Rosenliebe und gefährliches Risotto – 12 Geschichten & Rezepte

Pascale Graff – Dornröschens kleine Schwester

„Die mit dem mittelhohen Absatz machen ein schöneres Bein!“ Überrascht wende ich mich der Stimme zu, die mich aus meinem Dilemma reißt. So ziemlich das Gegenteil von mir steht seitlich am Schuhregal und mustert unverhohlen meine Füße und was da so abläuft. Sie ist attraktiv, sehr attraktiv, wie ich neidlos anerkennen muss. Vielleicht um die Vierzig, lange schwarze Haare, glänzend und sorgfältig frisiert, die Haut leicht gebräunt, strahlen ihre Augen hellblau. Erinnern mich ein bisschen an Eisblumen vor himmelblauem Fenster. Mein Blick wandert weiter an ihr herunter. Der hellbraune Mantel ist, wie ihre ganze Erscheinung, edel und wahrscheinlich sehr teuer. Ihre Füße stecken in High-Heels, deren Farbton exakt zum Mantel passen, eine goldene Spange ziert deren Absätze. Raffiniert. Eingeschüchtert konzentriere ich mich wieder auf meine Schuhanprobe. Es ist wichtig, es geht um alles. Unsere Betriebs-Weihnachtsfeier steht an. Wir gehen in einen Club. Dort kann man nach dem Essen auch tanzen. Club, Lounge, schick, smart: Begriffe, die in meinem Universum ehrlicherweise wenig zu suchen haben. Darf man mit 30 Jahren Rosamunde Pilcher-Fan sein und erst zwei Freunde gehabt haben? Darf man Disco schon immer doof gefunden haben und sein Heil in endlosen Fernsehserien finden? Das ist, meinen Freundinnen zufolge, hoffnungslos, laut meiner Mutter die einzige Möglichkeit, nicht in die Hölle zu kommen. Nachdem sie eine ziemlich wilde Zeit hinter sich hatte und mich quasi als Abschiedsgeschenk bekam, subsumierte sie Männer und Vergnügungen unter “Laster“ und wandte sich fortan der Religion zu. Nicht so schlimm wie in “Carrie“, aber trotzdem nervend. Vielleicht wollte sie mich abhalten, ihre Fehler zu wiederholen. Aber immerhin hatte meine Mutter irgendwann einmal etwas erlebt, während ich ohne Umweg direkt zu einem Mauerblümchen geworden war, das sich heimlich danach sehnte, eine geheimnisvolle Rose zu sein. Wenigstens einmal so richtig blühen und bewundert werden, mit allem Drum und Dran. Vorzugsweise von und mit Gregor, dem smarten Controller vom zwölften Stock.

Allein der Gedanke an ihn lässt mich erröten. „Entschuldigung, wir schließen in zehn Minuten!“, spricht mich eine Verkäuferin an. Entsetzt greife ich nach dem nächsten Paar Schuhe. Sie warten im Kreise ihrer Mitbewerber auf den Einsatz. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, sonst wird nichts aus meinen rosigen Wünschen, die Feier ist morgen Abend. Ein Kleid, ein „Kleines Schwarzes“ in Größe 40, besitze ich bereits seit drei Wochen. Also Konzentration! Links: schwarz, vorne rund mit kleinem Blockabsatz. Bequem, gutes Preis-Leistungsverhältnis aber bisschen Omi. Rechts: schwarz, spitz mit kleinem Pfennigabsatz. Unsicheres Gefühl, wie ein Elefant auf Ministelzen. „Probieren Sie diese!“, spricht mich die schicke Unbekannte erneut an und reicht mir einen Karton. Die Art, wie sie es sagt, lässt mich die Schuhschachtel ohne Widerspruch entgegennehmen und öffnen. Schwarz, schmal geschnitten, hohe lederbezogene Absätze, so gar nicht Pilcher, so gar nicht ich, so ziemlich sexy. Die kann ich unmöglich anziehen! Nur wie den Karton loswerden – unter Dauerbeobachtung und ohne unhöflich zu sein? Zeitnot drückt auf meine Urteilskraft. Bringe es hinter mich, probiere einen Schuh, finde mich in wackliger Situation. Weder Komfortschuh noch Anti-Schock, aber ein schneller Blick in den Spiegel bietet zugegebenermaßen einen interessanten Anblick. Mein Bein sieht nicht mehr nach meinem Bein aus. Transformation. Nun müsste nur noch mein restliches Ich dazu passen. Vielleicht mit dem schwarzen Kleid? „Was würde Gregor denken?“, rauscht es durch meinen Kopf.

„Passt er?“, fragt meine Ratgeberin. Schüchtern murmele ich etwas vor mich hin, gehe ein paar Schritte auf und ab. „Passt er?“, erkundigt sie sich erneut und ich fühle mich wie Cinderella auf der Anprobe ihrer gläsernen Schuhe, vor dem großen Schlossball, auf dem sie ihren Gregor, äh, Prinzen treffen soll. Statt einer Antwort knicke ich prompt um. „Hm, die anderen waren bequemer!“, urteile ich ehrlich. „Sie sind auch ziemlich eng vorne!“ Sie kommt zwei Schritte auf mich zu. Ihrem Gang haftet etwas Katzen-, ja sogar Tigerartiges an.

„Das ist reine Übungssache!“, verspricht sie. „Außerdem lässt man sich doch nicht von etwas Zwicken abhalten. Jedes Gramm Schmerz wird durch das schöne Bild süß aufgewogen, oder?“ Ich verdaue ihre bildhafte Aussage. Gefühle in Gramm ausdrücken? 134 Pfund Unglück oder eine Tonne Verzagtheit? Hin- und hergerissen schaue ich von meinen Spiegelbeinen, zu meinen Füßen und wieder hoch in mein ungeschminktes Gesicht. Ich denke an Gregor und tausend Kilo Schmetterlingskribbeln vernebeln mir den Kopf und lösen meine Zunge: „Eigentlich habe ich morgen eine Verabredung, dafür wären diese Schuhe eigentlich … wahrscheinlich … genau richtig“, stottere ich verlegen. „Eine romantische Verabredung?“, erkundigt sie sich. Ich nicke. „Ja, aber dann müssen Sie diese Schuhe auf jeden Fall nehmen. Sie stehen Ihnen hervorragend!“ Jetzt brenne ich lichterloh. Komplimente bekomme ich selten. Nicht dass ich so hässlich wäre, eher auf farblose Art unsichtbar, nehme ich an. „Wenn die Füße schmerzen, dann denken Sie einfach an das Märchen von der kleinen Meerjungfrau. Kennen Sie es? Sie hatte ihr sicheres Meer verlassen, war an Land gegangen für ihren Prinzen, auch wenn jeder Schritt sie so geschmerzt hatte, als würde sie über Rasierklingen laufen. Sie ertrug es aus Liebe.“

„Wir schließen jetzt“, unterbricht die Verkäuferin unsere kleine Märchenstunde, was mich zu hektischer Betriebsamkeit antreibt. „Ich nehme sie“, erkläre ich, woraufhin die blonde Verkäuferin mir den Karton fast aus der Hand reißt und in Richtung Kasse abdampft. Um Höflichkeit bemüht drehe ich mich zu meiner Beraterin um: „Danke!“

„Gern geschehen, und viel Spaß damit!“, wünscht sie mir, vertieft sich in die Auslage des Regals und mustert prüfend ein paar Schuhe, als hätte sie noch alle Zeit der Welt. Ich eile davon und vor mir stehen sogar noch zwei späte Kundinnen an der Kasse. Aufgeregt warte ich und meine Gedanken schweifen ab. Noch einmal schlafen! Heute Abend werde ich mir eine Creme-Maske aus Honig-Sahne machen. Mein Magen knurrt vernehmlich und ich erwäge mir einen Hamburger zu holen, doch mein neues schwarzes Kleid, dessen Reißverschluss ohnehin schon bedenklich eng sitzt, sendet mir telepathische Knäckebrot-Signale. „Das macht neunundachtzig Euro zwanzig!“, verkündet die Kassiererin. Ich friemle meine Geldbörse aus der Tasche. „Moment …“ Mit fahrigen Bewegungen suche ich nach den passenden Scheinen, doch es werden leider nicht mehr. „Ich … ich habe nur sechzig Euro“, stelle ich kleinlaut fest und wünsche mir, im Erdboden zu versinken. „Sollen wir Ihnen die Schuhe bis morgen zurücklegen?“, bietet die Kassiererin an, nachdem sie genervt mit ihren Augen gerollt hat. Meine Vorfreude löst sich auf wie Kakaopulver in heißer Milch. Ich brauche sie jetzt, sofort, morgen habe ich keine Zeit sie abzuholen. Resigniert schüttle ich den Kopf und stecke meine Geldbörse weg.

„Ich lege das Geld vor.“ Überrascht schaue ich auf und blicke in eisblaue Augen. Die Kassiererin fragt neugierig und feierabendungeduldig: „Also was denn jetzt?“ Entschieden zückt meine persönliche Märchenfee eine goldene Kreditkarte aus ihrem schwarzen teuren Designer Portemonnaie. Entsetzt wehre ich ab. „Das, das geht doch nicht!“. Mit einer Handbewegung wischt sie meinen Einspruch weg. Fasziniert haftet mein Blick an ihren knallroten Nägeln.

„Keine große Sache, Sie können mir das Geld am Samstagnachmittag vorbeibringen und mir erzählen, wie Ihr Date gelaufen ist.“ Sie zwinkert mir zu. Ich atme ihren Duft ein: Süß, schwer, Vanille. Die Sorte Parfüm, die man wiedererkennt. „Sündig“, würde meine Mutter sagen. Ich nenne es „aufregend“ und wünschte, ich hätte einen solchen Duft, nach dem sich Gregor bestimmt umdrehen würde. „Hier ist meine Karte. Bis Samstag dann, so gegen 14 Uhr?“ Ihr Ton klingt eher bestimmt als fragend.

„Ja, ja natürlich“, stottere ich überrumpelt und stecke ihre Visiten-Karte in meine Manteltasche. Dann halte ich auch schon meine Einkaufstüte in der Hand. „Wollen Sie nicht irgendeine Sicherheit?“, siegen meine Manieren und mein schlechtes Gewissen über meine Schüchternheit. Sie winkt erneut ab, hebt den Arm mit der Grazie einer indonesischen Tempeltänzerin.

„Was sie wohl beruflich macht?“, frage ich mich.

„Und diese hier sind für Sie?!“, will jemand wissen. Meine Schuhkreditgeberin nickt. „Sehr ausgefallen!“, urteilt die junge Einpackhilfe und ich verstehe sofort, was sie meint. Schwarzes Lackleder, unendlich hoch mit Plateau und silbernen Nieten an Ferse und Absatz. „Achtung, damit können Sie ganz schöne Tritte verteilen!“, scherzt eine Dame neben uns. Ich lache verlegen mit. Meine Gönnerin zückt erneut ihre Kreditkarte und begnügt sich mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Also bis Samstag!“, wiederholt sie zum Abschied und nun haste ich los. Die Luft ist kalt, mein Herz warm, Gedanken machen sich auf Entdeckungsreise, was morgen Abend geschehen könnte. Zu Hause, später, im Pyjama, mit einer pflegenden Gesichtsmaske auf der Haut, fische ich die Visitenkarte hervor und halte sie in den trüben Lichtpegel meiner Nachttischlampe: Vera Douleur, Merzigweg 12, lese ich laut vor. Klingt französisch, wie man es wohl ausspricht? Egal. Ich wünschte, ich wäre ein bisschen so wie diese Wahnsinns-Frau. Ach Gregor! Seufzend drehe ich mich auf den Rücken. Ich träume, er stünde vor mir, und fordert mich zum Tanzen auf. Vielleicht morgen Abend? Meine Lippen schmecken süß nach Honig. Einen Augenblick ist mir, als läge der verführerische Duft von Vanille in der Luft. Fast schon am Einschlafen stelle mir vor, Veras selbstsichere Ausstrahlung überzuziehen, so einfach wie das Paar neuer Schuhe, das neben dem Spiegel steht. Ich hoffe, sie gefallen Gregor – und ich hoffe, ich gefalle ihm. Mein Körper sehnt sich so sehr nach seiner Berührung. Sachte streicht meine Hand über den Bund meiner Pyjamahose. Die sinnliche Stimmung verfliegt. Ich muss unbedingt mein Ganz-Körper-Form-Mieder anziehen. Stöhnend raffe ich mich auf und wasche mir im Bad die Maske vom Gesicht. Meine Haut fühlt sich schön zart an, aber dasselbe langweilige Gesicht blickt mir entgegen. Wie diese Vera wohl ungeschminkt aussieht? Es hat sich gut angefühlt, als sie mir sagte, ich hätte schöne Beine, beziehungsweise, dass die Schuhe schöne Beine machen. Oder wie sie von der kleinen Meerjungfrau erzählt hat. Ich liebe Märchen! Entschlossen zwänge ich mich in den Elastikschlauch, der laut Hersteller garantiert im Schlaf dauerhaft den Bauchumfang reduziert. Dann lege ich mich hin und versuche flach zu atmen. Ganz schön eng, das Ding. Wenn es bis zu den Füßen reichen würde, könnte ich Meerjungfrau spielen. Vielleicht nicht die kleine, aber die vollschlanke Meerjungfrau. Ich will seufzen, aber die Luft reicht nicht. So kann ich doch nicht schlafen! Eine kleine Stimme flüstert mir ins Ohr: Meerjungfrauen jammern nicht und sie brauchen keine Luft zum Atmen. Um mich abzulenken, denke ich an morgen Abend. Da soll es geschehen. Georg und ich. Unser Anfang, dem ein Zauber innewohnt. Der Zauber meiner neuen Schuhe …

Katrin Jacob – Die Titelstory

„Das ist es. Das ist es! Das ist meine Fahrkarte in die Oberliga!“

Simon rieb sich still die Hände. Diesmal würde ihm sein Chefredakteur die Titelseite geben müssen.

Keine faulen Ausreden mehr: Er wäre zu jung. Die Geschichte gäbe nicht genug her, wäre nicht ausreichend recherchiert oder seine Quellen nicht ausgewogen.

Diesmal war er selbst die Quelle. Seine Augen, seine Ohren und seine Nase. Ja, er hatte ein Näschen für aufregende Storys.

Dass kein anderer als er selbst davon überzeugt war, focht ihn nicht an. Alle Genies wurden am Anfang verkannt, das wusste Simon.

„Diese Geschichte macht mich zum Star. Ein Star, dem dieses dämliche Käseblatt nichts mehr zu bieten hat. Gott, verdammt …“ Simons linkes Bein war eingeschlafen und die Kälte kroch ihm in die Knochen.

Er hockte hinter einem Grabstein mit riesigen Ausmaßen, fast so groß wie ein Garagentor. Laut der Inschrift lagen unter Simons Füßen fünf Generationen der Familie Schiffbauer. Was witzig war, denn das Nest, in dem Simon arbeitete und dahinvegetierte, war weiter von einem Meer oder Fluss entfernt als der Mond von der Sonne.

Er hörte totes Laub rascheln, gefolgt vom Krachen der dünnen Eisschicht, die eine Pfütze drei Grabsteine weiter bedeckte.

Da war sie!

Endlich.

Simon legte an und schoss.

Sie spürte das Eis unter ihrem Stiefel brechen. Für einen Sekundenbruchteil verlor sie das Gleichgewicht und rutschte mit ihrem rechten Bein weg.

„Huch!“, rief Oline, riss ihre Arme abrupt hoch und stand wieder fest auf ihren Beinen.

„Du solltest besser aufpassen, wo du hintrittst“, mahnte sie sich und setzte ihren Weg zum kleinen Feld fort.

Oline schritt vorbei an monströsen Grabsteinen, die mit üppigen Blumenornamenten und Dekoren übersät waren. Vorbei an kleinen Mausoleen, die von steinernen Vasen und puttigen Engeln umgeben waren. Manche Gräber wurden von riesigen Statuen bewacht, die aus der Ferne wie dämonische Greifvögel wirkten, sich beim Näherkommen aber in marmorne Engel verwandelten.

Oline erschreckte sich nicht mehr vor ihnen. Die meisten dieser pompösen Ruhestätten standen seit mehr als einem Jahrhundert hier und würden wohl noch länger überdauern. Am Haupteingang eines Friedhofs platziert, stülpten sie dem Besucher sofort ein Tuch aus Ehrfurcht, Ergebenheit und Liebe über. Einer Art von Liebe, die aus Erinnerungen und Lachen gespeist wurde.

Je weiter Oline in den Friedhof hinein lief, desto einfacher wurden die Gräber. Noch immer hatte sie die Mauer, die das Grundstück umgab,nicht erreicht. Aber sie war schon nah dran.

Oline setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Hier, am Ende des Hauptweges, wurde im Winter nur schlecht geräumt. Hier, am Ende des Hauptweges, lagen Menschen begraben, deren Angehörige nur ein Standardbegräbnis bezahlen konnten oder wollten.

Und es gab Menschen, die noch weniger hatten. Menschen, die am Ende ihres Lebens nichts mehr besaßen. Nicht einmal mehr Angehörige, die sich um die letzte Ruhe des Menschen kümmerten. Diese Fälle, diese Menschen oder besser: deren Akten, landeten auf Olines Schreibtisch.

„Na mach schon“, feuerte Simon die alte Frau an, die wie in Zeitlupe zu den anonymen Gräbern schlich. Er legte an und schoss erneut.

Klack, klack, klack, klack, klack, klack.

Der Motor seiner hochmodernen Canon EOS 1D Mark III ratterte wie ein Kalaschnikow-Maschinengewehr. Die rund tausend Euro teure digitale Kamera wurde vor allem von Sportfotografen geschätzt, weil sie bei Serienaufnahmen doppelt so schnell wie eine normale Fotokamera aufnahm. 96 Prozent der Fotos würde Simon löschen. Aber für die Story bräuchte er nur eins. Ein ganz bestimmtes. Lange würde er nicht mehr warten müssen.

Simon wartete auf den Moment, in dem die Frau die einzelne schwarze Rose auf dem kleinen, frisch ausgehobenen Quadrat ablegte. Das Foto wäre das letzte Stück in seinem Puzzle an Beweisen. Und es würde seinen Recherchen die Krone aufsetzten.

Recherchen, die durch einen Zufall begonnen hatten.

Oline hatte ihr Ziel fast erreicht, als ihr ein eisiger Windstoß ins Gesicht blies. Ein kalter Schauer glitt ihr über den Rücken. Sie stellte ihre kantige Tasche auf einer Bank ab und zog das wollene Tuch enger um ihre Schultern. Sie lauschte in den Friedhof hinein. Ihr war, als hätte sie ein Geräusch gehört, das man hier nie hörte. Ein Ton, als schlügen rennende High Heels mit Metallabsätzen auf Marmorplatten.

Oline streckte den Rücken durch und atmetet die kalte frische Luft in ihre verstaubten Lungen. Sie kam nur selten aus ihrem Büro nach draußen. Auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hielt, dass Beamte einen Nine-to-Five-Job hätten, so traf das auf sie nicht zu. Nach ihrer Ausbildung hatte sie direkt bei der Stadt eine Anstellung gefunden. Erst als Sekretärin und später dann als Assistentin. Oline wollte nie „hoch hinaus“. Die Arbeit mit den Akten und Papieren machte ihr Spaß. Mit Menschen direkt konnte sie nicht besonders gut. Eines Tages wurde eine Stelle in einer besonderen Abteilung frei, in der Oline keinerlei zwischenmenschlichen Kontakt haben musste. Hier liefen alle Akten von Menschen ein, die allein, ohne Angehörige und ohne ein Erbe zu hinterlassen, gestorben waren. Oline sorgte dafür, dass diese Menschen beerdigt wurden, denn in Deutschland gab es das Gesetzt zur Bestattungspflicht. Und dieser musste in solchen Fällen der amtlich genannte Träger der Sozialhilfe nachkommen. Oline recherchierte im Leben der Verstorbenen. Sie war gezwungen, jeden noch so kleinen Stein umzudrehen, damit sich darunter nicht vielleicht doch ein Angehöriger mindestens dritten Grades verbarg, den die Stadt zur Kasse bitten konnte. Ab und an war das wirklich der Fall. Oder Oline fand im Nachlass des Verstorbenen Gegenstände von Wert, deren Verkauf die Kosten der Bestattung ausglich. Ansonsten kam der Steuerzahler dafür auf. Und da das Stadtsäckel chronisch klamm war, reichte es nur für eine schmale Urne, die in einem kleinen Quadrat unter einer anonymen Wiesenfläche auf einem Friedhof versenkt wurde. Am Wegrand wies lediglich ein messingfarbenes Schild darauf hin, in welchem Jahr hier jemand beerdigt worden war. Der einzige Mensch, der wusste, wo all diese Menschen begraben waren, war Oline.

„Was ist los?“, wunderte sich Simon. „Warum bleibt sie stehen?“ Hatte er sich verraten? Langsam senkte Simon die Kamera und zog sich hinter den Rücken der Dynastie der Schiffbauers zurück.

Vor drei Monaten war sein Chef auf Idee gekommen, Simon könne eine Reportage über die Friedhöfe der Stadt schreiben. Auf Vorrat. Falls eine andere Story mal nicht rechtzeitig fertig würde, dann konnte man die Geschichte als Lückenfüller nehmen.

Simon saß zwei Stunden vor dem Computer und schrieb alle Informationen zusammen, die er auf Wikipedia und anderen Quellen im Internet fand. Dann war der Artikel fertig.

Sein Chef schlug ihm die Zeilen um die Ohren. Wortwörtlich. Das wäre das Niveau eines Praktikanten, meinte er. Simon solle gefälligst vor Ort recherchieren, Leute befragen, „Lokalkolorit“ einfangen.

Pah! Lokalkolorit, was für ein Schwachsinn! Wer brauchte denn so etwas. “Absolute Zeitverschwendung”, hatte Simon geschimpft, sich aber trotzdem auf den Weg gemacht.

Und dann war er ihr begegnet.

Auf jedem Friedhof hatte er die alte Frau gesehen. Bei sechs Aussegnungen, an denen Simon teilgenommen hatte, war sie dort. Allein. Sie hatte die Urne auf ihrem Weg zur Grabstelle begleitet. Allein. Wenn man die Friedhofswärter und den Priester nicht mitzählte.

Simon begann die Friedhofsfrau zu verfolgen. Mit der Zeit wurde ihm immer klarer, was diese Frau war. Jetzt fehlte nur noch das ultimative Bild für den Aufmacher. Ein Bild, so ausgefallen, dass die Leser die Kioske leerkaufen würden. Das Foto, das quasi das Bild vervollständigte.

Das Titelbild für die Titelgeschichte über eine Serienmörderin.


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Rosenliebe und gefährliches Risotto

Die Autorinnen Paula Carlsson, Sigrun Dahmer, Anke Gasch, Ina Glückauf, Pascale Graff, Thea Haanen, Nadin Hardwiger, Katrin Jacob, Susanne Keil, Britta Meyer und Bettina Wagner schildern die Glückssuche im Alltag und in den Alpen.

Zwölf Geschichten, zauberhaft garniert von romantischen Risotto-Rezepten, Rosen-Trüffeln und Veilchenmuffins – mit einem Schuss Kornblumenlikör und einer Prise ‚So isses’. Lies los und lies dich glücklich!

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