Das Traummann-Projekt

Kapitel 1 – Am Anfang war der Apfelkuchen

I dream of when she’ll be mine, I dream of crossing that line … She don’t know me.
Bon Jovi

»Also ich glaube auf jeden Fall an die große Liebe, du etwa nicht?« Mangagroße, babyblaue Augen versenken ihren Blick in meinen. Große Liebe? Hey, ich glaube an Liebe so groß wie die Freiheitsstatue, riesig wie Amerika, gigantisch wie die Welt, galaktisch wie das Universum.

Sämtliche Jubelchöre spielen zu einer großen Fanfare auf. Schon immer und ewig wusste ich, es ist nur eine Frage der Zeit, bis mich meine maßgeschneiderte große Liebe endlich finden wird. Immerhin stehe ich schon seit Jahren auf der Warteliste. Genauer gesagt seit fünf Jahren, vier Monaten und dreizehn Tagen.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war mein dreißigster Geburtstag. Ein eher grauer Tag, der mich etwas deprimierte, weil mit dem Übertreten der Schwelle von zwanzig zu dreißig auf einmal der Ernst des Lebens anzufangen schien. Viele meiner Freunde hatten mittlerweile feste Beziehungen, die übrigen zumindest ein florierendes Sexualleben. Ein paar Freunde und ich hatten um Mitternacht mit Flaschenbier auf mich angestoßen, als Geschenk wurde mir eine aufblasbare Gummipuppe überreicht. Erst war es mir peinlich; später wünschte ich, sie hätten mir eine jener lebensgetreuen, anatomisch bis ins letzte Detail ausgestatteten Silikonpuppen gekauft. Am Morgen darauf trat ich, nach einem abgebrochenen Jura, IT- und schließlich abgeschlossenen Ingenieurstudium, meine erste Festanstellung in der Firma an, in der mein Vater bis zu seiner Pensionierung vor zehn Jahren gearbeitet hatte. Das erste was ich erblickte, war ein brünett gelockter Engel, der sich mir als Nina vorstellte und mich in der Firmenlobby in Empfang nahm. Sie erklärte mir die administrative Dreifaltigkeit in Form von Betriebsausweis, Formularen, Einführungsmeetings. Sie hätte von mir aus chinesische Gedichte rezitieren können, ich hörte nur sphärische Töne und verstand Bahnhof.

Als sie erfuhr, dass ich am Tag zuvor Geburtstag gehabt hatte, lächelte sie mich verheißungsvoll an. »Dann bist du Sternzeichen Krebs, genau wie Brad Pitt.« Ich wusste nicht genau, was sie mir damit sagen wollte, aber es musste etwas Gutes sein. Ich verliebte mich vom Fleck weg.

Hier und heute, geschätzte schlappe 1.825 Tage später, sitzen Nina und ich hier und es wird passieren: Beziehungsstatusänderung!

Seit fünf Jahren bin ich ihr bester Freund, was wesentliche Vorteile bietet: Unmittelbare Nähe zum angebeteten Zielobjekt! Ich bekam etliche Gelegenheiten, ihre Vorlieben, Beziehungsgewohnheiten und Eigenarten, ja sogar ihren Monatszyklus zu studieren (Exakt vier Tage vor ihrem Menstruationsbeginn bringe ich ihr immer eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade mit. Sie leidet schrecklich unter PMS, was sich durch den Genuss dieser speziellen Schokoladensorte beruhigen lässt.)

Zugegebenermaßen barg die beste-Freund-Taktik auch einen wesentlichen Nachteil: Enthaltsamkeit! Nächtelang hatte ich wachgelegen und mir vorgestellt, wie sie irgendwann einmal statt: »Danke für die Hühnersuppe, die ist genau das, was ich jetzt brauche!«, den Mann in mir entdeckt und: »Los pack ihn schon aus und gib’s mir, das ist genau was ich jetzt brauche!« fordert, oder jedenfalls so ähnlich. Leider blieb es beim Kopfkino und in Real-Time erfuhr ich stets nur, was sie von anderen brauchte und bekam oder eben nicht.

Sparen Sie sich mitleidige Blicke und bedauernde »Ooochs«, es war meine freie Wahl. Ich wollte nur sie! Nie zuvor hatte es mich so erwischt.

Gut, meine Erfahrungen hielten sich bis auf ein paar unspektakuläre Beziehungsversuche in Grenzen. Als schüchterner Teenager auf Jugendfahrten oder ähnlichen Veranstaltungen, die mannigfaltig Gelegenheiten zu schlimmsten Demütigung boten, war ich der, dem Mädels ihr Herz ausschütten. Bei mir holten sie sich Tipps, bevor sie sich die coolen Typen angelten und Knutschflecken sammelten. Dieses No-Sex-Karma zieht sich wie ein roter Strick durch mein Leben.

Dabei war ich kein stubenhockender Eremit. Ich ging auf Partys und lernte die eine oder andere kennen, wurde nur leider in Sekundenschnelle als »bester-Freund-Typ« abgestempelt, vielleicht weil ich wenig offensiv die Signale unbeachtet, Gelegenheiten ungenutzt ließ. Man sollte meinen, dieses würde als gentlemanlike von Frauen geschätzt, doch entweder geriet ich immer an die Falschen oder weibliche Feinfühligkeit wird überbewertet. Ich war einfach nicht der schnelle, oberflächliche, coole Typ. Ich wartete sehnsüchtig, wollte inniglich vertrauen, gehören und besitzen, eben einfach die große Liebe.

Meine Geduld war endlos. Bis es soweit wäre, lebte ich in meinen Träumen und frönte meinem Hobby, welches ich wie ein kostbares Geheimnis hinter einer roten Tür im Keller verschloss. Keine Menschenseele, weder Freunde, noch mein Vater wurden dort geduldet.

Als Nina auftauchte, war für mich alles klar. Wenn sich tatsächlich mal eine andere für mich interessierte, legte ich sofort die Karten auf den Tisch und ließ sie an meinen tiefen Gefühlen teilhaben. Die eine oder andere fand das »voll süß«. Sobald sie hörten, dass das schon jahrelang ging und Nina nicht im Bilde war, geheimes Objekt meiner tiefsten Sehnsüchte zu sein, fanden sie es »voll schräg«. Als wäre ich ein Psychopath, der sich Messer zückend mit wildem Geschrei auf sie stürzen würde: »Du siehst ihr unheimlich ähnlich, du Luder du!«

Fünf Jahre warte ich und es hat sich gelohnt, denn jetzt sitzen Nina und ich hier. Selbst wenn niemand darauf gewettet hätte, das große L-Wort ist gefallen. Sie hat es ausgesprochen! Das ist mein Stichwort! Heute Abend werde ich ihr einen bedeutsamen Vorschlag machen …


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Lea Musshoff – Das Traummann-Projekt

Lea Musshoff hat als PR-Assistentin bereits Hängebrücken in Lappland überquert, Bilder mit Bügeleisen bemalt und Psychologie studiert, bevor sie damit begann, sich frei nach Pippi Langstrumpf, die Welt so zu schreiben, wie sie ihr gefällt. Die Ideen für ihre Geschichten kommen ihr beim Flamenco tanzen oder in der Badewanne. Ihre Bücher schreibt sie im Zuckerrausch – pro Manuskript verbraucht sie nach eigenen Angaben bis zu zehn Tafeln Zartbitterschokolade.

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