Schwarzes Erbe

Prolog

Der Raum, in dem Lina Kessler sterben würde, besaß keine Fenster, durch die sie in die Vergangenheit hätte blicken können. Sie stand in einem dunklen Schlauch, in dem es nach Fäulnis und vergorenem Wein roch.

So sah also das Ende aus: kein Licht, nur Moder und das ferne Rumoren des Infernos. Keine Chance mehr, Leben zu imitieren. Von den Flammen trennte sie lediglich ein Meter Gestein.

Das Ziehen in ihrer Schulter verwandelte sich in ein Brennen, das sich über ihre Brust ausbreitete. Eine unangenehme Hitze jagte plötzlich durch ihren Körper, ihr wurde schwindelig, Farben explodierten wie kleine Feuerwerke in der Dunkelheit.

Ihre Finger griffen durch eine zähe Masse. Spinnweben, dick wie Zuckerwatte.

Lina wusste, dass sie nicht mehr zurück konnte. Über ihr wütete das Feuer. Sie konnte nicht einfach durch die Flammen in die Vergangenheit springen.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, der Schmerz, der auf einem Hitzefloß durch ihren Körper raste, erreichte ihren Unterleib. Sie vernahm ein leises Stöhnen, hell und zerbrechlich, wie von einem Kind. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sie merkte, dass dieses Geräusch aus ihrem Mund kam.

Sie wartete, bis der Schmerz etwas nachließ, wartete auf das heiße, feuchte Gefühl. Ihre Menstruation war immer unregelmäßig und zu den ungelegensten Zeiten gekommen, sie hatte deswegen immer Tampons mit sich herumgeschleppt. Jetzt hatte sie keine dabei. An alles hatte sie gedacht: an die Briefe, das Papier, die Waffen, die Fotos.

Keine Tampons.

Der Schmerz verglühte wie eine Kerzenflamme, der das Wachs ausging. Das Blut sickerte aus ihrer Schulter.

Lina rieb das Rädchen ihres Feuerzeuges. Ein ratschendes Geräusch entstand, eine bläuliche Flamme erstrahlte.

Über ihr schien ein zentnerschweres Gewicht zu Boden zu krachen.

Sie sah an sich hinunter. Ihr schwarzer Kapuzenpullover war an mehreren Stellen zerrissen.

Dort, wo der Schuss sie gestreift hatte, war der Stoff blutgetränkt.

Vor ihrem Gesicht befand sich ein riesiges Spinnennetz. In einer Ecke baumelte ein eingesponnener Sack von der Größe einer Maus.

Der Raum, der sich schlauchförmig vor ihr erstreckte, war so niedrig, dass sie kaum aufrecht stehen konnte, obwohl sie nur 1,74 Meter groß war. Sie machte einen Schritt nach vorne. Die Sohlen ihrer schwarzen Turnschuhe strichen über Mörtel.

Die Wände des Raumes bestanden aus groben Sandsteinen, die sich mit Feuchtigkeit voll gesogen hatten. Schimmelpilze überwucherten Leitungen und Rohre, die aus der Mauer wuchsen.

Am Ende des Raumes befanden sich drei Weinfässer. Eines war in der Mitte auseinandergebrochen. Auf dem grünstichigen Holz prangte die Zahl 1958.

Lina verbrannte sich den Daumen an der Flamme, das Licht erlosch. Wieder gab es nur Gerüche: Schwefel, Fäulnis, vergorener Wein.

Über ihr rumpelte es.

Wie lange würde es dauern, bis die Flammen, die die Halle fraßen, den Weg durch die Klapptür fanden? Wie lange würde der Sauerstoff reichen? Würde sie ersticken? Würde sie bei lebendigem Leib verbrennen? Oder würde die Decke einfach nachgeben und sie unter sich begraben?

Lina rieb den Feuerstein erneut.

In der linken Ecke türmten sich Kartons, die so trocken waren, dass sie Risse bekamen, sobald sie die mit den Fingerspitzen berührte. In einem der Kartons entdeckte sie eine alte Weihnachtsdekoration. Sie zog eine bunte Lichterkette hervor und verteilte sie im Raum. Sie fand eine Steckdose. Sie glaubte zwar nicht, dass es noch Strom gab (schließlich ging über ihr die Welt unter), aber ein Versuch konnte nicht schaden.

Die bunten Lichter erglommen, diamantweiß, smaragdgrün, rubinrot, türkisfarben, saphirblau.

Lina setzte sich auf den Boden, umringt vom hellen Leuchten. Das Licht sah schön aus. Die Lämpchen sonderten einen irgendwie elektrischen Geruch ab, der sie an vergangene Weihnachtsfeste erinnerte.

Auf dem Boden lag eine Spiegelscherbe und reflektierte das Licht. Lina betrachtete ihr Gesicht darin.

Ihr halblanges, rotes Haar klebte ihr am Kopf, ihre Augen lagen zu tief in ihren Höhlen, und ein hässlicher Kratzer zog sich über ihre rechte Wange.

»Du wirst hier sterben.«

Um Himmels Willen, war das ihre Stimme gewesen? Es klang wie das Organ einer alten, kranken Frau.

Lina blickte durch das rote und grüne und blaue Licht zum anderen Ende ihres Verlieses, zur Holztreppe, die sie vor wenigen Minuten hinab gestiegen war, sah zu der Falltür, die die Geräusche des Infernos abgeschnitten hatte, und lehnte ihren Kopf gegen eines der Fässer. Die Schmerzen erreichten ihr Gehirn erneut, wenn auch nur noch gedämpft.

Lina befand sich in einem Raumschiff, das die Erde verließ. Der Gedanke gefiel ihr. Sie hatte es immer gemocht, sich zusammen mit den Stoffraben in ihr Bett zu kuscheln und sich vorzustellen, sie befände sich in einem Ufo. Nichts konnte mehr in ihre Welt eindringen.

Sie schwebte im luftleeren Raum.

Sie holte Hugin aus ihrem Rucksack. Der Stoffrabe war ungefähr zwanzig Zentimeter groß und schaute sie etwas dümmlich an. Auch er war blutbefleckt, aber das Blut war älter, es stammte nicht von den neuen Leichen. Sie setzte ihn vor sich auf den Boden.

»Alles in Ordnung mit dir, Hugin?«

Der Stoffrabe nickte.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Jetzt wird alles gut. Wir sind in Sicherheit, wir befinden uns in einem Raumschiff. Bist du traurig, dass Ben nicht bei uns ist?«

Wieder nickte Hugin.

»Ich bin auch traurig. Aber wir werden ihn bald wieder sehen.«

Lina zog einen Stapel Schwarz-Weiß-Fotografien aus ihrem Rucksack. Die meisten zeigten einen dünnen jungen Mann mit halblangen Haaren und schüchternem Lächeln.

Es gab auch Fotos von ihr selbst, aber sie erkannte sich darauf nicht wieder, hauptsächlich, weil sie auf ihnen lächelte.

Die Wunde auf ihrem Oberarm sah obszön aus, als hätte ein Kind mit einem Filzstift auf ihrer Haut herumgekritzelt und die Farben Karmesinrot und Schwarz verwendet.

Sie holte ein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack. Auf dem Umschlag war eine Pfauenfeder abgebildet. Sie schlug es auf und las ihren einzigen Eintrag:

Leben heißt, dass die anderen einen kriegen können.


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Jens Lossau – Schwarzes Erbe

Jens Lossau, geboren 1974 in Mainz, begann bereits früh mit dem Schreiben eigener Texte, die überwiegend dem Genre der phantastischen Literatur zuzurechnen sind.

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