Ich träumte von deiner Liebe

1. Kapitel

Samstag, 23. Mai 2015

Ich pirschte mich leise an. Daniel war in die Zeitung vertieft und merkte nicht, wie ich die Müslischale vor ihm zur Seite schob. Schließlich musste ich ihm die Zeitung aus der Hand nehmen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

„Was …?“ Er wandte sich mir zu. Sein Blick glitt über das schwarz-rote Spitzenkorsett an meinem Körper, das ich gestern erst gekauft hatte. Das aufblitzende Verlangen in seinen Augen wich allerdings schnell Bedauern. „In nicht mal einer Viertelstunde muss ich los.“

„Dann lass uns keine Zeit verschwenden.“ Ich setzte mich auf den Küchentisch und spreizte die Beine. „Ein spontaner Quickie.“

„Becca …“

„Du wirst vier Tage unterwegs sein. Vier Tage!“ Ich strich über seine Wange, zog ihn näher. Der herbe Geruch seines Aftershaves stieg mir in die Nase und verwirrte meine Sinne. „Ich will dich. In letzter Zeit bist du ständig müde, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst.“

„Es ist grad viel los.“

Ein verführerisches Lächeln auf den Lippen legte ich den Kopf schief. „Muss ich dich wirklich an deine ehelichen Pflichten erinnern?“

„Wenn ich tonnenschwere Ladung durchs ganze Land transportiere, muss ich ausgeruht sein.“ Er stand auf.

Meine Finger krallten sich in sein Shirt und zerrten ihn an mich heran. Mein Oberkörper rieb sich an ihm. Ich war so ausgehungert, dass das Blut heiß durch meine Adern floss. Wie sehr ich ihn wollte! Ich brauchte ihn. „Wie munter du erst sein wirst, wenn du mich hier auf dem Küchentisch …“

„Wenn ich zurückkomme. Versprochen.“ Er schob mich vehement von sich.

„Nur einen Kuss.“ Vergeblich versuchte ich, seine Lippen zu erreichen.

„Rebecca, schalte einen Gang zurück.“

„Nur weil ich meinen Mann begehre …“

„Ich habe jetzt keine Lust. Darüber will ich nicht streiten. Wie du schon sagtest: Ich werde vier Tage mit dem Lastwagen unterwegs sein.“

Diese energische Ablehnung kränkte meinen Stolz. Obwohl ich es nicht persönlich nehmen sollte, wenn er seinen Job an erste Stelle setzte. Schließlich hielt ich es mit meinem nicht anders. Doch wie sollte ich nicht tief getroffen sein, wenn er meinen dargebotenen Körper abwies?

Ich starrte ihn wütend an. Dann wandte ich mich um, lief die Stufen hoch ins Schlafzimmer und schlug die Tür mit einem lauten Knall zu.

Schwer atmend hoffte ich auf das Geräusch seiner Schritte, die mir nachkamen. Er brauchte sich nicht zu entschuldigen. Es würde reichen, wenn er mich in den Arm nahm und mir versicherte, wie sehr er mich liebte.

Von unten klang das Knallen der Haustür zu mir. Es dauerte, bis ich begriff, was das bedeutete.

Daniel hatte das Haus verlassen. Er war einfach gegangen, ohne sich zu verabschieden, ohne den Streit zu klären.

Meine Augen brannten, aber ich hielt die Tränen zurück. Ich hatte Erfahrungen mit unerwartet verschwindenden Männern. Eine Überraschung, Daniel dazu zählen zu müssen. Nein, eine Enttäuschung. Nun schmerzte auch mein Herz.

Ich riss die Haken an meinem Korsett auseinander, wobei einer kaputt ging. Vermutlich würde ich das Spitzending ohnehin nicht mehr benötigen.

„Ich verspreche dir, mit dieser Beziehung niemals leichtfertig umzugehen.“

Weshalb stand er nicht zu diesem Schwur, den er mir vor knapp drei Jahren in der Hochzeitskapelle in Las Vegas gegeben hatte? Seine Worte nahm ich sehr ernst. Obwohl sie von ihm stammten, waren sie auch zu meinem Motto geworden.

Nur mit einem Slip bekleidet lief ich nach unten ins Wohnzimmer, wo mein Handy lag. Ich würde ihn anrufen und die Angelegenheit klären.

An der Haustür erklang das Geräusch eines sich herumdrehenden Schlüssels im Schloss. Als ich herumwirbelte, kam Daniel vom Gang herein. Er betrachtete mich in meinem Aufzug mit geweiteten Augen.

„Du bist zurückgekommen!“ Mit einem Aufschrei lief ich auf ihn zu.

Er streckte die Arme aus, um mich aufzufangen.

Ich schlang ihm die Arme um die Schultern und sprang an ihm hoch. Erleichtert bedeckte ich sein Gesicht mit Küssen. „Bei einem Anruf wollte ich mich entschuldigen. Wie ich es hasse, wenn wir streiten.“

„Tut mir leid, dass ich es verbockt habe, Becca. Ich hätte nicht davonlaufen dürfen.“

„Nein, das hättest du tatsächlich nicht.“

„Nenn mich einen Idioten. Ich beschwere mich, während jeder andere Mann mich für deine Heißblütigkeit beneiden würde.“

In seinen Augen lag Liebe und schlechtes Gewissen. Doch letzteres quälte auch mich. „Wenn ich nicht so offensiv gewesen wäre … Ich habe Angst, uns zu verlieren.“

„Wir werden daran arbeiten. Gleich wenn ich zurück bin.“

Seine Hände lagen auf meinen Pobacken. Als er die Finger spreizte, musste ich mir auf die Lippen beißen, um nicht aufzustöhnen. Ich drängte die hochkochende Leidenschaft zurück. Das musste bis zu seiner Rückkehr warten. „Ich liebe dich.“

Er küsste mich sanft. Die zarte Berührung seiner Lippen machte es mir nicht leicht, geduldig zu bleiben. Er unterbrach den Kuss und lächelte. „Ich liebe dich. Und wenn ich nicht dringend weg müsste …“

Langsam glitt ich an seinem Körper hinunter. „Schon klar. Was mache ich nur so lange ohne dich?“

„Du könntest dich um Valentin kümmern. Er hat Liebeskummer. Die Frau, für die er sich interessiert, nimmt ihn gar nicht wahr. Ich fürchte, es hat ihn diesmal ziemlich schlimm erwischt.“

„In Ordnung. Schließlich ist dein bester Kumpel auch für uns immer da. Und jetzt geh endlich. Sonst musst du die verlorene Zeit mit Rasen einholen. Das wäre nicht gut für meine Nerven.“

„Ich weiß, wie schwer die letzte Zeit für dich war. Wenn ich wieder zurück bin, dann …“ Er zögerte. „… dann basteln wir an unserem ersten Kind.“

„Du musst mir keine Versprechungen machen, die …“

Er schüttelte den Kopf. „Ich will das genauso sehr wie du. Mein Gehalt wird nicht ausreichen, um als Alleinverdiener unseren momentanen Lebensstandard zu erhalten. Aber ich habe überlegt, Vaterschaftsurlaub zu nehmen. Wir können …“

Ich umarmte ihn stürmisch, bis ihm keine Luft zum Weiterreden blieb. „Unser gemeinsames Baby!“

„Unser ERSTES gemeinsames Baby“, korrigierte er. „Wir haben diesen riesigen Garten nicht umsonst. Ich werde dich unterstützen, so gut ich kann. Das mit dem Vaterschaftsurlaub wird sicher kein Problem. Dann kannst du rasch wieder arbeiten gehen.“

„Ich brauche keinen Luxus, wenn ich dich habe. Wir besitzen ein Haus, in dem wir zufrieden sind. Wenn hier noch das Lachen von Kindern erklingt, bin ich die glücklichste Frau der Welt“, versicherte ich.

„Dann ist es beschlossene Sache. Ein Baby, das aussieht wie du.“

Ich schüttelte den Kopf. „Eines, das aussieht wie wir beide. Das Beste von uns beiden. Mehr kann ich nicht verlangen.“

Dienstag, 26. Mai 2015

Mit einem großen Becher Kaffee in der Hand eilte ich die Straße hinunter. Ich war spät dran. Dieser dämliche Besichtigungstermin ruinierte alles. Nach einem Blick auf die Uhr beschleunigte ich noch einmal mein Tempo.

Ich hasste es, mich unvorbereitet mit Kunden zu treffen. Weder besaß ich genaue Infos zu dem Pärchen noch zu der Wohnung, die ich ihnen zeigen sollte. Wäre mein Kollege bei seiner Besichtigung nicht aufgehalten worden, wäre ich jetzt schon zuhause. Ich könnte jetzt bereits in der Küche stehen und Vorbereitungen für ein Festmahl treffen.

In zwei Stunden kam Daniel zurück.

Ich wollte ihm einen besonderen Empfang bereiten. Im ganzen Wohnzimmer standen Kerzen. Eine gute Flasche Wein wartete gekühlt. Dazu sollte es Hühnchen mit Curry-Gemüse und Reis geben. Ich war zwar keine besonders gute Köchin, aber das hätte ich hingekriegt. Wenn mir genug Zeit dafür geblieben wäre.

Jammern half nichts. Daniel freute sich bestimmt auch über eine Pizza, die ich beim Heimfahren besorgen konnte.

Die U-Bahn-Station kam in Sicht. Verdammt, ich war mit Gewissheit zu spät. Selbst wenn mit viel Glück sofort eine U-Bahn einfahren sollte.

Mein Fuß befand sich auf der ersten Stufe, als ich eine Frau entdeckte, die sich mit ihrem Kinderwagen abmühte. Die junge Frau hatte sich aus unverständlichen Gründen dagegen entschieden, den Fahrstuhl zu benutzen. Sie versuchte, eine Stufe nach der anderen zu überwinden, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Nicht sonderlich erfolgreich. Außer mir befand sich niemand auf der Treppe. Mein Gewissen und mein Pflichtbewusstsein lieferten sich einen lautstarken Streit in meinem Kopf.

„Warten Sie. Ich helfe Ihnen“, murmelte ich seufzend. Ich lief ein paar Stufen nach unten, bis ich bei der Frau angelangt war, und warf einen Blick in den Wagen. Das Baby mit der blauen Mütze und dem rosigen Gesicht schlief trotz des Geruckels tief und fest. Kurz spürte ich einen Stich in der Herzgegend. Durfte ich bald auch so ein kleines Wunder im Arm halten? Ich warf meine Tasche über die Schulter und klemmte den Kaffeebecher mit der linken Hand fest. Mit einem Griff um den unteren Rahmen hob ich den schweren Kinderwagen an. Dann trug ich alles rückwärts die Treppen hinunter.

Wir kamen natürlich langsam voran, und ich unterdrückte ein Seufzen, denn jetzt würde ich bestimmt die nächste Bahn verpassen. Ein Jugendlicher überholte uns, aber sonst war niemand zu sehen, den ich um Unterstützung hätte bitten können. Warum hatte ich mich auch verantwortlich dafür gefühlt, der Frau zu helfen?

„Können wir etwas schneller machen?“, bat ich.

Das Gesicht der Frau war vor Anstrengung verzerrt. „Ich weiß nicht …“

„Ich muss dringend weiter.“

„In Ordnung.“ Die Frau hob ebenfalls den Wagen an. So fiel es leichter, den Kinderwagen nach unten zu transportieren. Nur mehr ein paar Stufen.

Eine einzige Sekunde lang war ich unachtsam. Mein Fuß fand plötzlich auf der rutschigen Treppenstufe keinen Halt, und ich spürte, wie ich nach hinten kippte. Ich ließ den Kaffeebecher fallen und tastete nach dem Geländer. Gleichzeitig klammerte ich mich an den Rahmen des Kinderwagens.

Dem Baby durfte nichts passieren. Ich musste es beschützen.

In diesem Moment verlor ich endgültig den Kampf mit dem Gleichgewicht. Ich fiel! Mit dem Rücken krachte ich auf den Boden und spürte einen Schlag gegen die Rippen. Dann knallte auch mein Kopf auf den Boden. Ein Poltern ließ mich befürchten, das Baby nicht gerettet zu haben. Dass es ebenfalls auf den Boden aufgeschlagen war.

Diese Art zu sterben konnte nur als Ironie bezeichnet werden. In den Tod gestoßen von meinem größten Wunsch. Wehe, wenn das das Ende war! Um mich herum wurde es dunkel.

2. Kapitel

Samstag, 30. Mai 2015

Mein Kopf pochte, als würde ein kleines Männchen mit einem Hammer von innen gegen meine Stirn klopfen. Ich presste die geschlossenen Augen zusammen, als könnte ich dadurch den Schmerz loswerden, aber es fiel mir schwer, meine Augenlider zu bewegen.

Jemand hantierte an meiner Kleidung. Da wurde gezogen, gerafft, glattgestrichen. Man setzte mich auf und legte mich auf eine Seite. Das ganze Prozedere war mir unangenehm. Warum konnte ich mich nicht dagegen wehren?

Ich schluckte, aber mein Mund schien viel zu trocken. Meine Zunge blieb beinahe am Gaumen kleben. Ich räusperte mich.

Das Gezerre hörte auf, als ich die Augen mühsam öffnete. Ich befand mich in einem Krankenzimmer. Vermutlich hatte ich mich bei dem Sturz von der Treppe verletzt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, hierhergekommen zu sein. Mein Körper fühlte sich seltsam schlapp an. Doch ich konnte zum Glück meine Arme und Beine bewegen, wenn auch nur mühsam. Ich rollte mich auf den Rücken.

Die Krankenschwester, die gerade den Krankenhauskittel in meinem Rücken geschlossen hatte, starrte mich unhöflich mit offenem Mund an. Der geschockte Gesichtsausdruck wäre höchstens angebracht gewesen, wenn ich eine Gruselmaske von Halloween tragen würde.

Ich wollte nach einem Glas Wasser bitten. Doch ich brachte kein Wort heraus, nur ein Stöhnen.

Die Schwester richtete sich auf und drückte einen Alarmknopf.

Neuerlich versuchte ich die Bitte um Wasser über die Lippen zu bringen, scheiterte jedoch. Mit großer Anstrengung hob ich meine Hand. Irgendetwas stimmte nicht mit meinem Hals. Als ich danach tastete, spürte ich unter meinen Fingern irgendeinen Schlauch aus Kunststoff. Ich zog daran, doch das fühlte sich wie ein Pfeil an, der sich durch meinen Hals bohrte.

„Nicht doch“, tadelte eine Stimme. Neben der Krankenschwester tauchte eine Ärztin auf. „Mein Name ist Birken. Ich bin Assistenzärztin und werde Ihnen helfen.“ Die hübsche junge Frau kam lächelnd näher.

Während sie das Ding, das sich als Intubationsschlauch entpuppte, aus meiner Kehle entfernte, schossen mir Tränen in die Augen. Warum hatten sie mir das Ding überhaupt in den Hals gesteckt?

„Geht es?“, fragte die Ärztin.

Als ich mich bedanken wollte, brannte meine Kehle. Mehr als ein Krächzen kam nicht über meine Lippen. Sogar das bloße Drehen meines Kopfes verursachte Schwindel.

„Ihre Stimme ist bald wieder da. Geben Sie ihr etwas Zeit.“ Die Ärztin lächelte mich wieder an. Vermutlich sollte mich das beruhigen. „Erschrecken Sie nicht. Ich werde ein paar Untersuchungen machen.“

Sie zog die Bettdecke weg, tastete mit kalten aber sanften Fingern meine Beine und meine Arme ab, fragte mich, ob ich die Berührungen spüren würde, ob ich Schmerzen habe.

Ich antwortete verwundert mit Nicken und Kopfschütteln. Während der Untersuchung bemerkte ich, wie schwach ich mich fühlte. Jede Bewegung zeigte mir deutlich, dass ich nicht die vollständige Kontrolle über meinen Körper besaß. War bei dem Sturz mein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden? Als die Frau sich wieder aufrichtete, wartete ich bang auf ihr Urteil.

„Sehr schön.“

„Ist …“ Ich räusperte mich. „Ist alles in Ordnung?“ Gott sei Dank kam meine Stimme wieder. Sie hörte sich fremd an.

„Sieht ganz so aus. Den Rest erklärt Ihnen Herr Doktor Gebhard, mit dem ich Rücksprache halten werde.“ Nach einem letzten Lächeln wandte sie sich ab und verließ mein Zimmer.

„Aber …“ Ich hätte auch ein paar Fragen gehabt.

Die Krankenschwester tätschelte meine Schulter. „Annie, ihre Schwester, wird gleich hier sein. Wir haben sie angerufen. Ich hole in der Zwischenzeit den Herrn Primar.“

Erschöpft nickte ich. Mehrmals versuchte ich mich aufzusetzen, aber mein Körper gehorchte mir kaum. Die Minuten verstrichen. Ich lag reglos im Bett und fragte mich, warum ich mich so erschöpft fühlte. Der Sturz hatte meinen Körper offensichtlich sehr mitgenommen. Doch langsam begann ich zu befürchten, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Eilige Schritte kamen näher. „Ich kann es nicht glauben“, murmelte jemand, und Annie, meine Schwester, betrat den Raum. Sie sah viel dünner aus, als ich sie in Erinnerung hatte. War sie dermaßen in Sorge um mich gewesen? Aber warum hatte sie meinen Krankenhausaufenthalt dann für einen Besuch beim Frisör genutzt? Ihre Haare waren bei unserem letzten Treffen noch länger gewesen. „Oh, mein Gott! Danke, Gott!“ Annie umarmte mich stürmisch.

„Es ist in Ordnung.“ Meine Stimme klang kratzig. „Tut mir leid, dir wieder mal Sorgen bereitet zu haben.“

„Du hast ja keine Ahnung. Ich wollte gerade das Krankenhaus verlassen, als man mich anrief. Jetzt bist du endlich wach.“

Ich löste mich von Annie. „Weiß Daniel schon Bescheid? Kommt er her?“

„Welcher Daniel?“

„Na, Daniel … mein Mann.“ Annies verwirrter Gesichtsausdruck gab mir Rätsel auf. „Egal. Ich rufe ihn selbst an.“

„Du bist durcheinander, Schatz. Leg dich lieber wieder hin.“ Annie rückte die Polster zurecht. „Wie fühlst du dich?“

„Ich habe Durst.“

„Natürlich. Du bekommst gleich ein Glas Wasser.“ Annie schlüpfte aus ihrer Jacke und legte ihre Handtasche zur Seite. Dann verschwand sie im Badezimmer. Das Glas, das sie mitbrachte, leerte ich in einem Zug, obwohl mein Hals brannte, und ließ es mir von Annie abnehmen.

„Danke. Schon wieder ein Unfall. Ich sollte nie mehr das Haus verlassen.“

„Schon wieder?“

„Ja, der Autounfall vor vier Jahren und jetzt das mit der U-Bahntreppe. Dämlich, mir jedes Mal den Kopf anzuschlagen.“

„Jetzt?“, echote Annie. „Und was für eine U-Bahntreppe?“

„War ich etwa ein paar Tage im Koma?“ Der Gedanke gefiel mir nicht. „Das kann für meinen Verstand nicht gut sein.“

Annie plumpste auf den Stuhl neben dem Bett. „Ein paar Tage?“

Über mir schlug eine Welle von Frustration zusammen. „Warum plapperst du mir alles nach? Ich glaube, wir sollten deinen Kopf zuerst untersuchen lassen.“

Annie griff nach meiner Hand. „Rebecca, du hast vier Jahre lang im Koma gelegen.“

„Ziemlich spät für einen Aprilscherz. Zu einer Kranken sollte man höflicher sein.“ Ich wollte nach dem Wasserglas greifen, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Das, was von meinen Armen nicht mit den Ärmeln meines Nachthemdes bedeckt war, wirkte unglaublich dünn. Was war nur mit mir los? „Kannst du mir noch etwas zu trinken bringen?“

Sie ignorierte meine Bitte. „Ich habe nicht gewusst, ob du jemals wieder aufwachen würdest. Trotzdem habe ich dich die letzten vier Jahre so oft besucht, wie es möglich war.“

Ihre Worte jagten mir einen Schauer über den Rücken. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. „Lass den Scheiß. Langsam wirst du mir unheimlich.“

Meine Schwester begann zu weinen. Sie wirkte verzweifelt. „Nein, du machst mir Angst. Du bist 2011 von einem Auto angefahren worden und hast seitdem dieses Zimmer nicht mehr verlassen.“

„Unsinn. Ich glaube, du bist zu schnell gerannt.“ Ich lachte gezwungen.

„Die Ärzte können dir bestimmt helfen. Es ist sicher schwer zu begreifen, wieviel Zeit du verloren hast.“

Sie redete Unsinn. Was war nur mit ihr los? Ich versuchte zu Annie durchzudringen. „2011 durfte ich nach zwei Wochen wieder nach Hause. Warum willst du mir etwas anderes weismachen? Wenn Daniel bloß hier wäre.“

„Ich kenne keinen Daniel.“

Was zum Teufel war hier los? „Dein Schwager! Wir hatten den Unfall 2011 gemeinsam. 2012 habe ich ihn geheiratet. In Las Vegas. Du warst doch dabei.“

Annie ließ meine Hand los. „Du bist nicht verheiratet. Nach dem Unfall hast du das Bewusstsein nicht wiedererlangt.“

„Ich habe das Gefühl, ich renne gegen eine Wand an“, seufzte ich.

„Du sagst, Daniel ist der Mann, mit dem du bei dem Autounfall unterwegs warst? Bei deinem … ersten Unfall?“

Ich nickte.

„Er hat dir das Leben gerettet. Ohne ihn hättest du den Zusammenstoß nicht überlebt.“

„Siehst du? Dann kennst du ihn doch.“

„Nein, Süße.“ Annies Gesichtsausdruck war ernst. „Er hat die ganze Wucht des Aufpralls abgekriegt. Er ist 2011 gestorben.“

Das Krankenzimmer drehte sich. War Annie verrückt? Wie konnte sie so einen Quatsch behaupten? Ich sollte vier Jahre im Koma gelegen haben? Daniel tot sein? „Wir haben geheiratet, in Daniels Haus in Sissendorf gelebt, uns geliebt. Ich habe mir das doch nicht eingebildet.“

„Es tut mir leid, Rebecca.“

„Was tut dir leid? Dass die Liebe meines Lebens angeblich nicht existiert?“ Ich wurde wütend. „Dass ich schon jetzt jemanden vermisse, mit dem ich nicht zusammengelebt habe, wie du behauptest? Dass ich die ideale Beziehung mit dem perfekten Mann gar nicht geführt habe? Oder dass du mich anlügst?“

„Rebecca …“

„Nein“, unterbrach ich. „Nein. Ich habe genug gehört.“

„In Ordnung. Verschieben wir das auf später.“ Annie stand auf. „Ich bringe dir noch etwas zu trinken.“

Ich wandte den Kopf ab und starrte aus dem Fenster. Das hier musste ein Albtraum sein. Vielleicht sollte ich versuchen zu schlafen. Danach würde ich aufwachen, und alles wäre wieder wie vorher.

Während Annie noch im Badezimmer das Glas nachfüllte, öffnete sich die Tür des Zimmers. Ich drehte den Kopf.

„Mein Name ist Doktor Gebhard“, meinte ein grauhaariger Mann, und kam näher. „Fühlen Sie sich gut?“

Ich lachte trocken auf. „Ehrlich gesagt, fühle ich mich wie in einem schlechten Film. Sind Sie gekommen, um diesen fehlgeleiteten Aprilscherz aufzuklären?“

„Welchen Scherz?“

„Annie will mir einreden, ich wäre vier Jahre lang im Koma gelegen.“

Doktor Gebhard runzelte die Stirn. „Ihre Schwester hat es Ihnen schon gesagt? Sie hätte auf mich warten sollen. Wir alle sind erfreut, weil Sie endlich aufgewacht sind.“

„Endlich?“ Meine Stimme klang schrill. „Nein!“

„Wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht. Sie waren ziemlich lange bewusstlos. Ihr Körper wird noch eine Weile damit zu kämpfen haben. Aber wir kriegen Sie schon wieder fit.“

Eine Träne lief mir über die Wange.

„Na, na. Freuen Sie sich doch.“ Der Arzt lächelte mich aufmunternd an.

Annie kehrte aus dem Badezimmer zurück und trat neben das Bett. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ich glaube, etwas stimmt mit meiner Schwester nicht.“

„An der Formulierung musst du noch arbeiten“, blaffte ich.

„Sie ist der Meinung, nicht vier Jahre im Koma gelegen zu haben. Sie denkt, sie wäre vier Tage nach dem Unfall aufgewacht und hätte sich dazwischen verliebt und geheiratet. Vielleicht sind das Folgen des Unfalls oder der Kopfverletzung …“

„Oder vielleicht ist das hier der Albtraum, aus dem ich erwachen muss.“ Ich ballte die Hände zu Fäusten. Wären die Schmerzen an meinem Hals nicht so real, könnte ich mich an diese fadenscheinige Erklärung klammern.

Der Arzt setzte ein nachdenkliches Gesicht auf, für das ich ihn hasste. „Eine interessante Komplikation. Aber Sie waren lange nicht bei Bewusstsein. Sie hatten wirre Träume. Ich bin sicher, nach ein wenig Ruhe und Erholung gelingt es Ihnen, sich in der Realität zurechtzufinden.“

In einer Realität, in der Daniel nicht existierte? Das schien mir unsinnig.

„Ich bin nicht verrückt!“

„Natürlich nicht. Sie sind lediglich ein wenig durcheinander. Versuchen Sie bitte, sich aufzusetzen.“

„Was hat das jetzt mit meinen angeblichen Wahnvorstellungen zu tun?“, wollte ich wissen.

„Tun Sie mir einfach den Gefallen.“

Verärgert zog ich meine Augenbrauen zusammen. Widerwillig kam ich seiner Aufforderung nach. Ich setzte mich auf, versuchte mich zu drehen, um die Beine über den Bettrand schieben zu können. Meine Muskeln waren nicht in der Lage, meine Beine anzuheben. „Verflixt, was soll das?“, brummte ich.

„Sie haben vier Jahre lang im Koma gelegen. Die mangelnde Bewegung hat Muskelabbau verursacht. Aber das bekommen wir mit Reha und Training wieder hin.“

Blinzelnd starrte ich meine dünnen Beine an. Wäre ich tatsächlich nur vier Tage ohnmächtig gewesen, wäre mein Körper nicht so stark verfallen.

„Ich mache ein paar Untersuchungen, bevor wir Sie schlafen lassen.“ Der Arzt lächelte. „Danach sieht die Welt bestimmt schon anders aus.“


Neugierig geworden? Dann wirf einen Blick auf weitere Titel aus unserem Programm.


Du liest gerne und sagst geradeheraus deine Meinung zur Lektüre? Werde Rezensent/in und trag dich in unsere Rezensentendatenbank ein!

Bettina Kiraly – Ich träumte von deiner Liebe

Das E-Book kaufen.

Geboren 1979 als Bettina Slaby wuchs Bettina Kiraly im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich die Texte von Bettina Kiraly mit der Frage: Warum handeln Menschen, wie sie es tun? Die Autorin schreibt Romane über starke, außergewöhnliche Charaktere, die um ihr Stück vom Glück kämpfen.

Hier geht’s zum Interview mit Bettina Kiraly.