Das fünfte Opfer

„Die Leiche sah aus wie alle anderen Leichen: nackt, blond, und ihre Kehle war von einem Ende zum anderen durchtrennt.

Trotzdem gab es nicht viel Blut.

Marlies Mittermann konnte das nur recht sein. In zwanzig Metern Höhe vertrug sie einen solchen Anblick nicht besonders gut.

Nicht schwindelfrei zu sein war die einzige Schwäche, die sie sich jemals erlaubt hatte. Ansonsten war sie immer eine perfekte Polizistin gewesen.

Die perfekte Kriminalbeamtin.

Außerdem war sie eine Frau. Damit brachte sie alle Voraussetzungen mit, auf der Beliebtheitsskala ihrer Kollegen ganz unten zu rangieren.

Frauen hatten im Kriminaldienst immer noch Seltenheitswert, egal, was Filme oder Fernsehserien zu suggerieren versuchten. Die Wirklichkeit sah anders aus.

»Wer hat die Leiche gefunden?«, fragte sie den Polier der Baustelle.

Sie standen auf einer tragenden Decke im siebten Stock eines Hochhausrohbaus am Handelskai. Es gab keine Wände. Auf der anderen Seite der Donau konnten sie die UNO-City sehen.

Um sie herum schwirrten Dutzende von Leuten: Kriminalbeamte des Kommissariats Leopoldstadt, die als Erste bei der Leiche gewesen waren, der Polizeiarzt, Fotografen, Mitarbeiter des Erkennungsdienstes; bestimmt waren auch ein paar Journalisten dabei. Ideale Bedingungen, um einen Mordfall zu klären.

»Der Ömer, der Türke, da. Er ist als Erster heraufgefahren„Und plötzlich fängt er an zu schreien wie ein Verrückter, und als wir nachgeschaut haben, haben wir das da gefunden. Uns hat es allen ganz schön den Magen umgedreht, kann ich Ihnen sagen.«

Der Polier trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Er hatte noch einen Estrich zu machen. Leichen auf der Baustelle vertrugen sich nicht mit seinem Weltbild. Und eine »Frau Inspektor«, die ihn ständig so ansah, als wäre alles seine Schuld, schon gar nicht.

Der Türke wiederholte stotternd seine Geschichte. »Bin hinaufgefahren mit Aufzug. Ich sehe schwarzen Haufen. Ich denke, hat jemand liegen lassen Mist von gestern. Ich will nehmen Sackerl und wegschmeißen, da sehe ich Haare und fällt heraus Kopf von Frau.« Er schüttelte sich.

Die Leiche der jungen Frau war in einen schwarzen Müllsack eingewickelt. Ihr Oberkörper wies mehrere Schnittwunden auf. Am schlimmsten war wie immer die Gegend um ihre Scham zugerichtet.

Marlies’ Assistent Pirker richtete sich auf. »Hier hat er sie jedenfalls nicht umgebracht«, sagte er, was angesichts der geringen Blutmenge offensichtlich war.

Marlies trat so nahe an den Rand der Decke heran, wie sie es wagte. »Wie hat er sie hier heraufgeschafft?«, fragte sie.

Sieben Stockwerke unter ihr fuhr ein Ambulanzwagen vor. Sie trat rasch einen Schritt zurück, bevor ihr schwindlig wurde.

Marlies Mittermann war 34 Jahre alt, verheiratet, kinderlos und mit ihren 1,78 Metern, den blonden Haaren und den dunklen Augen eine auffällige Erscheinung. Keine Empfehlung für den Beruf einer Polizistin. Schon gar nicht in Wien.

Als sie zur Übernahmeprüfung für den Kriminaldienst antrat, war sie gefragt worden, warum sie nicht lieber zum Fernsehen ging.

»Mit dem Aufzug«, sagte Pirker. »Damit sind wir auch raufgefahren.«

Der Bauaufzug war an der Längsseite des Gebäudes aufgestellt. Er reichte bis zum letzten Stockwerk, um Leute und Material zu transportieren.

Marlies sah den Polier an. »Wäre das möglich?«

»Bestimmt nicht. Der Strom ist über Nacht abgeschaltet. Sonst könnte ja jeder damit fahren. Da würde es schön zugehen, kann ich Ihnen sagen.«

„»Dann hat er sie eben über die Stiege geschleppt«, sagte Pirker beleidigt.

»Sieben Stockwerke?«

»Kein Problem für einen kräftigen Mann.« Womit sie wieder in ihre Schranken gewiesen war.

»Wo ist der Stromverteiler?«, fragte Marlies den Polier.

»Gleich neben der Bauhütte.«

»War der Verteilerkasten abgeschlossen, als Sie den Aufzug heute früh in Betrieb genommen haben?«

»Ja, sicher. So wie immer.«

»Wer hat den Schlüssel?«

»Ich. Aber meistens hinterlege ich ihn im Gebäude. Weil ich nicht immer gleich in der Frühe auf der Baustelle bin. Wenn ich noch was besorgen muss …«

»Wer weiß davon? Wo der Schlüssel liegt?«, fragte Marlies.

»Ich. Und die meisten von den Leuten. Aber da ist bestimmt kein solcher dabei, das weiß ich genau …« »Dein Mann ist unten, Marlies«, sagte Walter Nemeth vom Erkennungsdienst.

Marlies schaute schnell nach unten. Helmut stieg eben aus seinem Wagen.

»Hat ihm denn keiner gesagt …«

Natürlich nicht. Bestimmt keiner von den Kollegen. Und Wagreiter war den ganzen Morgen im Ministerium.

»Ich fahre rasch hinunter«, sagte Marlies zu Pirker. »Sehen Sie inzwischen, ob Sie im Stiegenhaus irgendwelche Spuren finden.«

Sie schloss die Augen, als sie in den Aufzug stieg.

Sie war auch nach einem Jahr Zusammenarbeit immer noch per Sie mit Pirker. Es fiel ihr schwer, sich mit Leuten auf freundschaftlichen Fuß zu stellen, die sie so offensichtlich nicht leiden konnten. Aber Pirker bestand natürlich darauf, es ihr als Arroganz auszulegen.

Das Töchterl des Staatssekretärs im Innenministerium. Das war sie zeit ihres Lebens gewesen. Etwas Besseres als die anderen.

Auch wenn sie sich selbst nie dafür gehalten hatte. Für etwas anderes, ja. Für jemanden, der nicht genau wusste, wo er eigentlich stand. Aber so feine Unterschiede machte niemand.

Hinter jedem Erfolg, den sie hatte, wurde immer die Hand ihres Vaters vermutet. Trotzdem hatte sie manchmal das Gefühl, dass eine solche Protektion ihr noch eher verziehen wurde als die Möglichkeit, sie könnte als Frau für ihre Erfolge ganz allein verantwortlich sein. Wie immer sie es auch anstellte, sie konnte doch nicht gewinnen.

»Was ist hier los? Warum bin ich nicht verständigt worden?«, fragte Helmut, als sie aus dem Aufzug stieg.

Marlies sah ihren Mann unsicher an. Major Helmut Mittermann. Kriminalkommissar im Bundeskriminalamt der Wiener Polizeidirektion. Genau wie sie. Sie würde es ihm sagen müssen.

Bald.

Irgendwann.

»Es hat wieder eine Tote gegeben«, sagte sie laut.


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Bettina Wagner – Das fünfte Opfer

Bettina Wagner, Jahrgang 1960, stammt aus Österreich. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Wien lebt und arbeitet sie nun wieder in ihrem Heimatort Frankenburg am Hausruck, in der Nähe des Salzkammerguts. Sie ist späte Mutter von zwei Kindern. Zu ihrem Haushalt zählen neben ihrem Ehemann auch ein Meerschweinchen und zwei Ziehkatzen. Am liebsten entspannt Bettina Wagner bei Musik, die sie gerne auch selbst auf der Gitarre spielt, oder bei alten Hollywoodfilmen wie Casablanca oder Sein oder Nichtsein.

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