Dorit David über ihren Frauenroman

Dorit DavidWorum geht es in deinem Buch Speck zu Gold?

Kennst Du den Märchenausspruch von Rumpelstilzchen: „Stroh zu Gold!“? Darauf bezieht sich auch der Titel. Aus etwas scheinbar Wertlosem wird etwas Kostbares. Dabei steht Gold nicht für Geld. Es geht um eine innere Entwicklung. Ulla entdeckt einen Schatz in sich.

Es geht um ihre Lust zu tanzen, die Lust am eigenen Körper, u n a b h ä n g i g von Alter, Gewicht und gängigen Idealvorstellungen.

Ursula ist eine Frau Mitte 40, die diesen Wunsch unterdrückt, aufgrund einer Demütigung im Balettunterricht als sie vier Jahre alt war. Ausgerechnet der Burlesquetanz weckt Jahrzehnte später ihre Aufmerksamkeit. Ein Tanz, in dem es um das flirtende Spiel mit dem eigenen Körper und dem Publikum geht.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Ich arbeite in Schüben. Der Roman lag zwischendurch in der Schublade und wäre beinahe dortgeblieben … Es ist länger als drei Jahre her als ich begann ihn zu schreiben.

 

Wie kamst du auf die Idee, gab es eine Art Initialerlebnis?

Mein Mann hatte sich für einen Burlesque-Kurs angemeldet. Er verspürte Lust, in eine andere Facette seiner selbst zu schlüpfen. 😉

Danach gab es eine Präsentation im Keller eines Möbelhauses. Drei Etagen über uns standen die toten Einrichtungsgegenstände – und im Untergeschoss tobte das pure Leben. Ich war hin und weg von der Vielfalt, den Ideen und der Lebenslust, die sich auf der kleinen Bühne zeigte. Alles war dabei: Glamour, Trash, Comedy, Mainstream … Anfängerinnen tanzten neben Profis. Frei, leicht, spaßig und unverkrampft. Das war mal ein ganz anderer Beitrag zur sexuellen Befreiung …

Was man vielleicht wissen sollte: Zu Beginn jeder Burlesque-Show gibt es ein Ritual, das von der Moderation eingeführt wird: Wenn die Dame auf der Bühne etwas fallen lässt, dann wird gejubelt. Dadurch wird eine unglaubliche Solidarität mit der Tänzerin erzeugt. So ein Feedback ist extraordinär. Es entsteht eine sich hochschraubende, positive, kreischende Feedbackschleife.

 

Wie fühlt es sich an, wenn Speck zu Gold ‚endlich’ erschienen ist und gelesen werden kann?

Befreiend. Ulla tanzt ab jetzt ohne mich durch die Welt. Ich kann ihr nicht mehr helfen und habe wieder Platz in meiner Schublade …

 

Was reizte dich daran, Ursulas Geschichte zu schreiben?

Mir geht immer das Herz auf, wenn ich füllige Frauen sehe, die ungezwungen mit ihrem Körper umgehen. Die sich diesem ganzen Idealbild-Quatsch nicht unterwerfen. Es kommt so viel Kraft und Lebenslust rüber, wenn sich eine „sogenannte Dicke“ burlesquetanzend bewegt. Es ist einfach eine andere Art von Energie.

Mich interessierte Ullas Konflikt. Sie befindet sich im Zwiespalt mit sich und ihrer Umwelt, die sie verhöhnt und verachtet, nur weil sie ihre erotische Weiblichkeit zurückerobert. Und zwar so wie sie es möchte: Offensiv. Als Dicke. Und im Scheinwerferlicht.

Burlesque wird gern mit Striptease in einen Topf geworfen und natürlich kann man behaupten, dass sich eine Frau, die sich auf der Bühne halb oder ganz auszieht, selbst zum Sexobjekt degradiert und sich visuell ausbeuten lässt. Ich finde aber, es ist eine Frage der inneren Haltung, ob ich ein „Objekt“ oder ein „Subjekt“ bin. Und es ist meine oder eben Ullas Entscheidung, sich diese Freiheit zu nehmen.

 

Du tanzt selber Burlesque – wie viel von dir / von deinen Erfahrungen steckt in diesem Buch oder gar in Ursula?

In der Zeit, als die Ulla schon „fix und fertig“ in der Schublade lag und ich ungeachtet meiner Bemühungen keinen Verlag fand, gab es eine Trotzreaktion mir: „Wenn schon nicht das ganze Buch, dann wenigstens eine Szene daraus!“ Schließlich bin ich ja auch Theater-Frau. Ich dachte an den Schwarzlicht-Strip aus dem Roman. Zeitgleich hatte meine Freundin und Kollegin eine ähnliche Idee. Also beschlossen wir: Im nächsten Jahr kommt diese Nummer auf die Bühne.

 

Was fasziniert dich an Burlesque?

Der Umgang mit dem tanzenden, halbnackten Körper. Das flirtende Spiel mit dem Publikum, einem Spiel auf der Grenze. Die Frage: Wie weit geht man? Das Blitzen in den Augen der Tänzerinnen oder der Tänzer.

Vor allem interessiert mich aber auch: Was ist mit diesem Genre noch machbar? Welche Geschichte kann ich in so einer Szene erzählen? Erzähle ich sie poetisch? Clownesk? Provozierend? Die Dramaturgie einer Burlesque-Nummer ist ja vorgeschrieben: Mann oder Frau geht auf die Bühne, zelebriert den Kleiderverlust und der Höhepunkt sind die kreisenden Brüste – bedeckt von Pasties, die wie Propeller herumwirbeln. Das ist das nackte Gerüst einer jeden Szene. Ich finde es aber sehr spannend zu fragen, ob und was mit diesem Genre noch möglich ist. Gehen vielleicht auch Tiefgang, politische Aussage oder moderne Kunst und Burlesque zusammen?

 

Du trittst selber – nicht nur – mit einer Burlesque-Kombo auf, was bedeutet es für dich, auf der Bühne zu stehen? Bist du vor deinen Auftritten aufgeregt?

In einer Burlesque-Kombo (wie Ulla) bin ich nicht. Auf der Bühne stehe ich aber seit meiner Clownsausbildung 1993 regelmäßig. Burlesque ist nur ein winziger Teil davon.

Vor den meisten Auftritten bin ich aufgeregt. Es gehört dazu. Das Lampenfieber ist auch eine Diva: Es wechselt gern die Gewänder. Momentan werde ich zum Beispiel immer müder je aufgeregter ich bin. Früher bekam ich leichte Kieferstarre und mir kribbelte das ganze Zahnfleisch.

Ansonsten ist es klassisch: Stehe ich erst mal auf der Bühne, ist die Aufregung kanalisiert. Sie bündelt sich und geht in die Energie des Spielens über.

 

Was sagen Familie und Freunde zu deiner Burlesque-Performance?

Die Schwarzlicht-Burlesque-Szene ist in aller Augen „salonfähig“. Man sieht ja nichts. ( 😉 ) Es wird lediglich mit der Fantasie des Zuschauers gespielt. Es ist dunkelstes Kopfkino. Wörtlich genommen.

Meine Erfahrungen sind aber: Sobald die Freiheit, die man sich nimmt, den privaten Bereich berührt, zeigt sich immer sehr schnell wie offen oder frei unsere Gesellschaft wirklich ist.

Mit Worten und abstrakt: immer gerne – konkret und persönlich: lieber nicht.

Dorit David – Speck zu Gold

Dorit David wurde 1968 in Schwedt/Oder geboren. 1992 zieht sie nach Hannover, um sich dort einer „unordentliche Ausbildung“ zur staatlich anerkannten Clownin zu unterziehen. Als Künstlerin beginnt sie spontan Geschichten zu erfinden. Sowohl auf der Bühne als auch am Schreibtisch. Sie hat bis heute nicht damit aufgehört. Dorit David über ihre Liebe zum Illustrieren und Schreiben.

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