Hasta la Pista – Wo die Liebe hinfährt

Kapitel 1: Miese Zeiten für Pandabären

„…“

Wie ein Blasebalg pumpte ich mich über die Luftröhre und die Bronchien bis zum letzten Lungenbläschen mit Rauch voll. Wennschon, dennschon. Doch leider schüttelte mich bereits im nächsten Moment ein fieser Hustenanfall und trieb mir die Tränen in die Augen.

„Na, na, na“, krächzte meine Freundin Tine und klopfte mir beherzt auf den Rücken. „Wir sollten besser aufhören zu rauchen. Ich höre mich schon an wie Ivan Rebroff. Und du wie eine Dampflok mit TBC.“

„Ach was“, japste ich nach Luft. „Wir fangen doch gerade erst an damit, da können wir nicht schon wieder aufhören.“ Ich schnappte mir die Schachtel und zündete mir einen weiteren Glimmstängel an. „Los, weiter geht’s. Kneifen gilt nicht. Du hast gesagt, dass du das mit mir durchziehst. Und ohne Kippen geht’s nun mal nicht.“

Das mit den Zigaretten hatte ich gestern in einem Frauenmagazin gelesen. Na ja, nicht ganz so. Genau genommen hatte da gestanden: Das beste Mittel gegen böse Geister aus Gegenwart und Vergangenheit ist das Ausräuchern. Leider wurde mir beim Geruch von Räucherstäbchen schlecht. Also mussten wir Andys Geist mit Zigarettenrauch vertreiben. Jedenfalls hatte ich meiner besten Freundin Tine erklärt, dass ich ohne die Räucheraktion aus dem Erdgeschoss springen würde. Und da sie nach gefühlten dreihundertsiebenundzwanzig Jahren glücklicherweise immer noch an mir hing und mir außerdem Roy Blacks Ende ersparen wollte, hatte sie der Räuchernummer zugestimmt. Als überzeugter Nichtraucherin schlugen ihr die Zigaretten allerdings mächtig auf den Magen. Ganz grün um die Nase war die Arme schon. Aber von einer Busenfreundin konnte man in Extremsituationen schon mal vollen Einsatz erwarten. Auch, wenn’s ihr den Magen aushebelte.

„Weißt du was?“, fragte ich, um sie abzulenken. „Ich glaube, wir müssen einfach mehr Bewegung in die ganze Sache bringen. So im Sitzen reicht das Räuchern einfach nicht.“ Also kletterte ich auf den Küchentisch.

„Anja, komm sofort runter da“, rief Rebroff-Tine erschrocken.

Ich schüttelte den Kopf. „Nö. Komm du rauf. Alleine kann ich nicht Sirtaki tanzen.“

„Sirtaki?“

Ich nickte energisch. „Sicher. Was willst du denn sonst auf einem Küchentisch tanzen? Pogo?“

Tine seufzte erneut schwer. „Muss das wirklich sein?“, fragte sie gequält.

Ich sah sie nur mit Tränen in den Augen an und nickte, da kletterte sie tatsächlich mit wackeligen Knien zu mir auf den noch wackeligeren Tisch.

Dankbar sah ich sie an. Meine gute Tine. Die quadratisch, praktisch, gute Rechtsanwältin. Die für mich sämtliche Prinzipien über Bord warf und auf einem Küchentisch herumhoppelte. Ich atmete tief ein und aus. Zum Glück gab es auf der Welt jemanden, der mich so sehr liebte, dass er sich für mich komplett zum Affen machte. Ein schöner Gedanke.

„Los geht’s“, krächzte ich und drückte auf den Play-Knopf meiner Fernbedienung.

Ein schmalziger Schlager aus der Mottenkiste meiner Mutter tönte uns entgegen. In Extremsituationen halfen mir die fies frisierten Sängerinnen und Sänger aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts manchmal besser als Schopenhauer und Konsorten. Kein Mensch wusste von dieser überaus peinlichen Marotte, nur Tine. Es war ein echter Liebesbeweis, dass sie sich das Zeug jetzt nicht nur gemeinsam mit mir anhörte, sondern sogar mit mir dazu Sirtaki auf dem Küchentisch tanzte. Was wären wir alle ohne beste Freundin? Nur etwas, das die Katze macht. Doch trotz dieses tröstlichen Gedankens, halfen mir die Schlager im Moment herzlich wenig weiter. Und während Tine mit gequältem Gesicht ungelenk die Beine hob, blieben meine auf der Tischplatte. Die Sängerin dudelte gerade herzzerreißend etwas davon, dass jeder Schmerz einmal zu Ende ging. Schwachsinn! Das blieb für immer so! Für alle Zeiten blieb ich ein Häuflein Elend. Weil Andy ein Schwein war. Ein Schwein, das ich liebte. Auf der Stelle kullerten die kurzfristig versiegten Tränen von Neuem.

Tine ließ die Beine schnell wieder auf dem Tisch und nahm mich dafür fest in den Arm. „Och, Anja, Süße, nicht.“

Ich würgte heulend hervor: „Mach den Mist bloß aus. Schnell!“ Denn nun behauptete die Schmalzsängerin sogar noch, dass man an Liebeskummer nicht sterben konnte.

„Und ob man daran stirbt. So fühlt es sich jedenfalls an“, jammerte ich. In der Tat wusste ich nicht, ob meine Lunge vor oder nach meinem Herz explodieren würde. Die Lunge wegen der Zigaretten, das Herz wegen meinem Ex-Schwein. Der hing jetzt garantiert nicht mit seinem Busenfreund heulend in seiner Küche und räucherte mich aus. Das war schon deshalb nicht möglich, weil Andy im Krankenhaus lag. Aber auch dort war Ausräuchern nicht notwendig, er war mich längst losgeworden. Schon vor Wochen. Und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Bis vorgestern. Da war sein Betrug aufgeflogen.

Nachmittags hatte er mich vor Selbstmitleid zerfließend aus dem Krankenhaus angerufen, weil er sich das Bein gebrochen hatte. Beim Klettern. Dabei war der Kerl so sportlich wie ein Lehnsessel. Außerdem war er vom vielen Kiffen zwanzig Stunden am Tag derart tiefenentspannt, dass er gar nicht auf die wahnwitzige Idee kam, irgendwelche Wände hochzuklettern.

Deshalb hatte ich die Geschichte zuerst auch nicht geglaubt, sondern erst einmal eine Runde herzhaft gelacht. Das fand er irgendwie gar nicht witzig. Ziemlich sauer hatte er darauf bestanden, sich im Mainzer Klinikum zu befinden, wo es stinklangweilig war und wo er dringend seinen iPod benötigte, der bei mir in einer Ecke herumlag. Mit schlechtem Gewissen, weil mein Geliebter schwer verletzt in einem zugigen, verkeimten Krankenhaus vor sich hin litt, während ich mich über ihn lustig machte, hatte ich bei der Arbeit alles stehen und liegen lassen und meinem Chef eine wirre Geschichte von lebensgefährlichen Unfällen in der Familie aufgetischt. Dann war ich heimgedüst, hatte mich aufgehübscht, den iPod geschnappt und war mit Blümchen und Schokolade zu Andy ins Krankenhaus geflogen.

Als ich ankam, war der gerade bei einer Untersuchung. Und so empfing mich in seinem Zimmer nur sein Bettnachbar, ein leutseliger Rotzbremsenträger, der mich offensichtlich für Andys Schwester hielt. Das passierte häufig, weil wir beide schulterlange schwarze Ringellocken hatten.

Noch bevor ich „Piep“ sagen konnte, hatte sich der Kerl mit dem Bröselbesen lang und breit über Andys sexy Freundin ausgelassen. Seiner Aussage nach eine „kesse Blondine. Zuckersüß und rattenscharf. Mit einem Gesicht wie aus diesen japanischen Comics.“ Mir war auf der Stelle schlecht geworden. Schockiert hatte ich mich auf einen Besucherstuhl fallen lassen und den  rotzbremsigen Schwärmereien gelauscht. Jedes Wort fühlte sich an wie ein Messer. Auch wenn ich nicht die kleine Meerjungfrau und der Schnauzer kein Prinz war.

Nach ein paar Minuten war ich zerfleischt genug. Ich hatte Blumen und Schokolade in einen Mülleimer, den iPod auf Andys Bett gedonnert und war aus dem Zimmer gerannt. Eine Stunde später begann das Dauerklingeln auf meinem Handy. Die ersten zwanzig Anrufe hatte ich einfach weggedrückt. Dann hatte mein Bedürfnis, Klarheit zu haben, gesiegt. Und die bekam ich auch. Die erstaunliche Quintessenz des wirren Geständnisses war: Andy war eben nur ein Mann – und Gloria eine Frau.


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Sophia Monti – Hasta la Pista – Wo die Liebe hinfährt

Sophia Monti wurde 1971 in Stuttgart geboren, studierte Romanistik, Anglistik und Germanistik und schrieb nach einem Zeitschriftenvolontariat in verschiedenen Redaktionen, Werbeagenturen und Pressestellen in Deutschland und Spanien. Als freie Autorin und Redakteurin lebt sie heute mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Stuttgart.

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