines Smokings aus, schaute in den Spiegel und rannte freudig erregt und laut nach Christina rufend durch das Haus.

„Was ist!“, fragte sie, immer noch ziemlich sauer.

„Jaud!“, rief ich und entblößte meine Brust. Darauf stand: Für Christina, meinen größten Fan! Tommy. Muss ich besoffen gewesen sein!


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Nach unzähligen Kurzgeschichten und kleinen Schreibereien, die er unter verschiedenen Synonymen hier und da im Internet veröffentlichte, ist der Brathering Interruptus so gesehen das schriftstellerische Debüt von Mika Karhu. Inspiriert vor allem von Arto Paasilinna und Tommy Jaud hat er damit – zuerst im Selfpublishing und dann zusammen mit dp DIGITAL PUBLISHERS – die Bühne der Schriftstellerei betreten.

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