Liebling, ich geh dann mal

„Das ist nicht dein Ernst!“

Ich funkelte Arno an, nicht ganz sicher, ob er sich nicht doch einen Scherz mit mir erlaubte. Mein Mann hielt den neu erworbenen Tiegel mit der ökologisch korrekten Feuchtigkeitsemulsion in die Höhe wie ein Corpus Delicti. Zielsicher hatte er sich genau diesen aus den Einkäufen herausgefischt, die ich auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte.

„Hanna, das ist mein Ernst! Du hast tatsächlich zwölf Euro für eine schnöde Creme ausgegeben?“

Seine inquisitorische Frage ließ meinen Blutdruck ansteigen. Ich war hier diejenige, die das Geld verdiente.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, kniff die Augen zusammen und fixierte ihn: „Du willst mir jetzt nicht wirklich zu verstehen geben, dass …“

„Doch! Verdammt, Johanna! Was soll der Kosmetik-Quatsch? Wirst du im Alter zur Spießerin?“

Okay. Das reichte. Auch wenn ich kommunikationspsychologisch geschult war, Tritte unter die Gürtellinie mussten gekontert werden. Möglichst lautstark. Gerade holte ich Luft, als sich die Küchentür öffnete und Nele den Raum betrat. Mit einem Blick erfasste unsere Tochter die Situation.

„Moment!“, ordnete sie an, eilte zum Fenster und schloss es. Mit ihren knapp fünfzehn Jahren war ihr so gut wie alles peinlich. Vor allem die Eltern. Vor allem, wenn diese schreiend die Nachbarschaft beschallten.

Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Unterarm: „Könnten wir jetzt bitte in Ruhe weiterstreiten?“

Nele schüttelte entnervt den Kopf und zog die Tür hinter sich zu. Mein Blick heftete sich erneut auf Arno.

Mein Mann. Mein geliebter Ehemann. 186 Zentimeter Sturheit, dichte, dunkelblonde Haare, eine immer noch beneidenswert athletische Figur, trotz weitgehender sportlicher Abstinenz, grau-blauer Blick, temporär auf Minusgrade heruntergekühlt. Wir waren uns so nah. Gedanklich, gefühlsmäßig und auch körperlich. Und dennoch schafften wir es immer wieder, uns gegenseitig zu verletzen. Niemand kann das so gut wie Menschen, die sich in- und auswendig kennen. Wenn keine sachlichen Argumente mehr halfen, ging es meist auf der persönlichen Ebene weiter, und die wunden Punkte, die der liebende Partner eigentlich schützen, aufpäppeln und möglichst unangetastet lassen sollte, wurden zu willkommenen Angriffspunkten. Treffer. Versenkt.

Dafür hasste ich Arno gelegentlich.

„Noch mal von vorne“, knurrte ich.

„Du hast mich sehr wohl verstanden!“

„Aber DU verstehst MICH nicht!“, brüllte ich.

Inzwischen hatten wir eine Phonstärke erreicht, die Karl Marx dazu veranlasste, seine Rute einzuklemmen und unter dem Küchentisch Deckung zu suchen.

„OH DOCH! Mein Verständnis reicht durchaus, um dich als fehlgeleitetes Werbeopfer zu identifizieren!“

„Weil ich eine FEUCHTIGKEITSCREME kaufe?“

„Weil du ein horrendes GELD dafür ausgibst!“

„Mann, das waren zwölf Euro! ZWÖLF! Nicht 120! Du bist so ein Geizhals!!!“

„Wie verzweifelt muss man sein, um sich dermaßen von der Kosmetikindustrie blenden zu lassen?“

Ich hyperventilierte fast. „ICH BIN NICHT VERZWEIFELT!“

Abends stand mir der Schaum vor dem Mund wie einem tollwütigen Tier. Ich stand im Bad und traktierte meine Zähne. Es grummelte immer noch in mir. Unser so häufig aus dem Ruder laufendes Streitritual machte mich fertig. Es kostete Kraft und Halsschmerztabletten und führte zu nichts. Ich wischte mir den hervorquellenden Schaum vom Kinn und begann die Putzrunde unten rechts von vorne. Plötzlich schob sich Arno von hinten heran und legte mir seine Arme um den Bauch.

„Na, Hannchen“, hauchte er an meinem Ohr.

Ich ignorierte ihn, so gut es ging.

Er verfolgte belustigt meine Zahnputzschaumschlacht.

„Komm, wir vertragen uns.“

Skeptisch hob ich meine Augenbrauen.

„Was hältst du von einem Versöhnungsquickie?“

„NICHTS!“, fauchte ich und der Spiegel war gesprenkelt wie eine Windschutzscheibe bei Schneesturm.

„Ach komm schon, Schatz.“ Arno begann, an meinem Ohr zu knabbern.

Ich wand mich aus seinen Armen.

„Ich bin doch keine Masochistin! Erst verletzt du mich bis in die Grundfeste meiner Existenz, rammst mir ein Messer in meine verwundbarsten Teile, in meine Ängste, mein Selbstbild, mein Selbstwertgefühl …“

Arno seufzte.

„… und dann soll ich dir schon wieder mein Herz und meinen Körper öffnen?“

Er verdrehte die Augen.

„Nun sei doch nicht immer so melodramatisch!“

Ich schob ihn von mir und zielte mit der Zahnbürste auf ihn.

„Ich bin so, wie ich bin. Und eins sag ich dir: Ich bin keine Spießerin, ich bin nicht alt und ich bin nicht verzweifelt!“

„Schon gut“, lenkte er ein. „Du bist jung wie der Frühling und frisch wie Morgentau.“

Ich schüttelte mit dem Kopf, ließ Wasser in meine Hände laufen und tauchte mit dem Gesicht hinein. Die Badezimmeraudienz war beendet. Tatsächlich zog Arno Leine, nicht ohne mir im Weggehen in den Hintern zu kneifen.


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Klara Sinn – Liebling, ich geh dann mal

Klara Sinn ist Jahrgang 1967 und lebt mit Mann, Tochter und Hund in Hessen. Mit Mitte Vierzig hatte sie fast alles ausprobiert oder erreicht, was sie sich in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit so vorgenommen hatte. Plötzlich rückte ihr ein weiterer lang gehegter Wunsch wieder ins Bewusstsein: Das Schreiben. Von Ehemann und Tochter milde belächelt, packte es sie im Herbst 2012. Als der Roman tatsächlich fertig geworden und von der Familie ausreichend heftig bejubelt worden war, entschied sie sich, eine Verlagsveröffentlichung anzustreben.

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